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Herr Sommer in Georgetown/Canada stammt aus Geithain. Nach der Enteignung des Sommerschen Gutes 1945 und - damit im Zusammenhang - dem Tod seiner Eltern ging er im Herbst 1945 zunächst zu Verwandten nach Westdeutschland. Die Auswanderung nach Kanada mit Ehefrau und zwei kleinen Kindern erfolgte 1954. Im Jahre 1990 besuchte John Sommer - erstmalig nach 45 Jahren! - seine Heimatstadt. Seit diesem Jahr entwickelten sich enge Beziehungen zwischen Herrn Sommer und Herrn Senf vom Geithainer Heimatverein e.V., welche sich in einem umfangreichen Briefwechsel widerspiegeln. Die stadtgeschichtlichen Forschungen des Heimatvereins sind durch Herrn Sommer in all den Jahren bis zur Gegenwart außerordentlich unterstützt worden: Geschichte des Sommerhofes (Enteignung und Bodenreform 1945 in Geithain), Aufarbeitung der Biografie des Schulstifters Paul Guenther, und das Auffinden der Enkelin des Schulstifters, Frau Virginia Vanderbilt, im Rahmen umfangreicher Sucharbeiten in den USA, England und der Schweiz. Für seine aufwendige und gewissenhafte Mitarbeit im Geithainer Heimatverein wurde Herrn Sommer die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Neben den oben genannten Themen geht es im Briefwechsel immer wieder um aktuelle politische und gesellschaftliche Probleme in den wichtigen zwei Jahrzehnten nach der Friedlichen Revolution 1989/90 und dem Ende der DDR. Berichte und Meinungen zu lokalen Geithainer Entwicklungen wie auch zu den gesellschaftlichen Umbruchprozessen in Sachsen und Deutschland insgesamt sind sehr oft Gegenstand der Korrespondenz. Damit stellt diese Veröffentlichung ein Zeitdokument der besonderen Art dar. Der anfänglich eher sachlich geprägte Gedankenaustausch wurde im Laufe der Jahre zunehmend persönlicher, nicht zuletzt auch nach gegenseitigen Besuchen der Familien. Gemeinsam unternahmen sie von Georgetown eine Reise nach Dover (New Jersey), der Wirkungsstätte des Schulstifters Paul Guenther. In den Briefen spiegeln sich deshalb auch die engen persönlichen Beziehungen zwischen den beiden Familien wider.
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Gottfried Senf/John U. Sommer
BRIEFGESCHICHTE(N)
Briefwechsel zwischen John U. Sommer, Kanada, und Gottfried Senf,
Geithainer Heimatverein e.V.
1990 bis 2012
Teil 1
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei John U. Sommer und Dr. Gottfried Senf
Alle im Buch verwendeten Bilder stammen aus den Privatarchiven der beiden Verfasser.
Anschriften der Verfasser:
John U. Sommer, Gallery House Sol, 45 Charles Str.,
Georgetown, Ontario, Canada
Dr. Gottfried Senf, Robert- Koch- Str.21, 04643 Geithain,
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Zum Geleit
Georgetown, 26. Juni 1990
Geithain, 31. 8. 1990
Georgetown, 23. Oktober 1990
Geithain, den 11.11.90
Georgetown, 22. November 1990
Georgetown, 08. Dezember 1990
Geithain, 31.12.90
Georgetown, 07. Februar 1991
Georgetown, 18. Juni 1991
Geithain, 28.06.91
Georgetown, 26.August 1991
Georgetown, 18. Oktober 1991
Georgetown, 20. November 1991
Geithain, 01.12.91
Geithain, 04.01.92
Georgetown, 11.Januar 1992
Georgetown, 16. Januar 1992
Georgetown, 23. Januar 1992
Geithain, 23.02.92
Georgetown, 10. Mai 1992
Georgetown, 27. Juni 1992
Geithain, den 09.08.92
Georgetown, 24. August 1992
Georgetown, 06. September 1992
Georgetown, 12. Oktober 1992
Geithain, 18.11.1992
Georgetown, 02. Januar 1993
Georgetown, 05. Januar 1993
Geithain, den 9.1.93
Georgetown, 18. Januar 1993
Georgetown, 28. April 1993
Georgetown, 10. Mai 1993
Geithain, 22.05.93
Georgetown, 02. Juni 1993
Georgetown, 27. Juni 1993
Georgetown, 08. August 1993
Georgetown, 14. Dezember 1993
Geithain, 28. 12. 93
Georgetown, 31. Januar 1994
Georgetown, 21. März 1994
Geithain, 10.04.94
Georgetown, 18. Mai 1994
Geithain, 30.07.94
Georgetown, 10. September 1994
Georgetown, 30. Dezember 1994
Geithain, 30.12.94
Georgetown, 28.Januar 1995
Georgetown, 28. Februar 1995
Geithain, 4.3.95
Georgetown, 11. März 1995
Geithain, 23.3.95
Georgetown, 30. März 1995
Geithain, 20.4.95
Georgetown, 27. April 1995
Georgetown,03.Mai 1995
Georgetown, 04.Mai 1995
Georgetown, 4.Juli 1995
Georgetown, 30. August 1995
Georgetown, 08. Oktober 1995
Georgetown, 22.November1995
Geithain, 16.12.95
Georgetown, 10. Januar 1996
Georgetown, 06. Februar 1996
Geithain, 15. Febr. 1996
Georgetown, 25.März 1996
Georgetown, 07. Juni 1996
Georgetown, 09. August 1996
Georgetown, 10. Oktober 1996
Georgetown, 10. November 1996
Georgetown, 22. November 1996
Georgetown, 30. Januar 1997
Geithain, 13.04.97
Georgetown, 04.Juni 1997
Geithain, 03.10.97
Georgetown, 20. Oktober 1997
Georgetown, 04. November 1997
Georgetown, 01. Januar 1998
Geithain, am Neujahrstag 1998
Nachwort
Unser besonderer Dank gilt
Herr Sommer in Georgetown/ Canada stammt aus Geithain. Nach der Enteignung des Sommerschen Gutes 1945 und – damit im Zusammenhang – dem Tod seiner Eltern ging er im Herbst 1945 zunächst zu Verwandten nach Westdeutschland. Die Auswanderung nach Kanada mit Ehefrau und zwei kleinen Kindern erfolgte 1954.
