Brot und Rosen - Andrea D'Atri - E-Book

Brot und Rosen E-Book

Andrea D'Atri

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Beschreibung

Ist es möglich, eine andere, wirklich radikale Perspektive zu entwickeln, die den Weg des Kampfes für die Emanzipation der Frauen und der gesamten Menschheit geht? Eine zündende Schrift zu dieser Frage kommt aus Argentinien. Anhand der Schicksale und Kämpfe konkreter Frauen zeichnet die marxistische Feministin Andrea D’Atri die Geschichte der Frauen- und Arbeiter*innenbewegung von der Französischen Revolution bis zur Queer Theory nach. Sie zeigt, welche Pfade zur Befreiung der Frau von Unterdrückung und Ausbeutung bereits beschritten wurden und in welchen Sackgassen sie endeten. Gestützt auf diese Erfahrungen hält sie ein flammendes Plädoyer dafür, das Gesamtgefüge aus Patriarchat und Kapitalismus aus den Angeln zu heben. Da die globale Arbeiter*innen­klasse heute so weiblich ist wie nie zuvor, kommt den Frauen bei dieser Revolution eine zentrale Rolle zu.

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Seitenzahl: 348

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Andrea D’Atri

Brot und Rosen

Geschlecht und Klasse im Kapitalismus

Deutsch von Lilly Schön

Argument Verlag

 

Titel der argentinischen Originalausgabe:

Pan y rosas. Pertenencia de género

y antagonismo de clase en el capitalismo

© Armas de la Crítica, 2004

© Ediciones IPS, 2013

 

Alle Rechte vorbehalten

© Argument Verlag 2019/2022

Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg

Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020

www.argument.de

 

Lektorat: Iris Konopik

Umschlag: Martin Grundmann, Hamburg

Umschlaggrafik: © Ailín Rojas Bondarczuk

 

ISBN 978-3-86754-824-3 (E-Book)

ISBN 978-3-86754-514-3 (Buch)

 

Inhaltsverzeichnis
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Vorwort zur argentinischen Neuausgabe von 2013
Einleitung
Klasse und Geschlecht
Unterdrückung und Ausbeutung
Das Geschlecht eint uns, die Klasse trennt uns
Kapitalismus und Patriarchat: eine glückliche Ehe
Frauenkämpfe und Klassenkämpfe
Kapitel I. Getreideaufstände und bürgerliche Rechte
Brot, Kanonen und Revolution
Die Bürgerinnen verlangen Gleichheit
Freiheit, Brüderlichkeit und Ungleichheit der Klasse und des Geschlechts
Kapitel II. Bürgerinnen und Proletarierinnen
Dampfmaschinen, Webstühle und Frauen
Die Arbeiterinnen organisieren sich, um zu kämpfen
Eine Arbeiter*innenregierung in Paris
»Brandstifterinnen« und Damen mit Sonnenschirmen
Kapitel III. Zwischen Philanthropie und Revolution
Wahlrecht oder Wohltätigkeit?
Reform oder Revolution?
Flora Tristán: Eine Frau zwischen den Zeiten
Von der Notwendigkeit, fremden Frauen einen guten Empfang zu bereiten
Petition zur Wiedereinführung der Scheidung
Arbeiterunion
Die Tour de France
Kapitel IV. Imperialismus, Krieg und Geschlecht
Debatten in der Zweiten Internationale
Frauen im Krieg
Frauen und Nationen
Freiheit im Krieg, Unterdrückung im Frieden?
Kapitel V. Die Frauen im ersten Arbeiter*innenstaat der Geschichte
Der Funke, der die Flamme entzündet
Brot, Frieden, Freiheit und Frauenrechte
Erschütternde Widersprüche
Philosophie des Pfaffen, Macht des Polizisten
Genossin Kollontai
Oppositionelle Frauen
Kapitel VI. Zwischen Vietnam und Paris brennen die BHs
Wirtschaftsboom und Babyboom
Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit
Radikale und sozialistische Feministinnen gegen das Patriarchat
Kapitel VII. Differenz der Frauen, Differenz unter Frauen
Die imperialistische Offensive räumt auf
Unabhängige und institutionalisierte Feministinnen in Lateinamerika
Die Aufwertung des Weiblichen
Integriert oder marginalisiert?
Intersektionen der Differenz
Kapitel VIII. Postmodernismus, Postmarxismus, Postfeminismus
Die 1990er Jahre: NGOisierung und Geschlechtertechnokratie
Performativität, Parodie und radikale Demokratie
Konsumismus, Individualismus und Skeptizismus
Ein Schlusswort

