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Brainspotting erfährt in der Psychotherapie zunehmend Aufmerksamkeit. Als körperorientierte Therapieform setzt das Vorgehen stark auf neurobiologische Prozesse. Brainspotting nutzt die Augen als eine Art Scanner der inneren Welt: Man geht davon aus, dass therapierelevante physiologische Prozesse und emotionale Empfindungen mit bestimmten Augenpositionen korrespondieren und über das Gesichtsfeld zielgerichtet aktiviert werden können. In der Behandlung ermöglicht Brainspotting eine verbesserte Selbstregulation – Blockaden werden gelöst, Symptome können integriert, Emotionen und Erinnerungen besser be- und verarbeitet werden. Eingebettet in die persönliche Beziehung zwischen Behandler:in und Klient:in, machen Gehirn und Körper die Lernerfahrung: Wenn ich dies oder jenes im Hier und Jetzt (noch einmal) erlebe oder spüre, passiert mir nichts. Die erfahrene Psychologin und Psychotherapeutin Monika Baumann erklärt anschaulich und klar die Grundlagen des Brainspotting und fokussiert darauf, wie die Technik unter Einbezug des Körpergefühls und der visuellen Orientierung in jegliche Art von Behandlung eingebettet werden kann. Den praktischen Kern des Buches bildet die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie die Teilearbeit mit Erwachsenen.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2023
Für meinen Mann José Luis undmeine drei Töchter Carolina, Claudia und Cristina.Sie inspirieren und inspirierten mich!
Monika Baumann
Belastungen verarbeiten – Selbstheilungskräfte unterstützen mit Kindern, Jugendlichen und jüngeren inneren Anteilen
Mit einem Vorwort von Martha S. Jacobiund einem Beitrag von David Grand
2023
Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)
Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)
Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)
Tom Levold (Köln)
Dr. Kurt Ludewig (Münster)
Dr. Burkhard Peter (München)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)
Jakob R. Schneider (München)
Prof. Dr. Jochen Schweitzer † (Heidelberg)
Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)
Dr. Therese Steiner (Embrach)
Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin † (Heidelberg)
Karsten Trebesch (Berlin)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)
Themenreihe »Reden reicht nicht!?«
hrsg. von Michael Bohne, Gunther Schmidt, Bernhard Trenkle
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Umschlaggestaltung: B. Charlotte Ulrich
Umschlagfoto: © Ulla Hasen • www.instagram.com/ulla_hasen_wien
Redaktion: Sabine Ebersberger, Veronika Licher
Satz: Drißner-Design u. DTP, Meßstetten
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage, 2023
ISBN 978-3-8497-0476-6 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8459-1 (ePUB)
