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KLAPPENTEXT Fürst Stenvulfs Verrat erschüttert das jahrhundertealte Bündnis zwischen dem Cheruskerland und der Mark. Doch der Herrscher der Cherusker hat nicht nur seine Verbündeten hintergangen, sondern ganz persönlich auch seinen Freund Irdarian. Nachdem bei diesem die erste Wut abgekühlt ist, möchte er beginnen, die neue Zukunft der Mark zu gestalten. Allerdings kommen lautstarke Stimmen auf, die einen militärischen Vernichtungsschlag gegen Stenvulf und die verräterischen Cherusker fordern. Irdarian findet sich in einem Dilemma wieder: Ist ihm Friede so wichtig, dass er dafür den Willen seines Volkes ignoriert? ÜBER DIE BUCHREIHE DIE CHRONIK VON STAHL UND FEDER - Eine raue Fantasy-Buchreihe voller Kriege, Intrigen, Verrat und dem Streben nach Macht. Wer sich stark genug fühlt, ruft die Götter an, dass sie ihm helfen, aber wer nur an die Mächte des Lichts glaubt, wird sich noch fürchten lernen ...
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Die Chronik von
Stahl und Feder
Der Preis der Freiheit
Peter Segmüller
Dieser Text und die Welt von DIE CHRONIK VON STAHL UND FEDER
stehen unter dem Copyright (c) der Autoren
TÄDEUS M. FIVAZ & PETER SEGMÜLLER
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 978-3-907141-39-7
Lektoriert und korrigiert von:
Lektorat Rohlmann & Engels
https://www.lektorat-rohlmann-engels.com/
Illustration von:
Petra Rudolf
dracoliche.de
News und weitere Infos auf der offiziellen Website:
stahl-und-feder.ch
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 27
„Ich bin hier, weil ich die Cherusker leiden sehen will.“
Kapitel 28
„Ihr seid keine Jungen mehr, sondern die Regenten eurer Länder.“
Kapitel 29
„Ich verspreche dir, dass du bald nie wieder hungern wirst.“
Kapitel 30
„Diskutiere nicht mit jenen, die keine Argumente hören wollen.“
Kapitel 31
„Wie kommt es, dass wir uns für Lust und Ekstase schämen,
aber ungehemmt über Schmerz und Mord reden?“
Kapitel 32
„Böse Worte ermutigen zu bösen Taten.“
Kapitel 33
„Wo es viel zu gewinnen gibt, zeigt sich die Gier am deutlichsten.“
Kapitel 34
„Ich bestrafe niemals den Boten.“
Kapitel 35
„Gerüchte sind leider schneller in die Welt gesetzt als die Wahrheit.“
Kapitel 36
„Macht zu besitzen, bedeutet aber nicht immer,
sie durchsetzen zu müssen.“
Glossar
Nachwort
Dank
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Bisher erschienen
Kapitel 27
„Ich bin hier, weil ich die Cherusker leiden sehen will.“
„Er ist von der Brücke gesprungen!“, rief jemand. Die Stimme hallte über die gesamte Esplanade bis hinauf zur Terrasse. „Da war ein Boot! Stenvulf entkommt in einem Boot!“
Er wird unter dem Palast hindurch ins Meer fahren und dann nach Norden. Der Gedanke fühlte sich so unwirklich an, als würde Irdarian etwas durch dick gefütterte Handschuhe greifen.
„Können wir Stenvulf zu Pferd verfolgen?“ Die Frage stellte er Seraphén, obwohl ihm das Denken schwerfiel.
„Es würde uns nichts helfen. Er wird nur gegen seinen Willen nach Arkhelsk zurückkehren.“
„Dann müssen wir ihn zwingen.“
„Nun …“ Seraphén stockte. „Angesichts der Umstände halte ich das für ausgeschlossen.“
„Wir müssen also warten, bis er von allein zurückkehrt“, murmelte Irdarian. Mit bestem Willen verstand er Stenvulf nicht. Anscheinend wollte sein Freund etwas bezwecken, aber mit dieser Tat war er eindeutig zu weit gegangen. Die Inthronisierung benutzte man nicht, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie gehörte dem Königreich Opalindon!
„Was ist jetzt?“, ließ sich Par‘Roqas vernehmen. „Führen wir die Inthronisierung durch! Na los!“
Die trübe Scheibe, durch die Irdarian die Welt seit dem Fall der Krone wahrgenommen hatte, klärte sich, die Bilder vor seinen Augen wurden schärfer. Selbst jetzt sieht dieser Kerl nur seinen Gewinn, dachte er voller Verachtung.
Irdarian wandte sich dem versammelten Volk auf der Esplanade zu. „Die Inthronisierung ist vertagt.“ Seine Stimme hörte sich dumpf und entfernt an, als würde er nicht selbst sprechen, sondern jemanden in einem Nebenzimmer belauschen. „Ich bitte euch alle, nach Hause zu gehen und abzuwarten, bis Stenvulf zurückgekehrt ist. Ich verspreche euch, dass ich dieses seltsame Theater nicht dulden werde und Stenvulf dafür zur Rechenschaft ziehe.“ Nach seinen Worten drehte er sich zum Orchester um und gab mit einem Wink zu verstehen, dass seine Aufforderung auch für die Musiker galt.
Anfänglich zögerten die Leute, doch allmählich wandten sie sich um und die ersten verließen die Esplanade. Irdarian hörte aufgeregtes Murmeln, aber niemand wagte, die Stimme zu erheben.
Par‘Roqas stand aus seiner knienden Haltung auf. „Wann kriege ich meine Inthronisierung?“
„Meine Aufforderung gilt auch für Euch. Kehrt in die Residenz zurück.“ Irdarian schenkte ihm seine Aufmerksamkeit nur am Rande. Hauptsächlich galt sie den Walküren in ihren grünlichen Rüstungen. Noch immer sahen sie sich von den Paladinen eingekesselt. Eine neuerliche Welle von Fassungslosigkeit brach über Irdarian herein.
„Was soll mit ihnen geschehen?“, fragte Seraphén, die anscheinend seinem Blick gefolgt war.
„Kommt mit“, forderte er sie auf.
Auf dem Weg hinüber zu den Walküren hielt er nach Jenena und Laveira Ausschau. Im Trubel auf der Esplanade konnte er sie nicht ausmachen.
Er erreichte die Wand aus Paladinen. „Lasst mich durch!“
Ihm wurde Platz gemacht, wenn auch nur wenig. Fünf Schritte von sich entfernt entdeckte er Shanja. Obwohl sie wie alle anderen einen Helm trug, war ihre stramme Körperhaltung unverwechselbar. Einen Moment später trat er vor sie und schaute in diese kalten, tiefblauen Augen.
„Ich fordere Euch zur Zusammenarbeit auf, bis sich Stenvulfs makabrer Scherz auflöst.“
Zurechtgelegt hatte er sich die Worte nicht. Es kam ihm vor, dass sein Instinkt handelte, derweil seine Gedanken noch damit beschäftigt waren, das Geschehene zu begreifen.
„Wenn niemand das Schwert gegen uns oder andere Cherusker erhebt, werden wir uns friedlich verhalten“, versicherte Shanja. „Wir behalten aber unsere Speere.“
Irdarian hatte mehr Widerstand erwartet. „Ich baue auf Euer Wort. Mir nach! Ich werde Euch in die Kaserne bringen. Paladine, ihr begleitet uns.“
Mit Seraphén an der Spitze schritt er die Treppe hinunter zur Esplanade. Der Eindruck, die Umgebung dumpf und trübe wahrzunehmen, verstärkte sich mit jeder Stufe.
Auf der Esplanade hielten sich noch immer eine Menge Leute auf. Eilig machten sie Platz. Ihr Murmeln hielt jedoch an und diesmal verstand Irdarian einige Worte.
„Was hat sich Stenvulf nur gedacht?“ – „Irdarian muss den Fürsten zurückholen!“ – „Ist das Cheruskerland jetzt wirklich unabhängig, kann das sein?“
Wie kommen sie auf die Unabhängigkeit? Sehen sie nicht, dass Stenvulf bloß ein Theater abhält, das sich in den nächsten Tagen auflösen wird?
Ihm wurde Feuerglut gebracht. Irdarian hatte anderes im Kopf gehabt, als nach einem Pferd schicken zu lassen, die Aufmerksamkeit seiner Diener nahm er aber gerne an. Nur verwunderte es ihn ein wenig, dass ihm ausgerechnet das Schlachtross gebracht wurde.
Instinktiv stieg er auf Feuergluts Rücken und machte sich ohne Umschweife auf. Die Straße führte sie vorbei an der cheruskischen Residenz, danach bogen sie nach Osten ab, wo die Kaserne lag. Der Weg ließ ihn an die Parade anlässlich der Jubiläumsfeier denken. Heute jubelte ihnen aber niemand zu, und die Häuser waren nur vereinzelt mit Girlanden und Blumen geschmückt. Abseits der Esplanade und dem Gemurmel der Leute erdrückte die Stille der Stadt Irdarian beinahe.
Er versuchte, seine Ohnmacht durch ein paar besonnene Gedanken zu durchbrechen. Wie sich die Sache wohl aufklären wird? Welche neue Forderung Stenvulf durchbringen will? Irdarian würde ihm deutlich machen, dass eine solche Vorgehensweise unlauter war. Falls das Gespräch heute noch stattfände, könnte Irdarian möglicherweise nicht verhindern, dass er seinem Freund gegenüber ausfällig wurde. Stenvulf hat eindeutig eine Grenze überschritten. Was hat er sich nur dabei gedacht?
Er ließ sich zurückfallen, um mit Shanja zu sprechen. Er fühlte sich seltsam, weil er zu Ross war, während Paladine und Walküren zu Fuß gingen. „Ihr wisst bestimmt über Stenvulfs Pläne Bescheid. Verratet mir, was er im Sinn hat.“
„Ihr wisst nichts“, sagte sie arrogant.
„Deshalb frage ich.“
„Ihr werdet sehen.“ Daraufhin folgte ein Schweigen, das Irdarian deutlich machte, dass er nichts aus ihr herausbekommen würde.
Die Kaserne, die weit im Osten der Stadt lag, kam in Sicht. Als der Trupp sie erreichte, bezog Irdarian auf Feuerglut Stellung neben dem Tor und ließ die Frauen des Nordens an sich vorüberziehen. Sobald die Letzte das Kasernengelände betreten hatte, suchte er noch einmal Shanja auf.