 

Literaturverzeichnis
Danksagung
Nachwort der Übersetzerin
Internationales Manifest von Brot und Rosen
Über die Autorin
Anmerkungen

 

Für meine Mutter Ana María Layño,

die mir die Freiheit gegeben hat, eine andere Frau zu sein

als sie und auch anders als die Frau, von der sie sich

gewünscht hätte, dass ich sie werde

 

Vorwort zur deutschen Ausgabe

 

Stehen wir vor einer neuen Welle des Feminismus? Je nachdem, welche Klassifizierung wir anwenden, können wir von einer dritten oder vierten Welle sprechen.1 Aber unabhängig von dieser akademischen Debatte kann niemand bestreiten, dass wir einen neuen Aufstieg des Feminismus erleben, der in verschiedenen Erscheinungsformen die westliche Welt durchzieht. Er reicht von den Mobilisierungen für #NiUnaMenos (Nicht eine weniger) gegen sexistische Gewalt in Argentinien bis zur massiven #MeToo-Kampagne in den USA, die die sozialen Medien eroberte und in der Filmindustrie einschlug; von den Streiks der Frauen in Island und Frankreich gegen den Gender Pay Gap oder gegen die Einschränkung des Abtreibungsrechts in Polen bis zu den Millionen Frauen, die im Spanischen Staat auf die Straße gehen und die patriarchale Justiz verurteilen.

Frauen waren auch die Protagonistinnen der enormen Mobilisierungen gegen Trump kurz nach seiner Wahl zum US-Präsidenten. Und bei den Zwischenwahlen in den USA wurden vor kurzem so viele junge Latinas, indigene Frauen und Musliminnen ins Repräsentantenhaus gewählt wie nie zuvor. Zu Tausenden demonstrierten Frauen unter der Losung #EleNão (Er nicht), bevor der rechte Kandidat Jair Bolsonaro in Brasilien die Präsidentschaftswahlen gewann, und führten in Argentinien den großen Kampf für das Recht auf Abtreibung an, mit ihren grünen Halstüchern, die zum universellen Zeichen dieser Forderung geworden sind.

Diese neue Welle des Feminismus senkte die »Toleranzschwelle für den Machismus«. Dies zeigt sich im vermehrten Publikmachen – auch in sozialen Netzwerken – von sexueller Belästigung bis hin zu Debatten über geschlechtergerechte Sprache2. Zeitschriften drucken Artikel über den Eintritt von Frauen in Arbeitsbereiche, die bisher überwiegend männlich geprägt waren. Parlamente diskutieren über Gesetze zur Gleichstellung oder zur Ausweitung von Frauenquoten in einer Zeit, in der zum ersten Mal mehrere Länder gleichzeitig von Frauen geführt werden, Frauen mächtige Armeen befehligen und große Unternehmen, Konzerne und internationale Finanzinstitutionen leiten. Ein Verkaufsboom macht die Bücher von akademischen, antikapitalistischen Feministinnen ebenso bekannt wie von Postfeministinnen, die ausgehend von ihren individuellen Erfahrungen die queer theories entwickeln. Das Kino, das Fernsehen und die neuen Unterhaltungsplattformen sind voller Filme, Programme und Serien mit starken, mutigen, selbständigen und rebellischen Protagonistinnen.

Die neue Welle des Feminismus schreitet voran in der Neudefinition der Realität und untergräbt dabei vorherrschende kulturelle Normen. Sie versucht in gewisser Weise, eine reformistische politische Agenda der Gleichstellung durchzusetzen.

