Briefe im Exil - Max Reinhardt - E-Book

Briefe im Exil E-Book

Max Reinhardt

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Beschreibung

Der anrührende Briefwechsel des Künstlerpaars erscheint erstmals anlässlich des 150. Geburtstages des großen Theatermannes. Was für ein eindrucksvolles Paar: Max Reinhardt und Helene Thimig, der Wegbereiter des modernen Regietheaters und die gefeierte Schauspielerin. Fast zwei Jahrzehnte war Schloss Leopoldskron, der Wohnsitz des Mitbegründers der Salzburger Festspiele, Treffpunkt der europäischen Geisteselite. Doch die politischen Veränderungen führen 1938 zu einer jähen Zäsur. Reinhardt, zur Emigration gezwungen, versucht vergeblich an frühere Erfolge in den USA anzuknüpfen; seine Frau kämpft in Hollywood um Nebenrollen. Die bisher kaum beachtete Korrespondenz der beiden lässt uns teilhaben am bitteren Leben im Exil – bis ins kleinste verstörende Detail – und erzählt von der Liebe zweier Menschen in schwerer Zeit. Faktenreiche Anmerkungen von den Herausgeberinnen ergänzen den Briefwechsel.

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Seitenzahl: 752

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Edda Fuhrich (Hg.), Sibylle Zehle (Hg.)

BRIEFE IM EXIL

Max Reinhardt – Helene Thimig1937–1943

Mitarbeit: Ulrich Hermanns und Eva Maria Schachenhofer

EDDA FUHRICH, beschäftigt sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Max-Reinhardt-Forschungs- und Gedenkstätte Salzburg und Wien ihr ganzes berufliches Leben mit dem Theatermann. Sie kuratierte Ausstellungen und schrieb zahlreiche Bücher über Max Reinhardt.

SIBYLLE ZEHLE, vormals Redakteurin bei der „Stuttgarter Zeitung“ und „Die Zeit“, publizierte u. a. die Biografie „Minna Wagner“ und einen Bildband über den Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose. Sie veröffentlichte zuletzt „Max Reinhardt – Ein Leben als Festspiel“.

INHALT

EDITORIAL

ANKUNFT 1937

DAS JAHR 1938

Das ist wirklich ein sonderbares Land

DIE JAHRE 1939-1941

Du bist hell. Bleib es

DAS JAHR 1942

Die Fremdheit bleibt doch größer, als man glaubt

DAS JAHR 1943

Jedes Jahr erlerne ich eigentlich ein neues Leben

LETZTE TAGE

ANMERKUNGEN

Hinweise der Herausgeber

Zeittafel: Max Reinhardt

Zeittafel: Helene Thimig

Personenregister

Bildnachweis

Danksagung

Impressum

Auf der Seeterrasse von Leopoldskron: „Er war der Stärkere“, schreibt sie. Aber am Ende wurde sie sein Stabilisator, sein Halt.

Seelenverwandte: „Wir waren innerlich so glücklich verwandt und wir haben dermaßen denselben Geschmack gehabt.“ (HT)

EDITORIAL

Eine filmreife Szene. Der Theaterdirektor hat die junge Schauspielerin in sein Büro gebeten, direkt nach der Probe. Sie tritt ein, schon für den Heimweg gekleidet, mit Hut und Handschuhen. Max Reinhardt, damals 44 Jahre alt, erhebt sich zur Begrüßung kurz hinter seinem Schreibtisch, Helene Thimig, gerade 28, setzt sich mit leichtem Kopfnicken auf die Couch gegenüber. Man ist höflich miteinander.

Sie ist wieder überrascht von dem hellen Blau seiner Augen, dem nasalen, leicht vibrierenden Klang seiner Stimme. Er schaut sie lange an. Und bittet sie dann, sie möge ihre Handschuhe ausziehen.

Das war nicht viel für einen erfolgreichen und erfolgsgewohnten Mann, dem die Frauen von halb Berlin zu Füßen lagen, räumt sie später ein. Doch damals ist sie überwältigt von der Erotik des Augenblicks und lehnt erschrocken ab – furchtbar verlegen!

Sie haben sich das angewöhnt, diese abendlichen Treffen zu zweit. Und die Gespräche dauern lang und länger, zuletzt ist nur noch der Portier im Haus. Helene: Wir saßen uns gegenüber und erforschten uns.

Dieser verwirrende Gleichklang, schon auf der ersten gemeinsamen Probe. Als sie zu sprechen anfängt, legt Reinhardt das Regiebuch weg und beschränkt sich aufs Zuhören. – Es war alles schon da, was er mir hatte sagen wollen. Das zeigte er mir anschließend Seite für Seite. Ich war sehr glücklich. – Gedichte, Liebesgedichte, spricht sie auf der nächsten Bühnenprobe dann nur zu ihm. Und sie wissen beide, das Entscheidende zwischen ihnen ist längst geschehen. Doch keiner spricht es aus.

Da treffen zwei sehr besondere Menschen aufeinander, Max und Helene. Er ist 1917 bereits ein international gefeierter Regiestar, hat Berlin zur Theatermetropole gemacht, und er ist ein verheirateter Mann. Mit Else Heims, der klassischen ersten Liebhaberin in seinem Ensemble, sehr weiblich, sinnlich, hat er zwei Söhne, und aus einer Affäre mit einer Sängerin eine uneheliche Tochter noch dazu.

Und auch Helene ist damals als Schauspielerin schon erfolgreich – und ebenfalls verheiratet. Eine herbe junge Frau mit flächigem Gesicht, hohen Wangenknochen, wimpernlosen Augen. Sie wirke wie aus der Gotik nach Berlin gefallen, befand Fritz Kortner; eine Mischung aus Härte und Kindlichkeit, aus Engelsstrenge und Eigensinn, schrieb ein Kritiker. Nein, ein Rasseweib, das war ich nicht, meint sie selbst. Aus einem ernsthaften Kind war eine sehr nachdenkliche Frau geworden, getrieben, allen Dingen auf den Grund zu gehen.

Entdeckt hat der Theaterdirektor sie schon Jahre zuvor, 1913, in seinem Deutschen Theater – als Zuschauerin im Parkett. Man spielt „Der lebende Leichnam“ von Tolstoi, und er schaut aus seiner Direktionsloge zunehmend fasziniert auf das Gesicht dieser blonden jungen Frau, in dem sich alles spiegelt, was auf der Bühne geschieht –Trauer, Erleichterung, Glück, Zorn, Zärtlichkeit, Liebe. Ich kann im Theater nicht stillsitzen! Mein Gesicht spielt mit, ob ich will oder nicht, da bin ich ausgesprochen kindlich, schreibt sie in ihren Erinnerungen. Sie sei eine „Thimig“, erfährt Reinhardt, vertraglich ans Berliner Königliche Schauspielhaus gebunden, und Tochter von Hugo Thimig, seinem Idol aus frühen Wiener Burgtheater-Tagen, mithin Mitglied einer der berühmtesten Schauspieler-Dynastien Österreichs. Ihr Vater hat sogar den Erzherzoginnen am kaiserlichen Hof Anstand und Etikette beigebracht.

Reinhardt stammt aus engen Verhältnissen, die Eltern, nach Wien emigrierte Ostjuden, waren stille Leute, die wenig sprachen. Von Theater oder irgendeiner anderen Kunst nicht die leiseste Spur, schreibt er in seinen „Autobiographischen Notizen“. Sein Vater, ein verkrachter Kaufmann, fasste in der neuen Heimat Wien nie wirklich Fuß. Jetzt empfängt sein Sohn, der Theaterdirektor, in einem Büro, das Besucher empfinden wie den Salon eines Monarchen. Doch seine auffallend gestreiften Anzüge, die protzige Zigarre … Helene, die Tochter aus gutem Hause, sieht das alles sofort. Später kleidet er sich auf ihren Wunsch britisch dezent, Helene liebt grauen Flanell und Krawatten nur unifarben oder getupft. Er war einverstanden, sagt sie. Das war für ihn auch so ein Abschied von früher.

Er hingegen meint beiläufig zu ihr auf einer Probe, sehr nachdenklich und so, als ob es sich tatsächlich um ein Problem handle: alle Frauen hätten jetzt so glänzende Strümpfe … haben Sie nicht auch so was? Sie trug damals, jeder Mode und jeder Anpassung abgeneigt, immer noch Zwirnstrümpfe, blickdicht. Aber am nächsten Tag erscheint sie dann doch, ihm zuliebe, in Seidenstrümpfen, während er so taktvoll ist, sie nicht merken zu lassen, dass er es merkt.

Äußerlichkeiten – aber sie zeigen, wie sie sich annähern. Er mag sie nicht ganz so blaustrümpfig; sie treibt ihm die letzten verräterischen Signale des Emporkömmlings aus. – Doch was will er eigentlich von ihr? Für ein Abenteuer ist sie die falsche Besetzung. – Ich glaube heute, dass Reinhardt auf mich neugierig wurde, als er das merkwürdige Gegensatzpaar entdeckte, das damals mein Schauspielerleben bestimmte; Naivität und Strenge gegen mich selbst. Nicht nur meine Kollegen – auch das Publikum hielt mich für unnahbar.

Sie ist überwältigt von seinem Theater. Natürlich wusste sie all das, was man von ihm erzählte: dass er den Beruf des Regisseurs, wie wir ihn heute verstehen, definiert, ja eigentlich erst geschaffen hat; dass er die Dichter, Komponisten und aufregendsten Maler seiner Zeit inspirierte und zudem die modernste Technik in seine Inszenierungen integrierte – von der Drehbühne bis zur Beleuchtung – und so Gesamtkunstwerke entstehen ließ – aus Sprache, Licht, Farbe, Musik.