„Ich erwarte, dass sich die Walküren ruhig verhalten, bis ich ein klärendes Gespräch mit Stenvulf führen ko-.“
Entfernte Rufe unterbrachen ihn. Innert Augenblicken wurden es mehr und mehr. Schreie gesellten sich dazu. Eine Gruppe von Stadtwachen kam zur Kaserne geeilt.
Misstrauisch musterte Irdarian die Tarûna-Divala. Erkannte er so etwas wie ein schiefes Grinsen auf ihrem Gesicht?
Die Stadtwachen waren heran. „Eure Erzfürstliche Hoheit, wir bitten Euch, mit uns auf die nördliche Mauer zu kommen. Es scheint, dass …“ Unglauben schwang in seinen Worten mit. „D-Dass sich der Stadt eine Armee nähert. Vorsorglich haben wir sämtliche Tore geschlossen.“
Irdarian hegte starke Zweifel, dass der Mann die Wahrheit sprach. Wer würde Arkhelsk angreifen? Nord-Nicwarega war unter den Nachbarländern Opalindons der einzige offene Feind, lag aber weit entfernt.
„Seht es Euch bitte an.“
„Ich komme mit Euch“, sagte Seraphén, „lasst mich rasch einige Pferde satteln.“
Die Wartezeit nutzte Irdarian, um sich noch einmal Shanja zuzuwenden. „Verhaltet Euch ruhig!“, forderte er sie vom Rücken seines Pferds auf.
Ihre Bestätigung zeigte sich in Form eines knappen Nickens.
Daraufhin führte er Feuerglut aus dem Tor. Es dauerte nicht mehr lange, bis Seraphén und ein Dutzend weitere Paladine die Pferde besorgt hatten. Er gab Feuerglut die Sporen, überquerte im Galopp die Majestätsbrücke und stürmte bei Perdruns Tor auf die Mauer.
Dort herrschte Gedränge und Gemurmel. Jenena, Laveira, die Kanzellare, Par’Roqas, Avenar und Dutzende weitere Schaulustige hatten sich eingefunden. Sämtliche Blicke waren nach Norden gerichtet. Irdarian tat es ihnen nach.
Was er zuvor noch angezweifelt hatte, bewahrheitete sich nun. In Sichtweite zur Mauer hatte sich eine beachtliche Armee aufgestellt. Irdarian konnte nicht genau abschätzen, wie groß sie war, aber sie musste einige Tausend Bewaffnete umfassen.
Ein einzelner Reiter löste sich von der Armee und hielt im Galopp auf Arkhelsk zu. Er trug die Flagge mit den zwei nebeneinanderliegenden Schwertern. Üblicherweise das Zeichen, dass er in Frieden kam, aber die Armee in seinem Rücken strafte ihn Lügen.
„Sind das etwa Cherusker?“, fragte jemand in Irdarians Nähe.
„Ich erkenne zahlreiche cheruskische Banner“, antwortete Seraphén.
Irdarian begriff nichts mehr. „Was geht bloß in Stenvulf vor?“
Der Bote erreichte inzwischen das Tor. „Ist die Erzfürstlichen Hoheit Irdarian zu sprechen? Ich überbringe eine Botschaft von Stenvulf, Fürst der freien Cherusker.“
Fürst der freien Cherusker? Was ist das für ein Titel? Von den vielen Fragen wurde Irdarian schwindlig und er musste sich mit einer Hand an der Mauer abstützen. „Bringt den Mann zu mir!“
Die Phalax führte den Boten zu ihm. Es handelte sich um einen schmächtigen Mann mit langen blonden Haaren.
„Wie lautet Eure Mitteilung?“, erkundigte sich Irdarian scharf.
Der Bote schaute sich kurz unter dem anwesenden Adel um. Statt eingeschüchtert zusammenzusinken, streckte er den Rücken durch und lächelte. „Stenvulf, Fürst der freien Cherusker, fordert die Märker auf, sämtliche Nordleute in Arkhelsk freizugeben und die Stadt anschließend zu verlassen. Jeder, der in der Stadt bleibt, wird getötet. Das Königreich ist nicht mehr.“
Das dumpfe Gefühl, das Irdarian die ganze Zeit begleitet hatte, wich nun völlig. Er begriff, was er zuvor schon hätte begreifen sollen: Stenvulf machte keinen Scherz. Er hatte das Cheruskerland freigesagt. Die Armee war gekommen, um Arkhelsk und damit Opalindon niederzureißen.
„Stenvulf, du hast mich hintergangen!“, rief Irdarian voller Wut und Enttäuschung über die Mauer in Richtung Norden. „Du hast deinem Freund ein Messer in den Rücken gestoßen! Du hast mich, die Mark und Opalindon auf niederträchtigste Art verraten!“ Irdarian wünschte sich in diesem Moment nichts so sehr, als dass er den Verrat schon auf der Terrasse begriffen hätte. Stenvulf wäre ihm nicht so leicht davongekommen.
Einst hat er mich einen Freund genannt, aber diese Zeit ist anscheinend längst vorüber.
Er richtete seinen Blick auf den Boten. „Wir sollen Arkhelsk diesem Verräter überlassen?“ Das Blut rauschte in seinen Ohren. „Diesen Triumph werde ich ihm verwehren! Opalindon ist nicht so leicht zu zerstören!“ Er ging einige Schritte auf der Stadtmauer auf und ab. Die Adeligen traten rasch zur Seite. „Die Stadtwachen sollen sich an der Mauer versammeln. Ich werde eine wichtige Ansprache an sie halten.“
Daraufhin wartete er ab. Abwechslungsweise beobachtete er die Armee im Norden der Stadt und die Straße hinter dem Tor, die sich langsam mit Bewaffneten füllte. Sie unterhielten sich rege miteinander, machten von Irdarians Stellung aus einen ebenso unsicheren Eindruck wie der Adel auf der Mauer.
Irdarian ging die Geduld aus. Er war sicher, dass seine Worte auch jene erreichen würden, die noch nicht anwesend waren. Er stellte sich an den Rand der Mauer und hob die Hände. Gerne hätte er Weiserin bei sich gehabt, um das Schwert in die Höhe zu recken. Auch so richtete sich die Aufmerksamkeit schlagartig auf ihn.
„Stenvulf hat jeden einzelnen von euch auf die widerwärtigste Weise hintergangen, die ihr euch vorstellen könnt! Damit meine ich ganz besonders auch die Cherusker. Stenvulf hat euch eurem Schicksal überlassen. Er hat in Kauf genommen, dass ich euch gefangen nehme, um ihn zu erpressen – oder euch aus Rache hinrichten lasse. Seid versichert: Zu solcherlei wird es nicht kommen! Ich erwarte aber, dass ihr im Namen Opalindons diese Stadt verteidigt. Ein Bruch, wie Stenvulf ihn herbeigeführt hat, dürfen ihm selbst die Cherusker nicht durchgehen lassen.“
Irdarian war außer Atem, denn er hatte laut und schnell gesprochen. Mehr als einige Atemzüge erlaubte er sich zur Erholung aber nicht.
„Allerdings werde ich niemanden dazu zwingen. Wer trotz des niederträchtigen Verrats zu Stenvulf halten will, dem sichere ich freies Geleit zu. Geht also, wenn es euch zu diesem Verräter hinzieht. Zuvor aber fordere ich eine Sache ein: Verkündet überall in der Stadt, dass sich die Bewohner dem Widerstand gegen Stenvulf anschließen sollen – oder Arkhelsk innert drei Glasumdrehungen verlassen haben müssen. In welche Himmelsrichtung können sie selbst entscheiden. Ich werde niemanden behelligen. Danach erwarte ich euch zurück an der Mauer.“
Im ersten Moment geschah nichts. Die Anwesenden schauten sich nur unentschlossen um. Einige Atemzüge später jedoch kam Bewegung in die Menge und die Stadtwachen machten sich zügigen Schritts davon.
Nun trat Irdarian an den Boten heran. „Überbringt Stenvulf folgende Botschaft: Wer sich nach drei Glasumdrehungen noch in der Stadt befindet, steht hinter Opalindon und betrachtet sein Vorgehen als Verrat. Wir werden das Königreich nicht kampflos aufgeben.“
Der Schmächtige blieb ungerührt. „Ihr könnt gegen Stenvulfs Armee nicht bestehen. Sie umfasst fünfundzwanzigtausend Männer und Frauen.“
„Wir werden sehen, ob sie gegen ihre eigenen Landsleute kämpfen wollen“, erwiderte Irdarian kalt.
„Eure Erzfürstliche Hoheit, es wäre besser, wenn …“
„Habe ich Euch zu meinem Berater ernannt?“, fragte Irdarian donnernd.
Der Bote machte einen erschrockenen Schritt zurück. „Dann … öffnet das Tor, damit die Leute Arkhelsk verlassen können.“
Irdarian stutzte. Hofft Stenvulf darauf, dass ich das Stadttor öffne?
„Pelona. Werft Stenvulfs Boten durch die Ausfallpforte aus der Stadt und überbringt den Befehl, sie für die Flüchtlinge offen zu halten. Das Tor selbst bleibt fest verschlossen. Das betrifft sämtliche Zugänge nördlich des Gandel.“
„Jawohl, meine Erzfürstliche Hoheit.“
Irdarian versuchte, im Gesicht des Boten zu erkennen, ob sich sein Verdacht bestätigte. Der schmächtige Kerl ließ sich jedoch nichts anmerken.
„Nun geht mir aus den Augen“, befahl Irdarian.
Der Bote hatte seine Verneigung noch nicht beendet, als Pelona ihn an der Schulter packte und mit sich zog.
„Euer entschlossenes Handeln gefällt mir!“, sagte Par’Roqas. „Lasst die Cherusker bluten!“
„Ja, das war wirklich sehr gut!“ Diese Stimme kannte Irdarian. Sie stammte von Markgraf Livyn aus dem Hause Milwar, seines Zeichens Sanvorins oberster Speichellecker.
„Hergehört!“, sagte Irdarian zu den versammelten Adeligen. Unter ihnen machte er auch Z’Vasarech aus, den märkischen Gesandten am Königshof. „Ich befehle, die Stadt zu verlassen! Das gilt für alle außer den Kanzellaren.“
„Aber wir wollen doch …“, setzte der willfährige Markgraf Livyn an.