Der Aufstieg scheint sozusagen »gegen den Strom« stattzufinden, denn diese Welle gewinnt zu einem Zeitpunkt an Schwung, da sich die Krise der bürgerlich-demokratischen Regime – vor allem im Herzen des US-amerikanischen Imperialismus – als Resultat der Rezession von 2008 und mit dem Ende des neoliberalen Konsenses verschärft. Während die herrschende Klasse auf diese Krise mit cäsaristischen3 Regierungen wie der von Trump oder Bolsonaro antwortet, stehen wieder Handelskriege und Konflikte zwischen den Großmächten auf der Agenda. Aber wir beobachten nicht nur den Vormarsch einer in den verschiedenen Ländern durchaus heterogenen Rechten. Sondern wir sehen das wichtigere Phänomen der Auflösung der politischen Mitte und der traditionellen Parteien inmitten einer Tendenz zur politischen und sozialen Polarisierung.

Welche Bedeutung haben in diesem internationalen Rahmen die massiven Mobilisierungen der Frauen und das Wiedererstarken des Feminismus? Sind es möglicherweise die Frauen, die einen neuen Zyklus der Radikalisierung der Massen und des Klassenkampfs einläuten?

Seit Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Konzentration und Zentralisation des Kapitals zu und die Herrschaft der Monopole wuchs. Die alten Mächte hatten die Welt unter sich aufgeteilt, doch es strebten neue empor, die eine Neuordnung der kolonialen Herrschaft erzwangen. Die Verschärfung der Widersprüche zwischen den Mächten führte oft zu Krieg; aber die imperialistische Schlächterei war auch Geburtshelferin wichtiger revolutionärer Prozesse.

Die deutsche Sozialistin Clara Zetkin wies darauf hin, dass die Frauen in den Kämpfen, die sich durch den Weltkrieg ankündigten, einen herausragenden Platz einnehmen würden: Die Kundgebungen, Fabriksabotagen, Plünderungen von Lebensmittelläden wurden angeführt von Frauen, deren Söhne, Väter und Ehemänner an der Kriegsfront kämpften und starben. In diesem Kontext gab es einen scharfen Gegensatz zwischen der Einbeziehung der Frauen in die produktive Arbeit – selbst in Bereichen, die bis dahin ausschließlich Männern vorbehalten waren – und ihren fehlenden politischen Rechten.

Die relative Gleichstellung mit den Männern auf dem Arbeitsmarkt stand in krassem Widerspruch zu der Ungleichheit vor dem Gesetz, der sie unterlagen. So entstand die Forderung nach dem Wahlrecht für Frauen. Die Situation war einerseits von der sozialistischen Revolution in Russland beeinflusst, für die die Arbeiterinnen der zündende Funke waren. Andererseits ließen sich die bekanntesten Sektoren der Bewegung für das Frauenwahlrecht in Großbritannien in die Verteidigung der Nation einspannen und die internationalen Verbindungen der Bewegung zerbrachen.4

Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre entstand die Zweite Welle des Feminismus und stellte den Mythos des patriarchalen Kapitalismus infrage, dem zufolge das Öffentliche und das Private getrennte Sphären seien. Sie ging mit einem langen Jahrzehnt der Radikalisierung der Massen einher, mit dem Entstehen der sogenannten »Neuen Sozialen Bewegungen« wie der Studierenden- und Jugendbewegung, der sexuellen Revolution und der Black Power-Bewegung. Mit dem Vietnamkrieg, dem weitverbreiteten antiimperialistischen Empfinden und der Anti-Kriegs-Stimmung, die eine ganze Generation erfasste, sah der US-amerikanische Imperialismus seine hegemoniale Stellung gefährdet. Seine Offensive geriet ins Stocken, und seine Niederlage in Südostasien ermutigte die Befreiungskämpfe der kolonialisierten Völker wie auch die Kämpfe der Arbeiter*innenklasse und der Studierendenbewegung in der westlichen Hemisphäre. Gleichzeitig trugen die Massenaufstände in Osteuropa gegen politische und militärische Interventionen seitens der damaligen Sowjetunion zur Hinterfragung der Weltordnung bei.