Im Jahre 1990 besuchte John Sommer – erstmalig nach 45 Jahren! – seine Heimatstadt. Seit diesem Jahr entwickelten sich enge Beziehungen zwischen Herrn Sommer und Herrn Senf vom Geithainer Heimatverein e.V., welche sich in einem umfangreichen Briefwechsel widerspiegeln.
Die stadtgeschichtlichen Forschungen des Heimatvereins sind durch Herrn Sommer in all den Jahren bis zur Gegenwart außerordentlich unterstützt worden:
- Geschichte des Sommerhofes (Enteignung/Bodenreform 1945 in Geithain)
- Aufarbeitung der Biografie des Schulstifters Paul Guenther
- Auffinden der Enkelin des Schulstifters, Frau Virginia Vanderbilt, im Rahmen umfangreicher Sucharbeiten in den USA, England und der Schweiz
Für seine aufwendige und gewissenhafte Mitarbeit im Geithainer Heimatverein wurde Herrn Sommer die Ehrenmitgliedschaft verliehen.
Neben den oben genannten Themen geht es im Briefwechsel immer wieder um aktuelle politische und gesellschaftliche Probleme in den wichtigen zwei Jahrzehnten nach der Friedlichen Revolution 1989/90 und dem Ende der DDR. Berichte und Meinungen zu lokalen Geithainer Entwicklungen wie auch zu den gesellschaftlichen Umbruchprozessen in Sachsen und Deutschland insgesamt sind sehr oft Gegenstand der Korrespondenz. Damit stellt diese Veröffentlichung ein Zeitdokument der besonderen Art dar. Der anfänglich eher sachlich geprägte Gedankenaustausch wurde im Laufe der Jahre zunehmend persönlicher, nicht zuletzt auch nach gegenseitigen Besuchen der Familien. Gemeinsam unternahmen sie von Georgetown eine Reise nach Dover/ New Jersey, der Wirkungsstätte des Schulstifters Paul Guenther. In den Briefen spiegeln sich deshalb auch die engen persönlichen Beziehungen zwischen den beiden Familien wider.
Die „Chemie stimmte“ zwischen uns wohl von Anfang an. Beide interessierten wir uns für zeitgeschichtliche Themen. Der eine aus dem fernen Kanada wollte alles wissen über die Entwicklungen in der Heimatstadt nach 1989/90 sowie über den gesellschaftlichen Umbruch in Sachsen und Deutschland. Der andere konnte und wollte als „gelernter DDR-Bürger“ sowie als Orts- und Zeitzeuge der Geschehnisse nach 1990 gern Auskunft geben. Er erfuhr aber ebenso viel Neues über den Briefpartner: Über dessen Schicksal 1945, sein Leben nach der Auswanderung, seine Sicht auf Europa und Deutschland, seine Meinung zur USA-Politik, zu Religion und Technikentwicklung, um nur einige Themen zu nennen.
Der Leser dieses Briefwechsels erfährt, wie die Biografie Paul Guenthers (1860 bis 1932) entstand, wie nach aufwendiger Suche in den USA, England und der Schweiz die Enkelin des Schulstifters gefunden werden konnte. Auch andere „Leerstellen“ in der Geschichte Geithains wurden über diesen Briefwechsel gefüllt: Die Bodenreform im Herbst 1945 in Ostdeutschland wurde hier über Jahrzehnte immer nur einseitig, weil ideologisch ausgerichtet, vermittelt. John Sommer erinnert sich an die Ereignisse in seiner Heimatstadt genau und beschreibt alles sehr anschaulich. Von den Deportationen zur Insel Rügen im Oktober/ November 1945 war nie etwas bekannt geworden in all den DDR-Jahren! Der Leser wird sich ebenso an wichtige gesellschaftliche Entwicklungen in Sachsen nach der Friedlichen Revolution 1989 erinnern. Er kann nachvollziehen, welche Meinungen die Briefpartner dazu hatten, welche Hoffnungen oder Befürchtungen sie äußerten, in welchen „Prognosen“ sie richtig, in welchen sie völlig falsch lagen. Das Themen- und Meinungsspektrum ist breit gefächert. Es reicht von der Problematik „Rückgabe vor Entschädigung“, der Entwicklung des deutschen Ost-West-Verhältnisses, der Rolle und Bedeutung neuer Techniken bis hin zu weltpolitischen Themen.
In Bezug auf die Veröffentlichung des Briefwechsels fragten wir uns, ob rein persönliche Dinge (Familie, Reisen, Krankheiten, Tod) verborgen bleiben sollten. Wir sind der Meinung, das hier gewählte Maß ist angemessen. Es erhöht die Authentizität einerseits und verbessert die Lesbarkeit des Textes andererseits.
Zwei Anmerkungen am Schluss dieser Einführung erscheinen uns wichtig:
- Wir betonen ausdrücklich, dass es sich hier um einen Meinungsaustausch handelt. Die Briefpartner äußern ihre persönlichen Meinungen zu Ereignissen, Prozessen und Personen! Es sind Meinungen, die die Briefpartner zum Zeitpunkt des Schreibens vertraten. Da sich der Briefwechsel über mehr als 20 Jahre erstreckt, sind Meinungsänderungen nicht ausgeschlossen.
