Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Breslau, eine der attraktivsten und dynamischsten Städte in Polen, übt auf Bewohner wie Besucher einen besonderen Reiz aus. Nicht zuletzt die über tausendjährige Geschichte der Stadt trägt dazu bei. Eduard Mühle zeichnet diese bewegte und spannende Geschichte nach. Über tausend Jahre Stadtentwicklung unter wechselnden politischen Herrschaften und kulturellen Einflüssen – zwischen Böhmen, Polen, Österreich und Preußen – haben sich in die Topographie und Architektur Breslaus eingeschrieben. Am Ende des Zweiten Weltkriegs nahezu vollkommen zerstört, wurde das seit dem späten Mittelalter deutschsprachige Breslau als polnisches Wrocław wieder aufgebaut. Nach der politischen Wende von 1989 erhob sich die Stadt aus dem Grau des sozialistischen Alltags zu neuer, beeindruckender Blüte. Der städtebauliche Reichtum und die kulturelle, sprachliche und religiöse Vielfalt tragen maßgeblich zur Attraktivität Breslaus bei. 2016 wird die polnische Stadt "Europäische Kulturhauptstadt" sein. Eduard Mühles profunde, gut erzählte Stadtgeschichte vermittelt ein lebendiges Bild von der historischen Entwicklung Breslaus und veranschaulicht, warum die Stadt zu Recht zu den vielfältigsten europäischen Metropolen gezählt wird.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 563
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://portal.dnb.de abrufbar.
Umschlagabbildung:vorn: Wroclaw/Breslau, Rathaus (akg-images/Bildarchiv Monheim/Schütze/Rodemann)hinten: Ausschnitt aus dem Stadtplan von Bartholomäus Weyhner von 1562.
Innenklappe vorn: Das mittelalterliche Breslau im 14. JahrhundertInnenklappe hinten: Das heutige Breslau
© 2015 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar WienUrsulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig.
Korrektorat: Christine Schatz, VielankDatenkonvertierung: Lumina Datamatics, Griesheim
ISBN 978-3-412-50137-2(Print)
ISBN 978-3-412-50302-4(eBook)
Meinem Vater zum 90. Geburtstag gewidmet
Inhalt
Vorwort
I. Frühmittelalterliche Burgstadt (950er–1230er Jahre)
Der romanische Dom
Die Anfänge der Burg auf der Oderinsel
Außenposten piastischer Expansion
Herzogliche Pfalz und Burgbezirkszentrum
Ein Breslauer Großer – der Pfalzgraf Petrus
Polyzentrische Frühstadt
II. Herzogliche Lokationsstadt (1230er–1330er Jahre)
Der Ring
Fürstenherrschaft und Stadtlokation
Die topographisch-räumliche Organisation der Lokationsstadt
Ein Breslauer Herzog – Heinrich IV. der Rechtschaffene
Grundlagen der städtischen Wirtschaft
Die Durchsetzung der kommunalen Selbständigkeit
III. Patrizische Handelsmetropole (1330er–1520er Jahre)
Das Rathaus
Kaufleute und Handwerker
Ein Breslauer Patrizier – Kaspar Popplau
Die böhmische Landeshauptmannschaft und die Hussiten
Städtische Identität, Bildung und Wissenschaft
Kirchliches Leben, Frömmigkeit und Judenverfolgung
IV. Hochburg des Luthertums (1520er–1630er Jahre)
Die Stadtbefestigung
Die lutherische Ratsreformation
Ein Breslauer Humanist – Johannes Crato von Crafftheim
Städtische Politik im Zeitalter der Konfessionalisierung
V. Zielpunkt der Gegenreformation (1630er–1740er Jahre)
Jesuiten-Kolleg und alte Universität
Begrenzte Rekatholisierung
Alltagsleben und städtische Wirtschaft
Eine Breslauer Handwerksfrau – Anna Ursula Becker
VI. Preußische Residenzstadt (1740er–1870er Jahre)
Hofkirche und Königsschloss
Friderizianische Prussifizierung
Gewerbefreiheit und industrielle Modernisierung
Ein Breslauer Wirtschaftspionier – Gustav Heinrich Ruffer
Urbanisierung und City-Bildung
Sozialer Wandel und politische Bewegungen
VII. Regionales Zentrum der Moderne (1870er–1930er Jahre)
Die Jahrhunderthalle
Weltkrieg und revolutionärer Umbruch
Kommunalpolitik und Stadtentwicklung
Ein Breslauer Stadtverordneter – Adolf Heilberg
Kommerz und Krise
Kultur und Wissenschaft
VIII. Bollwerk des Deutschen Ostens (1933–1945)
Das neue Regierungspräsidium
Nationalsozialistische Herrschaft
Ein Breslauer Universitätsprofessor – Hermann Aubin
Krieg und Untergang
IX. Hauptstadt der Wiedergewonnenen Gebiete
Das Kościuszko-Wohnviertel (KDM)
Städtischer Neubeginn und polnische Aneignung
Sozialistischer Alltag
Ein Breslauer Künstler – Henryk Tomaszewski
Opposition und Solidarität
Das Ende der Volksrepublik
X. Postsozialistische Großstadt
Politische und wirtschaftliche Transformation
Die Entdeckung der Vergangenheit
Stadterneuerung und Sky Tower
Farbtafeln 1–14
Farbtafeln 15–28
Abkürzungsverzeichnis
Anmerkungen
Abbildungsnachweis
Register
Vorwort
„Es ist eine große Vermessenheit, Städte beschreiben zu wollen. Städte haben viele Gesichter, viele Launen, tausend Richtungen, bunte Ziele, düstere Geheimnisse, heitere Geheimnisse. Städte verbergen viel und offenbaren viel, jede ist eine Einheit, jede eine Vielheit, jede hat mehr Zeit, als ein Berichterstatter, als ein Mensch, als eine Gruppe, als eine Nation. Die Städte überleben Völker, denen sie ihre Existenz verdanken und Sprachen, in denen ihre Baumeister sich verständigt haben.“1
Was der österreichische Schriftsteller Joseph Roth 1924 mit Blick auf das galizische Lemberg formulierte, mag auch der nachfolgenden Darstellung als Mahnung zu angemessener Bescheidenheit und gehöriger Reflexion gereichen. Eine Erzählung, die die Geschichte der Stadt Breslau von ihren archäologisch fassbaren Anfängen im frühen 10. Jahrhundert bis in die Gegenwart des beginnenden 21. Jahrhunderts auf nur 350 Seiten vermitteln will, zwingt zu Auslassungen und bewussten Schwerpunktsetzungen. Dass dabei manche Laune, manches Geheimnis dieser Stadt unerzählt bleibt, ist ebenso in Kauf zu nehmen wie die Unmöglichkeit, in zehn knappen Kapiteln der ganzen Vielfalt ihrer über tausendjährigen Geschichte gerecht werden zu können. Vor diesem Hintergrund wurde der Versuch unternommen, die Darstellung auf die strukturellen Grundzüge und wichtigsten Entwicklungen der Stadtgeschichte zu konzentrieren, sie am Beispiel epochensignifikanter Bauwerke und Persönlichkeiten aber zugleich auch exemplarisch zu verdichten. So nähert sich jedes Kapitel der fraglichen Epoche zunächst über ein Architekturdenkmal, ehe es in mitunter großzügigem Überblick und nicht immer in strenger chronologischer Abfolge ihre wesentlichen Merkmale, Strukturen und Ereignisse beschreibt und anhand einer ausgewählten historischen Gestalt paradigmatisch vertieft. Nur das zehnte, letzte Kapitel weicht von diesem Muster insofern ab, als es das emblematische Architekturdenkmal ans Ende stellt und von einer biografphischen Skizze deshalb absieht, um nicht einen Lebenden porträtieren zu müssen. Es bleibt zu hoffen, dass eine derart angelegte Narration ein ebenso lebendiges wie konzises Bild von der historischen Entwicklung der Stadt Breslau zu vermitteln vermag.
[<<11||12>>] Die Stadt, von der hier erzählt, über die hier nachgedacht wird, hieß und heißt im Deutschen Breslau. Diesen Namen, der vom 13. bis 18. Jahrhundert in verschiedenen Lautungen (Brezlauwe, Bretzlau, Bresslab, Breczlaw, Preszlaw, Bresslow, Preßlawe) begegnet, haben deutschsprachige Siedler, die sich seit dem 13. Jahrhundert in Breslau niederließen, aus dem von ihnen vorgefundenen (zunächst nur in lateinischer Form überlieferten) slawischen Namen – Wortizlava, Vratislavia, Wratzlau – abgeleitet. Der slawische Ortsname wiederum dürfte spätestens im 10. Jahrhundert vom Namen eines böhmischen oder schlesisch-slawischen Fürsten – Vratislav, Wortislaw/Wartislaw – hergeleitet worden sein. Die heutige polnische Variante des Stadtnamens – Wrocław – knüpft an die mittelalterliche slawische Ortsnamensform an und ist in dieser Form bereits seit Jahrhunderten in Gebrauch. Sie hat also keinesweg erst 1945 den deutschsprachigen, so seit 1770 feststehenden Namen Breslau abgelöst.2 Die Namen Wrocław und Breslau sind mithin identisch und bezeichnen tatsächlich die eine Stadt. Dass diese Stadt 1945 materiell weitgehend zerstört und ihre Einwohnerschaft 1945–1948 nahezu komplett ausgetauscht worden ist, bedeutet keineswegs, dass diese stadtgeschichtliche Identität grundsätzlich in Zweifel gezogen werden muss 3 – so sehr das persönliche Migrationsschicksal deutscher Alt-Breslauer und polnischer Neu-Breslauer dies in den Jahren von 1945 bis 1990 (und mitunter darüber hinaus) subjektiv auch nahegelegt haben mochte. Breslau hat auch vor 1945 tiefgreifende Zäsuren – Zerstörungen, topographische Neuanlagen, Bevölkerungsmigrationen, Herrscherwechsel, wirtschaftliche und soziale Transformationen – erlebt, die sein Erscheinungsbild grundlegend verändert haben. Und dennoch hat die Stadt nicht nur ihren Ort, sondern auch ihre Identität bewahrt – wie auch immer man diese im Einzelnen definiert. Auch andere Städte, auch solche die ein weniger dramatisches Schickal als Breslau am Ausgang des Zweiten Weltkriegs erlitten haben, sind sich über die Jahrhunderte nicht gleich geblieben, haben sich grundlegend verändert – und dennoch werden sie über die Jahrhunderte hinweg als die eine identische Stadt betrachtet. Überall haben Städte immer wieder die über sie Herrschenden und die in ihnen Lebenden überlebt. In diesem – im Zitat Joseph Roths angedeuteten – Sinn geht auch die nachfolgende Darstellung davon aus, dass wir von Breslau ungeachtet aller Brüche als [<<12||13>>] von einem historischen Phänomen sprechen können, dessen Geschicke sich auch unter einem Namen – im vorliegenden deutschsprachigen Fall: Breslau – darstellen lassen.