Der Kapitalismus erlebte daraufhin eine neuerliche wirtschaftliche, soziale und politische Krise. Aber die herrschenden Klassen antworteten auf diesen revolutionären Aufschwung nicht mehr mit einem Weltkrieg, sondern mit der Ausweitung und Verstärkung der demokratischen kapitalistischen Regime. Dies erforderte die Zusammenarbeit mit den politischen und gewerkschaftlichen Führungen, die sich mit Pauken und Trompeten an die Wiederherstellung der bürgerlichen Ordnung machten und damit ihre Basis verrieten. Während die Mittelschicht und ein kleiner Sektor der lohnabhängigen Massen in das Konsumfest integriert wurden, versank die große Mehrheit in Armut, die nie dagewesene Ausmaße erreichte.

Die Preisgabe jeglicher revolutionärer Perspektive führte zu der Vorstellung, dass der Neoliberalismus alternativlos sei. Die sozialen Bewegungen wie der Feminismus wurden zu großen Teilen ebenfalls in die kapitalistischen Demokratien integriert. Einige Jahrzehnte lang eroberten die Frauen neue Rechte, während sie gleichzeitig die große Mehrheit der Prekarisierten, Migrant*innen, Armen und Ausgebeuteten darstellten.5

Unter der Peitsche des Kapitals traten die Frauen in den Arbeitsmarkt ein und wurden zu dem Sektor, der am stärksten ausgebeutet wird und unter den schlechtesten Bedingungen lebt und arbeitet. Jedoch veränderten sie damit das Gesicht der Arbeiter*innenklasse für immer. Heute stellen sie ungefähr 50 Prozent der weltweiten Arbeitskraft. Allein das fordert die alten gewerkschaftlichen Organisationen heraus, ebenso wie die Regierungen und Regime. Und diese soziale Kraft entwickelt sich in Gesellschaften, in denen die Geschlechter formell gleichgestellt sind; zumindest um einiges gleicher als zur Zeit der Ersten Welle des Feminismus. Es gibt heute nicht nur sehr viel weniger juristische Hürden für Frauen, es besteht auch die weitverbreitete Auffassung, dass Frauen Männern »nicht unterlegen« sind.

Durch die Integration von Frauen in die Institutionen des Regimes und die Schaffung einer Geschlechtertechnokratie, die Teil der Verwaltung des kapitalistischen Staates ist, oder durch den alternativen Weg eines Postfeminismus, der die liberale These der »Wahlfreiheit« des Individuums betont, wurde in den letzten Jahrzehnten die Illusion erschaffen, dass die Frauen den Feminismus nicht mehr bräuchten. Oder anders gesagt, dass der Kampf für ihre Rechte veraltet sei.

Dennoch tritt der Kontrast zwischen der »Gleichheit vor dem Gesetz« und der fortbestehenden »Ungleichheit im Leben« heute erneut zutage. Feminizide und andere Formen der Gewalt gegen Frauen durchziehen weiterhin alle Klassen und Länder. Prekarisierung betrifft Frauen nicht nur bei der Arbeit, sondern durchdringt jeden Aspekt ihres Lebens. Die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen hat sich in eine millionenschwere Industrie verwandelt, auch wenn eine kleine Minderheit die Ausübung der Prostitution als eine frei gewählte Arbeit verteidigt. Auch wenn Frauen für Lohn arbeiten, ist es ihnen nicht gelungen, sich von der patriarchal oktroyierten Verantwortung für die Reproduktionsarbeit, d. h. die unbezahlte Haus- und Sorgearbeit, zu befreien.