„Was Ihr wollt, ist irrelevant. Ich bin Euer Erzfürst. Jeder hier hat meinen Befehl vernommen. Sollen die Paladine Euch wegschaffen?“
Aufgerissene Augen schauten ihm entgegen. Irdarian kam sich jedoch nicht unter Druck gesetzt vor, sondern bestätigt. Seine Lust auf Gaffer war kleiner als auf Schimmel im Essen.
„Ihr habt Eure Erzfürstliche Hoheit gehört“, sagte Avenar. „Gehen wir. Es ist zu unserem eigenen Schutz.“
Endlich setzten sich die Leute in Bewegung. Bald gehörte die Mauer Irdarian und den Verteidigern Arkhelsks. Neben den Kanzellaren blieben einzig Jenena und Laveira.
„Ihr solltet ebenfalls nicht länger hier sein“, sagte er besorgt.
„Ich will Cherusker sterben sehen“, erwiderte seine Kusine mit herablassendem Grinsen.
Irdarians Zorn bezog sich hauptsächlich auf Stenvulf, aber verübeln konnte er Laveira die Worte nicht.
„Was ist mit dir?“, fragte Jenena.
„Ich überlasse die Stadt nicht sich selbst.“
Er sah ihr an, dass sie zweifelte. Ihr Blick schweifte hinüber zur Armee, dann umarmte sie ihn.
„Ich wünsche mir, dass du mitkommst“, flüsterte sie. „Unser Kind soll mit seinem Vater aufwachsen.“
„Mach dir um mich keine Sorgen. Es ist ein Angriff auf eine Mauer, keine Feldschlacht, und ich habe die Paladine um mich.“
Jenena löste die Umarmung, schaute ihn mit sorgenvoller Miene an und begab sich die Treppe hinunter. Zurück blieb nur ein Hauch ihres Parfüms, das für den heutigen Tag kreiert worden war: Ode an Opalindon.
„Auch du solltest gehen“, sagte er zu Laveira.
„Wie gesagt: Ich möchte einige Cherusker sterben sehen.“
„Für jemanden, der nicht kämpfen kann, ist während einer Belagerung kein Platz auf den Mauern. Wenn du hier bleibst, bist du den Verteidigern im Weg.“
Sie seufzte. „Du wirst mir ganz genau berichten müssen, wie es war, die Cherusker für Stenvulfs Tat bluten zu lassen.“
Ihre Worte führten ihm die Ungerechtigkeit seiner Entscheidung vor Augen. Nicht Stenvulf würde bluten, sondern hauptsächlich seine Leute. Das brachte ihn aber nicht von dem Entscheid ab, Arkhelsk zu verteidigen. Die Kämpfer der Armee hätten sich gegen den Verrat wehren können.
„Versprochen. Nun geh, bitte.“
Auch Laveira umarmte ihn herzlich. „Gib auf dich acht. Ich möchte dich auf keinen Fall verlieren.“
Als auch sie die Treppe hinunterschritt, hielt Irdarian nach den Paladinen Ausschau. „Man bringe mir Rüstung und Schwert“, trug er dem Ersten auf.
Jemand berührte ihn am Ellbogen. Es war Seraphén. „Ich möchte einige vertrauliche Worte an Euch richten.“
Sie gingen ein paar Schritte auf der Mauer, dann begann die Phalax. „Ich rechne damit, dass sich etwa tausend waffenfähige Frauen und Männer Stenvulf entgegenstellen wollen. Er kommt mit einer fünfundzwanzigfachen Übermacht.“
„Aber wir begegnen ihm nicht im Feld. Der Angriff auf eine Mauer verändert die Kräfteverteilung.“
„Ich stimme Euch zu, dass wir auf der Mauer länger standhalten können. Trotzdem ist eine solche Übermacht erdrückend. Keine Stadtmauer gleicht das aus.“
„Ich vermute, dass die Armee einen längeren Marsch durch Wald und Schnee abseits von Straßen und Städten hinter sich hat. Wir Verteidiger hingegen sind ausgeruht.“
„So oder so werden Menschen sterben“, betonte Seraphén. „Viele Menschen. Tausende.“
Irdarian verlor die Geduld. „Wie lauten Eure Vorschläge, um die cheruskische Armee zu schwächen? Den Nachschub abschneiden, damit sie sich zurückziehen muss? Ihr Lager infiltrieren mit dem Ziel, Proviant zu vernichten?“ Irdarian blieb stehen und zeigte hinüber zur angriffsbereiten Armee. „Für kluge Pläne bleibt uns keine Zeit. In weniger als drei Glasumdrehungen werden sie stürmen.“
„Was gedenkt Ihr zu erreichen?“, fragte Seraphén sanft.
„Widerstand. Stenvulf soll merken, dass Verrat Folgen nach sich zieht.“
„Und welchen Gewinn zieht Ihr oder die Mark daraus?“
„Ich bewahre das Gesicht. Sowohl meines als auch das der Mark.“
„Doch zu welchem Preis? Einen weiteren Gewinn als die Ehre gibt es nicht. Arkhelsk hat für die Mark keinen Nutzen. Sie war die Hauptstadt des Königreichs, doch ohne Opalindon ist sie ohne Wert. Dafür wollt Ihr Tausende Tote in Kauf nehmen?“
„Eure Meinung bedeutet mir viel, aber in dieser Sache werde ich nicht nachgeben. Ich werde Arkhelsk Stenvulf nicht kampflos überlassen.“
Seraphén nickte ergeben. „Es stellt sich die Frage, was mit den Walküren geschehen soll.“
Irdarian hatte sie beinahe vergessen. Ihm kam ein gewagter Einfall. „Ich könnte sie gefangen nehmen und Stenvulf einen Tausch vorschlagen. Bedeutet ihm Arkhelsk so viel, dass er die Walküren dafür opfern würde?“
Seraphén atmete scharf ein. „Ihr habt jedem Cherusker freies Geleit versprochen. Das muss auch für die Walküren gelten. Sie zu töten, kommt nicht infrage!“
„Ich spreche nicht davon, sie umzubringen“, stellte Irdarian schnell klar. „Wir werden sie als Gefangene in die Mark bringen, wenn Stenvulf den Angriff durchführt.“ Erneut ballte er die Faust.
„Wie groß schätzt Ihr die Wahrscheinlichkeit, dass die Walküren ihre Gefangennahme widerstandslos hinnehmen? Stenvulf wird erwarten, dass sich Shanja und die anderen widersetzen. Trotz Eurer Drohung könnte er die Stadtmauern angreifen. Das würde dazu führen, dass in Arkhelsk zwei Schlachtfelder entstehen.“
Seraphéns Worte taten ihre Wirkung. Irdarian sah ein, dass die Walküren eine Gefahr darstellten, solange sie sich innerhalb der Stadtmauern befanden. „Ich weiß, was zu tun ist.“
Nach einem kurzen Ritt auf Feuerglut erreichte er den Hof der Kaserne und stand erneut vor Shanja. Diesmal stieg er vom Pferd. „Ich werde die Walküren freigeben. Ihr werdet Arkhelsk aber nicht durchs Tor verlassen, sondern mit Booten, die euch den Gandel hinauffahren. Des Weiteren werdet ihr euch aus der kommenden Schlacht heraushalten. Ich vertraue euch, deshalb dürft ihr eure Waffen behalten.“
„Wir lassen uns nicht erpressen“, antwortete die Tarûna-Divala kalt.
Mit einer solchen Entgegnung hatte er gerechnet. „Ich könnte alle in Arkhelsk anwesenden Walküren töten. Will Stenvulf die Freiheit des Cheruskerlandes darauf aufbauen?“
„Das würdet Ihr nicht wagen.“
„Ich rate Euch, es nicht darauf ankommen zu lassen.“
Shanja schaute ihn aus kalten Augen an. Die Momente verstrichen.
Ohne weitere Regung setzte sich die Tarûna-Divala in Bewegung. Erhobenen Haupts hielt sie auf das Tor der Kaserne zu. Dort empfing Seraphén sie und wies ihr mit einer Handbewegung den Weg zu den Barken, mit denen die Walküren aus der Stadt geschafft werden sollten.
Als Irdarian endlich den Blick von den beiden Anführerinnen lösen konnte, sah er, dass die anderen Walküren folgten. Eine stumme Parade zog an ihm vorüber. Die Paladine, die den Abzug überblickten, kamen ihm dabei nicht wie Wachen vor, sondern wie Zeugen einer würdevollen Prozession. Irdarian gewann den Eindruck, dass die Walküren Arkhelsk auch ohne Aufsicht verlassen würden.
Mehrere Male wollte er aufbrechen, um sich zurück an die Mauer zu begeben. Der Anblick der Paladine und Walküren fesselte aber seine Aufmerksamkeit. Erst nach einer Weile schaffte er es, sich davon loszureißen. Er stieg auf sein Pferd und ritt los. Nur Pelona begleitete ihn.
Zurück im Schatten der Mauer bei Perdruns Tor traf er auf die ersten Leute, die Arkhelsk verlassen wollten oder hergekommen waren, weil sie nicht verstanden, was geschah.
„Ist jetzt alles vorbei?“ – „Wird es Gespräche mit Stenvulf geben?“ – „Was ist mit Opalindon?“
Bevor Irdarian sprechen konnte, musste er seine neu aufflammende Wut zügeln. Stenvulf hatte das Reich in Unklarheiten gestürzt.
„Hört mir zu!“, forderte er die Anwesenden auf. „Sicher ist bisher nur, dass dieser Verräter Arkhelsk angreifen wird. Verlasst die Stadt oder kämpft mit mir und zeigt dem Fürsten, dass er mit seinen Verbündeten nicht so umgehen kann.“
Mehr als diese kleine Ansprache konnte er ihnen nicht bieten, weil er sämtliche Fragen, die ihm gestellt wurden, selbst nicht beantworten konnte.
Er lenkte sein Pferd hinüber zur Treppe. Dort warteten Menqar, Javur und Thevanar. Irdarian stieg aus dem Sattel und trat auf sie zu.
