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Ruby - taff und doch seelenvoll Wahrscheinlich würden mich die meisten für eine Workaholicerin halten. Mein Leben funktioniert - endlich, und dafür habe ich viel getan. Doch als ich auf die Beerdigung meines Großvaters muss, holt mich ein Teil der Vergangenheit ein und ich treffe auf den Mann, der mir vor sechs Jahren mein Herz brach… … und danach funktioniert nichts mehr.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Ana L. Rain
Für Nicole,
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Hagen
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Hagen
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Ruby
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Ruby
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Epilog
Danksagung
Feuersturm
der
Gefühle
Roman
weil du es verdient hast,
diese Widmung zu bekommen.
So viele Trauergäste stehen vor dem Grab und ehren zum Abschied meinen Großvater. Meine Schwester, Esmeralda hält meine Hand so fest, dass sie ein wenig schmerzt, und ich halte die meiner Oma, um ihr eine Stütze zu sein. Vielleicht ist sie aber auch die meine.
Der Schmerz in der Hand zieht bis in die Schulter hoch, doch im Vergleich zu dem, was mein Opa in unseren Herzen hinterlässt, ist der Seelenschmerz größer als der körperliche Schmerz. Ich konnte mich nicht einmal von ihm verabschieden. Mein Opa war so ein wunderbarer Mensch und jetzt ist er einfach nicht mehr da.
Ich kann ihm nicht mehr erzählen, wie sehr ich es genoss, abends mit ihnen auf der Terrasse zu sitzen und die Sterne anzuschauen. Er hat mir die Sternenbilder erklärt und als ich klein war, hat er mir Mythologien erzählt, als hätte er sie vor tausenden von Jahren miterlebt.
Doch mein Schmerz ist wahrscheinlich nichts zu dem, was Oma Wilma fühlt. Sie ist nun ganz allein und ich weiß nicht, ob sie nicht besser in einem betreuten Wohnen untergebracht wäre. Andererseits ist sie fit wie ein Turnschuh, weshalb sollte sie also aus ihrem Haus ausziehen?
Vermutlich bin ich von uns dreien die Einzige, die sich während der Beerdigung über die Zukunft meiner Großmutter Gedanken macht …
Auf Esmeralda kann ich mich in dieser Hinsicht weniger verlassen. Ich bin froh, wenn sie ihr eigenes Leben irgendwie meistert.
Langsam schleichen die ersten Menschen auf uns zu, um uns ihr Mitgefühl auszusprechen.
»Mein herzliches Beileid«, flüstert eine alte Frau und das Einzige, was ich kann, ist Nicken. Ich kann den vielen Leuten nicht einmal in die Augen schauen und schweife mit dem Blick zum Grab. Mein Opa war so ein gutherziger Mensch und ich weiß es noch wie heute, als er mir jeden Abend die Streiche von Max und Moritz vorlas. Jedenfalls in den ersten zehn Jahren, als wir zwei Straßen weiter wohnten.
Danach änderte sich alles …
Wenn ich sie jedoch besuchte, reichte er mir vor dem Schlafengehen, den von Oma selbstgehäkelten grauen Elefanten, holte das dicke Buch von Wilhelm Busch heraus und las mir eine neue Geschichte vor. Selbst als ich schon fünfzehn Jahre alt war tat er es, weil es uns beiden guttat. Dieses Ritual schickte uns in die Zeit zurück als noch alles in Ordnung war und wir ein schönes Leben hatten.
Mit der linken Hand wische ich mir die Tränen weg, die mir in die Augen schießen und reiche dem Nächsten die Hand. In jenem Augenblick, als der zierliche weißhaarige Mann weiterläuft, schaue ich zu dem Kommenden und plötzlich bleibt mir die Spucke weg.
Wie kann dieser Fiesling es wagen, auf die Beerdigung meines Großvaters zu kommen? Erneut schießen mir Tränen in die Augen und ich hole ein Taschentuch aus der Clutch.
»Mein herzliches Beileid«, sagt er mit seiner kratzigen Stimme und ich fühle mich in die Vergangenheit zurück katapultiert. Diese Männerstimme hat mir so viel Schmerz bereitet, obwohl er mich und ich ihn nicht kannte.
»Ich weiß, wer du bist und aus welcher Familie du kommst. Sei nicht so dumm, zu glauben, du könntest unseren Sohn glücklich machen«, sagt er böse.
»Ich weiß nicht, was Sie meinen. Ich habe Ihnen nichts getan und ich mag ihren Sohn«, stottere ich und habe keine Ahnung warum, sein Vater so gemein zu mir ist.
»Du weißt, worauf ich anspiele. Deine Mutter hat in ihrem Leben, nach dem Tod deines Vaters, versagt und eine schlechte Beziehung mit einem armseligen Mann begonnen. Sie hatte bloß nur Glück mit Hannes und tragischerweise starb er. Ich will nicht, dass du unserem Sohn Schande bringst und ihn ins Unglück laufen lässt«, schimpft er leise und ich schaue mich in diesem düsteren Flur um.
Wieso bin ich nicht bei ihm im Bett geblieben? Weshalb musste ich bloß nochmal auf die Toilette? Mein Herz zerreißt fast bei den Worten seines Vaters. Wenn er die Geschichte von meiner Familie kennt, muss er wissen, welcher Tag heute ist …
»Unser Sohn hat eine gute Zukunft vor sich und du zerstörst sie ihm nicht. In diesem Haus bist du unerwünscht«, mahnt er mich und dreht mir abwertend den Rücken zu. Tiefe Luftzüge lassen meine Tränen verschwinden. Ich gehe zurück und öffne ruckartig die Zimmertür. So wie sein Vater mich darum bittet, nehme ich mein Kleid und die Handtasche umso schnell wie möglich aus diesem Haus zu kommen.
»Hey, was machst du? Wo willst du hin?«, fragt der viel zu nette und hübsche Kerl und steigt aus dem Bett.
»Ich, ich, ich muss gehen«, jammere ich und stolpere fast die Treppe herunter. Reflexartig halte ich mich am Geländer fest, bevor ich stürze.
»Bitte bleib«, bittet er und versucht mich, am Arm festzuhalten, jedoch bin ich zu stürmisch und er kann mich nicht halten.
»Ich kenne nicht mal deinen richtigen Namen«, ruft er mir hinterher, bevor ich in Windeseile von ihm wegrenne, sodass er mir nicht folgen kann.
»Ruby, Ruby, Liebes, geht es dir gut?«, fragt Oma, zieht an meiner Hand und holt mich zurück ins Jetzt.
»Ja, den Umständen entsprechend«, antworte ich. Von diesem Dreckskerl nehme ich die Hand, greife feste zu und schaue ihm tief in die Augen, damit er weiß, dass ich mich an ihn und seine Worte erinnern kann.
»Mein herzliches Beileid«, sagt er und schüttelt kurz die Hand, als er sie wiederbekommt.
»Danke«, betone ich und schaue zur nächsten Person.
»Ruby, was ist los? Herr Martens ist ein netter und gütiger Mann«, tadelt mich meine Oma im Flüsterton.
»Tut mir leid, ich bin mit den Gedanken abgedriftet«, rede ich mich heraus und sie nickt, um sich schließlich den Leuten zuzuwenden. Esmeralda legt ihren Kopf auf meine Schulter und ich höre sie tief ausatmen.
»Hoffentlich ist dieser Tag bald zu Ende«, nuschelt sie in mein Ohr und stellt sich zurück auf ihren Platz.
Das hoffe ich … vielleicht sollte ich heute schon nach Hause fahren? In den letzten Tagen habe ich bei meiner Oma viel zu viel geweint und Dienstag muss ich wieder arbeiten. Irgendwie brauche ich Ablenkung und sollte den nächsten Zug zurück nach Frankfurt nehmen.
»Da sind Franka und Clemens«, kündigt Esmeralda an und lächelt leicht.
»Hallo meine Kinder, tut uns leid, dass wir uns erst jetzt sehen, ich musste für eine Kollegin einen Dienst machen und wir sind kurz vor der Beerdigung angekommen«, entschuldigt sich Tante Franka und umarmt Esme und mich gleichzeitig.
»Wilma, mein herzliches Beileid« flüstert sie und nimmt Oma ebenfalls in den Arm.
»Ihr schlaft heute hoffentlich hier oder müsst ihr Morgen zurück in Frankfurt sein?«, erkundigt sich die alte Dame.
»Nein, wir bleiben die ganze Woche und nehmen die Mädchen mit nach Hause«, erklärt mein Onkel.
Mädchen … wir Mädchen sind 25 und 30 Jahre alt. Wenn er das sagt, muss ich immer die Augen verdrehen und er streicht mir über das Gesicht, wie in jenem Augenblick.
»Wir halten die Schlange auf, deshalb fahren wir schon mal zum Café«, erklärt Franka, dreht sich zu den Trauernden und winkt uns zu.
