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Sie geht durch ihre eigene Hölle – und er versucht sie zu befreien Ein rauer Wind von Schuldgefühlen wütet in Amelia, als sie vor dem Grab ihres Mannes steht. Ihre inneren Ritter haben es geschafft, eine neue Mauer zu errichten und sie will ihr altes Leben zurück - ohne diesen unerträglichen Schmerz. Genau in diesem Moment steht Neal vor ihr und fängt sie auf. Dieses Mal wird er sie nicht gehen lassen, denn er kann sich ein graues und farbloses Leben ohne Amelia und die kleine Mell nicht mehr vorstellen. Schnell wird Amelia klar, dass Neal und seine Familie nicht nur ein dunkles Geheimnis haben. Um eine gemeinsame Zukunft mit Neal haben zu können, muss Amelia über ihre eigenen Grenzen hinauswachsen. Sie steht vor Entscheidungen, die ihr ganzes Leben verändern werden. Kann ihre Liebe den vielen Veränderungen standhalten oder ist Neals Kampf hoffnungslos?
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Inhaltsverzeichnis
Ana L. Rain
Für meine
Anmerkung
Wie alles begann …
Heute
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechszehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel
Dreiunddreißigstes Kapitel
Vierunddreißigstes Kapitel
Fünfunddreißigstes Kapitel
Sechsunddreißigstes Kapitel
Siebenunddreißigstes Kapitel
Neal
Achtunddreißigstes Kapitel
Neununddreißig Kapitel
Vierzigstes Kapitel
Einundvierzigste Kapitel
Epilog
Danksagung
Broken Love
Verführende Liebe
Roman
Band 2
beste Freundin,
Annika
Liebe Leser und Leserinnen,
im zweiten Teil meiner Trilogie stand ich im Zwiespalt. Warum? Ganz einfach: Weil der Begriff Pätter bei mir in der Umgebung der typische Begriff für Patenonkel ist. Leider sind solche Begriffe in jedem Teil Deutschlands anders und ich muss gestehen, dass wenn Melanie ihren Patenonkel Bill mit Vornamen anspricht, ihn Onkel Bill nennt, es nichts Besonderes mehr ist. Bei mir in der Gegend, in der ich wohne und großgeworden bin, ist der Patenonkel etwas Besonderes und ich möchte es auch im Buch so handhaben.
Also wenn ihr über den Begriff Pätter stolpert, meint Melanie ihren Patenonkel Bill.
Pätter – Patenonkel
Ich wünsche euch viel Spaß mit dem zweiten Teil.
Ana
Tag eins meines neuen Lebens beginnt. Amelia Malek ist Drogenfahnderin. Endlich. Lu hat gelacht. Sie hat darauf gewettet, dass ich zur Drogenfahndung gehe, weil ich schon früher ein Näschen dafür hatte. Wenn sie wüsste, dass ich im Bilde bin, dass sie manchmal eine Nase nimmt, wäre sie bestimmt sprachlos.
Ich stehe vor dem Spiegel und stecke meine Haare zu einem Dutt hoch. So aufgeregt war ich schon lange nicht mehr. Durch das Studium war ich zwar schon einmal in der Abteilung und habe die Kollegen kennengelernt, allerdings nur flüchtig und es war nicht mein jetziges Team. Ich gehe aus dem Bad, hole mein Essen aus dem Kühlschrank und hänge meine Tasche über meine Schulter. Dann geht es das Treppenhaus hinunter.
Eine Etage unter mir wohnt Harin, mein bester – und eigentlich auch mein einziger – Freund in Berlin. Er öffnet ruckartig die Tür, als ich an seiner Wohnung vorbeilaufe. Ich stoppe.
»Viel Spaß und viel Glück, Amelia.« Harin drückt mich und ich gebe ihm einen Kuss auf die Wange. Annamaria, seine Mutter, steht hinter ihm und nimmt mich ebenfalls in den Arm. Da soll mal jemand sagen, Berlin wäre unpersönlich.
»Danke Harin, danke Annamaria. Ich bin so aufgeregt«, rufe ich, während ich die Treppen im Schnellschritt herunterspringe. Ihr Lachen ertönt im ganzen Treppenhaus und ich höre es noch im Erdgeschoss.
Im Auto drehe ich die Musik auf, Limp Bizkit mit Rollin ertönt und ich rocke erst einmal ein bisschen dazu ab. Vor dem Präsidium rauche ich schnell eine Zigarette, bevor ich hineingehe. Drinnen stellt sich ein Typ neben mich und wartet mit mir auf den Aufzug. Er sieht nicht aus wie ein Bulle, eher wie ein Model. Sein blondes, kinnlanges Haar weht ihm jedes Mal ins Gesicht, wenn die Tür hinter uns aufgeht. In seiner Jeans und dem schwarzen Shirt sieht er wie der typische Checker aus. Vielleicht will er eine Anzeige aufgeben oder … Ich schaue ihn mir genauer an. Falsch, er trägt eine Waffe, also kein Model. Dieser Mann gehört hierher, so wie ich. Mit seiner linken Hand streift er eine Haarsträhne hinter sein Ohr. Dabei schweift sein Blick über meinen Körper und checkt mich ab, ehe er einer anderen Frau hinterherschaut. Meine Augenbraue bewegt sich ganz von selbst nach oben, als ich den Mann anschaue. Er hätte wirklich Model werden sollen und nicht Polizist, wenn er jede bei der Arbeit so anglotzt. Die Fahrstuhltür öffnet sich. Das Model und ich steigen ein und ich drücke die Drei auf den Knöpfen.
»Wohin?«, frage ich ihn freundlich, jedoch mit einem gewissen Unterton.
»Dorthin, wo du hinwillst«, antwortet er und grinst arrogant. Mir bleibt keine andere Wahl als die Augen zu verdrehen. Was für ein Arsch.
»Bist du neu?« Will er jetzt Smalltalk im Fahrstuhl führen?
»Ja, Drogenfahndung.«
»Freut mich, Bill Steinhauer.«
»Amelia Malek.«
Er öffnet leicht seinen Mund und leckt sich über die Lippen. Mit einem Ding geht die Tür auf- endlich.
Bevor der Typ mich weiter mit seinen Blicken auszieht, laufe ich schnell zu Herrn Kowalskis Büro. Ich klopfe und bevor er antworten kann, trete ich ein. Alexander Kowalski ist mein nächster Vorgesetzter. Er erklärt mir ein paar Dinge, weist mich ein und erzählt mir, dass ich einen Pensionär ersetze. Er hält große Stücke auf mich, weil ich von Frau Schönbaum empfohlen wurde und ich die Beste im Jahrgang war. Alexander ist nett, jedoch gleichzeitig ein bisschen einschüchternd. Mein Blick fällt auf den Schreibtisch und die vier Bilderrahmen, die dort stehen. Wer wohl darauf ist?
Wir gehen aus dem Büro. Alex begleitet mich durch die ganze Abteilung und stellt mich meinen Kollegen vor. Gabriel, der mit mir studiert hat, ist ebenfalls hier und wir treffen ihn während unserer Einweisung beim Rundgang. Am Ende ist das Team, mit dem ich arbeiten werde, dran. Das Beste kommt eben zum Schluss, wie man so schön sagt.
Wir laufen direkt auf den Fahrstuhltypen zu. Oh nein! Ernsthaft? Das Model lacht laut auf und unterhält sich leise mit zwei anderen, während er auf seinem Drehstuhl sitzt und sich mit Hilfe seiner Turnschuhe leicht hin und her dreht. Ihm gegenüber tippt gerade ein Rotschopf mit markanter, brauner Brille nachdenklich mit einem Kuli gegen sein Kinn. So habe ich mir immer einen Nerd vorgestellt. Mir fällt sofort DasModel und der Freak ein, als ich die beiden sehe.
Der dritte sticht mir ins Auge. Er lehnt sich gegen einen der vier Schreibtische und lacht. Dabei dreht er sich zu mir um. Diese Lache klingt wundervoll, so wohltuend, und sein strahlendes Lächeln ist nicht wegzudenken. Er ist wahrscheinlich der attraktivste Mann im Raum. Was denke ich da? Er ist der attraktivste Polizist, den ich je gesehen habe!
Er hat kurze Haare und will anscheinend seine Locken dadurch verstecken. Man sieht es sofort. Sein Körper ist durchtrainiert.
Alle drei schauen zu mir und lachen. Dieser Bill wird ihnen wahrscheinlich von unserer Bekanntschaft im Aufzug erzählt haben. Er wusste bestimmt, wer ich bin, und hat sich einen Spaß gemacht.
Der heiße Kerl lächelt noch einmal, als unsere Blicke sich treffen. Für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, ich bekomme keine Luft und die Welt bleibt stehen. Reflexartig schnappe ich nach Sauerstoff. Es fühlt sich an, als ob ich auf Watte laufen würde, weil er mich so bezaubernd anschaut.
»Jungs, ihr bekommt weibliche Unterstützung, seid nett zu ihr. Bill, nicht zu nett, ihr seid Kollegen, verstanden? Das ist Amelia Malek.«
Bill lacht und Alexander hebt den Zeigefinger, als ob er mit ihm schimpft.
