Brauch deine Liebe nicht - Manfred Riediger - E-Book

Brauch deine Liebe nicht E-Book

Manfred Riediger

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Beschreibung

Acht unglaublich wahre Geschichten über unverbrauchte Liebe. Ein junger Mann, von Frauen geliebt, weiß nicht was Liebe ist. Ein Mann verliebt sich in sein Alter Ego und betritt eine neue Welt, während ein anderer Mann, ungeliebt, diese Welt verlässt. Die Liebe zweier Freunde scheitert, während zwei Menschen, die wie füreinander gemacht zu sein scheinen, die Liebe zueinander nicht leben können.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Die Geschichten, die ich in diesem Buch erzähle, sind wahr. Alles hat sich so oder so ähnlich abgespielt. Natürlich habe ich die Namen der meisten Protagonisten verändert und mir auch neue Rahmen ausgedacht, in die ich die Erzählungen eingebettet habe. Sollte ich an einigen Stellen übertrieben haben, wird es der Leser schnell merken. Den Geschichten tut dies keinen Abbruch.

Inhaltsverzeichnis

1 Klaras Welt

2 Brauch deine Liebe nicht

3 Sie und Er

4 Zwei Freunde

5 Ein kurze Geschichte von einem langen Selbstmord

6 Der einfache Soldat Larry von T

7 Parkinson

8 Das 25-jährige Jubiläum

1 Klaras Welt

In der Nacht als mein Vater starb, hatte ich einen sehr erotischen Traum. Die Handlung des Traums kann ich nicht mehr wiedergeben, jedoch führte er unweigerlich zu einem Orgasmus. Ich wachte sehr zufrieden auf, erfreut und belustigt zugleich. Dass ein Mann meines Alters noch feuchte Träume haben konnte, erstaunte mich. Ich blickte mich zu der Frau um, die neben mir lag, ob sie mir dieses Vergnügen wohl verschafft hatte, doch sie schlief ruhig und unschuldig. Ich stand auf, wusch mich, dann legte ich mich wieder ins Bett. Als wir frühstückten, klingelte das Telefon. Die Lebenspartnerin meines Vaters teilte mir mit, dass mein Vater in dieser Nacht verstorben ist. Ich war schockiert. Dasselbe war beim Tod meiner Mutter auch passiert.

Einige Tage nach der Beerdigung erzählte ich meiner Kollegin Theresa von dieser Sache. Sie müssen wissen, dass wir uns seit vielen Jahren einen Schreibtisch teilen, sie hüben, ich drüben, hat sich so ergeben. Zwingend bedeutet dies, dass sie der Mensch ist, mit dem ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht habe. Wir schätzen uns. Manchmal gehen wir miteinander aus, schickimicki-Essen und so. Natürlich war sie auch schon bei mir zu Hause, Abendessen im Kerzenlicht, und nichts sonst weiter. So sehr wie ich die Frauen liebe, so wenig liebt sie die Männer. Auf dieser Ebene ist echte Freundschaft zwischen Mann und Frau durchaus möglich. Wir haben uns gefunden, seitdem kennen wir unsere Seelen wie kein anderer Mensch. Das ist gut.

„Vielleicht wollte dir dein Vater noch etwas mitteilen, wie deine Mutter damals. Erst, pass gut auf deinen Vater auf, jetzt, bei deinem Papa, pass gut auf dein Erbe auf, verprass es nicht, mein lieber Junge.“

„Du glaubst also, dass es irgendwie weitergeht?“

„Könnte sein. Ich glaube, dass so eine Art Netz um den Globus gespannt ist, dass es da Synapsen gibt und wir alle, zumindest mit den Menschen, die uns nahe sind, irgendwie mit unseren Gedanken oder mit unserem Geist verbunden sind.“

„Oha. Beispiel?“

„Naja, gerade das, was du erlebt hast. Oder: man hat doch schon oft gehört, dass beim Tod eines Menschen eine Uhr stehen geblieben ist. Da steckt doch eine Kraft dahinter.“