Auf Kaffee und Kuchen habe ich überhaupt keinen Hunger und bei dem Gedanken, etwas zu essen oder schlimmer – dass dieser Widerling dort sein wird, habe ich noch weniger Appetit und mir wird übel. Ein dicker Kloß setzt sich in meinen Hals, der nicht mehr verschwinden möchte.
Wie eine endlose Reihe gebe ich den Menschen die Hand und irgendwann sind ein älteres Ehepaar die Letzten.
»Endlich«, murmelt Esmeralda und ich nicke. Bedächtig laufe ich mit ihr Richtung Parkplatz und schaue nochmal kurz zu meiner Oma, die sich mit dem Pfarrer und den Eheleuten unterhält.
»Willst du diese Woche noch hierbleiben?«, hake ich bei Esme nach.
»Ja, ich habe mir Urlaub genommen, du nicht?«, stellt sie eine Gegenfrage und hakt sich bei mir ein.
»Nein, ich glaube, ich fahre heute zurück«, erkläre ich ihr. Wie schwer mir alles fallen würde wusste ich im Voraus und habe mich aus diesem Grunde gegen die freie Woche entschieden.
»Hast du keinen Urlaub?«, hakt sie verwirrt nach und ich schüttele den Kopf.
»Ruby, warum hast du uns das nicht gesagt?«, tadelt mich meine Oma, die plötzlich hinter uns steht und anscheinend das Gespräch mitbekam.
Wie konnte ich darüber nachdenken, sie in ein betreutes Wohnen zu stecken?
»Na ja, ich wollte euch nicht verletzen«, nuschle ich verlegen.
»Du verletzt uns eher, wenn du uns belügst. Für dich war dein Opa etwas ganz Besonderes und wenn du lieber nach Hause möchtest, verstehe ich das. Lüg mich nur nicht an«, schimpft sie mit mir und trotzdem klingt sie traurig. »Jetzt steig ins Auto, wir müssen ins Café«, fordert sie und wedelt kurz mit der Hand und zeigt auf den kleinen Polo.
»Tut mir leid Oma«, entschuldige ich mich.
»Dein Opa war ein großartiger und wunderbarer Mann, der zum Schluss sehr gelitten hat. Ich konnte mich von ihm verabschieden und mich auf diese Situation schon lange einstellen. Trotzdem kommt es plötzlich und unerwartet. Du warst vor einem halben Jahr zuletzt bei uns und hast ihn in einer eher guten Zeit im Gedächtnis«, sagt sie gefasst, streichelt meine Hand und fährt schließlich los.
»Ich hätte euch vielleicht in den letzten Monaten öfter besuchen sollen«, gebe ich zu und bereue es, dass ich so lange von Oma und Opa wegblieb.
»Papperlapapp«, sagt Oma Wilma und parkt vor dem Café. »Du hast deinen Master gemacht und bist die Erste aus unserer Familie, die nun eine Dissertation schreiben will. Dein Opa war fürchterlich stolz auf dich«, äußert sie und lächelt.
»Ihr seid unsere Mädchen und bleibt es immer. Eure Tante Franka und euer Onkel Clemens haben euch sehr gut erzogen und Esmeralda geht es gut. Lange haben wir uns um dich gesorgt«, erzählt sie Esme und mir.
»Irgendwann muss sich ja die Therapie bezahlt machen«, sagt meine Schwester sarkastisch und ich spüre ihren Schmerz, wenn sie an unsere Vergangenheit erinnert wird. An ihre Vergangenheit …
Ich öffne die Tür der Kaffeestube und merke, dass viele Trauergäste von eben hergekommen sind.
Den Fiesling habe ich blitzschnell erspäht, denn er sitzt am Ende des Tisches.
Wenigstens hält er Abstand von uns. Dass er es überhaupt wagt, sich nach der Beerdigung noch den Bauch mit Kaffee und Kuchen vollzuschlagen. Ich presse die Kiefer zusammen und laufe mit Oma und Esmeralda zu unseren Plätzen.
»Oma, hast du diesen Mann eingeladen?«, frage ich gleich, nachdem wir uns setzen, und deute auf den Widerling.
»Ja, Herr Martens ist schon seit vielen Jahren unser Steuerberater. Seiner ältesten Tochter gehört die Apotheke bei uns um die Ecke. Sie heiratet nächstes Wochenende«, erklärt sie mir und schaut kurz zu ihm. Sofort bemerkt er es, steht von seinem Stuhl auf und läuft auf uns zu.
»Darf ich?«, erkundigt er sich freundlich und ich glaube, mir wird schlecht.
»Sicher, setzen Sie sich zu uns.« Wenn meine Oma wüsste, was dieser Mann vor sechs Jahren zu mir über unsere Familie sagte, wäre sie bestimmt nicht so nett zu ihm.
»Frau Wild, wie geht es Ihnen?«, fragt er und dreht die Tasse um, damit er sich Kaffee einschenken kann.
»Mir geht es gut, der Schock sitzt tief, aber wir wussten, dass mein Mann nicht mehr lange auf dieser Erde weilt«, gibt sie zu und tatsächlich finde ich, meine Oma ist sehr gefasst … konnte sie sich wirklich damit schon eine Weile abfinden, dass Opa sterben wird? Bei dem Gedanken - ihn nie wieder in den Arm zu nehmen oder mit ihm Busch zu zitieren und Oma und Esmeralda dadurch in den Wahnsinn zu treiben – steigen mir erneut Tränen in die Augen.
Sie hat Recht! Ich hatte im letzten halben Jahr viel zu tun und ich habe Tage und Nächte mit der Masterthesis verbracht. Allerdings frage ich mich nun: War es das wert, wenn ich meinen Opa nie wiedersehen kann?
Andererseits wusste ich über seinen schlechten Gesundheitszustand Bescheid und hatte Angst nach Eisenach zu kommen. Ich dachte immer, dass ich ihn diesen Sommer besuchen kann, wir über die Abschlussarbeit reden und ich nach dem Beginn der Dissertation Kraft und Energie tanken kann.
Und jetzt … jetzt ist es für all das zu spät.
»Ruby, wollen wir kurz rausgehen?«, hakt Franka nach und holt mich aus meinem Tief heraus.
»Ähm, ich gehe allein«, flüstere ich und wische mir die Tränen weg.
»Sie nimmt es am meisten mit, weil sie die letzten Monate an ihrer Abschlussarbeit schrieb und ihn nicht mehr besuchen konnte«, erklärt meine Oma dem Fiesling.
»Das tut mir für sie sehr leid, wahrscheinlich ist Zeit das Einzige, was ihr helfen wird«, redet er einfühlsam und ich laufe schneller, um ihn und sein Getue nicht mehr anhören zu müssen.
Ich öffne die Eingangstür und wühle gleichzeitig in meiner Clutch herum, um meine Zigaretten zu suchen. Schließlich ziehe ich eine heraus und rieche an ihr. Noch nie habe ich geraucht und trotzdem habe ich stets diese Schachtel dabei, denn der Geruch beruhigt mich auf eine Art und Weise, die ich nicht erklären kann. Allein der Gedanke, so nah an mein Gesicht ein Feuerzeug zu halten, hinterlässt Gänsehaut am Körper - obwohl es fast dreißig Grad sind. Ich suche mir ein schattiges Plätzchen auf einer kleinen Mauer und atme tief durch. Dabei schließe ich die Augen und konzentriere mich auf den warmen Wind, der umher bläst.
Kinder lachen und eines schreit so laut, dass man meinen könnte, es wäre etwas unfassbares Schlimmes geschehen. Ob sie zusammengehören?
Bei diesem Gedanken öffne ich die Augen, drehe mich um und sehe das weinende Mädchen mit ihrer Mutter über den Marktplatz huschen. Die anderen glücklichen Kinder laufen dazu und stellen sich um die Kleine herum, als sie am Gemüsestand mit ihrer Mama steht. Anscheinend wurde sie von einer Biene oder Wespe gestochen, denn die Verkäuferin gibt der Mutter eine Zwiebel.
Schließlich wende ich mich von dem Geschehnis ab und spiegle mich in der großen Glasscheibe des Cafés.
Dieser Pixi Cut steht mir tatsächlich ausgesprochen gut, da muss ich Viola loben, als sie mir zusprach sie noch ein wenig kürzer zu schneiden als sonst.
In jenem Moment, als ich den Kopf hin und her wende, öffnet sich die Tür und das Gerede der Gäste wird lauter. Dieser Widerling spaziert aus dem Café und in mir steigt erneut die Wut auf.
»Dass Sie es wagen, auf die Beerdigung meines Opas zu kommen«, fahre ich ihn an, stehe von der kleinen Mauer auf und laufe auf ihn zu.
»Ihre Großeltern haben nichts mit dem damaligen Verhalten von mir gegenüber Ihnen zu tun. Was ich in jener Nacht sagte, meine ich heute noch so. Ihre Mutter ist schuld. Ich hoffe, Sie haben Ihren Masterabschluss erhalten«, äußert er sich kühl und spielt gleichzeitig mit Schlüsseln in der Hand. Erneut blickt er mir in die Augen und kommt ein Stück auf mich zu.