© 2023 Carl-Auer-Systeme Verlag
und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg
Alle Rechte vorbehalten
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Carl-Auer Verlag GmbH
Vangerowstraße 14 • 69115 Heidelberg
Tel. +49 6221 6438-0 • Fax +49 6221 6438-22
Vorwort
Einleitung
Wie alles begann …
Teil I: Theoretische Grundlagen und praktisches Vorgehen
1 Einführung in Brainspotting
1.1 Was ist Brainspotting?
1.2 Die Entdeckung durch David Grand
1.3 Wie funktioniert Brainspotting?
1.4 Was passiert bei einer Brainspotting-Sitzung?
1.5 Exemplarischer Ablauf einer Brainspotting-Sitzung
2 Vom Beginnen bis zum Beenden einer Brainspotting-Sitzung: Ablauf, Instrumente und Prozess
2.1 Der Beginn
2.1.1 Erklärungen zur Auflösung von Traumasymptomen
2.1.2 Vorschläge zur Erklärung von Brainspotting
2.1.3 Den passenden »haltenden Rahmen« setzen
2.2 Instrumente und Grundhaltungen
2.2.1 Der Pointer
2.2.2 Verwendung einer Belastungsskala
2.2.3 Körperempfindungen
2.2.4 BioLaterale Musik
2.2.5 Aktivierungs- versus Ressourcenzugang
2.2.6 Äußeres Fenster, inneres Fenster, Gazespotting
2.2.7 Die Kraft der »Flexibilität und des Anpassens«
2.3 Der Verarbeitungsprozess
2.4 Der Abschluss einer Brainspotting-Sitzung
2.4.1 »Merk-Male« finden
2.4.2 Die »Zitrone auspressen«
2.5 Ein Versuch, den Brainspotting-Prozess visuell darzustellen
2.6 FAQs zur praktischen Anwendung von Brainspotting
2.7 Überleitung zum Hauptteil
Teil II: Brainspotting mit Kindern und Jugendlichen
3 Brainspotting mit Kindern und Jugendlichen
4 Vom Anfang bis zum Beenden einer Brainspotting-Sitzung mit Kindern und Jugendlichen
4.1 Der Beginn
4.1.1 Brainspotting jungen Menschen erklären
4.2 Den passenden »haltenden Rahmen« setzen
4.2.1 Der neurobiologische Rahmen
4.2.2 Der beziehungsorientierte Rahmen
4.3 Besondere Instrumente und Grundhaltungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
4.3.1 Der Pointer
4.3.2 Verwendung der Belastungsskala bei Kindern und Jugendlichen
4.3.3 Körperempfindungen
4.3.4 BioLaterale Musik
4.3.5 Aktivierungs- versus Ressourcenzugang
4.3.6 Äußeres Fenster, inneres Fenster, Gazespotting und Spontaneität
4.3.7 Die Kraft der »Flexibilität und des Anpassens« und fortgeschrittene Zugangstechniken
4.3.8 Ressourcieren und Expandieren
4.4 Verarbeitungsprozesse mit Kindern und Jugendlichen
4.4.1 Was braucht ein Kind, um verarbeiten zu können?
4.4.2 Zugänge zur Verarbeitung über den Zeigestab oder kindgerechte andere Utensilien
4.4.3 Keine diagnosespezifische Brainspotting-Behandlung
4.4.4 Der »Doppeleffekt«
4.4.5 Die CrocoDuck als Beispiel für den Doppeleffekt
4.5 Der Abschluss einer Brainspotting-Sitzung
4.5.1 Das Ressourcengefühl festigen
4.5.2 »Die Zitrone auspressen«: langfristige Auswirkungen und Abschluss
5 Haltungen in der Brainspotting-Behandlung für die Arbeit mit jungen Klient:innen
5.1 Das Prinzip der Ungewissheit – eine besondere Fallgeschichte
5.2 Kreativität
5.2.1 Malen
5.2.2 Bausteine
5.2.3 Tanzen/Körperhaltung
5.2.4 Ko-kreatives Geschichtenerzählen
5.2.5 Geschichten vorlesen
5.3 Teilearbeit mit Kindern
5.3.1 Teilearbeit in verschiedenen Altersstufen
5.3.2 Arbeiten mit dem »inneren Kind«
5.4 Das Setting
5.4.1 Online-Brainspotting-Behandlungen von Kindern und Jugendlichen
5.4.2 Der »Rahmen im Rahmen«
5.4.3 Kollektives Trauma
5.4.4 Brainspotting mit Familien oder mehreren Klient:innen
5.4.5 Brainspotting-Behandlungen in Gruppen mit Kindern und Jugendlichen
Teil III: Ausblick
»Brainspotting als neuroexperienzielles Verarbeitungsmodell für Gesundung und Expansion« – Ein Vortrag von David Grand
Verbreiten der Brainspotting-Samen
Danksagung
Abbildungsverzeichnis
Literatur
Über die Autorin
Als ich Anfang Oktober 2014 den Anruf von David Grand entgegennahm, ahnte ich nicht, dass mein »Ja« zu seiner Bitte, mein Haus für ein Wochenende für eine Brainspotting-Trainerin in Ausbildung zu öffnen, mein Leben verändern und dazu beitragen würde, Kindern auf der ganzen Welt Brainspotting zugänglich zu machen. Monika Baumann reiste mit weniger als ein paar Tagen Vorlaufzeit aus Paraguay, dem Heimatland ihres Mannes, nach New York, um zu lernen, wie man Brainspotting anderen beibringen kann.
Zwei Tage lang saßen meine Kollegen und ich in Davids Büro in Manhattan und sprachen stundenlang über Brainspotting. Monika und ich setzten diese Gespräche auf unseren U-Bahn-Fahrten in und aus Queens, bei Kaffee, Frühstück und Abendessen und bis spät in die Nacht fort. Wir entdeckten Parallelen in unserem Berufsleben und entwickelten eine tiefe Freundschaft sowie eine Kollegialität, sodass wir uns heute nicht immer daran erinnern können, welche Ideen von wem stammten. Seitdem haben wir gemeinsam, persönlich oder online, in Brasilien, Paraguay, Österreich, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten unterrichtet und mehrere Artikel und Kapitel über Brainspotting mit Kindern und Jugendlichen verfasst. Wir konnten Klinikern auf der ganzen Welt Beratungen und Tutorials zur Anwendung von Brainspotting mit Kindern zur Verfügung stellen, da internetbasierte Videoanrufe inzwischen zugänglich, einigermaßen zuverlässig und erschwinglich geworden sind, selbst in Gebieten, die früher als zu abgelegen galten.
In diesem Buch werden Sie durch Monikas Augen und aus ihrer umfangreichen Praxiserfahrung heraus von unserer Reise lesen, die sich über zwei Kontinente, drei Sprachen und mehr als zwei Jahrzehnte engagierter Arbeit mit Kindern erstreckt. Sie erfahren auch, wie Monika die Teilearbeit bei Kindern sowie bei Erwachsenen weiterentwickelte, indem sie mehrere Brainspotting-Anleitungen konzipierte, die mit Klienten über das gesamte Altersspektrum hinweg und unabhängig von der Entwicklungsstufe effektiv eingesetzt werden können. Von ihrer Privatpraxis in Wien, Österreich, bis hin zu ihrer ehrenamtlichen Arbeit mit obdachlosen und verwaisten Kindern in Paraguay wird dieses Buch die transformative Kraft von Brainspotting beschreiben, die Regeneration für die zutiefst verwundeten jungen Menschen bringt. Zahlreiche Fallbeispiele, von der jugendlichen Profi-Schlittschuhläuferin, in deren Therapiesitzung David Grand das Brainspotting entdeckte, bis hin zu den Jüngsten und sogar Säuglingen, zeigen die Breite der möglichen Brainspotting-Anwendung und veranschaulichen die neurowissenschaftlichen und entwicklungspsychologischen Theorien.