An dieser Stelle sei einer Reihe von Personen und Einrichtungen Dank gesagt: Else, Siegrid und Siegfried Treske sowie meiner Mutter dafür, dass sie den Autor schon als Kind auf Stadt und Region neugierig gemacht haben; Johannes van Ooyen vom Böhlau Verlag für den Vorschlag, dieses Buch zu schreiben sowie für die hervorragende verlegerische Betreuung; Annegret Remy für eine erstes Korrekturlesen und die Vorbereitung der Register; Kornelia Hubrich-Mühle für ihre bewährt kritische Lektüre; dem Bildarchiv des Herder-Instituts Marburg, der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, der Universitätsbibliothek Wrocław, dem Via Nova Verlag Wrocław und Karol Modzelewski für die Bereitstellung von Bildmaterial sowie die entsprechenden Publikationsgenehmigungen; schließlich der Stiftung für die polnische Wissenschaft (Fundacja na rzecz Nauki Polskiej) in Warschau, deren Alexander von Humboldt-Ehrenstipendium mediävistische Forschungen vor Ort und die Abfassung der Kapitel zum mittelalterlichen Breslau ermöglicht hat.[<<13||15>>]
I. Frühmittelalterliche Burgstadt (950er–1230er Jahre)
Der romanische Dom
Das Zentrum des frühmittelalterlichen Breslau lag auf einer Insel. Diese war durch mäandernde Oderarme natürlich geschützt und ein guter Ort für eine Burg. Ihr späterer Name – Dominsel – zeigt, dass sich zum weltlichen Herrschersitz ein kirchlicher Mittelpunkt hinzugesellte. Heute prägen allein kirchliche Einrichtungen diesen Teil der Stadt, in dessen Mitte sich die gotische St. Johannes-Kathedrale erhebt. Die einstige Insellage ist noch schwach erkennbar, von der ältesten Burgbefestigung, einer Graben-Wall-Anlage, gleichwohl nichts mehr zu erahnen. Ihre Relikte liegen in tausendjährigem Kulturschutt begraben und sind nur Archäologen zugänglich. Das gilt auch für die Überreste der ersten Domkirche, die hier nach dem Jahr 1000 über einem noch älteren Kirchenbau errichtet wurde. Dennoch ist, wer den Gang durch die Geschichte Breslaus mit einem Blick auf die ältesten in situ zugänglichen baulichen Zeugnisse der Stadt beginnen will, am Johannes-Dom am richtigen Platz. Denn in seinem Untergrund, unter dem Westjoch des heutigen Chores haben sich Mauerfragmente einer romanischen Kathedrale erhalten, die aus den 1150er–1160er Jahren stammt (Farbtafel 1).4
Sie stellt nach Ansicht ihres langjährigen Ausgräbers den dritten Kathedral- bzw. vierten Kirchenbau an diesem Platz dar. Initiiert hat ihn der von 1148/49 bis 1169 amtierende Breslauer Bischof Walter von Malonne, ein aus dem Bistum Lüttich stammender Wallone, der schon längere Zeit im Umfeld seines Bruders Alexander in Polen gelebt hatte, ehe er nach Breslau kam. Alexander war seit 1129 Bischof im masowischen Płock und hatte dort eine mächtige dreischiffige Kathedrale erbauen lassen, die 1144 geweiht wurde.5 Vier Jahre später selbst zum Bischof erhoben, eiferte Walter seinem älteren Bruder nach und veranlasste in Breslau einen ähnlichen Kirchenneubau.
Die Archäologen und Architekturhistoriker haben die Kathedrale des Walter von Malonne als eine etwa 48,5 m lange, 18 m breite Basilika rekonstruiert, die ein 24,5 m langes Querschiff, einen abgetrennten Altarraum [<<15||16>>] mit Apsis und eine von zwei Säulenreihen gestützte Krypta besaß. Ein Siegel, das um 1189 einer Urkunde des Breslauer Bischofs Żyrosław angehängt wurde, zeigt einen Bischof mit einer zweitürmigen Basilika in der rechten Hand. Daraus darf geschlossen werden, dass der Bau von Walters Amtsnachfolger vollendet worden ist und im Westen zwei Türme aufwies.6 Neben den von den Archäologen aufgedeckten Mauerfragmenten sind von der dritten Kathedrale nur einige wenige Steinmetzarbeiten erhalten geblieben, darunter Säulenfragmente im heutigen Westportal und eine um 1160 entstandene, 146 cm große Skulptur des Kirchenpatrons, Johannes des Täufers, die das Hauptportal geziert haben dürfte und heute im Breslauer Erzdiözesan-Museum aufbewahrt wird. Sie schmückte später auch das Portal des bis heute bestehenden, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten gotischen Nachfolgebaus, dessen Errichtung Bischof Thomas I. nach der Mitte des 13. Jahrhunderts initiiert hatte, die aber erst unter einem seiner Nachfolger, Przecław von Pogarell, über ein Jahrhundert später zu einem vorläufgen Abschluss gebracht wurde.7
Deutlich weniger – und daher Anlass zu kontroversen Deutungen bietende – Spuren sind von den drei Vorgängerbauten der Kathedrale des Walter von Malonne erhalten geblieben. Die zu Beginn der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts von Bischof Hieronymus errichtete zweite Kathedrale war, so weit erkennbar, etwas kleiner als ihr Nachfolger. Sie war erbaut worden, nachdem der erste Kathedralbau offenbar im Jahr 1038 bei einem Überfall des böhmischen Herzogs Břetislav I. zerstört worden war. Diesem ersten, um das Jahr 1000 errichteten Kathedralbau dürfte eine noch kleinere, in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts erbaute Kirche vorangegangen sein, die als herrscherliche Hofkapelle gedient haben wird.
Die Anfänge der Burg auf der Oderinsel
Die Forschung ist sich nicht einig, ob der Stifter der ältesten Breslauer Steinkirche ein böhmischer, schlesischer oder polnischer Herrscher war. Schlesien gelangte nicht vor dem ausgehenden 10. Jahrhundert unter polnisch-piastische Herrschaft. Noch das berühmte Dagome Iudex-Regest, das die von Herzog Mieszko I. um 990 vollzogene symbolische Übertragung seiner Gnesener Herrschaft (civitas Schinesghe) an den Heiligen Stuhl [<<16||17>>] überliefert, zieht deren südliche Grenze im Bereich des mittleren Schlesien entlang der Oder. Jenseits der Oder nennt das Regest ein Gebiet namens Alemure (Mähren?), das wie das Krakauer Land (Craccoa) im Osten und das Milzenerland (Milze) im Westen außerhalb des piastischen Herrschaftsbereichs (regnum) lag.8 Die Oder war also noch um 990 von Mieszko I. nicht überschritten worden und noch 995 wurde das linksufrige Schlesien von Kaiser Otto III. dem Bistum Meißen bzw. Markgraf Ekkehard zugesprochen.9 Ob das in der Mitte des Odergrenzabschnitts, wie ihn das Dagome Iudex-Regest bezeugt, gelegene Breslau in dieser historischen Situation bereits ein piastischer Grenzvorposten oder noch ein böhmisch-mährischer Verteidigungspunkt war oder vielleicht noch der Sitz eines zwischen beiden Mächten lavierenden lokal-regionalen Kleinfürsten, ist kaum noch feststellbar. Folgt man dem Entdecker des ältesten steinernen Kirchenbaus, so wies dieser auffällige Ähnlichkeiten mit einer Kirche auf, die im böhmischen Libice, dem 50 km östlich von Prag gelegenen Sitz der Slavnikiden, ausgegraben worden ist.10 Das könnte in der Tat für eine böhmische Zugehörigkeit des damaligen Breslau sprechen. Es könnte aber auch die Folge einer besonderen Verbindung eines in Breslau residierenden schlesischen Kleinfürsten zu den Slavnikiden gewesen sein, der sich bei seinem Kirchenbau an der Hofkapelle dieses regionalen böhmischen Herrschergeschlechts orientiert und dazu auf dessen Bauleute zurückgegriffen haben mag.
Dass es im 9.‒10. Jahrhundert an der Oder von Kleinfürsten geführte regional-lokale Herrschaftsgebilde gegeben hat, darunter die Sleenzane oder Silensi, die ihr Heiligtum auf dem 35 km südwestlich von Breslau gelegenen Zobtenberg unterhielten, wird von verschiedenen Schriftquellen bezeugt und hat sich auch in archäologischen Befunden niedergeschlagen.11 Auf der Breslauer Dominsel reichen die ältesten Relikte eines Holzerdewalles, der zunächst nur ein sehr kleines Burgareal von etwa 60 m Breite sicherte, möglicherweise bis in die erste Hälfte des 10. Jahrhunderts zurück; da die dendrochronologisch in die 920er bis 930er Jahre datierten Holzfunde aus den beiden untersuchten Wallfragmenten aber auch sekundär verwendet worden sein können, belegen sie nicht zweifelsfrei, dass dieser Wall tatsächlich bereits vor der Mitte des 10. Jahrhunderts bestanden hat.12
[<<17||18>>] Deutlichere archäologische Siedlungsspuren begegnen auf der Dominsel erst seit der Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert. Daher wird die ältere, auf den Ortsnamen gestützte Annahme, Breslau sei bereits vor 921 von dem böhmischen Herzog Vratislav I. (um 888–921) ‚gegründet‘ worden, inzwischen kaum noch vertreten. Zwar geht das seit dem 13. Jahrhundert von deutschen Zuwanderern geprägte Breslau, wie die um 1017/18 von dem Merseburger Bischof Thietmar aufgezeichneten ältesten Namensformen – Wortislava, Wrotizlau (Wrotizlaensem) – belegen 13, tatsächlich auf den Personennamen Wartislaw/Vratislav zurück; doch war dieser bei den Slawen allgemein verbreitet. Breslau kann seinen Namen daher gut auch einem lokalen schlesischen Kleinfürsten verdanken, der sein Machtzentrum auf der Oderinsel eingerichtet hatte.
