Brennen muss die Hexe - Sven Koch - E-Book

Brennen muss die Hexe E-Book

Sven Koch

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Beschreibung

Eine grauenvolle Mordserie versetzt die Bürger von Lemfeld in Angst und Schrecken. Ein Wahnsinniger verbrennt Frauen auf dem Scheiterhaufen, nachdem er sie nach mittelalterlichen Methoden brutal gefoltert hat. »Für immer. A.G.« – diese kryptische Botschaft hinterlässt der Mörder am Tatort. Die SOKO »Flammenhimmel« ermittelt unter Hochdruck. Denn Polizeipsychologin Alexandra von Stietencron befürchtet, die bevorstehende Walpurgisnacht könnte in einem Blutbad enden …

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Seitenzahl: 488

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Sven Koch

Brennen muss die Hexe

Kriminalroman

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

I got a bad [...]1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. Kapitel60. Kapitel61. Kapitel62. Kapitel63. Kapitel64. Kapitel65. Kapitel66. Kapitel67. Kapitel68. Kapitel69. Kapitel70. Kapitel71. Kapitel72. Kapitel73. Kapitel74. Kapitel75. Kapitel76. Kapitel77. Kapitel78. Kapitel79. Kapitel80. Kapitel81. Kapitel82. Kapitel83. Kapitel84. Kapitel85. Kapitel86. Kapitel87. Kapitel88. Kapitel89. Kapitel90. Kapitel91. Kapitel92. Kapitel93. Kapitel94. Kapitel95. Kapitel96. Kapitel97. Kapitel98. Kapitel99. KapitelDanksagungEin Interview mit Sven Koch

I got a bad desire

Oh, oh, oh, I’m on fire

Bruce Springsteen

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1.

Als sie die Augen öffnete, war es zunächst, als blicke sie durch eine beschlagene oder mit einem öligen Film überzogene Fensterscheibe. Erst langsam wichen die Schlieren. Die blassen und verwischten Farbflächen fügten sich zu einem Muster zusammen, das zunehmend an Details gewann und ihr schließlich verriet, wo sie sich befand. Entsetzen stieg in ihr auf, als ihr bewusst wurde, dass alles, was er ihr bislang angetan hatte, nichts gegen das war, was noch vor ihr lag.

Mit jeder Sekunde, die sie an Klarheit gewann, traten auch die Schmerzen wieder stärker in den Vordergrund. Ihr Körper schien eine einzige Wunde zu sein. Die Schultergelenke fühlten sich an, als seien sie zertrümmert worden. Die Haut brannte an vielen Stellen wie verätzt. Bei jedem Versuch, sich zu bewegen, schnitten Fesseln scharf in ihre Handgelenke. Im Rücken spürte sie die rauhe Rinde eines Baumstamms oder eines Pfahls. Als sie an ihrem nackten Körper hinabblickte, sah sie ihre blutverkrusteten Füße. Sie waren mit einem Metalldraht festgebunden worden. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte sie, dass sie auf einem Holzstapel stand, zwischen dessen Scheiten trockenes Reisig steckte.

Ihr Herz schlug schneller, wollte ihr in der Brust zerspringen. Der Atem jagte, und mit hektischen Blicken nach links und rechts suchte sie den Steinkreis ab, in dessen Mitte sie sich befand. Sie erkannte ihn wieder. Oft hatte sie hier gekniet, Rituale an dem jahrtausendealten Kraftort vollzogen. Doch nun wirkten die mit Moos überzogenen Megalithen in der grauen Dämmerung nicht mehr wie Vertraute, sondern wie Ankläger, die dunklen Mitglieder eines Tribunals, das sie zu ewiger Verdammnis verurteilt hatte. Über ihnen kreisten Raben krächzend im fahlen Himmel. Die schwarzen Äste der kahlen Buchen und Eichen bogen sich knarrend im Wind der vom See her wehenden Brise und griffen wie die dürren, knochigen Finger des Todes nach den Vögeln.

Von ihm, dem Richter und Vollstrecker, fehlte jede Spur.

Was sie bereits erlitten hatte, konnte von keinem Wesen begangen worden sein, in dem noch ein Funke Menschlichkeit glomm. Dennoch glaubte sie nicht, dass der Richter wirklich das war, wofür er sich ausgegeben hatte. Hoffte es. Andererseits: Ein Fluch war ein Fluch, und sie wusste, welche Macht ein solcher Zauber haben konnte.

Wer oder was auch immer er letztlich war – er war nun offenbar fort. Möglicherweise hatten Spaziergänger ihn verschreckt, und dann, ja dann wäre ohnehin klar, dass er aus Fleisch und Blut bestehen musste. Dass er Angst kannte. Dass er nur ein extrem gewalttätiger, perverser Vergewaltiger war oder jemand, der ein unmissverständliches Signal setzen wollte – und dass es jetzt eine Chance geben konnte, sich zu befreien.

Sie wollte schreien, brachte aber nicht mehr als ein ersticktes Fiepen zustande. Kein Wunder, denn ein Knebel aus Stoff steckte in ihrem Mund, vollgesogen mit Blut, das ihr bereits warm am Kinn herabtroff.

Da hörte sie hinter sich ein Geräusch. Es klang, als werde ein Bettlaken ausgeschüttelt. Wie eine Fahne, die im Wind schlug. Sie begriff, dass der Richter doch nicht gegangen war. Er war noch immer hier, schwenkte eine Fackel in der Hand und stellte sich nun vor sie hin.

»Du kennst dein Schicksal«, hörte sie seine sonore Stimme wie durch Watte.

Die letzte Chance – vertan. Und ja, sie kannte ihr Schicksal, obwohl sie es immer noch nicht begreifen konnte. Paradoxerweise war ihr mit einem Mal, als sei alle Furcht aus ihr gewichen und nichts als Leere zurückgeblieben. Lethargie nach dem Verschwinden in sich selbst. Sonst die erste Stufe eines entrückten Zustands, den sie aus den Ritualen kannte, wenn sie in die Anderswelt driftete. Doch die Trance, in die sie nun zu gleiten schien, war durch einen Schutzmechanismus hervorgerufen worden, der sich jeder Kontrolle entzog und unter der Bezeichnung »Hexenschlaf« bekannt war. Eine Flucht des Bewusstseins vor dem Schmerz. Der verzweifelte Versuch, sich vor den Qualen des Feuers zu verstecken.

»Es wird Zeit.« Der dunkle Schatten, der die hell leuchtende Fackel in der Hand hielt, verwuchs mit den Menhiren des Steinkreises zu einer Einheit.

Sie nickte, neigte das Gesicht nach vorne, schnellte dann zurück und schlug mit aller Kraft den Hinterkopf gegen den Pfahl. Beugte sich nach vorne. Schlug wieder nach hinten. Vor. Zurück. Vor. Zurück.

»Du hast mich nach Gründen gefragt, aber es gibt kein Warum.«

Vor. Zurück. Vor. Zurück. Sie sah sich über grüne Wiesen tanzen. In einem weißen Kleid. Das rote Haar vom Sommerwind zerzaust. Der Geruch von frischem Gras. Eine Melodie. So süß und glockenhell.

»Ich werde dich nicht auffordern, zu entsagen oder zu widerrufen. Daran habe ich kein Interesse, und dein Urteil war längst gefällt. Ich mache lediglich meine Arbeit und du deinen Frieden mit Gott – oder wem auch immer.«

Vor. Zurück. Vor. Zurück. Etwas Warmes, Klebriges lief ihr über den Nacken.

Er schob die Fackel in das Reisig zwischen den Holzscheiten. Knisternd flammte das Feuer auf. Sein Widerschein strahlte rot von den rauhen Megalithen des Steinkreises, erhellte sein Inneres mit flackernden, tanzenden Schemen und Geistern.

Sie summte nun die Melodie. Sog die Luft durch die Nase ein. Inhalierte den aufsteigenden weißen Rauch so tief wie möglich, um sich zu vergiften, und schlug weiter mit dem Hinterkopf gegen den Pfahl, um sich den Schädel zu brechen. Rote Tränen liefen ihr die Wangen hinab.

»Brenne in der Hölle«, sagte der Mann. Er griff neben sich und hielt nun eine Blume in der Hand. Sie sah aus wie eine Lilie. Er warf sie in die Flammen. Dann ging er.

Vor. Zurück. Vor. Zurück.

Ihre Atemzüge wurden heftiger. Aus ihrem Singen wurde ein Keuchen. Ein hektisches Schnaufen. Sie blickte an sich herab und sah, wie die Flammen aus dem Scheiterhaufen nach oben schlugen.

Sie wollte kreischen, sog verzweifelt an dem Knebel, um sich zu ersticken. Hielt die Luft an, weil es nicht gelang. Doch als das Feuer schließlich ihre Füße erreichte, musste sie erneut schreien. Wieder und wieder.

Der Schmerz hatte seinen eigenen Plan.

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2.

Warmes Sonnenlicht beschien die Filiale der Volksbank. Man hätte annehmen können, dass hinter der Schiebetür aus Glas die Kunden und Angestellten ihren Geschäften wie an jedem Tag nachgingen. Es gab keinen Anlass zu vermuten, dass heute etwas anders war als sonst. Doch Alex wusste es besser. In der Filiale war vor wenigen Minuten Alarm ausgelöst worden, und das war nicht grundlos geschehen. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die schwarze Mähne. Dann senkte sie die Arme und betrachtete das Gebäude. Wartete. Aber nichts geschah. Noch nicht.