Jetzt erlebt sie ihn als Schauspielerin seines Ensembles. Und ist fasziniert von seinem Handwerk. Dass er tatsächlich alles vorspielen, vermitteln, darstellen kann … sogar das Schwerste – einen Blassen, Mittelmäßigen. Nein, sie sieht ihn nicht als Magier, Zauberer, Märchenerzähler, seine Phantasie ist in ihren Augen sehr konkret, überhaupt nicht in den Wolken, gar nicht in den Wolken. Er schwebe doch nur eine Handbreit über dem Boden, nur diese paar Zentimeter – das freilich immer und verlässlich. Und mich ergriff eine ungeheure Sehnsucht nach diesem Menschen, der das nicht nur wusste, sondern lebte.

Helene lässt sich scheiden. Es geht doch gar nicht anders. Sie sagt das Paul Kalbeck, noch ein Schauspieler, nach zwei Ehejahren. Es gibt nur einen Trennungsgrund: Ich habe Max Reinhardt getroffen.

Als Max und Helene als Paar zueinanderfinden, steht er bereits im Zenit seines künstlerischen Schaffens. So eine unfassbar schöpferische Phase wie in den Berliner Jahren zwischen 1905 und 1917 wird er danach nicht mehr haben. Was hat er damals nicht alles schon verwirklicht! Seinen Shakespeare-Zyklus, die Modernisierung der deutschen Klassiker, seine Molière-Inszenierungen, mithin die Wiederentdeckung des komödiantischen Theaters für die deutsche Bühne: mit artistischen Commediadell’Arte-Improvisationen, Balletteinlagen, Schäferspielen und Musik. Dazu die Pflege der zeitgenössischen Autoren: Hofmannsthal, Wedekind, Sternheim und Strindberg; die Uraufführung des „Rosenkavaliers“ in Dresden, „Ariadne auf Naxos“ in Stuttgart, und dazwischen ungezählte Gastspiele, internationale Tourneen.

Besonders die Kriegsjahre sind für Reinhardt künstlerisch und auch wirtschaftlich die reichste Zeit. Die Berliner hungern; aber sie hungern auch nach Kultur. Der Regisseur antwortet auf den Weltenbrand auf seine Weise, er inszeniert Stücke wie „Dantons Tod“ von Georg Büchner oder „Die Soldaten“ des damals fast vergessenen Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Lenz. Und er reist, mitten im Krieg, mit der gesamten Truppe (einschließlich transportabler Drehbühne, Dekorationen, Requisiten, Kostümen) im Auftrag der Regierung nach Skandinavien und in die Schweiz, macht Werbung für deutsche Kultur im neutralen Ausland – mit „Totentanz“ und „Faust“. Die Intensität, mit der er arbeitet, macht ihn unempfänglich für die Schrecknisse der realen Welt. Er träumt von Festspielen. Städte wie Zürich, Luzern machen ihm Avancen, aber ihm geht das Engadin nicht aus dem Sinn, herrlichste Landschaft, unbegreiflicher Frieden da oben, und er baut im Geiste schon ein rätisches Patrizierhaus um, in Sils Maria, direkt am See. Da greift Helene, die neue Liebe, zum ersten Mal direkt in sein Leben ein. Sie bestärkt ihn, ein verlassenes Barockschloss in Salzburg zu erwerben: Leopoldskron. Die Wienerin drängt aus dem rauen, sich radikalisierenden Berlin, sie sehnt sich nach Österreich zurück. Und, auch nicht zu vergessen, ihr Geliebter wohnt in dieser Stadt noch immer mit Else Heims am Kupfergraben 7; zwar nicht auf demselben Stockwerk, aber mit den beiden Söhnen und viel Reinhardtscher Verwandtschaft zusammen in einem Palais. So kauft Reinhardt Mitte April 1918 das Salzburger Schloss und schreibt an Helene am selben Tag: Leopoldvertrag unterzeichnet gott schenke uns fuer dieses koestliche gehaeuse die gluecklichsten inhalte … ich liebe Dich. Damit waren die Würfel gefallen: Salzburg wurde zum Festspielort erkoren. Das klingt ungemein kapriziös, schreibt sein Sohn Gottfried später: Es war es.

Einen Monat später, der Krieg ist noch nicht zu Ende, nimmt er den Umbau des Zirkus Schumann, einer einstigen Berliner Markthalle, zum Großen Schauspielhaus in Angriff – Reinhardts Vision vom Großraumtheater. Eröffnung ist bereits im November 1919 mit der „Orestie“ – trotz Kohleknappheit, Streiks und Straßenunruhen – doch der gewaltige Bau (mit 3200 Zuschauerplätzen) erweist sich als gigantischer Flop. Das Theater der Tausenden erreicht die Massen nicht – die haben andere Sorgen. Selbst die Schauspieler fühlen sich verloren im riesigen Rund der Arena, nämlich stimmlich und körperlich überfordert. Nach drei Seiten zu spielen, sagt Helene, sei auch ihr unmöglich gewesen. Und die Intellektuellen höhnen über den Zirkusdirektor, den Reklamowitz-Klimbimski Reinhardt, wie es der Kritiker Alfred Kerr auszudrücken beliebte.

Es war eine Zeit des politischen Umbruchs, und eine entscheidende Wende auch im Leben von Max und Helene. Er grollte Berlin, dieser Stadt, die seine Träume nicht verstand. Ihm missfiel das aufrührerische Klima hinter den Kulissen, die neuen Gewerkschaften, die neuen Arbeitszeiten: und Schauspieler, die glaubten, sich ein Mitspracherecht erkämpfen zu müssen, und sich zur Mittagspause verabschieden zu dürfen - oder „zum Drehen“ beim Film. Das war nicht mehr sein Theater, seine Stadt. Dazu eine Ehefrau, die sich an ihn klammerte und eine Scheidung brüsk verweigerte. Im Oktober 1920 gab er die Direktion seiner Theater ab und ließ Edmund, seinen Bruder, der die wirtschaftliche Seite des Unternehmens verantwortete, mit allen Problemen allein zurück. Deutschlandmüde sei er gewesen, meint Helene. Er war in Deutschland „der Reinhardt“ geworden, aber Österreicher geblieben. … Mit geringer Übertreibung darf ich sagen: Reinhardt hat die Berliner nur als Zuschauer geschätzt.

Im August desselben Jahres hatte er den ersten „Jedermann“ vor dem Salzburger Dom aufgeführt – trotz aller Hindernisse und Bürgerproteste –, in einer noch immer von bitterer Nachkriegsnot geprägten Stadt. Er war sich seiner sicher: Ich glaube, dass Salzburg, vermöge seiner wundervoll zentralen Lage, seiner landschaftlichen und architektonischen Pracht … dazu berufen ist, ein Wallfahrtsort zu werden für die zahllosen Menschen, die sich aus den blutigen Gräueln dieser Zeit nach den Erlösungen der Kunst sehnen, schreibt er in einem Brief.

Noch war Leopoldskron nicht fertig restauriert, die Bibliothek nicht eingebaut. Aber nach der „Jedermann“-Premiere strahlt der Marmorsaal schon im Goldlicht ungezählter Kerzen. Und zum festlichen Souper spielt ein Streichquartett Mozart – genau so würde Reinhardt seine Gäste die kommenden achtzehn Jahre verführen: mit Stilgefühl, Großzügigkeit, Eleganz. – Als Helene den Regisseur Reinhardt kennenlernte, hielt sie ihn für einen Weltmann und Charmeur. Damals ahnte ich nicht, was für ein scheuer komplizierter Mensch er war. Zu Beginn des Jahres 1923 zieht Reinhardt denn auch eine zutiefst pessimistische Bilanz. So dick in undurchsichtigen Wolken bin ich noch nie gewesen. Von allen Seiten drohen Gewitter. Und Helene, seine Seelenverwandte, wächst in ihre neue Rolle hinein: Sie wird sein Halt.

Bei genauem Hinsehen ist das Leben des gefeierten Künstlerpaars schon Anfang der zwanziger Jahre voller Unruhe, ein steter Kampf. Die Berliner Theater laufen ohne Reinhardt schlecht. In Wien, beider Sehnsuchtsziel, bietet sich kein Theater an. Die Salzburger Festspiele, so glücklich begonnen, scheinen in einem Gemenge aus Intrigen und Geldmangel unterzugehen. Und aus Amerika, er möchte dort den Londoner Erfolg seines Pantomimen-Spiels „Mirakel“ wiederholen, kommt keine Reaktion. Dabei liegt dort, nur dort, wie ich glaube, der Schlüssel zur Freiheit. Das schreibt er bereits damals an Helene. Und noch etwas schreibt er ihr, damals im Februar 1923: Ich bitte Dich, habe Geduld mit mir, und halte Dich fest in meinem schwerbeladenen Kahn, der von der Zeit hin- und her geschleudert wird. Halte Dich fest an mich, halte mich fest. – Und sie? Sie ist glücklich. Weil ich weiß, dass sich in Dir all meine Begabung zur Liebe erfüllt … Und schreibt ihm im April desselben Jahres die schönsten Liebesbriefe: Du bist mein Durst – ich weiß nicht, womit ich diese Sehnsucht vergleichen soll. Nie gekannt. O komm! – Gib mir Deine hohle Hand, dass ich mein Gesicht hineinlege.

Doch ein Rest Distanz, ein Quäntchen Scheuheit bleibt. Sie sprechen sich nie mit dem Vornamen an, zärtliche Anreden in ihren Briefen kürzen sie ab. Ganz selten kommt es vor, dass Reinhardt die erste Zeile ausschreibt. Gute, Sorgliche, Zarte, Verschreckte, Gescheite, S. …, Jähzornige, Scheue, Liebe! Das „S“ steht für „Süße“. Helene: Aber es war ihm ganz unmöglich das auszuschreiben. Er hielt das für plumpe Vertraulichkeit, für eine Art Rohheit.