„Mensch Theresa, es sterben jeden Tag so viele Menschen. Da kann doch mal zufällig zum Zeitpunkt des Todes eine Uhr stehenbleiben.“

„Dann eben ein anderes Beispiel, hat mir meine Vermieterin erzählt. Nach dem Tod ihres Mannes hat ihre Tochter ein Waschzwang befallen. Die Kleine, sieben Jahre war sie gerade mal, ist mit dem frühen Tod ihres Vaters nicht zurechtgekommen, musste sich ständig die Hände waschen. Meine Vermieterin ist mit ihr zu so vielen Ärzten gerannt und keiner konnte helfen. Weißt Du, was sie gemacht hat? Ihr ist ihre alte Religionslehrerin eingefallen, eine Nonne, der man übernatürliche Kräfte zuschreibt. Zu der ist sie dann gegangen …“

„… und die hat sie dann gesundgebetet. Leck mich fett!“

„Die hat mit der Kleinen geredet, ob sie mit ihr gebetet hat, weiß ich nicht, aber dann ist sie zum Fenster gegangen, hat es aufgemacht und auf einmal hat sie schwer geatmet, so schwer und laut, dass Mutter und Tochter erschrocken sind. Dafür hat sie sich dann entschuldigt und gemeint, dass das Kind von ihrer Sucht nun befreit sein sollte.“

„Und so war es dann auch.“

„Und so war es dann auch, du Spötter! Und sie hat gesagt, dass von ihr zuweilen eine Kraft ausgeht, als Medium, die sie selbst nicht erklären kann.“

„Bin tief beeindruckt.“

„Tief arrogant bist du. Du weißt ganz genau, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die man nicht erklären kann.“

„Kann man schon. Doch, doch, doch.“

***

Ich habe mich dann ins Wochenende verabschiedet. Der Plan war in mein Heimatdorf zu fahren, wo ich mein altes Elternhaus vermiete, um persönlichen Kontakt mit den Mietern zu pflegen. Ich mache das öfters so, miete mich dann in ein Landgasthaus ein und genieße das Leben. Auf der Fahrt hatte ich genug Zeit über das Gespräch mit meiner Kollegin nochmals nachzudenken. Ich konnte ihr nicht recht geben. Alles ist erklärbar. Vor ungefähr fünf Jahren hatte ich auch ein paar seltsame Erlebnisse, unheimlich, aber letztendlich erklärbar. Als ich eines nachts ins Bett gegangen war, und mich nochmals umdrehte um das Licht auszumachen, sah ich eine Frau in meinem Schlafzimmer. Sie saß auf dem Rattansessel, auf dem ich meine Kleider abzulegen pflege. Auf ihrem Schoß saß ein Mädchen, blaues Kleid, lange, schwarze Haare. Ich bin furchtbar erschrocken, habe die Frau fassungslos angestarrt. Ich kannte sie nicht. Wie war sie in die Wohnung gekommen? Und wer war das Mädchen auf ihrem Schoß? Die beiden saßen völlig unbeteiligt auf dem Stuhl und starrten ins Leere, haben mich gar nicht beachtet. Saßen einfach da und glotzten. Als ich fragte: „Wer sind Sie?“, blickte die Frau auf, als sich unsere Blicke trafen, verschwanden beide, haben sich in Luft aufgelöst. Ich habe diese Vision meinem abendlichen Alkoholkonsum zugeschrieben. Ein paar Tage später ist mir fast dasselbe nochmal passiert. Ich ging spät zu Bett, konnte aber nicht richtig einschlafen. Mal kurz weggeknackt, dann wieder wach. In so einer Wachphase wollte ich aufstehen und zur Toilette gehen. Als ich die Augen öffnete, saß ein Mann an meinem Bett. Er war mir sehr nahe, so dass ich intuitiv zurückwich und sagte: „Verdammt, wer sind Sie? Was wollen Sie hier?“ Er blickte mich an, wohl selber erstaunt, dass ich ihn angesprochen hatte, und dann war es so, wie beim ersten Mal: als sich unsere Blicke trafen, löste er sich vor meinen Augen auf.