„Ich beteuere voller Ehrlichkeit, dass ich nichts von Stenvulfs Plänen gewusst habe“, sagte Javur. Der cheruskische Gesandte am Königshof kratzte seine schlecht verheilte Narbe am rechten Oberarm.
Thevanar, der Arkmarschall während der Doppelherrschaft, machte mit seinem Holzbein einen kleinen Schritt auf Irdarian zu. „Er hat auch mich überrascht.“
Menqar, noch vor zwei Glasumdrehungen König Opalindons, stand mit eingezogenem Kopf da. „Ich habe ebenfalls nichts gewusst“, sagte er leise.
„Es tut uns leid, zu welchem Schritt Stenvulf sich entschlossen hat“, fuhr Javur fort. „Trotzdem wollen wir zu ihm zurückkehren. Womöglich bewegt ihn unsere vereinte Stimme zum Umdenken.“
Wie bei den Walküren überlegte Irdarian kurz, sie festzunehmen und nur herauszurücken, wenn Stenvulf auf den Angriff verzichtete. Bestimmt hat er erwartet, dass ich Geiseln nehme.Und dennoch hat er sie in Kauf genommen, als er mit einer Armee losgezogen ist. Er kennt keine Gnade,nicht einmal gegenüber seinen eigenen Leuten.
„Ihr könnt gehen. Wie die Walküren werdet ihr Arkhelsk aber nicht durch eines der Tore verlassen. Bei der Majestätsbrücke warten einige Barken. Sie bringen euch flussaufwärts aus der Stadt.“
„Das ist sehr nett“, sagte Menqar unterwürfig.
Auf Javurs Stirn zeigten sich tiefe Furchen. „Die Mark und das Cheruskerland hatten nicht immer dieselbe Meinung, trotzdem schmerzt mich die Trennung.“
„Ich bitte Euch, nun zu gehen“, sagte Irdarian darauf nur. Er wollte nicht unhöflich sein. Der Abschied vom Cheruskerland schmerzte ihn, weshalb er ihn so schnell wie möglich hinter sich haben wollte. Er verneigte sich vor den drei Männern und trat zur Seite.
Nachdem sie an ihm vorbeigegangen waren, begab er sich nach oben auf die Mauer. Dort wartete neben den Kanzellaren eine Person, die Irdarian nicht kannte.
Der Mann stellte sich sogleich vor. „Ich bin Peschmar, stamme aus der Mark, aus der Region von Afalagad, und bin Kommandant der Stadtwache von Arkhelsk. Damit untersteht mir auch die Palastgarde. Meine Männer, Frauen und ich stehen als Verteidiger zur Verfügung.“
In diesem Moment brachten Paladine Irdarian seinen Harnisch und Weiserin. Während er sich des grauen Ornats entledigte, den er zur Inthronisierung getragen hatte, forderte er Peschmar zum Weitersprechen auf.
Der Kommandant verneigte sich schneidig. „Insgesamt zählen wir knapp tausend Verteidiger. Aus den Kasernen werden nebst zusätzlichen Waffen und Pfeilen auch Stangen gebracht, mit denen sich die Leitern von den Mauern stoßen lassen. Wie es aussieht, führen die Cherusker kein schweres Belagerungsgerät wie Tribocke oder Belagerungstürme mit. Das wird es uns einfacher machen. Allerdings befürchte ich, dass die Übermacht zu groß ist, um sie für längere Zeit aufzuhalten.“
Irdarian warf einen Blick auf das Feld, wo sich Stenvulfs Armee aufgestellt hatte. Sie hielt sich weiterhin außerhalb der Bogenschießweite. In der Zwischenzeit machte sich der Paladin daran, den Kürass an Irdarians Oberkörper zu befestigen.
„Ich vermute, dass sie das Tor mit Rammböcken einreißen wollen. Noch lässt sich nicht sagen, auf welches sie es abgesehen haben. Leider wird es in der kurzen Zeit nicht möglich sein, genügend Pech und Öl aufzukochen, um die Angreifer effektiv zu bekämpfen.“
Irdarian nickte. Peschmars Fachkunde und ehrliche Einschätzung gefiel ihm. „Ihr scheint mir ein guter Mann zu sein.“
Bevor er weitersprach, wechselte er einen unauffälligen Blick mit Pelona. Mit geöffneter Hand berührte sie den Griff des Rapiers. Es handelte sich um das geheime Zeichen, dass sie Peschmar als vertrauenswürdig einschätzte.
„Unternehmt alles, um die Stadt so lang wie möglich zu halten“, sagte Irdarian zu dem Kommandanten.
„Wie Ihr befehlt. Ist es mir gestattet, mich zu entfernen? Es gibt noch viel zu tun.“
„Erlaubnis erteilt.“
Zackigen Schritts machte sich Peschmar davon.
Irdarians Kürass war bereits befestigt. Der Paladin kümmerte sich nun um die Beinschienen. Zum Ende setzte sich Irdarian den Schaller auf den Kopf, wobei er das Visier nach oben geklappt ließ.
Seraphén traf wieder an der Mauer ein. „Erzfürstliche Hoheit, sämtliche Walküren sind zusammen mit Javur, Thevanar und Menqar auf den Barken und haben die Stadt auf dem Gandel verlassen. Es gab keinerlei Widerstand.“
Irdarian gestattete sich einen erleichterten Seufzer. Es hätte ihn erschüttert, wenn es zu einer Auseinandersetzung zwischen den Garden gekommen wäre. Die Paladine und Walküren waren mehr als die Sinnbilder ihrer Länder. Sie standen mit ihren jeweiligen Göttern in Verbindung.
Anderer Ansicht war er, wie sich die Paladine an der Stadtverteidigung beteiligen sollten. „Ich möchte, dass die Paladine ihren Teil in der Schlacht um Arkhelsk leisten. Wir brauchen jedes Schwert.“
„Wir sind Eure Leibwache und beschützen Euch zu jeder Zeit – auch jetzt. Es besteht aber kein Zwang für Euch, Arkhelsk zu verteidigen. Deshalb sollten sich die Paladine nicht einmischen.“
Premiras, der sich wie Ladmér bisher im Hintergrund gehalten hatte, kam heran. „Bitte entschuldigt meinen Einwand, wehrte Phalax“, sagte der Kanzellar schüchtern. „Ich bringe gewisses Verständnis für Euren Gedankengang auf, aber die Männer auf den Mauern könnten sich vom Erzfürsten im Stich gelassen fühlen, wenn die Paladine – die sagenhaften Kämpferinnen der Mark – ihnen die gesamte Drecksarbeit überlassen. Mit Verlaub, das wäre dem Ansehen der Erzfürstlichen Leibwache und gewissermaßen des Erzfürsten selbst abträglich.“
Premiras‘ Worte bestätigten, was Irdarian für sich bereits gedacht hatte. Ohne Paladine keine Verteidigung.
Er schaute sich beim Tor und auf der Mauer um. Fuhrwerke brachten Bögen, Pfeile, Speere, Schwerter und Stangen. Es warteten nur noch wenige Bewohner darauf, Arkhelsk zu verlassen. Die Belagerung rückte näher.
„Ich habe mich entschieden“, sagte er leise. „Wir werden Arkhelsk gegen die Cherusker verteidigen und die Paladine helfen mit.“
„Wie Ihr es wünscht“, sagte Seraphén. In ihrer Stimme lag keinerlei Enttäuschung oder Ablehnung. „Sollen sich die Paladine auf der Mauer verteilen oder sich in Eurer Nähe gruppieren?“
„Wir werden Arkhelsk nicht halten, wenn es einen starken Verteidigungspunkt gibt, der Rest aber schwächelt.“
„Ich werde den Ahtox den Befehl geben, sich über die gesamte Länge der Stadtmauer zu verteilen.“ Eiligen Schrittes entfernte sich die Phalax.
Die beiden Kanzellare traten an ihn heran. Ladmérs Blicke wechselten nervös zwischen Irdarian und der Armee hin und her.
Gänzlich anders verhielt sich Premiras. Mit verschränkten Armen stand er gegen eine Zinne gelehnt und schaute gelassen in Richtung Norden. Fehlten nur die Käsewürfelchen, die er so gerne zu naschen pflegte. „Ist mir gestattet, dass ich mich zurückziehe?“, erkundigte er sich.
„Niemand wird einem alten Mann vorwerfen, nicht an der Front gekämpft zu haben“, bemerkte Irdarian.
Der weißhaarige Kanzellar neigte den Kopf. „Wir sehen uns.“ Damit verließ er die Mauer.
Ladmér blickte ihm sehnsüchtig hinterher. „Vielleicht wäre es klüger, von hier zu verschwinden.“
„Tut, was Ihr für richtig erachtet, ich aber bleibe.“
Und so blieb der Kanzellar, auch wenn ihm sichtlich unwohl war.
Die letzten Bürger Arkhelsks, die sich in den Norden aufmachen wollten, verließen die Stadt. Die Ausfallpforte wurde geschlossen. Der nächste Cherusker, der die Mauer Arkhelsks hinter sich bringen wollte, würde Blutzoll zahlen müssen.
Sämtliche Stadtwachen hatten sich eingefunden. Die meisten Verteidiger trugen rot und grün, die Kluft der Stadtwache. Unterbrochen wurde es vom Blau der Palastgarde und dem Rot und Gold der Paladine. Die Zahl der Verteidiger reichte lediglich aus, um eine einzelne Reihe auf der Mauer zu bilden. Reserven, die das Gebiet hinter dem Tor verteidigten, falls die Angreifer eines davon durchbrachen, gab es keine.
„Männer und Frauen Opalindons!“, rief Irdarian. „Konzentriert euch auf die Stangen, um die Leitern von der Mauer zu stoßen.“ Er ging ein Stück weiter und richtete seine Worte erneut an die Verteidiger. „Ihr seid nicht allein! Die Paladine und ich kämpfen mit Euch!“
Ein einzelner Reiter stellte sich vor die Armee. Er hob den rechten Arm. Daraufhin setzten sich die cheruskischen Kämpfer in Bewegung.
Irdarians Herz machte einen Sprung. Er griff nach Weiserin und zückte das Familienschwert aus schwarzem Walkürenstahl, das mit den Kristallen der Paladine verziert war. Es hieß, die eingelassenen Kristalle würden dem Träger des Schwerts die richtigen Bewegungen im Kampf vorgeben. Die einzige Waffe auf der Welt, die beide Materialien vereint.
