Brave Hunde kommen nicht zum Südpol - Hans-Olav Thyvold - E-Book
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Brave Hunde kommen nicht zum Südpol E-Book

Hans-Olav Thyvold

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Beschreibung

»Das ist echte Weltliteratur! Ich kann Ihnen nicht genug vorschwärmen.« Denis Scheck »Brave Hunde kommen nicht zum Südpol« ist das berührendste, klügste und inspirierendste Buch über die Freundschaft, das je ein Hund geschrieben hat. Cocker Spaniel Tassen erzählt seine Geschichte, anrührend und mit unverstelltem Hunde-Blick auf die Merkwürdigkeiten des menschlichen Lebens:  Als Welpe wird er vom Ehepaar Thorkildsen aufgenommen und lernt schnell, dass es nichts Wunderbareres gibt als die Freundschaft zwischen Mensch und Hund. Doch dann stirbt Herr Thorkildsen, und Tassen macht sich zunehmend Sorgen. Frau Thorkildsen ist einsam, sie trinkt zu viel Alkohol – Tassen nennt es »Drachenwasser« – und geht kaum noch aus dem Haus. Zwischen den beiden entwickelt sich eine außergewöhnliche Freundschaft, in der Amundsens Südpol-Expedition eine entscheidende Rolle spielt und die beiden die Augen dafür öffnet, was im Leben wirklich zählt. Mit »Brave Hunde kommen nicht zum Südpol« hat der norwegische Autor Hans-Olav Thyvold einen außergewöhnlichen und klugen Hunde-Roman über die schönste Freundschaft der Welt vorgelegt. »Wenn Ihr Hund nur ein einziges Buch dieses Jahr liest, dann das hier!« - Tess Erngren

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Seitenzahl: 367

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Hans-Olav Thyvold

Brave Hunde kommen nicht zum Südpol

Roman

Aus dem Norwegischen von Andreas Brunstermann

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Als junger Hund hat Tassen es nicht leicht, entspricht er doch nicht den Zuchtvorgaben. Schließlich wird er vom Ehepaar Thorkildsen gekauft, für den halben Preis und in bar. Von seinen neuen Menschen lernt Tassen schnell, dass es nichts Wunderbareres gibt auf der Welt als die Freundschaft zwischen Mensch und Hund. Doch es gibt auch einiges, das der einfühlsame Cocker-Spaniel Herrchen und Frauchen beibringen kann.

Als Herr Thorkildsen, den der Hund liebevoll »der Major« genannt hat, stirbt, macht Tassen sich zunehmend Sorgen um sein Frauchen. Frau Thorkildsen scheint sich einsam zu fühlen, sie trinkt zu viel und geht kaum noch aus dem Haus. Doch Tassen wäre nicht Tassen, wenn er nicht wüsste, was nun zu tun ist.

Inhaltsübersicht

Widmung

Erster Bissen

Das hier ist der [...]

Ich wurde auf dem [...]

Frau Thorkildsen isst nicht. [...]

Nachdem der Major gestorben [...]

Frau Thorkildsen fährt nicht [...]

Was fehlt Frau Thorkildsen? [...]

Als wir, ermattet von [...]

Thema des Tages bei [...]

Anders, als die Menschen [...]

Es klingelte an der [...]

Frau Thorkildsen hatte einen [...]

Zweiter Bissen

Mein Vertrauen in die [...]

Verstehe, wer kann und [...]

Es war einmal ein [...]

Ich hätte die Fahrt [...]

Frau Thorkildsens Thema des [...]

Der Welpe kam heute [...]

Frau Thorkildsen schneidet wieder [...]

Es dauerte drei Abende. [...]

Die Krankheit hat einen [...]

Unter normalen Umständen wäre [...]

Die verdammte Vergangenheit beißt [...]

Ich sage es nur [...]

Pinguine sind keine netten [...]

Wie man einen Grönlandhund [...]

»Verdammter Mist!«, ruft Frau [...]

Die Frage »Was machen [...]

Heute in der Doktor-Pill-Show: [...]

Es duftet. Das ganze [...]

Wahrscheinlich könnten sie noch [...]

Frau Thorkildsen steht in [...]

Es ist ein umständlicher [...]

Seit einer Ewigkeit oder [...]

Letzter Bissen

Von einem Augenblick auf [...]

Streng genommen gab es [...]

Er hielt den Wagen [...]

Natürlich bereue ich es. [...]

Als wir einmal nach [...]

Danksagung

Pour Jacqueline

Erster Bissen

What are days for?

To wake us up.

To put between the endless nights.

What are nights for?

To fall through time

Into another world.

 

Laurie Anderson: Heart of a Dog

Das hier ist der letzte Tag im Leben des Majors, das wusste ich gleich, als ich am Vormittag die Pfoten in das kranke Zimmer setzte. Wie ich das wissen konnte? Der Major war ein Schatten seiner selbst und lag schwer atmend im Krankenbett, allerdings hatte er das auch gestern schon getan, und am Tag zuvor, und an dem Tag davor auch. An den davorliegenden Tag erinnere ich mich nicht mehr, ganz zu schweigen von dem vorangegangenen.

Frau Thorkildsen hob mich hoch und setzte mich zum Major ins Bett, wie sie es nun schon so oft getan hatte. Der Major hat mich gern bei sich im Bett. Vielleicht existiere ich ja nur dafür. Ein afghanischer Windhund nannte mich einmal einen missgestalteten Sesselpupser, aber das ist völlig okay für mich. Ich wüsste wirklich gern, was so eine zitternde Schnake von Windhund im Bett eines Mannes ausrichten könnte, der im Sterben liegt. Jetzt ist nämlich Zeit für Zärtlichkeit und Liebe, und da ist es das Allerbeste, ein missgestalteter Sesselpupser mit Fell und Empathie zu sein.

Ich verpasste dem Major einen von diesen richtig feuchten Abschleckern, über die er sich in seinen letzten Tagen immer so freute. Allerdings konnte bei ihm von Freude keine Rede mehr sein, da war nämlich nur noch Gestank. Der Geruch des Üblen, das im Major heranwuchs, war schon lange da, bevor er das wurde, was »krank« genannt wird, und sie kamen und ihn abholten. Jetzt allerdings füllt dieser Geruch mit all seinen Nuancen das ganze Zimmer. Die Bitterkeit des Todes. Die Süße des Todes.

Egal, wie man sich dreht, der Arsch ist hinten.

 

Der Major hat mir diese Regel beigebracht, es bedurfte jedoch einiger praktischer Versuche, bevor ich sie als Wahrheit akzeptieren konnte. Mit viel Geduld und Energie jagte ich meinem eigenen Schwanz hinterher, war immer ganz kurz davor, diesen Sauhund zu fassen, aber letzten Endes fand ich mich mit der Wahrheit ab:

Egal, wie man sich dreht, der Arsch ist hinten.