Das kann man erklären. Halluzinationen. Sie treten unter anderem bei bestimmten Nervenkrankheiten auf, wenn man nicht richtig auf die verabreichten Medikamente eingestellt ist oder überdosiert hat. Und ich habe eine Nervenkrankheit. Mein Arzt hat mich aufgeklärt. Er hat mich auch gewarnt, dass die Medikamente, die er mir verschrieb, zu Spielsucht und einem gesteigerten sexuellen Verlangen führen könnten. Auch Halluzinationen könnten auftreten. Zu viel Dopamin. Aber spielsüchtig bin ich nie gewesen, da besteht wohl keine Gefahr und das mit dem Sex hat sich bisher leider auch nicht eingestellt. Wir haben dann die Dosis verändert und weg waren die Halluzinationen, alles erklärbar, keine Geister. Mein Arzt hatte mich gefragt, ob ich mit den Personen, die mir da erschienen waren, auch geredet hätte? Ohlala! So etwas war tatsächlich möglich?! Das hat mich ungemein interessiert und ich begann mit den Tabletten ein wenig zu experimentieren. Ich hätte doch zu gerne gewusst, wie weit man in diese fremde Welt eintauchen konnte, einen Spaß wollte ich mir machen. Leider haben sich diese Erscheinungen dann doch nicht mehr eingestellt, mein Körper hatte sich wohl an die Droge gewöhnt.

***

Ich kam spät abends in meinem Dörflein an, ging zuerst kurz aufs Zimmer und dann in den Gasthof, um noch etwas zu essen. Es waren nur noch wenige Leute da und als ich mit dem Essen fertig war, war ich praktisch mit der Bedienung allein. Monika, eine große, blonde, schlanke Person, drei Mal unglücklich verheiratet, drei Mal glücklich geschieden. Wir kennen uns. Seit der Schulzeit. Sind in die gleiche Klasse gegangen, lang, lang ist´s her. Sie brachte mir mein drittes Bier, einen dritten Schnaps, setzte sich zu mir und fragte mich nach meinem Leben aus. Dann kamen noch zwei alte Freunde aus der Volksschule hinzu. Es wurde lustig, feuchtfröhlich und sehr spät. Irgendwann nach Mitternacht löste sich die Runde auf. Ich verließ das Gasthaus, ging mit wackeligen Knien über den Innenhof in Richtung Gästehaus, als ich eine Stimme hinter mir hörte. Monika. Sie stand in einer dunklen Ecke, an der Hofmauer, Zigarette in der Hand: „Du gehst wie ein alter Mann. Soll ich dich ins Bett bringen oder schaffst Du´s allein?“ Ich überlegte kurz. „Ich schaff´s allein.“ Sie presste ihr schmalen Lippen beleidigt zusammen. „Vielleicht besser so, so wie du beieinander bist.“ Sie zog noch einmal kräftig an ihrer Zigarette, schmiss sie dann auf das Pflaster, drehte sich um und tschüss.

Erst ging ich ins Bad zum Pinkeln, dann schaltete ich den Fernseher ein, dumme Angewohnheit, dann flackte ich mich in den breiten Ledersessel, der in einer Ecke stand und streckte mich aus. Dann klopfte es an meiner Tür.

„Ja, was ist?“

„Bist du noch wach?“

Eine Frauenstimme. Nicht Monika.

„Ja. Moment.“

Ich öffnete die Tür nur einen Spalt, fast ängstlich.

