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Herr Sommer in Georgetown/Canada stammt aus Geithain. Nach der Enteignung des Sommerschen Gutes 1945 und - damit im Zusammenhang - dem Tod seiner Eltern ging er im Herbst 1945 zunächst zu Verwandten nach Westdeutschland. Die Auswanderung nach Kanada mit Ehefrau und zwei kleinen Kindern erfolgte 1954. Im Jahre 1990 besuchte John Sommer - erstmalig nach 45 Jahren! - seine Heimatstadt. Seit diesem Jahr entwickelten sich enge Beziehungen zwischen Herrn Sommer und Herrn Senf vom Geithainer Heimatverein e.V., welche sich in einem umfangreichen Briefwechsel widerspiegeln. Die stadtgeschichtlichen Forschungen des Heimatvereins sind durch Herrn Sommer in all den Jahren bis zur Gegenwart außerordentlich unterstützt worden: Geschichte des Sommerhofes (Enteignung und Bodenreform 1945 in Geithain), Aufarbeitung der Biografie des Schulstifters Paul Guenther, und das Auffinden der Enkelin des Schulstifters, Frau Virginia Vanderbilt, im Rahmen umfangreicher Sucharbeiten in den USA, England und der Schweiz. Für seine aufwendige und gewissenhafte Mitarbeit im Geithainer Heimatverein wurde Herrn Sommer die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Neben den oben genannten Themen geht es im Briefwechsel immer wieder um aktuelle politische und gesellschaftliche Probleme in den wichtigen zwei Jahrzehnten nach der Friedlichen Revolution 1989/90 und dem Ende der DDR. Berichte und Meinungen zu lokalen Geithainer Entwicklungen wie auch zu den gesellschaftlichen Umbruchprozessen in Sachsen und Deutschland insgesamt sind sehr oft Gegenstand der Korrespondenz. Damit stellt diese Veröffentlichung ein Zeitdokument der besonderen Art dar. Der anfänglich eher sachlich geprägte Gedankenaustausch wurde im Laufe der Jahre zunehmend persönlicher, nicht zuletzt auch nach gegenseitigen Besuchen der Familien. Gemeinsam unternahmen sie von Georgetown eine Reise nach Dover (New Jersey), der Wirkungsstätte des Schulstifters Paul Guenther. In den Briefen spiegeln sich deshalb auch die engen persönlichen Beziehungen zwischen den beiden Familien wider. Auch dieser zweite Teil des Briefwechsels geht oft über städtische und regionale Bereiche hinaus. Der Meinungsaustausch berührt nicht selten jeweils aktuelle weltpolitische Themen und begründet damit die Aussage, die Briefe stellten eine Art Zeitdokument dar. Beim Lesen der damaligen Meinungen und Kommentare der Briefpartner zu Ereignissen wie den Terroranschlägen vom 11. September 2001 oder dem dritten Golfkrieg 2003, zur Entwicklung der Verhältnisse zwischen dem »Reichen Norden« und dem »Armen Süden« zwängen sich Parallelen zur Gegenwart geradezu auf. Das Ursachenspektrum für die gegenwärtigen Weltprobleme (u. a. Flüchtlinge, Umwelt) enthält mit Sicherheit auch weit zurückliegende Fakten, Entscheidungen und Prozesse! Das Ausmaß und die Härte waren nicht vorhersehbar, die Grundproblematik kommt aber keineswegs »aus heiterem Himmel«!
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Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Gottfried Senf/John U. Sommer
BRIEFGESCHICHTE(N)
Briefwechsel zwischen John U. Sommer, Kanada, und Gottfried Senf, Geithainer Heimatverein e.V.
1990 bis 2012
Teil 2
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei John U. Sommer und Dr. Gottfried Senf
Alle im Buch verwendeten Bilder stammen aus den Privatarchiven der beiden Verfasser.
Anschriften der Verfasser:
John U. Sommer, Gallery House Sol, 45 Charles Str.,
Georgetown, Ontario, Canada
Dr. Gottfried Senf, Robert- Koch- Str.21, 04643 Geithain,
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
13. Januar 1998
12. Februar 1998
24. Oktober 1998
08. November 1998
14. Januar 1999
02. Februar 1999
26. Mai 1999
17. Juni 1999
01. November 1999
10. Januar 2000
06. Februar 2000
25. Februar 2000
14. März 2000
04. Mai 2000
30. Juni 2000
12. August 2000
15. September 2000
18. Februar 2001
2. April 2001
11. Oktober 2001
23. November 2001
18. Februar 2002
14. Juni 2002
15. August 2002
30. Oktober 2002
11. November 2002
18. Februar 2003
30. März 2003
26. April 2003
10. Juni 2003
12. August 2003
30. August 2003
2. November 2003
28. November 2003
14. Januar 2004
15. Februar 2004
28. Februar 2004
20. Juli 2004
12. Dezember 2004
18. Januar 2005
4. April 2005
12. Mai 2005
12. August 2005
24. September 2005
16. Dezember 2005
28. März 2006
4. Mai 2006
12. August 2006
4. Oktober 2006
2. Dezember 2006
8. Juli 2007
2. November 2007
Beilage 2: Weihnachtsbrief des GHVe.V.-Vorstandes, 2007
Beilage 3
2. Januar 2008
22. Januar 2008
18. Mai 2009
10. Dezember 2009
11. April 2010
1. August 2010
28. November 2010
5. Januar 2011
22. April 2011
8. August 2011
10. Dezember 2011
14. Juli 2012
3. August 2012
30. November 2012
Nachwort
Unser besonderer Dank gilt
Bisher sind zur Zeitgeschichte der Geithainer Region erschienen
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
nun liegt Ihnen der zweite Teil der „Briefgeschichte(n)“ vor. Der Entschluss, auch die Briefe aus den Jahren 1999 bis 2012 zu veröffentlichen, resultierte hauptsächlich aus der Reaktion vieler Leserinnen und Leser auf den ersten Teil (Briefe von 1990 bis 1998). In Briefen, E-Mails, Telefonaten und vielen spontanen Gesprächen - in der Stadt, beim Einkaufen oder im Wartezimmer Geithainer Ärzte - erfuhr ich fast durchweg zustimmende Lesermeinungen. Offenbar war es so, wie auch bei meinen anderen Geithain-Büchern, dass das Buch oft an Freunde, Verwandte und Bekannte, die einstmals in Geithain lebten, verschickt wurde. Erfreulich ist das zunehmende Interesse an stadtgeschichtlichen Dingen bei der mittleren Altersgeneration. Die zwei Jahrzehnte von 1990 bis 2010 waren mit Ereignissen, Erlebnissen und neuen Erfahrungen mehr als dicht besetzt. Die heute „Ab 55jährigen“ finden offenbar jetzt Zeit zum Rückschauen auf diese bewegten Jahre, auf die Zeit, als der berufliche Alltag sie noch voll in Anspruch nahm. Zur Leserschaft zählen, natürlich in geringerem Maße, auch Personen ohne unmittelbare Beziehungen zur Geithainer Region und ihrer Geschichte. Dr. Schubert (TU Chemnitz) schreibt beispielsweise: „Es ist in so vielerlei Hinsicht ein interessantes Buch. Einerseits sind es die vielen zeithistorischen Aspekte, andererseits ist es das Persönliche und Emotionale. Wie schön, dass diese Briefpartner zueinander gefunden und ihre Brieffreundschaft mit bewundernswerter Ausdauer gepflegt haben. … Mit Herrn Sommer haben Sie nicht nur ein kluges und verständnisvolles Gegenüber, ich bin besonders von seiner Neugier und seinem ungebrochenen Interesse an Deutschland fasziniert. Bringen Sie den zweiten Band, unbedingt!“
Auch dieser zweite Teil des Briefwechsels geht oft über städtische und regionale Bereiche hinaus. Der Meinungsaustausch berührt nicht selten jeweils aktuelle weltpolitische Themen und begründet damit die Aussage, die Briefe stellten eine Art Zeitdokument dar. Beim Lesen der damaligen Meinungen und Kommentare der Briefpartner zu Ereignissen wie den Terroranschlägen vom 11. September 2001 oder dem dritten Golfkrieg 2003, zur Entwicklung der Verhältnisse zwischen dem „Reichen Norden“ und dem „Armen Süden“ zwängen sich Parallelen zur Gegenwart geradezu auf. Das Ursachenspektrum für die gegenwärtigen Weltprobleme (u. a. Flüchtlinge, Umwelt) enthält mit Sicherheit auch weit zurückliegende Fakten, Entscheidungen und Prozesse! Das Ausmaß und die Härte waren nicht vorhersehbar, die Grundproblematik kommt aber keineswegs „aus heiterem Himmel“!