- Namensnennung erfolgt bei Personen des öffentlichen Lebens, die über ihre öffentliche Arbeit oder ihren Status allgemein bekannt sind (Bürgermeister, Stadt- und Kreisräte, Schulleiter, Pfarrer u. a.). In allen anderen Fällen werden Kürzel statt der Personennamen angegeben.
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern Entspannung und Gewinn bei der Lektüre.
Georgetown und Geithain, im März 2014
John U. Sommer/ Gottfried Senf
Sehr geehrter Herr Dr. Senf,
am 15. und 16. Mai besuchte ich meine Heimatstadt Geithain. Auf der Fahrt dorthin sahen wir viele halb zerstörte und vernachlässigte Dörfer und Städte in Thüringen und Sachsen. So war ich freudig überrascht, Geithain so schmuck und gepflegt wiederzufinden.
Ich ging zur Paul-Guenther-Schule, in der ich von 1933 bis 1937 als Schüler gewesen bin. Ich liebte dieses herrliche Gebäude, das zu meiner Zeit glänzend neu war (es wurde 1925 eröffnet). Sofort vermisste ich den geschnitzten Tierzaun, der noch bis 1945 den Schulhof am Haupteingang umgab. Was wurde aus dem? Er bestand aus gemauerten Pfosten, zwischen denen hölzerne Paneele mit Schnitzereien, Tiere darstellend, angebracht waren.
Dieser Schulhof hat die bedeutendsten Bildhauerwerke der Schule. Die Tür mit den Bienen ist unvergleichlich. Die Eule mit dem Buch-Symbol der Weisheit – braucht Restaurierung sehr nötig. Die großartigen Figurengruppen am Haupteingang – Vater und Sohn, Mutter und Tochter – haben die Zeit, da durch ein Dach geschützt, recht gut überstanden.
Die Türe war offen. Ich ging hinein. Hier hat man der Schule Übles angetan. Da war früher eine wohlproportionierte Halle mit Säulen, die Elemente darstellend. Diese Säulen hat man halb vermauert, um einen Raum für Turngeräte zu schaffen. Es wird noch schlimmer. Die große Turn- und Festhalle war früher eine einmalige Schöpfung. Die Wände waren in starken Farben, ganz im Stil des Art Deco, bemalt. Bunte Glasfenster waren großen Persönlichkeiten der protestantischen Aufklärung, wie Luther, Melanchthon und Pestalozzi, gewidmet. Wo sind diese Fenster? Es scheint kaum glaubhaft, dass Kunstwerke solchen Ausmaßes einfach, ohne eine Spur zu hinterlassen, verschwinden können. An der Innenwand der Turnhalle war eine Loggia im ersten Stock. Von der hatte man einen schönen Blick auf die Bühne. Ich erinnere mich an Theatervorstellungen auf einer Bühne an der Westwand der Halle. Diese Loggia sollte wieder hergestellt werden.
Ich war erstaunt, die Schule so farblos zu finden. Wenn ich mich recht erinnere, waren die großen Hallen vor den Klassenzimmern alle in den kräftigsten Farben bemalt. Rot im Erdgeschoss, grün im ersten Stock und blau im zweiten Stock. An der Turmwand war ein Steinrelief, den Spender der Schule Paul Guenther darstellend, darunter ein Spruch, ebenfalls in Stein gehauen. Der Turm hatte ein Turmhaus, das in den Proportionen besser zum Turm passte als die heutige Metallkonstruktion (eine Sternwarte?).
Diese Schule war einmal ein erstaunliches Gesamtkunstwerk, aus Architektur, Bildhauerei, Malerei und farbigem Glas bestehend. Sie hat die Jahre fast unverändert überstanden. Sie sollte gesäubert und restauriert werden. Mit Hilfe von sicherlich vorhandenen Photographien sollte man ihr innen und außen ihre ursprüngliche Gestalt wiedergeben.
Spenden zu diesem Zweck könnten auch aus Nordamerika kommen, wo viele ehemalige Sachsen leben, die gern helfen würden, ihr Heimatland wieder aufzubauen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Ulrich Joachim Sommer
Sehr geehrter Herr Sommer,
über Herrn Martin aus Holzhausen erfuhr ich Ihre Anschrift und Ihr großes Interesse an heimatgeschichtlichen Themen, insbesondere über unsere Geithainer Gegend. Ich möchte Ihnen gleich zu Anfang meine Freude über das Zu-standekommen der Verbindung mitteilen.
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich nebenberuflich und aus Hobby mit der Geschichte unserer Gegend. Die Geschichte der Paul-Guenther-Schule liegt mir gegenwärtig ganz besonders am Herzen. Herr Martin sagte mir, dass Sie unser erstes Heft „Vom Turm geschaut“ hier in Geithain gekauft hätten. Inzwischen ist das Heft Nr. 2 erschienen, das ich Ihnen sehr gern diesem Brief beilege.
Sehr geehrter Herr Sommer!
Die Heimatfreunde in der Stadt Geithain bemühen sich seit Jahren um eine Kontaktadresse in den USA oder in Kanada, um die Forschungen zum Komplex „Paul Guenther“ erweitern zu können. Leider bisher ohne Erfolg. Auch die USA-Botschaft in Berlin hüllte sich bisher in Schweigen. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir über Sie die Adresse des Stadtarchivs von Dover/New Jersey erhalten könnten. Ideal wäre es, irgendwelche Dokumente (Zeitungsausschnitte, Bilder u. a.) zu Guenther und seinen Fabriken zu bekommen. Sie sind bisher der einzige ehemalige Geithainer, der uns in dieser Richtung helfen könnte.
Die feierliche Neubenennung der Paul-Guenther-Schule findet am kommenden Sonntag, 2. 9. 1990, statt und viele alte Geithainer freuen sich, dass sie das noch erleben können. Leider ist meine Zeit jetzt sehr begrenzt. Ich werde Ihnen sicher noch einmal schreiben, auch über mich persönlich. Nur soviel: 1936 in Tautenhain geboren, seit 1960 in Geithain als Lehrer für Mathematik/Physik/Astronomie tätig. Seit Juli dieses Jahres Dezernent beim Landratsamt.
