Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Bedeutend ist der Briefschatz des klassischen Altertums an kulturhistorischen, philosophischen und literarischen Werten, denn außer geschäftlichen Mitteilungen und Freundschaftsergüssen finden wir darin eine besondere Art "episolarischer" Unterhaltung. In modernen Tagen würde man diese bald Essay und bald Feuilleton nennen, je nachdem der Gegenstand tiefer und gründlicher wie bei Seneca, oder mehr im Plauderton, wie bei Plinius und dem Kaiser Julian, erörtert wird. Diese Art Epistel ist zwar auch nur an einen einzelnen Freund gerichtet, aber eigentlich zur Unterhaltung oder Belehrung eines ganzen Kreises von Freunden und Gesinnungsgenossen gedacht und daher besonders sorgfältig verfasst, sogar kunstreich aufgebaut. Die philosophischen oder religiösen Überzeugungen der Verfasser sind darin möglichst zwanglos, aber doch überzeugend behandelt, oft wie bei einem eindringlichen Gespräch. Manchmal sind es beinahe imaginäre Dialoge. Der Verfasser kennt Charakter und Weltanschauung des Freundes, dem er die Epistel widmet, daher ergeht er sich nicht nur in allgemeinen Redensarten und Behauptungen, er rückt dem anderen nahe, der Reiz des Intimen, des eigentlichen Briefes bleibt gewahrt und dies macht den feinen Unterschied aus zwischen solchen antiken persönlichen Kunstbriefen und den späteren nachgeahmten, bedeutenden Männern zugeschriebenen Briefsammlungen. Nur im 18. Jahrhundert gab es ähnliche Kunstbriefe, eigentlich für einen ganzen Kreis von Lesern bestimmt. Sie waren jedoch mehr für den unmittelbaren Nachrichtendienst ersonnen und nicht so ernster und lehrhafter Art wie die bedeutenden Denkmale antiker Schreibweise. Eine gewisse Ähnlichkeit ist aber unverkennbar; die Anmut des Stils, das leichte Einflechten von Beispielen, die rhetorische Geschicklichkeit mancher Stellen deuten auf eine gewisse Seelenverwandtschaft und eine beinahe gleiche Geistesdisziplin bei den berühmten Briefstellern der Antike und des 18. Jahrhunderts. In der getreuen Wiedergabe antiker Briefbeispiele verschiedener Verfasser offenbaren sich Leid und Lust, Angst und Hoffnung von Menschen verschiedener Generationen und verschiedener Bedeutung.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 280
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Karel Markowski
Briefe historischer Persönlichkeiten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Briefe historischer Persönlichkeiten
Vorwort
Cicero
Horaz
Seneca
Plinius
Julian
Hieronimus
ANMERKUNGEN
NACHWORT
Impressum neobooks
Cicero - Horaz - Seneca - Plinius - Kaiser Julian - Hieronymus
KAREL MARKOWSKI
Briefe historischer Persönlichkeiten
Cicero - Horaz - Seneca
Plinius - Kaiser Julian - Hieronymus
Briefsammlung der Antike
ccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccc
[identischer Text zu Fassung Digicicero-Hieronymus]
Digitalisierung von Dokumenten
zuverlässiger antiker Quellen zu dem
Konflikt des Vielgötterglaubens zu der christlichen Weltanschauung
Briefe authentischer Personen
cccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccccc
©2018 Andreas Wagner
Herstellung und Verlag
Printservice Wagner, Körner
Damit in die Verständigung der Leser gelangen kann, wie weit die Tragweite der Intention, ein Klassisches Latein zu prägen, gespannt worden ist bereits in der Kommunikation vor mehr als zweitausend Jahren, stelle ich auszugsweise gleich anfangs einen Brief des Cicero hinzu. Hier ist herausgehoben erscheinend nicht die doppelte Verneinung, um zum Kunstgriff eines Sprachideals erhoben worden zu sein, sondern in welcher Passion auch Cicero und Caesar gegenseitig miteinander schriftlich kommunizierten. Auch dieser Brief läßt erkennen, wie hoch im klassischen Latein die Hürden gestellt worden sind. Somit verweise ich auf diesen Brief von Cicero an seinen Bruder Quintus in das Land, in dem die Themse fließt.
Hier ist stilistisch ein Sprachideal des Klassischen Latein in seinem Motiv zur Darstellung gelangt. Es ist damal etwas zum Kunstgriff in der Lingua Latein erhoben worden, daß nicht allein die lingualen gemeisterten Höhen der Verben in ihrem Verbund zu bemeistern waren. Offenbar war die Meisterung der sozialen Hürden des gesellschaftlichen Ranges, in einen weiteren Akt der Bemessung der literarischen Leistung, nämlich der klassischen griechischen
Literatur verbunden.
In welcher Passion auch, wie zu lesen war, Cicero und Caesar gegenseitig miteinander schriftlich kommunizierten, der Brief läßt obendrein erkennen, wie hoch im klassischen Latein auch die ästhetischen Hürden gestellt wurden.
Der Bruder führte eine Legion unter dem Feldherrn Julius Caesar. [Übersetzer und Herausgeber dieser Briefe ist der Baron namens Alexander von Gleichen - Russwurm. Titel: “Eine Auswahl aus der Römischen Briefliteratur”. Erschienen 1911 in Berlin im Verlag Julius Bard.]
(In Wikipedia ist zu lesen: Sein Vater Baron Ludwig von Gleichen - Russwurm war ein Enkel von Friedrich von Schiller. Der Urenkel Alexander, der diesen Brief übersetzte, wurde von Emilie, der jüngsten Tochter Schillers erzogen....).
[Staatsmann 106-43 v.d.Z.
Zeitgenosse des Julius Cäsar 100-44 v.d.Z.]