»Wir hatten ja schon das Vergnügen. Nenn mich Bill.« Er nickt und grinst mich wie ein Breitmaulfrosch an.
Sein Gegenstück steht auf: »Freut mich, ich bin Christian Janzen. Chris reicht völlig aus.« Der Nerd hat honigbraune Augen und Sommersprossen. Als ich seine Hand halte, ist sie schwitzig und warm.
Jetzt ist der heiße Typ dran. Er bewegt sich lächelnd vom Schreibtisch weg. Mein Herz rast wild, als seine smaragdgrünen Augen mich durchdringen. Mir läuft ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ich kann nicht anders und starre ihn regelrecht an. Dabei habe ich kein schlechtes Gewissen, denn er tut dasselbe. Keiner von uns kann den Blick abwenden. Ein komisches Gefühl schleicht sich dabei durch meinen Bauch.
»Sie brauchen vor Bill keine Angst haben. Er tut nichts«, bricht er unser Schweigen mit einer warmen Stimme. So warm wie seine Lache.
Ich ziehe meine Augenbraue hoch. Wo bin ich denn hier gelandet? Im Affenzirkus? »Er will nur spielen oder was?«, haue ich amüsiert heraus und bringe damit alle zum Lachen. Denen werde ich schon zeigen, wo es lang geht.
Er reicht mir seine Hand und ich schweife mit meinen Augen über seinen Körper zu seinem Gesicht. Die braune Lederjacke steht ihm verdammt gut. Sein Händedruck ist fest und seine Hände weich und warm.
»Jason Hasley. Wenn für Sie das Du in Ordnung ist, dann nur Jason.« Sein Lächeln geht direkt durch mich hindurch, genauso wie sein Blick. Mein Herz schlägt wieder schneller und ich bekomme Gänsehaut am ganzen Körper. Ich spüre, wie sich jedes einzelne Haar an meinen Armen aufstellt. Abrupt lasse ich seine Hand los.
»Ja, das Du ist vollkommen in Ordnung.«
Cool bleiben, Amelia, du kannst nicht mit einem deiner Kollegen ins Bett steigen. Vor allem, wenn er so auf dich wirkt. Während des Studiums war das noch okay, jetzt nicht mehr!
»Also dann, gutes Gelingen«, verabschiedet sich Alexander, den ich schon ganz vergessen hatte. Nun stehen die drei Männer vor mir. Es ist kurz ruhig und alle drei begutachten mich.
»Also, wir haben von einem Mädchen eine Spur bekommen. Sie hat die Vermutung, dass ihr Freund mit Drogen dealt«, erklärt mir Chris und hört als Erster auf, mich anzustarren. Er gibt mir alle zusammengetragenen Informationen. Es ist ziemlich wenig. Sie sind wohl noch am Anfang. Ich lese alles durch und sie starren mich an, als würden sie dafür bezahlt werden.
»Habt ihr noch nie eine Frau gesehen, die liest und Kommissarin ist? Oder habe ich auf der Stirn stehen, dass ihr mich bitte anstarren sollt?«, frage ich die drei und schaue dabei mehr Jason an, als die anderen. Bill dreht sich herum und setzt sich auf einen Stuhl. Chris tut es ihm gleich. Und Jason? Jason und ich blicken uns an. Ich schüttele meinen Kopf.
»Du hast nichts zu tun?«, frage ich ihn.
»Nein, eigentlich nicht«, sagt er belustigt.
Auf in den Kampf der Männerdomäne. Er lehnt sich an den Schreibtisch von Bill und sein Blick ruht auf mir. Warum macht er das? Es ist unangenehm und es zeugt von schlechtem Benehmen. Mein Handy surrt in der Jackentasche. Eine Nachricht von meiner Mama. Ich verdrehe die Augen und öffne die Nachricht. Sie wünscht mir viel Spaß und ich soll jederzeit schön auf mich aufpassen, vor allem soll ich sie bitte bald anrufen. Ich lächle. Sie hat ein Problem mit meinem Beruf.
»Sie hat einen Freund. Ihr könnt eure Eier wieder einpacken«, sagt Chris. Er kennt die Zwei schon länger und ist wohl selbst von diesen Spielchen gelangweilt. Ich will gar nicht wissen, was das zu bedeuten hat.
»Nein, habe ich nicht, trotzdem könnt ihr eure Eier einpacken.« Ich grinse Bill und Jason an. Jason entfernt sich endlich von seinem Stehplatz. Er pfeift kurz und setzt sich an seinen Schreibtisch. Von dort beobachtet er mich weiter. Es macht mich ganz nervös, ich kann kaum nachdenken.
Wie kann jemand nur so grüne Augen haben? Kontaktlinsen sind es nicht, das wäre mir aufgefallen. Konzentriere dich auf den Fall, ermahne ich mich selbst.
»Sind das alle Informationen?«, frage ich und versuche, mich abzulenken.
»Ja«, antwortet Jason.
»Und wir gehen der Sache nach? Das ist ja nichts. Gar nichts«, sage ich und werfe die Unterlagen auf meinen Tisch. Sie schauen mich fragend an. »Wir sollten uns diesen Malte vornehmen, wenn ihr tätig werden wollt«, füge ich mit voller Überzeugung dazu.
»Du bist sehr eifrig, manchmal ist Ruhe jedoch besser.« Jason versucht, mich zu stoppen. Ich stehe auf, schreibe mir die Adresse von diesem Malte auf und nehme meine Schlüssel in die Hand.
Jason rollt mit seinem Stuhl nach hinten und steht, als ich den Kopf hebe, unmittelbar vor meinem Schreibtisch. »Ich fahre.« Also gut, dann er und ich. Mir wäre zwar dieser Chris lieber gewesen, aber Jason ist immerhin erträglicher als Bill.
»Du fährst einen Camaro?« Überhaupt nicht auffällig. Ich muss darüber ein bisschen schmunzeln.
»Ja, hast du ein Problem damit? Was fährst du, einen Ford KA?« Er schaut mich abermals mit diesem Blick an, mit dem er mich den ganzen Morgen schon ansieht.
»Nein, einen alten 3er BMW. Als Polizist so einen Wagen zu haben, finde ich sehr auffällig.«
Jason steigt ins Auto ein und ich lasse mich auf den Beifahrersitz gleiten. Er dreht das Radio auf und fährt los. In meiner Familie sind alle BMW-begeistert. Mir ist es ziemlich egal, Hauptsache es fährt. Jason hat wahrscheinlich zu viel Transformers gesehen oder ist ein absoluter Autofanatiker – oder beides. Es könnte sogar mit hoher Wahrscheinlichkeit das Zweite sein. Sein Auto ist total steril. Auf den Sitzen ist kein einziger Krümel, noch nicht mal auf dem Boden ist ein Dreckklumpen zu finden. Autofanatiker … Definitiv!
Er dreht die Musik leiser. »Du warst die Beste?«
Das hat sich wohl herumgesprochen. Ich wusste, dass alle mich schon kannten - zumindest Informationen hatten.
»Ja, richtig.«
»Du siehst nicht aus, als wärst du eine Streberin.«
»Tja, vielleicht habe ich mit dem Ausbilder gevögelt«, scherze ich schlecht.
Er schaut mich merkwürdig an, aber lacht. »Das glaube ich nicht. Heiko ist glücklich verheiratet und er ist nicht dein Typ.«
Ich muss lachen. Er hat recht. Heiko ist alt und alles andere als attraktiv. »Woher willst du wissen, was mein Typ ist? Vielleicht stehe ich ja auf Ü-40?«, hake ich nach und hebe mein Kinn.
»Das bezweifle ich, du siehst nicht danach aus.«
Ich schweige und beobachte ihn beim Autofahren. Ich hatte schon ewig keinen Sex mehr. Die letzten Monate habe ich mit Lernen verbracht und wenn ich mit Harin unterwegs war und einen an der Angel hatte, hat Harin mir alles mit seinen Schlägereien vermiest. Er ist sehr schnell reizbar.
Doch Jason gehört zur Kategorie Arbeit und ich bin professionell. »Ich sehe auch nicht aus wie eine Streberin«, werfe ich ihm vor.
»Trotzdem eher wie eine Streberin als eine, die mit Heiko vögelt.« Seine Lache ist gehässig und gleichzeitig herzlich.
Ich schweige ihn an und schaue aus dem Fenster, bis wir bei diesem Malte sind und ihn befragen. Malte weiß von nichts. Seine Pupillen sind geweitet und er hat Gesichtsentgleisung. Wenn der nicht drauf ist, weiß ich es nicht. Manchen sieht man es sofort an, warum lügen sie trotzdem? Denken sie, wir wären blöd?
»Ich habe Hunger, lass uns noch etwas essen«, sagt Jason, als wir zurück zu seinem Auto laufen. Wie soll ich mit ihm jeden Tag zusammenarbeiten? Er ist so atemberaubend. Wie kann Gott so etwas erschaffen? Er zieht seinen linken Mundwinkel öfter zu einem kleinen Lächeln nach oben. Seine Lippen sind wohl geformt und sehen gepflegt aus. Er hat ein paar Bartstoppeln und ich denke daran, wie sie sich an meinem Oberschenkel anfühlen würden. Amelia, reiß dich zusammen, höre ich schon die Stimme meiner Mutter. Diesen Satz sagte sie so oft.