Im Voraus vielen Dank für Ihre Bemühungen!
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Gottfried Senf
Anlage
- ,,Vom Turm geschaut“
- Fortsetzungsfolge zu Paul Guenther, Kreisseite der LVZ
Lieber Dr. Senf,
vor einer Woche erhielt ich Ihren Brief mit all den erstaunlichen Beilagen, über die ich mich natürlich sehr gefreut habe. Ich danke Ihnen von Herzen. Ich habe sofort versucht, mit Dover in Verbindung zu kommen. Ich telefonierte mit der Stadtbibliothek in Dover und sprach mit der Bibliothekarin. Diese fand Material über Paul Guenther im Archiv und wird mir dieses per Post zukommen lassen. Sie gab mir die Anschriften der Dover Historical Society und der Zeitung „The Daily Record“. An diese werde ich heute ebenfalls schreiben. Was ich in Erfahrung bringe, schicke ich an Sie weiter. Im Dover Telefonverzeichnis ist ein S. C. Guenther aufgeführt. Ich habe dort angerufen. Es ist die Nummer einer alten Dame, die in zweiter Ehe mit einem Herrn Guenther verheiratet war. Dieser Herr arbeitete vor langer Zeit in Paul Guenther´s Strumpffabrik, doch war er nicht verwandt mit dem Besitzer. Er starb vor 20 Jahren und seine Frau, die übrigens aus Thalheim im Erzgebirge stammt, ist jetzt 88 Jahre alt. Weiteres konnte mir die alte Dame nicht mitteilen.
Ihre Artikelfolge in der Leipziger Volkszeitung habe ich mit größtem Interesse gelesen. Vieles darin war mir neu, was kein Wunder ist. Meine Erinnerungen an Geithain enthalten vieles, was ich als Kind so aufgeschnappt habe. Was sich die Leute so erzählten. Zum Beispiel war ich davon überzeugt, dass Paul Guenther als ganz junger Mensch Geithain sozusagen über Nacht verlassen hatte, um dann 30 Jahre später als reicher Mann in die Stadt zurückzukehren. So entstehen Legenden. An Herrn Petermann erinnere ich mich. Meine Großeltern Sommer, die von etwa 1914 bis 1930 in dem Haus am Bahnhof wohnten, das noch im Mai das Wehrkreiskommando war, waren befreundet mit ihm. In dem kleinen Haus im Garten wohnte mein Vater vor seiner Heirat. 1930 etwa verkauften meine Großeltern das Haus an Dr. Waurick, der es modernisierte. Im Gartenhaus hatte Dr. Waurick seine Praxis. Herr Petermann hatte eine Tochter, die Sängerin war, wenn ich mich recht erinnere.
Das zweite Heft der Streifzüge durch den Kreis Gleithain habe ich mit Vergnügen gelesen. Sie erwähnen die Kalköfen auf dem Sommerhof. Dort war zu meiner Zeit der große Rundofen ein wichtiges Denkmal für eine bestimmte Phase der industriellen Entwicklung in der Geithainer Gegend. Mein Vater war der Meinung, dass der Rundofen historischen Wert hatte. Er versuchte ihn zu erhalten. Leider hat man die Büsche, die auf dem Ofen wuchsen, zu Bäumen wachsen lassen, deren Wurzeln den Ofen zerstört haben. Mein Vater ließ diese Büsche aller zwei Jahre herunterschneiden. Sehr schade ist es, dass das schöne Uhrengebäude abgebrochen wurde. Wenn Geithain wachsen sollte und vielleicht eines Tages der Sommerhof ein Teil der Stadt ist, dann hätte dieser Turm ein Brunnen an einem Platz werden können. Es hat mich sehr traurig gemacht, soviel zerstört zu finden, zum Beispiel das Gut in Ottenhain. Frau Pönitz schreibt vom „Volkszorn“ gegen die Rittergutsbesitzer. Ich hoffe, dass hier keine Sündenböcke gesucht werden. Der Volkszorn 1945, wenn es den überhaupt je gab, war ein von den Kommunisten organisierter Volkszorn, der Kristallnacht 1938 vergleichbar. Es gelang den Nazis, den 1.Weltkrieg und alles, was dem folgte, den Juden in die Schuhe zu schieben. Als dann das von so vielen bejubelte Tausendjährige Reich Hitlers 1945 ein verdientes Ende nahm, gelang es den Kommunisten in ihrem Teil des Landes den Leuten einzureden, die Grundbesitzer und Industriellen seien an allem schuld gewesen. Ich hoffe, Sie stimmen mit mir überein, dass dieses Märchen aus den Geschichtsbüchern entfernt werden muss. Nazis konnte man in jeder Klasse finden. Mein Vater war einer, aber nicht weil er Gutsbesitzer war, sondern weil er zu dumm war, um die Machenschaften dieser Verbrecher zu durchschauen. Herr Anger dagegen, ein guter Freund meiner Familie, hatte nie etwas mit den Nazis im Sinn. Ich erinnere mich, dass er, nachdem mein Bruder 1940 im Westen gefallen war, zu meiner Mutter sagte: „Frau Sommer, dieser Gefreite des Weltkriegs wird uns alle um Haus und Hof bringen.“ Und so kam es ja dann auch.
Lieber Dr. Senf: Genug für heute. Ich hoffe, Ihnen bald mehr berichten zu können. Und hoffe, bald wieder von Ihnen zu hören. Wie sieht es in Sachsen aus? Wie ist die wirtschaftliche Lage? Herzliche Grüße auch von meiner Frau, Ihr Ulrich J. Sommer
P.S. Der Spruch an der Schule: „Die Liebe zur Heimat …“ Wie geht der weiter? Dem Sinne nach etwa so (oder irre ich mich?): „Die Liebe zur Heimat baute dieses Haus, mögen viele Generationen darin ein und aus gehen.“ Stimmt das? U.J.S.