Außenposten piastischer Expansion
Spätestens zu Beginn des 11. Jahrhunderts befand sich diese Insel im Besitz Bolesławs I. des Tapferen. Im Frühjahr des Jahres 1000 war der Piastenherzog in Gnesen mit Otto III. zusammengetroffen und hatte dort nicht nur den Abschluss eines prestigeträchtigen Freundschaftsbündnisses mit dem Kaiser, sondern auch die Errichtung einer eigenen polnischen Kirchenprovinz erwirken können.14 Eines der drei dem neuen Erzbistum unterstellten Bistümer wurde unter der Leitung eines Bischofs namens Johannes in Breslau errichtet. Die beiden anderen entstanden in Kolberg und Krakau, während das ursprüngliche Missionsbistum Posen zunächst selbständig blieb. Alle drei neuen Bistümer entstanden in Gebieten, die weit jenseits des piastischen Kerngebietes um Gnesen und Posen lagen und der piastischen Herrschaft zunächst erst noch tatsächlich hinzugewonnen werden mussten. Dass diese Expansion auch scheitern konnte, zeigte sich rasch im Fall des pomoranischen Kolberg, wo das piastisch-polnische Bistum bereits wenige Jahre nach seiner Gründung wieder einging.
In Breslau dagegen konnte die piastische Herrschaft – wie in Krakau – mit größerem Erfolg Fuß fassen. So entstand auf der Dominsel nicht nur ein erster Kathedralbau, sondern auch eine neue, größere Befestigungsanlage. Diese scheint von Anfang an zweigeteilt gewesen zu sein, wobei der kleinere, nordwestliche Teil einen herzoglichen Hofkomplex, der größere [<<18||19>>] südöstliche Teil – wie einschlägige Kleinfunde (Waffen, Sporen, Pfeilspitzen) belegen – die Behausungen der militärischen Gefolgschaft und ihrer Familien, aber auch der geistlichen Amtsträger beherbergte. Der an mehreren Stellen archäologisch untersuchte Befestigungswall bestand aus einer Sand-Lehm-Aufschüttung, die im Innern durch Palisadenkammern beziehungsweise ineinander verkeilte Roste aus Eichenholz stabilisiert wurde. Er schützte das sich nur 4–5 m über das Oderniveau erhebende Inselgelände nicht zuletzt vor Hochwasser, war aber vor allem ein wichtiger militärischer Rückhalt der piastischen Expansion. Diese zielte bald nicht mehr allein auf Schlesien, sondern mit den Marken Lausitz und Meißen, mit Böhmen und Mähren auch auf südwestlich angrenzende Reichsgebiete. Seit 1002 stand Bolesław der Tapfere folgerichtig in einem langjährigen Krieg mit Kaiser Heinrich II. Als dieser 1017 die schlesischen Burgen Glogau und Nimptsch belagerte, wartete Bolesław, wie Thietmar von Merseburg berichtet, „voller Sorge in der Burg Breslau (in Wortizlava civitate)“ den Ausgang dieses Angriffs ab. Sobald der Kaiser unverrichteter Dinge aus Schlesien abgerückt war, zog der Piastenherzog von Breslau aus mit über 600 Fußsoldaten sogleich gegen Böhmen.15 Ein Teil dieser pedites wird zweifellos in der Breslauer Burg stationiert gewesen sein. Allerdings wies deren innere Bebauung, folgt man den archäologischen Funden und Befunden, in den älteren, ins erste Drittel des 11. Jahrhunderts datierten Kulturschichten noch eine ziemlich unregelmäßige, lockere Form auf. Die Breslauer Burg dürfte daher zu diesem Zeitpunkt ungeachtet ihrer Funktion als militärischer und kirchlicher Stützpunkt wohl noch nicht allzu intensiv bewohnt und genutzt worden sein. Sie blieb zunächst nicht mehr als ein Außenposten piastischer Herrschaft.
War der politische Anspruch der Piasten in Gestalt des Kathedralbaus und der neuen Befestigungsanlage auf der Oderinsel auch nachdrücklich zum Ausdruck gebracht worden, so blieb er doch nicht unangefochten. Als in den 1030er Jahren ein innerer Aufruhr und ein verheerender Überfall des Böhmenherzogs Břetislav die 1025 zum Königtum erhöhte Piastenherrschaft allgemein in ihren Grundfesten erschütterte, brach sie auch in Breslau vorübergehend zusammen. Das bezeugen sowohl schriftliche als auch archäologische Quellen. So beginnt die lokale, in Breslauer Bischofskatalogen festgehaltene Kirchentradition die Reihe der Breslauer Bischöfe [<<19||20>>] erst in der Mitte des 11. Jahrhunderts mit dem vermeintlich ersten Bischof namens Hieronymus (primus episcopus … Ieronimus).16 Zudem weiß sie von zwei älteren Bischofssitzen in Schmograu und Ritschen zu berichten. Zwar kann von diesen allenfalls Ritschen anhand einer päpstlichen Bulle aus dem Jahr 1155, in deren Besitzauflistung für das Bistum dieser Burgort – wie für Bischofssitze üblich – an erster Stelle genannt wird, als provisorischer Bischofssitz plausibel gemacht werden.17 Doch sprechen die angeführten Indizien dafür, dass das im Jahr 1000 begründete Bistum vor Einsetzen dieser Tradition augenscheinlich untergegangen war.
Dieser Untergang spiegelt sich auch in einem bemerkenswerten archäologischen Befund, der zwar schon in den 1960er Jahren ermittelt, aber erst kürzlich durch eine detaillierte Sekundäranalyse vollständig zum Sprechen gebracht worden ist.18 Er belegt, dass im nordwestlichen Teil der Burg, nahe der späteren Martinskirche (Farbtafel 2), der Holzerdewall stellenweise eingeebnet und auf der planierten Fläche ein rechteckiges, 9 × 4,5 m großes Gebäude errichtet worden ist. Nach der dendrochronologischen Datierung des in ihm verbauten Eichenholzes kann dies frühestens nach dem Frühjahr 1033 geschehen sein. Der Baubefund (insbesondere die mit idolförmigen Enden versehenen Palisadenhölzer) und das Fundmaterial (u. a. Reste von Seiden-, Leinen- und Wollstoffen sowie ein unter dem Fundament abgelegter Pferdeschädel) weisen auffällige Ähnlichkeiten zu elb- und ostseeslawischen bzw. lutizischen Tempelbauten auf, wie sie in Wolin und im mecklenburgischen Groß Raden aufgedeckt worden sind. Es spricht daher einiges dafür, auch den Breslauer, in die 1030er Jahren zu datierenden Befund als einen paganen Kultbau zu deuten. Die Errichtung dieses fanum idolatriae – so nannte der Autor der Prüfeninger Vita Ottos von Bamberg die pomoranischen „Tempel des heidnischen Götzendienstes“19 – muss während jenes Aufruhrs erfolgt sein, den die Forschung als „heidnische Reaktion“ bezeichnet und der nach böhmischen, rus’ischen und polnischen Chroniknachrichten ebenfalls in die 1030er Jahre datiert werden kann. Die älteste polnische Chronik, das Werk des sogenannten Gallus Anonymus, hat ihn „nicht ohne tränenerstickte Stimme“ als einen Abfall „vom katholischen Glauben“ beschrieben, bei dem sich „Knechte […] in die Herrschergewalt erhoben“ und „Bischöfe und Priester […] töteten.“ Doch wurde Polen damals, wie der Chronist weiter vermerkte, nicht nur [<<20||21>>] „von seinen eigenen Bewohnern gequält“, sondern auch von Fremden „in einen solchen Zustand der Verwüstung [gebracht], dass es seines Reichtums und seiner Menschen fast völlig entblößt wurde.“20 Vor allem die Böhmen plünderten 1038/39 das Land und schlossen bei dieser Gelegenheit auch Breslau wieder ihrer Herrschaft an. Dabei werden sie zweifellos den paganen Kultbau und die mit ihm verbundene Herrschaft der Rebellen, zu denen möglicherweise auch elbslawische bzw. lutizische, von den Piasten in Breslau und Umgebung angesiedelte Kriegsgefangene gehört haben, wieder beseitigt haben. Noch im Oktober 1041 hat Kaiser Heinrich III. dem Böhmenherzog Břetislav die schlesische Eroberung bestätigt.21
Herzogliche Pfalz und Burgbezirkszentrum
Die Wiederherstellung der piastischen Monarchie war das Werk Kasimirs I., des „Erneueres“, der die Zeiten des Aufruhrs im ungarischen und deutschen Exil verbracht hatte. Mit kaiserlicher Unterstützung gewann er in den 1040er Jahren eine polnische Region nach der anderen zurück. Schlesien konnte er der böhmischen Herrschaft allerdings erst nach dem Jahr 1050 entwinden. Sollte die Vermutung zutreffen, dass der Sitz des um 1051 wieder belebten Breslauer Bistums zunächst provisorisch in der Burg von Ritschen errichtet wurde 22, dann scheint den Piasten Breslau noch nicht sogleich wieder zugänglich gewesen zu sein. Es musste von ihnen erst in weiteren Anläufen dauerhaft zurückerobert werden. Wann genau dies geschah, lässt sich nicht sagen. Der zerstörte Holzerdewall könnte, wie dendrochronologisch belegte Fälldaten des verbauten Holzes (1057) belegen, vielleicht schon in den ausgehenden 1050er Jahre erneuert worden sein. Mit der Rückeroberung dürfte ein weiterer Elitenaustausch einhergegangen sein. Spätestens zu diesem Zeitpunkt werden die letzten, aus vorpiastischer Zeit übrig gebliebenen sozialen bzw. ‚stammespolitischen‘ Strukturen und politischen Einflüsse beseitigt gewesen sein.
Die archäologischen Funde und Befunde weisen für die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts eine merkliche Belebung der Siedlung auf der Oderinsel aus. Diese wurde von einem neuen, noch einmal vergrößerten Holzerdewall umgeben, der nunmehr das gesamte 5–6 ha große Inselareal schützte, dessen Bebauung an Dichte und Regelmäßigkeit zunahm. An sorgfältig [<<21||22>>] konstruierten Wegen aus hölzernen Bohlen richteten sich die von Zäunen, Steinreihen oder Gräben begrenzten Gehöfte aus. Auf ihnen standen in Gerüst- oder Blockbauweise errichtete ein- bis zweikammrige Wohnhäuser, Badestuben oder Speicher. Die circa 20 m² großen, zumeist rechteckigen, manchmal auch quadratischen Wohngebäude besaßen mit Holz oder Stein ausgelegte Fußböden, Feuerstellen, die entweder durch einen Holzrahmen oder eine Steinsetzung begrenzt waren, oder einen Kuppelofen sowie mit Holz verschalte Kellergruben. Die Gebäude wurden in der Regel nach Abnutzung an gleicher Stelle neu errichtet, wobei die unterste Balkenlage des alten Gebäudes dem neuen als Fundament diente. Auch diese stabile Bauabfolge verweist auf feste Grundstücksgrößen, denen offenbar ein im Rahmen des herzoglichen Rechts geregelter Grundbesitz zugrunde lag. Dass in den entsprechenden Kulturschichten nach wie vor keine Belege für eine am Ort betriebene handwerkliche Produktion begegnen, allenfalls Spuren eines sehr bescheidenen Hausgewerbes und einer begrenzten Viehhaltung, deutet darauf hin, dass das unter piastischer Herrschaft wiederbelebte und verdichtete Burgzentrum aus dem Umland versorgt wurde. Das belegt auch die vergleichsweise differenzierte Keramik, in der ein Teil der Produkte in die Burg geliefert bzw. die für den Bedarf der Burgbewohner im Umland hergestellt wurde.