 

Frau Thorkildsen schläft. Ich hatte schon Angst, dass sie als Erste sterben würde, wenn sie sich nicht etwas ausruhte. Jetzt aber muss sie aufwachen, wenn sie die letzte Stunde des Majors miterleben will. Ich weiß, dass sie das gern möchte.

Am einfachsten wäre es, sie mit einem Bellen zu wecken, aber ich möchte hier im Pflegeheim keinen Lärm machen. Ich habe eine bürgerliche Erziehung genossen und konnte mich niemals von der Angst befreien, womöglich hinausgeworfen zu werden. Eigentlich weiß ich gar nicht, woher diese Angst kommt, denn ich kann mich nicht erinnern, dass man mich jemals irgendwo rausgeworfen hätte, aber so ist es wohl mit Ängsten: Sie brauchen keinen Existenzbeweis, um aufzublühen.

Ich steige über die Füße des Majors, lasse mich vorsichtig vom Bett hinuntergleiten und tipp, tapp, tapse hinüber zu Frau Thorkildsens Sessel. Stupse ihr Bein an, natürlich vorsichtig, damit sie nicht erschrickt, aber selbstverständlich passiert genau das. Sie ist leicht benebelt, so wie immer, wenn sie jäh geweckt wird, aber gleichzeitig sofort auf den Beinen, fast wie ein springender Tiger, sofern sie für so etwas die Kraft hätte. Jedenfalls bewegt sie sich so abrupt, dass ich beinahe zusammenfahre.

Frau Thorkildsen legt dem Major eine Hand auf die Stirn. Neigt den Kopf und legt das Ohr an seinen Mund. Hält den Atem an. Lange. Frau Thorkildsen sieht mich an. Lange.

»Musst du raus?«, fragt sie.

Nein, verdammt! Dann hätte ich doch mit den Vorderpfoten an der Tür gekratzt und dabei gewinselt. Kennt sie mich immer noch nicht, nach all den Jahren? Sie ist intelligent und belesen, Frau Thorkildsen, aber manchmal so elend langsam, wenn es darum geht zu verstehen, was ich meine. Vielleicht liegt es an meiner Natur. Ich bin ein one man dog und habe auch niemals einen Hehl daraus gemacht. Im Gegenteil. Seit dem Tag, an dem der Major zu Hause abgeholt und ins Pflegeheim gebracht wurde, hat Frau Thorkildsen mich gefüttert und gebadet, hat mein Fell gebürstet und ist mit mir rausgegangen, und das eigentlich auch schon in der Zeit davor, aber ich bin und bleibe bis zum letzten Tag der Hund des Majors. Und jetzt, da der letzte Tag des Majors angebrochen ist und ich Waisenhund werde, fällt mir auf, dass ich der Frage, wie es mit mir und Frau Thorkildsen weitergehen soll, keinen einzigen Gedanken gewidmet habe. Alles zu seiner Zeit. Das ist eine gute Regel. Feste Essenszeiten hingegen sind eine dumme Regel.

 

Frau Thorkildsen raunt ihrem Mann sanfte Worte zu, während sie seine Lippen mit einem kleinen Schwamm benetzt. Sie redet auf ihn ein mit ihrer singenden, hellen Stimme, die immer so gut zur dunklen des Majors passte, wenn sie beide bei einem Glas Drachenwasser im Halbdunkel zu Hause saßen und Lieder summten, deren Texte sie vergessen hatten. Dann redeten sie über all diese seltsamen Dinge, die sie gemeinsam erlebt hatten. Über niederträchtige Großtanten und nubische Könige. Über Schiffe und über Bücher. Über den Krieg, der geherrscht hatte, und über den, der kommen würde. Manchmal sprachen sie über Dinge, die sie hätten tun sollen. Und dann gab es noch eine Menge andere Dinge, getane und ungetane, über die sie niemals sprachen.

Nachdem sie seine Lippen befeuchtet hat, steht Frau Thorkildsen da und betrachtet ihren Mann, der ruhig zu schlafen scheint, sich aber in seinem Inneren mit letzter Kraft gegen den Tod stemmt. Aber dem zuzusehen ist nicht mehr so einfach, wie es bisher vielleicht war.

Irgendetwas muss in dem kleinen weißen Kopf von Frau Thorkildsen eine Entscheidung ausgelöst haben. Mit ungeschickten Bewegungen klettert sie an Bord des mächtigen Metallbettes, in dem der Major liegt, presst sich zwischen die Metallstäbe und den noch immer kräftigen Körper, und dann kommt sie in seinen Armen zur Ruhe, genauso wie ich es für gewöhnlich tue.

Im Zimmer wird es ganz still, und ich weiß nicht recht, was ich machen soll. Das Bett ist etwas zu hoch, ohne Frau Thorkildsens Hilfe komme ich nicht hinauf, und da sie sich eben erst hinaufgehievt hat, besteht wenig Grund zu der Hoffnung, dass sie wieder herunterklettert, um mich hochzuheben und sich dann abermals neben ihren Mann zu schmiegen. Ich hocke also da und wäge meine Möglichkeiten ab.

Alternative A: Winseln ist ausgeschlossen, aufgrund der zuvor erwähnten Ejektionsphobie.

Alternative B: Ruhelos im Zimmer hin und her rennen. Kann nicht schaden, aber andererseits wohl auch nicht viel nützen. Wenn man’s genau nimmt. Daher vielleicht Erwägung von

Alternative C: In strammem Habacht sitzen, wie einer von diesen rührenden Spaniels, die am Grab ihres längst verstorbenen Ernährers trauern. »Fido hat neun Jahre am Grab gesessen.« Ach ja? Hätte Fido sich nicht besser erschießen und zu Papa in die Kiste legen können? Aber da war ja diese Sache mit den abstehenden Daumen. Jemand sollte eine Handfeuerwaffe für Hunde erfinden. Dafür gäb’s bestimmt einen Markt.

 

Frau Thorkildsen weiß vermutlich, dass der Major noch heute Nacht abtritt, aber sie redet mit ihm, als dauerte es einfach nur noch einen Tag länger, bis er wieder nach Hause kann. Wenn er erst zu Hause wäre, würden sie sich mit einem Gläschen hinsetzen und zusehen, wie der Tag langsam in die Nacht überginge. Ein paar Kerzen anzünden. Etwas Haydn spielen. Feuer im Kamin machen. Leise und sanfte Gespräche führen. Das würde schön.

Frau Thorkildsen kann sagen, was sie will, doch ich fürchte, es ist zu spät. Der Körper, den sie an sich drückt, ist dabei, den Betrieb einzustellen. Der Major ist irgendwo da drinnen, ein Mechaniker, der systematisch einen Schalter nach dem anderen umlegt, die Hähne schließt und das Licht löscht. Der kleine Mechaniker riecht nach Schnaps und Verderbnis, und genauso will er auch riechen.

 

»Ich hoffe, ich muss dir nicht extra sagen, dass ich dich gernhabe …«

 

Frau Thorkildsen Worte sind so selbstverständlich, dass sie beinahe über die Sensation hinwegtäuschen, dass sie sie überhaupt ausgesprochen hat. Noch nie habe ich Frau Thorkildsen so etwas sagen hören!

