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„Um país de todos“, ein Land für alle. Großartiges Marketing eines Landes, das weiß zu verführen, aber auch zu blenden. Ein Brasilien-Buch ohne Karneval, Schönheitsoperationen, Samba, Fußball, Havaianas, Bulmenau-Oktoberfest und Urwald-Indianer, ohne Rio de Janeiro und São Paulo. Kein Problem. Brasilien bietet so viel mehr, wie die Hunsrückisch sprechenden deutschen Einwanderer rund um Novo Hamburgo, die kleinen muslimischen Gemeinden in Jundiaí und Recife oder NGOs schwarzer Frauen in Salvador. Die Hälfte der Geschichten stammt aus dem wenig bekannten und selten beschriebenen Bundesstaat Paraíba im Nordosten: Die Arbeitsgruppe „Folter-Karte“ der paraibanischen Wahrheitskommission, die fast klischeefreien Potiguara-Indianer an der Nordküste, die Regionalmusik Forró und das Schulsystem am Beispiel einer Privatschule in Campina Grande.
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Seitenzahl: 125
Veröffentlichungsjahr: 2014
www.tredition.de
Ekrem Eddy Güzeldere
Brasilien
fast ohne Klischees
www.tredition.de
© 2014 Ekrem Eddy Güzeldere
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7323-1521-5
Hardcover:
978-3-7323-1522-2
e-Book:
978-3-7323-1523-9
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Inhalt
Einleitung
Basisdaten zu Brasilien und Paraíba
Paraíba
Brasilien nach Protesten, der WM(-Niederlage) und Wahlen
Deutschbrasilianer und Hunsrückisch
Exkurs: Besuch bei den Pickbrenner-Mombergers
Islam in Brasilien
Muslime im Sündenpfuhl
Ramadan in Recife
Der Brasilianische Reisebericht Abdurrahman Efendis
Frauen in Brasilien: Gewalt und Diskriminierung
Isania Monteiro und die „Barbarei von Queimadas“
Salvadors Schwarze Frauen
Interview mit Valdecir Nascimento
Potiguara: Angezogene Indianer in Havaianas
Mehr als Garota de Ipanema
Leticce Akkordeons
Wunden öffnen - Brasilien und die Militärdiktatur
Schulsystem für reiche Großstädter
Nach der WM ist vor den Olympischen Spielen
Verwendete Literatur
Über den Autor
Para todos, brasileiros e estrangeiros, que lutam para que o Brasil se torne verdadeiramente um país de todos e para Saio, que abriu esse mundo para mim.
Einleitung
„Um país de todos“, ein Land für alle. Großartiges Marketing eines Landes, das zu verführen weiß, aber auch zu blenden. Eines der beliebtesten Länder der Welt, das „keine Feinde hat“, wie es der ehemalige Verteidigungsminister Nelson Jobim sagte. Im September 2011 stehe ich in Pirenópolis, einer alten Goldgräberstadt etwa drei Stunden Busfahrt von Brasilia entfernt vor einer hausgroßen Aufschrift mit diesem Slogan. Darunter „Governo Federal“, Bundesregierung. Ich lebe seit 2005 in der Türkei. Eine der größten Zeitungen des Landes begrüßt ihre Leser täglich mit „Die Türkei den Türken“, was in diesem multiethnischen Land zwar nicht der offizielle Slogan der Regierung ist, es aber durchaus sein könnte. In meiner Heimat Deutschland, wird immer noch diskutiert, ob man ein Einwanderungsland sei, bei etwa 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, Tendenz steigend. Brasilien postuliert ein anderes Selbstverständnis. Aber viele der bunten Slogans, Marketingsprüche und Versprechungen der Regierung sind eben nichts Anderes als Werbung. Die Realität hat damit wenig zu tun. Zwei Jahre später im historischen Stadtkern von João Pessoa sah ich ein Graffiti, das ich für den Umschlag benutzt habe. „Wenn Brasilien ein Land für alle ist, wo ist dann mein Teil?“
Ein Land voller Widersprüche. Aufstrebende Wirtschaftsmacht, emerging power oder failing five, BRIC(S)-Mitbegründer, gefeiert für sein Sozialprogramm Bolsa Familia, das aber auch deutlich macht, wie bettelarm die Unterschicht ist, sodass ihr mit 25 bzw. 50 Euro im Monat aus der absoluten Misere geholfen werden kann. Eine Regenbogendemokratie? Die, indem sie den strukturellen Rassismus gegen die Schwarzen verschweigt, denkt, so gebe es damit kein Problem. Schulen, die nur gut und bezahlbar für die reicheren Städter sind, die sich vor der Gewalt, die jedes Jahr 50.000 Tote fordert, in eine Parallelwelt flüchten, in bewachte Wohnanlagen, Privatschulen, bewachte Bürogebäude, private Sportclubs, bewachte Einkaufszentren. Sogar der Bäcker an der Ecke sollte bewacht sein. Das Alles erleben die Brasilianer nie zu Fuß, immer im Auto mit geschlossenen und getönten Fenstern.