Es bleiben noch einige redaktionelle Bemerkungen. Das im Band 1 gewählte Maß der Veröffentlichung rein persönlicher Dinge (Familie, Reisen, Krankheiten, Tod) ist beibehalten worden. Eine Frage der Abwägung waren etwaige Wiederholungen in den originalen Briefen. Überwiegend Zustimmung fand die Entscheidung, die natürlich sich sehr ähnelnden Anrede- und Abschlussformulierungen in den Briefen nicht wegzulassen. Inhaltliche Wiederholungen rigoros aus den Originalbriefen zu streichen, barg ebenfalls die Gefahr einer Art „Verstümmelung“. Zwei Anmerkungen erscheinen uns abermals wichtig. Wie im Vorwort zum ersten Teil gilt:
-Der Briefwechsel stellt in großen Teilen einen Austausch von Meinungen dar, Meinungen der Briefpartner zum Zeitpunkt des Schreibens!
-Namensnennung erfolgt bei Personen des öffentlichen Lebens (Bürgermeister, Stadt- und Kreisräte, Schulleiter, Pfarrer u.a.). In allen anderen Fällen werden Kürzel statt der Personennamen angegeben.
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern Entspannung sowie Anregungen zum eigenen Erinnern und Nachdenken.
Geithain/ Sachsen und Georgetown/Kanada
Dezember 2015
Gottfried Senf/John U. Sommer
Lieber Gottfried, Dein langer Brief vom Neujahrstag kam schon am 12. Januar hier an. Wir bedanken uns sehr für diesen, wie immer ungeheuer anschaulichen Brief. Doch erst einmal wünschen wir Deinem Schwager baldige Besserung. Man soll da die Hoffnung nicht aufgeben, denn es ist doch erstaunlich, mit welchen Heilungen die Ärzte heute aufwarten können.
Ich bin dabei, eine kurze Geschichte unseres Hofes und unserer Familie zu verfassen, doch will ich Dir schnell antworten auf einige Dinge, die Du zur Sprache bringst oder die in den beigelegten Bodenreformpapieren erwähnt werden.
- Zu den Bewohnern des Terrains „Sommerhof“ nach dem Geithainer Adressbuch von 1925: „Hainich, Arthur, Verwalter, Rätzer, Alfred, Schweizer (Melker), Sommer, Kurt, Gutsverwalter, Stein, Hermann, Landwirt, Wüstner, Paul, Kutscher“. Herr Stein, ein gelernter Landwirt, war damals bei uns untergekommen. Wenn ich mich recht erinnere war er der „Bursche“ meines Vaters aus dem 1. Weltkrieg. Offiziere hatten „Burschen“, Soldaten, die ihnen die Uniform und Waffen in Ordnung hielten. Herr Stein erkrankte in noch jungen Jahren an Asthma und war ein Invalide für den Rest seines Lebens. Ich erinnere mich an ihn, ein geduldiger Mensch, der immer nach Luft rang und sich kaum bewegen konnte. Damals gab es keine Mittel für diese Krankheit. Er hatte eine Frau und einen Sohn, der etwa 5 oder 6 Jahre jünger als ich war. Sie lebten in einer unserer Wohnungen. Frau Stein war eine tüchtige Frau. Sie arbeitete auf dem Hof und an Waschtagen im Haus. Ihr Mann hatte eine Rente. Was wohl aus dem Jungen geworden ist? Herr Wüstner ist natürlich unser späterer Hofmeister, eine Seele von einem Menschen, durch und durch anständig. Alfred Rätzer, den Schweizer, habe ich nicht gekannt. In den späten dreißiger Jahren war Herr Uhlmann unser Schweizer, der Vater von Frau Anneliese Weissinger, die in Geithain wohnt und uns mit ihrem Mann Klaus im August d. J. hier besucht hat. Ja, der Sommerhof entstand aus zwei Bauernhöfen, dem der Familie Bauch und dem der Familie Götze. Der Letztere steht noch, halbwegs zwischen dem Sommerhof und der Tautenhainer Straße.
- Die Broschüre von Paul Hammer zur Geschichte der Geithainer Schule habe ich gelesen und ich schicke sie demnächst mit Bemerkungen zurück.
- Die sächsischen Herrscher von August dem Starken an (wenn ich mich nicht irre): August der Starke, Kurfürst von Sachsen, König von Polen/August III, Kurfürst von Sachsen, König von Polen/ Friedrich August I, König von Sachsen, von Napoleons Gnaden und Großherzog von Warschau, Anton I, König von Sachsen/ Friedrich August II, König von Sachsen/ Johann I, König von Sachsen, bedeutender Dante-Übersetzer/ Albert, König von Sachsen/ Georg, König von Sachsen – beide sind Söhne von Johann Friedrich August III, König von Sachsen. Er dankte, wie alle deutschen Fürsten, 1918 ab. Mein Großvater Ferdinand Sommer war ein „natürlicher Sohn“ (ein besseres Wort für „unehelich“) von Albert, der mit seiner Frau, einer Prinzessin aus dem Hause Wasa, keine Kinder hatte. Mein Großvater(s. Bild 1) war intelligent und ruhelos, aller paar Jahre tat er etwas anderes. Vor 1900 hatte er ein Hotel in Joketa, das „Hotel zur vogtländischen Schweiz“, er baute es aus und machte aus Joketa einen Luftkurort. Er war Ehrenbürger von Joketa und eine Straße ist heute noch nach ihm benannt. Um die Jahrhundertwende kaufte er Rittergut Lauterbach bei Oelsnitz. 1912 oder 1913 zog er nach Leipzig und im ersten Weltkrieg nach Geithain. Sie wohnten in der Villa am Bahnhof, die später der Zahnarzt Dr. Waurick kaufte. 1929 zogen meine Großeltern zurück in ihre Villa in Joketa. Er starb 1931 und meine Großmutter 1937. Er wollte, dass seine 3 Söhne Offiziere würden. Einer wurde General. Paul, der Jüngste, war Kampfflieger in der Richthofen-Staffel. Mein Vater Kurt wollte zunächst Landwirt werden und wurde auf der Landwirtschaftlichen Schule in Döbeln ausgebildet. 1904 meldete er sich freiwillig zur Schutztruppe in Süd-West-Afrika. Er war dort acht Jahre. 1912 kam er, an Malaria leidend, nach Deutschland zurück. 1914 meldete er sich bei Kriegsbeginn in Borna beim Karabiner-Regiment. Er war als Offizier in Kurland und Ungarn. 1919 traf er meine Mutter in Leipzig.