Je näher die Armee kam, desto eindrücklicher wurde ihr Anblick. Inzwischen zeigte sich, wie sie Arkhelsk einnehmen wollte: mit Sturmleitern und drei Rammböcken. Einen für jedes Tor nördlich des Gandel. Weiter verfügten sie über Onager, um die Verteidiger auf der Mauer zu beharken.
Bald würden die vordersten Krieger auf Schussweite heran sein. Warum hat Peschmar noch nicht den Befehl zum Spannen der Bögen gegeben? Irdarian musste sich beherrschen, dass er ihm nicht zuvorkam.
Kein einziges Mal zögerten die cheruskischen Kämpfer während des Vormarschs. Es schien, dass Stenvulf sie auf die Eroberung eingeschworen hatte. Auf dem letzten Stück bis zur Mauer begannen sie zu rennen.
„Bogenschützen!“, hallte Peschmars Befehl die Mauer entlang und wurde von Unterkommandanten weitergegeben.
Irdarians Herz schlug noch schneller. Was niemals hätte geschehen dürfen, trat nun ein: Märker schossen auf Cherusker und Cherusker versuchten, die Hauptstadt Opalindons zu stürmen.
„Schuss!“
Eine Salve von Pfeilen ergoss sich auf die Anstürmenden. Vom Anblick der gefallenen Cherusker zog sich Irdarians Herz zusammen.
Was er aber auch sah, waren die vielen, die im Nu die entstandenen Lücken schlossen. Selbst wenn die Bogenschützen eine ganze Glasumdrehung ohne Widerstand auf die Cherusker schießen könnten, stünden noch immer zu viele.
Es war Zeit für Irdarian, das Visier herunterzuklappen. Trotz gewisser Übung mit geschlossenen Helmen überraschte ihn die erhebliche Beschränkung des Gesichtsfeldes von Neuem. Schon jetzt begann Irdarian durch den Mund zu atmen, weil er deutlich schwerer Luft bekam.
Drei weitere Salven folgten der ersten, dann erlaubte Peschmar schießen nach eigenem Ermessen. Ein Pfeil nach dem anderen wurde aus den Köchern gezogen. Schmerzensschreie drangen zur Mauer herauf.
Der erste Schritt der Verteidigung waren die Pfeile gewesen, jetzt mussten sie die Leitern abwehren. Soweit Irdarian von seiner Position aus sah, wurden sie fast gleichzeitig der gesamten Nordmauer entlang angelegt. Die ersten Verteidiger griffen nach den Stangen, mit denen sie die Leitern wegstießen.
Irdarian hörte ein zischendes Geräusch, das er nicht zuordnen konnte. Im nächsten Moment schlug etwas Schweres krachend gegen eine Zinne.
„Obacht auf die Onager!“, schrie jemand.
Irdarian warf durch die Sehschlitze seines Helms einen Blick auf Weiserin. Gegen Beschuss von Katapulten vermochte auch diese Klinge nichts auszurichten. Gleichzeitig gingen die Cherusker ein gewisses Risiko ein, ihre eigenen Leute zu treffen.
„Stoß, stoß!“, rief jemand in Irdarians Nähe. Zwei Männer versuchten mit einer Stange, die Leiter wegzudrücken. Es fehlte nur noch wenig und sie hätten es geschafft.
In dem Moment fand ein Katapultgeschoss die Lücke zwischen zwei Zinnen und traf die vordere Stadtwache mitten ins Gesicht. Ein hässliches Knacken war zu hören. Die Wucht des Aufpralls warf den Mann nach hinten, sodass auch der zweite mitgerissen wurde und von der Mauer fiel.
Die Stange, mit der die beiden die Leiter von der Mauer hatten stoßen wollen, fiel polternd zu Boden. Irdarian bewegte sich ohne zu zögern hin, aber für einige Augenblicke konnten die Cherusker nach oben klettern, ohne behelligt zu werden.
Ein Paladin und ein Mann der Stadtwache schlossen die entstandene Lücke, bevor Irdarian heran war. Um die Leiter mit der Stange wegzustoßen, blieb jedoch keine Zeit. Der erste Angreifer zeigte sich zwischen den Zinnen.
Der Rapier des Paladins bohrte sich in die Kehle des Cheruskers.
„Achtung, ein Paladin!“, rief jemand auf Cheruskisch.
Wie groß wohl die abschreckende Wirkung sein wird?
Gebannt schaute Irdarian dem Paladin zu, wie sie verhinderte, dass jemand auf die Mauer gelangte. Vier, fünf Cherusker fielen ihrem Rapier und ihrem Säbel zum Opfer.
Derweil war ein weiterer Mann der Stadtwache zu Hilfe geeilt und mit vereinter Anstrengung stießen sie die Mauer von der Leiter weg.
Das alles geschah zu Irdarians Rechten. Auf der anderen Seite hatte es ein Cherusker geschafft, zwei Märker zu erschlagen. Gerade setzte er zum Sprung auf die Mauer an.
Irdarian sah die Notwendigkeit gekommen, dass er eingriff. Mit Weiserin in der Hand machte er den ersten Schritt auf den Cherusker zu.
Noch bevor er den Angreifer erreicht hatte, hob sich blitzschnell sein Schwertarm. Als würde Weiserin von einer fremden Macht gelenkt, zerschnitt sie die Luft vor Irdarians Gesicht. Etwas prallte gegen seinen Harnisch. Irdarian begab sich in den Schutz einer Zinne und betrachtete das Schwert. Er hatte nicht gewusst, dass die Klinge selbst Geschosse in der Luft abwehren konnte. Um den Cherusker kümmerten sich inzwischen zwei Stadtwachen.
„Der Bolzen hätte Euch schlimm verwunden können, wenn Ihr ihn nicht mit dem Schwert abgewehrt hättet“, hörte Irdarian Ladmérs Stimme in seinem Rücken. „Wir sollten uns wirklich davonmachen.“
„Ich bleibe. Die Paladine und das Schwert beschützen mich.“
„Ich sehe es nicht gerne, aber es ist Eure Entscheidung.“ Ladmér schaute ihn mit gerunzelter Stirn an. „Ich jedoch werde mich zurückziehen.“
Irdarian nickte knapp. Die Schlacht erforderte seine gesamte Aufmerksamkeit. Nur am Rand bekam er mit, wie Ladmér die Mauer verließ.
Immer mehr Geschosse aus den Wurfarmen der cheruskischen Onager prallten gegen die Mauer. Armbrustbolzen von den Angreifern auf dem Boden unterstützten sie, sodass es den Verteidigern schwerer und schwerer fiel, den Schutz der Zinnen zu verlassen, um mit den Stangen die Leitern wegzuschieben. Gleichzeitig schienen nur ganz vereinzelt Cherusker dem eigenen Beschuss zum Opfer zu fallen.
Lautes Krachen erklang aus Richtung des Tors. Obwohl Irdarian dieses Geräusch noch nie zuvor gehört hatte, wusste er, worum es sich handelte: Der Rammbock kam zum Einsatz.
Ein Felsbrocken zischte an der Zinne vorbei, hinter der sich Irdarian versteckte. Mit ganzer Wucht schlug der Brocken jenseits der Mauer ein – aber nicht mit einem dumpfen Geräusch. Splitterndes Holz war zu vernehmen. Irdarian schaute auf. Der Felsbrocken hatte eine Kutsche zerschlagen.
Irdarian wusste nur von jemandem, der sich jetzt noch mit einer Kutsche an der Mauer befand.
„Ladmér!“ Er rannte los, hastete die Treppe hinunter, öffnete gleichzeitig das Visier seines Helms. Mit einem kurzen Spurt erreichte Irdarian die Kutsche. Ladmérs Beine ragten heraus. Irdarian wollte eine Hand nach ihm ausstrecken, um den Kanzellar zu schütteln – doch da sah er, dass der Felsbrocken Ladmérs Oberkörper und Kopf unter sich begraben hatte.
Siglaugur gehörte zu der Gruppe, die das östliche Tor angriff. Er erinnerte sich noch, dass es Emiluins Tor hieß.
„Rennt, ihr Nichtsnutze, rennt!“, feuerte Tvor seine Hâra an. Erst vor kurzer Zeit war er mit Stenvulf aus Arkhelsk zurückgekehrt und hatte Siglaugurs Hoffnung zunichtegemacht, dass der Angriff ohne ihren Hârashik erfolgen würde.
Tvor hätte nichts sagen brauchen. Zusammen mit Coyara, Grultor, Umar, Govrir, Gralf und den anderen stürmte Siglaugur auf die Stadtmauer zu. Jede Hâra trug ihre eigene Leiter.
Siglaugurs Leute gehörten zu den vordersten. Pfeile bohrten sich um sie herum in den Boden oder trafen vereinzelt Kämpfer. Die Angst packte auch Siglaugur, er wusste aber, dass das nur der Anfang war. Richtig heftig würde es auf der Leiter werden.
„Wieso seid ihr so langsam?“, rief Tvor. In seiner Stimme schwang eindeutig Angst mit.
Die Gruppe beschleunigte noch einmal. Siglaugur hatte Mühe, mitzukommen. Rennen war noch nie seine Stärke gewesen, o nein.
Coyara schrie auf.
„Wurdest du getroffen?“, rief Siglaugur.
„Es … geht schon wieder. Nur gestreift.“ Sie keuchte.
Ein paar Schritte noch. Siglaugur und den anderen Angreifern schossen weitere Pfeilspitzen entgegen.
„Näher an die Mauer heran!“, befahl Tvor.
Siglaugur war jedoch anderer Meinung. „Wir sind nah genug. Leiter aufstellen!“ Er hielt an und seinem Impuls folgten auch die anderen.
„Du Dummkopf, wir sind noch zu weit weg!“, schrie Tvor ihn an.
Sie waren aber bereits damit beschäftigt, die Leiter aufzurichten. Es stellte sich heraus, dass Siglaugur richtig gelegen hatte. Die oberste Sprosse erreichte die Zinnen.
Da sich ihr Anführer zurückhielt, nahm Siglaugur seinen Schild vom Rücken und kletterte ohne zu zögern hinauf.
Pfeile, herabgeworfene Steine, ein Sturz, gar kochendes Pech – es gab eine Menge Möglichkeiten zu sterben, o ja!