Einige wenige Funde von Klappwaagen, Gewichten und Hacksilber 23 sowie Importgegenstände zeigen, dass auf der Oderinsel inzwischen wohl auch etwas (Fern-)Handel stattfand, doch blieb die Funktion der Burg im Wesentlichen auf die politische und kirchliche Verwaltung eines in ihrem Umfeld organisierten Burgbezirks beschränkt. In diesem Bezirk, der einen Radius von etwa 15–20 km erreichte, übten die auf der Oderinsel stationierten weltlichen Amtsträger für den permanent durch sein Reich umherziehenden Monarchen die herzogliche (1076–1079 kurzfristig auch noch einmal königliche) Herrschaft aus. Dazu sprachen sie in seinem Namen Recht, organisierten die lokal-regionale Heeresabteilung und schöpften über ein System von Abgaben und Dienstleistungen die für den Herrscherhof bestimmten sowie zu ihrer eigenen und der Burgsiedlung Unterhaltung erforderlichen Ressourcen ab. Gleichzeitig verfolgten kirchliche Amtsträger ihr Missionswerk, das nach der „heidnischen Reaktion“ der 1030er Jahre zunächst wieder ganz von vorn beginnen musste. Bedenkt [<<22||23>>] man, dass das Gnesener Erzbistum nicht vor Mitte der 1070er Jahre erneuert werden konnte, erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass auch das Breslauer Bistum erst um 1075 im Kontext der von Papst Gregor VII. unterstützten kirchlichen Reformbemühungen Bolesławs II. des Kühnen seinen Sitz wieder in Breslau selbst erhielt und erst zu diesem Zeitpunkt auch eine Erneuerung der in den 1030er Jahren zerstörten ersten Domkirche, das heißt der zweite Kathedralbau in Angriff genommen worden ist. Vielleicht wurden jene Münzen, die den Kopf Johannes des Täufers, des Patrons der Breslauer Kathedrale, und die Namen Johannes und Bolesław tragen, von Bolesław II. gerade aus diesem Anlass geprägt.24
Mit der Erneuerung des Bistumssitzes in Breslau gewann die Oderburg eine über den engeren Burgbezirk hinausgehende zentralörtliche Funktion. Diese schlug sich bis zum Ende des 11. Jahrhunderts auch in einer weiter gefassten territorial-politischen Organisation nieder. Der für die 1090er Jahre belegte Breslauer Graf (comes Wrotislaviensis) Magnus hat im Namen des Herzogs augenscheinlich bereits mehr als nur den Burgbezirk beaufsichtigt. Gallus Anonymus spricht ihm jedenfalls ein ‚Herzogtum‘ (ducatus) zu, während ihn der Chronist Vincentius von Krakau (Kadłubek) gegen Ende des 12. Jahrhunderts als ‚Provinzvorsteher‘ (praeses provinciae) bezeichnete und damit offenbar richtig deutete, dass Magnus seinerzeit bereits als herzoglicher Statthalter in ganz Schlesien agierte.25 Damit war am Ende des 11. Jahrhunderts die Breslauer Burg, die urbs Wratislavia, zu einem der führenden Zentren des piastischen Reiches aufgestiegen. Gallus Anonymus zählte sie zu Beginn des 12. Jahrhunderts neben Krakau und Sandomir zu den „Hauptsitzen des Reiches“ (sedes regni principalis). Auch das große Gewicht, das der gleiche Chronist den Breslauer Burgleuten im Kontext jenes Konfliktes zuschrieb, der in den 1090er Jahren zwischen Herzog Władysław Herman bzw. seinem Pfalzgrafen Sieciech und den Herzogssöhnen Zbigniew und Bolesław III. ausbrach, bestätigt Breslaus damalige herausgehobene Bedeutung. Denn als die mit Sieciech unzufriedene Partei gegen diesen und damit Herzog Władysław opponierte und sich zu diesem Zweck zunächst des älteren Herzogssohnes Zbigniew, später auch Bolesławs III. bediente, waren es die Breslauer Großen (maiores et seniores civitates) und Graf Magnus, die Zbigniew in Breslau aufnahmen und „auf den Schild der Abwehr“ gegen den verhassten Sieciech hoben.26[<<23||24>>] Damit und durch ihre anschließende Unterstützung für beide Brüder im Kampf gegen ihren Vater trugen die Breslauer (Wratislavienses) tatsächlich nicht wenig dazu bei, dass der Pfalzgraf nach einigem Hin und Her letztlich gestürzt wurde.
Ein Breslauer Großer – der Pfalzgraf Petrus
Wer waren die von Gallus Anonymus erwähnten Breslauer Großen und Vornehmen, die maiores et seniores civitates, die neben dem Grafen Magnus in der Burgstadt und der Provinz das Sagen hatten? Die Frage rührt an ein altes Problem der polnischen Mediävistik, nämlich den Ursprung des polnischen Adels. War die Schicht der politisch und wirtschaftlich Bevorrechtigten ein uraltes, in vorpiastische Stammeszeiten zurückreichendes Phänomen oder eine jüngere sozialgeschichtliche Erscheinung, die sich erst mit der Ausgestaltung der monarchischen Herrschaft herausgebildet hat? Diese Frage wird nach wie vor kontrovers diskutiert und ist angesichts der Quellenlage nur schwer definitiv zu beantworten. Der Breslauer Graf Magnus war einer der ersten namentlich bekannten Vertreter dieser Schicht und der Bericht des Gallus Anonymus über die mit ihm am Ende des 11. Jahrhunderts gemeinsam agierenden Breslauer Großen eines der frühestens Zeugnisse für die Position und Rolle, die diese Personengruppe eingenommen hat. Ausführlicher berichten die Quellen erst für das 12. Jahrhundert und auch für diese Zeit ist es zunächst ein Breslauer Großer, über den wir die vergleichsweise größte Kenntnis gewinnen.
Diesen Großen nennen die zeitgenössischen Quellen Petrus. Der heutigen polnischen Forschung ist er als Piotr Włostowic, der deutschen als Peter Wlast bekannt.27 Sein Titel (comes) weist ihn – wie zuvor den Magnus – als einen herzoglichen Amtsträger aus. Tatsächlich dürfte Petrus früh zu den engsten Beratern Herzog Bolesławs III. gehört haben. Die 1159 verfasste Vita Ottos von Bamberg aus der Feder des Mönches Herbord lobt ihn als „Heerführer, einen Mann von scharfem Verstand und tapfer in seiner Kraft, bei dem es zweifelhaft ist, ob er bedeutender bei den Waffen oder im Rat war.“28 Auch Magister Vincentius porträtierte Petrus gut vier Jahrzehnte nach dessen Tod – er starb um 1153 – als einen überaus weisen und tapferen Mann, der im Rat des Herzogs eine führende Rolle spielte.29 Wie sich diese [<<24||25>>] Nähe und Treue in konkreten Handlungen ausdrückte, zeigt die Erzählung von der Entführung des Fürsten Volodar Rostislavič. Folgen wir den zeitnahen Quellen des 12. Jahrhunderts, so beriet sich Herzog Bolesław III., als sich im zweiten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts ein erneuter Konflikt mit dem Fürsten von Przemyśl anbahnte, mit seinen Amtsträgern und Großen darüber, wie diesem Konflikt mit dem rus’ischen Teilfürsten am besten begegnet werden könnte. Dabei habe Petrus als einer der einflussreichsten Ratgeber des Herzogs vor einem Mehrfrontenkampf gewarnt, da er fürchtete, dass Volodar nicht nur die Polovcer, sondern auch die Pomoranen und Pruzzen gegen die Polen ins Feld führen könnte. „Deshalb habe ich in meinem Kopf – so die Worte, die Herbord Petrus bei dieser Gelegenheit in den Mund legte – einen Plan entwickelt, die Rus’ besser durch eine List zu überwinden.“30 Der Herzog und die übrigen Großen akzeptierten diesen Plan, woraufhin Petrus mit dreißig Getreuen zu Volodar zog, sich dort als politischer Flüchtling ausgab, sein Vertrauen gewann und ihn anschließend – das gewonnene Vertrauen missbrauchend – nach Polen entführte, um für die Freilassung des Entführten einen Friedensschluss und enorme Beute zu erpressen. Aus der Rus’ bzw. Przemyśl habe Petrus, wie die Zwiefalter Chronik berichtet, auch seine Ehefrau Maria, eine mit dem byzantinischen Kaisergeschlecht der Komnenen verwandte Rurikidin, mit nach Polen gebracht.31
Nach dem Tod Bolesławs III. wendete sich das Schicksal des kühnen Mannes zunächst. Władysław II., der als ältester Sohn des Bolesław 1138 die Oberherrschaft erhalten hatte, das Reich aber mit seinen Brüdern teilen musste, gab sich mit dem Seniorat nicht zufrieden, strebte vielmehr bald nach der Alleinherrschaft. Dabei fürchtete er offenbar, dass sich Petrus, den er im Amt des Pfalzgrafen belassen hatte und der auf dieser Basis unterdessen seine Stellung in Breslau weiter ausbaute, auf die Seite der jüngeren Brüder stellen könnte. Noch zu Weihnachten 1144 trat Petrus in Vertretung Władysławs in Magdeburg vor König Konrad III. als princeps Poloniae auf.32 Wenig später aber ließ ihn der Herzog – wie eine Kiever Chronik berichtet – blenden und vertreiben.33 Doch wurde der Senior schon 1146 selber von den jüngeren Brüdern und den vom Schicksal des Petrus wohl aufgeschreckten Großen des Reiches vertrieben und sein nächst jüngerer Bruder, Bolesław IV. Kraushaar, zum Senior erhoben. Dieser muss [<<25||26>>] Petrus rasch rehabilitiert haben, wird er in einer Urkunde von 1149/50 doch erneut als Inhaber des Pfalzgrafenamtes, das heißt als der nach dem Herzog zweitmächtigste Mann des Reiches ausgewiesen.34 Auch hier findet die Charakterisierung des Vincentius eine Bestätigung, dass Petrus dem Herzog von allen Großen des Reiches zeitweise am nächsten gestanden habe. Vincentius hob auch die hohe Verwandtschaft des Petrus hervor. Ob er damit die elterliche Herkunft – manche Historiker sehen in Petrus einen Nachkommen jenes sleenzanischen Kleinfürsten, der im 10. Jahrhundert seinen Sitz auf der Oderinsel gehabt haben soll – oder die Eheschließung des Petrus mit der Tochter eines rus’ischen Fürsten bzw. die Verheiratung seiner eigenen Tochter Agapia/Agatha mit einem Fürsten namens Jaxa (von Köpenick?), gemeint hat, bleibt offen. Einen Elternteil spricht Vincentius insofern an, als er dem Namen Petrus das Patronymikon Vlostides anhängt, womit er wohl auf den Vater – einen Mann namens Vlost/Vlast – verwies. Dieser könnte mit jenem comes Wlaz identisch gewesen sein, der dem Breslauer Bischof im ausgehenden 11. Jahrhundert drei Dörfer schenkte.35 Eine Urkunde von 1139/1149 nennt eine comitissa Vlostonissa; sie dürfte die Ehefrau des Vlost und Mutter des Petrus gewesen sein.36 Als Angehörige der Sippe der Vlostiden sind schließlich auch ein cognatus Ceseborius und ein frater Boguslaus belegt.37