Anhang zum Brief:
Zur weiteren Vervollständigung der Biografie von
Dr. hc. Paul Guenther
wären sowohl die Paul-Guenther-Schule Geithain als auch der Geithainer Heimatverein e.V. an Bildmaterial bzw. der Antwort auf folgende Fragen interessiert:
1. Wann und wo wurde die Ehefrau Olga Guenther geb. Mechel geboren, wann und wo ist sie gestorben?
2. Die einzige Tochter der Guenthers hieß Margarethe. Sie hat am National Park Seminary at Forest Glen, nahe Washington D.C., studiert. 1928 hat sie Geithain besucht. Sie heiratete einen Dr. Reiner.
Wann und wo ist Frau Margarethe Reiner geboren, wann und wo gestorben?
Man findet bei der Tochter Paul Guenthers mitunter auch den Familiennamen Osgood. Hat sie noch einmal geheiratet oder war sie vorher mit Herrn Osgood verheiratet?
3. Paul Guenther hatte eine einzige Enkelin mit Namen Virginia. Sie wurde 1924 (mit Namen Osgood oder Reiner oder Guenther?) geboren. Wo wurde sie geboren? Wann, wo und wen heiratete sie? Lebt Virginia noch, hat sie Nachfahren?
4. Man sagt, Paul Guenther sei mit dem Präsidenten der USA Hoover befreundet gewesen. Stimmt das?
5. Wäre es möglich, einige Bilder von den ehemaligen Fabrikanlagen Guenthers in Dover, ebenso von den Beamten- und Arbeiterhäusern zu erhalten? Neben historischen Aufnahmen wären wir auch an Bildern vom heutigen Dover, besonders vom „German District“ dort, interessiert.
6. Als am 15. April 1945 mit dem Einzug der amerikanischen Truppen (9. US-Panzerdivision, 27. Panzergrenadierbataillon unter Oberstleutnant William E. Mc Master) in unserer Gegend der Krieg zu Ende war, wurde in Greifenhain bei Geithain eine Frau von einem GI dezidiert nach der Paul-Guenther-Schule in Geithain gefragt. Dieser junge Mann wusste offenbar etwas über Paul Guenther und seine Schulstiftung in Deutschland. War der junge Mann aus Dover oder gar aus dem German District dieser Stadt? Es wäre eine Sensation, wenn sich nach einer Zeitungsumfrage in Dover jemand melden würde!
Lieber Dr. Senf, ich hätte Ihnen gern früher geschrieben, doch warte ich immer noch auf Post von Dover. Alles, was mir bisher zugeschickt wurde, ist dieser Auszug aus einer Aufstellung Doverscher Fabriken aus dem Jahre 1922. Diesen Auszug schickte mir die Bibliothekarin. Ich schrieb ihr sofort zurück und bat sie um mehr Information, doch bekam ich noch nichts Weiteres. Auch von der Dover Historical Society und der Zeitung The Daily Record habe ich noch keine Antwort erhalten. Dabei bin ich sicher, dass da mehr zu erfahren sein muss. Möglicherweise muss ich dort einmal hinfahren, um Nachforschungen am Ort anzustellen. Das wird aber erst im nächsten Jahr (1991) klappen, da ich im Augenblick hier nicht weg kann. Unterdessen könnten Sie mir bitte genau mitteilen, welche Auskünfte Ihnen besonders wichtig erscheinen.
Ich bekomme die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ jede Woche zugeschickt und lese in der die interessantesten Berichte aus Sachsen. Haben Sie Gelegenheit, diese Zeitung zu lesen? Das ist wohl die Beste der vielen Zeitungen in Deutschland, ein wirklich liberales Blatt. Der bedeutende frühere Kanzler Helmut Schmidt ist einer der Herausgeber.
Mit großer Freude hörte ich von anderen Geithainern, die ebenfalls mein Schreiben in der Leipziger Volkszeitung gelesen hatten. Was mich interessiert, ist, was in Geithain nach unserer Vertreibung geschehen ist. Der große Mann im Herbst 45 war ein Herr Kopp. Können Sie mir bitte sagen, was aus dem wurde? Er lebt sicher nicht mehr, er war schon damals nicht mehr so jung. Er war ein übler Bursche, der es darauf abgesehen hatte, meine Mutter in den Tod zu treiben. Das gelang ihm schneller, als er es selbst gehofft hatte.
Vielleicht kommt es Ihnen merkwürdig vor, lieber Dr. Senf, dass ich Sie um Auskunft über einen solchen Menschen bitte. Da er jedoch eine Schlüsselfigur im Leben meiner Eltern war, ist meine Bitte vielleicht nicht so abwegig. Ich habe 45 Jahre lang nach dem Sinn der Ereignisse im Herbst 1945 gesucht. Ich hoffe, dass Sie mich verstehen.
Meine Frau und ich wünschen Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und ein glückliches Neues Jahr.
Ihr Ulrich J. Sommer
Lieber Dr. Senf, endlich habe ich Neues aus Dover. Die Zeitung dort veröffentlichte meine Bitte um Auskunft, Paul Guenther betreffend, und gestern erreichten mich diese Dokumente, die vielleicht auch für Sie von Interesse sind. Besonders finde ich die Photographien des Guentherschen Hauses aufschlussreich. Wie man ja auch an der Schule in Geithain sehen kann, Paul Guenther war ein Mann von Welt. Er hatte ein Auge für Kunst, er war ein großzügiger Mensch mit einem sozialen Gewissen und er wusste, dass man mit Geld etwas schaffen muss, was die Zeiten überdauert. Ich habe heute mit dem Herrn telefoniert, der mir diese Dokumente geschickt hat. Er erzählte mir, dass einige von Paul Guenthers Fabriken noch stehen und dass besonders die Häuser, die er für seine Arbeiter gebaut hat, alle noch existieren. Es heißt „Das deutsche Viertel“ (The German District). Leider wurde das Guenthersche Haus abgebrochen, um für eine Oberschule Platz zu machen. Bisher habe ich nichts weiteres über Mrs. Margarete Reiner, seine Tochter, erfahren. Ich werde weitere Forschungen anstellen.