Die beiden Polizisten direkt vor Alex traten einen Schritt vor. Der Mann mit der roten Brille und die Frau mit den blonden Haaren wechselten einen Blick. Dann legten sie die Sicherungsbügel an ihren Holstern um. Instinktiv glitt Alex’ rechte Hand ebenfalls an die Hüfte, ertastete dort aber nicht mehr als die Naht einer Jeans.

Mit einem Zischen öffnete sich die Glastür. Ein Mann trat heraus. Vor sich schob er eine Geisel her. Eine Kundin oder eine Angestellte. Alex erkannte, dass der Geiselnehmer ihr einen Revolver an den Kopf hielt. Sofort zogen die beiden Kollegen ihre Pistolen und zielten auf den Maskierten.

»Waffe runter!«, riefen beide unisono.

»Verpisst euch, oder ich blase der Frau das Gehirn aus dem Schädel«, brüllte der Mann zurück.

Dann schien der Maskierte neben sich etwas zu bemerken – einen Passanten oder möglicherweise einen weiteren Polizisten. Er löste die Waffe vom Kopf der Frau, zielte nach rechts und hielt seine Geisel weiter wie einen Schutzschild vor sich.

»Haut ab, habe ich gesagt!«, brüllte er jetzt in die andere Richtung. »Zieht Leine, oder …«

Weiter kam er nicht. Zwei Schüsse krachten. Zwei messingfarbene Hülsen sprangen aus der Dienstwaffe der blonden Polizistin. Der Geiselnehmer stürzte nach hinten und blieb regungslos auf dem Boden liegen. Nur eine Sekunde später stand er mit der gleichen Bewegung wieder auf, als würde ein Film rückwärts abgespielt. Im nächsten Moment hielt er seine Geisel wieder umfangen.

»Cool«, sagte die Polizistin und steckte ihre Dienstwaffe zurück. Zwei rote Kreise auf der Leinwand markierten die beiden Kopftreffer. Daneben erkannte Alex einen weißen Mauszeiger, der sich flink über das Standbild bewegte. Die Stimme des Schießtrainers unterbrach das leise Dauerfiepen in den Kunststoffkapseln über ihren Ohren. »Das war superriskant und eigentlich eher eine Sache für Präzisionsschützen – aber: zwei Prachtschüsse. Beide sauber in den Kopf, Finja.«

Die Kollegin lächelte und nahm ihren Gehörschutz ab. »Klar. Weiß ich.« Dann wendete sie sich zu Alex. »Echt cool, das neue Schießkino, oder?«

Alex nickte und rümpfte die Nase. Es stank nach Schießpulver. Die Anlage gehörte zu den Neuerungen der Behörde. Geiler als jeder Ego-Shooter für die PlayStation, hatte Alex sagen hören. Was es ganz gut traf. Die Kollegen standen geradezu Schlange, um das Kino auszuprobieren und die Videos zu testen, deren Geschehen der Schießtrainer vom Laptop aus je nach Reaktion beeinflussen konnte. Die Technik und die fließenden Bewegungen zwischen den Szenen waren faszinierend, doch Alex interessierte sich vor allem für die Stressbelastung der Kollegen – und die Reaktion der Kollegin Finja, die Alex als Probandin für ihre Untersuchung ausgewählt hatte.

»Nicht schlecht für ’ne Anfängerin«, sagte der andere Streifenpolizist, grinste breit und schob sich die rote Brille auf der Nase zurecht. Finja lachte laut. Alex rollte mit den Augen.

»Naturtalent«, entgegnete der Schießtrainer und hackte etwas in die Laptop-Tastatur. Es klickte unnatürlich laut – ein akustischer Effekt der komplexen Schaltung im Gehörschutz. Sie hob den Pegel leiser Geräusche an, ließ Stimmen einigermaßen natürlich klingen und machte im Bruchteil einer Hundertstelsekunde komplett dicht, wenn ein Schuss fiel. Alex nahm die Kapseln ab und wendete sich zu Finja. »Können wir?«

Finja zuckte müde mit den Schultern. »Geht ja wohl nicht anders, oder?«

»Nein. Geht nicht anders.«

»Okay.« Sie nahm ihre Schutzbrille ab.

Wenige Minuten später saß Finja Werner in dem schweren Ledersessel, den Alex für ihr Büro genehmigt bekommen hatte, und versuchte, entspannt zu wirken. Sie glich einem Negativabzug von Alex. Ihr blondes Haar war zu einem dicken Bauernzopf geflochten, die Haut solariumgebräunt, die Fingernägel billig manikürt. Alex hingegen trug ihr langes schwarzes Haar offen sowie statt eines grünen Uniformpullovers eine blutrote Bluse. Ihre Haut war blass und der Mund wie fast immer kirschrot geschminkt, weswegen Alex’ beste Freundin Helen ihr schon vor Jahren in der Polizeiausbildung den Spitznamen »Schneewittchen« verpasst hatte.

»Wie fühlt es sich für dich an, wenn du so etwas hörst: ›Nicht schlecht für eine Anfängerin‹?« Alex hob fragend eine Augenbraue.

Finja rutschte im Sessel herum. Ihre Körpersprache war eindeutig. Sie fühlte sich unwohl, was in der Natur der Sache lag. Polizistinnen waren schwer zu knacken. Der Korpsgeist verbot es, Kollegen in die Pfanne hauen. Zudem reagierten Frauen bei der Polizei gelegentlich dazu, männliche Verhaltensweisen zu adaptieren sowie mögliche Diskriminierungen nicht als herabwürdigenden Angriff, sondern als eigene Schwäche wahrzunehmen, und Schwäche gaben sie ungern zu. Dazu kam die Schwellenangst: Niemand mochte mit einem Psychologen über sich selbst reden, wenn es nicht unbedingt sein musste. Andere könnten ja denken, man habe einen an der Murmel.

Als statt einer Antwort nur ein Schulterzucken von der Polizistin kam, fügte Alex mit einem schwachen Lächeln an: »Du bist eine attraktive Frau, da wird sicher die eine oder andere doofe Zote gerissen.«

»Pff«, machte Finja, lächelte aber wegen des Kompliments. »Ja, sicher«, fügte sie schließlich hinzu »Aber das vorhin war doch nur ein Witz. Die wissen doch eh, dass ich besser schieße als sie.«

»Mhm, kann man so oder so sehen.« Alex machte eine Notiz auf dem Fragebogen, während ihr die vielen dummen Sprüche ihrer Anfangszeit wieder in den Sinn kamen. Noch vor fast einem Jahr hatte sie hart kämpfen müssen, um sich bei den Kollegen durchzusetzen. »Und wie ist das draußen?«, fragte sie. »Erlebst du häufiger, dass du bei Verkehrskontrollen, der Aufnahme von Unfällen oder bei anderen Gelegenheiten blöd behandelt wirst?«

Finja, die nach Alex’ Unterlagen wie sie selbst knapp über dreißig war, verschränkte die Arme vor der Brust und schlug die Beine übereinander. »Ähm, spreche ich jetzt mit der Gleichstellungsbeauftragten, oder was wird das für eine komische Untersuchung?«

Alex lächelte, legte den Kuli auf ihren blitzsauberen Schreibtisch und faltete die Hände. »Nein, ich bin nicht die Gleichstellungsbeauftragte, wie du weißt.« Alex holte Luft, um noch einmal ausführlich zu erklären, dass sie als Polizeipsychologin in Lemfeld ein auf drei Jahre angesetztes Pilotprojekt des Landes NRW betreute, worin es um Teamentwicklung, Coaching, psychosoziale Betreuung, Präventionskonzepte und am Rande um Unterstützung und Fachberatung bei Einsätzen ging. Sie hätte danach ergänzt, dass sie ein paar Semester Medizin studiert, in Psychologie abgeschlossen sowie Praktika in forensischen Psychiatrien und kriminologischen Instituten sowie ein Studium beim BKA inklusive der Polizeiausbildung absolviert hatte, damit sie jetzt und hier sitzen und tussigen Polizistinnen dumme Fragen stellen konnte – aber Finja wedelte abwehrend mit den Händen.

»Dass du Polizeipsychologin bist, weiß ich ja.«

»Eine Polizistin, die auch Psychologin ist, gefällt mir besser«, korrigierte Alex.

Finja lächelte entschuldigend. »Da war doch letztes Jahr auch diese Sache …«

»… mit dem Purpurdrachen, ja.«

»War heftig, oder?« Finja nickte anerkennend.

»So könnte man es ausdrücken. Aber zurück zu unserem Thema«, sagte Alex und löste ihren Blick von Finjas mit Acryl beklebten Fingernägeln, »zu der Studie des Innenministeriums über die Situation von Frauen bei der Polizei – ich habe sie mir nicht ausgedacht, aber ich muss sie umsetzen, okay?«

»Okay.« Finja ließ es wie eine Frage klingen.

