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Ein Bankert zieht aus, um seinen Vater in Amerika zu suchen. Bis zur Familienzusammenführung muss er ein paar wilde Erfahrungen machen, mit der Liebe, mit dem Leben und mit Gott. Man beginnt eine Geschichte zu lesen und schmunzelt, am Ende lacht man über das ganze Gesicht.
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Für die vergessliebste Mama der Welt
Inhaltsverzeichnis
Sonnenaufgang
1 Mama
2 Ein Bankert wird geboren
3 Vater gesucht
4 Mein Lederball
5 Outing
Im Zenit
6 o,6m
3
Freiheit
7 Bettgeflüster
8 La dolce vita
9 Mein Panamahut
10 In der Kathedrale meines Herzens
11 Mein Freund Egon
12 Nachtdienst mit Marvin W.
13 Die Mutter vom Barney, der Barney und sei Bua
14 Wo scheißt der Uli H.?
15 Fünfundzwanzig
16 Ein Bankert in New York
17 Wir Ausländer
18 Im Bett mit Michael Jackson
19 Auf der Suche
20 Familientreffen in Chicago
Sonnenuntergang
21 Deutlich über 40
22 Ich wäre so gerne Atheist
23 Parkinson
24 Der FC Bayern, Bazelona und der liebe Gott
25 Meine Kinder
Mama, neulich hast du „Rudi“ zu mir gesagt.
„Bin ich der Rudi?“, habe ich dich gefragt.
„Ja, klar. Du bist der Rudi, wer solltest du denn sonst sein?
Du wirst doch noch wissen, wer du bist“, hast du gelacht.
„Und es ist schön, dass du mich besuchen kommst, Rudi.“
„Und der Manfred? Kannst du dich an den auch noch erinnern? Kommt der dich auch manchmal besuchen?“
„Der Manfred? Das ist doch mein Sohn. Der kommt mich auch besuchen, natürlich. Aber nicht so oft. Der muss viel arbeiten, weißt du. Aber wenn ich ihn brauche, ist er da. Auf meinen Sohn kann ich mich verlassen, Rudi.“
Schön, Mama, dass du das wenigstens noch nicht vergessen hast.
Einen Tag nach meiner Geburt hat mein Vater meine Mutter verlassen. Mein Vater war Amerikaner, Soldat, Besatzungsmacht, 1953. Ich war ein uneheliches Kind, ein Bankert.
Nun war meine Mutter aber nicht das einzige deutsche Fräulein, das ein Problem mit den Besatzungsmächten hatte. Nach einer aktuellen Studie sollen zwischen 1945 und 1955 etwa 400.000 Kinder von Soldaten der Besatzer in Deutschland gezeugt worden sein. Und wer waren die fleißigsten Herzensbrecher (oder Vergewaltiger)? Die Russen. Etwa 300.000 uneheliche Kinder schreibt man ihnen zu. Respekt. Rund 70% der von den alliierten Soldaten gezeugten Kinder wurden von den deutschen Frauen und deren Familien angenommen. Ehrlicher Respekt! Der Rest ging über die Wupper, bzw. über den Rhein, denn die einzigen, die sich um die lieben Kleinen gekümmert haben, waren die Franzosen.
Während Briten, Sowjets und Amerikaner deutsche Frauen quasi als Teil ihrer Kriegsbeute betrachteten, reklamierte die französische Regierung diese Besatzungskinder als „Enfant d´État“, als Kinder der „Grand Nation“ und schickte sogar Rechercheoffiziere ans Bett der Wöchnerinnen, damit diese kurze Erklärungen unterschreiben konnten, in denen sie bestätigten, dass ihr gerade geborenes bébé das Kind eines französischen Soldaten war: Ab nach Frohnkreich! Männer braucht das Land! Die eigene Jugend war ja von den Deutschen totgeschossen worden.
Denke ich an die Essgewohnheiten der Franzosen, könnte ich mich schrecklich darüber ärgern, dass mein Vater ein amerikanischer Soldat war: Rotwein gegen Coca-Cola, Froschschenkel gegen Burger, Weinbergschnecken gegen Pommes, zu spät. Den Amis war es von ihrer Regierung freigestellt, ob sie sich um ihre Brut kümmern wollten oder aber nicht: Strikte Privatangelegenheit!
Vielleicht hat man ihn auch vor die Wahl gestellt: Entweder du heiratest das deutsche Fräulein oder du gehst als Freiwilliger nach Korea. Und er hat das kleinere Übel gewählt und ist nach Asien abgehauen, wer weiß.