Ein Pfeil zischte an seinem Ohr vorbei. Ein anderer bohrte sich in das Holz der Sprosse über ihm. Siglaugur kletterte noch schneller, obwohl er nur eine Hand benutzen konnte. Er zog sich regelrecht hinauf, nahm zwei Sprossen auf einmal.
Die Leiter bewegte sich. Stück für Stück entfernte sie sich von der Mauer.
„Komm wieder runter!“, rief Coyara.
Siglaugur entschied sich für das Gegenteil. Die Lücke zwischen den Zinnen war schon fast in Griffweite. Zwei Sprossen noch. Die Verteidiger versuchten mit letzter Anstrengung, die Leiter wegzuschieben. Er warf ihnen seinen Schild entgegen. Die kurze Verwirrung verschaffte ihm die nötige Zeit. Mit einem Sprung gelangte Siglaugur auf die Mauer. Sogleich zog er das Schwert und führte einen Rundumschlag aus. Die Stadtwachen wichen einen Schritt zurück.
Gralf war der Nächste auf der Mauer. Zusammen mit ihm hielt Siglaugur das Ende der Leiter frei. Drei Stadtwachen rückten vor. Eine Speerspitze stach nach Siglaugur. Er wich aus, verlor aber das Gleichgewicht, fiel hin und gab dabei das Schwert frei. Sein Gegner nutzte die Gelegenheit und stach erneut mit dem Speer zu. Siglaugur konnte noch einmal ausweichen. Er bekam sein Schwert an der Klinge zu fassen und riss es hoch. Die Parierstange zertrümmerte Nase und Kiefer der Stadtwache.
Auch Coyara und Grultor gelangten nach oben. Siglaugur rappelte sich so schnell wie möglich auf, um die Leiter gemeinsam mit den anderen gegen die Angriffe von rechts zu verteidigen.
Tvor zeigte sich erst an fünfter Stelle. „Na los, wo finde ich ein paar märkische Ärsche?“ Der Hârashik und Grultor wandten sich nach links. Von hier erfolgten keine Angriffe, weil die Stadtwachen in dieser Richtung alle Hände voll zu tun hatten, die Leitern von den Mauern zu stoßen. Siglaugur beschloss, seinem Hârashik hinterherzugehen und ihm beizustehen. Es war gefährlich, in einer Schlacht auf sich gestellt zu sein – ganz besonders, wenn man sein Können überschätzte.
„Achtung!“, schrie einer der Verteidiger.
Es half nichts. Tvor und Grultor überrumpelten sie. Zu zweit brachten sie drei Leute um. Als die Männer Arkhelsks schon verwundet auf dem Boden lagen, trat Tvor dem einen mit dem Absatz ins Gesicht. Selbst über den Schlachtenlärm hinweg war das laute Knacken zu vernehmen, als der Schädel brach. Dem nächsten hielt Tvor die Axtschneide ans linke Auge und stach zu, während er gleichzeitig die Waffe drehte. Der Mann schrie vor Schmerzen.
Dann nicht mehr. Tvor und Grultor lachten und schlugen ein.
„Seid nicht so brutal zu diesen Leuten“, verlangte Siglaugur, der nun ebenfalls heran war.
„Lieber mit ihnen kuscheln?“, fragte Tvor und lachte erneut.
Siglaugur kam nicht dazu, etwas zu erwidern. „Paladine!“, rief Coyara hinter ihnen. „Da kommen Paladine!“
Ein breites Grinsen zeigte sich auf Tvors Gesicht. „Dann wollen wir diesen Schlampen mal zeigen, dass sie in einem richtigen Kampf nichts verloren haben.“ Er und Grultor kehrten rasch zur Leiter zurück, aber verließen erneut den Schutz der Hâra.
„Nicht!“, rief Siglaugur.
Es ging so schnell, dass er trotz seiner Kampferfahrung nicht begriff, was geschah. Ein Lidschlag, nachdem der Kampf zwischen Tvor, Grultor und den Paladinen begonnen hatte, schrie Grultor auf. Er hatte beide Hände verloren.
Auch Tvor fand sich in arger Bedrängnis. Er entkam nur, indem er sich stadtseitig von der Mauer stürzte.
Die Loyalität zu seinem Hârashik zwang Siglaugur, ihm hinterher zu springen. Er landete auf dem Dach eines Schuppens, rollte sich ab und erreichte Tvor auf dem Boden.
Fünf Stadtwachen mit Spießen stellten sich ihnen entgegen. Zwei davon schienen Cherusker zu sein, wie Siglaugur an ihrer Gesichtsform erkannte.
„Wir müssen nicht gegeneinander kämpfen“, sagte Siglaugur.
Mürrisch hielt der eine Cherusker dagegen. „Nicht alle Cherusker sind mit Stenvulfs Entscheidung einverstanden.“
„Trotzdem muss es nicht sein, o nein“, bekräftigte Siglaugur seine Aussage von eben.
Einer der märkischen Stadtwachen mischte sich ein. „Genug geredet. Töten wir sie.“
Fünf Spieße drängten Tvor und Siglaugur in den offenen Schuppen. Siglaugur machte sich bereit, unter den Speeren durchzutauchen und wenigstens einen der Männer zu töten, bevor die anderen begriffen, was vor sich ging. Ein kleines Stückchen mussten sie aber noch näher kommen …
Auf dem Dach des Schuppens polterte es. Hinter den Verteidigern sprang Coyara zu Boden und stach dem ersten in den Nacken. Weitere Kämpfer von Siglaugurs Hâra kamen herunter.
Die Stadtwachen fanden nicht einmal Zeit, um herumzufahren. Wenige Augenblicke später lagen alle in sich ausbreitenden Blutpfützen am Boden. Die gesamte Hâra hatte sich versammelt. Es fehlten nur Grultor und Umar.
Siglaugur wollte sich nach ihnen erkundigen, da kamen zwei Paladine heran. Sie hielten allerdings Abstand, wirkten unsicher, ob sie sich zu zweit in den Kampf gegen zwanzig Cherusker stürzen sollten.
„Kommt her!“, rief Tvor ihnen entgegen. „Vor euresgleichen habe ich keine Angst. Ich werde euch sogar am Leben lassen, schließlich bin ich neugierig, wie sich ein Paladin im Bett macht.“
Derweil Tvor Drohungen ausspie, versuchte Siglaugur abzuschätzen, wie nahe sie dem Tor waren und auf wie viel Widerstand sie bis dorthin treffen würden. Ein offenes Tor können sie nicht verteidigen. Wenn mein Vorhaben erfolgreich ist, wird die Belagerung vorüber sein, o ja. Es keimte sogar die ferne Hoffnung in ihm, dass er zum Hârashik ernannt wurde. Tvor ist ein einziges Ärgernis! Weshalb hat er mit Stenvulf flüchten können?
„Lassen wir sie“, meinte Siglaugur und machte die ersten Schritte in Richtung Stadttor. Er vermochte nicht einzuschätzen, wie viele Stadtwachen und Paladine sich dort aufhielten, trotzdem wollte er es versuchen.
Coyara und die anderen kamen mit ihm. Siglaugur warf einen Blick zurück, um sich zu vergewissern, dass auch Tvor folgte. Ihr Anführer stieß noch immer Beleidigungen in Richtung der Paladine aus, setzte sich gezwungenermaßen aber ebenfalls in Bewegung.
Die Hâra hielt sich dicht an der Mauer. Siglaugur hoffte, dass sie dadurch erst spät entdeckt würden.
Diese Hoffnung war bald dahin, denn die Paladine folgten ihnen mit etwas Abstand. „Gebt Acht, ihr Wachmänner am Tor!“, rief eine Frauenstimme.
Der Ruf tat seine Wirkung. Das halbe Dutzend Verteidiger am Tor fuhr herum. Siglaugur zögerte keinen Augenblick und rannte los. Aus dem Augenwinkel sah er, dass er nicht allein war.
„Für das Cheruskerland!“, rief Tvor.
Draußen prallte der Rammbock krachend gegen das Holz. Die Stadtwachen fuhren zusammen und schauten sich kurz um, ob es noch hielt. Das verschaffte Siglaugur die Gelegenheit, zwischen den Speeren hindurchzuschlüpfen.
So ungern Siglaugur das Schwert gegen die Stadtwachen benutzte, waren die Befehle eindeutig. Dem ersten Mann, der ihm vor die Klinge kam, trieb er das Schwert am Hals unter das Kettenhemd. Dem nächsten schlug er die Faust ins Gesicht. Dieser Hieb setzte den Mann nicht vollständig außer Gefecht, aber er ging zu Boden. Siglaugur verschonte ihn, stieß ihm nur das Schwert durchs Bein.
„Wir verlieren das Tor!“, rief eine der Paladine. „Wir benötigen unverzüglich Hilfe!“
Siglaugur entdeckte die beiden Frauen ein Stück entfernt. Ihre Attitüde war unverändert. Angesichts dessen, wie schnell Siglaugurs Leute die Verteidiger am Tor überwältigt hatten, machten sie nach wie vor einen unentschlossen Eindruck, ob sie in den Kampf eingreifen sollten.
„Öffnen wir das Tor!“, rief Tvor.
„Warte noch“, entgegnete Siglaugur hastig. „Erst nach dem nächsten Rammstoß, sonst fliegt es uns entgegen.“
„Was mischst du dich ein?“, fuhr Tvor ihn an. „Wir müssen uns beeilen!“
Siglaugur war froh, dass der nächste Rammstoß in diesem Augenblick erfolgte und sich die Diskussion erübrigte. „Jetzt!“ Er rannte los.
Zu viert machten sie sich an der Hebelvorrichtung zu schaffen. Siglaugur vernahm ein zischendes Geräusch. Etwas bohrte sich in die Hand von Gralf, der neben ihm am Tor beschäftigt war. Das Geschoss stellte sich als Säbel eines Paladins heraus. Sein Mitkämpfer schrie auf.
Ein zweiter sauste heran. Neben Gralf steckte auch Govrir am Tor fest. Er stieß aber nur ein Grunzen aus.
„Haltet die Paladine auf Abstand!“, befahl Tvor. „Sie haben keine Säbel mehr.“
Mit einem Ruck zog Siglaugur Gralf den Säbel aus der Hand. Kaum war das geschafft, hörte er, wie die Männer draußen mit dem Rammbock erneut Anlauf nahmen. Eilig machte er einige Schritte nach hinten und zog Gralf mit sich.