Im Juni/Juli 2014 bereiste ich Brasilien zum dritten Mal. Das erste Mal war ich im September 2011 dort. Das zweite Mal im März 2013, nur drei Monate vor den großen Juni-Protesten. Die meiste Zeit verbrachte ich im Nordosten mit Basis in Campina Grande im Bundesstaat Paraíba. Auf der letzten Reise standen Interviews und Treffen im Vordergrund. Ich schrieb einige Artikel für deutschsprachige („qantara, Deutsche Welle“) und englischsprachige („The Global Dispatches“) Medien, sammelte aber viel mehr Material, schon mit dem Hintergedanken, in naher Zukunft über die Außenpolitik Brasiliens im Vergleich mit der Türkei (und evtl. auch mit Deutschland) eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben.
Im vorliegenden Buch habe ich die Geschichten der dritten Reise verarbeitet, mit einigen Rückblicken auf die früheren Reisen. Da es im Vorfeld der WM eine Flut von (überwiegend sehr guten) Büchern über Brasilien gab, viele von den Korrespondenten der deutschsprachigen Medien, habe ich sehr oft beschriebene Themen wie Karneval, Rio, Schönheitsoperationen, Samba, Fußball, Urwald-Indianer etc. weggelassen und mich auf weniger behandelte Themen oder Unteraspekte konzentriert. Im Gegensatz zu den meisten Publikationen, die sich auf Rio de Janeiro und São Paulo konzentrieren, zweifellos die wichtigsten kulturellen und wirtschaftlichen Zentren, spielt die Mehrzahl meiner Geschichten im selten beschriebenen Nordosten, vor allem im Bundesstaat Paraíba.
Die ersten Kapitel entsprechen aber dem chronologischen Verlauf der Reise. Von Rio Grande do Sul und den Hunsrückisch sprechenden deutschen Einwanderern zu den Muslimen in Jundiaí (und später in Recife) bis zu den schwarzen Frauen von Salvador. Die paraibanischen Kapitel behandeln die Wahrheitskommission, die Potiguara-Indianer, die Regionalmusik des Nordostens, den Forró, und das Schulsystem am Beispiel einer Privatschule in Campina Grande.
Mein Dank gilt allen, die sich mit mir auf dieser Reise zum Interview getroffen und mit mir ihre Meinungen und Erfahrungen geteilt haben. Faszinierende Menschen in einem faszinierenden Land. Ein besonderer Dank gilt auch meiner Mutter für die gründliche Korrektur der Texte und Anregungen während der letzten Schreibphase.
Basisdaten zu Brasilien und Paraíba
Brasilien ist das fünftgrößte Land der Erde mit 8.514.215 km2. Damit macht es fast 50 Prozent Südamerikas aus (47,3%). Bis auf Chile und Ecuador hat Brasilien mit jedem südamerikanischen Land eine Grenze. Nur Russland, Kanada, die USA und China sind größer. Im Vergleich zu Brasilien wirkt das zweitgrößte Land Südamerikas, Argentinien, mit 2,78 Mio. km2 fast schon klein. Brasilien ist 24 mal größer als Deutschland, mit seinen 357.022 km2.