Meine Frau und ich haben vor, im Frühjahr eine Reise nach Dover zu machen.
Lassen Sie mich bitte wissen, worauf ich besonders achten soll.
Alles Gute wünschen wir Ihnen und Ihrer Familie.
Ulrich J. Sommer und Frau Gisela
Lieber Herr Sommer,
so „zwischen den Jahren“ ist endlich mal etwas Zeit, um Briefschulden zu tilgen. Herzlichen Dank für Ihren Brief vom 8. Dezember d. J. und besonders für die Materialien zu Paul Guenther. Sie helfen uns sehr bei der Vervollständigung des Persönlichkeitsbildes dieses Mannes, dem Geithain so viel zu verdanken hat. Ich freue mich, dass Sie uns weiter unterstützen möchten und im Frühjahr in Dover an Ort und Stelle Weiteres erfahren werden. In einer Anlage zu diesem Brief sind einige konkrete Fragen formuliert. Der Geithainer Heimatverein und ich persönlich danken schon jetzt für die Bemühungen.
Im vorletzten Brief baten Sie mich, einige Recherchen zu Herbert Kopp einzuholen. Ich habe leider bisher noch nichts Schriftliches auffinden können. Eine Reihe Geithainer erinnert sich aber sehr deutlich – und es sind durchweg keine guten Erinnerungen. Kopp hatte den Spitznamen „der Leutnant“. Viele erinnern sich, dass er sich als ganz schäbiger „Entnazifizierer“ aufgespielt hat. Er ging nicht durch Geithain, sondern machte seine Streifzüge hoch zu Ross durch die Stadt. Er hat vielen Leuten übel mitgespielt. Meine Schwiegermutter Elsbeth Ladegast – die Ehefrau von Hans Ladegast, der bereits 1941 gefallen ist, in den 30er Jahren aber in Geithain ziemlich bekannt war – erinnert sich, dass sie Herrn Kopp eine detaillierte Aufstellung über den Besitzstand ihres Mannes, bis hin zu persönlichsten Dingen, liefern musste. Kopp war wohl in den ersten Monaten nach 1945 so etwas wie der Stadtpolizeirat von Geithain. Manche sagen wieder, er hätte sich das nur angemaßt. Lange dauerte der Kopp- Spuk wohl auch nicht, denn nach 1947 hört man nichts mehr von ihm. Herbert Kopp hatte vor 1945 eine Tochter der Familie H. geheiratet. Deren Bruder, also Kopps Schwager, heißt Ehrhardt H., lange Zeit auch im Polizei-Kreisamt tätig. Er lebt als Rentner in Geithain. Ich kenne ihn nur vom Ansehen.
Lieber Herr Sommer, das Schlimmste über Kopp habe ich von Ihrem Cousin, Herrn Dr. Sommer aus Ulm, Direktor der dortigen Industrie- und Handelskammer, gehört. Ich habe mich letztens sehr ausführlich mit ihm unterhalten können, denn er war Gast unseres Landrates. Zwischen dem Alb-Donau-Kreis und dem Kreis Geithain bestehen seit der Wende ziemlich enge Beziehungen. Ihr Cousin sagte, Kopp wäre direkt schuld am Tode Ihrer Mutter. Stimmte es, dass Kopp sie in den Bauch getreten hat? Es wäre wohl überhaupt einmal an der Zeit, einige Details über die Wochen und Monate unmittelbar nach 1945 zusammenzustellen. Ich weiß jetzt nicht, ob Sie es mir schon geschrieben hatten. In welches Lager ist Ihr Vater nach 45 eingeliefert worden? Wie lange war er dort und waren andere Geithainer mit ihm zusammen?
Bei dem Gespräch mit Ihrem Cousin habe ich viel über die Familiengeschichte der Sommers erfahren. Ich dachte immer, dass „der Sommerhof“ für die Geithainer Gegend ein feststehender Begriff sei, weil die Sommers schon seit mehreren Generationen hier lebten. Dabei ist Ihr Vater, wohl aus dem Vogtland kommend, der erste Sommer gewesen. Wissen Sie, wer vor Ihnen den Sommerhof besessen hat?
Nun muss ich noch einmal auf den Namen Kopp zurückkommen. In Geithain gibt es ihn nicht mehr. Aber in Tautenhain kenne ich eine Frau Kopp, die nach 1945 geheiratet hat. Der bewusste Herr Kopp hatte aber, jedenfalls nach jetzigem Kenntnisstand, keinen Sohn. Der Name Kopp taucht nun noch ein drittes Mal auf. Das wird Sie besonders berühren, da Sie mir einmal mitteilten, dass Ihre Eltern freundschaftliche Kontakte zu Angers auf dem Rittergut in Ottenhain hatten. Frau Anger war eine geborene Frau Kopp. Ich weiß, dass die Kopps seit etwa 1820 das Rittergut besaßen. Ob nun Herbert Kopp ein Nachfahre jener Kopps ist, weiß ich noch nicht. Mitunter kommen bei solchen Nachforschungen kuriose oder tragische Kombinationen zum Vorschein. Wenn Sie einverstanden sind, gehe ich den Kopp-Spuren weiter nach.