»Ruby, ich wusste, wer Sie sind, obwohl mein Sohn bis heute denkt, Sie haben ihm nicht ihren richtigen Namen genannt, was irgendwie absurd ist. Allerdings bin ich darüber froh, da er dadurch einer Illusion hinterherläuft.«
»Illusion?«, frage ich nach und verstehe es nicht.
»Sie haben es Hagen damals bei ihren drei Treffen ziemlich angetan und er hat Sie gesucht. Ich hoffe, Sie bleiben nicht lange in der Stadt?«, erkundigt er sich und meine Zähne malmen bei seinen Worten.
»Ich habe Ihnen nie etwas getan und meine Mutter ist seit fünfzehn Jahren tot. Esmeralda und ich sind durch harte Zeiten gegangen und Sie verurteilen uns wegen irgendwas, wofür wir nichts können«, entgegne ich ihm mit einem verwerflichen Blick.
»Indirekt schon, Sie Ruby jedenfalls. Also hoffe ich, dass mein Sohn Sie nicht irgendwo trifft«, lenkt er zurück auf seine Frage.
»Ich fahre heute, spätestens morgen und ja, ich habe meinen Abschluss bestanden und beginne bald mit meiner Dissertation«, antworte ich ihm mutig mit einem Lächeln.
»Promovieren in Kunstgeschichte? Da wünsche ich Ihnen viel Erfolg«, sagt er, zieht sich die Sonnenbrille auf und drückt auf den Schlüssel. Im selben Augenblick erklingt ein Klicken und ein Audi blinkt mit all seinen Lichtern auf. Ohne noch ein Wort mit dem Mann zu sprechen, gehe ich zurück ins Café und setze mich auf den Platz.
»Ruby, Esme sagte gerade, du willst heute schon nach Frankfurt zurückfahren?«, hakt Clemens nach.
»Ja, ich fahre mit dem Zug und ich … ich … Oma sei mir nicht böse, aber ich brauche irgendwie Abstand. Die letzten Tage waren so schwer für mich«, jammere ich, obwohl ich mich in den vorherigen Minuten beruhigt hatte.
»Kind, ich weiß, ich habe dich jeden Abend weinen gehört. Vielleicht nimmst du morgen den Zug und bleibst noch eine Nacht?«, bittet sie.
»Okay«, stimme ich zu und wahrscheinlich ist es die bessere Wahl. Dadurch kann ich bei ihr nach einem Zug am Laptop schauen.
Bis wir gegen Spätnachmittag zu meiner Oma fahren, setzen sich immer wieder Trauergäste zu uns und erzählen alte Erlebnisse mit meinem Opa. Er war einfach der beste Mann und Opa, den man sich wünschen kann.
Während der ganzen Heimfahrt sagt keiner von uns dreien etwas und Wilma fährt zu ihrem Haus, in dem sie von nun an allein wohnen wird. Als sie in die Garage fährt, stehen meine Tante und mein Onkel bereits vor der Haustür und begutachten die Blumen in dem kleinen Vorgarten.
»Ach, ist das schön bei dir«, schwärmt Franka, als wir aus dem Auto steigen.
»Das macht viel Arbeit, seit diesem Frühjahr hilft mir bei den Gärtnerarbeiten der Nachbarsjunge. Walter konnte nichts mehr erledigen«, erzählt Oma und mir fällt das betreute Wohnen wieder ein. Allerdings kann ich das heute nicht ansprechen, wenn ich doch sowieso morgen nach Hause fahren werde.
Bevor wir uns ins Wohnzimmer setzen, gehe ich ins Gästezimmer, wo Esmeralda und ich schlafen, und möchte mir das schwarze Etuikleid ausziehen. Mit einem Schlag geht die Tür auf und ich versuche, den Reißverschluss am Rücken zu öffnen.
»Warte ich helfe dir«, bietet Esme an und ich höre nur das Ratschen des Verschlusses.
»Danke«, murmle ich und umarme sie.
»Ruby, niemand nimmt dir übel, dass du Morgen gehst oder dich so mies fühlst. Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Wir können dich alle verstehen«, beteuert meine Schwester und streicht über mein Gesicht.
»Ich weiß, aber vielleicht hätte ich mir einfach nochmal Zeit nehmen müssen und wäre ein Wochenende hergekommen, so wie du das getan hast«, jammere ich in Unterwäsche.
»Sei froh, dass du es nicht gemacht hast. Opa ging es zum Schluss wirklich schlecht und er war nicht mehr er, weil er Schmerzen hatte. Oma hat mit ihm gelitten, deshalb ist es für sie jetzt einfacher. Sie hatten über fünfzig Jahre eine schöne Zeit zusammen und nun ist er an einem besseren Ort«, betont sie und versucht, mich aufzumuntern.
»Aber, ich hätte ihn nochmal gesehen und mich verabschieden können«, weine ich an ihrer Schulter und drücke sie fest an mich.
»Das hast du heute getan. Mach dir keinen Vorwurf, er war mächtig stolz auf dich«, flüstert sie und streichelt meinen Rücken. »Komm, zieh dich um und wir setzen uns bei Oma auf die Terrasse, sie wollte mit uns ein Glas Wein trinken«, berichtet Esme und ich rapple mich auf, hole mir ein Stofftaschentuch aus dem alten Nachttisch und wische mir die Tränen weg. Schließlich ziehe ich mir ein knielanges Nachthemd an und gehe zusammen mit Esme, die mittlerweile ihren Jogginganzug trägt, auf den Freisitz, wo die anderen Drei schon ein Glas Weißwein auf dem Tisch stehen haben.
»Ruby, soll ich dir den Computer schnell hochfahren, damit du nach der Bahnabfahrt sehen kannst?«, fragt meine Oma, als ich mich setze.
»Nein, ich nehme nachher meinen«, sage ich, lehne mich in dem Gartenstuhl zurück und trinke einen großen Schluck Wein.
»Ach, bevor ich es vergesse, Opa hat mich gebeten, dir die Bücher von Wilhelm Busch zu geben«, sagt sie gefasst. Sie steht auf und läuft ins Wohnzimmer.
»Aber, die kann ich nicht annehmen«, flüstere ich, als sie mit sechs Bänden zurückkommt.
»Sicher kannst du das, du hast sie geliebt und wenn du eines Tages Kinder hast, liest du ihnen diese Geschichten vor. Dein Opa wollte es«, betont sie und stellt sie vor mir auf den Tisch.
»Danke«, flüstere ich und trinke das Glas Wein in einem Zug leer, stehe auf, um die Bücher ins Gästezimmer zu bringen. Bevor ich wieder zurückgehe, fahre ich die Prägung des obersten Buches mit dem Finger entlang, so wie ich es früher als Kind immer tat.
»Opa, heute will ich Max und Moritz hören«, bitte ich meinen Opa und er zieht eins der dicken Bücher aus dem Schrank und setzt sich neben mich auf das Sofa.
»So, heute also mal wieder die zwei frechsten Buben«, äußert er sich mit einem Lächeln.
Erinnere ich mich an diese Zeit, in denen wir auf dem Sofa saßen und ich mir die Geschichten aussuchte. Ich wische mir die Tränen aus den Augen und laufe zu meiner Familie.
Als ich zurück an die frische Luft laufe, bekomme ich einen Schlag ins Gesicht. Ich schüttele den Kopf und blinzle kurz. Eindeutig hat mir das wenige Essen der letzten Tage und vor allem heute - nicht gutgetan. Andererseits brauche ich den Wein an diesem Abend, um die Traurigkeit im Alkohol zu ertrinken, und morgen kann ich im Zug den Rausch ausschlafen.
»Ich glaube, du solltest etwas essen«, erkennt Tante Franka als Krankenschwester. »Was war das Letzte? Zum Kaffee hast du nichts gegessen«, mahnt sie mich.
»Heute Morgen ein halbes Brötchen«, bekenne ich mich schuldig und sofort bekomme ich einen bösen Blick geschenkt.
»Ich mach dir eine Scheibe Brot«, erklärt sie und steht auf.
Solange Franka in der Küche ist, schweigen wir uns an, denn es wäre komisch heute so zu tun, als wäre alles wie eh und je.
Schließlich kommt meine Tante mit einem vollen Tablett heraus und tafelt auf.
»Wir sollten alle eine Kleinigkeit essen und wenn es nur Butterbrot ist«, erläutert sie uns und stellt jedem einen Teller hin.
»Wilma, als wir zum Friedhof fuhren, haben wir ein Baustellenschild bei Elisas Haus gesehen, wird es endlich abgerissen?«, erkundigt sich Clemens über mein Elternhaus.
»Ja, die Stadt hat sich letzten Endes dazu entschlossen. Es wurde Zeit, das ist ein Schandmal für die ganze Straße und erinnert nur an schlimme Tage«, erzählt Oma, während sie ihr Brot mit Wurst belegt und es scheint so, als würde das Schicksal meiner Mutter sie mehr mitnehmen als der heutige Tag.