„Klara!“

„Da schaust du, was?“

„Wo kommst du denn jetzt her?“

„Ich habe die Moni gerade auf der Straße getroffen. Sie hat mir gesagt, dass du mal wieder im Lande bist, dass ihr gerade eben erst ein kleines Gelage beendet habt und du bestimmt noch wach bist. Und schon bin ich da.“

„Du traust dich. Komm rein.“

„Das würde dir so passen. Komm raus! Begleite mich nach Hause, die Luft ist so rein, der Flieder duftet, die Sterne funkeln am Firmament, Heimat, deine Sterne. Komm, mein lieber Romeo, komm.“

So war sie schon immer gewesen. Extrovertiert, versponnen, schiss sich wenig um Konventionen und Sitten, krass. Auch ein Kind des Dorfes, ein paar Jahre jünger als ich, aber immer dabei mit uns Großen, danach immer wieder mal losen Kontakt. Wir verließen das Gästehaus. Ich legte meinen Arm um ihre Schulter. „Darf ich?“ „Sehr angenehm.“ Dabei legte sie ihren Arm um meinen Rücken und schmiegte sich an meinen Körper, auch sehr angenehm. Zunächst gingen wir in Richtung Friedhof. „Da werde ich mal liegen,“ verriet sie mir. „Ich auch. Habe ich schon festgelegt. Erst Brand, dann Urne, dann anonym hier im Friedwald. Kein Grab, keine Grabpflege, kein Theater, nur Heimat.“ „Da haben wir ja eine gemeinsame Zukunft. Freu mich darauf. Mit dir im Hades, wie aufregend.“ Für den Spaziergang entlang einer Friedhofsmauer ein passendes Thema.

Sonst hatte ich sie noch nichts gefragt, nicht einmal wie es ihr so ginge. Lag an der Überraschung ihres Besuches und meinem vom Alkohol etwas wackligen Körper. Wir kamen immer wieder aus dem Tritt. Blieben stehen, sprangen in die Luft, mit einem Scherenschlag versuchten wir den Takt wiederzufinden und gingen weiter. Es war lustig. Wir bogen rechts ab, was heißt, wir gingen nicht durch das Dorf, sondern wählten den Weg „außen rum.“ „Wo wohnst du?“ „In der Neubausiedlung, hinten, bei der Schafwiese.“ „Ich wusste nicht, dass da gebaut worden ist.“ „Ich weiß, dass du es nicht weißt.“

Mittlerweile war mittelhohe Aufzugsbewölkung über das Land gezogen, bald würde es regnen. Es war stockdunkel geworden. Links und rechts von uns Einfamilienhäuser, natürlich kein Licht mehr, auch die Straße war nicht beleuchtet. Dann gabelte sich der Weg, rechts ging es zurück in die Dorfmitte, links in die Siedlung. Wir gingen nach links. Eine Neubausiedlung hätte ich mir anders vorgestellt, hell, offen, einladend. Da waren zwei Zeilen von Reihenhäusern, die Hauswände dunkel, fast schwarz, wie verkohlt. Ich kam mir vor wie in einem Arbeiterviertel in Nordirland. Im Gegensatz dazu waren die Türen mit leuchtenden Farben angestrichen. Grell gelb, krass grün, bedrohlich rot. Ich musste an die bunten, von der Sonne beleuchteten Häuser auf Burano denken. „Gefällt´s dir hier?“ „Muss ich mir bei Tage anschauen.“

Vor einem Haus mit einer himmelblauen Tür blieben wir stehen. Ich wartete auf die Frage aller Fragen. Sie umarmte mich. Drückte ihren Busen an meinen Oberkörper, so offensichtlich, dass ich unverschämt freudig lächeln musste. Dann gab sie mir einen Kuss auf die Wange und biss in mein Ohrläppchen. „Ein anderes Mal.“ Sie drehte sich um, sperrte die Haustür auf, machte Licht. Plötzlich entflammte der Flur, als wäre sie in das Allerheiligste heimgekehrt. Noch einmal drehte sie sich zu mir: „Bis Morgen.“ „Bis Morgen. Versprochen?“ „Versprochen.“ Klappe zu.