Brief 1 - An Curio
Es tut mir leid, daß Sie mich für einen nachlässigen Briefschreiber halten. Bitter trifft mich ihr Vorwurf, meine Pflicht versäumt zu haben, doch der Gedanke, daß Sie auf diese meine Pflicht Anspruch erheben, tröstet mich, besonders da ich den Fehler, den sie mir zur Last legen, nicht verschuldete, und da die Sehnsucht, mit der sie meine Briefe erwarten, Ihre Freundschaft beweist. Aller Proben ungeachtet, die sie mir schon gegeben haben, ist diese Freundschaft meinem Herzen immer gleich angenehm und willkommen. Nie ließ ich eine Gelegenheit ungenutzt vorübergehen, Ihnen zu schreiben. Denn wenn jemand gern schreibt, so bin ich’s. Von Ihnen aber besitze ich zwei, höchstens drei ganz kurze Briefchen. Ich könnte also Ihnen also mit ähnlichen Vorwürfen aufwarten. Wollen Sie das nicht, müssen Sie sich nachsichtig zeigen. Darf ich übrigens hoffen, Sie mit häufigen Briefen nicht allzusehr zu belästigen, sollen Sie nicht über mich zu klagen haben. Doch nun genug über unseren Briefwechsel.
Sehr leid tut es mir, Sie ferne zu wissen und mich der Freude Ihres Umgangs beraubt zu sehen. Indessen freut es mich, daß Ihre Pläne sich verwirklichen und daß Sie mit Ihren Angelegenheiten so zufrieden sind, als ich es nur wünschen kann.
Zum Schluß eine kleine Ermahnung, zu der mich meine Liebe für Sie zwingt. Man erwartet sehr viel von Ihrer Einsicht und von Ihrem Herzen. Ich beschwöre Sie, diese Erwartung nicht zu täuschen, wenn sie nach Rom zurückkehren, sondern durch Ihr ganzes Betragen zu erfüllen. Nie werde ich vergessen, wie sehr Sie sich um mich verdient gemacht haben. Allein bedenken Sie auch ein wenig, daß Glück und Ehre, wozu Ihnen prächtige Aussicht winkt, nur daraus erblühen, daß Sie von meinen ebenso aufrichtigen wie liebevollen Lehren frühzeitig Gebrauch machten. Ich glaube es daher um Sie zu verdienen, daß Sie mir wohlwollen und dem Alternden Ihre jugendkräftige Unterstützung schenken.
Brief 2 - An Curio
Rupa war fest entschlossen, die Spiele nach Ihrem Wunsch anzukündigen, doch ich und alle Ihre römischen Freunde widerrieten ihm, weil es uns bedenklich erschien, daß in Ihrer Abwesenheit etwas geschehe, was Sie nach Ihrer Heimkehr vergeblich widerrufen möchten. Meine Ansichten über diesen Fall setze ich Ihnen ein andermal auseinander oder überrasche Sie mit einem vertraulichen Gespräch, ehe Sie selbst darüber nachgedacht haben. Vielleicht gelingt es mir, Sie zu überzeugen. Wenigstens erfahren Sie meine Ansicht und können sie gebrauchen, sollte – gegen meinen Wunsch – Ihr Entschluß Reue erwecken. Mit einem Wort, Sie werden Rom in einer Lage finden, die Ihnen gestattet, auch die glänzendsten Ansprüche leichter durch Ihre Talente, Ihre Geschicklichkeit und Ihr sprichwörtliches Glück durchzusetzen, als mit Hilfe der prächtigsten Spiele. Solche Spiele geben, bringt wenig Ehre, denn sie beweisen nur den Reichtum, nicht die Größe eines Mannes. Außerdem ist man schon mit solchen Festen übersättigt. – Doch ich habe nicht vor, Ihnen schon jetzt meine Gründe zu erklären. Das spare ich zu Ihrer Heimkehr auf.
Seien Sie versichert, daß man alles von Ihnen erwartet, was man nur immer von einem tüchtigen und einsichtsvollen Mann erwarten kann. Bereiten Sie sich deshalb so vor, wie es nötig ist und ich es Ihnen zutraue, so entschädigen Sie Ihre Freunde, Ihre Mitbürger und ganz Rom für die ausgefallenen Spiele, wären sie noch so ausgedehnt und üppig gewesen. Es soll Ihnen nicht an Beweisen fehlen, daß ich Sie mehr als andere schätze.
Brief 3 - An Curio
Wie Sie wissen, schreibt man Briefe mit den verschiedenartigsten Absichten. Die wichtigste, der wohl das Briefschreiben seine Entstehung verdankt, besteht darin, daß wir den Abwesenden eine Nachricht geben wollen, die uns oder ihnen berichtenswert vorkommt. Einen solchen Brief werden Sie von mir nicht erwarten, denn es fehlt Ihnen kaum an Leuten, die alles schreiben, was in ihrem Haus geschieht. Meine eigenen Angelegenheiten sind aber keine Neuigkeiten für Sie.
Dann gibt es noch zwei andere Arten von Briefen, die vertraulich scherzhafte, und jene, die allerlei Wichtiges ernsthaft behandelt. Auf jede dieser Arten zu schreiben, macht mir Vergnügen, aber diesmal fällt es mir in der Tat schwer zu wählen. Soll ich mit Ihnen scherzen? Bei den Göttern! Das könnte nur einem schlechten Patrioten einfallen. Oder soll ich Ihnen mit ernsten Betrachtungen kommen? Wovon aber könnte sich Cicero mit einem Curio ernsthafter unterhalten, als von der Lage des Staates? Allein meine Bedenken überwiegen, so daß ich` s nicht wage, mich deutlicher auszudrücken. Da mir der Stoff ausgegangen ist, schließe ich wie immer mit der freundschaftlichen Bitte, daß Sie ihre wahre Ehre gut im Auge behalten. Sie haben sich auf eine starke Gegnerin gefaßt zu machen, nämlich auf die Hoffnung, die man in Ihre Person setzt. Dieser Gegnerin sind Sie nur gewachsen, wenn Sie ausschließlich die edelsten Maßregeln bei der Ausführung Ihrer Pläne anwenden. Wäre ich nicht von der Größe Ihres Handelns überzeugt, würde ich noch einiges hinzufügen, aber selbst diese Andeutung hat nicht den Zweck, Sie aufzuregen, sondern soll nur der Beweis meiner herzlichen Zuneigung sein.