Mein Vater hieß Larry von Tesmar. Von Tesmar! Alter westpreußischer Adel. Ich hätte also Manfred von Tesmar heißen können. Was für ein Name!
„Gestatten? Manfred von Tesmar.“ Leck mich fett, leck mich fett, hört sich das gut an! Da wären mir aber alle Türen offen gestanden. Ist aber leider nix daraus geworden.
Riediger heißen tu ich. Manfred Riediger. Wissen Sie, was dieser Name bedeutet? „Riediger“ bedeutet „aus dem Ried“, „aus dem Moor“, „aus den feuchten Niederungen“. Und Manfred? Der Männerschutz. Was soll das denn? Der Männerschutz? Bin ich vielleicht das Kondom aus den Feuchtgebieten?
Ich habe meinen Vater nie gesehen, er mich auch nicht. Kein Blick. Kein Wort. Keine Zeile. Keinen Pfennig, geschweige denn Dollar. Er hat sich nie um seine Brut gekümmert, nie, in keinem der anstehenden Fälle. Arschgesicht.
Mein Vater ist zwei Tage vor seinem zweiundfünfzigsten Geburtstag gestorben. Gehirnschlag. Totgesoffen.
Woher ich das weiß? Weiterlesen! Hell of a story! Get your blow rags!
Meine Mutter war in all den Jahren meiner vaterlosen Zeit nicht untätig gewesen. Allzeit bereit! Immer auf der Suche nach einem Mann für sich und einen Vater für mich. Wobei ich glaube, dass sie es eher auf einen Daddy für ihren little Bankert-boy abgesehen hatte. Aber was sie da alles dahergebracht hat, unter aller Sau!
In einer ersten frühkindlichen Erinnerung sehe ich mich in einer Kellerwohnung, adrett gekleidet, in ein zu großes Mäntelchen gesteckt, Kappe mit Pelzbesatz auf dem hochroten Kopf und Fäustlinge, war Winter. Mama hatte mich fesch gemacht, weil sie mir einen Freund vorstellen wollte, junger Mann, Ende zwanzig vielleicht.
Aber in dessen Kellerwohnung war nicht nur er, da saßen noch ein paar seiner Freunde herum und ich sehe Bierflaschen, rauchende Männer und Aschenbecher vor mir. Und dann hat der Freund von der Mama etwas gesagt, etwas, das ich nicht verstanden habe, aber offensichtlich etwas Lustiges, denn alle haben gelacht. „Also, wie kannst du denn so etwas sagen, vor dem Kind“, so oder so ähnlich hat sich meine Mutter entrüstet. Dann hat ein anderer etwas gesagt und wieder haben alle lauthals gelacht, Mama aber nicht. Und obwohl sie alle gelacht haben, fühlte ich mich sehr unwohl, habe zu meiner Mama aufgeschaut und mich dann an ihrer Hand festgehalten und mich in ihren Rock eingedreht. Und wieder haben alle gelacht. Und endlich hat meine Mutter etwas gesagt: „Komm, Manni“, hat sie gesagt, „wir gehen“. Und ich habe mich wieder entspannt. Erster Vateranwärter: Abgeschmettert!
***
Der zweite Bewerber, der sich, noch im gleichen Jahr, um die Stelle als Ersatzvater bemühte, war ein amerikanischer Offizier. Stevenson hieß er. Toller Mann, I admit.
Es war nämlich so gewesen: Mama hatte sich bei den Vereinigten Streitkräften der Vereinigten Staaten von Amerika heftig über die Moral der amerikanischen Soldaten beschwert, zwengs kindermachen und dann abhauen und so. Die Repräsentanten der Vereinigten Streitkräfte der Vereinigten Staaten haben auch zutiefst bedauert, aber letztendlich war die message eindeutig: That´s all in the game, wenn du dich mit einem Ami einlässt: Iss halt so. Hätte man vorher wissen können.
Allerdings zeigten die verantwortlichen Offiziere Mitleid und besorgten meiner Mutter eine Stelle als Bedienung im Offiziersclub der Bleidorn Kaserne. Und besonderes Mitleid muss der Offizier Stevenson mit meiner Mutter gehabt haben: ein schlanker, durchtrainierter, stattlicher Mann mit kurzen, bereits graumelierten Haaren, crew cut. Georgyboy, lange vor der Erfindung von Clooney. Unsere Bekanntschaft verlief dann aber sehr unglücklich.