Jason läuft mit mir zu einem Imbisswagen. Carlos Curry CC steht oben drüber. Er bestellt Currywurst mit Pommes und eine Cola. Ich habe eigentlich gar keinen Hunger. Bei dem Anblick bekomme ich ganz anderen Appetit.
»Was möchtest du essen oder trinken?«, fragt mich mein heißer Kollege. Dich – und trinken ebenfalls. Oh fuck. Dieser Mann könnte alles mit mir anstellen.
»Ich hätte gerne eine Currywurst mit Brötchen und ein Wasser.« Ich versuche, mich mit richtigem Essen abzulenken.
»Carlo, du hast gehört, was die Frau möchte.« Er reicht uns unsere Getränke und Jason stellt sich an einen Stehtisch. »Also Amelia, erzähl mir von dir.«
»Habt ihr mich vorher nicht durchleuchtet oder so?«
Er zieht seinen Mundwinkel nach oben. »Klar, jedoch leben wir dann nicht so in der Stille.«
»Ich mag die Stille.«
»Siehst du, das steht nicht in deinen Unterlagen. Ich schweige auch gerne, trotzdem mag ich genauso gerne gute Gespräche.«
Ich nicke und hole uns unser Fastfood.
»Bill ist ein Frauenheld und Chris wohl das Gegenteil, dafür hat er eine Frau.« Beginne ich ein Gespräch und zeige auf meinen rechten Ringfinger. »Zu welcher Sorte Mann gehörst du?«, frage ich direkt.
»Du hast sie schon gut analysiert«, antwortet er und kommt daraufhin ganz nah zu mir. »Ich gehöre zu den Männern, die wissen, was sie wollen«, flüstert er mir mit einer rauen Stimme ins Ohr. Ich halte die Luft an, konzentriere mich auf mein Essen und stecke mir schnell ein Stück Wurst in meinen Mund. Das war zu viel des Guten, ich bin feucht und erregt. Von so ein bisschen Gerede. Das macht mir normalerweise nichts aus. Fuck, fuck, fuck!
Wir fahren zurück und von dort geht es anschließend mit meinem Auto nach Hause. Dort starte ich meine Musikanlage und lasse mir ein Bad ein. Es klopft an der Wohnungstür; ich öffne sie und Harin steht vor mir. Er folgt mir rein und ich schenke mir einen Whiskey ein.
Ich vermisse die Zeit zu Hause mit Lu. Abends haben wir uns oft vor der Tür noch einmal getroffen oder sind gemeinsam in eine Kneipe gegangen, haben geraucht und ein, zwei Whiskey getrunken. Wir haben uns über unsere Familien aufgeregt, welche alles so perfekt haben wollten. Sie ist meine beste und einzige Freundin. Man könnte uns Seelenverwandte nennen. In Berlin kam Harin als Kumpel dazu.
»Du solltest mit dem Vermieter reden. Irgendetwas stimmt mit deiner Klingel nicht. Unsere ist viel lauter.« Ich winke ab. Er spielt jedes Mal darauf an, weil er klopfen muss. Für mich umso besser, dann muss ich nicht jedem die Tür aufmachen.
Endlich liege ich mit einem Glas Whiskey an meiner Seite in der Badewanne voller Schaum und Harin sitzt auf dem Klodeckel mit einem Glas Wasser. Sein Auge ist noch leicht blau von der letzten Schlägerei. Er trinkt nicht und schlägt sich trotzdem. Irgendein Betrunkener hat ihn beleidigt. Harin hat keine hohe Toleranzgrenze, wenn es um Beleidigungen oder Frauen geht.
»Wie war’s?«, fragt er mich.
»Ich bin die einzige Frau in meinem Team. Drei Typen: ein Nerd, ein Beachboy und Frauenheld und ein …« Wie beschreibe ich Jason? Atemberaubender wunderschöner Mann? Heiß, sexy, Adonis? Verführerisch, männlich, anders?
»... und ein Arsch?«, erkundigt sich Harin.
»Nein, kein Arsch, na, vielleicht doch ein Arsch. Alle Männer sind Arschlöcher, du auch, Harin. Nein, keine Ahnung. Ein Zwischending. Er vermittelt bestimmt oft zwischen dem Beachboy und dem Nerd.« Das kann ich mir gut vorstellen. Ich trinke einen Schluck und der Alkohol brennt in meinem Hals. Ein gutes Gefühl.
»Du stehst auf ihn?« Harin lacht, er kennt mich seit fast drei Jahren. Er weiß langsam, wie ich ticke, und er weiß, dass mich ein Kerl nicht einfach so sprachlos macht, wie Jason es tut. Ich hebe mein Glas, trinke den Rest auf ex weg und spritze Harin mit Wasser voll.
»Nein, tue ich nicht! Ich steh nicht auf Kerle, das weißt du. Nicht so, jedenfalls.« Mich hat noch nie ein Mann so in den Bann gezogen wie Jason. Noch nie. Diese Gefühle sind völlig neu für mich. Was mache ich nur?
Ich schaue in Harins dämlich grinsendes Gesicht. Er weiß, dass ich ihn anlüge. Ich bin total schlecht im Lügen, außerdem hasse ich Lügen. Sie zeigen Schwäche und es kommt sowieso immer die Wahrheit heraus. Jason ist offenbar meine Schwäche, wenn ich jetzt schon lüge.
»Dreh dich um und gib mir mein Handtuch, wenn du schon da sitzt.«
Harin reicht mir mein rotes Handtuch und dreht sich um, sodass ich aus der Wanne steigen kann.
Erstes Kapitel
Ich stehe vor Jasons Grab. Die letzten Tage, seit ich Neal verlassen habe, waren hart. Meine Brust schmerzt und ich habe zu viel getrunken. Ich bin einfach gegangen. Ich habe ihn angebrüllt und habe ihm den Rücken zugewandt. Meinen Lichtblick habe ich verloren. Melanie, Leni und ich waren Stunden unterwegs. Harin hat mich verblüfft angeschaut, als ich plötzlich vor seiner Tür stand, und hat versucht, etwas aus mir herauszubekommen. Nichts habe ich ihm gesagt. Ich konnte nicht. Er nahm mich einfach in den Arm und ich weinte. Als ich mich ein wenig beruhigt hatte, wollte er in die Schweiz fahren und Neal zur Rede stellen. Harin war wirklich aggressiv. Er rief Bill an und erklärte ihm, dass er doch Taxi spielen müsse, dass er sich auf das Schlimmste einstellen solle. Ich habe es gehört. Harin dachte wohl, ich würde schlafen, denn er flüsterte und irgendwann ging er aus dem Raum und wurde lauter. Dabei hatte ich bloß die Augen geschlossen, in der Hoffnung, dass wieder alles in Ordnung sei, wenn ich sie öffnete. Dass alles nur ein schlimmer Alptraum war.
Ich stehe vor Jasons Grabstein. Meine Hand streicht über den anthrazitfarbenen Marmor und fährt die weißen Buchstaben nach. Es fühlt sich einen kurzen Moment so an, als würde ich Jasons Brust berühren und die Linien seiner Tätowierung nachmalen. Mir laufen Tränen herunter wie die letzten Tage. Die Wunde auf meinem Wangenknochen kribbelt durch das Salz in meinen Tränen. Ich habe mich bei einem Straßenkampf geschlagen. Bill war stinksauer und hat mich gleich zu seinem Betthäschen von Ärztin gefahren. Sie stellte keine Fragen und versorgte mich. Der Grund, warum ich weine, ist unklar. Ob wegen Neal oder Jason oder beiden? Ich fühle so viel Schmerz und Trauer in mir.
Ich frage mich, wann die Gleichgültigkeit kommt, und hocke mich vor das Grab. »Hallo Jason, ich habe dir doch von Neal erzählt, dem gutaussehenden Mann aus Hamburg. Dem Snob. Tja, den gibt’s leider nicht mehr in meinem Leben.«
Mein Herz schmerzt und ich bin müde. Es fängt an zu regnen, die ersten Tropfen fallen auf mich, doch ich bleibe einfach sitzen. Durch den Regen werden die Blumen ganz locker. Schwiegermutti hat sie anscheinend erst vor kurzem gepflanzt. Sie pflegt sein Grab. Ich mache es anscheinend nicht richtig genug. Die Tropfen werden stärker, bis sie als Platzregen auf mich nieder prasseln.
»Jason, ich kann nicht mehr. Ich dachte, ich hätte die zweite große Liebe gefunden. Er war wie die Sonne, die plötzlich aufging nach vielen kalten und dunkeln Tagen im Krieg, den ich gegen mich selbst führte. Jetzt ist die Sonne für immer untergegangen.«
Ich schaue hoch zum Himmel, der Regen hört auf. Die Regenwolken verschwinden langsam. Typisch für einen Sommerschauer. Ich spüre etwas in mir, was ich nicht beschreiben kann, und beginne, die scheiß Blumen herauszuziehen. Kontinuierlich und schneller. Meine Haare sind nass und tropfen auf mein Gesicht.