Sie sind ein besonderes Paar. Und sie führen eine ungewöhnliche Beziehung. Ihr gemeinsames Leben ist von Anfang an von Heimlichkeiten bestimmt. Im Schloss schlafen sie in zwei gesonderten Trakten. Selbst auf privaten Einladungen gibt Helene nie die Hausherrin; sie ist elegant, mädchenhaft, distanziert – und von allen respektiert; aber sie hält sich immer im Hintergrund, spielt immer Gast unter Gästen. Er redet sie nie mit dem Vornamen an, sie spricht von ihm als „Professor Reinhardt“. Bei offiziellen Anlässen sehen sich Max und Helene nicht an, sie berühren sich nicht, benehmen sich wie Fremde. Er will ein Kind von ihr. Doch sie will warten bis zur Scheidung. Sie möchte kein Kind, das mit den Söhnen von Frau Heims zu konkurrieren hat. Sie nennt sich selbst eine Schattenfrau. Sie will nicht auch noch ein Schattenkind.

Am 31. Juli 1931 mieteten sie ein Haus in Riga. Die dortigen Behörden, hatten sie erfahren, würden auch gegen den Willen eines Ehepartners eine rechtsgültige Scheidung aussprechen. Was für eine Hoffnung. Damals war Ehebruch noch eine Straftat. Sie stehe also dauernd mit einem Bein im Gefängnis, klagte Helene einmal. Und beide begannen gerade aufzuatmen und sich ein Leben ohne Anwälte und Schriftsätze, ohne Bitt- und Drohbriefe, ohne Angst vor Skandalen und Prozessen auszumalen, da erfuhren sie in Berlin, die lettische Scheidung würde in manchen Ländern, darunter in den USA, nicht anerkannt werden. Der monatelange Aufenthalt, alle Hoffnung und Mühe waren somit vergebens gewesen; nur das Theater von Riga war um drei außergewöhnliche Inszenierungen reicher.

Erst vier Jahre später, 1935, gelang Reinhardt die endgültige Trennung von Else Heims. In einem Nest an der amerikanischmexikanischen Grenze. In dieser Nacht schlafen Helene und Max zum ersten – und letzten – Mal in einem Doppelzimmer. Sie bleiben freilich die ganze Nacht über, voll angekleidet, auf schäbigen Stühlen sitzen – der Bettwanzen wegen.

Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr, als durch die Kunst. Dieses Goethe-Zitat, meinte Helene, umschreibe das Leben ihres Mannes wie kaum ein zweites. Gemeinsam erlebten sie eine zweite Blütezeit in Berlin. Edmund hatte den Bruder zurückgeholt und einen Theaterkonzern geschmiedet. Zeitweilig bespielten die Reinhardt-Bühnen zehn Spielstätten zwischen Berlin und Wien, auch in ihrer Heimatstadt besaß man endlich ein eigenes Haus, das „Theater in der Josefstadt“ leuchtete seit 1924 in Reinhardtschem Glanz. Und sogar in Salzburg ging das Fest weiter. Große Gönner wie der Fürsterzbischof Ignaz Rieder und Franz Rehrl, der Landeshauptmann, sorgten für den Fortgang der Festspiele.

Max Reinhardt ist weiterhin, wie der Freund Carl Zuckmayer es umschrieb, von Menschen, Leuten, Persönlichkeiten aller Art umschwärmt, umdrängt, umjubelt – aber er bleibe dabei eine zutiefst einsame Gestalt. Selbst bei glücklichsten Sternen und herrlichster Entfaltung habe an ihm immer ein Zug von tragischer Größe gehaftet, von Vollendung zu Vollendung nach dem Unvollendbaren strebend.

In Leopoldskron blieb er der Hausherr im Hintergrund. Leopoldskron war sein Spiel, eine bis heute faszinierende Inszenierung, aber an der Gesellschaft, die sein Majordomus, Rudolf Kommer, sommers anschleppte, fand er wenig Gefallen. Er lebte auf bei nächtlichen Gesprächen mit Künstlerfreunden in der Bibliothek. Und auch Helene lehnte Small Talk ab. An Schüchternheit hat sie ihren Mann tatsächlich noch übertroffen. Sie verachtete und fürchtete zugleich diese gewisse Gewandtheit, das gesellschaftliche „Getue“. Leer und wie ausgelaugt fühle sie sich nach einem Abend mit läppischen Gesprächen.

Am nächsten Morgen fand sie dann seine Nachtbriefe unter der Tür – mit Aufgaben für den Tag, mit Liebeserklärungen und Terminplänen. Die schrieb Reinhardt, sobald seine Gäste in der Bibliothek gegen vier Uhr früh gegangen waren.

Gusti Adler, die kluge, umsichtige Sekretärin, und Helene Thimig, die liebende Gefährtin, hat er nach und nach zu Mitarbeiterinnen gemacht. Sie dienten ihm, jede auf ihre Weise, und er nahm das als selbstverständlich hin. Während seiner Morgentoilette musste Helene Briefe öffnen. Manche hat sie ihm vorgelesen. Anzug und Krawatte hatte sie für ihn dann bereits ausgewählt. Da er ungern telefonierte, bekam sie die Gespräche des Tages übertragen.

Er beherrscht sie. Und die bisher so selbstbestimmte eigenwillige Schauspielerin lässt sich beherrschen. Etwas Derartiges hatte ich nie vorher erlebt. Etwas Derartiges habe ich nach Reinhardt auch nie wieder erlebt. Und sie räumt ein: Ich vergaß mich, denn Reinhardt war allgegenwärtig in mir. Er war der Stärkere.

Er besteht sogar darauf, dass sie in Gesellschaft die gleiche Meinung wie er vertreten müsse. Da ist er unerbittlich. Und obwohl sie von der Notwendigkeit dieser geheuchelten Auftritte nicht überzeugt ist, fügt sie sich. Reinhardt dieser durch und durch unbürgerliche Mensch, war in diesem Punkt ganz Konvention.

Sie haben Krisen, sie haben ihre Affären. Reinhardt ist eifersüchtig. Nach den Proben schickt er ihr eine Limousine vorbei. Sie soll nicht mit Kollegen im Kaffeehaus sitzen. Er mag sie eigentlich überhaupt nicht teilen. Es kostet ihn tatsächlich Überwindung, sie Schauspielerin bleiben, sie am Theater zu lassen.

Er selbst reist nach wie vor in großem Stil. Mit seinen gut bezahlten Gastspielen subventioniert er seine Berliner Theater. Er lässt Helene wochenlang allein und schreibt dann die innigsten Briefe, Briefe voller Sehnsucht und Qual. Warum bist Du nicht da, nicht da, hier bei mir, in meinem Zimmer … Und wenn Du mich quälen musst, weil das offenbar die Liebe ist, warum gibst Du mir nicht auch die Lust, warum lässt Du Dich nicht fassen, packen, küssen …

Ein paar Mal büxt sie aus, verliebt sich in einen Bühnenpartner (den der Regisseur Reinhardt sofort ersetzt), aber als größten Treuebruch empfindet er, als sie gegen seinen Willen die Rolle von Goethes Iphigenie übernimmt. Eine Rolle, die ihr, wie er findet, nicht steht, in einem Stück, das ihm nicht liegt. Doch sie zieht das durch – mit einem anderen Regisseur – und auch noch mit Erfolg. Der Triumph, den sie erzielt, gibt ihr recht. Reinhardt verzeiht ihr das nie (wie sich in einem Brief noch im Dezember 1942 zeigt).

Er hingegen ließ sich die schwärmerische Liebe, mit der ihn die flirrend schöne Eleonora von Mendelssohn verfolgt, ganz gerne gefallen. Vielleicht war er sogar gerührt, geschmeichelt – so zart, zerbrechlich und gefährdet sie war, diese überspannte, labile, am Ende morphiumsüchtige Freundin. Die war wirklich ungeheuer lästig und immer bemüht, sich zwischen mich und Reinhardt zu drängen, schreibt Helene in ihren Erinnerungen. Der Begriff „Stalken“ war da noch nicht erfunden.

Wie bedrängt sich Reinhardt fühlte, als er die damals 21jährige Eleonora zu seiner Überraschung in seinem geräumigen Salonwagen vorfand – er war Ende Oktober 1921 auf dem Weg zum „Traumspiel“ nach Schweden – wissen wir nicht. Nur, dass sie über Stunden ungestört waren. Das hatte Else Heims organisiert, um über ihre Rivalin Thimig zu triumphieren.

Ganz aus seinem Leben wird Eleonora dann nicht mehr verschwinden. Bei der dritten Premiere im „Theater in der Josefstadt“, da wird am 16. April 1924 Hofmannsthals Lustspiel „Der Schwierige“ gegeben, stellt er Helene, die feste Geliebte, und Eleonora, die gelegentliche Geliebte, gemeinsam auf die Bühne. Auch im August 1931, bei der Reinhardt so wichtigen Eröffnungspremiere seines Leopoldskroner Gartentheaters mit Shakespeares „Was ihr wollt“, darf Eleonora neben Helene (als Viola) die Olivia geben.

Helene fand das – pikant. Aber sie tolerierte auch das. Vielleicht, weil sie sich ihrer Hauptrolle an der Seite von Max sicher sein durfte; vielleicht auch, weil sie wusste, wie hilfsbereit die Kollegin aus der legendären Berliner Mendelssohn-Bankiersfamilie bei Bedarf sein konnte. Als die finanzielle Situation im Schloss immer angespannter wurde, erlebte sie, wie Eleonora (gemeinsam mit Alice von Hofmannsthal, geborene Astor) den Lebenskünstler Reinhardt vor dem Zugriff von Gerichtsvollziehern schützte. Ein Teil der Schloss-Einrichtung war fortan, pro forma, in Eleonoras Besitz.