Nochmals vielen Dank für Ihre Unterstützung in Sachen Paul Guenther! Für 1991 wünsche ich Ihnen und Ihrer Frau alles Gute, besonders eine stabile Gesundheit und viel Freude an vielem. Sollten Sie einmal wieder nach Geithain kommen, würde ich mich sehr freuen, wenn wir uns zu einem persönlichen Gespräch treffen könnten.
Mit den besten Grüßen und Wünschen verbleibe ich
Ihr G. Senf
Lieber Herr Dr. Senf, herzlichen Dank für Ihren Brief vom 31. Dezember. Unterdessen ist mal wieder ein Krieg ausgebrochen, den man hätte vermeiden können. Schließlich wusste die Welt schon vor vielen Jahren, was für ein übler Bursche Saddam Hussein war. Hätten ihn die Waffen- und Giftgashändler der ganzen Welt nicht mit allem versorgt, dann hätte er weder die Kurden noch den Iran und schon gar nicht Kuwait angreifen können. Und nun ist Israel in Gefahr, an dessen Bestand alle friedliebenden Menschen der Welt interessiert sein müssen. Wollen wir hoffen, dass durch den Krieg zweierlei erreicht wird. Einmal, dass all diese Teufelswaffen, die Saddam angesammelt hat, vernichtet werden, und zum Anderen, dass wir uns aus der Abhängigkeit vom Öl befreien. Die Verschwendung in den westlichen Ländern der Welt stinkt zum Himmel und führt folgerichtig zur Vernichtung der Umwelt.
Über die Familie Kopp: Sie haben recht, das Rittergut in Ottenhain gehörte dieser Familie. Frau Anger war eine geborene Kopp. Der alte Herr Kopp lebte noch am Anfang der dreißiger Jahre. Ich kann mich an ihn erinnern. Ein paar Generationen zurück gab es da einen Sohn, der aufs schiefe Gleis kam, wie das so schön hieß, und dessen Zweig der Familie gipfelte in dem Herrn Kopp, der nach dem Einmarsch der Russen 1945, sozusagen zum Diktator von Geithain aufstieg. Die Vorgeschichte ist harmlos. Als junger Mann war dieser Herr Kopp ein Kommunist. Viele, sehr ehrenwerte Leute waren nach dem ersten Weltkrieg Kommunisten. Herr Kopp war unser Briefträger. In jedem Wetter fuhr er auf dem Fahrrad nach dem Sommerhof und brachte uns die Post. Sonntags ging ich ihm entgegen. Die Chemnitzer Zeitung hatte eine Sonntagsbeilage, auf die ich versessen war. Es war eine Seite mit lustigen Zeichnungen und die wollte ich haben, bevor mein Vater die Zeitung mit Beschlag belegte. Ich war damals 5 oder 6 Jahre alt. Herr Kopp war, sozusagen, mein Freund. Wenn er nicht in Eile war, bekam er in der Küche einen Kaffee, der damals aus gebrannter Gerste gekocht wurde, und manchmal machte ihm meine Mutter ein Bündel für seine Kinder, mit Sachen, aus denen ich herausgewachsen war. Mein Vater war arrogant und wenig taktvoll, und ich kann mich erinnern, dass er sich über Herrn Kopp lustig machte, auch in dessen Beisein. Er machte sich über Herrn Kopps politische Überzeugung lustig und der verteidigte sich nicht, sondern stimmte, halb verlegen, ins Gelächter ein. Nach 33 war dieses Thema dann tabu, und Herr Kopp brachte weiterhin die tägliche Post. Am 12. April 1945 , wenn ich mich recht erinnere, kamen die Amerikaner nach Geithain. Mein Vater war damals mit Schörner in Mähren. Warum weiß ich nicht. An sich war er der Adjutant von Scheppmann, dem letzten Reichsführer der SA (nachdem Lutze im Frühjahr 45 von Tieffliegern auf der Autobahn getötet worden war). Im Mai kam er nach Hause. Bald danach holten ihn die Amerikaner. Der Transport, zu dem er gehörte, hatte einen Verkehrsunfall und alle Nazis, die zu diesem Transport gehörten, waren mehr oder weniger verletzt und kamen in umliegende Krankenhäuser. Der Fahrer verlor sogar sein Leben. Wir fanden meinen Vater in Weißenfels. Er hatte eine Gehirnerschütterung, einen Schlüsselbeinbruch und mehrere Rippenbrüche. Anfang Juli kam er dann nach Geithain zurück, wenn ich mich recht erinnere. Er hatte keine Papiere. Die waren bei dem getöteten Fahrer geblieben. Das zivile Krankenhaus in Weißenfels entließ ihn, als er wieder einigermaßen in Ordnung war, wie jeden anderen Kranken.