»Eine Weile wird es noch dauern, jedoch soll es Ende des Jahres weg sein«, erklärt sie und beißt ins Wurstbrot und ich tue es ihr gleich. Obwohl ich kaum Hunger habe, zwinge ich mir mich zu zwei Scheiben Butterbrot. Gemeinsam essen wir die Scheiben Brot und danach trägt jeder eine Kleinigkeit vom Tisch ins Haus. Damit wir uns im Anschluss wieder in den Garten setzen können. Dort verbringen wir den lauen Sommerabend und schweigen mehr, als dass wir sprechen …
»Oh, habt ihr das gesehen?«, fragt Oma, als wir alle in den Himmel schauen. Sie hört sich an, als wäre sie den Tränen nahe.
»Meinst du die Sternschnuppe?«, hake ich nach.
»Ja, das war sicherlich Opa Walter, der uns damit gesagt hat, dass es ihm gut geht«, jammert sie und sofort steigen mir bei ihren Worten erneut die Tränen auf. Ich habe mich doch eben erst beruhigt. Esme reicht mir ein Papiertaschentuch und zwingt sich ein Lächeln auf. Wieso kann sie sich besser zurückhalten? Ganz genau weiß ich, dass sie ebenfalls den Tränen nah ist. Als würde ich die halbe Straße unterhalten wollen, schniefe ich ins Taschentuch und Franka streichelt meine Hand.
»Wahrscheinlich ist es für dich tatsächlich die bessere Entscheidung, morgen schon zurückzufahren.«
»Opa sagte immer, die Sternschnuppen sind Grüße von den Verstorbenen aus dem Himmel - für ihre Liebsten auf der Erde«, wimmere ich und ein Hammer schlägt kontinuierlich auf mein Herz. Ich verfluche mich, dass ich nicht bei ihm war und nicht auf Wiedersehen sagen konnte. Kaum kann ich atmen oder denken und ich vermisse ihn in diesem Augenblick so sehr.
Alle schauen mich an und selbst meiner tapferen Oma löst sich nun eine Träne. Ich würde ihn so gerne zurück in meinem Leben haben und fühle mich hilflos gegen meine Gefühle zu kämpfen.
Vom vielen Weinen bin ich total müde und kann keinen klaren Gedanken fassen. Unschuldig ist der Weißwein nicht und deshalb beschließe ich, um die frühe Zeit ins Bett zu gehen.
Ehe ich das Licht ausknipse, suche ich eine günstige und schnelle Zugverbindung nach Frankfurt.
Die Zugstrecke ging zügig vorbei und meine Kopfschmerzen von der gestrigen Mischung aus Heulen und Wein konnte ich in den letzten zwei Stunden wegschlafen.
Ich öffne die Tür und sofort springt mir der String von Viola ins Auge. Okay, vielleicht hätte ich ihr oder Liam schreiben sollen. Hoffentlich, oh Gott ich bete, dass sie nicht irgendwo in der Wohnung, sondern in einem ihrer Zimmer sind.
»Liam«, stöhnt Viola aus dem Badezimmer und gleich darauf lasse ich zuerst die Tasche auf den Boden knallen und danach werfe ich die Wohnungstür zu.
»Hallo?«, ruft Liam durch die verschlossene Tür. Verdammt, ich muss auf Toilette …
»Ich bin wieder Zuhause und muss pinkeln«, rufe ich im Flur. Abrupt öffnet sich die Badtür und Liam steht nur im Handtuch vor mir.
»Wie, was, warum?«, stottert er.
»Ich musste nach den letzten Tagen heimfahren«, erkläre ich und meine Stimme wird wieder kratzig und hoch.
»Ach Schatz«, sagt Liam und nimmt mich in den Arm.
»Ich hätte ihn nochmal besuchen müssen, anstatt diese blöde Masterthesis fertig zu kriegen«, jammere ich.
»Ruby, du solltest darüber nicht nachdenken. Dein Opa hat es verstanden und sagte bei jedem Telefonat, du sollst erst kommen, wenn du es zu Ende gebracht hast«, tröstet Viola mich und ich spüre wie der Rücken warm und feucht wird.
»Habt ihr bei der Hitze gebadet?«, frage ich, während ich mich von meinem Kumpel löse und dadurch lässt mich Viola von hinten gehen.
»Na ja, wir dachten, du bist nicht da, also …«, betont Viola und grinst breit. Mit ihrer versuchten Heimlichtuerei lenkt sie mich ab und ich muss ebenfalls lächeln.
»Ich hoffe, ich kann aufs Klo, ohne irgendwas Ekliges zu finden«, entgegne ich meinen Mitbewohnern, als ich ins Bad laufe.
»Ja, ja«, wendet Liam ein und kratzt sich am Kopf.
»Arbeitest du heute?«, frage ich und werfe die Tür zu.
»Wer, ich?«, rufen beide ins Bad.
»Liam?«, sage ich ausdrücklich.
»Ja, willst du etwa mitkommen?«, fragt er als ich die Spülung drücke und alles, was er danach sagt, verstehe ich nicht mehr, weil ich mir die Hände wasche.
Als ich die Tür öffne, stehen beide mit verschränkten Armen vor mir und schauen mich ernst an, als wären sie mein Onkel und meine Tante.
»Was?«, frage ich.
»Willst du arbeiten?«, hakt Viola nach.
»Nö, aber ich dachte, wir könnten einen Mädelsabend machen«, erkläre ich ihr und würde ihr gerne von dem Treffen mit dem Widerling erzählen. Sie ist die Einzige, die davon weiß. Liam hat damals noch nicht bei uns gewohnt oder besser gesagt, wir kannten ihn nicht.
»Gerne, allerdings muss ich morgen früh raus, weil abends die Premiere vom Sommernachtstraum ist. Ich bin eine halbe Stunde vor dir zur Tür rein«, erzählt sie mir aufgeregt mit einem Hauch von Erschöpfung.
»Also habe ich euch gestört«, stelle ich fest.
»Nicht schlimm, das holen wir nach«, sagt Liam und kurz darauf haut Viola ihrem Liebesabenteuer auf den Po.
»Na freilich«, beteuert sie und in dieser Sekunde fällt Liams Handtuch auf den Boden. Sofort quietsche ich und halte mir die Hand vor die Augen.
Lauthals lachen die zwei und ich drehe mich um, greife nach der Tasche und laufe in mein bescheidenes Reich.
»Als ob du noch nie …«, ruft er mir lachend zu und als ich mich umdrehe, hat er das rosa Handtuch zurück um die Hüften gebunden.
»Sprich es nicht aus, außerdem ist es etwas völlig anderes einen Mann nackt zu sehen, den man attraktiv findet oder den Mitbewohner und besten Freund«, protestiere ich mit erhobenem Zeigefinger.
»Ruby, du und Liam zieht euch vor anderen Menschen aus«, erinnert mich meine liebste Freundin und ich winke ab.
»Das ist ein Job und nochmal was Grundverschiedenes außerdem lassen wir immer den Slip an«, unterstreiche ich und wackele mit dem Po hin und her.
»Oh man, womit haben wir sie nur verdient?«, scherzt Liam und läuft ins Badezimmer.
»Also, du musst ja erstmal nicht ins Bad, oder?«, hakt Viola grinsend wie ein Brautmaulfrosch nach.
»Macht nur euer Ding«, murmle ich und schließe die Zimmertür. Schließlich höre ich nur ihr Lachen und bin glücklich zurück zu sein. Meine zwei Freunde haben mir jetzt schon gutgetan und mich auf andere Gedanken gebracht. Ich packe die Tasche aus und werfe die Schmutzwäsche in eine Wanne. Zum Schluss hole ich die Opas Bücher von Wilhelm Busch heraus.
Alle sechs nehme ich mit ins Bett und lehne mich an dem Bettkopf an. Jede Seite ist ganz dünnes Papier, nicht wie die heutigen Bücher, sondern fein und glatt. Manche haben leichte Knicke und sehen schon abgenutzt aus, andere Blätter wiederum nicht.
Diese sechs Bücher muss ich in Ehren halten und lege sie vorerst auf den Schreibtisch. Ich sollte ein kleines Regal kaufen, auf dem ich sie ein bisschen abseits von den ganzen Kunst - und Geschichtsbüchern hinstellen kann. Mein allerliebster Mitbewohner und Freund kann mir beim Montieren später helfen, doch vorerst lege ich mich ins Bett und versuche zu schlafen.
»Oh sie schläft.«
»Wollen wir sie wecken?«
»Keine Ahnung«, flüstert Viola und ich drehe mich hin und her.
»Ich bin wach«, rede ich vor mich hin und reibe die Augen.
»Wir wollten dich nicht wecken, bloß nach dir schauen und fragen, wie es bei deiner Oma war?«, redet Liam mit seiner tiefen und gedämpften Stimme.
»Kommt rein und setzt euch«, brummle ich und beide lassen sich aufs Bett fallen. Eine links, der andere rechts.