Auch mit seiner Bevölkerung liegt Brasilien weltweit an fünfter Stelle. Anfang Dezember 2014 wird die Bevölkerung vom Instituto Brasileiro de Geografia e Estatistica (IBGE) auf 203.499.615 geschätzt. Damit sind knapp 3 Prozent der Weltbevölkerung Brasilianer. Nur in China, Indien, USA und Indonesien leben mehr Menschen. Bezüglich der Bevölkerungsdichte steht Brasilien aber mit knapp 24 Bewohnern pro km2 nur an 191. Stelle von 242 souveränen Staaten. In Deutschland leben zum Vergleich 226 Menschen auf einem km2, was weltweit den 58. Platz bedeutet.
Laut Zensus von 2010 gaben knapp 48 Prozent der Brasilianer an, weiß zu sein, 43 Prozent bezeichnen sich als braun (Mischling), 7,6 Prozent als schwarz, gut 1 Prozent als asiatisch und 0,43 Prozent als indianisch.
Bei der Religionszugehörigkeit nannten 2010
64,6%
katholisch
22,2%
protestantisch
8,0%
bekenntnislos (atheistisch, agnostisch)
2,0%
animistisch
3,2%
andere Religionen (z.B. muslimisch, jüdisch und afrikanische Religionen)
1872, beim ersten Zensus, bezeichneten sich noch 99,7 Prozent als katholisch.
Laut IMF (Internationaler Währungsfonds) hatte Brasilien 2014 ein BIP (Bruttoinlandsprodukt) von 2.244.131 Mrd. $ und ist damit die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt. Ziel der Regierung ist es, bis 2024 zur viertgrößten Volkswirtschaft aufzusteigen. Nach aktuellen Schätzungen wird dies ein schwieriges Unterfangen, da die Wachstumszahlen für die kommenden Jahre selten mit mehr als 2% angegeben werden. Sie müssten aber, um das gesteckte Ziel zu erreichen, wie zwischen 2004 und 2011 im Schnitt bei 4,9% liegen.
Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt derzeit ca. 11.310 $ / Jahr. Damit liegt Brasilien abgeschlagen an 62. Stelle der Welt, knapp hinter Argentinien. In Deutschland, das an 18. Stelle platziert ist, beträgt das BIP per capita ca. 45.000 $.
In vielen Ranglisten, die demokratische Standards messen, rangiert Brasilien unter den Entwicklungsländern. Der Weg zur funktionierenden Demokratie und globalen Wirtschaftsmacht scheint noch weit, einige Beispiele:
Im Corruption Perceptions Index 2013 von Transparency International1 landet Brasilien auf dem 72. Platz von 177 untersuchten Staaten, punktgleich mit Rumänien und Bosnien.
Deutschland an 12. Stelle, die Türkei an 53. Stelle.
Was die Pressefreiheit anbetrifft liegt Brasilien 2014 auf dem abgeschlagenen 111. Rang von 180 analysierten Ländern. Im diesjährigen Bericht von „Reporter ohne Grenzen“ sind in Südamerika nur Kolumbien und Venezuela schlechter platziert. Argentinien spielt mit Position 55 in einer anderen Liga.2 Deutschland liegt an 14. Stelle.
Im Human Development Index (Index für menschliche Entwicklung) des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), der am 24. Juli 2014 veröffentlicht wurde, liegt Brasilien an Position 79 der untersuchten 187 Länder und damit noch weit von der Türkei (69. Stelle) und Argentinien (49. Stelle) entfernt.3 Länder wie Iran, Jordanien, Serbien, Georgien, Peru und die Ukraine liegen knapp vor oder hinter Brasilien. Deutschland liegt an 6. Position. Beim Unter-Index zur Geschlechtergerechtigkeit rangiert Brasilien sogar nur auf dem 85. Rang.
Aber auch in rein wirtschaftlichen Ranglisten ist Brasilien abgeschlagen. Im diesjährigen (2014) Index of Economic Freedom gilt Brasiliens Wirtschaft als „mostly unfree“ und landete nur auf dem 114. Platz. Das heißt unter dem weltweiten Durchschnitt, aber auch unter dem regionalen Durchschnitt. Von den 29 lateinamerikanischen Ländern liegt Brasilien lediglich an 20. Stelle.4 In den ersten Lula-Jahren gelang es Brasilien in die bessere Kategorie der „moderately free“ Länder aufzusteigen. Seit 2007 befindet sich das Land aber wieder bei den „hauptsächlich unfreien“ Ländern.