In diesen Widersprüchen können wir die Ursprünge für die neue internationale Welle der Frauenbewegung finden, die nicht zufällig die Sprache und die Formen der historischen Arbeiter*innenbewegung aufgreift, um ihren Kampf gegen das Kapital zu benennen: internationaler Frauenstreik. Dies ist logisch, wenn wir bedenken, dass die Hälfte der Klasse der Lohnarbeiter*innen Frauen sind und sie die Mehrheit in einigen Sektoren stellen, die wie der Dienstleistungssektor zuletzt außerordentlich gewachsen sind. Durch diese Millionen Frauen wurde am 8. März 2018, dem Internationalen Frauenkampftag, der Slogan populär: »Wenn unsere Leben nichts wert sind, dann produziert doch ohne uns.«

Weiter oben fragten wir, welche politische Bedeutung die massiven Mobilisierungen von Frauen und das zu beobachtende Wiederaufleben des Feminismus haben. Und ob diese neue Welle des Feminismus den Beginn eines neuen Prozesses der Radikalisierung der Massen und des Klassenkampfs ankündigt.

Derzeit versuchen reformistische und andere gemäßigte Strömungen, diese Welle zugunsten der Parteien des Regimes und gegen die politische Rechte zu nutzen. Diese Politik des bürgerlichen Regimes, die verhindern soll, dass der Feminismus eine Perspektive aufzeigt, die das Regime insgesamt in Frage stellt und die Grenzen des patriarchalen Kapitalismus überwindet, ist heterogen. Angefangen von der »Arbeiterpartei« (PT) Brasiliens, die die große Mobilisierung der Frauen gegen Bolsonaro in eine unkritische Unterstützung für ihren Kandidaten Fernando Haddad umlenken wollte; über die imperialistische Demokratische Partei in den USA, die bei den kürzlich stattgefundenen Zwischenwahlen Kandidaturen von Latinas, Muslimas, indigenen Frauen und lesbischen Frauen gefördert hat; bis hin zur argentinischen Ex-Präsidentin Cristina Kirchner, die derzeit die Opposition zur neoliberalen Regierung von Mauricio Macri anführt und der Frauenbewegung als einzig tragbare Option bei den nächsten Wahlen präsentiert wird.

Das Ergebnis können wir nicht vorhersehen. Die schönste Herausforderung liegt darin, dass die Geschichte uns die Möglichkeit schenkt, Einfluss auf ein lebendiges historisches, politisches, soziales und ideologisches Phänomen zu nehmen. Die radikalsten antikapitalistischen und kämpferischen Tendenzen gegen den Einfluss des Reformismus weiterzuentwickeln, um mit den breiten ausgebeuteten Massen zusammenzuströmen: Das ist die Perspektive, für die wir sozialistische Feministinnen der internationalen Strömung Pan y Rosas [Brot und Rosen] kämpfen. Denn eine Gesellschaft, die befreit ist von allen Formen der Ausbeutung und Unterdrückung, denen die Menschheit heute in ihrer übergroßen Mehrheit unterworfen ist, ist kein Wunsch, sondern eine dringende Notwendigkeit, damit das Leben lebenswert wird.

 

Andrea D’Atri

Buenos Aires, 7. November 2018

101. Jahrestag der Russischen Revolution

 

Vorwort zur argentinischen Neuausgabe von 2013

 

In der Bevölkerung, die vom Kapital zu einem Leben in Elend verurteilt ist, gibt es keine »Geschlechtergerechtigkeit«: Aktuell sind 70 Prozent der Ärmsten weltweit Frauen und Mädchen. Ihre Diskriminierung – wie die von Migrant*innen, nicht-heterosexuellen Menschen usw. – steht im deutlichen Widerspruch zu den in den letzten Jahrzehnten eroberten Rechten: In den Monaten vor Erscheinen dieser Neuausgabe bestürzten uns die Repression, die Vergewaltigungen und die Ermordung von Frauen in Ägypten und anderen nordafrikanischen Ländern6; wir wurden Zeuginnen des grausamen Anstiegs rassistischer Gewalt in Europa; erschüttert beobachteten wir die großen Mobilisierungen, die in einigen Ländern, angeführt von der katholischen Kirche und evangelikalen Gruppen, gegen die Ehe für Alle stattfanden7. Mit diesen brutalen Lektionen zeigt uns der Kapitalismus, dass wir zwar vorankommen und ein paar Rechte erobern können. Diese sind jedoch begrenzt in ihrer Reichweite und auf einen Teil der Bevölkerung, der sie tatsächlich auch ausüben kann, und beschränkt auf eine kurze Zeit, bis sie wieder zurückgenommen werden. Die weibliche Emanzipation, so wie die Emanzipation von anderen Formen der Unterdrückung, bleibt eine Schimäre, solange dieses soziale, politische und wirtschaftliche System weiterbesteht.