Brief 4 - An Curio
Dieser Brief sollte Ihnen durch Sextus Villius, einen Bekannten meines Freundes Milo, zugehen, denn Ihre Ankunft in Italien war noch nicht bekannt. Man vermutete sie wohl, wußte auch, daß sie Asien verlassen hatten. Doch der Inhalt meines Schreibens war so wichtig, meinen Wunsch, es sobald als möglich in Ihren Händen zu wissen, so groß, daß ich nicht genug eilen konnte. Hätte ich wirklich so viel Verdienste um Sie, als Sie mir entgegen meiner eigenen Ansicht anrechnen, dann würde ich Bedenken tragen, Sie in einer wichtigen Sache zu belästigen. Der Bescheidene fühlt sich immer verlegen, wenn er jemand um eine Gefälligkeit bitten muß, den er sich verpflichtet glaubt. Seine Bitte könnte einer Forderung ähnlich sehen und vermuten lassen, als heische er Entgelt für sein Verdienst. Allein da Ihre Verdienste um mich ebenso bekannt und neu als groß sind und da jeder Wohldenkende immer nach Veranlassung strebt, das Wohlwollen seines Gönners zu genießen, so scheue ich nicht, mich in einer dringenden und interessanten Angelegenheit an Sie zu wenden. Ich hoffe auch all des Guten, das ich Ihnen zu verdanken habe, nicht ganz unwürdig zu sein, da ich nicht nur das Wohlwollen meiner Freunde zu schätzen weiß, sondern mich auch für befähigt halte, es ebenso gut wie nützlich zu erwidern.
Milos Konsulat beschäftigt mich jetzt vollständig, und ich hoffe, daß meine Tätigkeit mich in den Stand setzen wird, diesem Mann meine Hochachtung zu beweisen. Sie verhilft mir dann zu einem Erfolg, der über dem Vergnügen steht, meine Pflicht getan zu haben. Das eigene Wohl kann niemandem so sehr am Herzen liegen, wie mir die Ehre des Mannes, dem ich alles, was ich bin und habe, verdanke. Sie allein können, wenn sie wollen, so viel für ihn tun, daß mir in dieser Hinsicht kein Wunsch übrig bleibt. Viele Umstände sind uns schon günstig. Sie wissen, daß er sich unter großem Beifall als Tribun sich für mich verwandte. Das hat ihm alle braven Römer günstig gestimmt. Durch prächtige Spiele und edle Denkart gewann er das Volk. Die ganze Ritterschaft und alle Leute von Einfluß geben ihm gern ihre Stimme aus Dank für Gefälligkeiten in ähnlicher Lage. Und ist auch meine eigene Stimme nicht so bedeutungsvoll, sie gehört ihm doch und tut vielleicht gute Dienste. Es fehlt uns nur ein Mann, der den Ton angibt, ein Steuermann, der die günstigen Winde zu benutzen weiß. Da wüßte ich in der Tat unter allen, die ich kenne, keinen, der dieser Aufgabe so gut wie Sie gewachsen wäre. Wollen Sie von meinem Eifer, womit ich mich der Sache Milos annehme, auf meine Dankbarkeit und mein gutes Recht schließen und mich Ihres Wohlwollens für würdig erachten, so bitte ich Sie, mich durch Ihre Unterstützung von meinem Anliegen zu befreien, bei dem nicht nur meine Ehre, sondern mein Glück auf dem Spiele steht. Sie finden in Annius Milo, wenn Sie sich seiner annehmen, einen Mann, der sich durch Dankbarkeit Ihnen gegenüber ebenso auszeichnen wird, wie durch seinen großen, edlen und festen Charakter. Für mich aber ist die Ehre Ihrer Unterstützung so groß, daß ich Sie ebensosehr für den Förderer meines Ruhmes halten werde, wie ich Sie schon für den Schöpfer meines ganzen Glückes halte. Wüßte ich nicht, daß Ihnen die Wichtigkeit meines Unternehmens einleuchtet, daß sie begreifen, wieviel Kampf und Mühe mich Milos Unterstützung kosten wird, setzte ich noch mehr hinzu. Lassen Sie sich also meine Angelegenheit und mich bestens empfohlen sein. Glückt meine Absicht durch ihre Vermittelung, dann haben Sie noch mehr Anspruch auf meinen Dank als Milo. Denn so schätzbar mir auch Leben und Vermögen sind, die ich beide Milo verdanke, so wird mir das Gefühl noch angenehmer sein, ihm meinen Dank und meine Achtung zu beweisen, was ich nur kann, wenn Sie mir helfen.
Brief 5 - An Curio
Selbst ein verspäteter Glückwunsch darf Verzeihung hoffen, wenn er nicht aus Nachlässigkeit verspätet ist. Ich bin so weit von Ihnen entfernt, daß alle Nachrichten nur sehr spät bei mir eingehen.