Auch der KOF Globalization Index 2013 der ETH Zürich bescheinigt Brasilien eine eher bescheidene Position, nämlich die 76. Stelle von 207 untersuchten Ländern.5 Deutschland liegt an 26. Stelle.
Mit diesen schlechten Platzierungen in den internationalen Ranglisten müssen sich die Brasilianer gegenwärtig (noch) abfinden. Für sie aber kaum zu ertragen ist, nur noch auf dem 6. Platz der Fifa-Rangliste zu liegen. Im Dezember 2014 liegt Brasilien in der Welt des Fußballs damit hinter Deutschland, Argentinien, Kolumbien, Belgien und den Niederlanden. Schlimmer noch als dieser 6. Platz wiegt wohl, dass sogar zwei südamerikanische Mannschaften besser platziert sind.6
Übrigens rangieren auch die fußballspielenden Brasilianerinnen weltweit an 6. Stelle. In diesem einen Punkt besteht somit Gleichheit zwischen den Geschlechtern. Den ersten und zweiten Platz auf der Frauen-Rangliste der Fifa belegen die USA und Deutschland.
Paraíba
Über die Hälfte der Kapitel spielen im Bundesstaat Paraíba. Deshalb einige Informationen auch über diese wenig bekannte Region.
Die Einwohnerzahl Paraíbas wird Anfang Dezember 2014 auf 3.953.263 geschätzt.
Die mit Abstand größte Stadt Paraíbas ist die Hauptstadt João Pessoa, in der 708.738 Menschen leben. Die zweitgrößte Stadt, Campina Grande, zählt knapp über 400.000 Einwohner. Nur Santa Rita und Patos haben noch mehr als 100.000 Einwohner.
In Paraíba liegt der östlichste Punkt auf dem Festland Amerikas, der Ponta do Seixas in der Nähe João Pessoas.
Paraíba ist der Name eines Flusses, der in der Indianersprache Tupi „schwer zu befahrener Fluss“ heißt.
Wie in vielen Regionen des Nordostens besteht die Bevölkerung Paraíbas mehrheitlich aus Mestizen. Im Zensus von 2010 machten die pardos (braun, Mestizen) fast 53% aus, gefolgt von den Weißen mit knapp 40%, den Schwarzen mit 5,6%, den Asiaten mit 1,3% und den Indianern mit weniger als 0,5%.
Was die Religionszugehörigkeit anbetrifft, bezeichneten sich 2010 fast 77% als Katholiken, somit deutlich mehr als in Gesamtbrasilien. Der Einfluss der kontinuierlich wachsenden evangelikalen Kirchen ist noch nicht so stark bemerkbar. Aber insgesamt knapp über 15% gaben an, einer der zahlreichen evangelikalen Kirchen anzugehören. Deren größten Teil mit über 8% machten die Pfingstkirchen aus. 5,7% der Paraíbaner gehörten keiner Religion an. Die größte afrikanische Religion war Candomblé mit 1.311 Anhängern. Außerdem gaben sich 626 als Juden, 76 als Muslime und 60 als Hindus aus.
Paraíba ist einer der ärmsten brasilianischen Bundesstaaten. Mit einem BIP pro Einwohner von lediglich knapp über 10.000 $ lag Paraíba 2012 an 24. Position der 26 Bundesstaaten und des Distrito Federal (Brasilia). Der gesamte Nordosten hat ein Durchschnitts-BIP pro Einwohner von 11.000 $, die reichsten Regionen Centro-Oeste und Sudeste mit je knapp 30.000 $ fast drei Mal so viel.
Politisch wird Paraíba seit 2011 von Ricardo Coutinho von der Partido Socialista Brasileiro (PSB) regiert. Coutinho war seit 2005 Bürgermeister seiner Heimatstadt João Pessoa.
Meine Reiseroute von 8. Juni bis 16. Juli 2014. Da Google nur 10 Orte zulässt, fehlt der Startpunkt Porto Alegre. Keine Angst, ich bin nicht gelaufen, sondern habe je nach Bedarf und Möglichkeit Flugzeuge, PKWs und Busse benutzt.