»Es war furchtbar«, erzähle ich ihnen. »Esme und Oma ging es besser als mir. Sie hatten ihr Weinen jedenfalls problemlos im Griff«, gebe ich zu und beiße mir auf die Lippe. Tatsächlich war ich eine ziemliche Heulsuse die letzten Tage und die Quittung habe ich bekommen, die ich nun ausbaden muss.
»Schlafmangel?«, hakt Liam nach und ich nicke.
»Kein Schlaf und weinen ist ein Teufelskreis«, gibt Viola zu, legt den Kopf auf meine Schulter und ich tue dasselbe bei Liam.
»Und deiner Oma gehts gut?«, hakt sie nach.
»Ja, jedenfalls sagte sie es und war gleichmütig. Vielleicht macht sie sich selbst was vor und wenn sie allein ist, wird ihr erst alles bewusst«, erzähle ich.
»Oder ihr geht es wirklich gut, weil es deinem Opa nun besser geht?«, flüstert Viola und ich nicke.
»Ehrlich gesagt, möchte ich darüber nicht mehr reden, es trifft mich nämlich schmerzlich«, erkläre ich ihnen und beide sind damit einverstanden.
»Wie viel Uhr haben wir? Ich habe Hunger«, frage ich und hebe den Kopf.
»Kurz nach vier, ich muss mich langsam umziehen und in die Bar fahren.« Liam steht auf und schwingt, als er an der Tür ankommt, nochmal die Hüften.
»Komm, ich koche uns was Gutes«, verspricht Viola und zieht mich am Arm aus dem Bett in die Küche.
»Was denn?«, frage ich neugierig und öffne den Kühlschrank.
»Quinoa Powersalat«, antwortet sie, als sie den Topf aus dem Schrank nimmt. Danach schiebt sie mich zur Seite, weil ich die kühle Luft des Kühlschrankes genieße, und sie holt allerlei Sorten Gemüse heraus.
»Da bin ich gespannt, allerdings ist das kein Kochen. Seid ihr ausgebucht?«, wechsle ich das Thema auf ihre Arbeit, während sie Wasser in den Kochtopf lässt.
»Ich hoffe, alles wird klappen. Ein Sommernachtstraum war schon echt harte Arbeit. Wir sind die nächsten Wochen komplett ausverkauft«, erzählt sie stolz und wässert die Quinoa.
»Wenn Liam und ich in zwei Wochen uns das Theaterstück anschauen, werde ich bestimmt bei jeder Maske darüber nachdenken, welche du gemacht hast«, beichte ich ihr und stibitze mir ein Stück Paprika, die sie gerade aufgeschnitten hat.
»Wir arbeiten alle zusammen, ich habe bei vielen mitgewirkt«, plaudert sie und haut mir auf die Hand, weil ich nochmal ein Stück Paprika klauen wollte.
»Aua«, fluche ich und schaue sie böse an.
»Ruby, du bist wie Liam«, meckert sie.
»So Ladys, ich werde nun arbeiten fahren, haltet die Ohren steif und wir sehen uns morgen früh«, verabschiedet sich unser Mitbewohner und nimmt sich ebenfalls ein Stück gelbe Paprika. Sofort dreht sich Viola mit dem Messer zu ihm.
»Könnt ihr damit aufhören, ich koche für euch und ihr esst alles vorher«, schimpft sie und wedelt mit dem Messer umher, sodass Liam sich zurückzieht.
»Honey, ciao und beruhig dich«, sagt er und grinst. Er wuschelt mir in den kurzen Haaren rum und erntet dadurch von mir ebenfalls einen bösen Blick.
»Männer«, schnaubt meine beste Freundin und kichert.
»Das habe ich gehört«, ruft er, bevor die Tür zu fällt und er nun fort ist.
»Wie geht es deiner Schwester? Sie war schon lange nicht mehr hier«, beginnt sie ein neues Gespräch.
»Ja, ihr geht es gut und sie hat nächste Woche komplett Urlaub«, erzähle ich und denke über den Fiesling nach, weil er sozusagen darum bat, dass ich nicht lange bleibe, und das Hagen mich suchte … Wäre ich ein paar Tage geblieben, hätte ich möglicherweise die Chance gehabt, ihn irgendwo zu begegnen, andererseits wäre die Erfolgsaussicht wahrscheinlich sehr gering. Er lebt sicherlich mit einer Frau zusammen oder ist Ehemann. Wobei sein Vater besorgt war. Konnte er mich genauso wenig vergessen wie ich ihn? Bei dem Gedanken bebt mein Herz und blutet gleichzeitig. Kein Typ konnte mich so in seinen Bann ziehen wie er mich … Seine roten Haare und die honiggelben Augen bewirkten bei mir ein Kribbeln, welches ich in keiner Weise mit Worten beschreiben kann. Es war wie ein Feuersturm, der sich von mir verzehrte … und zum Schluss löschte sein Vater dieses Feuer in Sekunden. Dreimal haben wir uns gesehen und Hagen nahm in diesen drei Treffen alles von mir.
»Denk nicht so viel über deinen Opa nach«, mahnt Viola mich und ich winke ab.
»Habe ich nicht«, brummle ich.
»Ehrlich?«, fragt sie skeptisch und rührt das Dressing zusammen.
»Ja«, antworte ich und stütze den Kopf ab.
»An was hast du dann gedacht? An deine Dissertation?«, plaudert sie mit mir und lächelt.
»Kannst du dich noch an Hagen erinnern?«, frage ich und beobachte sie, wie sie den Salat und das Gemüse zusammen mischt. Plötzlich hört sie auf und schaut mich mit großen Augen an, doch ich bekomme keine Antwort von ihr und sie widmet sich ihrem Salat. Daher setze ich mich auf das Sofa und warte weiterhin auf eine Reaktion.
»Willst du auf der Couch essen? Du kleckerst ständig«, erinnert sie mich und ich grinse.
»Quatsch, ich habe doch endlich die beste Erfindung ever.« Ich stehe nochmal auf, hole mein kleines Sofatablett und stelle es vor mich, als ich mich auf der Couch niederlasse.
»Wehe, Ölflecken gehen schlecht raus«, brummt sie. Dabei stellt sie den Teller auf das Tablett und isst die erste Gabel von ihrem.
»Meinst du den supersüßen und netten Kerl, vor dem du damals weggelaufen bist, weil sein Vater, dieses Arschloch nachts zu dir kam?«, bringt sie mit vollem Mund diese Geschichte kurz und bündig auf den Punkt.
»Ja, genau den«, antworte ich.
»Was ist mit dem? Hast du ihn nach sechs Jahren wieder gefunden oder nein, sag nicht er war auf der Beerdigung?«, fragt sie außer sich.
»Weder noch. Sein Vater war auf der Bestattungsfeier und war überaus freundlich zu mir. Als wir kurz draußen allein waren, sagte er sowas wie, meine Großeltern wären nicht das Problem, sondern eher Elisa und ich«, erzähle ich, während ich mir die nächste Gabel in den Mund stecke.
»Bist du verrückt? Wieso deine Mutter und du? Sie ist tot und du wohnst dort schon wie lange nicht mehr? Fünfzehn Jahre …«
»Ja genau, fünfzehn Jahre und was habe ich ihm im Alter von zehn Jahren getan, dass er so einen Hass auf mich hat?«
»Und den Schnuckel hast du nicht gesehen?«
»Nein, das war ja eigentlich der Super-GAU, der Widerling bat mich durch die Blume, dass ich nicht lange bleiben soll, wegen seines Sohnes. Er hätte mich nicht gefunden und darüber wäre er froh«,
»Der ist nicht mehr ganz dicht, wenn du mich fragst. Warum erkundigst du dich nicht bei deiner Oma und aus welchem Grund war er überhaupt auf der Beerdigung?«, hakt sie skeptisch nach und schlingt ein Blatt Salat runter.
»Er ist schon seit vielen Jahren der Steuerberater meiner Großeltern und ein so netter Mann«, palavere ich und ziehe es ins Lustige, weil es absolut nicht witzig ist.
»Und Hagen hat dich gesucht und nicht gefunden?«, fragt sie nochmal nach.
»Anscheinend«, antworte ich und kratze den Teller leer. Das Essen war eine gute Idee, denn ich fühle mich besser.
»Das ist ja so romantisch«, schwärmt sie und klimpert mit den künstlichen Wimpern. Ich nehme ihr den Teller ab und stelle meinen und ihren in die Küche.
»Den Rest würde ich aufheben für schlechte Zeiten«, bestimme ich und stelle den Salat in den Kühlschrank.
»Klar und was willst du nun tun, zurückfahren und um ihn kämpfen, gehe auf die Matratzen oder wie das heißt?« Viola kichert, was zu einem Lachen wird und ich steige mit ein.
»Nein. Ich fahr‘ doch nicht zurück, um mir nochmal so etwas Gemeines anzuhören«, widerspreche ich und sie zuckt mit den Schultern.
»Mittlerweile hast du etwas vorzuweisen einen Mastertitel und du promovierst in den nächsten Jahren. Das kann er sicherlich von seinen Kindern oder sich selbst nicht behaupten. Solchen Widerlingen musst du es zeigen«, eifert sie und stupst mich an, als ich mich zu ihr setze.