Monika Baumann bringt in dieses Buch eine Fülle von Wissen und Erfahrung in der Arbeit mit traumatisierten Kindern und ihren Familien ein. Ergänzend zu ihrer Ausbildung zur systemischen Neuropsychologin an der Universität Wien erhielt sie ein Stipendium für ein dreimonatiges Praktikum unter der Leitung von Dr. Jerilynn Radcliffe am Children’s Hospital of Philadelphia (Pennsylvania, USA). Weiters studierte sie an der Lehranstalt für Systemische Familientherapie in Wien. Während sie ihre Praxis in Wien weiterführte, bekam Monika, ausgehend von diesem urbanen, vorstädtischen Erfahrungshintergrund, einen weiteren tiefen Einblick in die manchmal rauen Lebensbedingungen sowie in die kulturell unterschiedliche Herangehensweise bei der Einstimmung auf Herz- und Körperverbindung mit Kindern und Familien in Paraguay. Ihre anspruchsvolle Arbeit in Südamerika brachte Monika auf die Idee, mit kulturübergreifenden Metaphern und Tierarten die sogenannten CrocoDuck VariPets® zu entwickeln. Der spielerische Einsatz dieser pädagogischen Stofftiere, kombiniert mit ihrem Talent für das Geschichtenerzählen, wurde so zu einem weiteren projektiven therapeutischen Werkzeug in ihrer Arbeit mit Kindern. Dabei ist es mir wichtig, auch die Liebe und Unterstützung ihres Mannes Luis und ihrer drei Töchter Carolina, Claudia und Cristina zu erwähnen. Die CrocoDuck Varipets® sind eine Familienangelegenheit im Hause Baumann. Die Familie war in jedem Entwicklungsschritt involviert und half dabei, den Varipets® Leben einzuhauchen und sie Realität werden zu lassen. Die Stofftiere kommen nun in der Ausbildung von Brainspotting-Therapeuten auf der ganzen Welt zum Einsatz. Zukünftige Therapeuten lernen damit, Brainspotting mit Kindern anzuwenden, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf Kliniker gelegt wird, die in von Armut betroffen Ländern arbeiten.
Die Fallbeispiele und Kommentare in diesem Buch werden Brainspotting-Anwender und alle, die mit Kindern arbeiten und leben, erfreuen, ermutigen und herausfordern, neue Wege zu finden, um den jungen Menschen zu helfen, sich von den Wunden zu erholen, die ihr Leben mit sich gebracht hat. In diesem Buch erwarten Sie Inspirationen, die Sie motivieren werden, Ihre Praxis mit Kreativität und Freude weiterzuentwickeln. Viel Spaß beim Lesen.
Danke, Monika, für die bisherige gemeinsame Reise! Wir folgen dem Schweif unserer kleinsten Kometen. Wer weiß, wohin die Zukunft führen wird …
Dr. Martha S. Jacobi
New York City, November 2020
»Wohin man schaut, beeinflusst, wie man sich fühlt!«1
David Grand
Als David Grand, ein New Yorker Psychoanalytiker, an einem Aprilmorgen des Jahres 2003 in sein Büro ging, hatte er noch keine Ahnung, dass dieser Tag für sein Leben und das vieler anderer bahnbrechend sein würde. In seiner Praxis hatte er damals bereits eineinhalb Jahre mit einer jungen Sportlerin gearbeitet. Sie hatte eine traumatische Familiengeschichte und eine Blockade, den dreifachen Rittberger auf dem Eis zu springen. David Grand setzte damals verschiedene Techniken ein, die das visuelle Feld miteinbeziehen, darunter auch EMDR. Er hatte in dieser zukunftsweisenden Sitzung seinen Finger vor den Augen der Klientin hin- und herbewegt, bis diese plötzlich heftig blinzelten. Die unerwartete Reaktion ließ Davids Finger in der Bewegung innehalten. Die Klientin erzählte daraufhin viel traumatisches Material. Er kannte das Berichtete zwar teilweise, diesmal ging es allerdings um einiges tiefer als zuvor. Weiters kam in dieser Sitzung auch neues traumatisches Material zutage. Zunächst nahm er das nur für sich wahr, das Spannende war jedoch, dass die Eiskunstläuferin ihn am nächsten Tag anrief und begeistert berichtete: »David, ich weiß nicht, was gestern passiert ist, aber ich mache den Rittberger – immer und immer wieder!« Das bestätigte den aufmerksamen Therapeuten David Grand darin, dass er am Vortag etwas Besonderes entdeckt hatte.
Was David Grand intuitiv gemacht hatte, war, einen Punkt im visuellen Feld zu lokalisieren, an dem das Gegenüber eine reflektorische Reaktion zeigt. Dies erklärt Brainspotting, wie er seine Entdeckung später nannte, bereits in seiner Basis. Grand leitete damals eine Gruppe von Supervisor:innen, denen er von der Sitzung mit der Athletin erzählt und die er gebeten hatte, diese Handhabung auszuprobieren. Das taten sie und erlebten es ebenfalls als sehr kraftvolle Art des therapeutischen Arbeitens. So ist aus Grands erster Entdeckung relativ schnell eine wunderbare Methode gewachsen. Heute nimmt man zur Suche nach dem sogenannten Brainspot einen Zeigestab, den (aus dem Englischen übernommenen) Pointer, zu Hilfe. Mit diesem wird das visuelle Feld der Klient:innen langsam abgescannt. Der Punkt, an dem die belastende oder angenehme Reaktion auf das Thema am intensivsten ist oder an dem die Klient:innen arbeiten möchten, wird als Brainspot definiert.
In der Zwischenzeit haben sich viele weitere technische Zugänge innerhalb von Brainspotting entwickelt. Aber die Basis bleibt stets: ein Körpergefühl, eine Emotion und einen Blickpunkt miteinander zu verbinden, um etwas Unverarbeitetes so zu integrieren, dass dies nicht mehr oder nur noch in geringerem Ausmaß belastet. Das Gehirn bekommt die Möglichkeit dazuzulernen: »Wenn ich erneut hinschaue, passiert mir nichts.« Diese neue Erfahrung kann eine Blockade auflösen, eine Traumaintegration erlauben.
Brainspotting ist eine Technik, die in viele Gesundheitsberufe integriert werden kann. Psychotherapeut:innen, Psycholog:innen und Ärzt:innen wenden sie an, aber auch in anderen heilenden Berufsfeldern kommt die effektive Methode zum Einsatz. Detailinformationen, welche Berufsgruppen genau zugelassen sind, können über die jeweiligen Institutionen und ihre Länderwebseiten abgerufen werden.