Ich stand in der Dunkelheit. Ich wählte spontan den Weg durch die Dorfmitte zurück zum Hotel, mein Kopf voll mit Gedanken an diese verrückte Klara. Es musste jetzt gegen halb Zwei sein. Nach zirka fünf Minuten kam ich am Dorfplatz an, mit dem alten Rathaus und der Schule, wenige Meter daneben die evangelische Kirche mit der großen Linde im Garten. Als Kind war ich oft auf diesen Baum geklettert und hatte mir die Welt von oben angesehen, unerlaubterweise, wahrscheinlich hatte der Pfarrer Angst gehabt, in seinem Pfarrhof könnte ein Unfall passieren. Ich stellte mich vor den alten Baum, blickte ihn an, schaute an ihm hinauf und erstarrte! Im Geäst baumelte ein Mensch, mit einem Seil um den Hals, erhängt. Mein Herz begann wie wild zu schlagen. Ich konnte nicht erkennen, wer es war, der da hing, hatte ich doch meine Brille in der Eile im Hotelzimmer liegen lassen. Was ich schon ausmachen konnte war, dass es sich bei der toten Person um eine Frau handelte, die Erhängte war vollkommen nackt. Was sollte ich tun? Sollte ich laut um Hilfe schreien? Hier kam jede Hilfe zu spät. Ich sollte die Polizei anrufen, hatte mein Handy aus besagtem Grund aber auch nicht dabei. Also entschloss ich mich, schnell in mein Zimmer zu laufen, nur wenige Minuten entfernt. Weg, nur weg von diesem elenden Ort. Ich drehte mich um und da stand dieser Hund.

Das war kein Hund, das war ein Untier. Hatte mich der Anblick der Erhängten schon bis ins Mark erschüttert und mich in schiere Angst versetzt, so schaute dieser Hund wirklich lebensbedrohlich aus. Ich weiß über diese Tiere nicht Bescheid, dachte aber sofort an einen Bluthund. Heute weiß ich, dass Bluthunde niedliche Tiere sind, im Vergleich zu dem, was da vor mir stand. Das Vieh hatte dieses hässliche, kantige Gesicht und diese dämonischen, gelben Augen, wie man sie sich bei solchen Bestien vorstellt, einen Schädel wie der Teufel persönlich. Er sprang an mir hoch, zerfetzte mit seinen scharfen Krallen meinen Pullover, kam ganz nah an mein Gesicht. In seinem Atem roch ich seine wilde Streitlust, er knurrte, bellte, fauchte, pure Aggressivität. Sein Bellen hätte eigentlich das ganze Dorf aus dem Schlaf reißen müssen. Aber nirgendwo ging ein Licht an, nirgends öffnete sich ein Fenster, niemand interessierte sich für uns. Dann biss er mich in meinen linken Unterarm, ich schrie auf, fühlte mein Blut fließen. Es gelang mir ihn abzuschütteln. Es trat eine Kampfpause ein. Wir beobachteten uns. Ich hatte gegen diesen Hund keine Chance. Anstatt laut um Hilfe zu schreien, versuchte ich mit ihm zu reden. „Ist das dein Frauchen?“ Dem Hund war nicht nach Konversation. Er zog seine Nüstern zurück und duckte sich zum Sprung. Ich hob meinen rechten Arm zum Schutz. Gleichzeitig setzte ich mich langsam in Bewegung, nur weg hier. Er folgte mir, keine drei Meter Abstand, als wolle er sich versichern, dass ich sein Frauchen auch wirklich in Ruhe lassen würde. Nimm dich in Acht! Lass deine Finger von ihr! Sonst musst du es büßen! Bis zum Hotel ging das so. In der Hofeinfahrt blieb er stehen. Ich erreichte die Haustür des Gästehauses, steckte den Schlüssel in das Schloss, drehte mich noch einmal um, ich sah das Untier nicht mehr. Es war weg. Mein ganzer Körper begann zu zittern, heftig zu zittern, so dass ich mich auf die Türschwelle setzen und mich mit dem Rücken an die Haustür lehnen musste. Ich sah sicherlich furchtbar aus. Mein linker Unterarm schmerzte, mein rechtes Bein blutete, Hose zerrissen, Pullover in Fetzen, Gesicht und Hände blutig gekratzt. Dann hörte ich ein Geräusch. Ich blickte auf und sah das Vieh unmittelbar vor mir kauern, geduckt, bereit zum Sprung. Mit aufgerissenem Maul sprang es direkt in mein Gesicht und biss zu.