Mitte Juli übernahmen dann die Russen Sachsen. Ich war gerade in Geithain, als die mit ihren Bündeln, auf Pferdewagen getürmt, durch die Stadt zogen. Münsters in Königsfeld wussten vom Abzug der Amerikaner, sie hatten sich mit einem Offizier angefreundet und der hatte sie vom bevorstehenden Einmarsch der Russen unterrichtet. Darauf verließen Münsters Königsfeld mit Pferd und Wagen und dem, was man in der Eile aufladen konnte, und setzten sich nach dem Westen ab. Die Gräfin rief uns an und unterrichtete uns von diesem Vorhaben. Meine Mutter wollte ebenfalls mit unseren Pferden gen Westen gehen, aber mein Vater war dagegen. Herr Anger war damals schon sehr krank, sodass auch Angers blieben, wie auch unsere guten Freunde Einsiedel in Hopfgarten. Mitte August wurde mein Vater von der Geheimpolizei abgeholt. Ich war gerade mit ihm in der alten Schmiede, die auch jetzt noch auf unserem Hof steht, als das Auto mit dem russischen Polizisten in den Hof fuhr. Sie nahmen ihn mit, so wie er war. Später hörten wir, dass er in Bautzen sein sollte, und da bin ich hingefahren, um ihm warme Kleidung zu bringen. Ins Lager wurde ich natürlich nicht hineingelassen, doch an der Rückseite war ein Feld mit einem hohen Zaun. Ein paar Männer liefen hinter dem Stacheldraht herum und ich rief den Namen meines Vaters, ob er den kenne? Und einer rief zurück ja, den kenne er, doch sei der am Tage nicht im Lager sondern auf einem Gut zur Rübenernte. Ich warf mein Paket über den Zaun. Am nächsten Morgen bin ich dann nochmal zum Lager gegangen. Ich dachte, vielleicht sehe ich meinen Vater, wenn die Männer zur Arbeit gehen. Da kamen viele heraus, alle unter schwerer Bewachung, aber mein Vater war nicht darunter. Ich bin mir nie sicher gewesen, ob er überhaupt in Bautzen war, aber mehrere Jahre nach dem Kriege kam ein Mann aus Bautzen zu meiner Tante Helene Sommer, die bis zu ihrem Tod im Jahre 1962 in Geithain lebte, und erzählte ihr, dass mein Vater schon 1946 im Lager Bautzen gestorben ist. Da war er im 60. Lebensjahr. Eine offizielle Nachricht habe ich nie bekommen. Auf dem Sommerhof fanden nach der Abholung meines Vaters Plünderungen durch die Geheime Sowjetische Polizei statt. Wonach sie suchten und ob sie etwas fanden, weiß ich nicht zu sagen. Ein Nazi-Sonderführer aus der Ukraine erschlich sich, kraft seiner Kenntnis der russischen Sprache, einen einflussreichen Posten in der Geithainer Kommandantur. Ich habe seinen Namen vergessen. Doch quartierten ihn die Russen bei uns ein. Meine Mutter hatte eine Auseinandersetzung mit ihm und er rächte sich, indem er eine Eingabe von uns, die Ernte betreffend, die wir in der Kommandantur eingereicht hatten, verschwinden ließ. Mitten in der Nacht wurde ich von einem bewaffneten Soldaten zur Kommandantur gebracht und dort eingesperrt. Dank einer baltischen Dame, die auf der Kommandantur als Dolmetscherin arbeitete, kam ich da wieder raus. Später wurde uns befohlen, die Kommandantur mit Lebensmitteln zu versorgen. Sahne, Butter, Äpfel, Kartoffeln, Gemüse etc. Zu diesem Zweck hatten wir einen jungen russischen Soldaten im Haus, der aufpassen sollte, dass alles mit rechten Dingen zuging. Das war übrigens ein netter Junge. Er war in meinem Alter und wir verstanden uns gut. Er sprach etwas deutsch und ich lernte von ihm etwas russisch. Wir haben auf diese Weise erstaunlich viel miteinander geredet.
Herr Kopp machte während dieser Wochen eine steile Karriere. Er wurde zum Polizeipräsidenten ernannt und hatte schließlich eine Truppe von 13 Polizisten zu befehlen, wenn ich mich da recht erinnere. Sie haben recht, er ritt hoch zu Ross durch die Stadt, kein Fahrrad mehr für ihn. Es war ein erstaunlicher Anblick. Hoch zu Ross kam er auch auf den Sommerhof, um die Enteignung voranzutreiben. An sich war unser Hof mit seinen nur 68 oder 69 Hektar kein Enteignungsmaterial (alle Höfe über 100 Hektar fielen unter diese von den Russen verordnete Bodenreform), aber Herr Kopp wollte unbedingt einen Hof enteignen und da kam ihm dieser Hof, zu dem er so oft in Kälte und Regen hatte hinausfahren müssen, gerade recht. Meine Mutter versuchte, mit Hilfe eines Rechtsanwaltes aus Leipzig, den Hof für mich zu halten, doch machte sie Herrn Kopp dadurch nur immer wütender. Schließlich wurde uns der Räumungsbefehl für den 20. Oktober, wenn ich mich nicht irre, zugestellt. Am 21. war die Enteignungsfeier. Wir hatten ein paar Möbel und persönliche Dinge, wie Familiendokumente und Photographien, zu einem Geithainer Spediteur gebracht und auch selbst in Geithain eine vorläufige Unterkunft gefunden. Wir hatten vor, nach Leipzig zu gehen, wo eine Tante ein Haus hatte (die Familie meiner Mutter hatte damals noch die „Leipziger Brotfabrik Gebrüder Joachim“), die dann drei Jahre später auch enteignet wurde. Ich war auf dem Hof bei unserem guten Hofmeister Paul Wüstner und seiner Frau geblieben, um die Enteignungsfeier mit anzusehen. Ein großes Spruchband am Haus verkündete „Junkerland in Bauernhand“ und ein anderes am Stall schrie: „Nieder mit den Ausbeutern“. Ein Rednerpult, mit Getreidegarben geschmückt, stand im Hof, und davor versammelten sich dann die Neusiedler und die Herren von der Partei waren auch da und natürlich Herr Kopp auf seinem Pferd. Auch war ein Schwein geschlachtet worden, fürs Festessen. Am nächsten Tag ging meine Mutter aus irgendeinem Grund zum Rathaus am Markt, da das eigentliche Rathaus damals Kommandantur war. Von dort kam sie nicht wieder zurück und wir wussten nicht, wo sie war. Wir suchten sie überall. Schließlich lief eine Cousine von mir (die Schwester von Dr. Sommer aus Ulm) durch die Gasse hinter dem Rathaus und hörte über sich die Stimme meiner Mutter, die aus einem Zellenfenster um Hilfe schrie. Es stimmt, was Ihnen mein Vetter erzählt hat. Sie war schon im Gefängnis in Geithain sehr krank. Ich durfte sie nicht besuchen und einen Arzt hatte sie, soviel ich weiß, auch nicht. Einige Tage später wurde mir befohlen, mich zum