Vor ein paar Jahren verbrachte ich einige Zeit mit meiner Familie in Paraguay. Ich half damals in einer kleinen Schule als »Psychologin für alles« aus. Eine Kollegin aus Wien kam zu Besuch, die ich in Bezug auf zwei »Sorgenkinder« um Rat bat. Sie meinte, für die beiden Betroffenen wäre wohl Brainspotting am besten. Ich fragte mich ernsthaft, ob ein Behandlungsverfahren mit einem »Stab« wirken könne. Dennoch, ich wurde neugierig und begann zu recherchieren. Nachdem ich schon einige Traumaverarbeitungsmethoden kennengelernt hatte, schien mir die Verbindung von Augen, Emotion und Körper durchaus plausibel. Es dauerte nicht lange und nur wenige Wochen später befand ich mich in einem Ausbildungskurs von Dr. David Grand in Europa. Auf meine Frage, ob man diese Methode auch mit Kindern und Jugendlichen anwenden könne, antwortete er mit einem ermutigenden Lächeln: »Ich habe von ersten Erfolgen gehört, am besten du probierst es aus und lässt mich dann wissen, wie es dir ging.« Das war genau, was ich dann tat.
Ich gewann rasch Vertrauen ins Brainspotting und arbeitete mit Erwachsenen und Kindern jeden Alters. Die Erfahrungen, die ich damit machen durfte und weiterhin mache, teile ich nicht nur mit Dr. Grand, sondern auch mit Fachkräften aus der ganzen Welt.
Das vorliegende Buch besteht aus drei Abschnitten. Die ersten beiden Abschnitte orientieren sich am Ablauf einer Brainspotting-Sitzung: vom ersten Kontakt bis hin zum Beenden der Brainspottinganwendung, mit all ihren Facetten. In Teil I des Buches werden die theoretischen Grundlagen, das praktische Vorgehen und die wichtigsten Begriffe zum Brainspotting allgemein erläutert. Dies dient als Grundlage für den Brainspotting-Zugang zu Kindern. Ein Abschnitt mit häufig gestellten Fragen und den entsprechenden Antworten (FAQs) rundet diesen Teil ab.
Teil II des Buches zeigt dann, wie Brainspotting mit Kindern und Jugendlichen angewendet werden kann und wie die Instrumente des Brainspottings adäquat an die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen angepasst werden können. In beiden Teilen geben zahlreiche Fallbeispiele einen Einblick in das praktische Arbeiten mit Brainspotting und demonstrieren, wie die Theorie in die Praxis übersetzt werden kann. Dabei dürfen Sie als Leser:in Ihrer Fantasie und Kreativität freien Lauf lassen und lernen, dass das Vertrauen in den Verarbeitungsprozess der Schlüssel zur Integration von Verletzungsspuren ist. Die beschriebenen Behandlungstechniken können auch in die Arbeit mit Erwachsenen beziehungsweise mit jüngeren inneren Anteilen integriert werden.
Teil III des Buches enthält eine Rede von David Grand aus dem Jahr 2021, in der er sein »neuroexperienzielles Verarbeitungsmodell« vorstellt. Hier erfahren Sie, wie Brainspotting subkortikale, unbewusst abgespeicherte neuronale Erfahrungen nutzt, um Verarbeitungsprozesse zu ermöglichen. In diesem Teil finden Sie zudem Hinweise zu Aus- bzw. Weiterbildungsmöglichkeiten in Brainspotting.
In diesem Buch erhalten Sie sowohl viele theoretische Informationen als auch praxisrelevante Anleitungen. Zudem empfehle ich Ihnen, bei der Anwendung von Brainspotting immer authentisch zu bleiben. Die besten Verarbeitungsprozesse sind jene, bei denen wir mit hingebungsvollem Vertrauen beobachten, wie sich Blockaden, Traumata und emotionale Belastungen im Gehirn des Gegenübers beginnen zu integrieren. Ich betone an dieser Stelle bereits den grundlegenden Wirkmechanismen von Brainspotting: die visuelle Orientierung, das Körpergefühl und die Emotion zu einem Symptom gemeinsam mit den Klient:innen zu aktivieren, um etwas bisher Unverarbeitetes so zu überwinden, dass es nicht mehr belastet. Diese Wirkweise werden Sie in vorliegendem Buch noch genauer kennenlernen. Aus ethischen und datenschutzrechtlichen Gründen wurde die Identität der in den Fallbeispielen beschriebenen Personen selbstverständlich so verändert, dass ein Erkennen nicht möglich ist.
Noch ein paar Worte zum Sprachgebrauch und meinem Bedürfnis, geschlechtergerecht schreiben zu wollen: Ab und zu geht das dann doch nicht so leicht von der Hand. Alles in diesem Buch soll für alle Menschen gelten, unabhängig von ihrem Geschlecht. Dazu werde ich abwechselnd von »ihm« oder »ihr« sprechen bzw. an geeigneten Stellen den sog. »Gender-Doppelpunkt« verwenden. In jedem Fall beziehe ich mich geschlechtsneutral auf alle Menschen.
Die Originalversion eines Teiles des hier vorliegenden Buches ist in englischer Sprache 2020 unter dem Titel Brainspotting with Children and Adolescents: An attuned treatment approach for effective brain-body healing erschienen. Das Übertragen der Inhalte in die deutsche Sprache habe ich als Herausforderung erlebt. Daher gilt mein Dank besonders Mag. Barbara Bauer, B. A. Julia Heiligenbrunner, Dr. Sabine Ebersberger und Dipl.-Inform. Veronika Licher, die mich großartig dabei unterstützt haben, die deutschsprachige Version ins Leben zu rufen.
