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Bob Dylan ist der einflussreichste Rockmusiker und Songpoet seiner Generation. In seinem Buch "Bob Dylan & Black America" stellt Autor Thomas Waldherr dar, wie vielfältig die Verflechtungen von Dylans Werk und Wirken mit der afroamerikanischen Community und ihrer Kultur sind. Waldherr schlägt dabei einen Bogen von den frühen Bürgerrechtssongs in den 1960er Jahren, über sein Engagement für schwarze Persönlichkeiten wie dem Boxer "Rubin Hurricane" Carter, bis hin zu Ausflügen in Hip Hop, Soul und Jazz. Er zeigt auf, dass Bob Dylan das durch Rassenschranken gespaltene Amerika in seinem künstlerischen Werk und in seinem Leben vereint.
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Seitenzahl: 94
Veröffentlichungsjahr: 2021
Thomas Waldherr
Bob Dylan & Black America
Zu den vielfältigen Verflechtungen von Bob Dylans Werk und Wirken mit der afroamerikanischen Community und ihrer Kultur. Ein popkulturelles Essay.
© 2021 Thomas Waldherr
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback: 978-3-347-25833-4
e-Book: 978-3-347-25835-8
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DANKE!
Mein Dank gilt natürlich zu allererst meiner Frau Andrea Goldschmidt, die mir mit Rat und Tat und Korrekturen bei diesem Buch geholfen hat.
Und dann danke ich all denen, die mich seit meinen frühesten Anfängen als Dylan-Fan und später als Musikjournalist und Autor geprägt haben, und von denen einige leider nicht mehr leben wie Liederschmitt, Robert Shelton, Günter Amendt und Paul Williams. Mein Dank gilt ganz besonders Greil Marcus, Elijah Wald und Heinrich Detering, die mich mit jeder neuen Schrift, die sie veröffentlichen, bereichern.
Und ich danke denen, die zu diesem Buch beigetragen haben, indem sie meinen musikalischen Horizont erweitert haben:
Tom Schroeder, Dr. Florian Pfeil, Klaus Walter.
Bob Dylan & Black America
Einleitung
1. No Colors in Hibbing
2. Folk Revival & Civil Rights Movement
3. Die schwarzen Wurzeln der "Basement Tapes"
4. Black Panther & The Hurricane
5. From Black Soul to Black Gospel
6. Rappers Delight
7. Dixie-bound
8. A Change Is Gonna Come I
9. A Change Is Gonna Come II
10. "A Great African American Artist"
11. Rough And Rowdy Ways
12. Schlußwort
Anhang:
Bob Dylan & Black America – Eine Playlist
Literaturliste
Einleitung
Amerika ist nicht zu verstehen, ohne die wichtige Rolle der Populärkultur, die sich grundlegend aus den vielfältigen Formen der Migration in dieses große Land speist. Und in dieser Populärkultur ist es wiederum die Musik, die zur Ausdrucksform der Vielfalt der Menschen geworden ist. Bob Dylan ist mit seinem Werk so etwas wie ein Schmelztiegel dieser Musik und daher ein lohnendes Forschungsobjekt für gesellschaftpolitisch ausgerichteten Musikjournalismus.
Vor einigen Jahren habe ich mein erstes Dylan-Buch geschrieben: „I'm in a Cowboy Band“. Es beschäftigte sich mit dem Verhältnis von Bob Dylan zur Countrymusik, die ja vordergründig gesellschaftspolitisch konservativ verortet ist.
Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen und ein neues Thema hat sich in den Fokus geschoben. Wer über Americana, Folk, Rock und Country spricht, der darf die großen und wichtigen afroamerikanischen Beiträge zu dieser Kultur nicht verschweigen. Diese Erkenntnis ist mir wichtig und gilt auch für meinen Lieblingsmusiker Bob Dylan, dem ich mich nun schon seit weit mehr als vierzig Jahren verschrieben habe.
Die Entdeckung der Musik der „Carolina Chocolate Drops“, mit Rhiannon Giddens und Dom Flemons, rückte die afroamerikanischen Wurzeln der Countrymusik in mein Blickfeld. In zwei großen Artikeln in der deutschen Musikzeitschrift Folker und einigen Veröffentlichungen auf www.country.de habe ich mich unter historischen und aktuellen Gesichtspunkten mit dem Thema befasst.
Grundeinsicht war und ist, dass die Countrymusik gar nicht ohne ihre afroamerikanischen Wurzeln und Beiträge denkbar ist. Weiße und schwarze Old Time- und Hillbillymusiker haben immer wieder die damals geltende Rassentrennung unterlaufen und sich gegenseitig musikalisch befruchtet. Aber aufgrund der Machtverhältnisse und der Jim Crow-Gesetze wurde die Musik nach Entstehen der Tonträgerindustrie separiert. Hier die weiße Countrymusik, dort die schwarzen „Race Records“. Völlig ungeachtet dessen, dass Schwarze im Süden auch Countrymusik hörten. Sie waren aber wegen ihrer mangelnden Kaufkraft und der Rassentrennung keine potentiellen Kunden.