Alex wartete einen Moment, bevor sie wieder nach dem Kugelschreiber griff, auf die Blätter vor sich sah und wie beiläufig fragte: »Dich hat noch kein Besoffener ›dumme Schlampe‹ oder ›blöde Nutte‹ genannt? Es ist noch kein Unfallbeteiligter mit seinen Papieren an dir vorbeigegangen und hat sie lieber einem männlichen Kollegen in die Hand gedrückt? Kein Rentner, der dich ›Fräulein‹ genannt und gesagt hat: Oh, Sie wären aber besser auf dem Laufsteg aufgehoben? Niemand, der deine Handynummer wollte?«

Die Polizistin zog an der hellbraunen Uniformhose eine Falte glatt. »Pff, ja sicher, aber das weißt du doch selbst, wie das ist. Außerdem gehen die Kollegen ganz gut damit um, finde ich, und ich kann mich durchaus auch selbst zur Wehr setzen.«

»Ja, ich weiß, wie das ist«, sagte Alex, ohne aufzuschauen, »aber ich gewöhne mich da nicht dran, und um mich geht es hier nicht. Also war das ein Ja?«

»Ähm, ja, sicher, was denn sonst«, lachte die Polizistin auf und schüttelte verständnislos den Kopf.

»Gut.« Alex nickte, machte ein Kreuz auf dem Fragebogen und atmete tief durch.

Die Tür öffnete sich. Bevor Alex dagegen protestieren konnte, dass es sich jemand herausnahm, ohne anzuklopfen ihr Büro zu betreten, erkannte sie durch den Türspalt das runde Gesicht und die kleinen Schweinsäuglein von Rolf Schneider und klappte den Mund wieder zu. Er hatte den Griff mit dem Ellbogen heruntergedrückt, balancierte zwei Kaffeetassen in den Händen und drängte den fülligen Körper durch den Türspalt.

»Mein Gott, das kann doch jetzt wohl nicht wahr sein!« Alex warf entnervt ihren Kuli auf den Schreibtisch.

»Doch«, sagte Rolf. »Ich bin es persönlich.«

»Und deswegen kannst du hier einfach so reinplatzen, oder wie? Hast du schon mal was von Anklopfen gehört? Ich bin gerade mitten in einem Gespräch, und ich schätze es nicht besonders, wenn …«

»Vielleicht lässt sich das Teekränzchen ja später fortsetzen«, schnitt Schneider Alex das Wort ab, nickte der Polizistin kurz zu und stellte sich mit »Schneider, Kripo« vor, worauf sie knapp mit »Finja Werner, hallo« und Schneider mit »Ich weiß« antwortete.

»Siehst du, Finja«, sagte Alex und strich sich energisch eine Strähne aus dem Gesicht, »genau das habe ich gemeint: Bemerkungen wie Teekränzchen, bloß …«

»Bin ich fertig?« Finja nahm ihre Chance wahr und stand auf.

Alex winkte genervt ab. »Ja, wie es aussieht, schon. Wir setzen das dann ein andermal …«, begann sie, doch bevor sie den Satz beendet hatte, war Finja schon grußlos aus der Tür geschlüpft und schloss sie fest hinter sich.

Schneider stellte Alex einen Kaffee hin und ließ sich ächzend in den Sessel plumpsen. Er schlug die Beine übereinander, die heute in einer khakifarbenen, weit über den gewaltigen Bauch hochgezogenen Bundfaltenhose steckten. In der Brusttasche seines hellblauen Hemdes klemmte ein Kugelschreiber. Die Ärmel waren aufgekrempelt und offenbarten außer den mit Sommersprossen besprenkelten Unterarmen auch die teure Uhr, die Rolf sich zum fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum vor drei Monaten im Januar gegönnt hatte. Ihr schwarzes Lederarmband schnitt tief in das speckige Handgelenk ein.

»Wenigstens hat die Kollegin den Sessel mit ihrem knackigen Hintern schön vorgewärmt. Ich hoffe, ich bin nicht mitten in eine Therapiestunde geplatzt?«

»Nein.« Alex legte den Kuli zurück auf den Tisch und griff nach der Tasse. Dünner Polizeikaffee. Dem Geruch nach zu urteilen außerdem in einer Thermoskanne gut gereift. Alex schob die Tasse beiseite. »Natürlich war das keine Therapiestunde. Nur eine Befragung. Es geht um Handlungsempfehlungen für rollenspezifische Probleme, zum Beispiel den Umgang mit Bemerkungen über knackige Hintern.«

»Mhm. Soll ich lieber über dicke Hintern reden?«

Typisch. Rolf führte sich oft auf wie die Axt im Walde, aber Alex wusste mittlerweile, dass sein prolliger Charme nur eine Masche war – vielleicht sogar ein Schutz. Tatsächlich war Schneider hochsensibel, hatte einen feinen Sinn für Ironie, und hinter der Fassade arbeitete ein glasklarer Verstand, den er gelegentlich gut zu verstecken wusste. Alex sparte sich die Antwort auf seine Frage und sah Schneider direkt an. Er ignorierte den Blick, nahm einen Schluck Kaffee und wuschelte sich durch die strohblonden Haare am Hinterkopf. »Tut mir leid, dass ich deine Ermittlungen stören muss.«

»Mir ebenfalls.«

»Schon mal von dem Druidenkreis am Stausee gehört?«

Alex verneinte.

Schneider leerte die Tasse in einem Zug. »Dann wird’s Zeit, Frau Doktor.«

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3.

Lemfeld war zu klein für eine Großstadt und zu groß für eine Kleinstadt. Ein typisches Oberzentrum mit rund hunderttausend Einwohnern, das im Krieg von Bomben weitgehend verschont geblieben war und sich daher einen mittelalterlichen Charakter bewahrt hatte. Die historischen Gebäude zierten vor allem das Zentrum von Lemfeld, das sich immer noch stolz als »Hansestadt« bezeichnete. Diesen Titel aus besseren Zeiten verdankte der Ort zwei sich zufällig in seiner Mitte kreuzenden Handelswegen, die der Bevölkerung vor dem Dreißigjährigen Krieg Reichtum und Wohlstand gebracht hatten. Der alte Stadtkern mit den prächtigen Renaissancebauten galt als einer der schönsten der Region, und viele der zahllosen sanierten Baudenkmäler waren zudem preisgekrönt.

Wenn man wie Schneider und Alex in Richtung des Stausees auf der Bundesstraße 67 hinausfuhr und den Lemfeld umgebenden Höhenzug erreichte, ähnelte die Silhouette der Stadt im Rückspiegel zwischen Hügeln, weitläufigen Wiesen und Feldern immer noch den historischen Kupferstichen, die auf den Fluren der Polizeibehörde hingen. Seit Jahrhunderten dominierten die gewaltigen Kirchtürme, die wie Pfeile in den Himmel stachen, sowie der imposante Umriss des alten Fürstenschlosses die Skyline, falls man denn von einer solchen sprechen wollte. Prägend hatten sich in den letzten Jahrzehnten einige verspiegelte Glaspaläste von Unternehmensverwaltungen und Hochregallager dazugesellt, die aus der Entfernung vom Himmel gefallenen Schuhkartons glichen. Dazwischen steckten Schornsteine wie Zimtstangen im Boden, und die gewaltigen Spänebunker glitzerten in der Sonne. Sie waren zwar längst nicht mehr in Betrieb, aber bislang hatte für die Demontage niemand in die Tasche greifen wollen oder eine Idee gehabt, was damit Sinnvolles anzufangen wäre. Das Gleiche galt für eine Reihe verfallender Industriebrachen, die Zeugnis davon ablegten, dass Globalisierung, Wirtschaftskrise und der epochale Strukturwandel in der Möbelindustrie nicht spurlos an Lemfeld vorbeigegangen waren.

Stoppte man an einer der Haltebuchten der Bundesstraße, ignorierte die Wohnmobile von Prostituierten und schaute stattdessen in die Landschaft, dann reichte der Ausblick von hier oben sogar bis zu den Nachbarorten – kleinen Dörfern, die zunehmend von Lemfelds Außenbereichen verschluckt wurden, wo Fachmarktzentren und Gewerbeflächen ihre Tentakel nach den Neubaugebieten im Niemandsland ausstreckten. Aber Schneider hielt nirgends, sondern fuhr weiter in Richtung Stausee, der in den frühen dreißiger Jahren von den Nazis als ein »Kraft durch Freude«-Projekt angelegt worden war. Mit einer Wasserfläche von annähernd zweihundert Hektar, einem stolz als »Yachtclub« bezeichneten Anleger für kleinere Jollen und Segelboote sowie einem künstlich aufgeschütteten Strand galt er als das regionale Naherholungszentrum Nummer eins und zählte in Teilen außerdem zum Gebiet der Lemfelder Kurverwaltung, die ihren Sitz nahe der Reha-Kliniken am Ostufer kurz hinter der Staumauer hatte.

Diese Gebäude lagen längst hinter ihnen, als Schneider, der am Lenkrad auf einer Massagematte aus kleinen Holzkugeln saß, sich etwas nach vorne beugte, um die Musik aus dem Radio leiser zu stellen. Es spielte irgendetwas Volkstümliches, das für Alex nach Alpen und Bayern klang – Schneiders Lieblingsmucke. Alex wusste, dass er im Sommer zum Wandern am liebsten in die Berge fuhr und im Herbst zur Weinlese in den Rheingau. Sie hatte ihn nie gefragt, mit wem er seinen Urlaub verbrachte. Vielleicht deswegen nicht, weil sie die Antwort zu kennen glaubte. Rolf war kinderlos und geschieden, und in seinem Leben hatte es bislang keinen Platz für eine neue Frau gegeben. Alex war ebenfalls Single, aber ihrem Partnerproblem lag eine tiefere Ursache zugrunde als zu viel Arbeit, wenngleich sie den Job gerne vorschob. Tatsächlich opferte sie ihm auch viel Zeit und Energie, wenn sie sich in die seelischen Abgründe von Straftätern versenkte, in ihr schwarzes Herz, wo das Böse lauerte. Manchmal kam sie dann nicht einmal mehr zum Einkaufen, und wie es schien, hatte das Schicksal für sie auch heute keinen Besuch im Supermarkt vorgesehen.