Monika Baumann
Wien, im März 2023
1 I. O.: »Where you look affects how you feel!« (Alle Übersetzungen, auch im Folgenden, von Monika Baumann.)
»Wo wir uns nicht hinwenden, können wir nicht spüren.«2
Alter spanischer Spruch, frei übersetzt
Die Einführung zu diesem Buch ist in Zusammenarbeit mit meiner Kollegin und guten Freundin Dr. Martha S. Jacobi entstanden. Martha, eine erfahrene Brainspotting-Trainerin aus New York, und ich begannen – wie im Vorwort berichtet – gemeinsam das mehrtägige Training »Brainspotting für Kinder und Jugendliche« zu entwickeln. In dem Versuch, das Thema für dieses Buch »zu Papier zu bringen«, hat mich meine Kollegin Martha bei der Einleitung unterstützt, Brainspotting so allgemein zu erläutern, dass anschließend Teil II, in dem die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen erklärt wird, besser verstanden werden kann.
Hinter dem Begriff Brainspotting steht eine tiefenpsychologische und körperorientierte Methode, die über die Achse Gehirn–Körper–Visualisierung hilft, die Folgen von traumatischem Stress zu verarbeiten. Der Begriff setzt sich aus den englischsprachigen Wörtern brain (= Gehirn) und spotting (= etwas ausfindig machen) zusammen – was das Vorgehen auf den Punkt bringt: Im Brainspotting gehen wir davon aus, dass traumatische und belastende Gedächtnisinhalte in tieferen Gehirnstrukturen über die Blickrichtung aufgedeckt, aktiviert und verarbeitet werden können.
Brainspotting ist jedoch viel mehr als nur ein Verfahren in der Traumatherapie. Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass Brainspotting bei allen Auswirkungen von emotionalen und körperlichen Verletzungen anwendbar ist. Dazu gehören vielerlei Symptome und Verhaltensmuster, posttraumatische Belastungsstörungen, Krisensituationen oder psychosomatische Schmerzen. Wenn wir diese in ihrer Bedeutung anerkennen, als Stärke interpretieren und uns erlauben »hinzuschauen«, sind symptomatische Folgeerscheinungen, die unser Gehirn häufig zum Schutz entwickelt hat, nicht mehr (in diesem Ausmaß) notwendig. Wir erleben Brainspotting in jedem Behandlungsbereich so kraftvoll, dass es schwierig ist, es nicht nutzen, wenn man es einmal erlernt hat. Weltweit wird Brainspotting auch in unterschiedlichen beratenden Bereichen wie beispielsweise im Coaching, in der Mediation oder in der Physiotherapie eingesetzt.
Brainspotting scheint also tief im Nervensystem anzusetzen und kann zum Beispiel das Lösen von Blockaden, einen leichteren Umgang in schwierigen Situationen sowie Wohlbefinden ermöglichen. Es gibt viele Hinweise, dass Brainspotting es schafft, im Rahmen einer neurobiologischen und beziehungsmäßig abgestimmten zwischenmenschlichen Begegnung die angeborenen Fähigkeiten des Gehirns zu aktivieren und so Selbstheilungskräfte in Gang zu setzen. Die Gehirn-Körper-Aktivierung einer Person zu einem bestimmten Thema wird dabei an eine bestimmte Augen- und Orientierungsposition, den sogenannten Brainspot, gekoppelt (vgl. Grand 2009a, 2009b, 2011, 2013; Jacobi 2020). Brainspots greifen auf neurophysiologische Systeme zu, die emotionale und/oder körperliche Erfahrungen festhalten, welche oft nicht mit Worten beschrieben werden können, jedoch durch eine Empfindung oder ein Gefühl im Körpergedächtnis gespeichert sind. Im Rahmen der einfühlsamen klinischen und auf den Klienten abgestimmten Beziehung öffnet der Brainspot diese abgespeicherten Erinnerungen (»Gedächtnisdateien«). Dies erlaubt dem Gehirn-Körper-System, sich als Ganzes neu zu regulieren, flexibel anzupassen und auf die Gegenwart auszurichten (vgl. Grand 2013). Wenn dies geschieht, lässt die vorangegangene Aktivierung der Belastung nach und die Person fühlt sich nicht nur besser, sondern kommt auch mit sich und ihrer Umwelt eher zurecht.
Brainspotting wurde, wie bereits erwähnt, 2003 von Dr. David Grand, einem Psychotherapeuten aus Long Island, New York, während einer Therapiesitzung mit einer jugendlichen Elite-Wettkampf-Eisläuferin entdeckt. Grand, der es selbst vorzieht, von Klient:innen und Auszubildenden »David« genannt zu werden, war zu dieser Zeit ein hoch qualifizierter und erfolgreicher Therapeut und internationaler Ausbilder. Er arbeitete zu diesem Zeitpunkt schon seit mehr als einem Jahr mit der 16-jährigen Karen und versuchte ihr bei einem Problem zu helfen, das ihrer Meinung nach ein einfacher Sprung beim Eislaufen sein sollte: der dreifache Rittberger, ein dreifacher Loop. Immer wenn Karen diesen Sprung versuchte, spürte sie, wie sie sagte, wie ihre Beine »taub« würden und sie ihr Programm vergäße. Karen hatte zuvor schon viele erlittene Traumata bearbeitet. Einige standen in direktem Zusammenhang mit dem Eislaufen, andere betrafen ihre Familie, die für sie belastende Folgen hatten. Im Großen und Ganzen ging es ihr besser und sie lief gut auf dem Eis, abgesehen von diesem einen Sprung. Ihr Unvermögen, den Dreifachrittberger im Wettkampf erfolgreich zu absolvieren, hinderte sie daran, ihre Hoffnungen, Träume und Ziele zu erreichen.