- In Verbindung mit den Bodenreformbeilagen: der Sommerhof, 68 ha groß, lag damit unter der Grenze (100ha) der zu enteignenden Güter. Wie ich in meinen Erinnerungen zum Jahr 1945 geschrieben habe, hatten wir der Kommandantur (etwa 40 Soldaten und mindestens 10 Offiziere der sowjetischen Armee) in der Bahnhofstraße Lebensmittel zu liefern. Die Soldaten schliefen im Festsaal bzw. der Aula der ehemaligen Schule und des späteren Rates des Kreises. Die Offiziere hatten Privatunterkünfte. Auf dem Sommerhof war ein junger Soldat einquartiert, der die Lebensmittellieferungen zur Kommandantur überwachte. Im September ging es los mit der Enteignung. Wir, meine Mutter und ich, bekamen am 22. Oktober den Befehl, das Haus innerhalb von 24 Stunden zu verlassen. Mein Vater war schon seit August in Bautzen inhaftiert. (s. Bild 11)
- Zum Rittergut in Ottenhain: Dieses Gut, sowie Rittergut Strellen bei Halle, war im Besitz der Familie Kopp. Herr Anger heiratete, so etwa um 1908 herum, die einzige Kopp-Tochter Gertrud. Sie hatten 4 Kinder: Konstantin, der als Offizier im 2. Weltkrieg gefallen ist. Adolf, der etwa vor 6 Jahren in der Nähe von Köln gestorben ist. Christa, die Rolf Schellenberg heiratete und Gut Ottenhain in die Ehe brachte. Adolf hatte Rittergut Strellen bekommen. Charlotte heiratete im November 1946 Andreas Wallmen. „Bauer“ waren die Kopps, Angers, Schellenbergs nicht. Die Schellenbergs bewirtschafteten ein Gut mit einem herrlichen Wasserschloss in der Nähe von Altenburg. Das waren wohlhabende Leute, sehr tüchtig als Landwirte, mit vielen Dienstboten und einem glücklichen Familienleben. Bei Angers in Ottenhain lief alles wie am Schnürchen, und, ja, sie waren sehr beliebt bei ihren Leuten, was den Kommunisten natürlich gar nicht recht war. Christa und Rolf Schellenberg hatten 9 Kinder. Sie leben in Hamburg und Spanien. Adolf und seine Frau hatten 5 Kinder, beide waren vorher verheiratet mit je einem Kind, 3 kamen in ihrer zweiten Ehe. Charlotte hat keine Kinder.
- Die Enteignung wurde natürlich auf Befehl Stalins vorangetrieben. Eine „Reform“ im wirklichen Sinne war das nicht. Es war der Anfang einer großen und fortschreitenden Ent-Demokratisierung. Es gab ja gar keine „Junker“ in Sachsen. Das ist ein preußischer Begriff. Und so riesig waren die Güter auch nicht, 29 Hektar in Ottenhain! Doch musste man sich natürlich irgendwie mit der Nazivergangenheit auseinandersetzen. In der russischen Zone tat man es auf diese Weise.
Alles erdenkliche Gute wünschen wir Euch, lieber Gottfried und liebe Karin. Bald mehr von John & Gisela
Lieber Gottfried, mit gleicher Post geht die Broschüre von Herrn Hammer an Dich zurück. Ich habe mit Bleistift meine Bemerkungen hineingeschrieben. Hoffentlich stören die nicht. Wenn ja, dann radiere sie heraus. Beiliegend auch einige Laserkopien von winzigen alten Photographien. Möglicherweise sind die von Interesse für den Heimatverein.
Wie geht es im schönen Geithain? Herr Diederichs schickte mir einen wunderbaren Kalender mit Farbfotos aus dem Kohrener Land. Es wurde mir übrigens beim Lesen von Hammers Bericht bewusst, dass ich mir bei meinen bisherigen Besuchen nie die Schule in Geithain-West angesehen habe. Vielleicht klappt das doch einmal.
Die herzlichsten Grüße und besten Wünsche Dir und Karin von John & Gisela
Lieber Gottfried, liebe Karin, ich möchte mich einmal herzlich bedanken für Deine Artikel im Sachsen-Telegraph. Herbert Straßburger schickte mir No. 1, 2, 4, 5 und 6, und ich habe die mit großem Vergnügen gelesen. Gottfried, Du hast die Artikel aus allem, was ich Dir geschickt habe, sehr hübsch zusammengestellt. Nur No. 3 habe ich nicht bekommen. Könnte ich davon bitte eine Kopie haben? Sind denn die Leute an diesen alten Geschichten interessiert? Es gibt doch sicherlich kaum noch jemand in Geithain, der sich an die Zeit vor dem Kriege erinnern kann. Auch wenn sich keiner daran erfreuen sollte, mir haben sie große Freude gemacht. Für einen Augenblick nahm es mir den Atem, diese alten Photos von meinem Bruder, dem Vetter Amadeus und Gottfried Wüstner in einem Zeitungsartikel zu sehen. Alle drei Jungs verloren ihr Leben im Kriege!
Nach einem sehr heißen Sommer haben wir nun einen herrlichen Herbst. Die Welt strahlt von diesen vielen orangefarbenen Ahornblättern. In zwei Monaten ist Weihnachten. Bis dahin wünschen wir alles Gute und Schöne. Was gibt es Neues in Geithain? Kam meine Reisebeschreibung an?
Lasst Euch umarmen
von Ulrich & Gisela
Lieber Gottfried, die Wahlergebnisse in Deutschland verleiten mich dazu, noch einmal über die Ereignisse der letzten 9 Jahre nachzudenken. Man nennt Kohl zu Recht den „Architekten der Wiedervereinigung“, doch andererseits ist es sicher nicht falsch, wenn man in ihm den mit allen Wassern gewaschenen Politiker sieht, der sich den Wind zu Nutze machte, der ihm in den Rücken blies („Wir sind ein Volk!“). Möglicherweise wäre es besser für Ost-Deutschland gewesen, wenn das Zusammenkommen ein Jahr später stattgefunden hätte, nachdem sich die Ost-Deutschen eine demokratische Nachfolgeregierung gewählt hätten, die mit Bonn ebenbürtig hätte verhandeln können. Denn wir wissen es jetzt: Bonn hatte keinerlei Pläne ausgearbeitet für eine eines Tages kommende Wiedervereinigung und was da schnell und sozusagen aus dem Stegreif zusammengenagelt wurde, verdient den Namen „Architektur“ nicht. Die Wiedervereinigung war eine Vereinnahmung und die starke westdeutsche Wirtschaft diktierte mehr oder weniger die Richtung, in der marschiert wurde. Noch schlimmer ist es, dass viele West-Deutsche keinen Respekt oder Sympathie für die Ost-Deutschen haben. Die bösartigste Bemerkung, die mir begegnet ist, ist diese: DDR – Der Doofe Rest. Mit einiger Berechtigung jedoch gilt diese Bezeichnung für die „Eliten“, die Ost-Deutschland 40 Jahre lang regierten. Ursprünglich überlebten diese den Stalin-Terror in Russland, entweder weil sie zu blöde waren, um Stalin gefährlich zu werden, oder weil sie sich dazu hergaben, ihre Kameraden zu denunzieren. Dann wurden sie von der Siegermacht als Regierende eingesetzt und bekämpften das eigene Volk 40 Jahre lang, ohne etwas dazuzulernen. Solchen Leuten kann man nicht helfen. Die waren längst überfällig, als sie in diesem Moment vor 9 Jahren von Euch entmachtet wurden. Das sollen Euch die West-Deutschen erst mal nachmachen.