Mama hatte mich wieder einmal zu sich geholt, ausgeliehen von meinen Großeltern, was sie fast immer machte, wenn sie einige Tage frei hatte. Aber dann hieß es plötzlich, sie müsse im Club über Mittag aushelfen. Jetzt Problem, weil 5-jähriger Bankert alleine, das geht gar nicht. Irgendwer, wahrscheinlich sogar der arme Offizier Stevenson selber, kam dann auf die Idee, man könnte mich bei ihm abliefern, obwohl er am Abend ins Manöver ziehen sollte und noch etwas Schlaf brauche. Scheiß Strategie, Soldat, denn ich fürchtete mich wieder einmal sehr und Not macht außerordentlich erfinderisch.
Der Mann sprach kein einziges Wort Deutsch, Ami halt. Ich sprach nur einen Satz Englisch, der mir von meiner Mama andressiert worden war: „Hello Mister American, please give me a chewing gum.“ Gewaltreim und nicht in jeder Situation hilfreich.
Bläh, bläh, bläh!!!
Das war meine Strategie. Ich begann zu schreien, wie ich vorher und nachher nie mehr in meinem ganzen Leben geschrien habe.
Bläh, bläh, bläh!!!
Ja, saxndie! Ich kannte diesen fremden, imposanten Ausländer doch nicht! Natürlich hatte man mir die Situation vorher genau erklärt, na und? Eltern lügen ihre Kinder immer wieder mal an, das ist Teil der Erziehung, oder etwa nicht? Es hätte ja auch gut sein können, dass man mich abschieben wollte, nach Amerika, zu meinem Arschgesichtsvadder! Vielleicht war der amerikanische Offizier Stevenson ja ein Verbündeter von dem amerikanischen Soldaten Larry von Tesmar? Unterwegs in geheimer Mission, konnte man es wissen? Ich jedenfalls nicht. Mission impossible!
Also: Bläh, bläh, bläh!
Drei Stunden lang: bläh, bläh, bläh. Ich glaube, dass meine arrestingly deep voice, die bei den Frauen bis auf den heutigen Tag so zügellos gut ankommt, von diesem Schreigelage herrührt. Schäme mich heute noch dafür. Das war nicht OK gewesen, aber die Waffen eines Kleinkindes halt, man könnte auch sagen: Schwere Artillerie.
Stevy, ich habe mir ein sympathisches Gefühl für ihn aufbewahrt, Sie merken es hoffentlich, hat mehrmals ganz ruhig auf mich eingeredet. Ja, zugegeben, er sei ein Soldat, aber ein ganz lieber und natürlich habe er schon Menschen getötet, aber er würde nie ein Kind erschießen, zumindest nicht absichtlich, es sei denn aus Notwehr, weil es zum Beispiel nicht aufhört wie am Spieß zu schreien. Als er schließlich merkte, dass seine Friedensangebote nichts nutzten, hat er sich ins Bett gelegt, sich rumgedreht und geschlafen. Respekt, Soldat! Nerven wie Drahtseile.
Manchmal stelle ich mir vor, wie es geworden wäre, wenn es mit dem Stevenson und der Mama und mir geklappt hätte. Dann verbrächte ich meine Zeit heute im Amiland, nix mehr fränkische Bratwürste und kein warmer Leberkäse mehr zum Abendessen: Geht überhaupt gar nicht.
***
Das dritte Männchen, das um meine Gunst buhlte, war Arthur. Schätze, ich bin damals noch nicht mal sechs Jahre alt gewesen. Mama hatte mir wochenlang von ihm erzählt: „Arthur hat ernste Absichten, weißt du?“ Nein, ich wusste nicht, was ernste Absichten sind, bedroht fühlte ich mich, weil „ernste Absichten“ hört sich ernst an. Vielleicht war ich aber auch nur eifersüchtig, weil meine Mama mich mit einem anderen Mann teilen wollte.
Aber dann kam er uns besuchen, der Arthur, an einem Samstagnachmittag war’s und der Arthur hatte sich brav in Schale geschmissen: brauner Anzug, hellbraunes Hemd, grüngestreifte Krawatte, Mode Anfang der sechziger Jahre halt, und das alles wegen mir, völlig over dressed: Schon mal ein dickes Bläh!