Schneider reduzierte das Tempo des Astra, hielt links und rechts Ausschau nach einer Einfahrt, und schließlich erkannte Alex einen Streifenwagen, der an einem Forstwirtschaftsweg postiert war. Schneider bog ab, fuhr im Schritttempo an dem grün-silbern gestreiften Passat vorbei und grüßte die darin sitzenden Streifenpolizisten mit einem Nicken. Aus dem offenen Fenster winkte eine blonde Polizistin mit Pferdeschwanz.

»Schau mal, die Kollegen in Uniform sind ja wieder fix. Gerade erst ist sie aus deinem Büro geflüchtet, und schon am Einsatzort: Das ist doch deine Interviewpartnerin mit dem knackigen Hintern – Finja Werner«, sagte Schneider und grüßte kurz zurück.

Alex rollte mit den Augen.

»Ja, was?«, machte Schneider. »Dicker Hintern ist doch wohl noch schlechter, waren wir uns da nicht einig?«

»Rolf, wirklich.«

»Hast du gewusst, dass sie bei den deutschen Polizeimeisterschaften mal den Zweiten in der Dienstpistole gemacht hat und Landesmeisterin war?«

»Echt?« Alex sah Schneider verwundert an. Nun, das erklärte die beachtlichen Treffer im Schießkino. Darauf hatte der Schießtrainer also angespielt. »Nein. Wusste ich nicht. Und bis vorhin hatte ich den Eindruck, du kennst sie gar nicht weiter.«

»Persönlich nicht, nee.« Schneider legte den zweiten Gang ein. »Aber man hat ja so seine Quellen und braucht nur regelmäßig den Flurfunk abzuhören.«

»Mhm.« Alex sah aus den Augenwinkeln zu Rolf hinüber und zwinkerte ihm zu. »Nun, sie ist ja auch ganz hübsch, nicht?«

»Doch«, sagte Schneider und starrte weiter nach vorne. »Das isse wohl.«

Etwa eine Minute später erreichten sie eine große Waldlichtung, auf der Baumstämme in Stapeln lagerten. Davor parkten Streifenwagen und zwei Transporter, zivile Fahrzeuge mit dem NRW-Kennzeichen der Polizei, ein Jeep der Feuerwehr sowie ein Rettungswagen und ein großer Rover – vermutlich ein Wagen der Forstverwaltung, vermutete Alex.

Sie stiegen aus und schlüpften unter den rot-weiß gestreiften Absperrbändern hindurch, die den Tatort weiträumig einfassten. Ein schlammiger Weg führte durch ein Stück Wald und mündete in eine große Wiese, die sich links bis zum morastigen Südufer des Stausees und rechts einen Hang hinauf erstreckte, bis sie sich dort im Unterholz verlor. Dazwischen lag etwas, das Alex unter anderen Umständen verblüfft hätte, sie jetzt aber regelrecht schaudern ließ.

»Druidenkreis«, so hatte Schneider den Megalithzirkel bezeichnet und ihr erzählt, dass die Formation in Lemfeld auch als »Hexentanz« bekannt war. Alex hatte zwar von Hügelgräbern am Stausee und Findlingen gehört, die man Opfertische nannte, aber nichts über einen »Hexentanz«. Gut, er war bei weitem nicht so imposant wie die Steinkreise, die sie von Bildern aus Südengland oder aus der Bretagne kannte. Der Durchmesser des »Hexentanzes« mochte zwanzig Meter betragen, und die von Wind und Wetter rund geschliffenen Menhire waren etwa mannshoch. Mit flüchtigem Blick erkannte sie Bohrungen oder Scharten an einigen der zum Teil mit Moos bewachsenen Steine. Auf einem der größeren Megalithen war ein Relief zu sehen. Die verwitterte Darstellung erinnerte an eine Kreuzigungsszene.

Das Zentrum des Steinkreises war zweifellos der Ursprung des beißendes Brandgeruchs, den Alex schon auf dem Parkplatz wahrgenommen hatte. Darin wimmelte es von Beamten der Spurensicherung in ihren weißen Overalls. Dann fiel Alex’ Blick auf das, was die Kollegen fotografierten, filmten, vermaßen und begutachteten. In der Mitte des »Hexentanzes« befand sich ein Haufen aus zum Teil verkohltem Holz. Ein Pflock ragte daraus empor. Davor hockte ein nach vorne gebeugter Körper, der kaum von den Brandresten zu unterscheiden war. Die Arme waren nach hinten gestreckt und offenbar an dem Pfahl befestigt worden. Vermutlich hatte der starke Regen in der Nacht das Feuer gelöscht. Möglicherweise waren auch die Holzscheite feucht gewesen. Jedenfalls war weder Körper noch der Holzstapel vollständig verbrannt, und die Leiche befand sich nicht in der typischen Position eines Brandopfers, die Alex aus dem rechtsmedizinischen Praktikum kannte. Boxerstellung nannte man diese kauernde Haltung. Durch die Hitze schrumpften die Beugemuskeln in den Extremitäten stärker als die Streckmuskeln, was für das Anwinkeln von Armen und Beinen sorgte und die Opfer aussehen ließ wie einen Kampfsportler im letzten Fight gegen den Tod.

Drei Dinge lagen für Alex auf der Hand: Wer auch immer hier gestorben war, war nicht freiwillig aus der Welt geschieden. Wer auch immer diesen Scheiterhaufen errichtet hatte, verfügte nicht nur über eine schreckliche Phantasie, sondern auch über eine enorme Gefühlskälte und einen starken Willen, seine Vorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen. Und wer auch immer seine Visionen hier in die Tat umgesetzt hatte, war ausgezeichnet vorbereitet gewesen und hatte den außergewöhnlichen Ort nicht zufällig ausgewählt.

Alex wollte schlucken, aber ein Kloß im Hals hinderte sie daran. Sie versuchte, nicht durch die Nase zu atmen, drehte sich zur Seite und vergrub die Hände in der Jackentasche, wo sie sich zu Fäusten ballten. Ihr war, als sei die Temperatur an diesem schwül-feuchten Aprilvormittag von einem Moment auf den nächsten um zehn Grad gefallen. Schneider stand regungslos neben ihr. Aber seine Augen waren in ständiger Bewegung und folgten den Kollegen in den weißen Overalls. Sein Gesicht war so grau wie die Megalithen und die von feinen Äderchen durchzogenen Wangen rot wie die Jacke des Notarztes, der gerade herüberkam. Er musste sich ziemlich überflüssig vorkommen und schien sich nützlich machen zu wollen, indem er Alex einen randvoll mit Kaffee gefüllten Pappbecher reichte, nach dem sie achtlos griff. Schneider lehnte dankend ab.

»Wir warten auf die Rechtsmedizinerin«, sagte der Arzt. »Wir waren der Meinung, dass sie zunächst zu einer Tatortbeschau rauskommt, bevor die Leiche zur Obduktion gebracht wird. Aber das dauert noch. Die Spusi will erst noch abkleben, was sie abkleben kann.«

Alex hob ungläubig eine Augenbraue, sagte aber nichts. Opfer von Tötungsdelikten wurden für gewöhnlich mit transparenten Klebebändern eingewickelt. Diese wurden später abgezogen, beschriftet, auf faserfreie Unterlagen geklebt und zur kriminaltechnischen Untersuchung, kurz KTU, ins Labor zum LKA geschickt, damit dort mögliche Spuren identifiziert werden konnten. Aber bei einem Brandopfer?

»Na ja, die Körperrückseite scheint ja noch einigermaßen intakt zu sein. Wer kommt denn? Dr. Woyta?«, fragte Schneider, der in seinem grünen Steppblouson einem für die Jagd gekleideten Michelinmännchen glich. Der Notarzt nickte kurz, wandte sich dann ab und ging.

Alex nippte an dem Kaffee. Beinahe hätte sie bei Schneiders Frage nach Dr. Woyta geschmunzelt, denn sie wusste, dass er etwas für die Ärztin übrighatte. Sie gehörte zum Team des Rechtsmedizinischen Instituts der Uniklinik in Münster, das auch für die Betreuung des Bezirks der Staatsanwaltschaft Lemfeld zuständig war. Meistens nahmen die Obduzenten Autopsien direkt im Lemfelder Klinikum und alle weiteren Analysen dann im Institut vor, um die Leichen nicht unnötig durch die Gegend fahren zu müssen und Kosten sowie Zeit zu sparen – je nach Verkehr konnte eine Fahrt nach Münster durchaus zwei Stunden dauern.

»Tja.« Schneider kratzte sich mit Blick auf den Scheiterhaufen das Kinn. »Da hat sich der liebe Gott aber wieder einen Spaß erlaubt, was?«

Alex strich sich eine Strähne aus der Stirn und glitt mit dem Finger gedankenverloren über den Rand des Pappbechers. »Ich glaube nicht an Gott«, entgegnete sie leise.

Schneider hob die blonden Augenbrauen über seinen kleinen Schweinsäuglein. »Das«, murmelte er und zog die Nase hoch, »hilft uns dann ja auch nicht viel weiter.«

»Alex?«

Alex drehte sich langsam zu der dunklen Stimme um. Vor ihr stand der hagere Schutzpolizist mit knallroter Brille, den sie bereits im Schießkino gesehen hatte.