»Der Krieg ist viel härter und gewalttätiger geworden als vorher. Du hast mich alleingelassen. Warum? Du hast dich nicht mal verabschiedet, du bist einfach gegangen! Ich hab dich geliebt und du hast mich im Stich gelassen. Warum hast du das gemacht? Ich liebe Neal und habe ihn deinetwegen verscheucht. Ich bin schuld, dass er diese Scheiße gemacht hat, und schließlich verlasse ich ihn. Ich bin deinetwegen einfach gegangen! Du hast mich dazu gemacht. Du bist schuld, dass ich immer gehe. Er war das Beste, was mir seit dir passiert ist. Du bist weg und hast mich mit unserer Tochter alleine gelassen. Ich schaffe das nicht ohne dich«, schreie ich aus meiner Seele und reiße die letzte Blume heraus. Meine Hände sind voller Erde und ich zittere am ganzen Körper.
»Jason, verdammt, das ist alles deine Schuld. Ich habe ihn deinetwegen verjagt. Weil du mir das angetan hast, weil du fort bist, weil du mich verlassen hast. Ich kann diesen Schmerz nicht noch einmal fühlen. Warum bist du nicht da? Warum kannst du mich nicht in den Arm nehmen und mir sagen, dass alles gut wird! Ich liebe Neal und er ist«, ich hole tief Luft, »er ist weg.« Ich flüstere nur noch. Ich habe meine ganze letzte Energie herausgebrüllt und bin erschöpft.
Plötzlich höre ich Gekeife, stehe auf, um über den Grabstein zu schauen, und sehe in etwa dreihundert Meter Entfernung einen alten Mann, der mit mir schimpft. Er schüttelt dauerhaft den Kopf.
»Dat Sie sich net schämen. Dat ist Grabschändung!«, zetert er und ich wische mir meine Tränen mit den Handflächen weg und schniefe.
»Sie verdammter Wichser, was ich mit dem Grab meines Mannes mache, geht Sie einen Scheiß an. Kümmern Sie sich um ihre Toten!«
»Sie sollten sich schämen, einfach nur zuzugucken und nichts zu unternehmen«, zetert er weiter.
Was redet er da? Er schaut nicht mich an, sondern an mir vorbei. Ich konzentriere mich und halte den Atem an. Ich höre Atemgeräusche und Schritte. Der oder diejenige bleibt stehen. Ich will mich nicht um drehen. Wenn es Edmund ist, wird er mich hassen, und wenn es Jasons Mutter ist - die mich erst recht. Sie hasste mich von Anfang an. Wenn einer von ihnen gehört und gesehen hat, was aus mir heraus kam, was ich gerade gemacht habe. Nein, das darf einfach nicht so sein! Sie sind es nicht, bestimmt nicht. Vielleicht ist es Bill, ich habe mich noch nicht bei ihm gemeldet.
Ich stehe auf, drehe mich langsam um und sehe den Mann vor mir, von dem ich dachte, ihn für alle Zeit verloren zu haben und nie wiederzusehen. Meine Augen schließen sich, um meine Tränen verschwinden zu lassen. Ist er es wirklich?
»Neal«, flüstere ich so leise, dass wahrscheinlich nur ich selbst es hören kann.
»Amelia.« Seine Augen sind rot unterlaufen, als ich ihn wieder anblicke. Er sieht mindestens genauso scheiße aus wie ich selbst. Verletzlich, gequält und schmerzgeplagt. Mein Herz rast und ich zittere noch mehr als vorher. Meine Beine werden weich und ich lasse mich auf das nasse Gras fallen. Neal macht einen großen Schritt und fängt mich auf, bevor ich am Boden ankomme. Er drückt mich an sich und hebt mich hoch.
»Ich bin da, Amelia, ich bin da«, wispert er. Neal hebt mich hoch und dreht sich um. Was macht er hier? Ich schaue ihn an und versuche zu erkennen, ob er wieder dieses abscheuliche Zeug genommen hat. Doch seine Augen sehen diesmal müde und leer aus. Schließlich blicke ich noch einmal zu dem verschandelten Grab, bevor er mit mir zu seinem Auto läuft und mich reinsetzt.
Wir fahren zu uns nach Hause. Es ist unser Zuhause. Er ist teilweise bei mir eingezogen und seine Sachen haben einen Platz bekommen. Mit zwei Kartons und zwei Taschen kam er bei mir an und überraschte mich zwei Wochen nach seinem Geburtstag. Mell freute sich tierisch.
Melanie. Sie denkt, ich musste kurzfristig arbeiten und dass wir deshalb so plötzlich gefahren sind.
Neal trägt mich in unsere Wohnung, bis ins Badezimmer, und zieht mir meine nasse Kleidung aus. Nicht auf erotische Art, sondern eher wie einem kleinen Kind. Ich bin total unbeholfen und verstehe noch nicht, was gerade passiert. Der Schnaps benebelt mich total.
Neal ist wieder da.
Er lässt Wasser in die Badewanne ein und hilft mir aus der Unterwäsche. Ich friere, trotz dass wir Sommer haben. Meine Beine schlottern und meine Zähne klappern. Ich versuche, mich mit verschränkten Armen selbst warmzuhalten. Er nimmt eine Hand von mir und hilft mir dabei, in die Wanne zu steigen. Neal zieht sich schnell aus und setzt sich zu mir ins Wasser. Der Mann, den ich dachte, verloren zu haben, nimmt den Badeschwamm und seift mich ein, massiert mich und hält mich fest. Der Lichtblick kommt nur wenig durch. Die Mauer ist schneller aufgebaut worden als vorher. Die Armee ist stärker und ich habe Angst. Angst, dass er noch einmal geht. Angst, ihn erneut zu verlieren.
Er lässt immer und immer wieder neues heißes Wasser ein. Jedes Mal, wenn ich beginne zu weinen und meine Lippen anfangen zu zittern, küsst er meine Schultern und macht ein beruhigendes Geräusch. »Sch … sch …«
Hat er alles gehört, was ich am Friedhof gebrüllt habe? Das wäre furchtbar!
Er wickelt mich in ein Handtuch ein und zieht mir meinen Bademantel an. Nach dem Baden fühle ich mich ein wenig besser. Wir lagen einfach nur im Wasser und schwiegen uns an, das war sehr heilend.
Als ich im Bademantel und dicken Wollsocken bei fünfundzwanzig Grad draußen in die Küche laufe, sehe ich, dass sie aufgeräumt ist. Neal kommt zu mir und umarmt mich von hinten.
»Warst du hier?«, frage ich ihn leise und meine Stimme bricht fast.
»Ich habe dich gesucht und du warst nicht da, also habe ich aufgeräumt«, erklärt er mir. »Amelia, es tut mir leid, ich hätte das Zeug nicht nehmen sollen. Ich war sauer, dass …«
Bevor er irgendwie weiterreden kann, halte ich ihm die Hand vor den Mund. »Ist mir egal. Ich will nur, dass es nicht wieder vorkommt und du bei mir bleibst.« Ich weiß selber, dass ich ihn verlassen habe, allerdings brauch ich ihn mehr, als ich dachte.
»Ich habe gesagt, du sollst nicht weglaufen, ich werde dich jederzeit zurückholen. Ich liebe dich. Ohne dich kann ich nicht sein, wer ich bin. Ich werde um dich kämpfen. Ich bin nicht nur dein Lichtblick. Du bist ebenso meiner.«
Ich küsse meinen Retter. Neal trägt mich auf mein Bett. Durch die letzten Tage bin ich total ausgelaugt und zittere weiterhin. Er hebt die Decke hoch, legt sie auf sich und stützt sich über mich. Er schaut mir tief in die Augen. Seine Augen sind noch leicht gerötet, er lächelt geheimnisvoll und beginnt, mich zu küssen.
»Wir sorgen erst mal dafür, dass dir warm wird.« Neal öffnet meinen und seinen Bademantel und legt sich zu mir. Er hält mich fest, während ich ab und zu weine. Doch Neal ist da und lässt mich nicht los. Durch seine Nähe und seine feste Umarmung wird mir warm.
Mein Handy klingelt, ich suche es mit geschlossenen Augen, finde es aber nicht. Die Sonne leuchtet regelrecht ins Schlafzimmer. Wie viel Uhr haben wir? Neal streckt sich.
»Es liegt bestimmt noch im Flur«, murmelt er und dreht sich um. Ich stehe auf und hole es. Zehn neue Nachrichten, drei verpasste Anrufe, zwei davon sind von Harin. Es klingelt abermals, ›Harin‹. Ich nehme ab.
»Harin, was ist los?«, murmle ich ins Telefon.
»Du hörst dich noch ziemlich gerädert an. Hat Mr. Snob dich gefunden?«
»Ja, hat er, rufst du nur deshalb an?« Ich bin viel zu müde und verkatert, dass ich mit ihm darüber eine Konversation führen kann. Langsam laufe ich ins Schlafzimmer zurück und lege mich ins warme, kuschlige Bett; lasse dennoch Abstand zwischen mir und Neal. Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll und was das gestern war, dass ich gleich nachgab. Dieser Tag und der Alkohol haben mich weich gemacht.