Großen Anteil nehme ich an der Würde des Tribunats, die Sie erhalten haben und ich wünsche, daß sie Ihnen zu stetem Ruhm gereichen werde. Folgen Sie nur bei jeder Unternehmung der eigenen Einsicht und lassen Sie sich nie durch fremde Ratgeber aus ihrer Bahn lenken. Kein Mensch kann Ihnen besser raten, als Sie selbst und Sie werden nie irre gehen, wenn sie sich folgen. Das soll keine Schmeichelei sein. Ich weiß, an wen ich schreibe; ich kenne Ihre Grundsätze und glaube fest, daß sie weder parteiisch noch unbesonnen handeln, wenn Sie auf dem beharren, was Sie für Recht halten. Daß Sie Tribun wurden in der gegenwärtigen bedenklichen Lage des Staates, ist kein Zufall, sondern die Folge Ihres freien Willens. Sie wissen daher selbst wohl am besten, wie sehr das Schicksal eines Staates von Zeit und Umständen abhängt, wie ungewiß unsere Erwartungen, wie unstet die Gesinnungen der Menschen sind und ebensowenig kann Ihnen unbekannt sein, wieviel Arglist es gibt und
wie selten gute Grundsätze sind. Trotzdem bitte ich Sie inständig, denken Sie nicht an Neuerungen, sondern gehen Sie mit sich selbst zu Rat, wie ich zu Beginn des Briefes schrieb, hören Sie auf sich und gehorchen Sie dieser Stimme. Von Ihnen kann man sicher besten Rat erwarten und niemand wird Ihnen besser raten als Sie selbst.
Warum bin ich nicht bei Ihnen, ihr Götter! Warum kann ich nicht Zeuge Ihres Ruhmes, nicht Helfer und Förderer Ihrer Anordnungen sein! Ich weiß zwar, daß Sie keinen Gehilfen brauchen, aber vielleicht könnte meine unbegrenzte Freundschaft mich befähigen, Ihnen manches zu erleichtern. Nächstens schreibe ich mehr. In wenig Tagen erstatte ich dem Senat Bericht und lege Rechenschaft ab über meine sommerliche Tätigkeit in der Provinz. In der Tat bin ich mit den Erfolgen zufrieden. Wieviel Mühe ich mir gab in bezug auf das Pontifikat trotz aller Schwierigkeiten Ihnen dienstlich zu sein, ersehen Sie aus meinem Brief, den ich Ihrem Theaso mitgab.
Teuerster Curio, ich weiß, daß Ihre Gunst für mich so groß ist, wie meine Achtung Ihnen gegenüber. Ich bitte Sie, suchen Sie ja zu verhindern, daß mein beschwerlicher Aufenthalt in der Provinz noch verlängert wird. Neuerungen verlange ich nicht, da sie mit so viel Hindernissen verbunden sind. Erreichen Sie nur, daß es beim Alten bleibt. Ehe ich wissen konnte, daß Sie Tribun werden, sprach ich schon persönlich mit Ihnen darüber. Schriftlich habe ich Sie schon öfters darum ersucht im Vertrauen auf Ihr Ansehen und Ihren Einfluß als Senator. Jetzt sind Sie Tribun — der Tribun Curio — und ich wiederhole meine Bitte. Suchen Sie geltend zu machen, was Senat und Gesetz über meine Provinz verordnet haben und helfen Sie, daß es bei den Bedingungen bleibt, unter denen ich die Stelle angetreten habe. Ich bitte Sie angelegentlich darum. Leben Sie wohl.
Brief 6 - An Nigidius Figulus
Lange habe ich überlegt, was ich Ihnen wohl schreiben sollte; allein mir kam weder ein geeigneter Vorwurf noch der richtige Ton in den Sinn. Unseren gewöhnlichen Briefton, den wir unter günstigen Verhältnissen gebrauchen, hat die Zeit verstimmt und die traurige Lage, in der wir uns befinden, ließ mich in diesem Ton weder denken noch schreiben. Es zeigte sich mir ein einziger, für die Gegenwart passender Ausweg: Ich mußte Ihnen entweder Hoffnung machen, Sie zu unterstützen, oder ich mußte Sie zu trösten suchen. Allein auch dieses war ich nicht imstand. Hilfe kann ich Ihnen unmöglich versprechen: Ich teile ja Ihr Schicksal, rechne selbst auf Unterstützung und habe mehr Augenblicke, in denen ich mich des Lebens überdrüssig fühle, als solche, in denen ich mich seiner freue. Für meine Person bin ich zwar nicht sonderlich gekränkt, im Gegenteil, Cäsar ist mir in allem, was ich mir in meiner Lage nur wünschen konnte, entgegengekommen. Trotzdem drücken mich aber noch soviel Sorgen, daß ich schon den Wunsch länger zu leben für ein Verbrechen halte. Meine besten Freunde sind meist tot oder geflohen und alle, deren Wohlwollen ich mir im Dienste der Republik einst erwarb nach Ihrem Rat, sind nun für mich verloren. Ich wandle auf den Trümmern ihrer Güter. Es wäre schon traurig genug, wenn ich nur hören müßte, wie räuberisch man mit dem Besitz derjenigen verfährt, die mir bei der Rettung des Staates aus seinem Brande halfen. Aber ich muß alles mit Augen sehen. In derselben Stadt, wo ich sonst in Fülle Einfluß, Ansehen und Ruhm genoß, fühle ich mich nun all dieser Vorzüge beraubt. Ist Cäsar auch noch so freundlich zu mir, er kann nicht gutmachen, was die Zeit verdorben hat. Meine Tätigkeit, wie ich sie gewohnt war und wie sie meinen Neigungen entsprach, ist gehemmt. Deshalb bin ich mit mir selbst ebenso unzufrieden, wie es vielleicht die
Öffentlichkeit ist. Bei meinem angeborenen Streben, stets auf die beste Art zu wirken, fehlt mir es nun nicht nur an Gelegenheit, sondern auch an guten Gedanken, und ich bin jetzt nicht imstande, obwohl ich sonst die unbedeutendsten Personen, ja sogar Verbrecher erfolgreich verteidigen konnte, einem Nigidius, dessen Einsicht und Rechtschaffenheit die höchste Achtung genossen, der mein wahrer Freund ist, die mindeste Hoffnung auf Fürsprache zu machen.