Ohne Frage hat sich im letzten Jahrhundert das Leben der Frauen ungleich stärker verändert als das der Männer. Aber einige Tatsachen brechen schonungslos mit dem Bild des »beständigen Fortschritts« hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit – ausgenommen vielleicht ein paar gesellschaftliche Sektoren in imperialistischen Ländern und wohlhabenden Halbkolonien. Wie wäre es vor dem Hintergrund der eroberten Rechte sonst zu verstehen, dass jedes Jahr zwischen 1,5 und drei Millionen Frauen und Mädchen zu Opfern sexistischer Gewalt werden? Oder dass sich die Prostitution – weit entfernt davon, die »freie und selbstbestimmte« Arbeit zu sein, als die sie in feministischen Räumen teilweise dargestellt wird – in eine riesige und enorm profitable Industrie verwandelt hat, was wiederum die Ausbreitung von Menschenhandelsnetzwerken weiter befördert? Zudem sterben trotz enormer wissenschaftlicher und technologischer Fortschritte jährlich 500.000 Frauen weltweit aufgrund von Komplikationen während Schwangerschaft und Entbindung. Jeden Tag sterben 500 Frauen nach illegalisierten Abtreibungen. Parallel dazu ist die Feminisierung der Arbeitskraft insbesondere in Lateinamerika exponentiell angestiegen, auf Kosten einer größer werdenden Prekarisierung.8 Deshalb trifft die globale Krise der vergangenen Jahre, anders als zu anderen Zeiten, auf eine Arbeiter*innenklasse, die weltweit zu 40 Prozent aus Frauen besteht. 50,5 Prozent dieser Arbeiterinnen arbeiten unter prekären Bedingungen. Zum ersten Mal in der Geschichte ist die städtische Beschäftigungsrate unter Frauen höher als die ländliche.

Wie wir sehen, stehen die eroberten Rechte – wozu auch die Legitimität gehört, die das Konzept der »Geschlechtergerechtigkeit« in den letzten Jahren erlangt hat – in scharfem Kontrast zum erschütternden Bild dieser Statistiken.

Auf der Suche nach einer Erklärung für diesen Widerspruch zeigt sich die US-amerikanische Feministin Nancy Fraser unzufrieden mit der folgenden weitverbreiteten These: »Oft heißt es nämlich, der relative Erfolg der Bewegung im Kampf um kulturelle Veränderungen stehe in scharfem Gegensatz zu ihrem relativen Scheitern im Hinblick auf echten institutionellen Wandel.«9 Diese untaugliche Bilanz, die dem Feminismus einen kulturellen Sieg und ein gewisses institutionelles Scheitern unterstellt, fordert Fraser mit einer neuen Hypothese heraus. Sie fragt sich, ob nicht eher Folgendes zutrifft: »Die kulturellen Veränderungen, die die Neue Frauenbewegung in Gang setzen konnte, dienten, so heilsam sie an sich sind, zugleich der Legitimation eines strukturellen Umbaus der kapitalistischen Gesellschaft, welcher feministischen Visionen einer gerechten Gesellschaft diametral zuwiderläuft.«10 Mit anderen Worten: Die Autorin erlaubt sich den Verdacht, dass Feminismus und Neoliberalismus verknüpft seien, sie hinterfragt die Vereinnahmung des Feminismus und seine Unterordnung unter die Agenda der Weltbank und anderer internationaler Institutionen. Der Verdacht scheint gerechtfertigt. Können wir nur auf eine begrenzte Emanzipation hoffen, beschränkt auf ein paar wenige Sektoren in bestimmen Ländern, die einige demokratische Rechte genießen – bei gleichzeitig zunehmenden brutalen Angriffen auf die große Mehrheit der Frauen weltweit?