Finanzielle Sorgen werden Reinhardt belasten bis zum Lebensende. Alles lief gut, solange Edmund, der geliebte Bruder, sein Vermögen verwaltete. Tatsächlich organisierte Edmund sogar das Privatleben von Max, er kaufte oder mietete dessen Wohnungen und Häuser, er zahlte für dessen Autos, engagierte die Angestellten, und, das vor allem, er bezahlte jede Rechnung. Für die kleineren täglichen Ausgaben erhielt Max von seinem Bruder Taschengeld. Gottfried schrieb später über seinen Vater: Dass die exzessive, bis zur Selbstentmündigung gehende Anlehnung an einen anderen Menschen sich rächen musste, sobald dieser Mensch nicht mehr da war, liegt auf der Hand.

1929 ist nicht nur das Jahr der Weltwirtschaftskrise – es ist auch Reinhardts schwärzestes Jahr. Er musste den wichtigsten Bruder, Edmund, und den wichtigsten Freund, Hugo von Hofmannsthal, begraben. Darüber hinaus fiel auf ihn die Verantwortung für einen Konzern, den zu leiten er selbst in besseren Zeiten weder willens noch fähig gewesen wäre. Als die Berliner ihn am 30. Mai 1930 hochleben lassen – für 25 Jahre Direktion am Deutschen Theater – Beifallstürme, Champagnerstimmung –, war der Untergang bereits abzusehen. Zwei Jahre später gab Max Reinhardt seine hoch verschuldeten Theater auf. Reinhardt scheitert in Berlin – den Rest erledigen die Nationalsozialisten.

Ausgerechnet in Venedig, für Max und Helene Traumstadt und Sehnsuchtsort, erfahren sie dann einmal mehr, wie abhängig sie inzwischen von den politischen Verwerfungen ihrer Zeit geworden sind. Selbst er begriff es, dem es bisher so gut gelungen war, die Wirklichkeit auszublenden. Das war am 25. Juli 1934, Dollfuß ermordet, und die österreichisch-italienische Grenze vorübergehend geschlossen. Sie saßen in der Traumstadt fest. Von außen sahen wir plötzlich Dinge, die wir im Lande selbst nicht wahrgenommen hatten, erinnert sich Helene. Plötzlich fühlten sie sich in ganz Europa nicht mehr sicher.

So verwundert nicht, dass Reinhardt sich schon am Ende desselben Jahres eng an Amerika bindet. Im Herbst 1934 brechen sie nach Amerika auf. Helene hasst die Schaukelei auf den Ozeanlinern, aber sie genießt das Zugfahren, die tage- und nächtelangen Bahnfahrten im bequemen Abteil durch den Kontinent, von New York bis nach Los Angeles. Was für Muße, Komfort, Lesestunden, Sonnenuntergänge. Nein, diese Züge waren schon was Herrliches. Dann feiert Reinhardt auch noch einen spektakulären Erfolg in der „Hollywood Bowl“ mit seinem vierzehnten „Sommernachtstraum“. Ein Event – es kamen an zehn Abenden jeweils über 10 000 Besucher –, das Gottfried als dessen größten künstlerischen und materiellen Erfolg bezeichnet. Und genau zur Jahreswende 1934/35 beschließen sie, in Amerika sesshaft zu werden. – Erst in dieser Brief-Edition wird klar, wie fest er damals schon seine Zukunft in den USA plante. Emigration 1934, mit Abstechern jeden Sommer nach Österreich bis 1937, notiert Gottfried. Seinen Vater, den man heute so eng mit Salzburg verknüpft, hielt es in Leopoldskron ohnedies nur ein paar Sommerwochen im Jahr. Selbst seinen Urlaub verbrachte er lieber am Meer oder im Schnee. Und auch künstlerisch hatte er seit seinem „Faust“, 1933 in der Felsenreitschule, in der Festspielstadt nicht mehr viel bewegt.

Nach dem Überraschungserfolg des „Sommernachtstraums“ in der „Hollywood Bowl“ waren die Film-Tycoons dem Künstler aus Europa gewogen. Rund 600 000 Dollar sollen die Warner Bros., laut Gottfried, seinem Vater gezahlt haben, für drei Filmprojekte (von denen dann nur der „Sommernachtstraum“ verwirklicht wurde), das entspricht heute einer Kaufkraft von etwa 9 Millionen Euro. Davon hat sich Reinhardt am Maravilla Drive 2201 in den Hügeln von Hollywood eine Prachtvilla im spanischen Stil geleistet; Anfang 1937 stellt er bereits einen Bauantrag für den Umbau einer „Pflanzen-Plattform“ in den Gartenanlagen – im Wert von mehreren hundert Dollar.

Eine letzte Premiere in Wien. Am 5. Oktober 1937, Uraufführung von Franz Werfels „In einer Nacht“. Anton Edthofer und Helene Thimig stehen gemeinsam auf der Bühne. Drei Wochen noch, dann würde sie Reinhardt, der gleich nach der Premiere abgereist ist, nach Hollywood folgen. – Oder doch bleiben? Sie ist verzweifelt. Die Zeiten haben sich weiter verdunkelt.

Und im Gegensatz zu Reinhardt ahnt sie, dass es von Wien ein langer Abschied sein würde. Das geliebte Österreich verlassen! Und all das, Charme, Tradition, Kultur, sieht sie in dem Österreicher Edthofer verkörpert. Diese leichte, elegante Art, sich zu bewegen … Er war wirklich eine bezaubernde Erscheinung.

Doch das Band zwischen Helene und Max erweist sich als fester. Wir waren innerlich so glücklich verwandt und wir haben dermaßen denselben Geschmack gehabt, schreibt sie einmal. Sie versteht ihn einfach besser als alle anderen. Und wer, wenn nicht sie, weiß es – er braucht sie.

Reinhardt reist 1937 nach Amerika mit der Attitüde eines Stars. Er fährt ja nicht ins Ungewisse. Er kennt die USA, für ihn ist es das Land der mächtigen Freunde, der allgewaltigen Finanziers, das Land seiner Erfolge: Tourneen mit dem „Mirakel“ von Boston bis nach San Francisco, ein umjubeltes New Yorker Gastspiel mit den Berliner und Wiener Reinhardt-Bühnen, der „Sommernachtstraum“ in der „Bowl“. Am 8. Oktober 1935 hat er bereits bei einem Galadinner im „Waldorf Astoria“ vor großem Publikum verkündet, er wolle US-Bürger werden. Und LaGuardia, New Yorks Bürgermeister, ruft Reinhardt, dem Ehrengast des Abends, zu: Sie haben Europa genug gegeben, und Europa hat Ihnen nichts mehr zu geben. Amerika alles. Amerika braucht und erwartet Sie. – Da kommt man nicht an als Emigrant.

Von bösen Vorahnungen, schreibt Gottfried, sei sein Vater schon früh erfüllt gewesen. Das Theaterstück dieses Lebens ende ja immer unglücklich, habe er prophezeit, ein Happy End gebe es nur auf der Bühne … Doch jetzt, in der Zeit zwischen 1938 und 1943, war nicht nur das Wirtschaftsklima in Amerika ein völlig anderes, jetzt verfolgten ihn auch Pech und Unglück geradezu. Und es rächt sich seine Vertrauensseligkeit – er fiel auf betrügerische Anwälte herein –, es rächen sich auch seine mangelnden englischen Sprachkenntnisse sowie sein Unvermögen, besser: seine Unwilligkeit, sich auf das amerikanische Theatersystem einzulassen.

Auch in Europa ist er ja oft missverstanden worden. Gottfried hat das mal aufgelistet. Für Ästheten war er der Showman, der Mann der grellen Effekte; für die Linken der elitäre Möchtegern-Aristokrat; in Wien galt er als gelernter Preuße, in Salzburg als Berliner; in Berlin als die Personifizierung von allem Österreichischen. In ganz Europa: als Importeur des amerikanischen Kommerzialismus. In ganz Amerika: als sehr spezieller, komplizierter europäischer Intellektueller. Freund und Feind, jeder konnte ihn für sich in Anspruch nehmen. Aber in Hollywood kam ein Totschlagargument hinzu: Nach dem sündhaft teuren, wenig erfolgreichen „Sommernachtstraum-Film“ galt Reinhardt fortan als Kassengift.

Der Briefwechsel zeigt, wie zunehmend bedrückend das Leben des großen Zauberers wird. In Pacific Palisades, das Prachthaus in den Hügeln von Hollywood ist längst verkauft, zieht er sich immer mehr zurück. Und führt sein Künstlerleben. Wenn Helene am frühen Abend aus dem Workshop, der gemeinsamen Schauspielschule, kommt, ist er gerade mit dem Frühstück fertig. Dann gehen sie lange spazieren. Nach dem Abendessen – für ihn ist das der Mittagslunch – arbeitet er bis sechs, sieben Uhr in der Früh. Bis zwei oder drei Uhr nachts sitzt sie neben ihm, ab und an liest er ihr etwas vor, dann nickt sie ein. Um neun Uhr morgens muss sie wieder in der Schule sein.

Je länger das Exil andauert, umso klarer wird, dass sich Helene den Härten des Alltags stellt, und Max vor den Realitäten flüchtet. Ich kann ohne die reale Unwirklichkeit des Theaters schwer atmen, und die unwahrscheinliche Wirklichkeit unserer Zeit macht es mir noch schwerer, gesteht er Gottfried, dem Sohn. Helene verfeinert ihr Englisch, genießt die täglichen Autofahrten, wächst in ihre neue Rolle als Schauspiel-Lehrerin und Regisseurin hinein, fühlt sich zuletzt sogar als Darstellerin in der fremden Sprache zuhause.

Etwas, das mir in dieser Zeit half, nicht ganz so unglücklich zu sein wie zu Beginn: Ich hatte seit langem zum ersten Mal das Gefühl, Reinhardt helfen zu können, wirklich helfen zu können. Organisatorisches musste ich ihm ja schon immer abnehmen; in Berlin, Wien und Leopoldskron … Aber was war das im Vergleich mit meiner „Statthalterschaft im Workshop“. Und Reinhardt ließ sie fühlen, wie sehr er ihre Arbeit schätzt.