Eines Tages wandte David eine Variation einer »Mind-Body-Therapie« an, bei der Karen mit den Augen langsam und stetig Davids Finger folgen sollte. Dabei bewegten sich Davids Finger horizontal auf Karens Augenhöhe hin und her. Und plötzlich geschah etwas: Anstatt Davids Finger weiterhin langsam zu folgen, begannen Karens Augen an einem bestimmten Punkt wie fixiert stehen zu bleiben und zu flattern. David hielt genau an diesem Punkt inne. Später sagte er, er hatte das Gefühl, als ob seine eigene Hand und sein Arm ebenfalls an diesem Punkt »einrasteten«. Seine Hand und ihre Augen blieben etwa zehn Minuten an diesem Punkt und aus Karen entluden sich sturzflutartig traumatische Erinnerungen, Körperempfindungen und Emotionen. Danach nahm sie einen tiefen Atemzug und sie beide fragten sich, was da gerade passiert sei. Alles, was sie zu diesem Zeitpunkt wussten, war, dass Karen in dieser zehnminütigen Zeitspanne nicht nur zuvor nicht angesprochene Themen aufgegriffen, sondern auch Themen in einer neuen Tiefe verarbeitet hatte, von denen beide dachten, dass sie sie bereits bewältigt habe.
Am nächsten Morgen ging Karen wieder zum Eislauftraining. Als sie diesmal den Rittberger versuchte, landete sie zu ihrer Überraschung solide und sauber auf ihren Kufen. Es gelang ihr, alle Drehungen in der Luft perfekt auszuführen! Sie probierte es mehrere Male. Und wieder und wieder gelang es ihr. Aufgeregt rief sie David in seinem Büro an: »Ich habe ihn geschafft! Ich bin ihn gesprungen, immer und immer wieder!«
Was war anders gewesen in dieser Sitzung? Was geschah, als Karen und David instinktiv an dieser anscheinend wichtigen Augenposition innehielten?
David begann, auf ähnliche Augenreaktionen bei anderen Klient:innen zu achten. Er erzählte seinen Kolleg:innen, was passiert war, und ermutigte sie, bei ihren Klient:innen ebenso ihr Augenmerk darauf zu legen. In den nächsten Monaten kamen Berichte aus der ganzen Welt. Die Klient:innen verarbeiteten ihre Themen mit der fixierten Augenposition tiefer und gründlicher als zuvor.
Das Bemühen, die beziehungstechnischen und neurobiologischen Prozesse dieser zehn Minuten, die Karens Eislaufkünste und ihr Leben veränderten, zu ermitteln und zu verstehen, wurde seitdem kontinuierlich und unermüdlich fortgesetzt. Das gilt auch für das Bestreben, eine klare, einfache und spezifische wissenschaftliche Theorie des Brainspotting zu präsentieren, mit immer verfeinerteren Brainspotting-Techniken.
Seit der Entdeckung von Brainspotting sind inzwischen 20 Jahre vergangen und die Methode entwickelt sich stetig weiter. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Buches gibt es etwa 80 Brainspotting-Ausbilder:innen auf sechs Kontinenten und mehr als 16.000 ausgebildete Brainspotting-Therapeut:innen auf der ganzen Welt. Die wissenschaftliche Forschung, die die klinischen Ergebnisse über die Jahre bestätigt hat, nimmt weltweit stetig zu (z. B. Grand 2011, 2013; Grand u. Goldberg 2011; Corrigan a. Grand 2013; Corrigan, Grand a. Raju 2015; Hildebrand, Grand a. Stemmler 2015, 2017; Anderegg n. d.), wie auch die jüngsten Forschungsberichte zeigen (vgl. D’Antoni 2021; Palsimon Jr. 2022; Talbot, de la Salle a. Jaworska 2022).
Eine von der Gemeinde Sandy Hook in Newtown, Connecticut, nach einem Schulmassaker durchgeführte Studie zeigt, dass Brainspotting dort als die effektivste Behandlungsmethode für Erwachsene angegeben und als eine der vier effektivsten für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wahrgenommen wird (Newtown-Sandy Hook Community Foundation 2016).
Brainspotting erfordert eine Haltung des Nichtwissens bei zwischenmenschlichen Begegnungen, durch die es die noch unerforschten Tiefen des menschlichen Gehirns respektiert. In der Brainspotting-Fachsprache wird dies im Deutschen als das Ungewissheitsprinzip bezeichnet: Es wird nicht postuliert, was verarbeitet werden könnte, sondern es wird neugierig erwartet, was jeweils von den Klient:innen aus ihrer Geschichte aufgegriffen wird. Neurowissenschaftler:innen berichten, dass es im menschlichen Gehirn über eine Billiarde Verbindungen gibt. Das ist mehr als die Anzahl der bekannten Sterne im Universum! Und jedes Gehirn ist einzigartig. So verarbeitet jedes Gehirn anders und lediglich durch das therapeutische Vertrauen – die Haltung des Nichtwissens – kann das Gegenüber ganz seine eigenen Inhalte bringen und nicht jene, die die Therapeuten für sinnvoll erachteten.
Brainspotting-Therapeut:innen arbeiten also mit dem, was ihre Klien:tinnen in den Sitzungen zum Ausdruck bringen, und versuchen, ihnen den Zugang zu den tieferliegenden, subkortikalen Strukturen ihres Gehirn-Körper-Systems zu erleichtern. Hierbei wird darauf vertraut, dass das Gegenüber den für den therapeutischen Moment passenden Verarbeitungsprozess wählt. Sie tun dies, indem sie das Bewusstsein ihrer Klient:innen über die Gehirn-Körper-Aktivitäten mit einer relevanten Augen- und Orientierungsposition, dem Brainspot, verbinden. Die Klient:innen halten dabei ihren Blick auf die gefundene Brainspotposition, um Verarbeitungsprozesse anzustoßen, die der Integration belastender Erfahrungen und der Förderung von Selbstorganisation und -regulierung dienen.