In diesem Ton konnte ich also nicht an Sie schreiben. So muß ich Sie denn wohl trösten und Gründe anführen, die Sie Ihren Kummer vergessen lassen. Allein, wenn irgend jemand in hohem Grade die Fähigkeit besitzt, sich oder andere zu trösten, so sind Sie es gewiß selbst. Es ist dies ein Geschäft, das soviel Feinheit und Wissen erfordert, daß ich mich damit nicht abgeben kann, sondern es Ihnen überlasse. Wie sich ein großer Mann in dieser Hinsicht benehmen muß, zu welchen Entschlüssen Ihr erhabener Sinn, Ihre Verdienste, Ihre Talente und Kenntnisse, worin Sie sich schon frühzeitig auszeichneten, sie verpflichten, das wissen Sie selbst am besten. Da ich in Rom bin und alle Vorkommnisse aufmerksam verfolge, kann ich Ihnen wenigstens die Versicherung geben, daß Sie – obwohl unsere gemeinschaftliche Lage vielleicht nie günstiger wird – für Ihre Person nicht mehr lange in dem jetzigen traurigen Zustand verharren werden. Irre ich mich nicht, so ist der Mann, dem alles zu Gebote, sehr geneigt, Sie zu befreien. Zu dieser Annahme habe ich guten Grund. Je weniger ich sein Vertrauter bin, desto größere Mühe gebe ich mir, hinter seine Gesinnungen zu kommen. Seine Neigung, denen, die er nicht liebt, den Unwillen fühlbar zu machen, dürfte vor der Hand Ihre Zurückberufung verzögern. Aber seine Vertrauten und Freunde denken und sprechen sehr vorteilhaft für Sie. Außerdem haben Sie Anhang im Volk und Sie können glauben, daß die jetzt allerdings ohnmächtige Republik ihre übrigen Kräfte aufbieten wird, ihre Zuchtmeister sobald als möglich zu Ihren Gunsten umzustimmen.
Doch ich will Ihnen nun auch Hoffnung auf etwas machen, was ich bisher verschwiegen habe. Ich suche Cäsars Freunde, die mir gewogen sind und mit denen ich oft zusammentreffe, zu gewinnen, um mir bei ihm selbst den Zugang wieder zu öffnen, den ich mir bisher durch Schüchternheit selbst verschlossen hatte, und will alle nur erdenklichen Wege einschlagen, auf denen ich unsere Absicht auszuführen hoffe. Ich werde überhaupt vielmehr tun, als ich melden darf und Sie können alles, was viele andere auch für Sie tun
werden, von mir doppelt erwarten. Mein Vermögen steht Ihnen zu Diensten wie mir selbst. Aber ich will mich kurz fassen mit diesem Versprechen, um Ihnen die festgegründete Hoffnung nicht zu rauben, daß Sie sich selbst helfen werden.
Zum Schluß bitte ich Sie, fassen Sie Mut und machen Sie nicht nur von den Grundsätzen Gebrauch, die Sie ihren großen Lehrern verdanken, sondern benutzen Sie auch die Erfahrungen des eigenen Nachdenkens. Verbinden Sie beides miteinander, dann hoffen Sie in allen Fällen immer das beste und überdauern jedes Schicksal mit weiser Gelassenheit. Doch das sagen Sie sich alles selbst besser und am besten. Übrigens werde ich mich stets mit der größten Sorgfalt für Sie verwenden und nie vergessen, wie sehr Sie sich zu einer Zeit, in der meine Lage höchst traurig war, um mich verdient gemacht haben.
Brief 7 - An Publius Sextus
Daß ich Ihnen so lange nicht schrieb, geschah weder aus Mangel an Freundschaft noch aus Nachlässigkeit. Teils der traurige Zustand, in den uns der zerrüttete Staat bringt, teils Ihr eigenes hartes, unverschuldetes Schicksal veranlaßte mein langes Schweigen. Da nun aber geraume Zeit verflossen ist und da ich mich immer mehr von Ihrer männlichen Standhaftigkeit überzeugt habe, hielt ich es für gut, Ihnen zu schreiben.
Es gab eine Zeit, in der ich Ihrer, mein Bester, annahm gegen die entehrenden Beschuldigungen, die man in Ihrer Abwesenheit gegen Sie vorbrachte. Als der bekannte Prozeß einer Ihrer besten Freunde für Sie eine gefährliche Wendung nahm, gab ich mir in Ihrem Interesse die größte Mühe. Noch vor kurzem, nicht lange nach meiner Ankunft in Rom, fand ich Ihre Sache zu meinem größten Ärger viel schlechter eingeleitet, als ich es gestattet hätte, wäre ich von Anfang an dabei gewesen. Trotzdem habe ich alle meine Kräfte in Ihren Dienst gestellt. Als Sie nicht nur von Ihrem Feind, sondern sogar von bisherigen Freunden wegen des Getreideverkaufs zur Verantwortung gezogen wurden und als Ihre gerechte Sache ein Opfer unwürdiger Richter und anderer Gebrechen unserer Verfassung werden mußte, unterstützte ich Ihren Sohn mit Rat und Tat und stellte Ihm meinen ganzen Einfluß zur Verfügung. Je gewissenhafter ich also alle Pflichten der Freundschaft erfüllte, desto weniger kann ich Ihnen eine aufrichtige Bitte verschweigen. Denken Sie daran, daß Sie ein Mann sind, das heißt, ertragen Sie mit weiser Gelassenheit jedes Schicksal, das niemand zu vermeiden noch abzuändern vermag. Lassen Sie sich nicht vom Schmerz übermannen und bedenken Sie, daß es nicht nur bei uns, sondern auch in anderen berühmten Freistaaten tüchtige Männer gegeben hatte, die unter den Händen ungerechter Richter dasselbe Schicksal erlitten. Wollten die Götter, es wäre nicht wahr, wenn ich Ihnen sage, daß sie eine Stadt verließen, an der ein tüchtiger Mann keine Freude mehr hat.