Als es um ihn immer leerer und leerer wurde, begann er zu klagen. Über Flimmern vor den Augen, er fühle einen Ring um den Kopf. Da sei etwas zum Vorschein gekommen, meint Helene, das nicht habe ausbleiben können, er habe in seinem Leben viel zu viel Ärger geschluckt. Er war jahrzehntelang ein Mensch, der seiner Freude und seinen Träumen nachging – aber um welchen Preis. Denkt man an die unzähligen Anstrengungen und Aufregungen … Er war ein Gemarterter.

Ein einziges Mal habe er einen Wutanfall, einen furchtbaren Wutanfall bekommen, er brüllte, als wenn er das Haus zertrümmern wolle. Plötzlich sah sie, was er alles unterdrückt hatte. Er, der nie ein lautes Wort verloren hatte, zeigte plötzlich seine ganze Qual. Ich war zu Tode erschrocken, schreibt Helene. Ich hatte keine Sprache mehr.

Dann, von Mai 1942 an, kämpfen sie an verschiedenen Fronten. Sie bewirbt sich um Rollen beim Film, er sucht in New York nach Verbündeten für ein Ensemble-Theater. Früher sei er fern von ihr gewesen, weil er zu viel, jetzt, weil er zu wenig Arbeit hatte. Wir beide befanden uns – Reinhardt in New York – ich in Hollywood – in fast krankhafter Gespanntheit und Überspanntheit.

Nach der Schließung des Workshops überwindet sie sich und fragt in Los Angeles beim Labor-Office um Arbeitslosenhilfe an. Er geht in New York immer noch mal lunchen, ins „21“ oder ins „Voisin“ – und sie schreibt: bitte nicht mit Eleonora. Diese erweist sich mittlerweile als Engel der Emigranten; der dritte Ehemann ist ihr bereits wieder abhandengekommen, aber Mendelssohn-Vermögen ist noch vorhanden (gerade hat sie van Goghs „Schwertlilien“ veräußert; noch besitzt sie Manets „Hafen von Bordeaux“).

Max und Helene im Exil: Sie haben noch keine Mobiltelefone, ihre Hilferufe kommen per Telegramm. Und ihr täglicher Kampf ums Überleben spiegelt sich in ihren Briefen. Was hat er früher für großartige Reden geschrieben, Sätze über die Schauspielkunst, wie in Stein gehauen, bis heute werden sie zitiert. Jetzt berichtet er über Verträge, mögliche Geldgeber, Darlehen, Prozente und Prozesse. Helenes Verzweiflung steht zwischen den Zeilen. Ihre Briefe werden immer hastiger, flüchtiger, verhuschter, wenn sie ihm die Verpfändung von Möbeln, Miet- und Lohn-Verpflichtungen oder die Vorzüge eines eigenen Gemüsegartens erklärt. Manchmal steht da auch nur: Ich habe gerade noch 3 Dollar. Sie schreiben sich kaum über große Politik. Die Probleme des Alltags wiegen zu schwer.

Er flieht, was Wunder, in die Schönheit. Dekoriert Häuser wie Theaterbühnen, in der Phantasie. Wir haben Tage und Nächte damit verbracht, Bilder durch das gesamte Schloss zu tragen, bis wir den richtigen Platz dafür fanden; wir haben bis in die frühen Morgenstunden Möbel arrangiert und wieder umarrangiert, bis der Eindruck perfekt war … So erzählt Helene über ihre gemeinsame Zeit in Leopoldskron. Jetzt interessieren sie seine Einrichtungs-Vorschläge nicht mehr, weiß sie doch, dass er nicht annähernd über so viel Geld verfügt, um die Häuser, die er schreibend vereinnahmt, zu mieten, geschweige denn zu kaufen; mitunter reagiert sie schon gar nicht mehr auf seine begeisterten, detailverliebten, ohnmächtigen, harmoniesehnsüchtigen Briefe, oft dreißig, vierzig Seiten lang.

Und er leidet unter ihrem Schweigen, leidet unter ihrer räumlichen Trennung. Am 10. Dezember 1942 kann er nicht mehr, mag er nicht mehr. Er schreibt: Wenn wir nun nur existieren können, indem wir getrennt arbeiten und getrennt leben, so ist das im besten Fall vielleicht ein Weg zur Existenz, aber es ist zugleich bestimmt ein Weg zur Trennung. … Wir müssen uns doch klar werden, wozu das führen soll. Ist das eine Warnung? Ist er so tief verletzt? – Dann, ein Gedankenstrich – es folgt ein neuer Absatz: Inzwischen ist eben Dein Telegramm gekommen … ich bin natürlich trotz allem, allem selig, dass Du kommen kannst …

Und er setzt den Brief fort, als habe niemals etwas ihre Beziehung trüben können – mit Bestellungen! Eigentlich habe er ja Behrman bitten wollen, einen Koffer mit Wintersachen für ihn aus Hollywood ins kalte New York mitzubringen, aber nun könne es sie ja tun. Den Pelzmantel brauche ich wohl kaum. … Aber alle Sachen zum Gehen hier draußen. Windjacken, Regenmäntel, alte Winterröcke (ich habe hier nur zwei Mäntel, den grauen Sommerüberzieher und den schwarzen Tuchmantel, den ich jetzt immer trage, obwohl er eigentlich nur für Abendausgänge gedacht war …). Packe ein, was noch wirklich ganz und brauchbar ist, vor allem den guten Frack, Frackhemden und Zylinderhut (der beste, der da ist), Westen, weiße Krawatten …

Welch ein Stimmungsumschwung. Die Welt scheint – für ihn – gerade mal wieder in Ordnung. Helene steht ihm wieder zu Diensten. Aber eigentlich überrascht das nicht. Es zeigt seine Egomanie genauso wie seine Einzigartigkeit.

Sibylle Zehle

Alle nicht besonders gekennzeichneten Zitate sind folgenden Büchern entnommen:

Reinhardt, Gottfried: Der Liebhaber. Erinnerungen seines Sohnes Gottfried Reinhardt an Max Reinhardt, Droemer Knaur, München – Zürich 1973. (GRM)

Thimig-Reinhardt, Helene: Wie Max Reinhardt lebte … eine Handbreit über dem Boden, Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt/M. 1975. (HTM)

Die SS Normandie vor Manhattan: „Ich liebe diese Stadt, ich liebe ihr ewig junges Antlitz, ich liebe ihre hohe Gestalt …“ (MR)

Der Erfolgsregisseur bei der Ankunft: Er kennt New York, die Stadt hat ihn gefeiert. Da kommt man nicht als Emigrant …

Kabel, MR an HT

1. November 1937

An: SS Normandie

 

Von: Hollywood

 

REISE GLÜCKLICH. LASSE WEISGAL NEW YORK GEPÄCK ERLEDIGEN. SEI FREUNDLICH. SEHNSÜCHTIGST. DEIN

2.2.1.335

Kabel, MR an HT

8. November 1937

An: SS Normandie

 

Von: Hollywood

 

GRÜSS DICH GOTT. TELEGRAFIERE ABFAHRT, ZUG ANKUNFT. KOMM, KOMM. DEIN

2.2.1.338

Kabel, MR an HT

10. November 1937

An: SS Normandie

 

Von: Hollywood

 

IM GEGENWÄRTIGEN, SEEKRANK MACHENDEN, ZUGLEICH LEBENSGEFÄHRLICHEN AUF- UND NIEDERSCHWANKEN HIESIGER ENTSCHEIDUNGEN ATME ICH UNSAGBAR FROH AUF, DASS DU, MEINE EINZIGE SICHERHEIT, IMMER NÄHERKOMMST.

2.2.1.339

Ein Statement – die Schauspielschule am Sunset Boulevard 5939. „Max Reinhardt Workshop of Stage, Screen and Radio“.

Logenplatz über Los Angeles: die erste Villa der Reinhardts am Maravilla Drive 2201 in den Hügeln von Hollywood.

DAS JAHR 1938

DAS IST WIRKLICH EIN SONDERBARES LAND

Helene Thimig am 4. Dezember 1938

Alle Spuren seiner Theaterarbeit, die Reinhardt seit 1938 im Exil hinterließ, zeigen, dass diese für ihn keinen neuen Beginn, sondern vielmehr die Kontinuität seines Lebenswerkes bedeuten sollten. Festspiele in Kalifornien – wie in Salzburg, Theaterschule in Hollywood – wie in Berlin und Wien, ein „permanentes“ Theater in New York – wie seine Berliner und Wiener Bühnen. Es waren Grundpfeiler seines künstlerischen Denkens und Wirkens.

Bereits kurz nach seiner Ankunft in New York begann Reinhardt, großzügig zu planen. Die von ihm 1934 mitbegründeten Kalifornischen Festspiele sollten nicht nur weitergeführt, sondern zu einem kulturellen Zentrum ausgebaut und mit einer Schauspielschule verbunden werden. Darüber hinaus sollten die Inszenierungen auf Tournee geschickt werden, um sich beispielsweise in New York mit dem dortigen Theaterbetrieb zu verbinden und auf diese Weise eine Dependance zu ermöglichen.

Der Plan sollte aus mehreren Gründen scheitern. Doch die Idee nahm Reinhardt 1942 wieder auf, als sich für ihn die Frage nach einem „permanenten“ künstlerischen Theater in New York stellte. Um den Weiterbestand der Festspiele zu sichern, hoffte Reinhardt mit einer Inszenierung von Goethes „Faust“ im „Pilgrimage Theatre“ – eine Freilichtbühne in den Hügeln von Los Angeles – an seine ehemaligen Erfolge bei den Festspielen („Sommernachtstraum“ 1934) anzuschließen. Nach dem Vorbild seiner Salzburger „Faust“-Inszenierung (1933–1937) ließ er wieder eine mittelalterliche Stadt als Bühne errichten. Nach der erfolgreichen Premiere in Anwesenheit vieler Filmstars aus Hollywood wurden die Vorstellungen prolongiert. Reinhardt erhielt keine weiteren Angebote für die Festspiele, die mit dem Eintritt Amerikas in den Weltkrieg aufgelöst wurden.