Sie alle traten als kirchliche Wohltäter auf. Doch reichten ihre frommen Werke bei Weitem nicht an die Kirchen- und Klosterstiftungen des Petrus selbst heran. Schon die mittelalterlichen Quellen haben ihm eine geradezu gewaltige Stiftungstätigkeit zugeschrieben. Über 70 bzw. 77 Kirchen und Klöstern soll er – vermeintlich zur Buße für seine Verbrechen (darunter die Entführung des Volodar) und auf Geheiß des Papstes oder der polnischen Bischöfe – errichtet und reich ausgestattet haben. Die Großpolnische Chronik aus dem ausgehenden 13. bzw. 14. Jahrhundert nennt sieben Klosterstiftungen auch namentlich: das Marienkloster der Regularkanoniker auf der Breslauer Sandinsel, das Vinzenzkloster auf dem Breslauer Elbing, je eine Abtei in Czerwińsk und Sulejów, ein Kloster in Strzelno, eine Laurentius-Präpositur bei Kalisch und eine weitere in Mstów.38 Jan Długosz schrieb dem Petrus im 15. Jahrhundert schließlich insgesamt 45 Kloster- und Kirchenstiftungen namentlich zu.39 Was all diesen – zweifellos vom Topos der heiligen Zahl beziehungsweise oder [<<26||27>>] von späteren Ausschmückungen geprägten – Angaben gemeinsam ist, ist die Erinnerung an eine offenbar ganz außergewöhnliche Stiftertätigkeit des Breslauer Großen.
Abb. 1 Stiftungstympanon der Marienkirche auf der Breslauer Sandinsel. Das in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstandene, noch heute im rechten Seitenschiff des im 14. Jahrhunderts errichteten Nachfolgebaus vorhandene Tympanon stellt die Ehefrau von Petrus Vlostides Maria (links) und ihren Sohn Świętosław (rechts) als Stifter dar
Die Urkunden des 12. Jahrhunderts bezeichnen Petrus nur für zwei kirchliche Einrichtungen explizit als fundator, nämlich zum einen für eine Kapelle auf dem Breslauer Elbing und zum anderen für das der Jungfrau Maria geweihte Benediktinerkloster ebenda, das spätere Vinzenzstift, dessen Anfänge von der Forschung in die zweite Hälfte der 1120er Jahre datiert werden und für das auch die Zwiefalter Chronik den Pfalzgrafen Petrus als Stifter ausweist.40 Umstritten ist dagegen, ob auch die Gründung eines zweiten Breslauer Marienklosters, jenes der Augustinerchorherren auf der Sandinsel, unmittelbar auf Petrus zurückgeht. Unsichere urkundliche Hinweise und die Tradition des Klosters selbst deuten daraufhin, dass es ursprünglich – möglicherweise auf Initiative von Petrus’ Vater Vlost, vielleicht aber auch von diesem selbst – zunächst auf dem Zobtenberg angesiedelt und erst später auf die Breslauer Sandinsel verlegt worden ist. Die bereits zitierte Urkunde von 1149/1150 berichtet davon, dass der Breslauer Bischof Walter auf Bitten des Petrus zwei Marienkirchen, einer auf der Breslauer Sandinsel und einer auf dem Zobtenberg, den Zehnten von neun [<<27||28>>] Dörfern übertrug. Schließlich benennt die Inschrift eines aus der ältesten, nicht erhaltenen steinernen Klosterkirche des Sandstifts überlieferten Tympanons (Abb. 1) die Ehefrau und den Sohn des Petrus, Maria und Świętosław, als Stifter dieses Kirchenbaus. Daher ist nicht auszuschließen, dass auch der Ehemann und Vater selbst bereits an der Gründung und Erstausstattung dieses Klosters auf der Breslauer Sandinsel und möglicherweise auch seines Vorgängers auf dem Zobtenberg beteiligt war.
Die Stiftungen des Petrus, deren Umfang und Qualität augenscheinlich all das beträchtlich übertrafen, was andere Große damals als Stifter zu realisieren vermochten, sollten ihm und seiner Familie in erster Linie geistlichen Schutz, Gnade und ein geistliches Andenken (memoria) gewähren und damit das Seelenheil im Jenseits sichern. Angesichts der herausgehobenen Stellung, die Petrus einnahm, mag er mit seinen Stiftungen jedoch auch den Gedanken verfolgt haben, sein Breslauer Aktionszentrum aufzuwerten, symbolisch zu erhöhen und auf diese Weise zu festigen. Hierzu passt sehr gut die Nachricht, dass er mit Fürsprache König Konrads III. beim Magdeburger Erzbischof die Reliquien des hl. Vincentius erwarb, die er am 6. Juni 1145 im Beisein der schlesischen Großen (terre illius primates) feierlich in sein Hauskloster auf dem Breslauer Elbing überführen ließ. Dieser symbolische Akt war zweifellos auch eine eindrucksvolle Demonstration seiner weltlichen Stellung. Im Übrigen blieb sein kirchliches Engagement nicht auf die Errichtung und Ausstattung einzelner Kirchen und Klöster beschränkt. Vielmehr trat Petrus – so die Magdeburger Annalen – ganz allgemein als „ehrfürchtigster Anhänger der christlichen Religion“ hervor, der den hl. Vincentius wohl nicht nur aus politischem Kalkül, sondern auch, wie es in den Magdeburger Annalen weiter heißt, zur Verbreitung des katholischen Glaubens innerhalb seines Machtbereichs nach Breslau hat überführen lassen.41 Als eifriger Verfechter der römisch-katholischen Religion trat er schließlich auch in einem Brief auf, den er gemeinsam mit dem Krakauer Bischof Matthäus 1143–1145 an Bernhard von Clairvaux richtete, in dem über Möglichkeiten einer Bekehrung der orthodoxen Rus’ informiert und der berühmte Abt der Zisterzienser und Propagandist der Kreuzzüge zu einem Besuch Polens eingeladen wurde.42[<<28||29>>]
Polyzentrische Frühstadt
Große wie Petrus haben die Breslauer Burgstadt bis in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts hinein geprägt. Die Piasten waren zunächst wenig präsent, sodass der herzogliche Burgsitz, in dem noch vor Mitte des 12. Jahrhunderts eine Martinskirche entstand, die 1149 dem Vinzenzkloster übergeben wurde, bescheiden blieb. Der weitere Ausbau der Siedlung einschließlich ihrer kirchlichen und ökonomischen Infrastruktur lag daher vor allem in den Händen der geistlichen und weltlichen Großen. Letztere verfügten über einen erheblichen Teil des Breslauer Siedlungsgebietes zu beiden Seiten der Oder und etablierten ihre Gehöfte (curiae) und die von ihnen gestifteten Kirchen und Klöster an handelsstrategisch wichtigen Punkten, und zwar: 1. auf dem linken Oderufer im Bereich der Kreuzung des aus dem Reich über Kleinpolen in die Rus’ führenden West-Ost-Handelsweges mit der aus Böhmen kommenden Süd-Nord-Verbindung; 2. auf der Sandinsel, die eine entscheidende Stütze für die Oderüberquerung und daher ein idealer Kontroll- und Zollpunkt war; schließlich 3. auf dem Elbing, auf dem sich die Süd-Nord-Route in einen nach Großpolen und einen nach Kujawien und Masowien weiterführenden Weg gabelte.
Der nördlich der Dominsel gelegene Elbing war ein Werder, der von Seitenarmen der Oder umspült wurde und eine west-östliche Ausdehnung von etwa 3,5 km besaß. Er war, wie vereinzelte Relikte von Grubenhäusern zeigen, schon im 8. Jahrhundert sporadisch bewohnt, dauerhaft aber erst seit dem 11. Jahrhundert besiedelt.43 In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts befand er sich größtenteils im Besitz des comes Petrus, der in seinem östlichen Teil einen „ziemlich gut befestigten Hof“ (curiam satis bene munitam) unterhielt.44 In dessen Nähe muss im frühen 12., vielleicht noch im 11. Jahrhundert eine Michaelskapelle errichtet worden sein, die als Pfarrkirche einer Bevölkerung diente, deren agrarisch geprägte, aus 7–16 m² großen ebenerdigen oder eingetieften Wohn- und Wirtschaftsbauten bestehende Siedlung archäologisch bezeugt ist. Sie erstreckte sich auf einer leichten, überschwemmungsfreien Anhöhe, auf der in den 1120er–1130er Jahren das Kloster der hl. Jungfrau Maria errichtet wurde (das nach der Reliquien-Überführung von 1145 auch das Patrozinium des hl. Vinzenz trug). Für das Kloster wurden die ältere Siedlung eingeebnet und deren Bewohner offenbar umgesiedelt, was ein weiterer Beleg dafür sein dürfte, [<<29||30>>] dass das Gelände dem Klosterstifter, dem comes Petrus, gehörte und die auf ihm lebende Bevölkerung von ihm abhängig war.