Noch muß ich mit einigen Worten Ihres lieben Sohnes gedenken, um mich der Pflicht zu entledigen, sein vortreffliches Benehmen zu rühmen. Freilich muß ich fürchten, in Ihrem Herzen von neuem Sehnsucht schmerzlich zu erregen, wollte ich meine ganze Meinung über ihn aussprechen. Indessen können Sie sich, wo Sie auch weilen mögen, des Gedankens erfreuen, daß Ihr Sohn mit inniger Ehrfurcht Ihnen gegenüber Tüchtigkeit und Rechtschaffenheit verbindet. Was wir uns recht tief in die Seele eingeprägt haben, bleibt uns so nahe, als hätten wir es wirklich vor Augen. Wenn Sie sich daher von den Verdiensten Ihres Sohnes überzeugen, wenn Sie an mich und die übrigen Freunde denken, die Sie nicht nach Ihrem Schicksal, sondern nach Ihrem Charakter beurteilen, wenn Sie endlich mit dem
Bewußtsein Ihrer Unschuld den Gedanken verbinden, daß der Weise sich nur gegen Laster und Verbrechen, nie gegen Unglück und feindliche Kränkung empört, so müssen diese Betrachtungen viel zu Ihrer Beruhigung beitragen. Unsere alte Freundschaft, die ich nie vergessen werde und die Achtung, die ich für Ihren vortrefflichen Sohn hege, machen es mir zur Pflicht, Sie in jeder Lebenslage zu trösten und zu stützen. Wenn Sie mir in Ihren Angelegenheiten schriftliche Aufträge geben, werde ich Sie stets zu vollster Zufriedenheit besorgen.]
Brief 8 - An Marius
Wenn Unwohlsein oder Schmerzen sie abhielten, unseren Spielen beizuwohnen, trug der Zufall schuld und nicht Ihr eigener Wille. Waren Sie aber gesund und wollten nicht kommen, weil Sie unsere Spiele für Possen halten, dann freue ich mich zweifach, erstens weil Sie gesund und ohne Schmerzen gewesen sind, zweitens weil Ihr Verstand kräftig genug ist, Dinge zu verachten, denen andere ohne Grund Wert beilegen. Hoffentlich haben Sie nur Ihre Muße recht angenehm genutzt, denn Sie hatten gute Gelegenheit, weil man Sie in Ihrem Garten fast ganz allein gelassen hat. Doch ich zweifle nicht, daß Sie sich diese Tage über in dem kühlen Saal mit der Aussicht nach den Gefilden von Stabiae während der Morgenstunden mit allerlei Lektüre unterhielten, indes die abtrünnigen Genossen einige alltägliche Schauspiele schlaftrunken angafften. Sie konnten sich das Vergnügen, womit Sie den Tag verkürzen wollten, nach Gutdünken aussuchen und wir mußten gezwungen bei Schauspielen aushalten, die Maecius zu geben für gut fand. Im ganzen genommen entfaltete man auf der Szene viel Pracht, aber ich glaube nicht, daß es nach Ihrem Geschmack war. Es erschienen, vermutlich ehrenhalber, alte Schauspieler auf dem Theater, die früher gewiß um ihrer Ehre willen die Bühne verlassen hatten. Ihr Liebling, Aesop, benahm sich diesmal so schlecht, daß ihm niemand verwehrt hätte, aufzuhören. Beim Deklamieren versagte ihm die Stimme, mehr brauche ich nicht zu erwähnen, die anderen Mitwirkenden kennen Sie. Die Aufführung bot nicht einmal die Unterhaltung, die man von mittelmäßigen Kräften verlangt. Prächtige Aufzüge verdrängten jede angenehme Stimmung und ich bin versichert, daß Sie sich nicht im mindesten nach solchem Glanz gesehnt haben. Denn wen erfreut es, in der “Klytemnestra” [verlorene Tragödie von Attius] einen Trupp von mehr als hundert Maultieren aufziehen zu sehen oder im “Equus Trojanus” [verlorene Tragödie von Livius] an dreitausend Schilde oder eine Menge Rüstungen für Fußvolk und Reiter anzustaunen. Das sind Dinge, die den Pöbel entzücken, aber Ihnen gewiß nicht gefallen hätten. Überließen Sie sich in diesen Tagen Ihrem Protogenes, so genossen Sie sicherlich besseres Vergnügen — er müßte Ihnen nur etwas anderes als meine Reden vorgelesen haben. Nach den griechischen oder oscischen (oscito=gähnen; oscitatio,nis= das Gähnen; Osci=Volk in Kampanien – Anmerkung Hrg. amarko) Schauspielen haben Sie sich wohl auch nicht gesehnt? Oscische Komödien kann man ja zur Not noch in der Ratsversammlung von Arpinum anhören und die griechischen werden Ihnen ebensowenig behagen, wie die griechische Straße auf ihr Landgut. Sollten Sie Gladiatoren sehen wollen, obwohl Sie sich immer wenig daraus gemacht haben? Pompejus gesteht es jetzt selbst, daß sich Mühe und Kosten nicht lohnen. Der doppelte Tierkampf, der fünf Tage dauerte, war glänzend, das läßt sich nicht leugnen. Aber was für ein Vergnügen findet ein aufgeklärter Mann, wenn ein wildes, kraftvolles Tier einen schwachen Menschen zerfleischt? Oder wenn ein schönes, herrliches Tier von einer Lanze durchbohrt
wird? Verdient so etwas überhaupt gesehen zu werden, so hat man es ja schon mehr als einmal gesehen und entdeckt nichts neues daran. Der letzte Tag galt den Elefanten. So viel der Pöbel bei diesem Schauspiel zu bewundern fand, so wenig wahres Vergnügen gewährte es. Man konnte sich im Gegenteil eines gewissen Mitleids nicht erwehren, wenn man eine Art von Sympathie der Tiere für den Menschen bemerkte.