Dafür ließ sich sein zweiter Plan, das Schulprojekt, schneller, besser und anfänglich auch vielversprechend realisieren, da einige wichtige Sponsoren der Festspiele, darunter Harry Chandler (Besitzer und Herausgeber der „Los Angeles Times“ und Förderer der Festspiele seit ihrer Gründung 1934), ihre Unterstützung zusagten und die Zugkraft des Vorhabens durch den Namen Reinhardt gewährleistet schien.

Ein ausführlicher Prospekt informierte über Zielsetzung, Aufbau, Organisation, Stundenplan und Lehrkörper – darunter einige gewichtige Namen der Filmindustrie. Eröffnet wurde der Workshop (Max Reinhardt Workshop of Stage, Screen and Radio) am 7. August 1938 in einem angemieteten Gebäude der Columbia Radiogesellschaft am Sunset Boulevard 5939 mit einer Reinhardt-Inszenierung von „Sister Beatrice“ (Maeterlinck).

Von Anfang an war Helene Thimig an der Entwicklung des Workshops maßgeblich beteiligt, die ihren Aufgabenbereich sowohl im Unterricht als auch in der Aufführungspraxis sah. In ihrer Regieführung bewährte sie sich als ausgezeichnete Pädagogin. Ihr besonderes Interesse galt den Gesellschaftsstücken und der modernen amerikanischen Dramatik.

Im Herbst 1938 entstand auf Grund der freundschaftlichen Beziehung zwischen Reinhardt und dem Dichter Thornton Wilder nach der Vorlage von Johann Nestroys „Einen Jux will er sich machen“ ein neues Theaterstück: „The Merchant of Yonkers“. Das „Guild Theatre“ in New York hatte die Uraufführung angenommen und Herman Shumlin, selbst Regisseur und überaus korrekter Theatermann, als Produzenten eingesetzt, was bezüglich der Zusammenarbeit nicht reibungslos verlief. Reinhardts gewohnte Arbeitsweise wurde durch ein rigoroses Budget eingeschränkt, was ihm bei der Wahl des Theaters, der Ausstattung, der Engagements und der Mitarbeiter keinen Spielraum ließ. Reinhardt musste sich auf eine neue, ihm bis dahin unbekannte Arbeitssituation einstellen. Möglicherweise war dies auch einer der Gründe, weshalb sich die Wirkung dieser bezaubernden Farce nicht entfalten konnte. Die Vorpremiere fand am 12. Dezember 1938 im „Colonial Theatre“ in Boston, die eigentliche Premiere am 28. Dezember 1938 im „Guild Theatre“ in New York statt. Nach nur 39 Vorstellungen musste die Inszenierung abgesetzt werden.

Edda Fuhrich

Wieder eine „Faust“-Stadt: MR mit dem Bühnenbildner Nicolai Remisoff vor dessen Modell für das Pilgrimage Outdoor Theatre.

Glanzvoller Premieren-Abend: Ovationen für den „Faust“ auch im Civic Auditorium von San Francisco – vor 5000 Zuschauern.

Keine MR-Premiere ohne Umbau: Hier packen eine WS-Schülerin und selbst der „Faust“ (Conrad Nagel) auf der Outdoor-Bühne mit an.

Brief, HT an MR

11. November 1938

L. A.

Freitag

M. G.! Dieses sogenannte „Leben“ erinnert mich oft an diesen Moment in meiner Kindheit – der mich jahrelang Furcht vor dem tiefen Wasser gekostet hat – als ich bei meinem ersten freien Schwimm-Unternehmen von einem 100 Kilo Weib, das nicht schwimmen konnte, drei Mal unter das Wasser gedrückt wurde, bis ich ohnmächtig herausgezogen werden musste. Du hast mich viel später von dieser Furcht befreit, was für mein ganzes Leben nicht bloß ein Symbol geblieben ist. Aber es hat zur Folge, dass ich halt immer wieder in dem Schnappen nach Luft – eben nach Dir greife! […]

R6758

Kabel, MR an HT

12. November 1938

Von: Chicago

 

An: Maravilla, Hollywood

 

GELIEBTE – BIS HIERHER HABEN ICH UND MICKEY1 BEINAHE DURCHGESCHLAFEN, VON DIR GETRÄUMT, WIE SCHRECKLICH DU UNS HIER [IN] CHICAGO FEHLTEST, KANN ICH NUR MÜNDLICH ERZÄHLEN. DEIN

2.2.1.342

Brief, HT an MR

[12. November] 1938

 

Samstagabend

M. G.!

das ist noch kein richtiger Brief. Ich habe grade so viel geschrieben, an [Thornton] Wilder. In Deutsch, ich hoffe, er kann es lesen. Seitdem Du weg bist, hab’ ich wirklich viel gemacht – wie eine echte business woman. Alle Gespräche mit [Charles] Lindsley, [Shelby] York2, Meeting, Organisation des Workshop Boards, Bearbeitung und Zusammenziehung vom „Schwierigen“, [mit] Remisoff Dekorationsbesprechung – woher kriegt man das Geld für das, was man doch schließlich dafür braucht? Vielleicht fragst du Button gelegentlich danach? Remisoff will anstatt eines Vorhanges Paravents in der Farbe des Hintergrundes machen, die dann immer bleiben, am liebsten natürlich auch für die diversen Zimmer, und Dekorations-Andeutungen. Dann „Guest“ Telefone und Gespräche, Bertensson3 selbst wurde angesteckt von meiner Aktivität. Neue Stundenpläne sind ausgearbeitet, jeder einzelne Schüler be- und gesprochen! Dazwischen hab’ ich heute mir eine Stunde ein groß angekündigtes Gastspiel des NYR „Kindertheaters“ angesehen, weil ich glaubte, man soll bei unseren eigenen Absichten wissen, was vorgeht – aber es war der letzte Schund. Ganz infam. „Peter Pan“ – das kleinste Kind war 7 Fuß hoch. Aber eine jubelnde Kinder-Audience im Ebell Theatre.

Ich habe noch nicht die leiseste kleinste „Vergnügung“ gehabt, und bis auf ein für den Montag geplantes Dampfbad mit Luzi Korngold sehe ich auch weit und breit keines. Morgen, Sonntag, kommt die Mueffling zu mir zur Erledigung der Korrespondenzen und dann soll ich mit York mir ein Haus ansehen auf Fairfax und Fountain Ave., das ein Theater [gemeint ist das 1929/30 erbaute „Fairfax Theatre“] für 200 Personen hat mit einem dazugehörigen Apartmenthaus – eventuell um Studenten unterzubringen. Miete 250 Dollar. – York findet es unter Umständen sehr lohnend. Was ist mit Chandler!? Es stand in den Zeitungen, dass Du nach New York bist.

Es ist rasend kalt. Die Leute werden aufgefordert, ihre Orangerien zu heizen. Hast Du warme Füße? Nun hab’ ich Dir doch keinen Lack mehr auf die Fingernägel getan! Der Zug muss doch wunderbar gewesen sein. Hoffentlich kann ich auch nochmal so einen nehmen. Frieda4 glaubt, dass Paul den Mickey sehr füttern wird! Die beiden Mädeln sind rührend. Frieda geht 3 Mal in der Woche in einen Abendkurs, Englisch zu lernen. Ich habe Livia [Castiglioni], nach einem wieder Mal ernsten Gespräch, zu meiner Workshop-Sekretärin gemacht! D. h., sie protokolliert unsere Meetings und führt Buch über jeden Schüler, alle Produktionen, soweit sie mit mir in Verbindung stehen etc. Sie wird „entlassen“ bei der ersten geringsten Vergesslichkeit, hab’ ich sie gewarnt. Scheint aber selig. Geht mit mir hinunter und herauf. [Karla von] Mueffling glüht in Übersetzungen. […]

Adieu, Adieu! Vergiss nicht, dass der „Merchant“ ein Spiel ist. Wenn Wilder mit Dir spricht, sag, dass ich geschrieben habe, kannst doch auch Du nochmals mit ihm sprechen! Ich glaube zwar, dass der Brief ganz gut und klar ist. Wenn er Schrift und Deutsch lesen kann.

Grüße alle, d. h., Du weißt ja, wen und wen nicht. Spare!!

Dein. Dein. Dein.

2.1.1.64

Brief, HT an MR

[13. November 1938]

 

Sonntagfrüh

G.!

Ich lese gerade die Zeitung mit einem Grausen, wie ich es noch kaum gefühlt habe. Ich glaube, nun ist es zu weit gegangen! Was jetzt dort geschieht – das sind schon nicht mehr „die Deutschen“ –, das ist schon einfach „der Mensch“ in seiner niedersten Verzerrung. Sie lassen halt die Bestie los – das war doch auch so in der Französischen Revolution in ihren Massenverbrechen und Morden – das war doch auch nicht mehr „der Franzose“. Das war einfach die Konstellation, in der halt der Mensch entfesselt sein darf. Ob nun die Regierung „Geist“ hat oder nicht – eine Regierung, die eine verirrte und notbedrängte Masse für ihre Zwecke benützt. Die eigenen Abgründe tun sich auf. Übrigens, wenn nun eine [Milliarde] Mark von den Juden in Deutschland aufgebracht werden muss für den Botschaftssekretär von Rath5 – ich glaube, das ist nun die letzte Besiegelung auf Leopoldskron, wie?