Das Kloster, in das Benediktiner aus Tyniec bei Krakau einzogen, erhielt von Anfang an eine steinerne Abteikirche, während die übrigen Klosterbauten zunächst aus Holz errichtet wurden.45 Der dreischiffige, querhauslose romanische Bau ist 1529 zusammen mit den übrigen Klostergebäuden im Rahmen von Verteidigungsmaßnahmen abgerissen worden. Aus seiner ältesten Bauphase sind lediglich einzelne sekundär verbaute Säulenkapitelle aus Granit und zwei Sandsteinreliefs mit Heiligen- beziehungsweise Bischofsporträts überliefert, die sich heute im Breslauer Nationalmuseum befinden. Dagegen stammt jenes prächtige Portal, das einst wohl in den Kreuzgang führte und das der Stadtrat beim Abriss retten ließ, weshalb es noch heute in der Südfassade der Maria-Magdalena-Kirche zu bewundern ist, erst aus einer späteren Ausbauphase beziehungsweise dem ausgehenden 12. Jahrhundert.46 In situ haben Archäologen erst in den 1980er Jahren weitere Überreste der Abtei untersuchen können.47 Dabei haben sie in Gestalt eines Negativabdrucks im Boden einen Teil der Südwand der Klosterkirche, Spuren der romanischen Baustelle und Relikte einer Buntmetallgießerei sowie zwei in den Boden eingetiefte Pfosten-Flechtwerkbauten aufgedeckt. Letztere werden als Überreste einer Wohnbebauung gedeutet, die bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts von den am Klosterbau beschäftigten Arbeitern genutzt und anschließend von einem Friedhof überlagert wurden, auf dem neben den Laienangehörigen des Klosters (Konversen) auch Mitglieder der vom Kloster betreuten Elbinger Pfarre bestattet wurden. Die Baustelle selbst begegnete als eine Fläche, auf der – wie eine große Zahl von Steinsplittern und Bruchstücken zeigen – mit Preller und Spitzeisen Steine bearbeitet wurden. Da größere Steinbrocken fehlten, nehmen die Archäologen an, dass die Erstbearbeitung des Granit- und Sandsteinmaterials bereits in den Steinbrüchen erfolgte. Steinanalysen deuten darauf hin, dass der Granit vom Südhang des Zobtenberges, der Sandstein aus der Gegend um Goldberg und Bunzlau herbeigeschafft wurde. Neben der Steinbearbeitungsfläche wurden die Überreste dreier Kalkbrennöfen ermittelt, in denen hauptsächlich Triaskalkstein aus der Gegend von Oppeln verwendet wurde. Die in zwei der drei Öfen verwendeten Ziegel [<<30||31>>] wiesen ähnliche Formate wie byzantinisch-altrussische Ziegel auf. Diese Analogie und gewisse Konstruktionsähnlichkeiten zu Brennöfen, die in Kiew ausgegraben worden sind, lassen die Archäologen vermuten, dass ein Teil der am Abteibau beschäftigten Bauleute möglicherweise aus der Rus’ herbeigeholt worden sein könnte – eine Vermutung, die angesichts der rus’ischen Ehefrau des Petrus nicht gänzlich abwegig erscheinen mag. In der ermittelten Gießerwerkstatt scheinen, wohl von den Mönchen selber, diverse metallene Ausstattungs- und Gebrauchsgegenstände für den Kirchen- und Klosterbedarf hergestellt worden zu sein.
Im westlichen Teil des Werders lag das Gehöft eines Großen namens Mikora, das dieser in den 1170er Jahren dem Zisterzienserkloster Leubus schenkte.48 Zu seinen Besitzungen auf dem Elbing gehörten auch Fleischbänke und Fischteiche, aus denen er hohe Einkünfte erzielte (auch wenn die Deutung, dass allein seine Fleischbänke jährlich 54 Mark, also fast das zweifache dessen, was mitunter für ein ganzes Dorf samt Kirche gezahlt wurde, abgeworfen haben sollen, weniger überzeugt 49). Auch das Vinzenzkloster verfügte über verschiedene Handelseinrichtungen. Für die Mitte des 12. Jahrhunderts ist bei ihm ein Jahrmarkt urkundlich belegt, der nach einer Urkunde Heinrichs I. von 1232 an der Klosterkirche (ante atrium ecclesie) jeweils acht Tage lang anlässlich des Namenstages des Klosterpatrons abgehalten wurde.50 Daneben scheint es in der Nähe des Klosters Fischteiche, Fleischbänke sowie eine Taverne gegeben zu haben. Zwar konnten auf dem Elbing – im Unterschied zur Dominsel – bislang keine Kaufmannswaagen und Gewichte gefunden werden, doch besteht angesichts der übrigen Zeugnisse kein Zweifel daran, dass hier einer der Handelsplätze des frühstädtischen Breslau lag. Er verlor erst seit dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts seine Bedeutung, insbesondere nachdem das Vinzenzkloster 1232 in einem Tauschgeschäft mit dem Herzog auf sein Marktprivileg verzichtet hatte.
Südlich an den Werder schloss sich die Sandinsel an, deren Funktion in erster Linie in der Sicherung und Kontrolle des Oderübergangs bestand. Der Übergang dürfte hier zum Teil über eine Holzbrücke geführt haben und mit einer Zollstelle versehen gewesen sein. Hier lag zweifellos ein neuralgischer Punkt der frühstädtischen Siedlung, sodass nicht verwundert, dass die Familie des Grafen Petrus ausgerechnet hier um die Mitte [<<31||32>>] des 12. Jahrhunderts das zweite große Breslauer Kloster errichten ließ.51 Dieses mit Augustinerchorherren besetzte Marienstift betrieb ebenfalls eine Taverne, die jedoch bereits auf dem linken Oderufer am Rande der dort entstehenden Siedlung unmittelbar neben dem Oderübergang lag und an die ein Heilig-Geist-Hospital anknüpfte, das 1214 vom Abt des Stiftes Witosław unter Beteiligung Heinrichs I. gegründet und von den Chorherren betreut wurde.52
Die sich hier andeutende Verlagerung der Handelsaktivitäten vom rechtsufrigen Elbing auf das linke Oderufer war nicht das Werk der Breslauer Großen. Diese verloren vielmehr in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts zunehmend an Einfluss und wurden auch besitzlich mehr und mehr zurückgedrängt. Es waren die Herzöge Bolesław der Lange und sein Sohn Heinrich I. der Bärtige, die seit dem letzten Drittel des 12. Jahrhundert das Heft in die Hand nahmen und der Breslauer Siedlung entscheidende neue Entwicklungsimpulse verliehen.53 Bolesław der Lange war nach langen Jahren des Exils, in denen er auch jenseits des Reiches einiges von der damaligen Welt gesehen hatte, 1163 nach Schlesien zurückgekehrt. Kaiser Friedrich Barbarossa hatte den piastischen Senior Bolesław IV. Kraushaar letztlich gezwungen, dem Sohn seines vertriebenen, 1159 im Altenburger Exil gestorbenen Bruders Władysław II. das schlesische Teilfürstentum zu überlassen. Als Bolesław der Lange um 1166 dem Onkel schließlich auch Breslau entrissen hatte, müssen die drei steinernen, allesamt nichtherzoglichen Monumentalbauten – die Kathedrale des Walter von Malonne, das Vinzenkloster und das Sandstift des Pfalzgrafen Petrus, prächtig ausgestattete Bauten, deren Errichtung mit jeweils zwischen 50.000 und 100.000 Mark riesige Summen verschlungen haben 54 und die sich imponierend über die bescheidene Holzbebauung der herzoglichen Burg erhoben – eine gewaltige Herausforderung für seinen Ehrgeiz dargestellt haben. Dieser Ehrgeiz zielte zwar noch eine Weile auch auf die mit Krakau verknüpfte piastische Oberherrschaft, ließ sie aber bald aus dem Auge und konzentrierte sich seit Mitte der 1170er Jahre ganz und gar auf Schlesien. Hier brachte Bolesław seinen Herrschaftsanspruch zunächst mit der Stiftung des Klosters Leubus symbolisch zum Ausdruck, schritt aber offenbar sehr bald auch an den Ausbau seiner Residenz auf der Breslauer Dominsel.
[<<32||33>>] Zwar ist sich die Forschung über Deutung und Datierung des entsprechenden, mehrfach untersuchten archäologischen Befundes nicht völlig einig. Doch scheint die Umgestaltung der Burg zu einem steinernen Bauensemble bereits von Bolesław dem Langen initiiert worden zu sein. Bis ins erste Viertel des 13. Jahrhunderts hinein wurde das Burgareal durch Einebnung eines Teils der Burgwälle erweitert und mit einem rechteckigen, etwa 14 x 15 m großen Palatium, einem Donjon von 21 m Innendurchmesser, einer Burgkapelle, einem Badehaus, einer Küche und einer Ofenanlage ausgestattet. Das hölzerne Deckengebälk des Donjon wurde von einem 2 m dicken Mittelpfeiler gestützt, dessen Ziegel in Form und Ausführung jenen ähnelten, die beim Leubuser Klosterbau verwendet wurden (Farbtafel 3). Das kann als ein weiteres Indiz dafür angesehen werden, dass dem steinernen Burgensemble, das während des 13. Jahrhunderts noch weiter ausgebaut und modernisiert wurde, tatsächlich auf die Initiative des Leubuser Klosterstifters, Bolesławs des Langen, zurückgegangen sein dürfte.55
So gewann der Herzog gegenüber den Großen allmählich die Oberhand und bestimmte mehr und mehr den weiteren Siedlungsausbau. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts besaß er Zugriff auf die großen Klöster und damit auch auf die von ihnen betriebenen Handelseinrichtungen. Im Vinzenzkloster tauschte er die Benediktiner gegen Angehörige des neuen Ordens der Prämonstratenser aus und leitete auch sonst Veränderungen, nicht zuletzt in den Besitzverhältnissen, ein, an die sein Nachfolger, Heinrich I. der Bärtige, in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts anknüpfen konnte. Diese Veränderungen schlugen sich insbesondere auf dem linken Oderufer nieder.