Und dann wollte er, dass ich mich auf seinen Schoß setze: bläh, bläh. Und weil ich das nicht wollte, hat er mich einfach am Arm gepackt und schon saß ich da, dreimal bläh! Und dann hat er was erzählt von Kaufladen bauen und Fußball spielen. Mit einer Hand hat er mich an meinem linken Arm festgehalten und mit der anderen Hand hat er mir über den Kopf gestreichelt. Hundertmal BLÄH! Verkackt, gehörig verkackt! Und gerochen hat er außerdem. Nicht nach Schweiß, eher nach derbem Rasierwasser, denn rasiert war der wie eine Eins, aber da war noch etwas anderes in seiner Ausdünstung. Ich habe später meine Mutter gefragt, wonach der Arthur denn so stark gestunken hat, und dann hat sie mich aufgeklärt: „Weißt du, Manni, der Arthur trinkt. Wenn er nüchtern ist, ist er aber ein ganz netter Kerl.“ Mama mia! Meine Mutter hatte sich ernsthaft überlegt, ob sie einen Alki heiraten wollte, nur damit ich versorgt wäre. Ich habe sie dann vor die Wahl gestellt und sie hat gut gewählt. Nochmal Glück gehabt, beide.
***
Möchtegernvadder Nummer vier hieß Meier, einfach so: Meier. Ob er wirklich mein Vater werden wollte oder nur eine Freundin gesucht hat, ein Verhältnis, wie verwerflich, hat sich mir nie erschlossen. Der Meier konnte verwaltungstechnisch nämlich gar nicht mein Vater werden, der Meier war verheiratet. Zwei Ehefrauen gleichzeitig geht nicht, Frau und Freundin aber schon. Ein Lustschlack, der Meier.
Dem Meier seine Frau war krank: Krebs. Und meine Mutter hat mir öfter gesagt, man müsse für die Frau Meier beten. Mir war nur nicht so ganz klar, worum man eigentlich beten sollte. Normalerweise doch um eine baldige Genesung. Hat sich aber immer so angehört, als ob man der Frau Meier eine baldige Erlösung wünschte, so in Richtung ewige Jagdgründe.
Meine Mutter war an ihrer gemeinsamen Zukunft mit dem Meier so sehr interessiert, dass sie sich sogar von der Tante Emma hat Kartenlegen lassen: Herzbube über grünen Weg und so. Kam aber nichts dabei heraus. Vielleicht war die Frau Meier ja in Wirklichkeit pumperlgesund gewesen, so dass die Karten aufgrund permanenter Fehlinformationen keine klare Zukunftsvision übermitteln konnten, möglich gewesen wäre es ja.
Der Meier kam meistens unter der Woche zu meiner Mutter. Das war mir Wurst, da war ich bei Oma und Opa in meinem fränkischen Dorf, und was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß. Manchmal kam er aber auch samstagabends. Jetzt Interessenskonflikt bei meiner Mutter, denn an den meisten Wochenenden hat sie mich zu sich in die große Stadt, in die Hauptstadt Mittelfrankens, geholt. Da war dann ich der Platzhirsch, da hat es keinen zweiten balzenden Hirschen mehr gebraucht. Einmal, unvergessen, endpeinlich, ich schäm mich so, es kostet große Überwindung das preiszugeben, saßen wir zu dritt im Wohnzimmer, fernsehschauen. Kaum war die Sendung zu Ende, hieß es:
„Jetzt gehst du aber gleich ins Bett.“
Mag nicht.
Weil, das war ganz nett gewesen, so zu dritt, mit der Mama, dem Meier und mir. Der Meier hatte sich Mühe gegeben, immer lustig und stets bemüht, meine Sympathie zu gewinnen. Die haben sich mit mir kleinem Knopf unterhalten, ich durfte quasi an einem Erwachsenengespräch teilnehmen, wann hat man das schon mal als Sechsjähriger?
„Aber es ist doch schon so spät. Du musst doch morgen wieder aufstehen.“ Mag nicht. Morgen Sonntag. Morgen nix aufstehen.
Sie versuchten es noch ein paar Mal, mit wachsender Ungeduld. Sie müssten sich noch über wichtige Dinge unterhalten, logen sie mir vor, Erwachsenenwelt, Kinder würden diese Sachen nicht verstehen. Mag trotzdem nicht.
„Du ziehst jetzt sofort deinen Schlafanzug an und haust ab ins Bett!“
Aha, der Meier zeigt sein wahres Gesicht! Plötzlich stark erregt, der Mann.