 

Der Major stöhnt dreimal kurz auf. Er ist hier, und auch wenn Frau Thorkildsen es nicht hört, kann ich hören, dass er mich ruft. Die Mutter aller Höllenhunde mag wissen, woher ich die Kraft nehme, aber mit einem Satz bin ich wieder im Bett. Dicht an die Wand gedrückt, schmiege ich mich an ihn und finde meinen Platz, lege die Schnauze in seine Hand, die trotz Krankheit und Tod noch immer nach Meer und Phosphor riecht. Ich fürchte mich nicht länger.

 

Noch bevor das Herz zu schlagen aufhört, atmet er nicht mehr. Schließlich gibt er einen Ton von sich, der nie zuvor über seine Lippen gekommen ist. Es ist das Geräusch seiner Stimme, die versucht, sich fortzuschleichen, ehe der Mechaniker auch sie erwischt.

Dann ist er weg.

 

Es dauert einen Moment, bis Frau Thorkildsen es merkt. Ich weiß nicht, ob sie gedöst hat, jedenfalls ist sie plötzlich ganz wach. Sie sagt seinen Namen. Hand auf der Stirn, Ohr am Mund, Atem angehalten. Die Klimaanlage rauscht. Dann fängt Frau Thorkildsen leise zu weinen an, und ich muss wieder meine Schnauze einsetzen. Es braucht etwas Zeit und drei Anstupser, bevor sie mich registriert. Sie schnieft und legt mir ihre schmächtige Hand in den Nacken. Sie kann gut kraulen, zwar fehlt ihr die feste Hand des Majors, aber dafür hat sie Fingernägel. Mit denen sie ziemlich weit kommt. Eine Weile sieht sie mich an, dann sagt sie:

»Tja, Tassen, jetzt gibt es nur noch dich und mich.«

 

Dann schlafen wir, alle drei.

Ich wurde auf dem Land geboren. Der Stallgeruch ist mit den Jahren verschwunden, aber ich bin ein waschechter Hofhund. Sechs Welpen auf einen Schlag. Im späten Frühling. Meinen Vater habe ich nie gekannt, aber darauf sollten wir jetzt wirklich nicht zu viel Gewicht legen, finde ich. Ich bin nämlich etwas skeptisch gegenüber Psychologie. Jedenfalls der für Hunde.

 

Die Geschwister, zu denen ich gehörte, verschwanden nach und nach, und das wäre sicher auch mit mir passiert, wenn ich nicht so geboren worden wäre, wie ich bin.

Falsche Farbe.

Mein Leben ist so geworden, wie es ist, weil mein Gesicht eine andere Farbe aufweist als diejenige, die als »richtig« gilt. Und dafür braucht es nicht viel. In meinem Fall geht es darum, dass der obere Teil meiner Schnauze der einzige Teil meines Körpers ist, der nicht mit schwarzem, sondern mit weißem Fell bedeckt ist. Ein weißer Fleck auf der Nase, und schon war ich ein Hund zweiten Ranges, unbrauchbar als Ausstellungsobjekt, minderwertig. Der Übriggebliebene, wenn alle anderen aus dem Wurf verkauft sind.

Ein Restposten.

Damals habe ich natürlich nichts davon begriffen. Wie die meisten Welpen war ich nur froh über jeden Konkurrenten, der nicht länger am Futtertrog auftauchte. Es waren gute Tage, die im Lauf eines langen Sommers voller Sinneseindrücke nur umso besser wurden, bis ich schließlich zum ersten Mal im Leben Schnee sah.

Mit dem Schnee kam ein anderes Leben, oder präziser ausgedrückt mehrere neue Leben, in Form neuer Geschwister. Fragt mich erst gar nicht, wer der Vater dieser Herde war, die seit dem Tag ihrer Geburt mein Dasein unerträglich machte. Meine Mutter, die im Lauf der letzten Monate zunehmend distanziert gewirkt hatte, verhielt sich plötzlich geradezu feindselig mir gegenüber. Nur wer je erlebt hat, von der eigenen Mutter angeknurrt und weggebissen zu werden, weiß, wie sich das anfühlt.

Von einem Augenblick auf den anderen verwandelte sich meine gesegnete Existenz als Einzelkind in ein Paria-Dasein. Wobei Paria noch mild ausgedrückt ist. Ich war nicht einmal mehr ein Teil des Rudels. Mein Bruder und meine Schwestern waren eigentlich ganz okay und rochen auch gut, aber das Verhältnis zu meiner Mutter wurde nie wieder wie zuvor. Ich glaube, das hat mich sehr geprägt, aber wie gesagt, wir lassen Freud außen vor. Pawlow ebenfalls, wo wir gerade dabei sind.

 

Von morgens bis abends kamen Menschen in allen Altersstufen und in jeder erdenklichen Form ins Haus gestapft, und alle hatten die gleiche Absicht: die Welpen anzusehen! Es war also wieder an der Zeit, und das gab mir die Hoffnung, dass sich die Ruhe und Stabilität des Daseins vielleicht einfach wieder dadurch herstellen ließen, dass wir die Gören loswurden. Mutters Knurren und Fauchen könnte ich immer verzeihen, im schlimmsten Fall ignorieren.

Trotz ihrer Alters- und Gattungsunterschiede reagierten die Menschen, die ins Haus kamen, fast ausnahmslos auf die gleiche Weise. Die Stimmen wurden weich, der Pulsschlag beruhigte sich, das Blut roch süßlicher. Alle sangen Variationen derselben Melodie, und alle waren gekommen, um einen Favoriten zu finden. Einen Hund auszuwählen. Eigentlich lässt sich das nur damit vergleichen, in ein Waisenhaus zu gehen und sich das Kind zu kaufen, das einem zusagt.

Menschen, die Hundehaltung mit Kinderhaltung vergleichen, verstehen da etwas völlig falsch. Sozusagen um 360 Grad. Mindestens! Die wenigsten Menschen sehen, wie ihre Hunde geboren werden (leider!), und noch weniger lassen ihre Nachkommen nach einem langen Zusammenleben in Liebe und Vertrautheit einschläfern. Und während dir deine Kinder hoffentlich irgendwann entwachsen und dir und deinem persönlichen Irrsinn entgehen können, gehört ein Hund mit seinem ganzen Leben zu dir, einem Leben, in dem du am Ende zu Gott dem Allmächtigen wirst:

Soll ich meinen Hund leben oder sterben lassen?

 

Es war übrigens während dieses zweiten geschmacklosen Schönheitswettbewerbs, dass ich mir meines eigenen Makels bewusst wurde. Denn erst, als sich alle an dem Welpenknäuel sattgesehen hatten, richteten sie den Blick auf mich, und nachdem sie mich gemustert hatten, stellten alle die gleiche Frage:

Warum ist der denn so groß?, wollten sie wissen, und dann bekamen sie die bigotte Antwort über den weißen Fleck an meiner Nase. Das Rennen war gelaufen, und selbst ohne weißen Fleck an der Schnauze hätte ich keine Chance gehabt im Wettbewerb mit den vier possierlichen Gesellen, die noch nicht wussten, dass der Arsch hinten ist und das Leben voller Schrecken und Geheimnisse.