Damit Sie übrigens sehen, daß es mir während der Spiele nicht nur an Freude, sondern auch an Freiheit gefehlt hat, will ich Ihnen nur sagen, daß ich mich in der Angelegenheit Ihres Freundes Gallus Caninius mit Vergnügen zerrissen hätte. Verfügte ich über ein so nachsichtiges Publikum wie Aesop, ich legte gern mein Handwerk nieder und genösse meine Tage, wie Sie und Ihresgleichen es tun. Ich war meines Berufs schon zu einer Zeit
überdrüssig, da Jugend und Ehrgeiz mich noch ermutigten. Auch konnte ich Klienten abweisen, die mir mißfielen. Aber jetzt ist es ein elendes Leben. Ich erwarte nicht nur keine Belohnung, sondern sehe mich auch zuweilen auf Bitten meiner Gönner genötigt, für Leute zu arbeiten, die es schlecht um mich verdient haben. Daher arbeite ich für das Ziel, einmal als mein eigener Herr zu leben. Und ich lobe Sie sehr, daß Sie sich so behaglich eingerichtet haben.
Daß Sie mich so selten besuchen, verschmerze ich eher, weil wir meiner geschäftlichen Überlastung wegen einander nur wenig genießen könnten. Ich möchte nicht ganz frei von Geschäften sein, aber sobald ich einigermaßen aufatme, will ich Ihnen trotz Ihrer eigenen mehrjährigen Erfahrungen zeigen, was es heißt, glücklich zu sein. Fahren Sie nur fort, für Ihren leidenden Zustand zu sorgen, damit Sie mich bald auf dem Landhaus besuchen und mir in der Sänfte Gesellschaft leisten können. Ich habe Ihnen diesmal etwas weitschweifiger geschrieben als ich gewohnt bin, nicht etwa, weil ich überflüssige Zeit hatte, sondern weil ich Sie gern habe und weil Sie mir einmal zu verstehen gaben — vielleicht erinnern Sie sich dessen — ich möchte Ihnen von den Spielen so viel melden, daß Sie ihre Abwesenheit von Rom nicht bereuen. Es soll mich freuen, wenn ich diese Absicht erreichte. Wenn nicht, bleibt mir der Trost, daß Sie ein andermal unsere Schauspiele besuchen, bei dieser Gelegenheit auch zu mir kommen und es nicht bloß bei der Hoffnung bewenden lassen, Ihnen ein Vergnügen zu bereiten.
Brief 9 - An Luccejus
Offen will ich Ihnen schreiben, was ich gern öfters mit Ihnen besprochen hätte. Doch hielt mich törichte Schamhaftigkeit zurück. Briefe erröten nicht. Ich brenne darauf, in Ihnen meinen Biographen zu finden, hoffentlich tadelt niemand solche Begierde. Versprochen haben Sie es allerdings, also verzeihen Sie, daß ich dränge. Hatte ich auch schon längst alle Ursache, von Ihrer Kunst Vortreffliches zu erwarten, so übertrafen doch Ihre Schriften meine Erwartung und begeisterten mich in so hohem Grade, daß ich mich nicht länger des Wunsches erwehren kann, meine Biographie, von Ihnen geschrieben, zu lesen. Ich verfolge gerade nicht die Absicht, bei der Nachwelt unsterblich zu sein, sondern ich wünsche vor allem, mich selbst in Ihrem Urteil, an den Merkmalen Ihres Wohlwollens und dem Zauber Ihrer Kunst zu freuen. Wohl weiß ich, daß Sie bereits wichtigere Aufgaben unter den Händen haben, aber weil Sie doch mit der Geschichte des italischen Krieges und der bürgerlichen Unruhen beinahe fertig sind und selbst einmal davon sprachen, auch die spätere Zeit zu bearbeiten, so möchte ich Sie nur zu der Überlegung veranlassen, ob die mich betreffenden
Nachrichten in das ganze verwebt werden sollen, oder ob die Verschwörung für sich allein darzustellen sei, getrennt von den auswärtigen Verwicklungen, wie verschiedene griechische Schriftsteller, z.B. Kallisthenes den trojanischen Krieg, Tymäus den Feldzug gegen Pyrrhus, Polybius den gegen Numantia einzeln und ohne Verbindung mit der allgemeinen Geschichte behandelt haben. Wollen Sie auf solche Art nicht erst die Stelle abwarten, wo Sie meine Person einschalten können, sondern gleich den Anfang damit machen, so wird zwar mein Ruhm nicht sonderlich gewinnen, aber meine Erwartung wird schneller befriedigt. Bei der Geschichte eines einzelnen Mannes gewinnt — meiner Ansicht nach — Ihre Arbeit an Schönheit und Vollkommenheit. Ich fühle wohl, wie unverschämt es von mir ist, daß ich Sie trotz Ihrer anderweitigen Beschäftigung mit diesem Antrag belästige und dazu Ihnen zumute, mein Lobredner zu werden. Wie nun, wenn Sie nichts zu loben finden? Indes, wer
unverschämt ist, soll es bis zur Neige sein. Ich bitte Sie daher, vergessen Sie einmal den Beruf des Geschichtschreibers und sagen Sie mehr zu meinem Preis, als Sie vor sich selbst verantworten können. In einem Ihrer Vorberichte steht zwar die Erklärung, daß Sie sich ebensowenig von parteiischer Gefälligkeit hinreißen ließen, wie Herkules von den Verführungen der Wollust, allein, wenn ich bei solcher Gefälligkeit beträchtlich gewinnen sollte, könnten Sie vielleicht eine Ausnahme machen und für Ihren Freund die Grenzen der Wahrheit manchmal überspringen. Entschließen Sie sich, meinen Plan auszuführen, so finden Sie nach meiner vollen Überzeugung einen Stoff, der Ihren Anlagen und Beredsamkeit würdig ist.