»Seine Tochter ist Apothekerin, das ist fast so ähnlich.«
»Schatz, du bist schlau. Ich kenne keine Person, die so bodenständig ist, sprechen kann wie der letzte Vollhorst und trotzdem bald einen Doktor in Kunstgeschichte hat«, redet sie mir gut zu und ich winke ab.
»Es ist wie es ist. Ich wollte dir einfach von diesem befremdlichen Aufeinandertreffen berichten.«
»Hm, das muss ich wohl so hinnehmen«, murmelt sie und ich weiß, sie meint es nur gut. Wir haben oft darüber gesprochen, was passiert wäre, wenn ich nicht in jener Nacht auf Toilette gegangen wäre. Ob sein Vater um ein Uhr nachts ins Zimmer gekommen wäre und hätte im Pyjama diesen Aufstand geprobt. Wir haben oft hin und her philosophiert, ob Hagen weiß, dass sein Vater an meinem schnellen Aufbruch schuld ist? Nach dem gestrigen Gespräch bin ich mir sicher, dass er keine Ahnung hat - von nichts.
»Witzig, er sagte, Hagen denkt, ich habe ihm nicht meinen richtigen Namen genannt«, erzähle ich ihr weiter und schüttele den Kopf.
»Na ja, Ruby ist ungewöhnlich und Esmeralda ist es ebenso. Allerdings sind diese typischen DDR-Namen eben extravagant. Ramon, Danny, Mandy, Nancy und Ruby.« Sie lacht erneut laut auf, sodass ihre Tunnel, in den Ohren und ihr locker zusammengebundener Zopf, wackeln. Ich schaue sie mit hochgezogener Braue an und ihre Augen sind wässrig. Wie kann man sich darüber so amüsieren?
»Also die kurzen Haare, dazu die gelifteten Wimpern und Augenbrauen machen dich ungeschminkt feengleich. Du bist so hübsch«, schenkt sie mir ein Kompliment und tupft sich mit ihrem Longshirt die Tränen weg. »Ach, habe ich schön gelacht«, kichert sie und ich lächle sie an.
»Wenn Ruby auch zu diesen DDR - Namen gehört, warum denkt er, es sei nicht mein Richtiger?«, frage ich die Allwissende über Namen.
»Da bin ich überfragt. Vielleicht weil keiner seine Kinder nach Diamanten benennt, sorry«, sagt sie und hebt die Hände.
Plötzlich klingelt mein Handy und ich schaue drauf.
»Stefan«, säusle ich kritisch und zeige es Viola.
»Hoffentlich ist Liam nichts passiert«, flüstert sie, als ich abnehme.
»Hallo«, begrüße ich meinen Chef, meines Nebenjobs.
»Guten Abend Ruby, ich habe mich eben mit Liam unterhalten und er erzählte, du wärst zurück in Frankfurt und ich könnte dich anrufen«, brabbelt er und redet um den heißen Brei. Typisch für den Sonnenbank gebräunten Kerl.
»Stefan, was ist los?«, frage ich direkt, bevor er noch weiter ausholt.
»Kannst du für Melina einspringen? Ich weiß, du hast dir freigenommen und dein Opa …«, sagt er mitfühlend.
»Stopp, sag es nicht. Ich komme, wann soll ich da sein? Duschen und fertig machen müsste ich mich noch«, gebe ich gleich zu, damit er sich abschminken kann, jetzt zu sagen.
»Die Leute heiraten dieses Jahr wie die Weltmeister, wir haben zwei Männerjunggesellenabschiede. Ida kann den Ersten übernehmen und du müsstest den Zweiten um 20.30 Uhr tanzen, der überlappt sich mit dem von Ida«, erklärt er mir. Na toll so einen späten JGA … Da werden die Männer schon stark getrunken haben und ich verdrehe die Augen.
»Zwanzig Uhr schaffe ich, bis gleich«, verabschiede ich mich und stehe auf.
»Musst du arbeiten?«, springt Viola vom Sofa und läuft hinter mir her.
»Ja, Melina ist nicht da, warum auch immer«, erkläre ich und ziehe mich schon unterwegs aus.
»Was für ein Scheiß, sie ist ziemlich unzuverlässig«, brummelt sie und ich schließe danach die Tür ab. Zügig dusche ich mich ab und mache mich für den Job fertig. Viola hat es definitiv auf den Punkt gebracht, meine Kollegin ist unstet. So oft wie wir anderen Tänzerinnen für sie einspringen müssen, wäre es eigentlich ein Kündigungsgrund. Zumal es viel Bessere gibt als sie.
Dass ich heute Abend tanzen muss, nervt mich ein wenig. Ich hatte gehofft, gleich den ganzen Schlafentzug nachzuholen. Obwohl ich im Zug und eben schlief, reicht es lange nicht aus, dass reinzuholen, was ich verloren habe.
»Kommst du eigentlich mit dem neuen Haarschnitt gut zurecht?«, fragt Viola, als ich aus dem Badezimmer am Wohnzimmer vorbeilaufe.
»Ja, mir gefällt es ziemlich gut. Ich glaube, ohne deine Überredungskunst hättest du nicht so viel abschneiden dürfen«, rufe ich ihr laut zu und hüpfe dabei in eine Jeans und ein Shirt.
»Na kurz waren sie von je her, das ist nur noch kürzer. Dir stehen einfach Pixies. Ich weiß gar nicht mehr, wie du mit langen aussahst«, redet sie und lehnt sich am Türrahmen an.
»Der Bob war damals schön«, erinnere ich mich an meine Frisur vor vier, fünf Jahren.
»Du kannst sie wachsen lassen«, scherzt sie und ich ziehe den Nierengurt an, um danach die Motorradjacke drüberzuziehen.
»Genau«, sage ich sarkastisch, als ich den Helm in die Hand nehme.
»Wenn ich nicht wüsste, dass du gleich eine Perücke aufziehst, würde ich dir erklären, dass der Sturzhelm deine frischgewaschenen Haare versaut«, sagt sie und ich grinse.
»Schlaf gut, bis morgen irgendwann«, verabschiede ich mich und gebe ihr einen Kuss auf die Wange.
»Bye, pass auf dich auf«, bittet sie mich und ich nicke. Solche Sätze sagt sie nur mir und nicht Liam. Als ob er nicht auf sich aufpassen muss …
Vor dem Motorrad stülpe ich den Helm über den Kopf, setze mich auf das Bike und fahre in die Table dance bar.
»Hey Lars«, begrüße ich den Türsteher, der mir die Tür öffnet.
»Guten Abend, ich dachte, du hast Urlaub?«, fragt er sofort nach.
»Tja, so schnell ist der Urlaub vorbei«, antworte ich und grinse ihn an.
»Will ich den Grund wissen? Ich glaube nicht, oder?« Er hält die Tür weiter offen, weil ich im Rahmen stehe.
»Irgendwas ist mal wieder mit Melina«, meckere ich und laufe rein. Meistens reicht diese Begründung, da sie so oft fehlt. Warum Stefan sie weiterhin beschäftigt weiß keiner von uns.
»Hey Ruby, Himmelseidank hat das geklappt«, marschiert mein Chef geradewegs zu mir und begleitet mich in die Umkleide.
»Ich habe mit den Gästen gesprochen und sie würden dich gerne mit der roten Perücke sehen.« Er nimmt sie von dem Modelkopf und spielt mit den Haaren.
»Sie haben mich gar nicht tanzen gesehen«, erwidere ich und stelle alles in Frage.
»Ich habe den jungen Männern versprochen, dass sie mit dir zufrieden sein werden und du eine unserer Besten bist. Die anderen fünf und Ida wurden schon ausgewählt …« Er zuckt mit den Schultern, ohne irgendeine Erklärung abzugeben. Als Chef kann er machen, was er will.
»Okay, ich hoffe, sie sind noch halbwegs nüchtern«, äußere ich mich und stelle mich hinter den Paravent, damit ich mich umziehen kann.
»Ja, ich glaube, die sind selbst mit zu viel Alkohol harmlos. Die Männer sind alle um die Dreißig.«
»Welcher ist der Bräutigam und wie heißt er?«, hake ich nach.
»Ansgar, ein sehr ungewöhnlicher Name, die Jungs kommen von drüben«, sagt er und lacht. Als wäre es die Erklärung für den Namen. Viola würde ihm definitiv zustimmen und ich verdrehe die Augen.
»Danke nochmal«, sagt er, läuft mit mir zu Steve, einem der vielen Secruities, mit dem ich in die Bar gehe.
»Hey Puppe«, begrüßt mich Liam und umarmt mich in seinem Bademantel. Sofort wackelt er mit den Hüften und grinst. In diesem Moment ahne ich, woran er denkt.
»Du bist so ein Arsch«, beschimpfe ich ihn.
»Ich weiß, viel Spaß«, sagt er, ehe Steve und ich im Schwarzlicht weitergehen, bis wir uns dem Tisch nähern.