Die sich etwas höher als die Oderinseln über das Flussniveau erhebende sandige Terrasse links der Oder ist stellenweise bereits im 11. Jahrhundert genutzt worden.56 Neben einzelnen Höfen von Großen entwickelten sich hier an mehreren Punkten entlang der Fernhandelswege offene Händler- und Handwerkersiedlungen, die in den archäologischen und schriftlichen Quellen allerdings erst für das 12. Jahrhundert deutlicher erkennbar werden. Die erste Siedlung erstreckte sich vom Oderübergang südlich der Sandinsel etwa 300 m nach Westen und 400 m nach Süden. In ihr war – wohl nahe der Oder – ein Markt etabliert, der zum Jahr 1208 erstmals als forum Vratizlaviensis bezeugt ist.57[<<33||34>>]
Abb. 2 Breslau im 12. Jahrhundert 1 – Burg mit Burgkapelle, 2 – Kathedrale St. Johannes, 3 – Augustinerabtei mit Kirche Unsere Liebe Frau, 4 – Norbertinerabtei mit St. Vinzenz, 5 – St. Michaelis, 6 St. Petri, 7 – St. Adalbert, 8 – St. Maria von Ägypten, 9 – St. Mauritius, 10 – St. Nikolai, 11 – Elbinger Jahrmarkt vor der St. Vinzenz-Kirche, 12 – Markt in der Siedlung am linken Oderufer, 13 – Hof der Familie Włostowic, 14 – Hof des Mikora, 15 – Hof des Gerung, 16 – Siedlung ad sanctum Adalbertum, 17 – jüdische Siedlung, 18 – wallonische Siedlung, 19 – Nabitin-Taverne, 20 – Birvechnik-Taverne, 21 – Taverne ad finem pontis, 22 – Taverne des Augustinerklosters
Die Bebauung der Siedlung bestand aus eingetieften und ebenerdigen Wohn- und Werkstätten in Pfosten- und Blockbaukonstruktion, in denen Spuren von Buntmetall-, Eisen-, Knochen- und Geweih-, aber auch von Glas- und Lederverarbeitung nachgewiesen wurden. Südlich schloss sich ein schwach belegtes Gräberfeld an, dessen älteste Bestattungen ins 11. Jahrhundert datieren und das bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts benutzt wurde. Am südöstlichen Rand der Siedlung lag die zum Jahr 1148 erstmals urkundlich erwähnte St. Adalbert-Kirche; sie wurde kurz darauf vom Bruder des Pfalzgrafen Petrus, Bogusław, dem Kloster auf der Sandinsel geschenkt.58 Die Adalbert-Kirche blieb zunächst die einzige Pfarrkirche der linksufrigen Siedlung, die noch zu Beginn des 13. Jahrhunderts als Siedlung ad sanctum Adalbertum in Wratzlau bezeichnet wurde.59 Mit ihrer [<<34||35>>] Belebung kamen weitere Kirchen hinzu. In ihrer südwestlichen Erweiterung, die bald das ältere Gräberfeld überlagerte, entstand um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert – vielleicht noch auf Initiative Bolesław des Langen – die Maria-Magdalena-Kirche. Sie könnte einer ersten, noch sehr kleinen Gemeinschaft deutschsprachiger Zuwanderer (hospites) gedient haben, doch ist über ihre frühe Geschichte nichts weiter bekannt. Im Untergrund der heutigen gotischen Kirche aufgedeckte Überreste eines romanischen Vorgängerbaus werden in das erste Viertel des 13. Jahrhunderts datiert.60 Sehr wahrscheinlich wurden ihr 1226 die Pfarrrechte der Adalbert-Kirche übertragen, die ihrerseits den im gleichen Jahr aus Krakau nach Breslau gekommenen Dominikanern übergeben wurde.61 Die recht frühe Niederlassung dieses erst wenige Jahre zuvor entstandenen Bettelordens kann zweifellos als ein weiteres Indiz für eine beschleunigte Entwicklung des linksufrigen Siedlungsteils gedeutet werden.
Nordwestlich, nahe der Oder und am nach Westen führenden Handelsweg schloss sich an den alten Siedlungskern, wie spätere schriftliche Quellen und gewisse archäologische Hinweise nahelegen, eine Niederlassung jüdischer Kaufleute an. Dass es sich auch hier bereits um eine kleine Gemeinschaft gehandelt hat, bezeugen Grabsteine eines im 14. Jahrhundert zerstörten jüdischen Friedhofs, deren ältester ins Jahr 1203 datiert und den Tod eines David beklagt, der eine „angenehme Stimme“ (kol naim) gehabt habe, also möglicherweise als Kantor fungierte.62 Ein dritter Siedlungsteil auf dem linken Oderufer entstand etwa 300 bis 400 m östlich der Adalbert-Kirche entlang des nach Osten führenden Handelswegs. Hier ließen sich wallonische Händler und Wollweber nieder, die sicher nicht direkt – wie einst Colmar Grünhagen meinte – von der Mosel, sondern aus Sachsen oder der Lausitz an die Oder gekommen waren. Sie wurden vom Herzog mit entsprechenden Gast-Rechten und herzoglichem Boden ausgestattet und gründeten einen vicus beati Mauricii, der in späteren Quellen auch als platea Gallica beziehungsweise Romanorum bezeichnet wurde.63 Ihr Zentrum war die Mauritius-Kirche, die indirekt erstmals zum Jahr 1226, unmittelbar dann zum Jahr 1234 bezeugt ist.64 Auch die ältesten archäologischen Siedlungsbelege stammen aus dem beginnenden 13. Jahrhundert, sodass die ältere Annahme, die Ansiedlung der Wallonen sei bereits in der Mitte des 12. Jahrhunderts auf Veranlassung des selbst aus [<<35||36>>] der Diözese Lüttich stammenden Bischofs Walter von Malonne erfolgt, fallen gelassen werden muss.65
Ein weiterer zunächst separater Siedlungsteil lag rund 250 m südlich der Adalbert-Kirche. Er ist lediglich archäologisch nachgewiesen; seinen Mittelpunkt dürfte die – allerdings erst für die 1260er Jahre in den Schriftquellen belegte 66 – Kirche der hl. Maria von Ägypten gebildet haben. Das im piastischen Polen ungebräuchliche Patrozinium scheint darauf hinzudeuten, dass sich auch um diese Kirche herum eine Gruppe fremder hospites angesiedelt haben dürfte. In einiger Entfernung, knapp 2 km westlich der Adalbert-Kirche lag schließlich eine Nikolai-Kirche, die bereits für 1175 als Eigentum des Klosters Leubus bezeugt ist, im 13. Jahrhundert aber in die Hände des Breslauer Bischofs gelangte.67 In ihrer Nähe, Nabitin bzw. „auf dem Feld“, bestand eine Taverne. Beide außerhalb der eigentlichen Siedlung gelegenen Einrichtungen dürften als Stützpunkte für durchreisende Fernhändler fungiert haben; weitere Siedlungsspuren liegen hier für das beginnende 13. Jahrhundert bislang nicht vor.
Bis in die ersten Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts hatte sich Breslaus Erscheinungsbild mithin erheblich gewandelt. War die urbs Wratislaviensis um die Mitte des 12. Jahrhunderts noch allein von der herzoglichen Burg und dem Bischofssitz auf der Dominsel, von den Höfen der Großen sowie den beiden mächtigen Klosteranlagen auf dem Elbing und der Sandinsel geprägt, so herrschte Heinrich I. der Bärtige, der 1201 seinem Vater nachfolgte, bereits in einer mehrgliedrigen, räumlich erheblich erweiterten Agglomeration. Deren neue Siedlungsteile auf dem linken Oderufer waren weitaus stärker als die älteren Siedlungsteile von (Fern-)Handel und Handwerk geprägt und zugleich in neuer Weise, wie ein entsprechender Wandel in der archäologisch fassbaren Sachkultur belegt, multiethnisch strukturiert. Zusammen mit den älteren Siedlungsteilen verliehen sie Breslau im ausgehenden 12., beginnenden 13. Jahrhundert einen typisch frühstädtischen Charakter. [<<36||37>>]
II. Herzogliche Lokationsstadt (1230er–1330er Jahre)
Der Ring
Das urbanistische Herz Breslaus ist der sogenannte Ring (Rynek). Seine Großzügigkeit und Klarheit beeindrucken seit dem Mittelalter. Dem heutigen Besucher präsentiert sich der etwa 207 x 172 m große Platz als ein einzigartiges topographisch-städtebauliches Dokument, das unmittelbar in die Zeit der Umwandlung Breslaus in eine herzogliche Gründungs- bzw. kommunale Rechtsstadt zurückführt. Zwar ist die Seiten- und Innenbebauung des nach Krakau zweitgrößten Stadtplatzes des östlichen Mitteleuropa jüngeren Datums und nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs größtenteils nicht im Original erhalten. Doch ist der Platz in seiner räumlichen Anlage seit der Mitte des 13. Jahrhunderts unverändert geblieben (Farbtafel 4). Wann genau er angelegt wurde, konnte bislang nicht eindeutig bestimmt werden.68 Die ältesten, sicher datierten archäologischen Befunde gehen bis in die 1220er–1240er Jahre zurück. Seine Vermessung und die Anlage der von ihm ausgehenden Straßen erfolgten in einer bewussten, planmäßigen Aktion, die man sich gleichwohl nicht als einen einmaligen punktuellen Akt, sondern als einen längeren, mehrere Etappen umfassenden Vorgang vorstellen muss. Für diese Aktion wurde knapp 100 m westlich der älteren, von der Maria-Magdalena-Kirche begrenzten Siedlung ein relativ flaches, gleichwohl hochwassergeschütztes, bis dahin weitgehend ungenutztes Gelände abgesteckt, dessen trockener Sandboden lediglich in seiner nordwestlichen Ecke geringfügig planiert werden musste.
Die von West nach Ost verlaufende Mittelachse des neuen Platzes wurde exakt auf die Längsachse der Maria-Magdalena-Kirche ausgerichtet und seine Nordsüdachse genau parallel zu deren Westfront angelegt. Von jeder Platzecke aus wurden im rechten Winkel zwei Straßen abgeführt, wobei sich in der Südostecke die von West nach Ost, aus dem Reich nach Krakau, und von Nord nach Süd, aus Großpolen nach Böhmen führenden Fernhandelswege kreuzten (Karte Innenklappe vorne). In der Mitte der nördlichen und [<<37||38>>] östlichen Platzseite gingen zusätzlich zwei weitere Straßen ab, sodass um den neu geschaffenen Platz herum zwischen den abgehenden Straßen zehn rechteckige Baublöcke entstanden. Hinter diesen schlossen sich weitere parallel geführte Straßen an, die ihrerseits eine zweite Reihe rechteckiger Baublöcke begrenzten. Am westlichen und nördlichen Rand des dergestalt vermessenen Terrains entstand – in einer späteren Etappe – jeweils noch eine dritte, teilweise schmalere Reihe von Baublöcken. Insgesamt wurden auf diese Weise um den Ring herum 32 rechteckige Baublöcke angelegt. Gegenüber der älteren, etwa 12 ha großen Siedlung, die sich vom linken Oderufer zwischen Adalbert- und Maria-Magdalena-Kirche nach Süden erstreckte, ergab sich damit (ohne den knapp 3,6 ha großen Ringplatz selbst) eine Ausbaufläche von rund 32 ha. Es handelte sich also um ein weitsichtiges Unternehmen, das der städtischen Expansion für längere Zeit genügend Entfaltungsraum bot.