»Da bin ich aber froh, wie geht es dir? Ist er bei dir?« Er ist froh, dass Neal mich gefunden hat? Wie soll ich das denn bitteschön verstehen?
»Mir geht’s besser, wenn du das wissen wolltest, und ja, er liegt neben mir.« Neal grinst, lehnt sich an meine Brust und fährt mit seinen Finger über meinen Bauch. Das war es nun mit Abstand halten.
»Gut, zieht euch an. Melanie ist im Kindergarten gestürzt, wir sitzen in der Notaufnahme im Franziskus Krankenhaus. Es ist alles gut, nichts Schlimmes. Sie ist tapfer.«
Neal hebt blitzschnell den Kopf hoch und steht auf.
»Es ist nichts Schlimmes, aber ihr seid in der Notaufnahme? Willst du mich verarschen? Nichts Schlimmes ist ein Splitter und Notaufnahme ist schlimm!« Schlagartig lege ich auf. Ich zieh mich an, putze mir die Zähne und binde mir einen Zopf. Danach sprinte ich im Schnellschritt runter in die Tiefgarage und steige in mein Auto. Neal folgt mir.
»Wenn Harin sagt, es sei nicht so schlimm, wird es nicht so schlimm sein.« Neal versucht, mich zu beruhigen, dennoch gebe ich Gas, ich muss zu meiner Tochter. »Amelia, fahr nicht so schnell.«
»Hast du Angst?«
Er antwortet nicht. Wir haben noch nicht viel miteinander gesprochen, doch wir müssen. Ich will das geklärt haben, aber das wird nach hinten vertagt. Ich kann gerade sowieso nicht klar denken.
Neal steigt auf den Fahrersitz, als ich aussteige, und sucht einen Parkplatz.
Ich renne in die Notaufnahme und halte Ausschau, leider sehe ich weder Harin noch Melanie. »Wo ist meine Tochter, Melanie Hasley?«, frage ich eine Schwester. Sie lächelt und schaut mich herablassend an.
»Kommen Sie mit, sie wird gerade genäht.« Genäht, wie bitte? Sie läuft mit mir in einen Raum, in dem ein Arzt gerade an meinem Löckchen herumdoktert. »Die Mutter ist da«, informiert sie den Arzt. Harin steht neben ihm und hält Mells Hand.
»Mama!« Mell lächelt kurz. Ihr Lächeln vergeht schnell und große Krokodilstränen steigen in ihre Augen. Sie kullern ihre Wange herunter.
»Ah schön, haben Sie zufällig den Impfausweis dabei?« Ich nicke, wühle in meiner Tasche herum und reiche ihn dem Arzt, doch die Schwester nimmt ihn mir ab. Der Arzt und die Schwester schauen mich streng an. Wahrscheinlich rieche ich noch ziemlich nach Alkohol. Mein Löckchen beobachtet alles ganz genau. Sie hat eine Platzwunde am Kinn. Ich tupfe ihr die Tränen weg.
»Also Schwimmbad ist leider für die nächste Zeit tabu und am besten nicht mehr mit dem Kinn bremsen, okay?«, erklärt uns der Arzt und Melanie nickt. Ich hebe sie hoch und gebe ihr einen Kuss.
»Mama, du hast auch ein Aua, so wie ich.« Sie zeigt auf meine Wange mit ihren kleinen Fingern. Mein Löckchen sucht sich noch ein Spielzeug aus dem Tapferkeitsglas aus und wir gehen aus dem Zimmer heraus. Ich atme kurz tief durch.
»Ach, da ist ja schon Mr. Snob. Wie geht’s deinem Gesicht?«, spottet Harin. Sein Gesicht? Was ist mit seinem Gesicht? Ich schaue mir Neal das erste Mal richtig an und sehe eine leichte Schwellung an Wange und Auge, es ist nichts blau oder rot. Neal schweigt dazu. Wie immer.
Mell klettert von meinem Arm auf seinen. »Mama hat auch ein Aua wie ich, guck.« Sie zeigt Neal ihre Wunde.
»Da warst du tapfer. Was hast du denn gemacht?«, fragt Neal mein Löckchen.
»Was ist passiert?«, frage ich Harin gleich hinterher.
»Sie ist hinter Kyle hergerannt«, erklärt Harin.
»Und dann hat es plumps gemacht. Genau da«, erzählt Mell weiter.
»Sie hat nicht geweint, bis ich kam.« Mein kleines, tapferes Löckchen. »Wir müssen es denen im Kindergarten sagen, dass wir hier waren. Sie müssen einen Unfallbericht schreiben oder sowas.«
Ich nicke. »Ich glaube, du darfst dir etwas wünschen, was willst du machen oder haben?«, frage ich meine wunderbare Tochter und denke kurz an Jason, als ihre Locken hin und her wackeln, und ringe mit mir. Sie sitzt noch bei Neal auf dem Arm.
»Ich will ein Eis«, ruft sie ganz laut.
»Na dann, lass es dir gut schmecken«, sagt eine Schwester und lächelt uns vier an.
»Zuhause oder in einer Eisdiele?«, fragt Harin.
»Zu Hause bei Oma«, bestimmt sie.
Mell bekommt eine große Portion Eis von Annamaria – mit Smarties. Sie erzählt Annamaria nochmal alles und als Gina von der Arbeit kommt noch einmal. Sie ist ganz aufgeregt, das wird das Adrenalin sein. Ich habe indes meinen Urlaub verlängert. Ich will sie morgen noch nicht in die Kita bringen. Sie bleibt zu Hause bei mir - bei mir und Neal. Mell krabbelt auf meinen Arm und schläft ein. Neal holt seine Kamera heraus und macht ein Foto. Dass er die überhaupt mit hat …
»Neal, ich sehe furchtbar aus.«
»Ach quatsch.« Er küsst mich und steht auf. Ich will gar nicht wissen, wie ich aussehe.
»Also, Amelia, ist bei euch alles geklärt?«
Ich schüttle meinen Kopf. »Nein, wir haben noch nicht miteinander gesprochen, aber wir werden es noch tun, keine Sorge«, sage ich bestärkt.
Harin nickt verständnisvoll. »Ihr braucht euch gegenseitig.«
»Amelia, was hast du eigentlich an deiner Wange gemacht?«, fragt Gina, als Neal zurückkommt.
Er streicht über meine Schultern und setzt sich.
»Sie hat sich geschlagen, Gina, was sonst an diesem Wochenende?«, antwortet Harin ihr, bevor ich es tun kann. Ich verdrehe die Augen und Neal schaut mich mit großen Augen an. Gina weiß davon wahrscheinlich nichts. Sie hat Jason nicht kennenlernen können. Harin und Gina hatten sich vorher getrennt.
»Wie, du hast dich geschlagen?«, fragt Neal erschrocken.
»Man, ihr solltet wirklich mehr miteinander reden und weniger vögeln.« Mein bester Freund grinst uns frech an und gibt Gina einen Kuss auf die Wange.
»Harin, sei ruhig«, maßregele ich ihn. »Ich habe geboxt. Ich habe mich nicht geschlagen.« Ich versuche, es runterzuspielen. Harin lacht spöttisch.
»Amelia, das ist die Untertreibung des Jahres.«
Neals Blick wandert hin und her. Ich stehe mit Mell auf. »Wir fahren«, bestimme ich und Neal folgt mir.
»Och Amelia, sei kein Spielverderber. Ich würde halt nur gerne die Reaktion sehen, wenn du es ihm sagst. Dein Selbstzerstörungstrieb war ja am Wochenende sehr groß seinetwegen.« Er grinst weiter. Harin ist und bleibt ein Arsch. Ein lieber, gutmütiger Kerl, aber ein Arsch.
»Wir sehen uns, Harin«, verabschiede ich mich, küsse ihn auf seine linke Wange, umarme Gina und danach Annamaria.
Wir fahren schweigend nach Hause. Als Mell im Bett liegt, setze ich mich zu Neal auf das Sofa. Er hat sich zurückgelehnt und sieht entspannt aus. »Also, wir sollten reden«, sage ich zu ihm und verschränke meine Beine zu einem Schneidersitz.
Er zieht eine Augenbraue hoch und schaut mich von der Seite an, dann räuspert er sich. »Sehe ich genauso. Ich frage, du antwortest und danach anders herum«, bestimmt er.
»Nein, Neal, ich fange an zu fragen.« Er ist damit einverstanden und reckt den Daumen nach oben.
»Schieß los.«
»Warum hast du das genommen?«
»Du redest nicht drumherum?«
»Antworte, Neal«, erinnere ich ihn. Er sagt das auch ständig, wenn ich Gegenfragen stelle.
»Ich war sauer auf dich, auf mich, auf die ganze Welt. Ich saß bei Norman im Zimmer und er hat sich eine Line gezogen. Bevor ich mich versah, zog ich selbst eine.«
»Das ist deine Antwort, du warst sauer? Hättest du dich nicht betrinken können, bevor du dich versahst?«, fragen ich sauer.
»Ja, das ist meine Antwort, ich betrinke mich nicht gerne. Bei Alkohol verliere ich den klaren Gedanken. Er benebelt mich, ich habe mich nicht mehr unter Kontrolle. Ich glaube, das habe ich dir mal erzählt. Manchmal macht man Dinge, ohne darüber nachzudenken. Das kennst du sicherlich?« Ich erinnere mich an unsere Gespräche.