Leider habt ihr dann den „Modrows“ zu sehr vertraut. Das Heft hättet ihr nicht so schnell wieder aus der Hand geben sollen. Hinterher ist man klüger, und überhaupt musst Du mir diese Betrachtungen eines „Ausländers“ nicht übel nehmen. Bitte korrigiere mich, wenn ich falsch liege. Ich habe in den vergangenen Tagen noch einmal das dicke Buch durchstudiert, das Du uns vor zwei Jahren geschenkt hattest: „Burgen, Schlösser, Gutshäuser in Sachsen“. Hast Du das Buch selbst? Es ist ein erschütterndes Buch. Es war mir beim ersten Lesen gar nicht so bewusst wie diesmal, wie diese vertriebenen, ehemalig sächsischen Familien sich danach sehnten, wieder in ihre Heimat zurückzukehren, um beim Aufbau der Wirtschaft zu helfen. Ich hatte nie diesen Wunsch. Für mich ist das unvergesslich, wie wir im Herbst 45 zu Volksfeinden abgestempelt wurden und wie viele unserer früheren Nachbarn (um die eigene Haut zu retten) sich gegen uns stellten. Da wurde es mir bewusst, wie es den deutschen Juden zumute gewesen sein musste, als sich ihr Heimatland gegen sie wendete und kaum einer ihnen zu Hilfe kam. Natürlich wollte ich mir Geithain und den Sommerhof ansehen, weshalb wir im Mai 1990 in Geithain waren, aber dort bleiben? Nie und nimmer. Ohne Deinen Brief damals, im Herbst 90, wäre ich nie wieder nach Geithain gekommen. Aber dann wollte ich Dich kennenlernen, so kamen wir wieder, und unterdessen denke ich an Geithain und seine Menschen ohne Bitterkeit. Ihr habt so viel verloren, wir waren nur die Ersten, denen die Kommunisten an den Kragen gingen, aber dann kamen andere Teile der Bevölkerung, und schließlich (1953) wurden auch die Arbeiter zu Feinden erklärt, denen man nicht trauen konnte! Wozu brauchte man diese Mengen von Stasi-Informanten? Mir wurde bewusst, dass es unwürdig wäre, wenn ich mich für immer beklagen wollte. Die, die uns damals ausstießen, sind ja nun auch alt oder schon längst tot. Wenn ich schreibe, dass ihr viel verloren habt, so meine ich damit das, was in vielen Jahrhunderten gewachsen war, die Land- und Stadtbevölkerung verschiedenster Stände, die Struktur der Landwirtschaft und Landschaft. Besonders die Landschaft hat viel von ihrer Schönheit verloren. Da gab es einmal Hecken und kleine Gehölze und ein farbiges Mosaik von Feldern unterschiedlichster Größe, wo jetzt die riesigen Ackerflächen sich strecken, ununterbrochen bis zum Horizont. Übrigens fühle ich mich auch nicht in West-Deutschland als „zu Hause“. Deutschland ist Reiseland. Zu Hause bin ich hier in Kanada.
Dir und Karin wünschen wir eine frohe Vor-Weihnachtszeit. Bei euch treten die Flüsse über die Ufer und hier ist es so trocken wie noch nie. Seit Mai hat es kaum geregnet.
Mit herzlichen Grüßen, von John & Gisela
Lieber Gottfried, liebe Karin,
herzlich bedanken wir uns für die Grüße zum Jahreswechsel auf der Ansichtskarte aus Teneriffa. Hier haben wir unterdessen einen halben Meter Schnee und weitere 20 Zentimeter sind uns angekündigt worden. So eine Stadt wie Toronto kommt durch diese Schneemassen fast zum Stillstand, aber hier in Georgetown ist es, für Leute wie uns, die nicht zur Arbeit gehen müssen, eigentlich ganz gemütlich. Wir sitzen am Kamin und lesen uns durch Berge von Büchern hindurch. Eines der Bücher waren die Erinnerungen des „Man without a Face“ (so ist das Buch im Englischen betitelt) von Markus Wolf. Die Welt der Spione, die einer gewissen Komik nicht entbehrt! Wie sich da die verschiedenen Länder, mittels ihrer Meisterspione, gegenseitig über´s Ohr hauen, reizt zum Lachen. Hervorragend ist der erste Band einer neuen Hitler-Biografie des englischen Historikers Ian Kershaw. Der Band beschreibt das Leben dieses schrecklichen Menschen von 1889 – 1936. Ein 2. Band soll folgen. Diese Lektüre brachte mich wieder einmal zu den Briefen meines Bruders, von denen ich Kopien einiger Seiten beilege. Man merkt denen natürlich an, dass sie von einem noch nicht 20jährigen geschrieben wurden. Den schmalzigen Leander-Film „Es war eine berauschende Ballnacht“ findet er großartig, der „totale Krieg“ kann selbstverständlich nur „siegreich“ enden, usw. usw. Man vermisst, aus heutiger Sicht, die Skepsis. Vielleicht interessieren Euch diese Beschreibungen aus dem Herbst 1939. Wäre das Archiv des Heimatvereins an Kopien dieser Briefe interessiert? Es sind 123 Schreibmaschinenseiten plus 19 Seiten Fußnoten von mir.
Herbert Strassburger schickte mir die letzten Fortsetzungen Deiner „Sommerhof“-Artikel. Wir danken dir für Deine Mühe. Was gibt es sonst an Neuigkeiten? Ist eine weitere Nordamerikareise eingeplant? Gute Wünsche und herzliche Grüße von John und Gisela
Lieber Gottfried, liebe Karin, heute kam der große Umschlag (mit Brief, Zeitungsausschnitten, Prora-Broschüre etc.), der also genau 3 Monate unterwegs war, am 1.11.98 geschrieben, am 2.11. abgestempelt. Eine beachtliche Leistung der modernen Post. Der Umschlag hat natürlich irgendwo herumgelegen. In 10 Jahren gibt es diese Art der Postbeförderung möglicherweise gar nicht mehr. Man merkt schon jetzt, dass die Post an diesen Sendungen wenig interessiert ist. Trotzdem herzlichsten Dank. Wir freuen uns sehr, besonders über den langen Brief.
Du schreibst “dass die Zeit für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte erst noch kommen wird“. So war das auch nach 1945 in West-Deutschland. Mit den Alten konnte man über die Nazizeit nicht reden, sie wollten diese Jahre vergessen, weil sie selbst mitgespielt hatten oder ihnen in dieser Zeit übel mitgespielt wurde. Das ist auch durchaus menschlich. Die, die bei den Nazis oder den Kommunisten (in der DDR) in diesen Weltanschauungen ein Ideal gefunden hatten, standen nun vor den Trümmern ihres Lebens. Die Enttäuschung machte sie stumm oder bockbeinig. Und die, die ahnten, wohin diese Ideologien führen würden (in das Verbrechen und die Zerstörung der Gesellschaft), und deshalb von Anfang an abseits standen und nicht mitmachten, die waren im Grunde zu vornehm, um nun, da alles so gekommen war, wie sie es vorausgesagt hatten, es ständig den „Ideologen“ vorzuwerfen und sie anzuklagen. Eigentlich fing es mit dem „Aufarbeiten der Nazizeit“ erst in den 1960er Jahren an, und die, die „aufarbeiteten“, waren Leute, die nach 1935 zur Welt kamen und die Hitlerzeit hauptsächlich aus Dokumenten kannten. Selbst für meine Generation ist die Nazizeit ein heißes Eisen. Wir haben deutsche Freunde hier, in meinem Alter, wenn wir die treffen und die Sprache kommt auf die Nazizeit, dann dauert es nicht lange bis jemand ins „Fettnäpfchen“ tritt, also etwas sagt, was beweist, dass er noch immer dieser längst vergangenen Zeit verhaftet ist. Wie das so schön witzig Maxim Biller in beigelegter Kolumne beschreibt. Und vielleicht bin ja auch ich von dieser Zeit geprägt und nicht so frei, wie ich mir das einbilde. Es hilft natürlich, dass ich seit über 40 Jahren in Kanada gelebt habe. Da habe ich mir angewöhnt, nicht so schnell zu urteilen und zu verurteilen. Deshalb bin ich so gegen die Veröffentlichung der Stasiakten. Nur wirkliche Verbrechen hätte man mit Hilfe dieser Akten bearbeiten sollen. Aber all diese Treuebrüche und Spitzeleien, dieser unsagbare Klatsch, der Neid, das Kämpfen um kleine Vorteile, all das hätte man vergraben sollen. Nun vergiftet es das Leben von Menschen, die unter den Dienern Moskaus nun wirklich kein Zuckerbrot zu essen hatten.