***

Als ich wieder aufwachte, konnte ich nichts sehen, hatte keine Schmerzen, hörte nur, dass es draußen regnete. Wo war ich? Offensichtlich lag ich in einem Bett, konnte mich aber momentan nicht orientieren.

An meiner Tür klopfte es, dann wurde es hell, mein Zimmer wurde mit Licht durchflutet. Jemand setzte sich an mein Bett uns sagte:

„Wie siehst du denn aus? Deine Augen sind ja ganz verklebt. Wo bleibst du?“

Monika.

„Was ist los?“

„Wir warten mit dem Frühstück auf dich. Gibt bald nichts mehr. Du bist doch sonst immer der Erste im Frühstücksraum. Das ältere Ehepaar von nebenan hat mir gerade erzählt, sie hätten heute Nacht Schreie aus deinem Zimmer gehört.

Hattest du noch Damenbesuch?“

„Schmarrn.“

Langsam konnte ich wieder meine Augen öffnen.

„Wie kommst du hier rein?“

„Generalschlüssel, mein Lieber. Um besondere Gäste kümmere ich mich besonders.“

„Dann muss ich ja heute Nacht eine Kette vorlegen.“ „Jetzt red´ nicht so dumm daher. Geh lieber ins Bad und mach dich ein bisschen frisch und dann komm rüber. Oder soll ich das Buffet abbauen? Und lüften wäre auch nicht schlecht.“

Ich hatte also geträumt. War in Panik geraten, hatte geschrien, aber zum Glück eben nur geträumt. Das war in dieser Form noch nie mit mir geschehen. In den letzten Jahren bin ich nachts oft mit einem Angstgefühl aufgewacht, schweißgebadet, obwohl es keinen Grund gab, vor irgendetwas Furcht zu haben. Ich konnte mich dann auch wieder schnell beruhigen und weiterschlafen. Aber dieser Traum hatte eine besondere Klasse.

Im Frühstückszimmer war ich der Letzte. Monika setzte sich zu mir, sie hatte sonst nichts zu tun. Mit einer Kopfbewegung deutete sie auf eine Schachtel Maxipenzol, die ich neben meine Kaffeetasse gelegt hatte, und fragte mich:

„Was nimmst du denn da für Tabletten?“ Neugieriges Weib, aber selber schuld.

„Das sind Nahrungsergänzungspillen, Vitamine B, B12, wenn du es genau wissen willst.“

„Und wozu brauchst du die?“

„Ich habe einen Vitamin B Mangel, führt zu Müdigkeit, taugt mir nicht, will leben, nicht schlafen.“

„Aha, und die nimmst du zwei Mal am Tag.“

„Nee, einmal am Tag reicht.“

„Aha, und was nimmst du dann nachts?“

„Wieso?“

„Gestern Abend habe ich neben deinem Bier doch auch so ein Päckchen liegen sehen.“

„Das waren die Magnesiumtabletten. Gegen nächtliche Wadenkrämpfe.“

Sie lachte schallend, griff an meinen Oberarm und hauchte mir zu. „Die hätte ich dir auch wegmassieren können.“