»Wie oft machst du das?«
»Was, koksen?« Er sagt es, als wäre es nichts Schlimmes.
»Neal, ich bin Polizistin.«
Er lacht glücklich und ich bemerke selbst, wie bescheuert es sich anhört. Neal nimmt meine Hand und küsst sie.
»Was willst du mir damit sagen? Ich weiß das und es gefällt mir nicht. Und eigentlich nahm ich das Zeug immer nur, wenn ich bei Norman war. Seit wir uns kennen, habe ich es nicht mehr gemacht, außer letztes Wochenende.«
»Also hat Norman einen schlechten Einfluss auf dich? Was ist mit Dominik oder Lukas, machen die das ebenfalls? Hast du deshalb ein Problem mit meinem Job?«
Er grinst weiterhin glücklich und zufrieden. Als ob ihn das überhaupt nicht stört. »So viele Fragen. Er hat keinen schlechten Einfluss und ja und nein. Dominik und Lukas machen das jedes Schaltjahr. Ich habe ein Problem mit deinem Job, weil ich Angst um dich habe. Wenn dir was passieren würde, daran kann ich nicht denken, mir hat das im Dezember schon gereicht. Jetzt bin ich dran.«
Ich hebe die Hand. »Eine letzte Frage.«
Er nickt.
»Du stehst Norman sehr nahe, oder? Ihr habt euch lange umarmt zur Begrüßung. Trotzdem hast du mich an der Hüfte festgehalten und hast dein Revier markiert. Du hast nie viel von ihm erzählt, hast mich damals sehr kurz gehalten. Bei deinen Eltern steht ein Familienfoto, auf dem er mit abgebildet ist.«
Sein grinsen wird breiter, es ist schon fast eine Grimasse. »Gut erkannt, Detective. Er ist wie mein Bruder, nur sehen wir uns nicht so oft. Ich weiß nicht, was ich dir von ihm hätte erzählen sollen. Er vögelt gerne. Er ist keiner, der seinem Kumpel die Freundin ausspannt, nichtsdestotrotz ist es wie ein Hahnenkampf. Er versucht es trotzdem und würde es dennoch nie machen. Daher hat er seine Hand weiter an deinem Rücken fallenlassen. Er fand es übrigens sehr interessant, dass du ihn weggestoßen hast und meine Hand nahmst. Warum er auf dem Familienfoto abgebildet ist, ist eine andere und sehr lange Geschichte. Fertig?«
»Du willst darüber nicht reden?«
Er schnaubt und sein Lächeln vergeht. »Nein, es ist nicht meine Geschichte.« Es ist nicht seine Geschichte?
»Was meinst du mit, es ist nicht deine Geschichte? Warum willst du mir über Norman nichts erzählen?«
»Amelia, weil …« Sein Stoppen verwirrt mich. Irgendwas muss mit diesem Norman nicht stimmen. »Norman hat eine Geschichte wie du und ich. Es ist nicht mein Leben, also werde ich es dir nicht erzählen«, sagt er bestimmt und ich atme tief ein.
»So, wie du deiner Familie und deinen Freunden nichts über meine Vergangenheit erzählt und sie alle ins Fettnäpfchen treten lassen hast?«, hake ich nach.
»Genau. Also entweder machst du mit deiner Befragung weiter oder aber ich beginne.«
Ich beschließe, es nach hinten zu vertagen. »Du darfst.«
»Also, Frau Hasley.« Ich muss lachen, weil er alles ins Lächerliche zieht und es eigentlich nicht lustig ist. »Hören Sie auf zu lachen, das ist ernst«, tadelt er mich und wir lachen gemeinsam. Ich liebe Neal, wenn er so unbeschwert und lustig ist. Nein, ich liebe ihn immer.
»Also, was hat es mit deiner Wange auf sich? Ich möchte die Wahrheit und keine Untertreibungen.«
»Habe ich doch eben gesagt, ich habe geboxt.« Er schaut mich skeptisch an und ich fühle mich sofort angegriffen. Beruhig dich, Amelia. Ohne weitere Fragen von ihm, entscheide ich mich, es zu erklären. »Na ja, es gibt ab und zu in Berlin so Straßenkämpfe. Ich war ziemlich betrunken und habe dort mitgemacht. Ich habe gegen einen ziemlichen Schrank gewonnen.« Ich bin darauf ein klein wenig stolz. Er war zwar groß, aber total unbeweglich.
»Wie oft machst du das?« Seine Stimme ist leise und sein Lachen ist weg. Er macht sich erneut Sorgen, das sehe ich sofort. Seine Stirn ist gerunzelt.
»Nicht oft, früher habe ich das häufiger gemacht. Mach dir keine Sorgen, es gibt bloß Falten.« Ich tippe auf seine Stirn.
»Das ist ebenfalls illegal.«
Als ob ich mich mit unseren Gesetzen nicht auskennen würde. »Ich weiß. Bist du schon fertig mit deinen Fragen?«, sage ich, verdrehe die Augen und lehne mich zurück.
»Nein. Warum brauchst du diese drei Tage so extrem?« Seine Stimme wird ruhiger und sensibel.
»Ich brauche sie eben - für mich und Jason«, sage ich reserviert.
Neal ist kurz ruhig. Er verzieht keine Miene. Was er wohl denkt? »Meintest du das ernst, dass ich ihn aus deiner Erinnerung wegdrücke?«
Ich habe dazu keine Antwort, der Alkohol hat aus mir gesprochen. Ich will ihn nicht verletzen. Er fasst mir auf den Oberschenkel und vergräbt seine Finger darin. Seine Augen werden ganz klar.
»Sei ehrlich.«
»Ja, keine Ahnung … Ich versuche, mich oft an ihn zu erinnern, und schaffe es einfach nicht, da ich an dich denken muss. Das schmerzt, weil ich Angst habe, ihn zu vergessen.« Ich bin laut geworden, was ich nicht wollte.
Sein Gesicht ist traurig. Deshalb wollte ich erst die Fragen stellen. Ich wusste, dass Neal solche Fragen stellen wird und ich mich unentwegt aufs Neue zügeln muss.
»Und dass du nicht weißt, ob du ihn mehr liebst als mich?«
»Du willst es heute Abend echt wissen, oder?« Was hab ich ihm am Donnerstag alles vor den Kopf geworfen? Ich war nicht bei Sinnen. Das nervt mich gerade genauso wie seine Fragerei.
»Es sind viele Sachen bei unserem Streit gefallen, ich muss wissen, was du nur so gesagt hast und was du ernst meinst.« Er hat recht, wir lassen vieles oft unausgesprochen.
»Ich liebe dich und ich kann dich nicht verlieren. Das weiß ich.« Es ist das erste Mal, dass ich es laut ausspreche und ihn nicht anbrülle wie in der Schweiz. Neal schaut mich an und genießt die drei kleinen Wörter, welche so bedeutend sind. Ich sehe es ihm an. Er musste lange auf diese Worte warten.
»Wäre es besser gewesen, wenn du von dem Koks nichts erfahren hättest?« Sein Kopf geht in Schieflage.
»Ja – und ich sage nie irgendetwas dahin.«
Schließlich müsste ich mich ja entschuldigen. Hätte ich es nicht gewusst, hätten wir uns nicht so gestritten. Nicht an dem Wochenende.
Er atmet tief ein und aus. »Okay, ich habe dich auf dem Friedhof brüllen gehört. Ich habe dir zugeguckt, wie du die Blumen rausgerissen hast. Was du über ihn gesagt hast, über mich. Du bist nicht schuld, dass es passiert ist, dass ich es getan habe. Ich hätte wissen müssen, dass du es herausfindest. Ich bin schuld. Ich werde es nicht mehr machen. Dafür will ich, dass du keine Straßenkämpfe mehr mitmachst.«
Ob er sich daran hält? »Das kann ich dir nicht versprechen und du kannst es auch nicht. Das sehe ich dir an. Wir würden uns etwas zusagen, was wir vielleicht gar nicht halten können. Das gibt nur wieder Streit. Wir können versuchen, uns daran zu halten.«
»Würdest du dich trennen, wenn ich noch einmal etwas nehme?«
»Eine Gegenfrage: Wäre es ein Trennungsgrund, wenn ich nochmal kämpfe?«
Er schnaubt und lächelt gleichzeitig. Ich lehne mich an ihn und damit belassen wir es bei diesem Thema. Ich habe darauf nämlich keine Antwort und er wahrscheinlich genauso wenig. Natürlich ist das für mich ein absolutes No Go, andererseits bin ich Neal total ausgeliefert. Ich habe mich von ihm abhängig gemacht. Keine Ahnung wie. Auf emotionaler Ebene bin ich von Neal Arndt abhängig.
»Ich hätte ihn gerne kennengelernt. Jason, meine ich.« Neal zieht mich noch dichter zu sich und küsst mich. Ich löse mich, stehe auf und schiebe eine SD-Karte in den Fernseher, welche ich in einer Porzellandose versteckt hatte. Es ist so weit, ich sollte es ihm zeigen. Wenigstens ein bisschen.