„Wenn du nicht sofort deinen Schlafanzug anziehst, zieh ich dich eigenhändig nackig aus und sperr dich in dein Zimmer ein.“
Und das hat er dann auch gemacht. Bevor ich mich fragen konnte: „Hä, wie soll das denn gehen? Der kann mich doch nicht gegen meinen Willen nackt ausziehen?“ saß ich aber auch schon splitterfaserpippipeinlichnackt auf unserem Sofa, Menschenwürde überhaupt gar nicht.
Ist dann aber nichts geworden mit dem Meier und der Mama. Bläh! Bin nach diesem Vorfall nämlich sehr intensiv und penetrant beim lieben Gott vorstellig geworden, betreffs einer baldigen Genesung von der Frau Meier. Und der liebe Gott hat auf mich gehört; kann auch nicht jeder von sich sagen.
***
Der letzte Buhler um meine und meiner Mutter Gunst, Kandidat Numero fünf, war der Herr Feuerbach. Hieß anders, aber in unsere Familiengeschichte ging er als der Herr Feuerbach ein, weil er in Stuttgart-Feuerbach wohnte und wir ihn im Zug von Stuttgart nach Ansbach kennengelernt haben.
Meine Mutter und ich waren mal wieder mit der Bahn unterwegs, ausflugmassig, Freifahrtscheine ausnutzen, Wilhelma, Stuttgart, wennstes genau wissen willst. Kurz nach dem Desaster mit dem Stevenson hatte sie bei den Amis gekündigt und eine Stelle bei der Bahn erhalten, Kantinenmitarbeiterin. Jetzt befanden wir uns auf der Heimfahrt nach Ansbach. In unserem Zugabteil lernten wir diesen Herrn Feuerbach kennen. Das war ein gesprächiger Mensch, geistreich, durchaus charmant und sehr gepflegt. Ich war mittlerweile neun Jahre alt. In Ansbach angekommen, tauschten Mama und er die Adressen aus, weil, wie sich herausgestellt hatte, der Herr Feuerbach Verwandte in der Barockstadt hatte, die er regelmäßig besuchte, und da könnte man sich doch einmal treffen.
Was wohl auch geschehen sein musste! Weiß ich ja nicht, war ja unter der Woche noch bei den Großeltern in Weidenbach und Mama allein zu Hause, Mama sturmfreie Bude, keine Kontrolle über Mama. Jedenfalls machte sie die nächsten Wochen und Monate einen sehr ausgeglichenen Eindruck, man konnte auch glückselig dazu sagen. Sie zeigte mir auch Briefe, die sie vom Herrn Feuerbach erhielt, und las mir Auszüge daraus vor. „Ich schreib ihm auch,“ gestand sie mir. Wie gefällt er dir denn, Manni?
Das mit dem Schreiben hätte sie lassen sollen. Schriftliches Dokument, hohe Beweiskraft, böser Fehler. Als ich sie dann wieder einmal besuchen kam, mittlerweile fuhr ich natürlich schon alleine mit dem Omnibus oder der Bahn von Weidenbach zu ihr nach Ansbach, war sie in Tränen aufgelöst und wollte überhaupt nicht mehr aufhören zu weinen. Keine schöne Situation, für uns beide nicht.
„Schau, was dieses Arschloch geschrieben hat.“
Und dann las ich und verstand meine Mutter sofort, neun Jahre hin oder her, das war eine klare Botschaft:
„Sehr geehrte Frau Riediger … Ich bitte Sie, Ihre plumpen Annäherungsversuche zu unterlassen … Ihr Benehmen ist aufdringlich, Ihr Ansinnen unanständig … Sie sind doch nur auf der Suche nach einem Vater für Ihren Bankert … Suchen Sie sich doch bitte ein anderes Opfer und lassen Sie mich, einen verheirateten, anständigen Mann zukünftig in Ruhe. Hochachtungsvoll.“
Das mit dem Bankert wörtlich, der Rest sinngemäß, aber eindeutig, gell?