»Ah«, machte Schneider und klopfte dem Mann auf die Schulter, »der Jürgen hat doch bestimmt was für uns?«

»Ja, hat er wohl.« Der Polizist rieb sich über die Nase und blätterte in einem Notizblock, während zwei Kollegen von der Spusi mit großen Aluminiumkoffern vorbeistapften. »Also: Zur Identität der Leiche gibt es noch nichts, ist wohl klar. Gefunden wurde sie heute Vormittag um 9.42 Uhr vom Leiter der Forstbehörde bei einer Routinebegehung. Die Kollegen haben die ganze Gegend abgesucht und was gefunden, das sich Alex mal anschauen soll, sagt Reineking. Der ist da hinten in einem kleinen Wäldchen, ihr müsst einfach geradeaus über die Wiese.« Der Polizist deutete an dem Steinkreis vorbei auf den Waldrand. »Außerdem«, fuhr er fort, »haben wir noch einen Seth Marsten als potenziellen Zeugen.«

Jürgen deutete mit dem Kopf nach links. In einiger Entfernung sah Alex zwei Streifenpolizisten stehen, die sich mit einem großgewachsenen Mann mittleren Alters unterhielten. Er hatte schulterlange dunkle Haare, einen Kinnbart und trug einen schwarzen Ledermantel.

»Marsten hat aber nichts weiter gesehen.« Jürgen blätterte in seinem Notizblock. »Dreiundvierzig Jahre alt, alleinstehend, gibt seinen Beruf als freier Unternehmensberater an. Er kam hier vorbei und erkundigte sich, was los sei. Das ganze an den Steinkreis angrenzende Areal gehört ihm angeblich, er wohnt in dem alten Haus dahinten.« Alex folgte der Geste des Polizisten. In der Richtung musste das Villenviertel liegen, in dem sich auch das im vergangenen Sommer niedergebrannte Luisenstift befunden hatte. Zwischen kahlen Bäumen erkannte Alex in einiger Entfernung die kleinen Türmchen eines Anwesens. Das Gebäude schien sich in einer Alleinlage nahe am See zu befinden. Unweit des Anlegers. Unweit …

… der »sieben Löcher« …

Alex’ Nackenhaare stellten sich auf, und sie wandte den Blick schnell wieder ab.

»Wie gesagt«, erklärte Jürgen, »Marsten hat nichts weiter gesehen, kein nächtliches Feuer, kein Auto gehört und nichts. War wohl auch gar nicht zu Hause.«

»Soso.« Schneider hakte Alex unter, zog sie mit sich und sagte: »Komm, machen wir mal einen Spaziergang zum Reineking.«

Das Flatterband der zweiten Polizeiabsperrung war bereits von weitem deutlich zu erkennen. Es war ebenfalls um Bäume und Sträucher gewickelt und grenzte ein Areal ab, das etwa die Größe eines halben Fußballplatzes umfasste. Die Blitzlichter des Polizeifotografen leuchteten wie fernes Mündungsfeuer von dem Wäldchen her, das Schneider und Alex nach kurzem Gang über die Wiese und durch das dichte Unterholz erreichten. Ihre Schritte matschten im Gras, und Alex ärgerte sich, ausgerechnet heute ihre schicken schwarzen Wildlederschuhe angezogen zu haben. Doch damit versuchte sie sich selbst abzulenken. Ein Gefühl von Unwirklichkeit hatte sie überkommen. Das ganze Szenario – der Steinkreis und der Scheiterhaufen, die fürchterlich zugerichtete Leiche, dazwischen die Männer in ihren weißen Overalls – hatte wie eine Filmkulisse gewirkt, war aber schreckliche Realität. Welche entsetzlichen Qualen hatte das Opfer erleiden müssen?

Alex sah im Gehen über die Schulter zurück zum Steinkreis und dann wieder auf ihre Füße, um nicht über eine Wurzel zu stolpern. »Das war eine Hinrichtung, Rolf. Es ist nicht zu fassen«, murmelte sie.

»Zum Kotzen ist das«, brummelte Schneider und stierte vor sich hin.

Alex warf einen Seitenblick zum See und zum Bootsanleger. Sie presste die Lippen zusammen und kaute auf den Backenzähnen. Es gab noch einen Grund, warum ihr hier nicht wohl war. Sie wusste, dass der Bootsanleger hinten am See zu einem Überlauf führte, der in Lemfeld »sieben Löcher« genannt wurde. Er führte tief in die Erde, und letzten Sommer war sie dort hineingekrochen. Den moderigen Geruch nach fauligem Laub, die Dunkelheit und die Angst würde sie nicht wieder vergessen. Aus diesem Grund hatte Alex den Stausee seither gemieden und sich eine andere Strecke zum Joggen gesucht. Sie wollte nicht daran erinnert werden, wie sie hier mit Marlon Kraft, dem Polizeireporter der Neuen Westfalenpost, nach dem Hinweis eines Mörders gesucht hatte, der sich selbst »Purpurdrache« nannte. In jenem letzten Sommer, nach dem Alex völlig entkräftet mit Rippenprellungen und einem Oberschenkeldurchschuss einige Zeit im Klinikum zugebracht hatte. Verletzungen, die aus der Begegnung mit dem früheren Kommissariats- und Dezernatsleiter Marcus Scheffler stammten, der in einem blutrünstigen Rachefeldzug mehrere Frauen aus dem privaten Umfeld seines Freundes, des Polizeireporters Marlon Kraft, getötet hatte, um diesen als wahnsinnigen Killer dastehen zu lassen. Nun, die Rippen waren verheilt, nur am Schenkel war eine hässliche Narbe geblieben, und manchmal tat das Bein noch weh. Die Wunden, die der Fall jedoch in Alex’ Seele und bei den Kollegen hinterlassen hatte, würden sich vermutlich niemals ganz schließen.

Fröstelnd sah Alex wieder nach vorne und entdeckte Reineking. Ihm war nach Marcus’ Tod als Interimslösung die Leitung des Kommissariats übertragen worden, weil er am längsten dabei war und sein Dienstrang es hergab. Reineking war ein aalglatter Typ, den Alex nach wie vor nicht einschätzen konnte. Er benahm sich oft wie ein ausgemachter Idiot und verlor schnell die Nerven, gab sich derzeit aber alle Mühe, einen guten Vorgesetzten abzugeben – in der Hoffnung, dass aus der Zwischenlösung einmal eine feste werden würde. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, erinnerte er Alex immer häufiger an die Fernsehfigur Stromberg, ein Mann, der zwanghaft Karriere machen wollte, ohne das Potenzial dazu zu haben. Was nichts daran änderte, dass er ein guter Polizist war. Jemand hatte lediglich vergessen, ihm Charakter mit auf den Weg zu geben. Gerade schien Reineking mit den Händen gestikulierend etwas zu erklären und hielt in der Bewegung inne, als sein Blick auf Alex und Schneider fiel.

»Ah, die Kavallerie«, hörte Alex Reinekings Fistelstimme. Bei ihm standen ein paar Polizisten sowie zwei Kriminaltechniker in Overalls. Reineking hatte seine Geheimratsecken unter einer Baseballcap mit einem Ralph-Lauren-Signet versteckt und sah in der neongelben Regenweste aus wie ein Skipper. Allerdings trugen Segler nicht die Aufschrift »Polizei« auf dem Rücken ihrer Jacken.

Er musterte Alex und wirkte dabei so arrogant wie eh und je. Dann sah er demonstrativ auf die Uhr und deutete schließlich auf einen Baum. »Besser spät als nie. Dein Zeuge, Alex.«

»Ähm, ja«, stammelte sie und schluckte den Versuch einer Rechtfertigung wieder runter.

»Was habt ihr denn hier?«, schaltete sich Schneider ein.

Reineking deutete erst mit dem Daumen über die Schulter und streckte die Hand in Richtung des Steinkreises aus. »Spuren, die von der Kreisstraße dort oben kommen, den Hang hinab zum Hexentanz und von dort aus wieder zurück führen. Fußabdrücke haben wir aber nicht.«

»Keine Fußabdrücke?«, wiederholte Alex.

Reineking schüttelte den Kopf, und als Alex seinem Blick folgte, sah sie runde Stapfen und aufgeschobene Blätter im Laub des Waldbodens. »Die Spusi sagt, dass der Täter etwas über die Schuhe gezogen hatte. Eine Kunststofffolie oder etwas Ähnliches«, klärte Reineking auf. »Die Tiefe der Abdrücke lässt darauf schließen, dass er mit dem Opfer den Hang herabgekommen und ohne es wieder hochgestapft ist. Seinen Wagen muss er an der Kreisstraße geparkt haben. Doch es ist unwahrscheinlich, dass sich noch Reifenabdrücke finden lassen – es hat in der Nacht geregnet.«

»Und das Holz, das im Steinkreis aufgeschichtet worden ist?«, hakte Schneider nach. »Muss ja wenigstens ein Kubikmeter gewesen sein, das klemmste dir nicht einfach mal so eben unter den Arm. Oder unsere Spökenkieker sind in Vorleistung getreten, und der Mörder hat das ausgenutzt.«

»Spökenkieker? Vorleistung?«, fragte Alex.