Die vereinfachte Vision eines allmählichen und ununterbrochenen Fortschritts hin zu mehr Rechten hindert uns daran, die tiefgehenden Widersprüche zwischen den Protokollen, Erklärungen und internationalen Verträgen und dem Alltag von Millionen Frauen zu erklären. Sie sehen sich der uralten patriarchalen Gewalt ausgesetzt, die nicht nur von individuellen Männern ausgeübt wird, sondern auch von den Religionen, den staatlichen Institutionen und der herrschenden Klasse. Die Gesamtheit dieser Gewalt kristallisiert sich in einer frauenfeindlichen Kultur. Aber diese realen, »unlebbaren« Leben ganz ohne Widersprüche zu beschreiben, würde uns zum anderen Extrem einer einseitigen Sicht bringen, in der Frauen lediglich Opfer sind. Damit würden wir die lange Geschichte des kollektiven Kampfes unterschlagen, die verschiedenen Praktiken des Widerstands, die Theoretisierungen und die politischen und ideologischen Strömungen, die mit Fortschritten und Rückschritten Teilerfolge errungen haben.

Wenn dies die komplexe Perspektive ist, die in unserer Zeit nur noch komplexer wird: Was sollte sich der Feminismus als emanzipatorische Bewegung vornehmen, wenn er die soziale, politische und kulturelle Ungleichheit der Frauen unter der patriarchalen Herrschaft heute brandmarken und bekämpfen will? Und was hat der revolutionäre Marxismus dazu beizutragen?

Wie wir gezeigt haben, findet die aktuelle kapitalistische Krise erstmals in der Geschichte eine Arbeiter*innenklasse vor, die in höchstem Maß feminisiert ist und in der die Anzahl der Frauen auf dem städtischen Arbeitsmarkt die weibliche Arbeitskraft auf dem Land weit übersteigt. Diese Zusammensetzung der Arbeiter*innenklasse und die aktuelle »Schule« der kapitalistischen Krise eröffnen neue Möglichkeiten, die es in den vergangenen Jahrzehnten in dieser Form nicht gab: Unter diesen Umständen können breite Schichten der Arbeiter*innenklasse sich den Kampf für Frauenrechte und gegen Unterdrückung zu eigen machen. Vor uns liegt dann die Aufgabe, die Trennung zwischen der Arbeiter*innenklasse und den Emanzipationsbewegungen, die sich nach einer langen Geschichte gemeinsamer Kämpfe in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat, wieder aufzuheben. Auch wenn der Imperialismus neue Formen der Unterdrückung entwickelt hat und das Gewicht der Ketten schwer auf dem Leben der Frauen lastet und stetig zunimmt, können uns die Erfahrungen all jener Frauen inspirieren, die für eine Zukunft ohne Ausbeutung und Unterdrückung gekämpft haben. Dazu gehören die Erfahrungen der Frauen, die im 18. Jahrhundert den sogenannten »Mehlkrieg« anführten; die der Frauen aus den Armenvierteln von Paris, die während der Französischen Revolution an der Spitze des Kampfes standen; die der Kommunardinnen im Paris von 1871; die der Textilarbeiterinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts; die der Frauen in der Russischen Revolution; die der Frauen, die die Zeit zwischen den Weltkriegen erlebt haben; die derjenigen, die in den 70er Jahren eine Revolution auf den Straßen, in der Familie und in der eigenen Subjektivität anstrebten; und so viele weitere.

Dazu gehört auch, die Debatte zwischen Feminismus und Marxismus zu aktualisieren, ebenso wie die Debatte über das Verhältnis von Kapitalismus und Patriarchat, über die Subjekte der Emanzipation und über die Frage der Hegemonie. Entsteht erneut ein Feminismus, der sich nicht auf den intimen Rückzugsort individueller Befreiung beschränkt und auf einer radikalen antikapitalistischen Kritik aufbaut? Dabei geht es nicht nur um den Kampf gegen die verschiedenen Varianten der »Inklusion«, die letztlich reformistisch sind, auch wenn sie in den labyrinthischen Formen eines postmodernen Durcheinanders auftreten. Es geht auch darum, sich die besten Traditionen in der Geschichte des revolutionären Marxismus im Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen wiederanzueignen – gegen jeglichen ökonomistischen Reduktionismus oder opportunistischen Politizismus, wie sie für den Reformismus funktional sind.