Zu unserer „Verbannung“ auf die Insel Rügen. Ja, Prora stand im Herbst 1945 im Rohbau fertig da. Es war schon toll, allein die Ausdehnung der Anlage. Vier Kilometer entlang der Biegung des Strandes. Dazu musst Du Dir Herbstwetter vorstellen. Der Wind wehte und die Wellen der Ostsee machten einen Heidenlärm. Schon war Sand in die Gebäude geweht worden. Die Berge von Badewannen und Klobecken warteten darauf, installiert zu werden. In meiner Erinnerung wurde diese Riesenruine zum Zeichen des Größenwahns der Hitlerzeit, dieser unsäglich brutalen Angeberei. (s. Bild 12) Werde ich noch einmal nach Rügen kommen? Es ist sicherlich besser, nicht an diesen Ort zurückzukehren. Auch vor Dresden scheue ich zurück. Es war eine so völlig einmalige Stadt vor der Zerstörung. Soll man sich diese Erinnerungen durch das neue Dresden verderben?
Zum Regierungsumzug von Bonn nach Berlin: Ich glaube schon, dass Bonn die sogenannte Demokratie in Deutschland heimisch gemacht hat. Bonn hatte etwas angenehm Bescheidenes, das hoffentlich den Umzug nach Berlin überlebt. Aber nun ist ja Deutschland in die europäische Gemeinschaft eingebettet, und wenn erst einmal Ost-Europa auch noch eingegliedert worden ist, dann kommt hoffentlich Europa zur Ruhe.
Dass sich bei Euch viele nach „der guten alten Zeit“ sehnen, ist verständlich. Im Augenblick kann einem der fast unkontrollierte Kapitalismus schon Angst machen. Die Reichen, und damit Mächtigen, müssen lernen, dass die Welt nicht nur für sie da ist, sondern für uns alle. Ein System, dass nur auf Ausbeutung beruht, kann nicht von Dauer sein und trägt den Keim der Zerstörung mit sich herum.
„Die Zeit“: Es gibt leider seit einem Jahr keine nordamerikanische Ausgabe mehr und die deutsche Ausgabe kostet jetzt statt $ 80 schon fast $ 400 im Jahr! Das wollte ich natürlich nicht ausgeben. Doch schenkte mir ein lieber Freund „Die Zeit“ für ein Jahr. Seit Weihnachten erscheint sie hier im Haus jede Woche. Nun bin ich also wieder so einigermaßen über Deutschland informiert. Nach wie vor ist „Die Zeit“ Spitze. Wie da nach allen Seiten debattiert wird! Weniger schön finde ich, dass man Honecker zu Reklamezwecken in der Beilage „Zeit Magazin“ benutzt. Doch ist dieses Photo des ehemaligen DDR–Chefs interessant. Diese zweifelnden Augen. Zweifelt er an seiner Macht? War er sich seiner totalen Abhängigkeit von Russland bewusst? Eigentlich wirkt er sympathisch, wie ein Oberlehrer oder Bankdirektor in einer mittelgroßen Stadt. Von Brutalität keine Spur. Wie intelligent war er? Warum stellte er sich nicht, spätestens in den achtziger Jahren, an die Spitze einer reformierten DDR, die sich der Welt öffnete? Warum glitt ihm das Heft aus der Hand? Möglicherweise misstraute er dem Volk, das er anführte. Warum sonst diese tolle Bespitzelung praktisch aller durch die STASI? Ein Rätsel! Man würde sich gern einmal mit ihm unterhalten und ihm diese Fragen stellen. Leider ist es dazu zu spät. Der Mann ist nicht mehr am Leben. Diese Erinnerungen wären interessant gewesen.
Wie schön, dass Ihr nun bald im Ruhestand seid. Dann müsst Ihr noch einmal nach Nordamerika kommen. Ende April werden wir für drei Wochen nach England reisen. Wir hoffen, auch Virginia wieder zu sehen. Für den Rest des Jahres bleiben wir zu Hause. Wir bedanken uns sehr und wünschen Euch alles Gute und Schöne. Schreibt bald einmal wieder. Alles Neue aus Geithain und Sachsen interessiert mich.
Herzlichst John und Gisela
Geithain, 07.03.99
Liebe Gisela, lieber John, nun muss es aber nach langer Zeit wieder einmal einen Brief aus Geithain geben. Inzwischen sind schon einige Briefe von Dir hier eingetroffen. Ich werde diesen Brief per Luftpost senden, damit er nicht wieder so lange wie mein letzter unterwegs ist. Ab nächster Woche habe ich meinen neuen Computer und könnte auch eine E-Mail senden. Bisher nutzte ich immer die Möglichkeit in der Schule, um mit meinen Radfreunden von den Irland-Touren in Kontakt zu treten. Es ist schon faszinierend, wenn man so in einer Freistunde schnell ein paar Zeilen auf dem Computer schreibt, dann kurz auf "Senden" klickt und ab geht es nach Los Angeles oder wohin auch in der Welt. Wenn der Adressat in seiner mailbox rechtzeitig nachschaut, kann man in einer Stunde schon wieder Antwort erhalten. Das alles kostet ein paar Pfennige! Voriges Jahr waren in der Irland-Truppe vorwiegend Radfans aus den USA und alle gaben mir ihre E-Mail- Adresse.
Nun aber erst einmal vielen Dank für Deine Briefe bzw. Päckchen mit den Briefen. Einen Teil der Briefe Deines Bruders hatte ich ja schon damals bei Euch, so vor dem Schlafen, gelesen. Nun noch einmal, und die Wirkung ist die gleiche wie damals. Welche Gefühls- und Gedankenwelt offenbart sich! Wenn immer wieder gefragt wird, wie konnten die Deutschen der Naziideologie nur so lange und so gläubig folgen, dann helfen persönliche Briefe aus der damaligen Zeit mitunter mehr als hochwissenschaftliche historische Darstellungen, um Antworten zu finden. Die Briefe Deines Bruders und meines Schwiegervaters (gefallen 1941 vor Moskau) ähneln sich sehr. Meine Schwiegermutter gab mir alle Briefe kurz vor ihrem Tod. Der Schwiegervater war im Gegensatz zu Deinem Bruder (20 Jahre) ein gestandener Familienvater mit Frau und zwei kleinen Kindern, aber immer noch diese "Lust am Dienen", diese Freude "am straffen Dienst", diese Siegeszuversicht, die Selbstverständlichkeit und absolute Zweifelsfreiheit an allem, was geschah. Es ist kein Wunder, dass sich ganz normale Deutsche im Laufe der nächsten Kriegsjahre an heute unvorstellbaren Verbrechen beteiligt haben. Solche Briefe (ohne Namensnennung) in geeigneter Weise publik zu machen, wäre meiner Ansicht nach schon wichtig. Aber dann taucht stets die Frage auf, lesen es die, die es wirklich lesen sollten? Manche wollen nicht aus der Vergangenheit lernen und fühlen sich mit ihren Scheuklappen und dem Brett vor dem Kopf ganz wohl.