 

 

sagten die Menschen meist, wenn sie die Welpen zu Gesicht bekamen. Ich habe nie so richtig kapiert, was sie eigentlich damit meinten. Sie hoben sie hoch und streichelten sie und kraulten sie, bis man gar nicht mehr sagen konnte, wem jetzt schwindeliger geworden war, ihnen oder den Welpen. Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen, sie alle ließen sich hypnotisieren. Sogar ich bekam ein paar Streicheleinheiten ab, nicht zu fassen. Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn, wie es so schön heißt, aber ich, ein Hund in der Blüte seiner Jugend, fühlte mich dennoch wie ein alter Elefant.

Sich ein Leben in den Händen eines dieser abscheulichen Kinder vorzustellen, ließ es mir kalt den Rücken herunterlaufen. Man kann einem undressierten Kind doch keinen Hund anvertrauen. Es gab sogar Mädchen, die wollten gar keinen Hund, die wollten ein Kaninchen (!), aber Mutter und Vater hatten entschieden, dass es ein Hund werden sollte. Eine kluge Wahl, aber was macht das mit so einem armen Hund, wenn er als Kaninchenersatz aufwachsen soll? Was, wenn der Hund, vielleicht erst in fortgeschrittenem Alter herausfindet, was damals geschehen ist?

 

Ungeachtet dessen bin ich froh, dass ich diesen Fleisch- und Pelzmarkt miterleben durfte, und noch viel froher, dass ich aufgrund meines weißen Flecks und meines in die Jahre gekommenen Zustands kein Teil davon war. Ich hatte keine Ahnung, was eine »Hundeausstellung« war, aber allein das Wort regte mich jedes Mal auf. Für mich war es natürlich nicht nur in Ordnung, sondern geradezu eine Befreiung, zu wissen, dass ich für eine Hundeausstellung nicht geschaffen war, wenngleich ich neugierig darauf war, zu erfahren, worum es dabei eigentlich ging. Offen gestanden habe ich in dieser Hinsicht sogar ein paar ziemliche ungesunde Fantasien entwickelt.

Als meine Brut damals zur Auktion vorgeführt wurde, war ich zu jung und zu dumm, um zu begreifen, wie zynisch der Auswahlvorgang und der Verkauf von Welpen organisiert ist.

Im Nachhinein musste ich wirklich – sarkastisch – in mich hineingrinsen, angesichts meines Glücks im Unglück. Wie sich zeigen sollte, hatte ich nämlich ein ausgezeichnetes Hundeleben, und zwar aufgrund der Tatsache, dass die Menschen trotz über zehntausendjähriger Erfahrung im Zusammenleben mit Hunden immer noch nicht die Bedeutung des ersten Gebots, Punkt 1.1. im Benutzerhandbuch verstanden haben:

Wähle deinen Hund nicht nach dem Äußeren.

Will heißen: Der Schein trügt.

 

Er unterschied sich gleich im ersten Augenblick von allen, die gekommen waren und sich über die Fellknäuel freuten. Er war der Einzige, der allein kam. Und er war auch der Älteste. Und der Größte. Sobald er die Türschwelle überschritten hatte, gehörte der Raum ihm allein, und es waren seine Regeln, die jetzt galten. Ein alter Alpha, der allein umherstreifte. Schwer zu sagen, wie das gedeutet werden sollte, aber in meiner Situation fühlten sich alle Neuigkeiten zunächst wie schlechte Neuigkeiten an.

Er war der Einzige, der keinerlei Sentimentalität gegenüber unserem kleinen Rudel erkennen ließ. Ohne auch nur ein einziges

 

 

von sich zu geben, zeigte er direkt auf mich und fragte:

»Was stimmt mit dem nicht?«

Einmal mehr war ich gezwungen, die Erläuterung meiner Minderwertigkeit mit anzuhören. Ich hatte überhaupt keine Lust, wegzugehen, aber ich hatte auch keine Lust, noch länger gedemütigt zu werden. Der große Alpha hörte sich die Antwort nicht mal zu Ende an und sagte bloß:

 

»Halber Preis. In bar.« So wurde der Major der Besitzer in meinem Leben.

 

Das Ganze passierte so schnell, dass ich überhaupt nicht wusste, was vor sich ging, bis ich mich plötzlich zum ersten Mal im Leben in einem Auto wiederfand. Zu Beginn kam es mir so vor, als bewege sich nicht der Wagen, sondern die Landschaft um uns herum, was die Fahrt zu einem schieren Albtraum werden ließ. Egal, wo und wie ich mich hinsetzte, wurde ich von unsichtbaren Kräften hin und her geworfen, bis ich nicht mal mehr wusste, wo oben und wo unten war. Auch mein Magen wusste es nicht mehr. Es kam alles hoch. Für gewöhnlich hätte ich so eine Delikatesse in mich hineingeschlürft, aber mir war derart übel, dass ich in meinem Erbrochenen liegen blieb, bis wir das Ziel erreicht hatten und ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, nach Hause kam.

Krank und mitgenommen, wie ich war, bekam ich vom ersten Abend nicht viel mit, oder vielleicht hat das Gewohnte später auch die Erinnerungen an das Ungewohnte ausgelöscht. Danach habe ich jedenfalls viele Male die Geschichte gehört, wie der Major ohne Absprache oder Vorwarnung eines Tages mit einem stinkenden Hundewelpen nach Hause kam, zu einer Frau Thorkildsen, die sich schon lange, bevor der Major krank wurde, davor fürchtete, dass er sterben könnte. Wie ich in der Badewanne abgespült, danach in einen alten Morgenrock gewickelt und dann fotografiert wurde. Frau Thorkildsen liebt es, das peinliche Foto herumzuzeigen, sie zeigt es sogar völlig Fremden.

Was mich diese Geschichte aber dennoch gern hören lässt, ist, dass Frau Thorkildsen, nachdem sie erklärt hat, wie wenig sie damals an einem Hund interessiert war, stets mit den Worten schließt:

»Der Major wusste genau, was er tat, als er Tassen angeschafft hat!«

Und wenn sie das sagt, spüre ich immer, dass ich meine Würde wiedererlangt habe. Würde ist nämlich wichtig für uns Hunde, auch wenn es mitunter schwierig ist, diese bei uns zu erkennen, während wir den Müll durchwühlen oder den juckenden Hintern über den Teppich reiben.

 

Hundeerziehung ist bekanntermaßen keine exakte Wissenschaft. Der Major glaubte nicht an diese Sache mit Zuckerbrot und Peitsche. Peitsche und kleine Fleischwürfel hingegen … Das ist jetzt nicht so zu verstehen, dass er mich ausgepeitscht hat. Das war gar nicht erforderlich. Sein fester Griff ins Nackenfell erzählte mir alles, was ich über seine Stärke wissen musste. Und seine Stärke wurde zu meiner Stärke. Niemand legte sich mit dem Köter von Major Thorkildsen an.