»Der Hexentanz ist ein Magnet für Esoteriker«, erklärte Schneider. »Mehrmals im Jahr treffen sich hier Hunderte Esos in der Walpurgisnacht und zu anderen heidnischen Festen. Der Revierförster regt sich immer auf, weil die Naturfreunde wahre Müllberge hinterlassen. Mit Vorleistung meine ich, dass die sich ihre Feuerhaufen manchmal schon vorher aufbauen.«

»Aha.« Alex zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Steht das Areal denn nicht unter Denkmalschutz?«

Schneider zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Die Esos machen ja nichts kaputt. Für die ist das heiliger Boden. Es würde sich ja auch kein Katholik ein Stück aus dem Kölner Dom meißeln.«

Reineking hob die Augenbrauen, drehte sich zur Seite und nickte nach rechts. »Der Täter hat uns etwas hinterlassen.«

Alex klappte den Mund auf und wieder zu. Eigentlich hatte sie noch einmal nachhaken wollen, aber Reinekings Hinweis auf eine Spur hatte ihren Gedankenfluss unterbrochen. Jetzt verstand Alex auch, warum einer der Kriminaltechniker eine Kettensäge in der Hand hielt. In die Rinde der Eiche war in Hüfthöhe etwas eingeritzt worden. Alex beugte sich nach vorne und kniff die Augen zusammen. Hell setzten sich die Buchstaben von dem dunklen Stamm ab. Frische Holzsplitter lagen auf den Wurzeln.

»Hm«, murmelte Schneider hinter Alex. »Ich glaube nicht, dass der das aus Langeweile da reingeritzt hat.«

»Die Kollegen sägen das gleich raus«, sagte Reineking. »Dann werden wir es vom LKA untersuchen lassen.«

Alex stand langsam aus der Hocke wieder auf und spürte, wie ihre Beine kribbelten. Ihr Blick wanderte zwischen den kahlen Büschen hindurch zu dem Steinkreis. Sie klemmte sich die Hände unter die Achseln, um sie vom kalten Schweiß zu trocknen. Dann sah sie wieder zurück auf den Stamm. Auf die Handschrift des Mörders. Seinen Gruß.

Schneider schüttelte den Kopf, zog mit den wulstigen Lippen eine Pall Mall aus der Zigarettenschachtel und steckte sie sich an. »Das ist doch alles kompletter Irrsinn«, sagte er trocken und stieß dabei eine große Wolke Qualm aus. »Wenn sich das als eine geplante Beziehungstat herausstellen sollte, fresse ich einen Besen. Wenn einer seine Alte wie eine Hexe verbrennt, dann müsste die schon wer weiß was angestellt haben.« Reineking antwortete nicht, neigte den Kopf zur Seite und rieb sich die Nase.

»Wir müssen uns um diese Inschrift und ihre Bedeutung kümmern«, sagte Alex tonlos und betrachtete die Buchstaben. »Ich muss alles über diesen Steinkreis wissen. Wer ist denn dafür zuständig?«

»Das Landesmuseum«, sagte Reineking.

Sie nickte und nahm sich vor, dort anzurufen. Dann drehte sie sich Schneider zu. »Der eine Teil klingt wie ein Liebesschwur: ›Für immer‹. Und dann die Buchstaben: A. G. Könnten die Initialen eines Namens sein …«

»Deswegen«, meinte Reineking, »habe ich dich gebeten, dir das anzusehen, Alex. Ein außergewöhnlicher Mord an einem außergewöhnlichen Ort mit einer kryptischen Botschaft – klingt ganz nach deiner Baustelle.«

»Ach«, winkte Schneider ab und paffte an seiner Pall Mall. »Warten wir mal die Untersuchungsergebnisse ab.«

Alex wollte etwas sagen, doch es gelang ihr nicht beim ersten Versuch. Hier hatte jemand die Schwelle jeglicher Normalität spektakulär überschritten und befand sich eindeutig auf der dunklen Seite in einer fremden Welt, für die er möglicherweise nur ein One-Way-Ticket gebucht hatte. Sein Versprechen »Für immer« mochte bedeuten, dass er plante, diese Welt zu erkunden, und nicht so schnell zurückkehren würde. Vielleicht niemals.

»Ich glaube nicht, dass der Spuk bald vorbei ist«, antwortete Alex deswegen leise wie zu sich selbst auf Schneiders Feststellung. »Ich glaube, es ist erst der Anfang.«

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4.

Ich will eine Sonderkommission unter meiner Leitung«, sagte Stephan Reineking.

Möbius sah ihn prüfend an und klickte mit dem Kuli. Der Leiter der Polizeibehörde mit ihren rund siebenhundert Mitarbeitern in Vollzugsdienst und Verwaltung lehnte sich im Ledersessel zurück und blickte aus dem Fenster des rot verklinkerten Gebäudes, das im neunzehnten Jahrhundert als Kaserne gedient hatte. In der Heizungsluft zitterten die Blätter eines vertrockneten Ficus benjamina.

Reinekings rechtes Augenlid zuckte. Während er auf eine Antwort wartete, musterte er den Chef in seinem teuren pinkfarbenen Pullover mit einem Schnauzer, der an den Enden nach oben gezwirbelt war. Möbius’ grobporige Haut war vom Skiurlaub in der Schweiz tief gebräunt. Reineking war das letzte Mal vor fünfzehn Jahren Skilaufen gewesen – in Winterberg. Auf dem Schreibtisch standen silberne Bilderrahmen mit Fotos von Möbius’ Frau und seinen beiden Söhnen. Solche Bilder hatte Reineking auch auf dem Tisch gehabt. Damals vor der Trennung, als es noch eine Familie gab. Was in seinem Büro jedoch niemals gehangen hatte, war ein gerahmtes FBI-Diplom, das Möbius die erfolgreiche Teilnahme an einem Lehrgang in Quantico bescheinigte. Aber das konnte ja noch werden.

Reineking räusperte sich und zupfte an den Ärmeln des Sakkos. Der helle Anzug war neu, für seine schmale Figur etwas zu weit geschnitten und nicht teuer gewesen, aber erfüllte seinen Zweck. Reineking hatte ihn letzte Woche gekauft, weil nach seiner Meinung ein stellvertretender Kommissariats- und vielleicht künftiger Dezernatsleiter nicht wie ein x-beliebiger Ermittler herumlaufen sollte. Der Rest vom Gehalt war für die Ralph-Lauren-Baseballmütze und die Steppjacke vom gleichen Designer draufgegangen. Die Firmenlogos darauf waren recht groß, was Reineking gefiel: Man sollte sehen, wohin sein Weihnachtsgeld geflossen war. Schließlich konnte er sich schlecht einen Kontoauszug mit dem Dauerauftrag an seine Exfrau für den Unterhalt ans Revers heften.

»Gibt es Resultate?«, brummte Möbius’ Bass.

Reineking leckte sich über die trockenen Lippen. »Morgen früh dürften die ersten Ergebnisse aus der Spurensicherung vorliegen, der Obduktionsbefund, Zeugenaussagen und der Abgleich mit dem Vermisstenregister.«

»Dann warten wir das ab.« Möbius klickte weiter mit dem Kuli. Das Geräusch zerrte an Reinekings Nerven.

»Wir sollten nicht abwarten. Ich hatte unsere Psychologin an den Tatort gebeten, und sie meint …«

»Alex? Frau von Stietencron? Ich dachte, du hältst sie für eine Ziege.«

»Ziege?« Reineking hob fragend eine Augenbraue. Statt zu antworten, tippte sich Möbius an die Nase. Okay, Möbius machte man nichts vor. Natürlich hielt er Alex für eine Ziege, aber sie hatte was auf dem Kasten. Regelrecht besessen war sie – und beim Tag der offenen Tür hatte Reineking ihr beim Glücksraddrehen so lange in den Ausschnitt gestarrt, bis sie ihn gefragt hatte, ob sie noch einen weiteren Knopf aufmachen solle, damit er bessere Sicht habe. Er war kurz davor gewesen, das zu bejahen. In jedem Fall wäre es eine Schande, sich ihr Können nicht zunutze zu machen, bloß weil sie Haare auf den Zähnen hatte. Und gute Führungskräfte in spe würden ihre Mitarbeiter gegenüber Vorgesetzten niemals als »Ziegen« bezeichnen. Deswegen erklärte Reineking: »Alex ist sehr zielstrebig und erscheint auch mal etwas überengagiert. Sie gibt viel auf ihre Qualifikationen, ist durchsetzungsfreudig und braucht natürlich etwas Führung.«

»Mit anderen Worten«, murmelte Möbius und klickte mit dem Stift, »du willst sie im Team haben?«

Reineking nickte. »Das LKA sollte in den Berichten lesen, dass wir mit der Stelle von Alex keine Steuergelder verschleudern, sondern vom Land unterstützte Pilotprojekte ernst nehmen. Ich will außerdem schnelle Ergebnisse.«

Möbius hörte auf zu klicken und sah Reineking bedeutungsvoll an, der den Blick selbstbewusst erwiderte. »Stephan, ich weiß, dass du den Job willst. Aber die Leitungsstelle wird frühestens zum ersten Januar besetzt. Gefällt mir nicht, dass das so lange dauert, doch es schont das Personalbudget. Du kannst jetzt fragen: Was sollen wir mit der ganzen Technik, wenn keine Leute da sind, um sie zu bedienen? Und ich werde keine Antwort haben.«

Reineking verstand, wovon Möbius sprach. Nach der Sache mit Marcus und dem »Purpurdrachen«-Fall im letzten Sommer war die Polizeibehörde auf den neuesten Stand gebracht und umstrukturiert worden. Aber eine Aufstockung des Stellenplans hatte trotz Möbius’ Insistieren niemand für nötig befunden.