Gegenwärtig gibt es bei mir überhaupt keine Möglichkeit für geruhsames Lesen und Aufschreiben von Gedanken. Das zweite Halbjahr ab Februar ist in der Schule immer anstrengender als das erste. Nun bin ich dieses Jahr noch einmal mit fast allen Wochenstunden in den 12. Klassen eingesetzt und damit geht es von Woche zu Woche näher auf das Abitur zu. In den 10. Klassen bin ich für die Vorbereitung des Kurssystems der kommenden Schuljahre verantwortlich, das bedeutet auch viele Befragungen, Belegpläne, Gespräche mit Schülern und Elternversammlungen. Karins Fächer (Deutsch und Musik) erfordern einen ziemlich hohen Korrekturaufwand. Das ist bei mir zwar nicht der Fall, dafür kommen immer mehr Kinder und Jugendliche aus Verwandtschaft und Bekanntschaft, um Nachhilfe in Mathematik und Physik zu erhalten. Wenn es Frühling wird, gibt es draußen in Tautenhain auf den 2500 qm auch zu tun. Jetzt spüre ich deutlich meinen Muskelkater, denn gestern bin ich auf den Bäumen herumgeklettert und habe viel altes Astwerk herausgesägt. Das ist alles auch ganz schön und die Arbeit an frischer Luft tut gut - wenn aber die Zeit dafür nur „weggemaust“ wird, macht alles weniger Spaß. Der neue Computer - mit den vielen neuen Möglichkeiten des Internets, des Scanners, der E-mail - wird zunächst auch eine Menge Zeit der Einarbeitung beanspruchen. Andererseits sind diese vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten so faszinierend. Das gewöhnliche Fernsehen tritt immer mehr in den Hintergrund. Je mehr Programme ausgestrahlt werden, um so größer ist der Anteil an billigem Mist.
Dich interessiert immer wieder, wie sich in Deutschland bzw. in Sachsen alles entwickelt. Ich lege aus der heutigen Leipziger Volkszeitung etwas bei. Was allein im Norden von Leipzig mit dem neuen Flughafen, der Neuen Messe, an Straßen- und Eisenbahnbauten entstanden ist und laufend entsteht, ist beeindruckend nur einmal. Den Umbau des Hauptbahnhofes hast Du ja letztens mitbekommen. Aber auch in Geithain tut sich Vieles. Das Bürgerhaus, die frühere Filmbühne aus den 1950er Jahren, ist fertig. Gleiches gilt für eine ganz tolle, moderne Turnhalle in Geithain-West. Am Alten Rathaus wird tüchtig gearbeitet und sicher wird es nach Fertigstellung ein Schmuckstück für Geithain. Die Baracken gegenüber der Paul-Guenther-Schule sind längst verschwunden und auf dem Gelände sind fünf tadellose Häuser für Betreutes Wohnen entstanden. Elektro-Löffler in der Chemnitzer Straße hat sich gewaltig vergrößert: Kauf des Bauerngutes an der Ecke Bruchheimer/Dresdener Straße und Umbau zu Lager- und Produktionsräumen, Kauf der ehemaligen Fleischerei Irmscher mit dem Gelände bis hinunter zur Stadtmauer. In dem Gebäude ist ein großer Laden für Elektrobedarf und Haushaltsgeräte (vom Fön bis zu den größten Gefrierschränken und Waschautomaten in einer Riesenauswahl) entstanden. Überall wird gebaut, andererseits sind arbeitslose Bauarbeiter mit einem großen Prozentsatz vertreten und Meldungen über Konkurse von Baubetrieben findet man immer wieder in der Zeitung. Es ist mitunter irgendwie verwirrend. Alles schimpft - in letzter Zeit besonders die Bauern, die wegen Europa Einbußen erwarten - aber andererseits hat man den Eindruck, dass es vielen Leuten wirklich immer besser geht. Die Reiseagenturen verbuchten in der Wintersaison Maximalumsätze. Meine zwei jungen Physikkollegen an der Schule (26 und 32 Jahre alt) werden in diesem Jahr mit ihrem Hausbau fertig, eine andere junge Kollegin erzählt begeistert von ihrem Besuch der Internationalen Immobilienmesse in Chemnitz. Sie liebäugeln in der Tat mit einem "Haus in der Provence". ---- Das alles 10 Jahre nach dem Fall der Mauer!! --- Und dann noch so eine Seltsamkeit: Keiner will ernstlich wieder DDR-Verhältnisse, aber die PDS hat Zulauf! Ich bin mir zur Zeit wirklich nicht darüber klar, wer im gegenwärtigen SPD-Streit recht hat: Die einen wollen sie ausgrenzen und lehnen jegliche Koalitionen mit der PDS ab, die anderen erhoffen durch eine Regierungsbeteiligung (wie in Mecklenburg-Vorpommern) eine Zügelung der PDS, ein Nachlassen ihrer Anziehungskraft, wenn sie erst einmal in der Verantwortung steht.
Noch einmal zurück zu den alten Briefen Deines Bruders und meines Schwiegervaters. Vieles ist für uns heute nur schwer nachvollziehbar. Es ist schließlich alles vor über 50 Jahren geschehen. Für uns liegt die DDR- Zeit gerade mal 10 Jahre hinter uns. Ich frage mich heute auch manchmal, wieso man die geistige Einengung und die räumliche Einmauerung damals nicht stärker empfunden hat. Es will einem nicht mehr in den Kopf, dass beispielsweise ein Kontakt über Telefon, Post oder E-mail schon mit Menschen oder Institutionen in Westdeutschland schwer, mit Europa oder Amerika gänzlich ausgeschlossen war. An das Reisen dorthin gar nicht zu denken. Die Irlandtouren sind für mich immer wieder das Musterbeispiel. E-mail an Irish Cycling Safari in Dublin, Bezahlung über Credit-Card, Flugticket telefonisch reservieren, ein Reisebüro ist schon gar nicht mehr nötig. Oder unsere Reise mit dem Auto im Sommer nach Südfrankreich: Kenntnisnahme der vielen Anzeigen im Reiseteil der "Zeit", Anruf bei den französischen Adressen, Prospekte schicken lassen, auswählen - fertig. Oder der Umgang mit den Presseerzeugnissen, die Kunst des Auswählens, Herausfinden der für sich richtigen Zeitung, das Kennenlernen verschiedener Meinungen zu einer Sache - Du hast mich damals mit der "Zeit" sehr gut beraten! Ich möchte sie keinesfalls mehr missen und komme jetzt auch ganz gut mit ihrem Umfang zurecht. Inzwischen ist es dagegen in Kanada schwieriger geworden, "Die Zeit" zu erhalten, wie Du letztens schriebst?