Ich bekam gestern einen Brief meiner Mutter. Es ist ein so unfassliches Gefühl – ich meine, das Einzige, was halt der Mensch sich nicht wirklich vorstellen kann, oder eben nur mit diesem Ziehen in der Brust: wie alles ist – nach seinem endgültigen Weggehen. Und so ist so ein Brief meiner Mutter: das Leben, „mein Leben“, geht dort weiter: alles, die Elektrische, das Theater, die Premieren, die Anschläge am Schwarzen Brett, Horvath, die Glocke am Haustor in der Gymnasiumstraße, das Mittagessen am Sonntag, die Besuche der Bleibtreu, Hermann ist ein bissl zu alt für die Rolle in „Bunbury“, Frau Wögrat ist sehr angestrichen – und ich bin völlig weg. Ich dürfte doch kein einziges Detail mehr hören, das macht es so unnatürlich im wirklichsten Sinn des Wortes. Mein Vater war an zwei Premieren an zwei aufeinanderfolgenden Tagen! Es ist ihm sehr gut bekommen, weil Hermann und Hans beide prominent beschäftigt und außerordentlich gewesen sein sollen. Dazu große Publikumserfolge: „Bunbury“ mit Hermann in der Rolle gut, übrige Besetzung antiquiert, und Hans als Regisseur von „Wienerinnen“ sogar etwas ganz Besonderes. Die Vorstellung soll großartig gewesen sein – ich lege Dir Hilperts „Anschlag“ bei. Ich bitte Dich, schreibe mir im Telegrammstil, wie Du alles vorgefunden hast – Skizzen, Musik, Shumlin6, Texaco7 (??), Button8, (Chandler)9 – Du darfst um keinen Preis einen Schnupfen bekommen! Könnte man Frau Dieterle10 meine Fürsorge nicht wissen lassen? Wie ist das Hotel? Es klingt sehr befriedigend, was sie sagen: Tower, Corner, Park etc. Musst Du fahren ins Theater? Ist es definitiv das „Guild Theatre“? Ich bin heute Nacht extra aufs Postamt gefahren, um die Luftpostbriefe aufzugeben. Das ist doch noch alles ein Leben, in dem ich bin – deshalb sag’ mir davon.

Vorgestern Nacht war sehr heftiger Sturm. Heute ganz still. Und jetzt kalte, klare Sonne. Ich werde mich vielleicht ein bissl auf Deinen Balkon legen. Obwohl ich viel zu tun habe mit Schreiben und Schulvorbereitung. Vortrag am Dienstag und arrangieren „Queens of France“ und restlichen „Schwierigen“. Ich komme mir als „Regisseuse“ so entsetzlich dilettantisch vor und im Grunde [als] genau das, was ich nie sein wollte am Theater ohne das Können. Mein einziger Trost ist dann noch immer, dass ich mir sage, Herr Pierson11 und Herr Amendt12 machen es auch nicht besser. Ein schwacher, trostloser Trost!

Geht das Stück noch in New York, „Le Paradies“ von [André] Birabeau? Solltest Du es dann nicht sehen, ob es nicht doch etwas für die Schule wäre? Sokoloffs wohnen im „Gladstone“, soll Paul13 sie nicht anrufen? Sie wissen natürlich nicht, dass Du da bist. Und freuen sich sicher so, wenn Du es tust. Und könnten Dir vielleicht in Bezug auf Besetzung oder sonst in interessanten Neuigkeiten amüsant sein. Wenn Du Zigarren bei Dunhill kaufst, tue es vielleicht in nicht zu großen Quantitäten, da es gut wäre, wenn Du es „cash“ tust, d. h. gleich zahlen, denn ich möchte nicht, dass die Rechnung noch mehr aufläuft. Soeben kommt Dein liebes Telegramm aus Chicago. Wenn ich Dir nur sagen könnte, wie sehr ich Deine „Physiognomie“ in jedem Wort spüre! Es ist so sonderbar, aber es ist mir wie eine rein künstlerische Skizze von einem Meister, nur mit diesem süßen Privaten, Persönlichen.

Was war nun um Gottes willen in Chicago, grad’ wo ich Dir und Mickey so fehlte? Ich male mir eine Serie von komischen Zwischenfällen aus, oder waren es wirkliche Unannehmlichkeiten oder war es nur die gewisse Leere?! Musch hat sich gestern plötzlich ganz auf mein Bett gelegt, aber das war mir zu „voll“. Und so hab’ ich Frieda läuten müssen – denn sonst hätte ich ihn für diese Zutraulichkeit schimpfen müssen, was ich nicht wollte.

Montag [14. November 1938]

Gestern bin ich den ganzen Tag nicht weg gewesen – war viel von dem Tag im Bett, gelesen, geschrieben. Heute sollte ich in das „Vergnügungs“-Dampfbad – aber ich habe nach besserer Einsicht verzichtet. Aus Ersparnis. Es kam mir wieder klar vor Augen durch eine Agar-Ausgabe, dass es halt nicht geht. Aber das schmerzt nicht. Was schmerzt, sind die neuen Nachrichten aus „Deutschland“ – man muss es schon unter Anführungsstriche setzen. Wir haben leider die Weltempörung schon bei Österreich, bei der Tschechoslowakei gesehen und Hoffnungen darin gesetzt – vielleicht ist es diesmal ebenso? Ich glaube nur, diesmal wird jeder Einzelne und jedes Volk Angst bekommen, erstens vor dem Keine-Ruhe-Geben und dann davor, dass die Last, für die Juden sorgen zu müssen, eben auf jeden Einzelnen fällt. Man wird jetzt etwas für sie schaffen. Und ich glaube, das Ende von so viel Üblem muss doch etwas Gutes sein, wird ein Land – vielleicht ist es in Afrika – für die Juden und vor allem von den Juden entstehen. Wenn es notwendig ist, wird es eben möglich sein!

Vormittags war ich bei dem Button-Ersatz-Anwalt Schäfer, und wir haben die Briefe für die Leute aufgesetzt, die für ihn gutstehen wollen. Er sagt, es bleibt natürlich für diese Leute immer ein Risiko – Du kannst halt wieder nur Deine ernste Intention festlegen. Er wird Dir es zum Unterzeichnen schicken – nur bitte: erledige es sofort! Es ist ja nur eine Unterschrift und Paul13 soll es eingeschrieben aufgeben. Mit Liesl Frank war ich noch nicht zusammen. Ich habe jetzt 2 Vormittage und 3 Nachmittage in der Schule, plus Samstag 2 Meetings. „Schwieriger“ und „Queens of France“ ([Thornton] Wilder14) für eine Aufführung und „Still Life“ und „Fumed Oak“ für eine eventuelle andere, und dann die Szenen, die, falls sie gut sind, auch innerhalb der Schule oder vor Eltern gezeigt werden können: „Redemption“, „Astonished Heart“. Kuster macht ein Stück von Kaufmann, „Merrily We Roll Along“ mit vielen Personen, dann studiert er einen „Boccaccio“, ich kenne es nicht. Amendt mit „6 Personen“, und es bleiben immer noch ein paar Unbeschäftigte!! Das ist ein Problem! Gar nicht auszudenken, wenn es mal doppelt so viele sein werden. Man muss, glaube ich, dann einfach nicht nach Stücken, sondern jedem Lehrer halt ungefähr 10–20 Studenten anvertrauen ein Semester lang – und die sollen halt dann in allem mit ihm sein. D. h., er wird dann einen Assistenten für gewisse Proben haben müssen. In unserem Setup ist ja auch gar keine Steigerung im Laufe des Jahres vorgesehen! Man müsste das vielleicht schon im nächsten Semester so machen. 4 Semester, ein Lehrer hat 4 Mal eine andre Gruppe. Und Du solltest Dir sie aus allen Gruppen aussuchen dürfen. Öffentliche Aufführungen nur Deine. Die anderen vor Eltern oder der ganzen Schule, oder irgendeinem Publikum, wie Du es früher immer gewollt hast – ein geladener Verein, oder Studenten der Universität etc. Jedenfalls glaube ich nicht, dass schon die rechte Form gefunden ist. Ich werde das mal richtig aufschreiben, was ich meine.

Furchtbar enttäuscht bin ich, dass ich noch nichts von Dir hörte aus New York. Nur das Telegramm aus Chicago. Hast Du mein zweites in den Zug vor der Ankunft bekommen? – Ich zittere schon, von dem Maler zu hören und von der Besetzung und von dem Musiker. Jetzt, abends, gehe ich mit Iphigenie15 [Castiglioni] zum Gershwin Memorial Concert – wegen der Koshetz16, die dort singt – und Du hattest ja Plätze bekommen. Aber das wird nicht viel Zeit nehmen im „Ebell Theater“. Den Brief gebe ich noch Airmail auf. Button soll ja nun morgen in New York sein, im Essex House. Niemand wusste, wo er diese Tage war. Man konnte nicht denken, dass er so lange in Washington blieb.

Lebe wohl – ich war heute im Swimmingpool – nur 4 Mal untergetaucht. Sehr kalt, aber in der Sonne getrocknet. Frieda ist im Abendkurs. Es ist schrecklich, dass ich grade jetzt nicht bei Dir sein kann!! D. D. D.

R6702

Brief, HT an MR

15. November 1938

2201 Maravilla Drive, Hollywood, California

(3ter Brief)

Essex House Hotel, Central Park, New York

M. G.!

Noch immer kein Telegramm aus New York! Ist das möglich? Ich bin so versucht ein Telefongespräch anzumelden, aber die Kosten halten mich noch zurück. Ich denke, jeden Moment kommt das Telegramm. Wenn ich nur einen Eindruck von dem Bild hätte, das Du vorgefunden hast! Nun wird ja Button schon da sein.

Heute war wieder ein „toller“ Schultag. Erst Vormittag die Theorie. Und dann um 3 Uhr Workshop. Bei dem Arrangieren fühle ich mich recht hilflos. Neues weiß ich wenig. Ein paar gleichgültige Briefe – dann einige Affidavit-Anfragen17 von gänzlich Unbekannten (heute einer aus Buenos Aires); von einem sehr entfernt vielleicht Verwandten Deiner Tante Julie18. Ich schicke alles, wenn ich es beantwortet habe. Die Welt ist wieder mal in Flammen. Diesmal aber vielleicht wirklich. Wunderbar bemüht sich Roosevelt. Der Wahnsinn ist aber auch, wie es scheint, losgebrochen.