»Wir sind selten zusammen zu sehen, außer auf unserer Hochzeit. Ich weiß nicht, ob die Hochzeit auf dieser Karte drauf ist. Es gibt viele SD-Karten. Jason war ein Film- und Fotofanatiker. Ähnlich wie du mit deinen ollen Fotos.«
Neal lächelt. Er kann ihn zwar nicht kennenlernen, jedoch kann er sehen, wie er war; zu mir, zu Mell, zu allen. Mein Zeigefinger zittert und drückt auf Play. Ich gebe Neal einen Kuss und gehe aus dem Zimmer, weil ich es mir nicht mitanschauen kann. Bevor ich richtig aus dem Wohnzimmer bin, höre ich Jasons Stimme und erinnere mich an sein Lachen. Ich bleibe im Flur stehen und lausche. Er war meine Liebe, mein Leben. Seit vier Jahren ist er schon fort. Mir laufen Tränen bis zum Hals herunter. Ich kann sie nicht aufhalten. Neal räuspert sich und hustet. Ich linse kurz hinein und erkenne, dass er gerade mitansehen muss, wie Jason mich auf den Tisch setzt und küsst. Er hat seine Kamera mit einer Hand festgehalten und küsste mich am ganzen Körper. Wie ich schon alleine von seinen Küssen aufstöhne. Neal ist es bestimmt unangenehm, das zu sehen.
»Wir könnten das mal filmen?«
»Jason, hör auf, mach die Kamera aus, stell dir vor, meine Mama oder Edmund schauen sich das irgendwann an.« Jasons Lachen klingt so schön. Danach hat er die Kamera ausgemacht und hat mich auf dem Tisch gevögelt. Auf demselben Tisch, auf dem Neal mich schon rangenommen hat. Mit meinem Shirt wische ich mir die Tränen weg und schniefe.
»Beobachtest du mich, wie ich euch anschaue?«, ruft Neal aus dem Wohnzimmer heraus und steht plötzlich vor mir.
»Ich wollte eigentlich ins Schlafzimmer.«
»Aber du stehst hier und beobachtest mich und schaust dir das an. Komm mit, wir schauen uns das zusammen an.« Ich schüttele den Kopf und schaue nach unten. Er nimmt meine Hand. »Du schaffst das. Ich bin da. Eins muss ich sagen, es wäre vielleicht an der Zeit, einen neuen Tisch zu kaufen.« Durch die Tränen in meinen Augen sehe ich Neal verschwommen und habe das Gefühl, ich erröte.
Wir gehen zurück zum Sofa und er hält mich die ganze Zeit fest. Ich beobachte ihn. Manchmal schaut er zu mir und küsst meine Tränen weg. Diese Videos habe ich mir damals, als Jason starb, täglich gemeinsam mit meinem besten Freund Jack Daniels angeschaut. Eine Karte nach der anderen schob ich vor vier Jahren in den Computer. Seit meiner düsteren Zeit habe ich es gemieden. Manchmal lacht Neal und ich muss grinsen, weil er sieht, wie verplant ich war. Wie Jason mit meinen Eltern umging, wie wir stritten. Wie alle über sein Filmen meckerten. Die letzten drei Monate sind auf dieser Karte. Danach ist der Fernseher schwarz. Komisch, normalerweise bringt er danach das Menü. Neal küsst mich. »Geht’s dir gut?«
»Frag bitte nicht dauernd, ob es mir gut geht, mir geht es immer dementsprechend, wenn ich über Jason reden oder an ihn denken muss«, wispere ich und schaue Neal in seine zweifarbigen Augen.
»So, Amelia, wenn du das siehst, war unsere ganze Arbeit nicht umsonst, denn du hast dir die Videos mit Jason angeschaut. Vor anderthalb Jahren starb dein Mann. Bevor du ausschaltest, möchte ich, oder besser gesagt wir, dass du dir anschaust, wie du warst. Ich, beziehungsweise wir, Bill steht hinter der Kamera, möchten, dass es dich abschreckt, dass es dir nie wieder so geht, und dass du so etwas nie mehr machst. Falls Melanie sich das anschaut, schalte bitte aus, das ist nur für deine Mama.« Meine Hände krallen sich ins Kissen.
»Das kenn ich nicht, wann … Was haben die gemacht?«, flüstere ich. Wann hätte ich mir schenken können, das haben sie gesagt … Ich will aufstehen und es stoppen. Wie können sie es wagen und die SD-Karte mit so etwas beschmutzen? Es ist beschmutzt, weil ich damals furchtbar war. Ich konnte mich selbst nicht leiden.
»Bleib sitzen und schaue es dir an, wie sie es gesagt haben«, sagt Neal streng.
»Neal, das kann böse werden, ich … ich weiß, wie ich war.«
»Ich nicht. Ich würde es gerne sehen.«
Ich schüttele meinen Kopf. Er hält mich fest und verhindert, dass ich aufstehen kann. Er wird mich hassen …
Die Filmsequenzen zeigen mich von einer richtig üblen Seite. Neals Gesichtsausdruck ist gespenstisch. Er sagt nichts. Seine Mimik wechselt von angeekelt über gequält zu schockiert. Meine besten Freunde haben mich gefilmt, wie ich voll bin, zugedröhnt von Medikamenten und Antidepressiva, die mir damals Edmund verschrieben hat. Sie haben mich sogar bei so einem Straßenkampf gefilmt. Es bricht mir das Herz, wie ich mit Mell umging. Ich war eine Rabenmutter. Die schlimmste, die es je gab. Wenn sie das wüsste, würde sie mich hassen und ich hätte es verdient. Ich hatte ziemliches Glück, dass ich nicht starb, wobei ich mir das zu dieser Zeit manchmal gewünscht habe. Dass Harin und Annamaria auf Melanie aufgepasst haben, war meine Rettung. Die beiden filmten sogar, wie ich mich von einem Kerl abschleppen ließ und für ihn im Auto die Beine breit machte.
Ein Jahr kann ganz schön lange sein. Ich habe nicht mal gemerkt, dass sie mich ständig gefilmt haben. Das Vorführen meines alten Ich dauert dreißig Minuten und das ist lange. Zu lange nach meinem Erachten. Neal sitzt wie versteinert auf dem Sofa. In den letzten Sequenzen sieht man Bill und Harins Gesicht. Beide haben Tränen in den Augen. Ihre Mimik ist ähnlich wie Neals gerade. Ich stehe auf und lasse Neal alleine.
Bill und Harin bekommen eine bitterböse Nachricht von mir geschrieben, daraufhin gehe ich ins Bett. Keine Ahnung, was ich jetzt bei Neal soll. Er muss selbst entscheiden, wie er diese Informationen handhabt. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich war so … Natürlich schäme ich mich dafür, nur war ich zu dieser Zeit so. Das, was ich als Einziges bereue, ist das mit Mell. Ich wusste, ich war schlimm. Es vor Augen geführt zu bekommen, hat selbst mich erschreckt. Ich kann nicht schlafen, ich habe weder von Harin noch von Bill eine Nachricht zurückbekommen.
Irgendwann kommt Neal ins Bett. Er zieht mich zu sich und gibt mir einen Kuss. »Er war ein toller Mann«, flüstert er mir ins Ohr und ich halte mich an ihm fest.
»Das bist du auch.«
Er küsst mich am Nacken und haucht mir ins Ohr. »Du bist eine tolle Frau, Amelia. Das war nur die Vergangenheit. Dadurch wird mir bewusst, wie sehr du ihn geliebt hast, und ich möchte ihn nicht ersetzen. Weder bei dir, noch bei Melanie. Ich will ein eigenes Stück von dir bekommen.«
Ich drehe mich zu ihm, schaue ihm in seine Augen, die im Dunkeln zu leuchten scheinen, und mein Herz schlägt mir bis zum Hals, obwohl mir zum Weinen zu Mute ist.
Neal ist schon weg, als ich aufwache. In der Wohnung ist es totenstill. Ich laufe in Melanies Zimmer. Das Bett ist leer und ordentlich gemacht. Außer mir ist keiner da. Wo die zwei wohl sind? Es ist halb elf, warum hat Neal mich nicht geweckt? Er ließ mich einfach schlafen. Es ist für mich noch ungewohnt, so lange zu schlummern. Seit ich mit Neal zusammen bin und er neben mir schläft, sind meine Nächte länger und besser.
Ich mache mich frisch und ziehe Jeans und Top an. Der Küchentisch ist für mich gedeckt und ein Zettel liegt auf meinem Teller. Ein Grinsen überfällt sofort mein Gesicht, weil Neal in Melanies Worten schrieb:
Liebe Mama, ich und Neal sind einkaufen,
in unserem Kühlschrank ist der Hund begraben, sagt Neal.
Aber ich habe keinen Hund gesehen.
Ich hab dich lieb (Mell)
&
Ich liebe dich (Neal)
Ich setze mich hin und frühstücke Toast. So schlimm steht es mit dem Kühlschrank nicht. Wir essen außerdem die meiste Zeit bei Annamaria. Außerdem habe ich Toast stetig da, genauso wie Marmelade, Wurst und Käse. Außerdem sollte das anders ablaufen. Ich wollte gestern einkaufen, während Melanie in der Kita gewesen wäre. Warum soll ich den Kühlschrank füllen, wenn ich nicht zu Hause bin? Damit es zum Leben erwacht? Für Melanie habe ich Essen da.