Dem nächsten Rammstoß hielt das Tor nicht stand. Der mit Eisen verstärkte Baumstamm bohrte ein Loch hinein und traf den festgenagelten Govrir mitten ins Gesicht. Sein Kopf wurde mit solcher Wucht nach hinten geworfen, dass das Genick brach. Sein Körper verlor jegliche Kraft, fiel nur nicht, weil der Säbel noch immer in seiner Handfläche steckte.
„Jetzt!“, rief Siglaugur und hastete zurück zum Tor. „Nach oben mit dem Balken!“ Er ächzte unter dem Gewicht.
Zu viert hoben sie ihn hoch und trugen ihn mit letzter Kraft zur Seite. Den Cheruskern draußen stand außer losen Torflügeln nichts mehr im Wege.
„Rückzug, alle Mann Rückzug!“
Siglaugur ordnete die Stimme einem der Paladine zu. Der Durchbruch ist erfolgt, die Mauer nicht mehr zu halten.
Der Rammbock hatte keine Mühe, die Torflügel aufzuspreizen. Siglaugur bemerkte zahlreiche überraschte Blicke, weil jeglicher Widerstand gefehlt hatte.
„Kommt, kommt, Arkhelsk ist unser!“, brüllte Tvor und stieß ein triumphierendes Lachen aus.
Johlend ergoss sich die cheruskische Armee in die Stadt. Ein geordneter Vormarsch war nicht möglich, die Kämpfer taten, wonach ihnen gerade war. Ohnehin war ein taktisches Vorgehen aufgrund der gewaltigen Überzahl nicht mehr nötig.
Kurz bevor Siglaugurs Hâra ebenfalls loszog, fügte sich Umar wieder ein. Knapp berichtete er, dass er Grultor auf der Mauer versorgt hatte.
Tvor übernahm die Führung. Rasch verlor Siglaugur den Überblick, wo sie sich befanden. Alles, was er sah, waren unbekannte Straßen und die seltsamen Gebäude, die ihn vage an die Architektur seiner Heimat erinnerten. In manche der Häuser drangen sie ein, fanden aber niemanden vor. Tvor nahm sich genügend Zeit, um die Einrichtung zu zerstören. Er geriet in einen regelrechten Rausch.
„Wo stecken die Märker? Ich habe noch zu wenige von ihnen umgebracht. Außerdem hätte ich gewaltig Lust auf ein Weib aus dem Süden.“ Mit weit ausgreifenden Schritten verließ Tvor das Haus und ging auf der Suche nach einem Opfer voraus.
Siglaugur konnte nicht sagen, ob es Gespür oder Glück war, die den Hârashik zu den verbliebenen Verteidigern Arkhelsks trieb. Sie zogen sich gerade über eine der Brücken zurück. Die meisten hatten bereits das andere Ufer erreicht. Tvor stürzte sich wie ein Besessener auf die Nachzügler. Da es sich nicht gehörte, den Hârashik allein zu lassen, kämpfte Siglaugur mit ihm.
Tvor kannte kein Erbarmen. Selbst wenn einer seiner Gegner schon stöhnend am Boden lag, schlug er so lange auf ihn ein, bis er sich nicht mehr rührte. Mal kam die Axtschneide zum Einsatz, mal das Ende des Griffs.
Aber nicht bloß Märker waren unter den Opfern. Aus ihrer Hâra fiel ausgerechnet Gralf, der am Tor noch knapp überlebt hatte. Außerdem wurde Umar am Bein verwundet. Siglaugur wollte sich um ihn kümmern.
„Lass ihn! Wir haben eine Stadt zu erobern!“ Tvor deutete mit der Axt auf die andere Seite der Brücke. „Wir machen weiter, bis kein Märker mehr lebt.“
„Siehst du nicht, dass er blutet?“
„Andere sollen sich um ihn kümmern. Wir stehen zuvorderst, damit führen wir den Angriff.“
Tvor ließ sich nichts mehr sagen. Er rannte los, über die Brücke, den Märkern entgegen. Auch Siglaugur zögerte nicht und folgte ihm. Tvor war der Hârashik, seine Befehle befolgte man, o ja.
Er glaubte zu spüren, wie die Brücke unter den vielen Stiefeln bebte. „Tod den Märkern!“, riefen die Männer hinter ihnen und Tvor wiederholte die Worte.
Siglaugur blickte voraus zum anderen Ende der Brücke. Noch wusste er nicht, wie sie den Wall aus Speerspitzen überwinden sollten.
Von der märkischen Seite aus erklang ein Befehl. „Schuss!“, wurde gerufen.
„Schilde!“, schrie Siglaugur. „Und duckt euch!“
Keinen Augenblick zu früh. Eine Pfeilsalve zerschnitt zischend die Luft. Siglaugur vernahm Klirren, wenn die Pfeile auf Metall trafen, aber auch schmatzende Einschläge, wenn die Spitzen einen Weg an den Schilden vorbei fanden und sich in Körper bohrten. Schmerzensschreie wurden laut.
Tvor hatte sich gleichzeitig mit Siglaugur geduckt, stand wieder auf und forderte die Kämpfer mit einer energischen Geste auf, den Ansturm fortzusetzen.
„Sie werden uns niedermetzeln, o ja!“, warnte Siglaugur.
„Nicht, wenn wir ihnen zuvorkommen!“
Der Pfeilbeschuss hielt an. Vor einem Kampf hatte sich Siglaugur noch nie gefürchtet, aber ein Ansturm unter solchen Bedingungen zermürbte selbst gestandene cheruskische Kämpfer.
Das Klirren von Metall und die dumpfen Einschläge begleiteten sie auf dem weiteren Weg. Immer wieder mussten sie sich ducken, um dem Schlimmsten aus dem Weg zu gehen. Auf diese Weise kamen sie kaum voran.
In der Mitte der Brücke war endgültig Halt angesagt. Der Beschuss wurde zu stark. In Siglaugurs Schild steckten bereits drei Pfeile. Einer davon ragte auf der Innenseite über eine Handbreit heraus. Weitere schlugen klackend auf die Pflastersteine.
„Du solltest den Rückzug befehlen.“
„An der Stadtmauer haben wir nicht zurückgesteckt.“
„Aber hier haben wir eine andere Wahl. Die Onager sollen herangeschafft werden. Ihrem Beschuss können die Märker nichts entgegensetzen.
Schwer atmend kniete Tvor am Boden. Siglaugur sah ihm die Angst, aber auch maßlosen Zorn an.
Endlich sprach er: „Zurück!“ Rückwärts entfernte er sich von den Bogenschützen. „Zurück! Wir kommen später wieder.“
Der Rückzug wurde jäh gestoppt, als die vorderen Kämpfer auf die nachrückenden stießen, die den Befehl noch nicht gehört hatten. So ergaben sich zwei Gruppen, die versuchten, die jeweils andere zurückzustoßen. Derweil regneten weiter Pfeile auf sie hinunter. So mancher Cherusker starb mit einem Pfeil im Rücken. Um den Geschossen zu entkommen, sprangen einige Verzweifelte über das Geländer in den Gandel. Ihre Rettung war es nicht. Die Rüstungen und schweren Felle zogen sie in die Tiefe. Wer es bis zum Ufer schaffte, stieß auf die gemauerten Wände des Kanals.
„Wir ertrinken!“, schrien Dutzende.
Die nachrückenden Truppen begriffen endlich, dass sie zurückweichen mussten. Die Enge am Brückenkopf ließ nach. Dennoch starben weitere, bevor sich die Cherusker vollständig zurückgezogen hatten.
„Hat jemand ein Seil?“, rief Siglaugur. „Oder eine Leiter? Wir müssen unsere Leute aus dem Wasser holen, o ja!“
„Hilfe, ich …“ Gurgeln unterbrach die Worte.
Ausgerechnet Tvor brachte ihm ein Seil. Sie ließen es in den Kanal hinunter, warteten, bis sich jemand daran klammerte, und zogen gemeinsam den Kämpfer nach oben. Andere schlossen sich ihnen an, warfen ihre eigenen Seile aus.
Als sich niemand mehr im Wasser befand, der noch lebte, setzten sich Tvor und Siglaugur hin. Coyara gesellte sich zu ihnen und nach einer Weile fand Grultor sie dank der Hilfe von zwei Frauen, die ihn stützten. Die Stümpfe, wo sich einst seine Hände befunden hatten, waren in blutige Leinen gewickelt. In seinen Augen lag ein abwesender Ausdruck.
„Diese verdammten Märker“, knurrte Tvor. „Die Onager sollen herangebracht werden. Mal schauen, wie es ihnen gefällt, wenn es Steine regnet.“
Vom Rücken seines Pferds aus blickte Irdarian auf einen Berg toter Cherusker. Sie waren im Pfeilhagel untergegangen, als sie versucht hatten, die Walkürenbrücke zu überqueren.
Aus Meldungen wusste Irdarian, dass Stenvulfs Leute auch die Majestätsbrücke im Osten hatten überqueren wollen – mit ähnlichem Ausgang wie hier.
Irdarian spürte kein Mitleid mit ihnen. Sie hatten diesen Ansturm aus reiner Kampfeslust gewagt – und hatten gelernt, dass die Stadt noch nicht ihnen gehörte. Irdarian empfand sogar Genugtuung. Stenvulf und die Seinen hatten Opalindon und Ladmér auf dem Gewissen. Dafür hatten sie gebüßt, aber das reichte noch lange nicht aus.
Hämmern klang herüber. Cherusker waren auf der anderen Flussseite in den Konventsaal eingedrungen. Den Ort, wo sich in den vergangenen vier Jahrhunderten die Mark und das Cheruskerland getroffen hatten, um über das Miteinander zu beraten.
Hat dort drüben das Ende Opalindons begonnen, als sich das Cheruskerland und die Mark über zusätzliche Truppen für die Cheruskerpforte stritten? Oder fing es schon bei der Auseinandersetzung zwischen Stenvulf und mir auf dem Weg nach Arkhelsk an?