Gestern Abend im Gershwin-Konzert (erschreckend leer!) spielte Bakaleinikoff19 mit einem Geiger. Bloß die beiden, ohne Begleitung sonst. Eines der schönsten „Duette“, die ich in meinem Leben gehört habe. Bach und Mozart. Für Violine und Bratsche. […]

Morgen ist schon wieder eine Woche um, seit Du weg bist, d. h. seit Deinem letzten Abend. – Duffy20, hör’ ich, hat eine Art „Hit“ in seinem Las-Palmas-Theatre mit den Noël-Coward-Einaktern! Wie leicht hätten wir das haben können! Dieses „Fumed Oak“ ist ein Stück für Dich. Ich werde der Livia einen neuen „Organisationsplan“ diktieren für das nächste Semester! Lache nicht – aber ich glaube, ich weiß jetzt, wie es geführt sein müsste! Man hätte es aber wegen dieser leidigen Aufführungsversprechungen nicht machen können, jetzt gleich. Lasse doch das Stück „Dame Nature“, falls es noch läuft, ansehen, vielleicht ist es doch ein Schulstück für Dich (wegen der Chancen vielleicht dann als öffentliche Aufführung).

Die erste Workshop-Premiere mit „Sister Beatrice“: Alle Angehörigen der Schauspielschüler waren da, aber kein einziger Agent.

Deine Armbanduhr ist repariert, geht auf die Sekunde. Ich hab’ Angst, sie zu schicken, wegen dem Herumwerfen auf der Post. Lebe wohl. Ich geh’ noch zur Post und dann für eine halbe Stunde (!) zu Korngolds21 – ich möchte hören, was er politisch denkt. Diesmal hab’ ich so das Gefühl, dass etwas vorgeht!

Ich sehne mich schon sehr nach Dir! Aber wärst Du hier – Du wärst nicht zufrieden, dass ich so viel tue in der Schule. Wenn man bloß über Dein Wegsein durchhält. Frage Button, was er an Ausgaben für die Aufführungen im Budget hat!

Ich umarme Dich

D. D. D.

2.1.1.60

Brief, HT an MR

15. November 1938

Essex House Hotel, Central Park, New York

(4ter Brief)

M. G.!

Ich kann es wirklich nicht verstehen, dass Du mir kein Telegramm schickst!? Stürmt alles so fürchterlich auf Dich ein? Ich bin schon ein paar Mal ans Telefon, aber dann fallen die Ziffern schwer auf mich und ich denke, morgen früh ist das Telegramm doch da. Heute muss ich wieder eine Sitzung in der Schule zusammenrufen, denn York sagt – was ich Dir ja schon angedeutet habe in Bezug auf eine ganz neue Organisation – dass die Schüler: simply nichtzuhören wollen, sondern alle Rollen probieren. Die ganze Zeit. Das Problem ist: Herrn Duffy’s Konkurrenz-Theater22. 3 Bühnen und auf jeder dieser Bühnen läuft eine Schmierenvorstellung. Wir haben wohl drei Viertel Amateure unter uns, die alle bloß zu ihrem Vergnügen spielen wollen. Nicht zum Lernen. Nun muss man halt bis zum nächsten Semester sehen, wie man sie alledauernd beschäftigt. Nicht als Zuschauer. Heute hab’ ich außer Vormittag auch eine Abendklasse. Iphigenie ist 2 Tage nicht gekommen – verkühlt. Gestern war ich nach dem Nachtmahl bei Korngolds, nur die beiden allein, und da haben wir nur oder hauptsächlich ihre Probleme besprochen. Wirtschaftlich – wenn sie nun nicht mehr dort wohnen können – weil die Mutter und Schwester kommen. Er, Korngold, will diese paar Werte, wie eine Cellini-Medaille, die sie in New York bei einem Juwelier verpfändet hat, einlösen, und damit – sie so quasi sanieren für das nächste halbe Jahr. Wenn er – 1000 Dollar dafür bekommt – könnte man ihr auf ein kleines Haus anzahlen, ein Auto und – einen Mantel! Falls sie es sich gefallen lässt – d. h., sie darf halt das Geld nicht einfach so verrinnen lassen. Denn jetzt, wo sie doch keinerlei Ausgaben hat – für Wohnung, Essen, Licht, Telefon etc. etc. – bloß für Gazoline und Zigaretten – kommt sie absolut nicht aus! Es ist wirklich schwer – und man muss wirklich sich sorgen! […]

Gestern schickte ich 2 Checks à 50 Dollar an Dich und Paul. Du musst mir sagen, ob Du damit auskommst in der Woche. Heute ist ja „Texaco“ – ich werde nur ein bissl hören können, da ich um 7 Uhr Schule habe. Die Nächte sind sehr kalt und in der Zeitung [wird ein] Frostschaden vermeldet. Ich las, dass Schnee in Chicago ist. Dann wird er doch wohl auch bald nach New York kommen?

Lebe wohl – heute ist nicht viel mehr. Ein Brief von Siegfried23 beiliegend. Er hat im letzten Monat das Geld bekommen. Und ich habe auch schon für den nächsten gesorgt. Die Zahlung an Hans24 ist diesmal wieder solch ein Problem! Könntest Du das nicht mit Button und Gottfried durchsprechen. Im Dezember musst Du 2500 Dollar zahlen, und es ist doch keine Möglichkeit dafür! Nun – wenn man die 15 000 [Dollar] verliert bei Nichtzahlung – so solltest Du doch nicht die bis jetzt in dieser schwierigen Zeit abgerungenen 2500 auch noch verlieren! Die Du in den Monatsraten à 400 gezahlt hast! Ich glaube, es würde sich darum handeln, dass Deine Söhne25 für diese 2500 Dollar gutstehen bis zum nächsten Juni!

Adieu, ach diese Quälereien!

Ich umarme Dich. Wenn Du nicht darüber sprechen kannst, muss man es halt laufen lassen. Vielleicht kommt irgendwoher plötzlich eine Lösung.

D. D. D.

2.1.1.66

Kabel, MR an HT

18. November 1938

Von: New York

 

An: Maravilla, Hollywood

 

KÄMPFE UNAUFHÖRLICH GEGEN SELBSTQUÄLEREI, GEGEN QUALVOLLES GESAMTSCHICKSAL, GEGEN ERKÄLTUNG, ANRUFSTURM, MITTELMASS-CAST, GEGEN AUSGESPROCHENE UNFRÖHLICHKEIT SHUMLINS, GEGEN TAKTISCH GELDLICHE TELEPHONISCHE UNBEHOLFENHEIT, GEGEN WER-HAT-DAS-DA-GEMACHT. ARTIST NICHT UNMÖGLICH, NICHT UNSYMPATHISCH. WAHL GEGEN REMISOFF26 AUFREIZEND, SAH BUTTONS, SOKOLOFFS27 „DANTON“-ABEND – PEINIGEND. MORGEN PROBENBEGINN, ANTRITTSREDE, STIMMUNG VORSTELLBAR. OASE DEINE BRIEFE. DEIN

2.2.1.343

Brief, HT an MR

18. November 1938

 

(5ter Brief)

M. G.!

Ja, wenn Du früh morgens ein Telegramm aufgibst, dann darfst Du es doch nicht NLT aufgeben! Sondern Day Letter! Es ist erst heute früh um 1 Uhr gekommen! Ich war gestern nach dem Telefon besonders unglücklich, dass ich nicht dort sein konnte! Du musst mit Wilder sprechen oder die [Maria] Solveg28 mit Shumlin, dass Du 2 Stunden Pause machen darfst während der Probe! Das wäre doch bloß eine Stunde Abwesenheit, da ja doch eine Mittagstunde für die Schauspieler gerechnet wird. Eine Stunde nach der Mittagspause soll Solveg „wiederholen“! Das ist bestimmt keine Schwierigkeit! Und Du musst halt dann, wie Du es während des Films doch auch machen musstest, die eine Stunde wirklich schlafen! Ich weiß nun gar nicht, wie lange Du für den Weg brauchst? D. h., die Pause ist ja wohl die Dinner-Pause! Umso besser. Denke, dass du jetzt in die gute Strähne kommst – wie alle verschiedensten Sterne (Dieterles und Rameaus29) sagen – ich glaube fest daran. Es ist zu sehr Zeit dafür! Allerdings in Europa sieht es nicht rosig aus – speziell für uns. Heute steht, dass sie alle Kunstwerte von Juden einziehen als Schutzmaßnahme. Und was mir soeben den stärksten Stoß gab: auch Herr Dr. Luther aus Washington30 wurde offiziell zurückberufen!

Könnte man doch noch zu ihm gelangen, bevor er fährt! Da ja nun auch kein Jude herausgelassen wird, ehe die 400 Millionen gezahlt sind und alle anderen Riegel, sie sollen natürlich grade jetzt nicht heraus und – erzählen! Weißt Du – wenn meinem Vater das alles zu Bewusstsein kommt! Auch meiner Mutter. Nun auch dieser Brief von Widmann31. Ich habe ihm gleich geantwortet und gesagt, dass ich Dir den Brief nachschicke – aber dass ich ihm nach meinem Wissen auf seine zwei Fragen nur sagen kann: 1. Dass wir von [Carl] Spängler32 nie eine Klage über 36 000 Mark bekommen haben und 2., dass auch nie Verhandlungen mit der Landeshauptmannschaft wegen Versteigerung des Schlosses stattgefunden haben. Sonst sagte ich nichts. Schreib doch ein paar Worte für ihn auf den Brief – oder natürlich am allerbesten wegen des kurzen Termins dem Widmann selbst – ein paar Zeilen!! Wenn Du es gleich