 

Nachdem es ihm so schlecht ging, dass er in das kranke Heim musste, wo Hunde keinen Zutritt haben, war der Major oft bei uns zu Hause, konnte allerdings nur selten hier übernachten. Beim letzten Mal, als er das tat, kamen sie mitten in der Nacht, um ihn abzuholen. In gewisser Weise hatten Frau Thorkildsen und ich also genügend Zeit, uns daran zu gewöhnen, irgendwann nur noch zu zweit zu sein. Dennoch ist jetzt irgendwas anders. Frau Thorkildsen sitzt wie immer in ihrem Sessel am Fenster, während ich mich im Kuhfellsessel des Majors zusammenrolle, ein absolutes No-Go, als der Major noch bei uns war. Auf diese Weise haben Frau Thorkildsen und ich so viele Abende verbracht, dass wir schon dachten, den richtigen Dreh rauszuhaben, aber wie sich zeigt, ist der Schlussstrich zu einer Startlinie geworden. Es gibt eben doch ein Leben nach dem Tod.

 

Der Atem des Majors erinnerte immer schon eher an Senfgas als an Rosen, aber eines Tages gab es da auch den winzigen, fernen Hauch von etwas anderem. Und der wuchs dann nach und nach zu einem fast unsichtbaren gelben Duft heran, der nicht nur durch seinen Mund in den Raum sickerte, sondern auch durch die Poren seiner Haut, während er dasaß und noch ein Buch über den Krieg las. Der Major las nämlich alle Bücher über den Krieg. Frau Thorkildsen las alle anderen Bücher, so war die Arbeitsteilung.

 

Frau Thorkildsen wurde erst in fortgeschrittenem Alter als Bibliothekarin diagnostiziert, gleichwohl war es etwas, womit sie anscheinend geboren wurde. Die Zeichen waren schon früh erkennbar. Als Kind besaß sie zwei große, in Hirschleder eingebundene Bücher (wie ich später anhand persönlicher Schnüffelproben erkannte), voll von fantastischen Geschichten, die zu hören ihr niemals zu viel wurde. Und hören musste sie sie, da sie nun einmal damals noch nicht lesen konnte.

Mit einem Buch unter dem einen Arm und einem kleinen Schemel unter dem anderen trat sie hinaus in die Welt. Und jeden, dem sie auf der Straße begegnete, fragte sie:

»Kannst du mir vorlesen?«

»Die Menschen waren arm«, sagt Frau Thorkildsen, wenn sie diese Geschichte erzählt, und das tut sie gern, weil es eine der Lieblingsgeschichten des Majors war. Meint jedenfalls Frau Thorkildsen. Ich bin mir da nicht so sicher, hätte gern mit dem Major darüber konferiert, bevor ich mich dazu äußere.

»Die Menschen waren arm«, sagt Frau Thorkildsen, »aber alle konnten lesen.«

 

Ich glaube nicht, dass wir arm waren, aber wir lasen, der Major, Frau Thorkildsen und ich. Ich sage »ich«, wobei ich rein technisch gesehen natürlich nicht gelesen habe. Hunde können nämlich nicht lesen. Manchmal allerdings konnte ich, während ich berauscht von Frikadellen und brauner Soße in der Sofaecke lag, kurze Abschnitte und Wendungen aus den Kriegsbüchern des Majors erahnen, die sich lautlos in seinen Kopf schlichen. Dort wurden sie dann zu Lärm, Getöse, Bildern, Gerüchen und Angst und Chaos. Stundenlang saß er manchmal in seinem Kuhsessel, und dabei konnte man ihm nicht ansehen, was sich in ihm abspielte. Während Frau Thorkildsen beim Lesen lacht und weint, vollzog sich die Lektüre des Majors ganz still, mit dem gleichen beständigen Pulsschlag und den gleichen regelmäßigen Atemzügen durch die Nase, Seite um Seite, Buch um Buch. Er las so intensiv, dass ich Zweifel habe, ob für den nächsten Leser überhaupt noch genug übrig war, nachdem er die Bücher verdaut hatte. Manchmal konnte er mitten in der Lektüre innehalten und eine Bemerkung machen oder etwas aus dem Buch vorlesen, das er in den Händen hielt. Immerhin wusste Frau Thorkildsen dann, wo im Krieg er sich ungefähr befand. Wir reden hier nämlich von einem großen Krieg, und nicht von einer simplen Rauferei.

 

Wir haben auch gemeinsam gejagt, wir drei. Wir fuhren zu den Jagdgründen, wo ich dann stets zurückblieb und den Wagen bewachte, derweil die beiden sich um die eigentliche Jagd kümmerten. Es war die Hölle. Ein französischer Freund von Frau Thorkildsen meint, andere Menschen seien die Hölle. Ich würde sagen, es kommt auf den jeweiligen Menschen an. Hölle ist, allein in einem Auto zu warten. Einen Wagen zu bewachen, während ständig irgendwelche Menschen daran vorbeilaufen, ist für einen einfachen Hund eine fast unmögliche Aufgabe. Sicherheitshalber habe ich also immer viel gebellt. Außerdem machte ich mir Sorgen wegen des Ausgangs der Jagd. Für gewöhnlich gaben sich der Major und Frau Thorkildsen nämlich nicht mit kleiner Beute zufrieden. Wenn sie zurückkamen, bog sich der Wagen förmlich vor lauter Rind und Vögeln und Hirsch und Schwein, und zu allem Überfluss hatten sie meist auch noch Unmengen von Obst, Pilzen, Kräutern und Gemüse gesammelt. Und Anglerglück hatten sie auch, und das war gut, denn Hunde können nicht angeln, und ich liebe Fisch. Wäre ich ein Mensch, würde ich den ganzen Tag am Kai sitzen und Stockfisch angeln.

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir je mit leeren Händen von der Jagd nach Hause kamen. Mein Futtertrog blieb niemals leer. Abends, nachdem sie eine richtig gute Mahlzeit eingenommen hatten, bei der alles Mögliche vom Tisch herunterfallen konnte, saßen der Major und Frau Thorkildsen gern im Dunkeln vor dem großen Fenster und nippten am Drachenwasser und unterhielten sich bis in die Nacht hinein.

 

Aus solchen langen und behaglichen Nächten wird jetzt wohl nichts mehr, aber Nahrung müssen wir dennoch herbeischaffen. Ich muss gestehen, dass mich der Gedanke bekümmert. Zwar hat sich Frau Thorkildsen in der Regel gemeinsam mit dem Major auf die Jagd begeben und ihm dabei, soweit ich weiß, in nichts nachgestanden, aber nachdem ich ihre Reaktion gesehen hatte, als sie eine Ratte im Keller entdeckte, kamen mir doch Zweifel, ob sie in der Lage wäre, uns zu ernähren. Der Major hatte sogar, wie er gern und häufig erwähnte, den Keller mit einem Jahresvorrat an Speisen und Getränken gefüllt, doch was würde passieren, wenn das Jahr vorbei wäre und Frau Thorkildsen nicht in der Lage, auf eigene Faust zu jagen? Das machte mir Sorgen, und ein bekümmerter Hund kann schnell zu einem traurigen Hund werden. Und wer hat schon Bedarf an einem traurigen Hund?