Da hat er wohl Zoff mit seiner Alten gekriegt, der schöne Herr Feuerbach. Und jetzt zum Abschluss noch ein Satz speziell für dich, Feuerbach, du Arschgesicht, falls du noch leben solltest und du vielleicht jetzt gerade im Altersheim diese Geschichte liest, oder dir diese Geschichte von deiner Frau vorgelesen wird, frei nach einem altbewährten Scheißhausspruch, nur für dich jetzt: „Wer das liest, ist ein Depp!“
***
Mama hat dann das halbe Dutzend noch vollgemacht. Gerd hieß er. Mann mit vier Kindern. Hat für große Aufregung gesorgt, besonders bei meinem Opa, der Angst hatte, dass sein Bubala, das war natürlich ich, künftig zu kurz kommen würde, erbschaftsmassig und so, wäre aber nicht notwendig gewesen, weil sowohl meine Großeltern als auch meine Mutter für mich immer vorgesorgt haben. 1974 hat meine Mutter dann den Gerd geheiratet. Das war ein Jahr bevor ich geheiratet habe. Beide versorgt!
Ich war 6 Jahre alt, erste Klasse Volksschule, Weidenbach, Mittelfranken, und besaß einen braunen Lederball.
Einen echten Lederball! „Echt“ heißt mit Schweinsblase innen drinnen. Nix aus Gummi oder so, wie man ihn auf Jahrmärkten kaufen konnte, wo man zwei Mal dagegengetreten ist und der Ball ist dann geplatzt und wo man dann mit dem kaputten Gummiteil weitergespielt hat, weil es ja nix gab damals. Es war Frühling im Jahr 1960, März.
Ich wurde von meinen Großeltern erzogen, Sie haben die Einleitung ja gelesen. Glauben Sie mir, meine Oma und meinen Opa verehre ich bis auf den heutigen Tag. Trotz der Sache mit dem Lederball. Den Lederball hatte ich von meinem Großvater geschenkt bekommen. Mein Großvater war der Postbote im Dorf, vorher hatte er als Schuster gearbeitet, Flüchtlingsfamilie aus Grulich oder Hermannstadt oder Märisch Schönberg. Egal, Hauptsache Sudetenland.
Es hatte keinen Anlass gegeben, mir einen Lederball zu schenken, kein Geburtstag, kein Weihnachten. Er kam einfach so. Vielleicht hatte mein Großvater den Ball auch selber zusammengenäht, quasi als Abschied von der Schusterei, weil sie ihn bei der Post genommen haben. Das weiß ich nicht mehr so genau. Vielleicht hat er aber auch schon als Postbote gearbeitet, war mit dem Fahrrad irgendwo unterwegs gewesen und da kam der Ball daher gerollt und dann … Glaubʼ ich nicht, mein Opa war ein anständiger Mensch.
Auf jeden Fall besaß ich einen Ball. Ich. Der 6-jährige Bankert. Einen Lederball. Mein Stolz. Mein Über-Über-Überstolz. Kein anderer Junge im Dorf hatte einen Lederball zu Hause. Keiner. Nicht einer. Ich war im ganzen Dorf der einzige, der einen Lederball besaß. Im Fußballverein, da gab es natürlich Lederbälle, aber da kam ja niemand ran.
Wenn die Großen, die Achtklässler, Fußball spielen wollten, und das wollten sie fast jeden Nachmittag, kamen sie zu mir: „He, Dicker (Das war mein Spitzname, nicht weil ich dick gewesen wäre, niemals, sondern wegen „Rie-dicker“, verstehst du?), spielst du heute Nachmittag mit uns Fußball?“, fragten sie mich. Mich, mich, mich! Natürlich wollten sie nicht mit mir spielen. Mit meinem Ball wollten sie spielen. Aber ohne mich ging das halt nicht. Entweder mit mir oder gar nicht. Und so kam es, dass ich mit den Großen spielen durfte.
Zuerst wurden zwei Mannschaften gewählt. Das ging dann zunächst einmal so, vielleicht erinnern Sie sich: Die zwei besten Spieler stellten sich etwa drei Meter gegenüber und dann ging es los. Tipp. Top. Wer zuerst dran war, stellte seinen rechten Fuß vor sein linkes Standbein: Tipp. Dann der andere: Top. Dann wieder der Erste, jetzt linken Fuß vor das rechte Standbein: Tipp. Und der andere wieder: Top. Derjenige, der als Letztes seinen ganzen Fuß zwischen sich und seinem Gegenüber stellen konnte, hatte gewonnen und durfte sich als Erster einen Mitspieler aussuchen. Das ging dann so lange, bis alle Kinder auf zwei Mannschaften verteilt waren. Glauben Sie jetzt bloß nicht, dass ich stets als Letzter ausgewählt wurde, das wäre eine schlechte Pointe. Stimmt auch nicht, ich war schon als Knirps ein fanatischer Fußballer.