So entwickelte sich das Country Business zu einer fast völlig weißen Angelegenheit. In den frühen 1940er Jahren wurde das letzte Relikt einer anderen Zeit, der schwarze Mundharmonikaspieler DeFord Bailey, aus der Live-Radioshow Grand Ole Opry entfernt. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis mit Charley Pride dort wieder ein schwarzer Countrystar auftrat.
Wieder Jahrzehnte später – es war die Zeit der Präsidentschaft von Barack Obama – hatten sowohl Darius Rucker und Mickey Guyton, als auch die Carolina Chocolate Drops und Rhiannon Giddens Auftritte in der Radioshow. Darius Rucker wurde 2012 als Mitglied in die Grand Ole Opry aufgenommen, der erst dritte schwarze Countrystar dem dies zuteil wurde. Und bei den CMA Awards 2016 sorgten zwei Crossover-Auftritte für Furore. Rhiannon Giddens im Duett mit Eric Church sowie die Kollaboration der Dixie Chicks mit Beyoncé. Gerade letztere wurde wegen der klaren Einordnung in R&B und Pop – Rhiannon Giddens dagegen macht Roots Music – sehr kontrovers aufgenommen. Wobei musikalische Einordnungen immer gerne dort vorgeschoben werden, wo es eigentlich um Rassismus geht.
Nachdem dieser kurze Frühling in der Trump-Zeit verpufft war, waren es 2019 Lil Nas X und Blanco Brown, die mit Hybriden aus Country und Hip-Hop Charts-Erfolge feierten und das Country Business tüchtig aufmischten. Doch bereits vorher hatte Dom Flemons mit seinem Album „Black Cowboys“ an die schwarzen Einflüsse auf die Country- und Western-Kultur erinnert. Und 2020 zog dann noch die R&B- und Soul-Legende Swamp Dogg mit einem Country-Album nach. Die Zeit war reif: Black America fordert sein Recht auf Countrymusik.
Obwohl ich zeitlebens weitaus mehr Folk-, Rock- und Countrymusik gehört habe als Blues, Jazz, Soul oder Hip-Hop, hat mich in den letzten Jahren die Geschichte dieser musikalischen Ausdrucksformen der Black Community in Amerika immer stärker fasziniert. Mein Verständnishorizont wurde erweitert. Einen großen Anteil daran hat die Zusammenarbeit mit Dr. Florian Pfeil für unsere gemeinsamen Seminare zu „Musik und Politik“ und dessen brillante Vermittlung seiner profunden Kenntnisse auf diesem Gebiet.
Und da habe ich, ähnlich wie bei der Countrymusik, nun auch für die „Black Music“ bei Dylan nach Einflüssen auf ihn und Einflüssen von ihm geforscht. Und wieder hat sich eine ganze Welt geöffnet. Und wieder habe ich neue Einsichten gewonnen. Und diese gehen weit über die Binsenweisheiten „des Blues als eine Wurzel seines Werkes“ oder seiner „Civil Right Songs“ als Beweis seiner Parteinahme für die Schwarzen hinaus.
Bob Dylan ist seine ganze Karriere über in vielfältiger Weise künstlerisch, gesellschaftlich, politisch, spirituell und menschlich konkret mit der Black Community Amerikas verbunden. Der weiße jüdische Junge, der die Folk-, Blues-, Rock- und Countrymusik als seine künstlerische Ausdrucksweise entdeckte, hat auch enge Beziehungen zu Gospel, Soul, Hip-Hop und deren künstlerischen Protagonisten entwickelt. Er besitzt ein Gespür für Rassismus in Alltag, Politik und Justiz. Er hat mit Pete Seeger dafür geworben, dass Schwarze wählen gehen und war kurzzeitig mit den Black Panther liiert. Er hat nicht nur Emmett Till, Hattie Caroll, George Jackson und Hurricane Carter besungen, sondern auch mit schwarzen Sängerinnen Black Gospel und mit Kurtis Blow Rap aufgenommen. Odetta brachte ihn zum Folk, er war in Mavis Staples verliebt und mit Carolyn Dennis verheiratet, mit der er eine gemeinsame Tochter hat. Bedeutende afroamerikanische Künstler wie Solomon Burke oder Marion Williams haben seine Lieder gesungen. Er schätzte Nina Simone und Etta James und wurde von ihnen geschätzt. Er hat Sam Cooke beeinflusst und ihn, das Apollo Theatre und Little Richard geehrt. Und er hat für Präsident Barack Obama im Weißen Haus gespielt und wurde von ihm mit der „Presidental Medal Of Freedom“, der ranghöchsten zivilen Ehrung der Vereinigten Staaten, ausgezeichnet. Er, der sich immer zu den Underdogs hingezogen fühlte, hat einen ganz selbstverständlichen und vielfältigen Umgang mit afroamerikanischen Menschen gepflegt. „I was born on the wrong side of the railroad track“, singt er in „Key West“ vom Album „Rough And Rowdy Ways". Da wo die Schwarzen, die Armen und die Außenseiter wohnen.