Umso größer war daher die Überraschung, als Frau Thorkildsen schon nach ihrem ersten alleinigen Jagdausflug zum Wagen zurückkam, wo ich – angesichts der Tatsache, sie überhaupt wiederzusehen – völlig aus dem Häuschen geriet, und Fische und Vögel sowie diese köstlichen Leckerbissen mitbrachte, die zwar in einer gelben Tüte mit dem Bild eines ziemlich widerlichen Jack-Russel-Terriers lagen, aber absolut himmlisch schmeckten und genau die richtige Konsistenz hatten.

 

Der letzte Halt an diesem Tag war der beste. Ich durfte nämlich mitkommen. Es geschah so unerwartet, dass ich im ersten Moment zögerte, als Frau Thorkildsen, nachdem sie ausgestiegen war, »Komm« zu mir sagte.

Dass ein Wort so schön sein kann!

 

Ich bin schlau genug zu wissen, wann es angebracht ist, bei Fuß zu gehen, und das war nun genau so eine Situation. Frau Thorkildsen führte mich zielgerichtet durch die Menschenmenge, und ihre Sicherheit übertrug sich sogleich auf mich.

Ein vertrauter und gleichzeitig fremder Duft kitzelte mir in der Nase. Frau Thorkildsen steuerte in die Richtung, aus der dieser Geruch kam, und ging ganz tief in das Gebäude hinein. Dort gab es eine Höhle, in die ich Frau Thorkildsen begleitete, und es dauerte auch nicht lange, bis ich begriff, wo wir uns befanden. Wir waren in der Höhle des Drachen.

»Wir sollten wohl einen Wagen nehmen«, sagte Frau Thorkildsen.

Gesagt, getan. Mit mir im Schlepptau bewegte sich Frau Thorkildsen langsam, aber zielstrebig durch die Gänge, wo sie erst eine und dann weitere Flaschen aus den Regalen nahm. Einige davon stellte sie wieder zurück, aber die meisten landeten im Wagen. Als der voll genug war, nahm sie Kurs auf den Ausgang. Ich freute mich schon darauf, zurück zum Auto und nach Hause zu kommen, wo es nach einem derartigen Ausflug in der Regel einen Leckerbissen gab. Aber ganz so einfach war es nicht.

Erst musste Frau Thorkildsen alles aus dem Wagen herausnehmen und dem Mann hinter der Absperrung geben. Er nahm eine Flasche nach der anderen in die Hand, während Frau Thorkildsen ihm erklärte, dass sie Gäste erwarte, weil ihr Mann gestorben sei und eine Gedenkstunde abgehalten werden solle. Die Erklärung reichte anscheinend aus. Der Mann hinter der Absperrung sagte, es tue ihm leid, das zu hören, und dann gab er ihr alle Flaschen wieder zurück. Dann gab es ein weiteres Problem. Und das kündigte sich an, nachdem Frau Thorkildsen alle Flaschen in Tüten gestopft hatte. Es waren nämlich viel zu viele Tüten, als dass sie die hätte tragen können.

»Wie um alles in der Welt kriege ich die jetzt zum Wagen?«, sagte sie. Ich hatte schon Lust zu sagen Das kannst du einfach vergessen, du hast keine Chance, pack einfach so viel unter den Arm, wie du tragen kannst, und dann nichts wie raus hier, aber da tauchte plötzlich ein kräftiger, bärtiger junger Mann auf und bot ihr an, beim Tragen zu helfen. Frau Thorkildsen musste nicht mal eine einzige Tüte in die Hand nehmen, der Muskelprotz kümmerte sich um alle Tüten, und dann gingen wir zum Auto, während Frau Thorkildsen, ohne Luft zu holen, über sich und das Leben erzählte, und auch etwas über mich. Sie konnte ihm gar nicht genug danken, hätte die Unterhaltung gern fortgeführt, aber anscheinend hatte der Mann ein Leben, zu dem er zurückkehren musste.

Frau Thorkildsen isst nicht. Anstatt sich etwas zuzubereiten, nachdem sie mir ein verspätetes Frühstück serviert hatte, schenkte sie sich ein Glas Drachenwasser ein. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon einmal so früh am Tag gesehen zu haben. Aber was weiß ich schon? Vielleicht ist das völlig normal, wenn dein Mann stirbt. Sie trinkt nicht. Noch nicht. Sitzt bloß auf dem Küchenschemel und dreht das Glas in der Hand.

Frau Thorkildsen sieht mich an, ich sehe Frau Thorkildsen an, und vielleicht denkt sie gerade das Gleiche wie ich:

Wer von uns beiden wird zuerst gehen?

Ich bin sechs Jahre alt.

Frau Thorkildsen ist fünfundsiebzig.

 

Die wenigsten Hunde können mit Zahlen etwas anfangen. Ich würde sogar sagen, sie haben nicht die geringste Ahnung davon. Im Allgemeinen kann ein Hund Zahlen lediglich zum Zählen gebrauchen, und Folgendes ist für den durchschnittlichen Hund völlig ausreichend:

 

Ich.

Du und ich.

Rudel.

 

Ein Rudel kann natürlich »klein« oder »groß« sein. Bekanntermaßen ist alles relativ. Ich kann verstehen, dass eine Zahl »klein« oder »groß« sein kann. Aber weiter geht’s nicht. »Fünfundsechzig« zum Beispiel beinhaltet nichts, was mir sagen könnte, ob die Zahl »klein« oder »groß« ist. Sehr wohl weiß ich allerdings, dass fünf Mücken mehr sind als vier Elefanten. Ergo est sum: »Fünfundsechzig« ist anscheinend mehr als »vierundsechzig«. Glaube ich jedenfalls. Auch wenn wir mit Hühnern statt mit Elefanten rechnen, das Ganze mit Hering multiplizieren und durch Eisbären teilen. Dass ich das nun einigermaßen kapiert habe, bedeutet allerdings nicht, dass die meisten anderen Hunde es auch begreifen. Frag doch einfach mal einen Gordon Setter, sofern es dir gelingen sollte, ihn einen Augenblick von seiner Autofellatio abzulenken, ob eins und eins zwei ist. Die Antwort, die du bekommst, lautet Wacholderdrossel, Wacholderdrossel und noch mal Wacholderdrossel. Ich bin kein Rassist. Gordon Setter sind nicht schlau. Tja.