Was die Cherusker im Konventsaal anstellten, blühte auch dem Rest der Stadt, sobald die Cherusker die Märker zurückgedrängt hatten. Noch war es nicht soweit. Neuerliche Hoffnung regte sich in Irdarian. Die Mauer war rasch verloren gewesen, hauptsächlich weil ein Trupp Cherusker Emiluins Tor von innen hatte öffnen können. Inzwischen hatten die Paladine und die Stadtwachen die Lage allerdings stabilisiert. An den Brückenköpfen waren behelfsmäßige Forts aus Fuhrwerken, Brettern, Kisten und Fässern errichtet worden.
Stenvulf wird sich überlegen, noch mehr Blut zu vergießen. Vielleicht kann ich ihn überzeugen, seine Truppen abzuziehen.
„Eure Erzfürstliche Hoheit, auf ein Wort.“
Seraphén brachte ihr Pferd neben seinem zum Halt. Auch Peschmar war anwesend.
„Es gilt, das weitere Vorgehen zu besprechen.“
„Ich habe zwei Ziele“, sagte Irdarian düster. „So lange aushalten, bis Stenvulf die Kämpfe einstellt. Und die Cherusker für Ladmérs Tod bestrafen.“
„Wenn die Cherusker durchbrechen, wird es zu einem Gemetzel kommen“, stellte Seraphén fest.
„Wenn“, betonte Irdarian.
„Ich muss wohl deutlicher werden“, sagte Seraphén streng. „Ob sie durchbrechen, steht nicht zur Debatte. Die Frage ist nur, wann. Die Verluste der Cherusker an der Walkürenbrücke und an der Majestätsbrücke entstanden hauptsächlich aufgrund ihres ungestümen Vorstürmens. Denselben Fehler werden sie kein zweites Mal begehen. Vergesst nicht, dass sie Onager mit sich führen. Früher oder später werden sie uns damit beharken. Dem haben wir wenig bis nichts entgegensetzen.“
„Aber …“ Irdarian stotterte.
Auch der Kommandant der Stadtwache meldete sich. „Vielleicht können wir die Brücken für eine gewisse Zeit halten. Wir dürfen aber die Esplanade nicht vergessen. Dort sind die Verhältnisse weniger beengt, das macht sie schwieriger zu verteidigen. Hinzu kommt, dass die Cherusker durch den Palast in den Süden vordringen und uns in den Rücken fallen könnten.“
„Weshalb haben die Cherusker uns noch nicht überrannt, wenn es für sie doch so einfach wäre?“, fragte Irdarian provokant.
Seraphén nickte, als hätte sie diese Frage erwartet. „Stenvulf lässt uns noch immer die Gelegenheit zu einem Abzug“, sagte sie und klang vollkommen überzeugt. „Es gibt nur einen Weg, um den folgenden Kampf zu verhindern: Ihr müsst Stenvulf um freies Geleit bitten.“
Irdarian versuchte zu schlucken, obwohl er einen trockenen Mund hatte. „Ich hatte gehofft … indem wir die Stellung halten … können wir sie zum Rückzug bewegen.“
„Das wird nicht möglich sein“, sagte Seraphén. „Sie haben Onager.“
„Und jegliche Zeit, um uns weichzuklopfen“, ergänzte Peschmar.
Irdarian schaute auf die andere Flussseite zum Konventsaal. Einige Cherusker waren auf das Dach gestiegen und schlugen mit Hämmern darauf ein.
Irdarian sammelte sich. „Man bringe mir Papier, Tusche und eine Schreibfeder.“
Seraphén winkte einen Schreiber heran. Sogar ein Tisch mitsamt Stuhl wurde gebracht. Noch immer mit dem vollen Plattenharnisch am Körper stieg Irdarian von Feuerglut, setzte sich an den Tisch und atmete durch. Dann begann er, zu schreiben.
Stenvulf, Fürst des Cheruskerlandes,
Irdarian war versucht, der Anrede Vizeregent Opalindons hinzuzufügen. Angesicht der vorangegangenen Ereignisse wäre das aber lächerlich.
Ihr wollt Arkhelsk, aber keinen Kampf. So soll es sein. Ich werde Euch die Stadt ohne weiteren Widerstand übergeben. Als Gegenzug erwarte ich freies Geleit für meine Leute, für all die unschuldigen Männer und Frauen. Damit mitgemeint sind auch die Gefangenen. Ihr habt erreicht, was Ihr wolltet. Gebt Euch damit zufrieden.
Gezeichnet:
Irdarian, Erzfürst der Mark, Verwalter Terwaks und Altibas, Erbe von Perdruns Vermächtnis
„Ein Paladin soll die Nachricht überbringen“, wies er an. „Stenvulf wird nicht wagen, ihm etwas anzutun. Nicht, nachdem ich die Walküren freigelassen habe.“
Um die Sicherheit des Paladins zu gewährleisten, trug sie eine Flagge mit den zwei nebeneinanderliegenden Schwertern bei sich. Schritt für Schritt marschierte sie über die Brücke auf die Cherusker zu.
Stenvulf weiß, dass ich die Walküren gut behandelt habe. Was ist aber mit seinen Leuten? Sehen sie einen Paladin als weitere Gelegenheit, ihre Wut an der Mark auszulassen?
Wieder wurde Irdarians Mund trocken. Er konnte den Blick nicht von dem Paladin lösen. Sie hatte bereits die Hälfte der Brücke hinter sich gebracht. Die Cherusker verhielten sich noch immer ruhig.
Hätte ich statt einen Boten zu entsenden einen Pfeil rüberschießen können? Hätten sie überhaupt bemerkt, dass sich eine Nachricht daran befindet?
Der Paladin erreichte die gegenüberliegende Seite der Brücke. Irdarians schlimmste Befürchtung, dass sich die Cherusker auf sie stürzen würden, bestätigte sich nicht. Aus der Ferne glaubte er sogar, dass die Kämpfer zurückwichen.
Bald verschwand sie in der cheruskischen Armee. Irdarian machte sich daran, den Abzug vorzubereiten.
„Jemand soll sich darum kümmern, dass Lebensmittel, Decken und was es sonst noch für den Marsch braucht, zusammengetragen werden. Niemand soll unterwegs Not leiden.“
Im Anschluss stieg er auf Feuerglut und führte sein Pferd nahe an die Truppen am Brückenkopf heran. „Ich habe Stenvulf aufgefordert, uns freies Geleit zu gewähren. Falls er uns ohne Kampf gehen lässt, verbitte ich mir jegliche Gewalt gegenüber den Cheruskern.“
Irdarian schaute in die Gesichter der Leute. Er meinte, bei vielen Erleichterung zu erkennen.
Dieselbe Botschaft verkündete er persönlich an der Majestätsbrücke im Osten der Stadt, an der Paladinbrücke und bei der Esplanade.
Als er zur Walkürenbrücke zurückkehrte, hatten die Cherusker auf der anderen Flussseite beinahe das gesamte Dach des Konventsaals eingerissen. Irdarian wandte sich vom Anblick ab, weil es sich um ein weiteres Zeichen des Bruchs handelte.
Irdarian glaubte, gleich neben dem Brückenkopf seine Kusine zu entdecken. Ist sie nicht mit den anderen gegangen? Er schaute genauer hin. Sie war es tatsächlich! Wie konnte das sein?
„Was tust du noch hier?“, fragte er, kaum hatte er sie erreicht. „Sind wenigstens die anderen geflüchtet, wie ich es befohlen habe?“
„Keine Angst, ich bin die Einzige, die zurückgekommen ist. Jenena, Premiras, Avenar, Par‘Roqas und alle anderen sind auf der Schattenebene. Ich bin hier, weil ich die Cherusker leiden sehen will.“ Mit einem herablassenden Ausdruck in ihren Zügen schaute sie über den Fluss. „Stenvulfs Verrat darfst du nicht auf dir sitzen lassen.“
„Es ist noch zu früh, um darüber nachzudenken, was die Mark auf die Unabhängigkeit erwidern wird.“ Er dachte an Ladmér und neuerliche Wut stieg in ihm hoch. „Zunächst erfolgt ein taktischer Rückzug. In Arkhelsk können wir nicht gewinnen.“
Bewegung auf der anderen Seite der Brücke erregte Irdarians Aufmerksamkeit. Zwischen den schemenhaften Cheruskern machte er einen roten Punkt aus. „Ist das der Paladin?“, fragte er Seraphén.
„Nicht nur.“
Irdarian schaute genauer hin. Dem roten Punkt folgten andere. Irdarian glaubte zu erkennen, dass einige von ihnen die grün-rote Kluft der Stadtwache trugen. Ob das die Gefangenen sind? Ihr langsames Vorwärtskommen wäre ein zusätzliches Indiz. Nicht recht dazu passten die weiteren Leute, die mit dem Paladin kamen.
„Cherusker stützen die Verwundeten, die zu schwach sind, um selber zu gehen“, beantwortete Seraphén Irdarians unausgesprochene Frage.
„Cherusker helfen Märkern?“, fragte Irdarian ungläubig. „Am gleichen Tag wie die Unabhängigkeit des Nordens und der Angriff auf Arkhelsk stattgefunden hat?“
„Unter den Tausenden finden sich auch Männer und Frauen, die kein unnötiges Blutvergießen wollen, die Stenvulfs Vorgehen vielleicht sogar ablehnen.“
Irdarian begab sich an die Absperrung, um besser zu sehen, was vor sich ging und die Antwort direkt in Empfang nehmen zu können.
„Wollt Ihr nicht in Deckung gehen, Erzfürstliche Hoheit?“, erkundigte sich eine Stadtwache.
„Es wäre ein unheimlicher Zufall, wenn mich der Bolzen einer cheruskischen Armbrust aus dieser Distanz treffen würde.“
Weder an dieser Stelle noch sonst in der Nähe kam ein Geschoss über den Gandel geflogen. Unbehelligt trafen der Paladin und die anderen ein. Seraphén hatte Recht behalten. Einigen Gefangenen fehlten Gliedmaßen. Cherusker stützten sie oder brachten sie mittels einfacher Tragen über die Brücke. Irdarian fand, dass niemand den Eindruck erweckte, Teil eines hinterlistigen Plans zu sein, um unter dem Vorwand des Gefangenenaustauschs die Befestigung der Märker zu stürmen. Mit ihrem Schweigen teilte Seraphén Irdarians Ansicht.
„Gebt die Verwundeten frei und kehrt zurück“, forderte Irdarian die Cherusker auf.