Die vielfältigen Beziehungen Dylans zur Black Community möchte ich in diesem Buch darstellen. Auch hier geht es mir wieder nicht um Faktenhuberei und Daten-Overkill, das überlasse ich den Datensammlern, Tabellen-Freaks und Ranking-Begeisterten. Auch auf Fußnoten und einen großen Apparat verzichte ich weitgehend. Ich versuche die großen Linien journalistisch und essayistisch zu zeichnen, um beizutragen, auf ein nicht so ganz bekanntes Kapitel von Dylans Wirken aufmerksam zu machen. Und um damit letztlich eine meiner Meinung nach wichtige Komponente zum Verständnis der Verortung des Songpoeten und Musikers Bob Dylan in der amerikanischen Populärkultur herauszuarbeiten.
1. No Colors in Hibbing
Hibbing, in Minnesota nahe der kanadischen Grenze gelegen, wurde 1893 von Frank Hibbing gegründet. Der in Walsrode bei Hannover geborene deutsche Auswanderer – eigentlich Franz Dietrich von Ahlen – entdeckte hier in seiner Wahlheimat Eisen im Boden. Bald darauf siedelten sich eine ganze Reihe Bergbauunternehmen an und Frank Hibbing hatte ausgesorgt, konnte seinen Reichtum aber auch nur noch fünf Jahre genießen, bevor er starb. Der Tagebau dehnt sich so weit aus, dass die ganze Gegend als großes Eisenvorkommen unter dem Namen „Iron Range“ bekannt wurde.
Besiedelt wurde die Stadt von skandinavischen, deutschen, polnischen, tschechischen und italienischen Einwanderern. Noch heute stellt die African American Community nur knapp ein halbes Prozent der Bevölkerung. Vorwiegend waren die Bewohner der Stadt vor allem katholischen und evangelischen Glaubens, verteilt auf die verschiedenen amerikanischen Kirchen. Juden gab es in Hibbing ebenso wenige wie Schwarze. Die Stadt war zum größten Teil weiß. Zu 97,7 Prozent zu Bobby Zimmermans Jugend, wie Ian Bell in seiner Bob Dylan-Biografie „Once Upon A Time: The Lives Of Bob Dylan“ darlegt.
Bob Zimmermans jüdisches Erbe
Bob Dylans Großeltern mütterlicherseits – Ben und Florence Stone – waren 1902 aus Litauen eingewanderte Juden, seine ebenfalls jüdischen Großeltern väterlicherseits – Zigman und Anna Zimmerman – kamen 1905 aus dem Russischen Reich, genauer aus Odessa an der Schwarzmeerküste in die USA. Sie flohen vor den antijüdischen Pogromen in die neue Welt. Die Mutter seines Vaters, so schrieb es Dylan in seinen Chronicles, stammte ursprünglich aus der Nordost-Türkei, nahe der Grenze zu Armenien.
Bobs Vater Abe war 1920 in Duluth Augenzeuge eines Lynchmordes an drei jungen schwarzen Zirkusarbeitern. Wie musste das auf die Familie Zimmerman wirken? In die neue Welt geflohen, um der antisemitischen Gewalt in Russland zu entgehen, und nun solche rassistischen Gewalttaten mitansehen zu müssen? Abe Zimmerman erzählte diese Geschichte, so ist es verbürgt, seinem Sohn Robert. Wie hat Dylan das verarbeitet? Später nimmt er die besonders drastisch-surreale Begebenheit, dass bei diesem wie bei vielen anderen Lynchmorden Teilnehmer beziehungsweise Schaulustige Postkarten mit Bildern der Hinrichtung verkauften, als Auftakt für sein Alptraum-Song-Gemälde „Desolation Row“: "They selling postcards of the hanging". Übt Dylan Solidarität mit den Schwarzen als Solidarität unter Verfolgten?
Wie auch immer, der Vorgang war sinnbildlich für die Lebensrealität von Juden in den USA. Entflohen vor den Verfolgungen in Europa mussten sie in der neuen Welt feststellen, dass Rassismus und Antisemitismus und seine Stereotypen, Vorurteile und Verschwörungstheorien auch hier fröhliche Urstände feierten. Denn Rassismus und Antisemitismus waren auch in den USA weit verbreitet und seine Träger waren in der Zwischenkriegszeit nicht nur der Ku-Klux-Klan, sondern auch solche amerikanische „Helden“ wie Auto-Mogul Henry Ford, Flieger-As Charles Lindbergh oder der katholische Radioprediger Charles Coughlin.
So überrascht es nicht, dass Juden sich oftmals für die Rechte der Afroamerikaner einsetzten, auch um den gegen sie gerichteten Rassismus zu bekämpfen. So wurde eine der wichtigsten Bürgerrechtsorganisationen, die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), von Juden mitbegründet und kooperierte in den 1950er Jahren mit der jüdischen Anti-Defamation League (ADL). Diese Erfahrungen haben sicher auch ihren Einfluss auf die Erziehung Dylans und auf seinen vorurteilsfreien, empathischen Umgang mit afroamerikanischen Menschen gehabt.