»Kennen sie die Regeln?«, erkundige ich mich und schiele zu den Männern, um abzuchecken, wie die Stimmung ist. Wenigstens ist es eine ruhige Runde.
»Ja«, antwortet er kurz und ich gehe zu ihnen. Definitiv erkennt man, welcher von den fünf Männern der Heiratskandidat ist.
Alle tragen Hosenträger und ein weißes Hemd. Bloß hat der arme, baldige Ehemann eine übergroße Krawatte um den Hals, auf der unübersehbar ›Bräutigam‹ steht. Ich schaue mir die vier anderen Kerle an und muss bei dem ganz links kurz durchatmen. Nur keine Panik Ruby.
Sofort erinnere ich mich an die Worte meiner Oma: Seiner ältesten Tochter gehört die Apotheke bei uns um die Ecke. Sie heiratet nächstes Wochenende.
Am liebsten würde ich rückwärts weglaufen und Steve sagen, dass ich nicht kann. Jedoch wäre das unprofessionell und ich heiße nicht Melina … Also gehe ich auf den runden Tisch und versuche, Ruhe zu bewahren.
Hätten die Typen nicht woanders den Junggesellenabschied planen und durchführen können? Ausgerechnet in Frankfurt und gerade im Seductive Heart … Jetzt ist es zu spät und ich muss die Show abliefern, denn die Musik beginnt. Ich schließe die Augen und tanze, als würde Hagen nicht vor mir sitzen.
Langsam bewege ich die Hüften und knie mich zu dem Bräutigam. Als ich ihm in die blauen Augen schaue, erkenne ich auf den ersten Anblick, dass er nervös ist. Wahrscheinlich hat er sowas noch nie gemacht. Im Gegensatz zu dem Kerl neben ihm, der mich mit seinen Blicken schon auszieht, bevor die Show überhaupt richtig losgeht.
»Hi, ich bin Finja und keine Sorge, das Höschen bleibt an«, stelle ich mich vor und versuche die Stimmung, zwischen ihm und mir ein wenig aufzulockern. Obwohl ich mir eher Gedanken mache, ob Hagen mich erkennt.
»Ich bin Ansgar«, stellt er sich vor und ich lächle.
»Es freut mich, dich kennenzulernen. Lehn dich einfach zurück und genieße wenigstens ein bisschen die Show. Immerhin haben deine Freunde viel Geld dafür ausgegeben, um dir einen gebürtigen Abschluss als ledigem Mann zu schenken«, schildere ich ihm, stehe auf und zwinkere ihm, bevor ein neues Lied gespielt wird, zu. Anscheinend half ihm der kleine Smalltalk und er lehnt sich mit einem verlegenen Lächeln zurück.
Schließlich beginne ich mich erneut zur Musik zu bewegen, dabei halte ich mich mit den Beinen an der Stange fest und schwinge mehrmals rum. Bei der letzten Umdrehung suche ich Ansgars Blick und knöpfe mir langsam und verführerisch die Bluse auf. Knopf für Knopf öffnet sie sich und letztlich lasse ich sie vor ihm fallen.
Dabei beginnt mein Herz zu rasen und mein Mund ist trocken wie eine Wüste. Die Nervosität bringt mich um den Verstand und mir wird heiß. Nicht mal annähernd liegt die Hitze, die mich beherrscht, an dem Tanzen. Ich suche den Blickkontakt zu jedem einzelnen Kerl, außer zu Hagen. Die Angst ist zu groß, dass er mich erkennt. Rhythmisch wackele ich mit meinem Po vor dem Bräutigam und lasse vor seinem Gesicht die Shorts fallen.
Sofort beginnt er zu husten und lehnt sich ein Stück zurück. Meine Hüften kreisen und mit Schwung klemme ich die Stange zwischen die Beine. Langsam lasse ich mich von ihr runtergleiten sodass ich zum Schluss mit dem Rücken auf dem Tisch liege. Alle Blicke von den Männern spüre ich auf mir und ich kann nicht anders, als für einen Moment, den Blick von Hagen mit meinen Augen einzufangen. In dem düsteren Licht scheint es, als wäre er in den letzten sechs Jahre nicht ein bisschen gealtert. Mit den Händen ziehe ich mich die Poledancestange rauf und tanze weiter und im Blickwinkel erkenne ich, wie er mit seinem Sitznachbarn redet und beide mich eindringlich anschauen. Ich zwinge mich, seinen Blick nicht erneut zu erhaschen, doch ich kann nicht und der Augenblick in seine Augen wirkt fast wie eine Ewigkeit. Gleich daraufhin winkt sein Nachbar Steve zu sich und ich konzentriere mich auf die Show und nicht auf das, was sie bereden.
Eine der letzten Drehung an der Stange führe ich fort bis ich mit den Füßen am Boden angekommen bin. Galant neige ich mich nochmal zu dem schüchternen Bräutigam und schnipse mit zwei Fingern den BH auf. Die Pirouette an der Stange ist mein Abschluss und ich verbeuge mich tänzerisch und stilsicher vor den Männern.
Sie sehen glücklich aus und so ist auch das Trinkgeld, das sie mir vorsichtig in den Slip stecken.
Mein Atem geht so schnell und ich halte kurz die Hand auf meine Brust, als ich neben Steve stehe.
»Geht es dir gut?«, fragt der Beschützer und hält mich liebevoll an der Schulter fest.
»Ja, ich muss nur etwas trinken. Ich hab die letzten Tage viele Mineralien verloren«, gebe ich zu und spiele auf das Weinen an. Anscheinend versteht er es und nickt. Liebevoll hält er mir den Kimono auf, sodass ich reinschlüpfen kann und er öffnet seinen Mund, als wolle er was sagen, doch kommt nicht dazu, weil ihm jemand dazwischen grätscht.
»Hey, die Show wollen wir auch haben, bloß mit komplett ausziehen«, ruft ein Typ zwei Tische weiter, mit seinen Kumpels zu uns rüber. Selbst der Junggesellenabschied dreht sich zu diesem Knilch.
»Die Männer haben gefragt, ob sie dir einen Drink ausgeben dürfen, allerdings angezogen«, erklärt mir Steve.
»Wer die?«, frage ich und zeige auf die wahrscheinlich gerade Achtzehnjährigen.
»Nein, sie«, sagt er deutlich und ich schüttele den Kopf. Ehrlich? Muss das sein? Leider habe ich keine andere Wahl und nicke.
»Ich bring dir ein Wasser?«, hakt er nach.
»Danke, ich kann es mir mitbringen, nachdem ich mich angezogen habe, und nehme bei ihnen gleich eine Bestellung auf«, biete ich an und lächle. Solange ich unterwegs bin, kann ich mir überlegen, ob ich mich neben Hagen setzen soll oder gegenüber von ihm. Da ich fertig mit Tanzen bin, marschiert Steve zu den jungen Typen und will ihnen unsere Hausregeln nochmal erklären. Manche Burschen sind einfach dumm.
»So, die Herren, was darf ich euch zu trinken bringen?«, frage ich höflich und zwinkere meinen Kunden zu.
»Also ich brauche etwas Starkes nach dieser Show«, beichtet der Bräutigam und lächelt aus Scham.
»Whiskey?«, erkundige ich mich und er nickt.
»Ja, das klingt gut.« Die anderen vier bestellen ihre Wünsche und ich gehe zur Bar, gebe die Buchung auf und laufe in die Umkleide.
»Hey Ruby, schön dich zu sehen?«, begrüßt mich Natascha und umarmt mich.
»In etwas mehr als einer halben Stunde bist du auf der Bühne dran zu tanzen«, informiert sie mich.
»Danke, ich habe noch gar nicht geschaut. Die Kunden haben mich auf einen Drink eingeladen«, erkläre ich ihr und ziehe ein Netzoberteil mit Faltrock an.
»Kein Problem, ich muss jetzt raus und vorher habe ich schon zwei Laps getanzt«, erzählt sie und kämmt sich ihre blonden Haare.
»War der Opa wieder da?«, hake ich nach.
»Ja, ich glaube, er wird mein Stammkunde«, kichert sie und ich schaue nochmal in den Spiegel, bevor ich zur Theke zurückgehe, um das Tablett mit den Getränken zu holen.
»Ich wollte vor der Show nichts sagen, mein herzliches Beileid«, sagt Stefan, als er mir das letzte Glas aufs Tablett stellt.
»Danke«, flüstere ich und bin sofort in dem Tief zurück, in das ich nicht mehr rein wollte. In den vorherigen Stunden habe ich es verdrängt … Ich weiß, er meint es nur gut, trotzdem brauche ich diese Beileidswünsche nicht, weil es sich in mein Gewissen frisst wie ein elender Holzwurm.
»Um halb zehn musst du tanzen«, sagt er und ich lächle.
»Danke, Natascha hat es mir gerade berichtet.« Ich nehme das volle Tablett und drehe ihm den Rücken zu, um elegant zu dem JGA zu laufen.
Was mache ich nun? Wenn Hagen mich anspricht oder komisch ansieht?