Diese Orientierungspositionen (Brainspots) werden entweder durch ein Auge oder durch beide Augen lokalisiert. In den Brainspotting-Trainings lehren wir die Student:innen, diese Punkte über das sogenannte äußere Fenster zu finden (dazu mehr in Abschn. 2.2.6). Dabei beobachten wir die Reflexe der Klient:innen. Dies können unwillkürliche Reaktionsmuster sein wie Blinzeln, Augenzucken oder -flattern, Pupillenerweiterung, schnelles Atmen und subtile Veränderungen der Körperposition. Auch über das innere Fenster, bei dem der Klient von einer Körperempfindung (»felt sense«) berichtet (Gendlin 1976), oder das Gazespotting, den »Blick ins Leere«, eine natürlich vorkommende fixe Blickorientierung (Grand 2013; Wolfrum u. Baumann 2017), können Brainspots gefunden werden (vgl. Abschn. 2.2.6).
Brainspotting ist eine äußerst wirkungsvolle körper- und beziehungsorientierte Behandlungsmethode, indem »eingekapselte« emotionale sowie körperliche Schmerzen und Erfahrungen, Traumata, Dissoziationen und eine Vielzahl anderer herausfordernder Symptome identifiziert, verarbeitet und abgelöst werden können. Brainspotting ist gewissermaßen Diagnose und Behandlung gleichzeitig. David Grand beschreibt die Methode als tiefgreifend, direkt, kraftvoll und dennoch fokussiert und haltend und in fast allen Fachgebieten einsetzbar (vgl. Grand 2013).
Probieren Sie folgende Übung aus:
Denken Sie an etwas, das Sie ein wenig stört.Werden Sie sich dessen bewusst, wie sich Ihr Körper anfühlt. Wo in Ihrem Körper fühlen Sie etwas? Fühlen Sie etwas »aktiviert«?Auf einer Skala von 0 bis 10, wo würden Sie dieses »aktivierte« Körpergefühl einstufen? 10 ist hoch und 0 ist neutral.Nun schauen Sie einen Moment nach links. Wie fühlen Sie sich?Dann schauen Sie als Nächstes einen Moment geradeaus. Wie fühlen Sie sich hier?Dann schauen Sie bitte nach rechts. Wie fühlen Sie sich dabei?Vergleichen Sie, wie Sie sich in diesen drei Blickrichtungen fühlen. War eine stärker als die anderen? Haben Sie in einem Bereich Erleichterung verspürt, in den anderen aber nicht?Beobachten Sie einfach … Wo Sie hinsehen, kann einen Unterschied ausmachen darin, wie Sie sich fühlen.Das ist die Basis von Brainspotting.
Klient:innen kommen in eine Brainspotting-Sitzung wie auch in jede andere Therapie, weil etwas in ihrem Leben nicht so läuft, wie sie es sich wünschen. Dabei werden die Auswirkungen auf die Gegenwart sowie die Lebensgeschichte der Klient:innen einbezogen.
Therapeut:innen/Behandler:innen beginnen auf einfühlsame Art und Weise auf ihre Klient:innen einzugehen. Sie erklären alters- und kulturgerecht und der Lebenssituation entsprechend, wie unser Gehirn funktioniert. Was passiert, wenn eine Person in Gedanken und Verhaltensweisen, in Symptomen »feststeckt«? Idealerweise wird in der ersten Sitzung über Brainspotting und dessen Möglichkeiten gesprochen.
Der Unterschied zu anderen Therapiesitzungen besteht darin, dass in einer Brainspotting-Sitzung die Behandler:innen sehr genau darauf achten, was neurobiologisch über die Körpersprache sichtbar wird, wenn Klient:innen über den Grund sprechen, warum sie zur Behandlung kommen. Die Behandler:innen registrieren im Laufe des Gespräches für sich, falls Klient:innen spontan wiederholt in eine Richtung schauen.
Sobald die Klient:innen sich darüber im Klaren sind, welches Thema sie zu diesem Zeitpunkt bearbeiten möchten, bitten wir sie, sich auf die Körperwahrnehmung dazu zu konzentrieren (vgl. Abschn. 2.2.3). Danach erfolgt die sogenannte Skalierung: Die Klient:innen werden ersucht, auf einer Skala von 0 bis 10 die Intensität der Aktivierung bzw. der Belastung einzuordnen, wobei 0 neutral ist und 10 die höchste Aktivierung/Intensität darstellt (vgl. Abschn. 2.2.2).
Sobald die Klient:innen den Aktivierungspunkt in ihrem Körper identifiziert haben, wird ein entsprechender Brainspot im Außen dazu aufgespürt. Dieser ermöglicht es nun, Gehirnbereiche, Gehirnfunktionen zu adressieren, die an dieser Stelle bisher blockiert haben. Der Brainspot wird mithilfe eines Zeigestabs (vgl. Abschn. 2.2.1) oder über den »Blick ins Leere« lokalisiert. Die Klient:innen werden dann eingeladen, den Blick auf den lokalisierten Brainspot gerichtet zu halten, »nach innen zu gehen« und achtsam den eigenen inneren Prozess zu beobachten (vgl. Wolfrum u. Baumann 2017). An dieser Stelle setzt das Ungewissheitsprinzip ein. Die Verarbeitung wird von der Fachperson haltend begleitet.