 

Was mich betrifft, so bin ich ein überdurchschnittlich schlauer Hund. »Verspielt, intelligent und lernwillig«, um genau zu sein, und das habe ich schwarz auf weiß. Ich stimme dem völlig zu. Intelligent. Jedenfalls nach menschlichen Maßstäben betrachtet. Es gehört auch wirklich nicht viel dazu, in den Augen der Menschen als intelligenter Hund zu gelten. Solange du Sitz! und Gib Pfötchen! hinbekommst, fehlt nicht viel, bis du zum Genie erklärt wirst. Aber niedrige Erwartungen schrecken mich nicht ab. Ich nutze sie schamlos aus.

Meine Menschenfreunde betrachten mich also als Top Dog. Als Hund unter Hunden befinde ich mich aber wohl eher auf einer niedrigeren Stufe. Einer ziemlich niedrigen sogar. Rang hundertsechsundachtzig vielleicht. Oder Rang fünfzehn. Vielleicht etwas von beidem. Eine Art Kreuzung zwischen hundertsechsundachtzig und fünfzehn.

Als Hund falle ich so gut wie durch alle Raster. Kraft, Größe, Instinkt, Geruchssinn, Aggressivität. Ich schneide in allen Kategorien so schlecht ab, dass ich mich in einer von Hunden regierten Welt kaum paaren dürfte, falls ich gegen alle Erwartung überhaupt das Welpenstadium überleben sollte. Es gibt einen Grund dafür, dass die meisten Tiere mehrere Junge auf einmal gebären, und dieser Grund ist, dass zwischendurch immer mal wieder solche wie ich auftauchen. Für gewöhnlich enden wir als Fuchsfutter, noch bevor die Hoden zwischen den Beinen herunterhängen.

Es liegt also nur an menschlichem Wohlwollen, dass ich etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf habe sowie Fellpflege, Massage, Wärme und Liebe erfahre. Liebe, ja. Ich brauche viel Liebe, das räume ich gern ein. Ich gebe auch viel Liebe. Besonders, wenn jemand sie braucht. Ein Gesellschaftshund. Ein missgestalteter Sesselpupser, der durchaus ein oder zwei Kilo abnehmen könnte. Aber wie soll das gehen, wenn es, wie bei Frau Thorkildsen, ständig Leckerbissen regnet.

Ungeachtet dessen bin ich wie alle anderen Hunde ein Wolf. Irgendwo in mir trage ich noch immer die Informationen mit mir herum, die ich als Wolf benötigen würde. Verborgen hinter den Erinnerungen aller Vorfahren von jetzt bis zur Urzeit.

Ein Wolf auf dem Papier.

Ist doch immerhin etwas.

 

Kurz und einfach erklärt hat das Gedächtnis eines Hundes ungefähr die gleiche Form wie das Universum. Also in etwa wie ein Stundenglas. Oder umgekehrt. Das ist bei allen Hunden so. Würde man beispielsweise das Gedächtnis eines Chihuahuas oder eines Berner Sennenhundes öffnen, würde man nur das Gleiche in verschiedener Größenordnung sehen, wobei das Gedächtnis natürlich von Individuum zu Individuum anders riecht.

Viele der Erinnerungen, die wir mit uns herumtragen, sind vererbt, genau wie die mystischen Instinkte, die allerdings gar nicht mehr so mystisch sind, wenn es drauf ankommt. Auch auf die Gefahr hin, wie ein Briard zu klingen, der an ein paar Socken zu viel geschnüffelt hat:

Es handelt sich um einen kontinuierlichen Bewusstseinsstrom. In seiner banalsten Form zeigt sich das beim Border Collie, einem Hund, der keine Erziehung braucht, um das zu tun, was der Mensch will. Man braucht bloß die Batterien einzusetzen, und dann steht er auf und läuft los. Und läuft. Und läuft. Aber ist er glücklich? Du kannst ja mal darüber nachdenken, wenn du nächstes Mal einem Exemplar mit weit aufgerissenen Augen und einem Tennisball im Maul begegnest. Ein Wolf, der die Schafe hütet, anstatt sie zu fressen. Kann man so einem Wolf auf lange Sicht eigentlich trauen?

 

Viele, wenn nicht die meisten Lebensweisheiten, die ich als Welpe zu hören bekam, haben sich als Wahrheiten mit teilweise großen Modifikationen herausgestellt, sofern sie nicht völliger Unsinn waren. »Dreck reinigt den Magen!«, zum Beispiel. Vielleicht ein guter Rat in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, aber in dicht besiedelten Gebieten kommst du mit so einem Rat einfach nicht mehr durch. In der Regel wirst du geherzt und gekost, aber nicht, wenn du eines Tages glücklich und zufrieden mit Scheiße im Bart nach Hause kommst. Dann reagieren die Menschen erstaunlich heftig. Die gleiche Hundescheiße, die sie sorgfältig von der Straße aufsammeln, in schwarze Plastiktüten geben, diese zuknoten und an der nächsten Hundescheiße-Empfangsstation abgeben, wird plötzlich zu einem Anlass für lautstarke und vulgäre Abscheubekundungen.

»Igitt!«, rufen sie. Einige schlagen zu, das ist eine Sache, viel schlimmer jedoch ist, dass du hinterher, nachdem du mit dem Gartenschlauch gedemütigt wurdest und vorsichtig mit dem Schwanz wedelnd versuchst, zurück in die Gemeinschaft zu finden, feststellen musst, dass du in der Rangordnung eine Stufe abgestiegen bist. Es kommen keine neuen Individuen in das Rudel, welche dich herausfordern oder wegzuschieben versuchen, du bist nur einfach nicht mehr da, wo du zuvor gewesen bist. Ein Tritt in die Eier der ehrgeizigen Pläne. Von einem Augenblick auf den nächsten bist du ganz unten in der Rangordnung, aber dennoch vielleicht glücklich und zufrieden und voller Erwartungen hinsichtlich eines baldigen Aufstiegs, womöglich bis ganz an die Spitze, wer weiß, bevor dir durch irgendein unglückliches Ereignis mit oder ohne Scheiße im Bart, plötzlich klar wird, dass es über dir in der Rangfolge eine Lücke gibt, die mit einem Mal unüberwindbar scheint. Ein Abstand zwischen dir und dem restlichen Rudel, der nie wieder verringert werden kann. »Dreck reinigt den Magen!« ist eine Lebensweisheit, die hier in der Gegend jedwede Wahrheit eingebüßt hat. Übrig bleiben nur Worte. Und Worten sollte man bekanntlich nur unter Vorbehalt trauen.

Nachdem der Major gestorben war, standen sie vor der Tür. Drei Menschen, die getroffen zu haben ich mich nicht erinnern konnte. Allerdings bedurfte es nur ein paar kurzer Schnüffler, um festzustellen, mit wem wir es zu tun hatten.

Der Mann war der Welpe von Frau Thorkildsen, die Frau war sein Weibchen, und das Jungtier war ihr gemeinsamer Nachwuchs.

Der Besuch war anscheinend eine Überraschung und versetzte Frau Thorkildsen in eine Stimmung, die ich nie zuvor bei ihr gespürt hatte. Man brauchte dafür überhaupt keinen Geruchssinn. Ihre weiche Stimme wurde steif, ihre Bewegungen wurden ungeschickt.