Quelle: Google Maps
1 Transparency International, Corruption Perceptions Index 2013, http://www.transparency.org/cpi2013/results
2 Reporter Ohne Grenzen, Jahresbericht 2014, http://rsf.org/index2014/enindex2014.php#
3 Human Development Index, http://hdr.undp.org/en/countries, http://hdr.undp.org/sites/all/themes/hdr_theme/country-notes/BRA.pdf
4 2014 Index of Economic Freedom, http://www.heritage.org/index/country/brazil
5 KOF Globalization Index 2013, http://globalization.kof.ethz.ch/media/filer_public/2014/04/15/rankings_2014.pdf
6 Fifa Rangliste Dezember 2014, http://de.fifa.com/fifa-worldranking/ranking-table/men/index.html
Brasilien nach Protesten, der WM(-Niederlage) und Wahlen
2013 und 2014 waren turbulente Jahre. Massenproteste, WM-Vorbereitung und damit einhergehendes Chaos, die historische 1:7 Niederlage im WM-Halbfinale, Flugzeugabsturz eines Präsidentschaftskandidaten und schließlich Wahlen: Zum Präsidenten, zur Abgeordnetenkammer, zu den Gouverneuren und zu einem Teil der Senatoren. Am Ende des Jahres 2014, sieht es aber so aus, als hätte das keinen oder nur einen geringen Einfluss auf die Politik gehabt. Am 26. Oktober wurde Dilma Rousseff als Präsidentin bestätigt. Mit weniger als 52 Prozent war das Ergebnis deutlich knapper als bei ihrer ersten Wahl 2010, als sie 56 Prozent erhielt und knapper als die Wahlergebnisse ihrer Vorgänger. Zum Macht- und potentiellen Politikwechsel in Brasilia aber kam es nicht.
Trotzdem haben die vergangenen vier Jahre ihre Spuren hinterlassen. Die Euphorie der Lula-Jahre (2002-2010) ist vorbei. Brasilien wirkt ungeduldiger, polarisierter, unversöhnlicher als noch vor zehn Jahren, als es sich aufmachte nicht nur im Fußball in der ersten Liga zu spielen.
Mit Programmen wie bolsa familia wurde den Ärmsten der Armen die Teilnahme an der Gesellschaft ermöglicht. Eine neue, wenn auch arme Mittelschicht entstand. Mehr Brasilianer studieren, reisen im In- und Ausland, lernen Fremdsprachen, werden krankenversichert. Außenpolitisch versuchte Brasilien zur führenden lateinamerikanischen Regionalmacht mit globalem Anspruch zu werden, die den globalen Süden anführt, der dem von den USA und vom Westen dominierten System eine Alternative entgegensetzt.
Deshalb ist diese Politik und ihre nicht zu bestreitenden Erfolge auch indirekt für die Proteste vom Juni 2013 verantwortlich. Die Classe C7, die euphemistisch als Mittelklasse bezeichnet wird, obwohl sie immer noch recht arm ist, steht für die Aufsteiger Brasiliens aus der Misere. Seit dem Sommer 2013 steht sie auch für die Enttäuschten, denen es nicht mehr genug ist, nur Konsumenten geworden zu sein. Sie wollen, wie die Mehrheit der Brasilianer, einen funktionierenden Staat. Eine Gegenleistung. „Wir zahlen Steuern wie in einem Erste-Welt-Land und bekommen dafür öffentliche Leistungen wie in einem Dritte-Welt-Land“ (Wunn, S. 87).
Es gärte schon länger, aber um Massen zu mobilisieren bedurfte es noch eines Anlasses. In Tunesien war das die Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid. In Istanbul der Versuch der Stadtverwaltung, Ende Mai 2013 einige Bäume im zentralen Gezi-Park zu fällen. In Brasilien brachen die Proteste wegen der hohen Fahrpreise in öffentlichen Verkehrsmitteln aus. Diese werden bereits seit Jahren von der kleinen NGO „Movimento Passe Livre“ (MPL, Bewegung für kostenlosen Nahverkehr) bekämpft. Großer Unmut schwelte auch in der Bevölkerung wegen der oft irrsinnig hohen Ausgaben für die WM, die wie ein Katalysator wirkten. Die Erhöhung der Busfahrpreise in São Paulo um 20 Centavos (7 Euro Cents), beschlossen am 24. Mai, war dann nur der Tropfen,