Zwei der zehn unmittelbar am Ring gelegenen Baublöcke blieben ungeteilt: der jenseits der Südwestecke gelegene Block wurde als zusätzliche Marktfläche (Salzmarkt), der sich an die Nordwestecke anschließende Block für den Bau einer zweiten Pfarrkirche, der St. Elisabeth-Kirche, genutzt. Die übrigen Baublöcke wurde in möglichst gleichgroße, in der Regel 60 × 120 Fuß (= 18,78 × 37,56 m) messende Parzellen eingeteilt.69 Dadurch entstanden potenziell rund 270 Ur-Grundstücke, von denen 35 mit ihren schmalen Vorderfronten direkt auf den Ringplatz stießen (während die übrigen jeweils an eine Straße grenzten). Die Parzellen wurden in der Folge weiter unterteilt, sodass den Ring schon seit der Mitte des 14. Jahrhunderts dauerhaft 58 bis 61 Grundstücke säumten.70
Es waren die besonders prominent gelegenen Ringparzellen, die als erste bebaut wurden, wenngleich auch in einigen rückwärtigen Straßen archäologische und bauhistorische Spuren begegnen, die bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurückreichen. Doch ging der Ausbau langsam vonstatten; bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts waren erst 35 der damals 61 Ringplatzgrundstücke bebaut, während viele Parzellen der äußeren Baublöcke noch unberührt lagen. Die ersten Häuser waren hölzerne, mit Lehm verkleidete Ständer- oder Pfostenbauten, wie sie im Westen verbreitet waren; die für die frühstädtische Siedlung typischen Block- und Flechtwerkhäuser traten allenfalls noch als Hinterhäuser auf.71 Die an der Parzellenfront errichteten [<<38||39>>] Haupthäuser erreichten eine Grundfläche von 30–40 m², besaßen zumeist nur ein Erdgeschoss und erhielten allenfalls in der Ständerbauweise eine zweite Etage. In diesen Fällen diente das Erdgeschoss als Werkstatt und Lager, das über eine Außentreppe erreichbare, ofenbeheizte Obergeschoß als Wohnbereich. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts wurden die Holzhäuser zum Teil bereits durch gemauerte Ziegelsteinhäuser ersetzt. Relikte dieser ältesten Steinbebauung konnten bislang auf 19 Ringparzellen (jeweils 6 in der West- und Nordzeile, 5 in der Südzeile und 2 in der Ostzeile) ermittelt werden. Es handelt sich um Überreste ehemaliger Erdgeschosswände, Gewölbedecken und einzelne Architekturdetails, wie etwa die beiden romanischen Granitsäulen im Gebäude Ring 17, die einst die Gewölbedecke des Erdgeschosses stützten.
Durch die Ziegelbauweise wurde nicht nur die Brandsicherheit und Wehrhaftigkeit der Wohnhäuser erhöht, sondern auch ihre Nutzfläche vergrößert. So erreichten die ältesten gemauerten Häuser ein Grundmaß von 56 (Ring 59) bis über 200 m² (Ring 7). Zudem konnten sie höher gebaut werden und wiesen in der Regel zwei Geschosse auf, wobei die Dächer offenbar zunächst flach gehalten waren. Für ein Haus (Ring 48/49) konnte ein Abschluss in Gestalt eines Zinnenkranzes, für ein anderes (Ring 33) die Form eines Wohnturmes ermittelt werden. Die Obergeschosse wurden durch Kamine, Kachelöfen oder hypokaustische Anlagen beheizt, wie sie von Fürsten- und Klosterhöfen bekannt waren. Auch die Küchen lagen wie bei letzteren außerhalb des Hauptgebäudes auf dem Hinterhof. Die ersten Breslauer steinernen Wohnhäuser scheinen sich also an herzoglichen und klösterlichen Ziegelgebäuden orientiert zu haben, so wie sie gleichzeitig von den Erfahrungen der örtlichen Kirchenbauhütten profitiert haben dürften.72 Wie die Kirchenbauten ragten sie aus dem Grau der Holz-Lehmbebauung der Nachbarhäuser mit ihren roten Ziegelwänden hervor, die auch im Innern so belassen wurden, wobei man die Fugen offenbar mit weißer Kalkfarbe betonte und neben Fensteröffnungen auch Wandnischen für die abendliche Kerzenbeleuchtung anbrachte.
Die zunächst nur ein- bis zweikammrigen Häuser grenzten giebel- oder traufständig unmittelbar an den Ringplatz, nahmen aber anfangs nicht die gesamte Grundstücksbreite ein. Erst allmählich wurden die Gebäude größer und durchgängig zwei- bis dreigeschossig. Eine besonders intensive [<<39||40>>] Bauphase fiel in das letzte Drittel des 14. Jahrhunderts, nachdem der Stadtrat 1363 in Reaktion auf wiederholte Stadtbrände beschlossen hatte, dass neue Häuser nur noch in Stein und Ziegel errichtet werden sollten.73 Die neuen ‚gotischen Häuser‘ erhielten steile, ihrerseits meist in zwei Dachböden unterteilte Giebeldächer, mehrere Trakte und eine dekorative Fassadengestaltung (Farbtafel 5). Sie nahmen bald die gesamte Grundstücksfront ein und füllten mit ihren rückwärtigen Nebenflügeln mehr und mehr auch den hinteren Grundstücksbereich aus. Dennoch scheint es noch bis ins 15. Jahrhundert hinein gedauert zu haben, bis alle vier Seiten des Ringplatzes von einer lückenlosen Zeilenbebauung umschlossen waren.
Abb. 3 Rekonstruktion der ältesten Wohnbebauung (13. Jahrhundert) in der westlichen Häuserzeile am Ring
Auf dem geräumigen Platz selbst entstanden seit der Mitte des 13. Jahrhunderts neue, zentrale Handelseinrichtungen.74 Im Zentrum, wenn auch nicht ganz mittig, vielmehr leicht ins südöstliche Platzviertel verschoben und gegenüber der Platzachse etwas abgeschrägt wurde eine Kaufhalle errichtet. Sie bestand aus zwei Reihen von je 21 ziegelgemauerten Verkaufsräumen.75[<<40||41>>] Nördlich vorgelagert wurden ihr die sogenannten Reichkrame, zwei Reihen mit je 24 hölzernen, später ebenfalls gemauerten Verkaufsständen. Zusätzliche hölzerne Verkaufsbuden wurden parallel zur östlichen, westlichen und nördlichen Ringzeile etwa 6 m vor deren Baufluchten aufgestellt. Die Wege entlang der Verkaufsstände wurden mit Steinen gepflastert und der Platz nach und nach mit Sand, Ziegelschutt oder Holzbohlen befestigt. Sein Niveau stieg durch beständige Dung- und Müllablagerungen und das regelmäßige Auftragen sauberer Sandschichten rasch (insgesamt um rund 3 m) an, ehe es sich im 15. Jahrhundert mit dem Abschluss der Seiten- und Innenbebauung dauerhaft stabilisierte. Westlich der Kaufhalle schloss sich die (seit 1273 schriftlich belegte) Stadtwaage und südöstlich der älteste Teil des späteren Rathauses an. Dieser bestand aus einer rechteckigen, zweischiffigen Halle, die mit einer waagerechten Holzbalkendecke abgeschlossen wurde und deren Grundgestalt noch in der sogenannten Bürgerhalle im Erdgeschoss des heutigen Rathausgebäudes erkennbar ist. An der Nordwestseite des 26 m langen, knapp 14 m breiten Ziegelsteinbaus wurde gleichzeitig ein quadratischer, fast 8 m breiter Turm aufgeführt. Halle und Turm zusammen bildeten das sogenannte consistorium, für dessen Errichtung nach Ausweis des ältesten Breslauer Rechnungsbuches 1299 zwei Bauleute, die Meister Martin und Alberich, einen erheblichen Geldbetrag erhielten.76 Das consistorium diente noch nicht als Rathaus im eigentlichen Sinn, sondern war die Versammlungsstätte für das Gericht des Erbvogts und das sogenannte Burding, die allgemeine Bürgerversammlung, die vom Rat durch das Geläut der im Turm aufgehängten Glocke einberufen wurde. Der Rat selbst hielt seine Sitzungen damals noch in einem Privathaus am Ring ab, jedenfalls wurde das Wohnhaus Ring 30 zu Beginn des 14. Jahrhunderts als „das alte Rathaus“ bezeichnet. Bevor die Gerichte des Erbvogts und der Bürgerversammlung mit dem consistorium also ihre wetterfeste Versammlungsstätte erhielten, fanden Rechtsprechung und Burding offenbar unter freiem Himmel statt. Tatsächlich haben die Archäologen unmittelbar südöstlich des consistoriums einen besonders eingefriedeten Bereich ermittelt, der den archäologischen Funden und Befunden zufolge als Gerichtsplatz angesprochen werden kann; später wurde hier in Gestalt einer Staubsäule der öffentliche Pranger aufgestellt; die 1492 errichtete Sandsteinsäule steht bis heute an ihrem Platz. Daher ist [<<41||42>>] vermutet worden, dass der Begriff „Ring“ (circulus) ursprünglich vielleicht auf eben diese Teilfunktion des Platzes als Gerichts- bzw. Ding-(= Ring)stätte zurückgegangen ist.77
Fürstenherrschaft und Stadtlokation
Die planmäßige Anlage des Ringplatzes, der in den Quellen 1299 zunächst als forum, 1327 als aldin markt, 1349 als forum communi, aber erst 1350 als Ring(circulus) begegnet,78 war Teil eines komplexen Vorgangs, der sich nicht in der topographisch-baulichen Neugestaltung des Stadtraumes erschöpfte. Die urbanistische Veränderung war vielmehr Teil einer grundlegenden politischen, wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Umgestaltung des städtischen Lebens, die auch als „Lokation“ bezeichnet wird.79 Der Begriff geht auf den zeitgenössischen, vom lateinischen Verb locare abgeleiteten Quellenterminus locatio zurück. Seine Bedeutung war bereits im Mittelalter vielschichtig.80