Sie seien gekommen, um zu helfen, sagte das Weibchen und zog Frau Thorkildsen in eine Umarmung, die diese unangenehm zu finden schien und mich daher misstrauisch machte.

 

Ich glaube nicht, dass Frau Thorkildsen den Besuch sonderlich schätzte. Wie gesagt, da war plötzlich etwas mit ihrer Stimme. Das, und die Tatsache, dass sie plötzlich anfing, sehr früh schlafen zu gehen.

Der Welpe und sein Weibchen redeten im Gegensatz zum Major und Frau Thorkildsen am liebsten über Dinge, die in der Zukunft lagen. Dinge, die getan werden mussten, wie sie sich ausdrückten.

Das Leben konnte nicht einfach nur gelebt, es musste geplant und organisiert werden. »Wann?« Wann sollen wir beim Bestattungsbüro sein? Wann sollen wir die Garage ausräumen? Wann müssen wir in der Kirche sein? Wann kommst du uns besuchen? Wann gibt es Abendessen?

Es war beunruhigend, das Zusammenspiel von Frau Thorkildsen und dem Weibchen zu beobachten. Das Weibchen war sowohl freundlich als auch bemüht, fast schon übertrieben bemüht. Sie wollte gern von Frau Thorkildsen gemocht werden, aber Frau Thorkildsen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt als ausgesprochen freundliche und entgegenkommende Frau bezeichnet hätte, wollte nichts davon wissen. Wie ein des Essens überdrüssiger Labrador ignorierte sie das Weibchen. Der Vergleich ist nicht mal metaphorisch. Frau Thorkildsens Herrschaftstechniken waren im Großen und Ganzen die gleichen, die eine ältere Hündin einer jüngeren gegenüber angewandt hätte. Das Resultat war auch das gleiche: Das Weibchen wurde immer unsicherer und tollpatschiger in seinen Bemühungen.

 

Für meinen Teil wurde das Begräbnis zu einer Enttäuschung, aber das liegt wohl primär an meinen eigenen übertriebenen Erwartungen. Vermutlich habe ich mich durch das Wort »Begräbnis« täuschen lassen. Da Hunde ja im Allgemeinen dafür bekannt sind, alle möglichen Dinge zu vergraben, nicht zuletzt, wenn diese tot sind, hatte ich mir vorgestellt, bei diesem Anlass eine besondere Rolle zu spielen, aber daraus wurde natürlich nichts. Frau Thorkildsen hatte offenbar vor, selbst zu graben.

»Du bleibst hier«, sagte sie ohne eine Spur von Gefühlen, als sie die Haustür schloss, um zum Begräbnis des Majors zu gehen. Und dabei blieb es.

 

Zwei Tage später verschwand das kleine Rudel wieder. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, und zwar wegen eines Menschen, der einen nicht unbedeutenden Einfluss auf unsere Zukunft haben sollte. Ein wichtiger Mann in Frau Thorkildsens Leben, nachdem ihr Ehemann das Zeitliche gesegnet hatte.

»Vergiss nicht, dass der Kabelmann am Donnerstag kommt«, war das Letzte, was der Welpe beim Abschied zu seiner Mutter sagte.

»Ich brauche keinen Kabelmann«, sagte Frau Thorkildsen.

Ich hatte ebenfalls keine große Lust auf einen Kabelmann, aber der Kabelmann kam, und genau wie der Welpe vorausgesagt hatte, kam er am Donnerstag. Ein ziemlich netter Kerl war er auch. Jung und behaart und nicht ohne ein gewisses Verständnis für Hunde. Ein guter Nackenkrauler, und damit ist schon viel gewonnen. Obwohl der junge Mann ablehnte, tischte Frau Thorkildsen Kaffee und Zimtschnecken auf. Er trank dann auch etwas Kaffee, und nachdem er aus purer Höflichkeit, in erster Linie aber wohl, um dem Gequengel der Alten ein Ende zu machen, in eine Zimtschnecke biss, war er verloren. Das hatte Frau Thorkildsen natürlich schon vorher gewusst, wobei ich nicht glaube, dass sie damit etwas Bestimmtes beabsichtigt hatte. Das Resultat war jedenfalls, dass der Kabelmann in heftigem Zimtschneckenrausch und trotz Frau Thorkildsens milder Einwände, sie benötige doch nur einen Fernsehkanal, ein ganzes Paket von Kanälen einrichtete. Als er fertig war und ging, bekam er eine Tüte Zimtschnecken in die Hand gedrückt, das Ganze war wirklich reizend, doch nachdem er gegangen war, fragte mich Frau Thorkildsen:

»Was um alles in Welt soll ich denn jetzt mit den ganzen Fernsehkanälen?« Als ob ich darauf eine Antwort gehabt hätte.

 

Die große Veränderung kam mit kleinen Schritten. Frau Thorkildsen fand heraus, dass es ihr besser zusagte, am Vormittag fernzusehen, und das machte sie dann. Und genauso, wie es einen festen Zeitpunkt gegeben hatte, zu dem sie und der Major sich hinsetzten, um die Nachrichten anzuschauen, gibt es jetzt vormittags eine bestimmte Zeit, zu der sie sich hinsetzt und ein Programm ansieht, das mir nicht viel sagt, ihr aber anscheinend großes Vergnügen bereitet. Das Programm besteht im Großen und Ganzen aus Menschen, die sich unterhalten, ohne dass es mir möglich wäre zu verstehen, was sie sagen. Alte Menschen, junge Menschen, Frauen und Männer, die sich jeden Tag treffen, um wild durcheinanderzureden und zu schreien und zu weinen, während Frau Thorkildsen zuschaut.

Da ich nun einmal nicht in der Lage bin zu verstehen, worüber sie reden, ist Frau Thorkildsen so freundlich und erklärt mir, worum es beim jeweiligen Programm des Tages geht. Und das hat es in sich. Im Grunde genommen handelt es sich um eine ziemlich abstoßende Parade einzigartiger menschlicher Probleme:

War es Kindesmisshandlung, oder war es ein Unfall?

Weshalb tut meine Mutter so, als hätte sie Krebs?

Meine einundzwanzigjährige Tochter ist ganz besessen von ihrem eifersüchtigen und heroinabhängigen Kontrollfreak von Freund.

Sollte ich mich von meiner kranken Ehefrau scheiden lassen?

Mein Mann hat mich mit einem Holzlöffel geschlagen – und jetzt will er, dass ich mich entschuldige! – dicht gefolgt von:

Ich habe meine Frau mit einem Holzlöffel geschlagen – und ich meine, sie sollte Reue empfinden!

 

Jeder Tag bringt neuen Verdruss und neue Menschen, die heulen und jammern, Menschen, die sich auf eine Art benehmen, wie ich sie in Frau Thorkildsens Haus nie erlebt habe und die sie auch niemals gutgeheißen hätte.