Möbius legte den Kuli auf die Schreibtischunterlage. »Mehr als eine kleine Kommission kann ich derzeit nicht versprechen.«

»Natürlich.«

Im Rausgehen fiel Reinekings Blick auf einen großen Spiegel an Möbius’ Bürowand, der mit dem Werbeschriftzug eines Irish Pubs bedruckt war. Darin erschien für einen kurzen Moment das Abbild von Kriminalhauptkommissar Stephan Reineking, in Kürze Leiter einer Mordkommission, die er mit einer Spur Dramatik »Soko Flammenhimmel« nennen würde.

»Ach, Stephan?«, rief Möbius ihm hinterher.

»Ja?« Reineking hielt den Türgriff in der Hand und drehte sich um.

»Diese Etiketten an deinem Sakko«, Möbius tippte an sein Handgelenk, »die macht man mit der Nagelschere ab.« Reineking lachte meckernd und schlug sich spielerisch vor die Stirn. »Vergessen«, entgegnete er. Er hatte angenommen, die müssten dranbleiben, damit man die Marke erkennt. Peinlich. Reineking schloss die Tür hinter sich. Sein Gesicht glühte.

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5.

Dr. Irina Woyta hatte die Obduktion gerade beendet. Alex entging nicht, dass Schneider der Ärztin ungeniert auf den Hintern schaute, der sich in einer engen Jeans unter dem weißen Arztkittel abzeichnete und bei Dr. Woytas geringer Körpergröße etwas kompakter erschien als bei anderen Menschen.

»So«, hallte ihre Stimme durch den großen, gekachelten Saal in der Münsteraner Rechtsmedizin, in dem es ein wenig wie in dem Schlachtraum einer Metzgerei aussah. Sonne flutete durch die Fenster. Von draußen war das Vogelgezwitscher aus den Grünanlagen zu hören, die das aus roten Ziegeln gebaute Gebäude einfassten. Noch vor einigen Jahren hatte es zu einem Areal gehört, das nach dem Abzug der britischen Rheinarmee in das weitläufige Gebiet der Unikliniken eingegliedert worden war. Gegenüber dem Institut hatte das Max-Planck-Institut einen gläsernen Hightechbau errichten lassen, der hier wie ein Fremdkörper wirkte.

Zwei weitere Obduzenten waren im Sektionssaal stumm und mit aufgekrempelten Hemdsärmeln damit beschäftigt, nicht mehr benötigte medizinische Gerätschaften beiseitezuräumen. Ein Assistent reichte der Ärztin einige Röntgenaufnahmen. Sie waren der Grund dafür, weswegen die Rechtsmedizinerin nach der Tatortbesichtigung entschieden hatte, die Leiche an das Institut des Klinikums der Westfälischen Wilhelms-Universität bringen zu lassen. Für die Untersuchung von Leichen, die sich in einem sehr schlechten Zustand befanden oder durchleuchtet werden mussten, um nach Fremdkörpern wie Projektilen zu suchen, war die Rechtsmedizin besser ausgerüstet als die Lemfelder Pathologie. Während Dr. Woyta, die ihre halblangen dunklen Haare zum Pferdeschwanz gebunden trug, eine randlose Brille aufsetzte, um die Bilder zu begutachten, betrachteten Schneider und Alex stumm die Tote auf dem Edelstahltisch. Noch handelte es sich bei ihr um eine »Jane Doe«, wie es in US-Serien und -Filmen oft hieß – ein unbekanntes Opfer ohne Namen, und in diesem Fall auch um ein Opfer ohne etwas, das man noch Gesicht nennen mochte.

Kopf und Torso waren weitgehend verkohlt sowie an einigen Stellen aufgeplatzt. Rötlich schimmerte das Fleisch dort und an den Stellen hervor, an denen die Obduzenten den Körper aufgeschnitten hatten. Alex musste an Lava und Vulkangestein denken, und sie fröstelte, als sie die weißen Krähenfüße an den leeren Augenhöhlen der Toten sah. Die hellen Linien sprachen dafür, dass die Frau noch gelebt und instinktiv die Augen zusammengekniffen hatte, als die Flammen ihr entgegengeschlagen waren. Der Täter hatte sein Opfer bei lebendigem Leibe verbrannt – worauf Dr. Woyta vorhin bereits hingewiesen hatte, denn es befanden sich Spuren von Ruß in den Schleimhäuten der Luftröhre, in den Bronchien sowie im Magen. Die hellrot verfärbten Blutreste deuteten außerdem auf einen hohen Kohlenmonoxidgehalt hin, was nach Einschätzung der Rechtsmedizinerin die anschließende toxikologische Untersuchung und der histologische Befund bestätigen würden. Sie nahm weiter an, dass die Frau bereits an einer Rauchgasvergiftung gestorben sein könnte oder bewusstlos geworden war, bevor die Flammen ihr zerstörerisches Werk vollendet hatten.

Bemerkenswert war, dass sich der Rücken des Opfers sowie Arme und Hände noch in einem relativ guten Zustand befanden. Das Feuer musste also vor allem auf den vorderen Bereich des Körpers gewirkt haben, bevor der einsetzende Regen es gelöscht hatte. Die untypische Haltung der Leiche, die Alex am Tatort aufgefallen war, sowie die Brandverletzungen waren nach den Worten von Dr. Woyta darauf zurückzuführen, dass die Frau in den Fesseln nach vorne gesackt war, nachdem sie das Bewusstsein verloren hatte. Die Medizinerin hatte aber auch nicht ausgeschlossen, dass sie sich absichtlich nach vorne gebeugt haben könnte, um den Qualm zu inhalieren und sich auf diese Weise selbst zu ersticken. Die Rauchentwicklung müsse jedenfalls enorm gewesen sein – was sich mit den Erkenntnissen der Spurensicherung deckte, dass das verwendete Holz recht feucht gewesen sei.

»Puh, das ist eine heftige Sache«, sagte Dr. Woyta, die nahezu akzentfreies Deutsch sprach, obwohl sie aus Tschechien stammte und auch dort studiert hatte. Sie nahm die Brille wieder ab, und ihre sonst so freundlich blinzelnden Augen wirkten matt und müde. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schien durch die Polizisten hindurchzusehen. »Also, ich fasse zusammen«, begann sie. »Der Zustand der Leiche ist sicherlich nicht der allerbeste, aber auch bei einem Brandopfer bleibt mehr intakt, als ein Täter vermuten mag, wenn er Spuren mit Feuer beseitigen will. Wir haben etwas Glück, weil die Hitze und die Flammen nicht intensiv und lange genug auf den Schädel eingewirkt haben, um ihn platzen zu lassen. Deswegen können wir Verletzungen nachweisen. Zunächst eine seitliche oberhalb der rechten Schläfe, die von einem Schlag mit einem stumpfen Gegenstand herrührt. Dann weitere am Hinterkopf, die außer zu einem Hämatom zu einem Haarriss in der Schädeldecke geführt haben. Hier kann ich ausschließen, dass es sich um ein Brandhämatom, also ein postmortal durch die Hitzeeinwirkung hervorgerufenes Auspressen von Blut und Fett, handelt. Ich vermute, dass das Opfer zunächst mit einem seitlichen Hieb gegen den Kopf bewusstlos geschlagen wurde. Die weiteren Schädelverletzungen hat sich die Frau womöglich selbst zugefügt, indem sie auf dem Scheiterhaufen ihren Hinterkopf gegen den Pfahl geschlagen hat, an den sie gefesselt war – vor Schmerzen oder um sich selbst auszuknocken.«

Schneider pfiff durch die Zähne und hob die Augenbrauen. Alex vergrub die Hände in den Hosentaschen und nickte. Ihre Nackenmuskeln fühlten sich an, als wären sie mit Beton ausgegossen worden.

»Der Täter hat die Frau mit Drahtschlingen an den Pfahl gebunden, um sie zu fixieren«, schilderte die Ärztin weiter. »Es gibt außerdem Verletzungen an den Knöcheln und Handgelenken, die darauf schließen lassen, dass sie bereits zuvor einmal gefesselt war. Tja …« Dr. Woyta machte eine Pause und blickte auf die Röntgenbilder. »Und wie ich annehme, hat er sie zu einem ganz bestimmten Zweck und auf sehr spezielle Art und Weise gefesselt. An den Schultergelenken gibt es Bänder- und Muskelverletzungen sowie eine Fraktur im linken Handgelenk. Außerdem ist das rechte Schultergelenk ausgerenkt worden. Haben Sie schon einmal von der Palästinenserschaukel gehört?«

Alex und Schneider schüttelten stumm den Kopf.