Damit soll es aber für heute genug sein. Herzliche Grüße von Geithain nach Kanada! Eure Geithainer Karin und Gottfried
Lieber Gottfried, ich las vor kurzem ein Essay von Günter Grass in der „Zeit“ mit dem Titel „Der lernende Lehrer“. Darin geht es auch um das „Prinzip Zweifel“: Ich vermisste es so in dem Bericht von Paul Hammer, des Leiters der Paul-Günther-Schule. Du hattest mir die Broschüre vor einiger Zeit geschickt. Nie in den vielen Jahren, in denen er die Schule leitete, sind ihm Zweifel aufgekommen über die Richtigkeit dessen, was die Schüler in seiner Schule lernten. Es war doch einiges schief gegangen mit dem Sozialismus in der DDR, sonst hätte man die Mauer nicht gebraucht. Grass zweifelt an den „Segnungen des Marktes“, er erhebt den Zweifel zum Prinzip, er meint, dass wir niemals uns sicher fühlen sollten über die Richtigkeit unseres Handelns. Und dann erwähnt er Hartmut von Hentig, dessen Bücher ich gern lesen würde: „Wir müssen uns entscheiden, damit fängt alle Pädagogik an. Wollen wir eine Homepage-Öffentlichkeit, in der jeder sich an jeden wendet und sich in die Folgenlosigkeit einübt, in das Nichtverantworten-Müssen dessen, was man in die Welt gesetzt hat? Wollen wir die ständige Beschleunigung, die fortgesetzte Entsinnlichung, die Preisgabe der Unmittelbarkeit, der multa statt multum? Wollen wir digitale Vernetzung mit immer mehr Unbekannten statt Verbindung und Auseinandersetzung mit denen, die uns angehen und die wir angehen? Wollen wir das Untergehen der Aufmerksamkeit im großen Geräusch und der ständigen Überblendung? Wollen wir die Zunahme von „Schein“, die Verdrängung der erfahrbaren Wirklichkeit durch die „virtuelle“, des Kostbaren und Widerständigen durch das Verfügbare und Geläufige.... Mit diesen weder rhetorischen noch ironischen Fragen sind nicht die neuen Medien angeklagt, sondern unsere Willenlosigkeit, unser Zauberlehrlingsübermut, unser Opportunismus und unsere in ihm gründende Unfähigkeit zu erziehen.“
Dieser Absatz beschreibt sehr gut, dass wir uns nicht in jedes neue technische Abenteuer stürzen müssen. Keiner kann mich davon überzeugen, dass schneller und schneller, mehr und mehr, lauter und lauter auch besser und besser ist. Vielleicht findest Du die Zeit, mit mir über dieses als „Lehrer“ ins Gespräch zu kommen.
Zu dem Bild (s. Bild 8 und 9) von uns, aufgenommen vor fast 40 Jahren: Du weißt, dass wir 1954 nach Kanada ausgewandert sind. Im Herbst 1959 erhielten wir die Kanadische Staatsbürgerschaft. Wir wohnten damals auf einem Gut in der Nähe von Richmond Hill, nördlich von Toronto. Eine Dame kam von der Lokalzeitung, um uns zu gratulieren und zu „interviewen“. Sie machte diese Aufnahme in unserem damaligen Wohnzimmer und schrieb einen langen Artikel mit unserer Geschichte.
Für heute sei das genug. Wir wünschen Euch alles erdenkliche Gute und Schöne. Greetings and much love, from John & Gisela
Geithain, 04.06.99
Lieber John, herzlichen Dank für Deine Briefe mit den Fotos. Ich habe alles erhalten und stehe wieder einmal in Deiner Schuld. Mein letzter Brief, ich sehe ihn hier auf dem Computer vor mir, war Anfang März! Ich hoffe, Du hast unsere Karte von Teneriffa sowie inzwischen auch die von England (Partnerschule in Eastbourne) erhalten. Seit Sonnabend bin ich zurück und es gab, Gott sei Dank, keine Unfälle oder andere besondere Vorkommnisse mit unseren 30 Schülern. Es war ziemlich anstrengend, andererseits aber auch überaus interessant. Die zwei Exkursionen nach London, dann je eine nach Brighton und Hevercastle (das Schloss der Astors, den Gründern der Waldorf-Astoria-Hotels) boten eine Menge an Sehenswürdigkeiten. Das eigentlich Neue aber für mich war das Kennenlernen des englischen Schulalltags: die Kinder sind von 9 Uhr am Morgen bis abends 18 Uhr, zweimal in der Woche sogar bis 19.30 Uhr, in der Schule. Auf den Sportplätzen herrschte ununterbrochen Betrieb und immer spielten welche Kricket, Basket- oder Volleyball! Neben Sport gab es eine schier unübersehbare Zahl von anderen "activities", vom Kochen über künstlerisch-musische Arbeitsgemeinschaften bis zu Computerübungen war alles vertreten und die Ergebnisse konnte man im Schulhaus an Bildern, Berichten und Ausstellungen in Ruhe betrachten. Insgesamt eine gute Atmosphäre und ein entspanntes Verhältnis der Schüler untereinander bzw. zwischen Lehrern und Schülern. Ich habe mir viel Informationsmaterial beschafft und werde in der Schule meines Enkels in Erfurt etwas Reklame machen. Ich glaube, die 14 Tage waren für unsere Peniger Schüler ganz wichtig und es hat ihnen, nach kurzer Eingewöhnungszeit, auch gut gefallen. Die St. Bedes-School in Eastbourne beherbergt das ganze Jahr über für jeweils 14 Tage Schüler aus sächsischen Gymnasien. Vielleicht klappt es noch einmal, dass ich, zwar nicht als aktiver Lehrer, aber als Rentner-Opa eine Erfurter Klasse begleiten kann. Eastbourne ist ja auch ein sehr beliebtes Seebad in England. Ein englischer Kollege lieh mir sein Fahrrad, so konnte ich an zwei Vormittagen die herrliche Gegend von Sussex bzw. West-Kent genießen! Alles gut, einerseits, aber zur Zeit bin ich krankgeschrieben. Drei Tage vor Reiseantritt zeigten sich Anzeichen einer Grippe, ich ging aber nicht zum Arzt in der Hoffnung, das Seeklima würde schon helfen. Husten und Schnupfen blieben leider, mit dem Husten wurde es sogar noch schlimmer. Nun setze ich ein paar Tage in der Schule aus - damit bleibt etwas Zeit zum Schreiben! Im Juli wird die Irland-Rad-Woche wieder Gelegenheit für das Englisch-Sprechen geben ---- English learning by cycling! Viele werden wieder aus USA kommen und fast alle kennen kein deutsches Wort! Übrigens haben die Deutschlehrer an der englischen Schule das gleiche Problem wie Frau Shuler damals in Dover: nur noch wenige Schüler lernen Deutsch!