Viele Brainspotting-Sitzungen verlaufen sehr ruhig. Klien:tinnen und Behandler:innen sprechen oft nicht viel. Von Therapeut:innenseite versuchen wir so wenig wie möglich in den Prozess einzugreifen, um die Klient:innen bei ihren Such- und Findungsprozessen nicht zu stören. In diesem genauen Beobachten der Körper- und Blickbewegungen, gepaart mit Schweigen und Stille, wird den Klient:innen tiefe Verarbeitung möglich.
Die Aufgabe der Therapeut:innen ist hier, den Rahmen zu halten, nicht wissend, was von den Klient:innen kommen wird. Die tiefe, beziehungsorientierte und neurobiologische Verbindung, die auf die Aktivierung/Belastung der Klient:innen abgestimmt ist, zusammen mit deren nach innen gerichtetem Blick- und Orientierungspunkt sowie einem äußeren Fixpunkt, unterstützt die Kompetenz der Klient:innen, sich neu zu regulieren, neu zu organisieren und den Selbstheilungsprozess anzustoßen. Oft sind während eines Verarbeitungsprozesses Klient:innen wie Fachkräfte erstaunt, was zur Verarbeitung »auftaucht«. Das Verarbeitete am Schluss einer Sitzung zu festigen und als Ressource mitzugeben, kann als posttraumatisches Wachstum bezeichnet werden.
Wie eine Brainspotting-Sitzung ganz praktisch aussehen kann, zeigt nachfolgendes Fallbeispiel (Abb. 1).
Abb. 1: Exemplarischer Ablauf einer Brainspotting-Sitzung (links im Bild die Therapeutin, die im Verlauf den Pointer hält)
1)
Es gibt einen Grund, mit dem Klient:innen zu uns kommen – oder wir aufeinandertreffen. Zunächst wird eine therapeutische, vertrauensvolle Beziehung hergestellt.
HERR B. kommt seit einiger Zeit in 14-tägigen Abständen zur psychologischen Behandlung. Seine depressive Verstimmung hat sich bereits durch mehrere Brainspotting-Sitzungen deutlich gebessert. Das gegenseitige Vertrauen in der fachlichen Beziehung darf als ausgezeichnet angenommen werden.
Für diese Sitzung wurde ausgemacht, an seinem häufigen nächtlichen Aufschrecken zu arbeiten.
2)
Das Thema oder Symptom wird besprochen.
Herr B. berichtet, dass er seit Jahren immer wieder in der Nacht hochschreckt und anschließend sehr lange braucht, um wieder einzuschlafen. Obwohl er das Leben an den Tagen danach gut meistert, erkennt er mit dem Älterwerden eine zunehmende Erschöpfung. Er kann sich diese Schlafstörung nicht genau erklären.
3)
An dieser Stelle kann die
SUD-Skala
3
von Wolpe eingesetzt werden mit der Frage: »Wie stark empfinden Sie die körperliche oder emotionale Belastung zwischen 0 und 10 derzeit?« (vgl. Wolpe 1969). Dann fragen Behandler:innen zum Beispiel: »Was spüren Sie denn jetzt gerade, wenn wir darüber sprechen?« Das heißt, wir verbinden das Symptom mit Körperempfindungen.
Nachdem Herr B. mir ausführlich über seine Schlafstörung erzählt hat, frage ich ihn, was er denn jetzt gerade, während er darüber spricht, im Körper empfindet. Er kann einen Druck in der Brust beschreiben. Auf einer Skala von 0 bis 10 stuft er diesen bei 7 ein.
4)
Das Symptom und ein damit einhergehendes Körpergefühl wurden so verknüpft. Anschließend wird visuell – mit dem Pointer oder durch äquivalente Möglichkeiten – nach dem Brainspot gesucht. Entlang der x–Achse wird auf Augenhöhe der Klient:innen das visuelle Feld von einer Seite zur anderen abgescannt. Wo eine reflektorische Antwort (Augenbewegungen, körperliche Reaktionen, Emotionen etc.) erkannt wird, wird der Brainspot mithilfe des Pointers fixiert. Während der Pointer an der x-Achse entlanggeführt wird, werden bei Herrn B. mehrere reflektorische Reaktionen beobachtet. An manchen Punkten zwinkert er heftig, an einem Punkt schreckt er mit dem Oberkörper zurück, an einem weiteren wirkt er sehr entspannt.
Es wird gemeinsam entschieden, dass der Zeiger-Ort, an dem Herr B. zurückgeschreckt ist, der ist, an dem er den Eindruck hat, am besten mit dem Thema arbeiten zu können.
5)
Anschließend werden die Klient:innen gebeten, auf den Zeigestab zu schauen. Diesen Moment, wenn die Klient:innen auf den Brainspot blicken, diesen emotional wie auch körperlich spüren, dies zulassen und von unserer Präsenz begleitet werden, bezeichnen wir als den
Verarbeitungsprozess
. Es ist spannend zu beobachten, dass dabei oft Erfahrungen auftauchen, bei welchen den Klient:innen gar nicht bewusst gewesen ist, dass diese mit dem eingebrachten Thema zusammenhängen (wie z. B. Kindheitserlebnisse). – In den nachfolgenden Kapiteln wird näher erklärt, warum das begleitende Schweigen von Brainspotting-Behandler:innen an dieser Stelle alles andere als ein Nichtstun ist.
Herr B. schaut zunächst lange auf die Spitze des Pointers und beschreibt, dass der Druck in der Brust steigt. Da er die Methode bereits kennt, weiß er, dass dies ein Weg zur Integration ist. Nach ca. 10 Minuten intensiven körperlichen Spürens erzählt er eine Begebenheit aus seiner Jugend. Dabei spricht er langsam und pausiert zwischendurch immer wieder.