Die Geschichte von Anfang der Verschwörung bis zu meiner Rückkehr aus dem Exil braucht wohl nur wenig Raum. Dabei könnten Sie Ihre Kenntnisse der verschiedenen Staatsveränderungen verwerten, die Quellen verderblicher Neuerungen zeigen und die Maßregeln dagegen anführen. Was zu tadeln ist, verdient Tadel, was Ihren Beifall erweckt, können Sie mit Angabe der Gründe namhaft machen. Sollten Sie sich mit gewohntem Freimut
ausdrücken wollen, so finden Sie Gelegenheit, die Treulosigkeit, Tücke und Verräterei festzunageln, die mir von so manchen Personen zuteil wurde. Die Erzählung meines wechselvollen Schicksals selbst wird Ihrem Vortrag eine gewisse Lebhaftigkeit geben, die dem Leser angenehme Unterhaltung bringt. Denn nichts eignet sich besser, den Leser zu unterhalten als der Wechsel von Zeit und Glück. Und waren auch meine Erfahrungen dabei nicht angenehm, so wird deren Lektüre nicht unangenehm wirken. Denn ruhiges Erinnern an seine peinlichen Lagen hat für den Menschen immer etwas Wohltuendes und für die, denen eigene Not unbekannt blieb, bringt es die süße Empfindung des Mitleids, die der Anblick fremden Elends bei kummerfreien Herzen erregt. Wer denkt nicht mit behaglicher Rührung an den bei Mantinea sterbenden Epaminondas, der das tödliche Geschoß nicht früher aus der Wunde ziehen läßt, als bis er hört, daß sein Schild in guten Händen sei, und der trotz aller Schmerzen die Fassung bis zum Tode behauptet? Wer unterhält sich nicht, wenn er von Flucht und Rückkehr des Themistokles liest? Fortlaufender Bericht wie in den “Fastis”, wo die Begebenheiten nacheinander aufgezählt werden, ermüdet. Aber die gefahrvolle, mit wechselndem Erfolg gespielte Rolle eines bedeutenden Mannes, erregt bald Bewunderung, bald Erwartung, bald Freude, bald Mitleid, bald Hoffnung, bald Furcht. Nimmt sie noch außerdem ein interessantes Ende, so gewährt die Lektüre den schönsten Genuß.
Können Sie sich nun entschließen, das Schauspiel meines Lebens, von der allgemeinen Geschichte gesondert, darzustellen mit seinen mannigfaltigen Auftritten, zahlreichen Abschnitten und Vorkommnissen, sollte es mich desto mehr freuen. Übrigens brauche ich wohl nicht zu befürchten, daß Sie mir zutrauen, ein Schmeichler zu werden, da ich Sie zu meinem Lobredner wählte. Sie kennen sich ja selbst am besten und wissen, daß Sie
nicht der Mann sind, der alle, die ihn einmal loben, für Schmeichler hält oder andere, die nicht immer Weihrauch streuen, für neidische Geschöpfe. Ich aber bin nicht Tor genug, um meine Biographie von einem Schriftsteller zu wünschen, der sich mit seinem eignen Talent keinen Ruhm erwerben könnte. Daß sich der große Alexander nur von Apelles malen und von Lysipp meißeln ließ, geschah gewiß nicht um den Künstlern zu schmeicheln, sondern weil er wußte, daß diese Arbeit den Künstlern zur Ehre und ihm selbst zum Ruhm gereiche. Trotzdem konnten sie nichts als seinen Körper bilden, ein Werk, das zum Ruhme großer Männer wohl entbehrlich ist. Der Spartaner Agesilaos, der sich weder bilden noch malen ließ, ist darum nicht weniger berühmt als andere, die in ihrem Dienst Maler und Bildhauer beschäftigten. Allein Xenophons Lobrede hat alle Bildnisse und Statuen dieses Fürsten überflüssig gemacht. Auch ich werde unendlich mehr Freude und Ehre davon haben, wenn Sie meine Geschichte
schreiben, als wenn es sonst irgendein Schriftsteller täte, nicht nur, weil Sie ihr großes Talent an mich wenden, wie Timaeus [offenbar ist die Schreibung eines identischen Namens Tymäus=Timaeus variiert] an Timoleon oder Herodot an Themistokles, sondern auch weil diese Geschichte dann das Werk eines Mannes wird, dessen Ruhm und Verdienst schon in den wichtigsten Angelegenheiten des Staates vorteilhaft bekannt sind. Sie werden nicht nur der Herold meines Ruhmes sein, wie es Alexander einst auf dem Vorgebirge Sygageum von Homer in bezug auf Achilles sagte, sondern ich werde auch das Zeugnis eines bedeutenden, berühmten Mannes auf meiner Seite haben. Denn ich teile Hectors
Meinung, der bei Naevius sagt, daß er gerne sein eignes Lob höre, aber aus einem Munde, der selbst Lob verdiene.