Ehe ich es vergesse, hier erst einmal ein paar praktische Dinge aus Deinen Briefen:
a) Eine Kopie Deines Aufnahmeantrages für den Geithainer Heimatverein e.V. liegt diesem Brief bei. Ich bekam sie von Herrn Bessert, unserem Kassierer und Schriftführer. Dein Beitrag ist mit Deinem Scheck für die Jahre 1999 bis 2001 (3 x 36 DM) damit bezahlt. Bist Du so einverstanden?
b) Ein Meßtischblatt (MB) zur Umgebung von Stünzheim bei Ehrenberg in Thüringen will ich für Deine Bekannten gern besorgen. Es gibt dabei nur die Qual der Wahl. Herr Diederichs brachte mir heute einige Prospekte, die von den Vermessungsämtern herausgegeben werden, allerdings nur Sachsen betreffend. Für Thüringen gibt es sie aber analog: Eine riesige Auswahl an aktuellen, historischen, geologischen, "mundartlichen" Karten und Atlanten werden von den Ämtern angeboten. Ich habe nur gestaunt, was man sich so alles bestellen kann. Egal, woher die Bestellung kommt, die liefern das Gewünschte per Nachnahme! Herr von Larisch könnte sich doch auch an den Bürgermeister der Gemeinde Stünzheim (Postleitzahl 04603) wenden, um Bildmaterial oder Texte zu erhalten. Auf jeden Fall würde ich ihm zu einem Schreiben an das thüringische Vermessungsamt raten. Es gibt aber auch spezielle historische Karten! Ich werde in der nächsten Zeit versuchen, die homepage von Ehrenberg im INTERNET zu finden. Ich vermute, dass Stünzhain eingemeindet wurde. Die homepages sind ja eine feine Sache! Letztens fand ich im "Briefkasten" der Geithainer homepage eine Leserzuschrift aus den USA vom Enkel des Herrn Persecke. Er hat über INTERNET mit großem Interesse die Informationen über Geithain (mit vielen schönen Farbbildern) gelesen. Die Persecke & Wienand GmbH war der Nährmittelbetrieb draußen an der Wickershainer Kirche, von den Geithainern "Haferflockenbude" genannt. Vielleicht erinnerst Du Dich?
c) Meinen Briefwechsel (per E-Mail) mit der Stelle in Dresden wegen einer eventuellen Veröffentlichung Deiner "Erinnerungen 1945" findest Du ebenfalls hier als Beilage. Schreibe mir bitte, wie wir weiter verfahren wollen. Die in dem Schreiben angeführte Internetadresse muss ich mir bei Gelegenheit auch einmal anschauen.
Den Artikel von Grass in der "Zeit" vom 20. Mai d. J. habe ich noch nicht gelesen. Ich war ja in der Woche unterwegs und der "Zeit"-Stapel ist in den vergangenen Wochen bedenklich gewachsen. Demnächst ist radikales Sortieren angesagt und nur die wichtigsten Beiträge werden zum Lesen aufgehoben. Du kennst sicher auch den Artikel der Gräfin Dönhoff zum 50. Jahrestag der Bundesrepublik. Ich glaube, er erschien in der Ausgabe vom 27.05.99. Ein Genuss, ihn zu lesen, und man freut sich, wenn man seine eigenen Vorstellungen und Meinungen fast vollständig bestätigt findet. Gleichzeitig ärgert man sich, sie nicht selbst so klar und sprachlich angenehm formulieren zu können. Ihre Darlegungen zum Demokratieverständnis und zur Demokratiefähigkeit der Deutschen treffen den Kern. Sie ist insgesamt optimistisch und schließt Rückfälle in Richtung Nationalismus oder gar in totalitäre politische Strukturen absolut aus. Hoffentlich hat sie Recht. Ich bin mir darüber nach wie vor nicht so sicher. Du kennst meine Meinung, wonach obrigkeitsstaatliches Denken, Fühlen und Gebaren in Deutschland zu tief sitzen. Ich finde das zu oft im Alltag, besonders hier in Ostdeutschland, bestätigt. Hier schließt sich wohl auch der Kreis zu Deiner Meinung über Paul Hammers Buch zur Schulgeschichte von 1949 bis 1989 in Geithain: Das Absolute, das Nichterwähnen von möglichen anderen Sichtweisen oder anderen Entscheidungen, das unkritische Zurückschauen. Ich schrieb Dir schon einmal, was ich in dem Buch von Hammer ganz besonders vermisse: wenigstens einen Hauch einer Andeutung in der Richtung, dass er und seine ganze Altersgruppe in ihrem Leben gleich zweimal auf Ideologie und politische Propaganda hereingefallen sind. Und warum? Eben auch deshalb, weil sie in der jeweiligen Zeit sich und anderen ein Hinterfragen, ein Zweifeln, eine umfassendere Sicht nicht erlaubt hatten bzw. glaubten, sich das nicht erlauben zu können.
Zu einigen anderen Stichworten in Deinem Zitat aus Grass` Artikel: Homepageöffentlichkeit, Verdrängung der erfahrbaren Wirklichkeit durch eine virtuelle Welt, Preisgabe der Unmittelbarkeit, Zauberlehrlingsübermut ... Ja, es gibt bei mir auch Zeiten, wo ich die Gefahren der neuen Medien überbewerte gegenüber deren Nutzen und Faszination. Gegenwärtig - seit März habe ich die neue Computeranlage - überwiegt wohl eher das zweite. Davon aber einmal abgesehen, glaube ich, dass der ständige Umgang mit jungen Leuten davor schützt, zu schwarz zu sehen. Wenn ich täglich erlebe, wie selbstverständlich sie mit dem Computer umgehen, frage ich mich manchmal: War es nicht zu allen Zeiten so, dass die Alten gegenüber allem Neuen, Unbekannten vorsichtiger und auch ängstlicher reagierten als junge Leute? Ist dieser unser Punkt auf dem Zeitstrahl der Menschheitsentwicklung nun ein „stinknormaler“ Punkt oder doch irgendwie ausgezeichnet? Liegt er näher am Ende oder geht es von ihm aus in Zeitrichtung auch wieder unendlich weiter? Ist es nicht möglich, dass ein alter Mensch seinen persönlichen Endzeitpunkt instinktiv mit einem allgemeinen Ende gleichsetzt? Es ist keine Frage, dass die neuen Medien, die ganze neue Technik überhaupt (s. Möglichkeiten der Medizin, Gentechnik, Raumfahrt u.a.) Gefahren in sich birgt und dass ihre richtige Anwendung erlernt, erkannt, erfahren werden muss. Und dass sich Moralauffassungen immer geändert haben, dass alte Menschen Verhaltensweisen als unmoralisch, dekadent empfanden/empfinden, die für die Jungen, auch wenn diese dann selbst zu den Alten gehören, ganz selbstverständlich waren/sind - warum sollte es heute anders sein als zu allen Zeiten?
Kosovo!? NATO-Offiziere treffen in Belgrad mit Milosevic zusammen. "Schon morgen könnten die Bombardierungen aufhören!"--- Wenn es gelingt, dass die Flüchtlinge, beschützt durch UNO/NATO-Soldaten bis zum Winter zurückkehren und das serbische Militär aus dem Kosovo heraus ist - dann haben die vielen Opfer vielleicht doch noch einen Sinn: Ein bis heute grundlegendes völkerrechtliches Prinzip der "Nichteinmischung in innere Angelegenheiten eines Staates" ist relativiert. Ein potentieller Diktator kann nicht mehr machen, was er will! Hoffentlich geht alles gut. Du sagtest einmal in einem Telefongespräch, Du würdest Dich zerrissen fühlen angesichts der NATO- Bomben auf Serbien. Es war ja auch diffizil: In Leuten wie Blair oder Fischer konnte man ja nun wahrlich keine kriegslüsternen Ungeheuer sehen, von Scharping gar nicht zu reden. Ich neige zwar nach wie vor dazu, dass politisch/ diplomatische Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft waren, den Krieg zu vermeiden. Gewöhnlich sagt man, die Geschichte wird erst zeigen, ob die Entscheidung richtig war. Zweifel sind dabei auch sicher angesagt:
-Wann hätten die Westmächte nach 1933 Hitler wirksam stoppen sollen?
-Hätte Westdeutschland am 17.Juni 1953 aktiv eingreifen müssen?
-Hat sich die NATO am 13.August 1961 richtig entschieden?
Die Gräfin äußert sich in dem bewussten Artikel im Rückblick auf die letzten 50 Jahre zu einer ganzen Reihe von politischen Entscheidungen in der Deutschlandpolitik.