Meine Augen inspizieren den Kühlschrank noch einmal, als ich Marmelade und Butter zurück räume. Ich finde es gar nicht schlimm.
Ich tippe auf mein Handy und mir fällt ein, dass ich auf die zehn SMS von Bill und Lilly nicht geantwortet habe. Bill habe ich stattdessen eine bitterböse Nachricht wegen des Videos geschrieben. Auf die er nicht zurückgeschrieben hat. Er wird nicht zurückschreiben, weil er sauer ist.
Lilly fragte in einer Nachricht, wie es mir ginge und was passiert sei. Das war sogar schon Sonntag. Ich hatte mein Telefon stumm geschaltet und wollte meine Ruhe. Lilly schreibe ich, dass alles in Ordnung ist und es egal sei, was war. Sie weiß, dass ich ungern über so etwas rede.
Die zig Nachrichten von Bill … Wie mein Wohlbefinden ist, wo ich bin und ob er mich holen muss - das war am Sonntag. Er schrieb jede Frage zu einer anderen Uhrzeit. Sonntag habe ich bei Chris geschlafen, ich war in der Nähe und dachte mir, er könnte mich zur Abwechslung auch heimbringen. Er bot mir das Gästezimmer an. Montag fragte Bill, ob ich noch lebe, warum ich ihn nicht anrufe. Er hätte mich auch bei Chris abgeholt. Abends noch die Frage, wie ich zum Friedhof und zurückgekommen bin. Nachts noch einmal, wie es mir geht, und Dienstagmorgen:
Habe gehört, der Stecher ist wieder da. Melde Dich!!!
Bill sorgt sich an diesem Wochenende grenzenlos viel um mich. Sonst verschwendet er keine so großen Gedanken an mich. Nur zu dieser Zeit. Er sagte einmal, er würde mich am liebsten einsperren und erst am einundzwanzigsten herauslassen.
Ich rufe ihn an, er müsste auf der Arbeit sein.
»Na?« Er ist sauer, das höre ich an seinem Klang.
»Guten Morgen«, flüstere ich und beiße mir auf die Lippe.
»Guten Morgen? Hast du auf die Uhr geguckt?«
»Bill, tut mir leid, ich war voll und Chris hat übrigens ein bequemes Gästebett«, scherze ich.
»Du hättest dich trotzdem melden können. Ich musste mich erst bei Harin melden, um wenigstens ein paar Infos zu bekommen. Wie immer ...« Von sauer zu eingeschnappt, das ist eine Wandlung, selbst für Bill.
»Bist du noch sauer?« Mit der Frage bekomme ich Bill seit jeher weich. Wenn er vor mir stehen würde, würde ich noch mit meinen Wimpern klimpern.
»Na ja, ein bisschen vielleicht. Was ist mit dir und Neal, bist du noch sauer?« Er spielt auf das Video an.
»Ja, ein bisschen schon, zwischen Neal und mir ist alles gut«, flunkere ich ein bisschen. Ist es auch irgendwie, aber Angst, Neal zu verlieren, habe ich noch.
Wie schmerzhaft es war … Wie viel Kraft mich all das gekostet hat … Alles, unser Kennenlernen bis heute. Meine Gefühle sind das letzte dreiviertel Jahr eine große Achterbahn gefahren und zum Schluss wurde ihnen kotzübel.
»Du warst so fertig und jetzt ist alles wieder gut?«, hakt er nach.
»Es war halt ein ziemlich blöder Zeitpunkt zum Streiten, da war ich aufgebracht.«
»Aufgebracht? Du warst am Boden zerstört, warum hast du dir eigentlich nochmal Urlaub genommen? Bitte nicht seinetwegen? Bist du krank? Warum habt ihr euch gestritten?«
»Nein, Löckchen ist in der Kita gestürzt und wurde genäht. Ich wollte sie die nächsten Tage nicht in die Kita geben oder bei Annamaria lassen, ich muss mich selbst ein bisschen mehr um sie kümmern, mütterlicher werden.« Wie oft ich mir das schon vorgenommen habe …
»Was ist passiert?«
»Sie hat mit dem Kinn gebremst.«
Er lacht. »Oh, okay. Also sehen wir uns wann?«
»Montag erst«, antworte ich.
»Also bis Montag, Baby, erholt euch und knutsch Mell. Oder vielleicht komme ich nachher vorbei und bringe meinem Patenkind ein Geschenk zur Genesung mit«, sagt er und wir verabschieden uns. Ich sinke in einen Stuhl. Jemand steht an der Tür und klappert mit dem Schlüssel. Mell spricht mit Neal. Sie flüstert, oder versucht es zumindest. Als die Tür aufschwingt, tadelt sie gerade: »Neal, psst, du bist laut, Mami schläft noch.«
»Meinst du wirklich? Wir waren ziemlich lange weg, schau mal ins Schlafzimmer.«
Ich höre ihre kleinen Kinderschritte und beobachte sie von der Küchentür aus. Neal hat mich schon gesehen und lächelt. Mell dreht sich zu ihm und hebt die Hände.
»Mami ist nicht im Bett.« Ich muss anfangen zu lachen, weil sie einfach zum Anbeißen aussieht. Wie sie da steht, als würde sie die Welt nicht verstehen. Sie dreht sich zu mir um und schaut mich an.
»Och Mami«, schimpft mein Löckchen und stapft mit einem Fuß auf den Boden.
»Na ja, hör mal, so lange schlafe ich nicht.«
»Aber wir haben keinen Hund gekauft.« Sie sieht traurig aus. »Neal sagt, das sagt man so, wenn nichts los ist und in unserem Kühlschrank ist nichts los, sagt er.« Ich nehme ihm eine Einkaufstüte von dreien ab.
»Was habt ihr denn alles geholt? Habt ihr den Laden leer gekauft?«, frage ich neugierig.
Mell lacht. »Nein, das geht doch gar nicht.« Sie ist völlig überzeugt.
»Und was habt ihr gekauft?«
»Alles!«
»Alles? Also doch den Laden leer?«
»Ach Mami, guck.« Wir packen die Tüten aus und tatsächlich haben sie alles gekauft - außer Ungesundes. Gemüse, Obst, Wurst, Käse, nochmal Brot … Ich zeige Neal das Tiefkühlfach mit Brot. Er zuckt ganz unschuldig mit den Schultern und versucht mir zu erklären, dass er ja nichts dafür könne, wenn ich das Brot einfriere. Sie kauften Mehl, Nudeln, ach sie kauften einfach alles, wie Mell so schön sagte.
»Neal kocht heute«, sagt Mell plötzlich und ich bekomme Angst.
»In meiner Küche wird nicht gekocht, außer vor Wut«, argumentiere ich. Er fängt an zu lachen. »Dann sollten wir das ändern, außerdem wurde hier bestimmt schon gekocht.«
»Ja, manchmal - selten. Wir essen meistens bei Annamaria. Was willst du denn kochen?«
»Das ist eine Überraschung, du musst raus aus der Küche, Mama.« Mein Löckchen schiebt mich heraus und ich laufe zur anderen Tür wieder herein.
»Darf ich auf das Sofa?«
»Darf sie aufs Sofa?«, flüstert Melanie Neal zu und er nickt.
»Gut, du darfst auf das Sofa, aber nicht umdrehen.«
Ich lache. »Okay, alles klar.« Die Küche ist zum Wohnzimmer hin offen, schöne Sache eigentlich, wenn man keine Geheimnisse hat. Ich höre Neal reden. Er erklärt Melanie, wie sie was machen soll. Die zwei kochen Spaghetti Bolognese.
Dafür, dass ich dachte, dass Neal nicht kochen kann, ist das Essen zum Schluss ziemlich gut geworden. Es sind Möhren in der Soße verarbeitet, lecker. Dazu hat er einen passenden Rotwein gekauft.
»Wir haben einen neuen Tisch gekauft«, informiert mich meine Tochter während des Essens.
Ich blicke zu Neal und erinnere mich an gestern. Es wäre vielleicht an der Zeit, einen neuen Tisch zu kaufen. Er setzt stets das um, was er sagt.
»Der ist schön, Neal hat ein Foto gemacht.«
»Na dann zeigt her.« Ich ringe mir ein Lächeln ab und werfe Neal gleichzeitig einen bösen Blick zu. Er grinst triumphierend.
»Der Tisch ist aus Akazie Massivholz«, informiert mich Neal. Auf dem Bild sieht es aus, als hätte der Rand noch diese Baumkanten und wäre nicht gerade. Die Füße sind aus Metall und schwarz gefärbt.
»Wie groß ist der denn?«, frage ich.
»Ein Meter achtzig.«
»Und was hat das gute Stück gekostet?«
Neal zuckt mit den Schultern. »Das ist egal.«
Ich räuspere mich und esse alles auf.
»Schmeckt es dir?«, fragt mich Neal.
»Ja, es ist sehr lecker. Ich wusste gar nicht, dass du kochen kannst.«