»Setz dich bitte«, bietet der Bräutigam mir einen Platz an und ich entscheide mich, nicht neben Hagen zu sitzen.
Er verzieht in jenem Moment, als ich zu ihm schaue seinen Mund und seine Augen ruhen auf mir. Ich weiß, dass er es weiß. Das Gefühl, als würde die Luft in jeder Sekunde dünner werden, überrennt mich und ich nehme tiefe Atemzüge, als wolle ich dieser Hitze zwischen uns entkommen. Schnell trinke ich ein paar Schlucke und wende den Blick von ihm ab.
»Heißt du wirklich Finja oder ist das bloß sowas wie ein Künstlername?«, erkundigt sich der Kerl zwischen Bräutigam und Hagen.
»Was denkt ihr?«, hake ich mit einem unschuldigen Lächeln nach und lege den Kopf ein wenig schief.
»Künstlername«, behauptet Ansgar, der Heiratskandidat, und ich schaue in die Runde. Durch ein Räuspern bekommt Hagen volle Aufmerksamkeit von mir und ich sehe ihn tiefgründig an. Mittlerweile erkenne ich ein paar kleine Fältchen um seine Augen. Trotzdem sieht er wie vor sechs Jahren aus. Kaum eine Veränderung ist da, selbst die Frisur ist der Alten ähnlich.
»Ich vermute, du heißt wirklich Finja«, sagt er plötzlich und ich grinse, weil sein Vater mir gestern erzählte, Hagen glaubt ich würde nicht Ruby heißen.
»Und was ist nun korrekt?«, fragt der brünette Kerl neben mir.
»Finja ist ein Tarnname«, antworte ich ehrlich und lächle.
»Und wie heißt du?«, erkundigt sich der Kerl zwischen Ansgar und meinem Sitznachbarn.
»Tut mir leid, das verrate ich nicht«, vertröste ich sie, trinke einen Schluck und setze mich aufrecht hin.
»Wann ist denn die große Hochzeit?«, stelle ich nun eine Frage, um den Plausch nicht im Sande zu vergraben.
»Nächsten Samstag«, antwortet der glückliche Bräutigam. Seine Augen leuchten und sein Grinsen ist so breit, als hätte er im Lotto gewonnen.
»Oh, diese Frau muss toll sein, wenn du so eine Ausstrahlung hast«, gebe ich zu und deute auf sein Lächeln.
»Das ist sie definitiv«, gibt er zu. »Nichts für ungut, die Show war gut, vor allem ist es Wahnsinn, wie du dich an der Stange hältst«, sagt er.
»Danke, das ist der Job. Irgendwann gehe ich nach Hause und habe ein Privatleben«, erkläre ich ihnen, weil viele wie sie denken, ich bräuchte diese Aufmerksamkeit und Komplimente.
»Darf ich etwas fragen?«, fragt mein Sitznachbar vorsichtig.
»Mal schauen, ob ich sie beantworte«, sage ich und bin gespannt, welche typische Frage er stellt, die man oft gestellt bekommt.
»Wie kommt man zu so einem Job?«
Sogleich lache ich ein wenig, denn es ist eine der häufigsten Fragen.
»Früher habe ich nebenan im Seductive Dance gekellnert. Der Chef ist der gleiche und weil ich gerne tanze und zur späten Stunde dort oft auf die Theke gesprungen bin, wurde ich von ihm gefragt, ob ich wechseln wolle«, erkläre ich den Werdegang. »Im Endeffekt ist es ein Job, der mir Spaß macht, solange sich alle an die Regeln halten.«
»Wie die Typen da drüben«, deutet der Mann neben Hagen sarkastisch an.
»Genau, wie die«, sage ich, trinke das Glas leer und stehe auf.
»Ich wünsche euch noch einen schönen Junggesellenabschied und selbstverständlich eine wunderschöne Hochzeit mit einer glücklichen Ehe«, verabschiede ich mich von den fünf Männern. Unerwartet hält mich Hagen am Arm fest, als ich an ihm vorbeilaufe.
»Hey«, ruft Steve sofort und kommt auf uns zu. Mit einer Handbewegung stoppe ich ihn und blicke zu Hagen. Wäre er nicht er, würde ich anders reagieren, doch er ist nun mal der, dem ich so lange hinterher getrauert habe, weil nicht er, sondern sein Vater mir das Herz brach.
»Du solltest mich gehen lassen, sonst fliegt ihr raus«, erkläre ich ihm verbindlich und daraufhin lässt er mich los.
»Hagen, was soll das?«, schimpft der Typ mit Brille, neben dem ich saß.
»Du bist es, richtig?«, fragt er leise und ich kann mich nicht bewegen. Damit habe ich nicht gerechnet. Mit allem, jedoch dass er mich hier darauf anspricht – niemals.
Ohne zu antworten, laufe ich an ihm vorbei und einer der Vollidioten, die mir eben was zuriefen, versperrt mir den Weg.
»Tanzt du jetzt für mich?«, macht er mich an. Ich hebe den Kopf und schaue ihn eindrücklich an.
»Nein, ich muss auf der Bühne tanzen, gerne kannst du zuschauen, allerdings solltest du dich an die Regeln halten. Ein nächster Verstoß wird mit einem Rauswurf bestraft«, stelle ich ausdrücklich klar. Trotzdem bleibe ich freundlich.
Vorsichtig schiebe ich ihn zur Seite und laufe an ihm vorbei, damit ich auf die Bühne kann. Bevor ich hochgehe, rapple ich mich innerlich auf, um mein Bestes zu geben.
Wie eine Fee tanze ich auf der Tanzfläche und greife nach der ersten Stange, mit der ich meine Tanzeinlagen performe. Meine Hüften schwingen zum Takt von Ciara mit Body Party und die Hände lasse ich gefühlvoll über meinen Körper gleiten, um die Zuschauer in Fahrt zu bekommen. Wie immer, schaue ich über die Gäste, anstatt Blickkontakt zu halten, denn sowas macht mich nach drei Jahren weiterhin nervös.
Allerdings spüre ich nur ein Augenpaar ganz fest auf mir, dass ich das Gefühl habe, dieser zerdrückt mich …
Sein Blick fängt meinen ein und ich versinke in ihm, obwohl er nicht mal auf den Schauplätzen sitzt. In mir entzündet sich ein Sturm. Ein Sturm voller Hitze.
In jenem Moment, als ich mich sachte und verführerisch entkleide, steht er auf und läuft Richtung Ausgang.
Sie tanzt, wie eine Göttin und ich kann nicht nachvollziehen, warum sie so einen Job macht. Klar, hat sie es uns eben kurz erklärt, doch verstehen kann ich es nicht. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass ich sie in so einer Bar wiedertreffe. Andererseits kann ich mein Glück in mir kaum beschreiben. So lange habe ich nach ihr gesucht und konnte mich auf keine andere Frau richtig einlassen, weil ich an sie dachte.
»Glaubst du wirklich, dass sie deine Fremde Ruby ist?«, fragt Ansgar und beugt sich vor.
»Ja, ganz sicher. Hast du jemals zwei Personen getroffen, die das gleiche Tattoo und die gleiche Narbe haben?«, frage ich ihn nachdrücklich und ich weiß selbst, wie dämlich und naiv es sich anhört, eine Frau zu erkennen durch den Spruch Vivere militare est und einer Brandnarbe, die so groß ist wie ein Heizungsrohr.
»Du hättest sie eben nicht anfassen sollen«, tadelt mich Ramon, mein bester Freund und ich schaue ihn nicht an, weil ich bloß auf sie achte, wie sie langsam ihr Netzoberteil auszieht.
Ich kann mir nicht nochmal anschauen, wie sie sich vor den sabbernden Männern entkleidet.
»Ich brauche kurz frische Luft«, informiere ich sie und stehe auf. Rubys Blick folgt mir bis ich durch die Tür nach draußen gehe.
Mit strenger Miene schaut mich der Türsteher an und nickt.
»Zu viel des Guten?«, hakt er ernst nach. Kurz lache ich auf, schüttele den Kopf und atme tief durch.
»Nein, ich brauch nur frische Luft«, erkläre ich und laufe am Bürgersteig hin und her. Wenn sie hier in Frankfurt wohnt, was hat sie vor sechs Jahren in unserem kleinen Städtchen getrieben?
»Das glaube ich sofort, die Luft ist ungesund«, spricht mich plötzlich einer der männlichen Tänzer an.
»Ja, ich weiß gar nicht, wie ich das früher in Diskotheken aushielt«, witzle ich und beobachte ihn, wie der Afroamerikaner an seiner Zigarette zieht. Tänzer und Raucher, passt das überhaupt?
»Waren Sie mit der Show von Ruby zufrieden?«, hakt er nach, als er den Rauch auspustet. »Ich meinte Finja.«
»Ja, heißt sie wirklich Ruby?«, hinterfrage ich und könnte mich in den Arsch beißen, dass ich die letzten Jahre dachte, sie hätte sich den Namen ausgedacht.
»Kennen Sie Ruby?«, stellt er verwundert eine Gegenfrage, bevor er mir antwortet.