»Das ist eine Foltermethode«, erklärte die Rechtsmedizinerin. »Dabei wird das Opfer an den nach hinten gefesselten Händen aufgehängt. Die Methode wird als rückwärtiges Aufziehen beschrieben. Wenn man das mit einem Ruck macht, kann es zu solchen Schäden wie den vorliegenden führen. Und damit komme ich zu weiteren Verletzungen, die nach meiner Einschätzung ebenfalls auf Folterungen zurückzuführen sind – und zwar nach mittelalterlichen Methoden, wobei diese heute nach wie vor angewendet werden, da sie sich offenbar über die Jahrhunderte hinweg als besonders wirksam erwiesen haben. Sehen Sie hier.«

Dr. Woyta zeigte auf Röntgenaufnahmen der Hände, der Unterschenkel und Füße. »Die Frakturen an den Daumen und diese Eindellungen hier«, sie malte mit dem Zeigefinger einen Kreis auf dem Flachbildschirm, »sind auffällig. Wenn ich bedenke, dass das Opfer auf einem Scheiterhaufen getötet worden ist, assoziiere ich mal frei weiter und komme darauf, dass die Verletzungen von so etwas wie Daumenschrauben stammen könnten. An den Unterschenkelknochen waren Verletzungen sehr viel schwieriger nachzuweisen. Hier hat die Hitze bedeutend länger eingewirkt, und die Knochen sind porös. Dennoch sind Absplitterungen sichtbar.« Wieder zeigte sie mit dem Zeigefinger auf eine Aufnahme. »Diese könnten von so etwas wie Beinschrauben oder Spanischen Stiefeln stammen.«

»Spanische Stiefel?«, hakte Schneider nach.

Dr. Woyta nickte. »Ja, dabei handelt es sich ebenfalls um eine alte Foltermethode. Die Schenkel werden zwischen Metall- oder Holzteile eingespannt und mit Schrauben festgezogen.«

»Wie bei Zwingen?«, fragte Schneider.

»Ja. Allerdings kann der Täter keine Zwingen aus dem Baumarkt verwendet haben, denn die haben nur eine geringe Auflagefläche. An dem Opfer wurden welche mit größerem Durchmesser eingesetzt, vielleicht sogar Nachbauten von Originalen. Wir werden die entsprechenden Knochenpartien noch einmal mikroskopisch untersuchen, um festzustellen, ob sich vielleicht etwas Abrieb nachweisen lässt. Zumindest an den Fingern oder Handgelenken könnten wir Erfolg haben, denn die Verbrennungen sind da nicht so extrem. Aber trotzdem möchte ich dafür«, Dr. Woyta zuckte mit den Mundwinkeln, »meine Hand nicht ins Feuer legen. Möglicherweise findet das LKA etwas. Die intakten Körperstellen des Opfers sind ja abgeklebt worden. Außerdem erscheinen mir alle Verletzungen relativ frisch zu sein, was dafür spricht, dass sich Folterung und anschließende Verbrennung in relativ kurzer Zeitfolge ereignet haben.«

Alex schluckte. Ihre Kehle fühlte sich an wie Schmirgelpapier. Schneider kratzte sich nachdenklich im Nacken. »Hm, wenn man jemanden foltert, will man gewöhnlich eine Aussage von ihm erzwingen. Wenngleich mir das hier alles schon sehr, tja, speziell erscheint.«

»Das ist es auch«, murmelte Alex. »Vielleicht wollte er gar nichts erzwingen.«

»Sie meinen, er hat es getan, weil es ihm Spaß gemacht hat?«, fragte Dr. Woyta und ließ es wie eine Feststellung klingen.

»Möglich«, antwortete Alex und zwirbelte an einer Haarsträhne. »Ich denke, er könnte die Folterungen vorgenommen haben, weil sie dazugehören, wenn man Hexen richtet.«

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6.

Der Mann betrat den kleinen Laden in der Seitenstraße. Ein balinesisches Windspiel erklang an der Tür. Dahinter erfüllte sphärische Musik den Verkaufsraum. Es roch nach Tee und Duftölen, nach getrockneten Kräutern. Er betrachtete die Edelsteine in den Regalen, die Sandrosen, Amethystscheiben und Quarze. Vor einer Auslage blieb er stehen, wanderte mit dem Zeigefinger über die Kassetten aus durchsichtigem Acryl, in denen Tigeraugen, Bernsteine, Rauch- und Rosenquarze, bunte Trommelsteine, Feennester, Jaspis und Lapislazuli lagen. Aus einem Fach nahm er einen Stein heraus, der ihn an Jade erinnerte. Er legte ihn auf das schwarze Leder seines Handschuhs und fragte die Frau am Verkaufstresen: »Was ist das für ein Stein?«

Die Frau war korpulent und rothaarig, was er bereits gewusst hatte, bevor er den Laden betrat. Auch ihren Namen kannte er: Silvana Michalski. »Das ist ein Chrysokoll«, erklärte sie freundlich. »Er hilft bei Mandelentzündung und fördert die Heilung von Brandwunden.«

»Ich nehme ihn.«

»Er wird auch Eilatstein genannt und lindert Menstruationsbeschwerden.« Silvana blickte zu ihm auf, während er bezahlte.

Er hörte, wie die Kasse klingelte, steckte den Stein und das Wechselgeld ein. »Mögen Sie Lilien?«, fragte er. Silvana legte den Kopf etwas schief und dachte über die Frage nach – wohl mehr darüber, warum er sie gestellt hatte, als über die Antwort. »Ja«, sagte sie dann, »Lilien sind etwas Wunderbares.«

»Das finde ich auch«, antwortete er und ging.

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7.

Der Morgen folgte seinen gewohnten Ritualen. Nachdem Alex eine Runde gejoggt war und geduscht hatte, saß sie bei einer Tasse Kaffee im Bademantel in der kleinen Einbauküche ihrer Dachgeschosswohnung und löffelte ein Müsli. Dabei sah sie die Post durch. Ein Baumarkt versprach ihr zwanzig Prozent Ersparnis, wenn sie einen Rasenmäher kaufe. Und die Kundenkarte des Lemfelder Kaufhauses war gekommen, in dem sie gerade erst ein halbes Monatsgehalt für eine neue Frühjahrsgarderobe gelassen hatte. Hannibal, ihr getigerter Kater, blinzte mürrisch um die Ecke und verlangte wie an jedem Tag um diese Zeit maunzend nach einem kräftigen Schluck Katzenmilch, um diese wie üblich zu ignorieren, sobald sie eingegossen worden war. Sein Katzenstreu ging langsam zur Neige. Alex dachte, dass sie ohnehin einen Großeinkauf starten müsste – nur: wann?

Nach dem Frühstück ging Alex ins Schlafzimmer. Sie öffnete die Türen des Kleiderschranks, blickte hinein und wartete auf eine Eingebung. Kleider und Blusen hingen nach Farben sortiert auf den Bügeln. Darüber lagen auf DIN-A4-Größe zusammengefaltete Pullover, die etwas dickeren links, die etwas dünneren rechts. Unten hingen die Jeans auf Hosenhaltern. An Ordnung und Systematik war nichts zu optimieren. Diese Perfektion drückte sich auch in einer geradezu erotischen Beziehung zu Post-its und Excel-Tabellen aus. Aber die würden ihr bei der Frage, was sie heute anziehen sollte, auch nicht weiterhelfen. Alex klappte den Kleiderschrank wieder zu und riss die Kommodenschubladen auf. Darin lagen Tops und T-Shirts griffbereit penibel zusammengefaltet. Auch an der systematischen Lagerung der Slips und BHs war nichts auszusetzen. Trotzdem rief nicht ein einziges Teil: Zieh mich an, bitte, ich will heute mit zur Arbeit! Noch nicht einmal die neuen. Energisch knallte Alex die Schubladen wieder zu und schlappte in Flipflops aus dem Schlafzimmer. Also noch ein Kaffee, vielleicht kam ihr Gehirn dann auf Touren.

Sie ging ins Wohnzimmer ihrer kleinen Dachgeschosswohnung, summte die Melodie eines Sheryl-Crow-Songs mit, der gerade im Radio lief, fuhr den Mac hoch, um die E-Mails abzurufen, und überflog dabei noch einmal ihre Notizen von gestern. Neben dem Block mit Moleskine-Einband lag die Lemfelder Ortschronik, die ihre Freundin Helen, die bei der Düsseldorfer Kripo arbeitete, Alex im vergangenen Jahr zum Berufseinstieg geschenkt hatte. Sie war von einem Dr. Bernhard Funke und einem Dr. Martin Ruppel verfasst worden, und im Landesmuseum hatte Alex in der Auslage weitere Broschüren der beiden Autoren gesehen, die sich mit der lokalen Geschichte befassten. Dort hatte sie auch erfahren, dass der »Hexentanz« genannte Steinkreis früher als Kalendarium gedient haben soll und an die dreitausend Jahre alt sein mochte. Seinen Namen verdankte er der Legende, dass zur Walpurgisnacht der Teufel die Lemfelder Hexen in den Wald gelockt habe. Zwei Schäfer hatten sie beobachtet, worauf sie von den Hexen in Steine verwandelt wurden und mit ihrem letzten Atem ein Stoßgebet an Gott sandten, der seinerseits die Hexen zu Stein werden ließ. Außerdem hatte Alex einiges über die traurige Rolle Lemfelds zur Zeit der Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit in Erfahrung gebracht. Es konnte kein Zufall sein, dass sich der Täter diesen markanten Ort ausgesucht hatte, um eine Frau auf einem Scheiterhaufen zu ermorden, die er vorher gefoltert hatte. Es musste einen Zusammenhang geben. Während das Betriebssystem startete, schloss Alex die Augen und …

… sah den Nebel, den der Wind vom See her in den Steinkreis trieb, in dessen Mitte eine Frau in Flammen stand, den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet, einem anklagenden Schrei, dann wendete sie den Kopf, sah Alex direkt an, und die Lippen formten Worte. »Für immer«, flüsterte die Frau, »für immer«, und der Schatten eines Mannes tanzte im Licht der Flammen auf den uralten Steinen …