Wir leben in einer Zeit der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krise, die in den verschiedenen Regionen des Planeten unterschiedlich intensiv und anders verläuft. Wie schaffen wir es, dass die »Ausweitung der Rechte« nicht zur ultimativen Strategie der Integration wird, sondern die eroberten Rechte zu einem Stützpfeiler für den radikalen Kampf um die Emanzipation der breiten Masse der Frauen werden? Wir hoffen, dass auf dem Weg des Kampfes der Frauen für ihre Befreiung und mit einer um Beiträge der feministischen Strömungen bereicherten marxistischen Kritik ein erneuerter sozialistischer Feminismus entstehen wird.

 

* * *

 

In den Kapiteln I, II und III entwickeln wir das, was wir als den Beginn des Feminismus als politische Bewegung der Frauen für ihre Emanzipation verstehen, vor dem Hintergrund der bürgerlichen Revolutionen. Außerdem zeichnen wir die Entwicklung der Arbeiter*innenbewegung und ihres Antagonismus zur herrschenden Klasse nach. Dies ist der Hintergrund für die Ausbildung einer bestimmten Sichtweise auf das Verhältnis von Klasse und Geschlecht. In Flora Tristán findet diese Sichtweise eine Vordenkerin innerhalb der sozialistischen Strömungen. In der vorliegenden überarbeiteten Ausgabe haben wir eine Analyse ihrer Ausarbeitungen hinzugefügt. Wir verstehen sie als Brücke zwischen den Theorien der französischen utopischen Sozialist*innen und denen des wissenschaftlichen Sozialismus von Marx und Engels.

Die Kapitel IV und V geben einen Überblick über die revolutionär-marxistischen Erfahrungen in der Organisierung von Arbeiterinnen und Sozialistinnen. Zunächst geht es um Clara Zetkin, eine wichtige Figur der Zweiten Internationale, die später, in den ersten Jahren der Dritten Internationale, auf ausdrücklichen Wunsch Lenins auch an der Organisation der sowjetischen Frauen mitwirkte. Danach behandeln wir den Sieg der proletarischen Revolution in Russland unter Führung der Bolschewiki, die gigantische Veränderungen im Leben der Frauen bewirkte. In dieser Ausgabe erweitern wir das Kapitel IV um einige Debatten, die innerhalb der SPD in Deutschland stattfanden. Insbesondere im Kapitel V, welches der Russischen Revolution gewidmet ist, gibt es dank der Lektüre von Wendy Goldmans Buch Women, the State and Revolution11 einige Zusätze. Außerdem ergänzen wir eine kurze Analyse der Ausarbeitungen der russischen Revolutionärin Alexandra Kollontai, die sich durch ihre Rolle in der Organisierung von Arbeiterinnen, ihr Engagement in der Regierung des ersten Arbeiter*innenstaats der Geschichte und ihre Ideen zu Liebe, Ehe und Familie auszeichnete.

Schließlich reflektieren wir im dritten Teil, der die Kapitel VI, VII und VIII umfasst, über die Zweite Welle der Frauenbewegung, die in der Hitze der Radikalisierung der 70er Jahre entstand. Sie ging einher mit langen Jahrzehnten der bürgerlichen Restauration, gegen die sich ein Teil der Bewegung zur Wehr setzte, während ein anderer sich anpasste. Die Jahrzehnte der bürgerlichen Restauration folgten auf die Niederlage der Mobilisierungen, Kämpfe und revolutionären Prozesse. Eine neue Lesart dieser Zeit des Neoliberalismus, die – wie bereits angedeutet – voller Widersprüche war, hat uns zu einer Überarbeitung und Erweiterung dieser Kapitel bewegt.

 

* * *

 

In Argentinien haben wir zwischen der Erstausgabe von Brot und Rosen im Jahr 2004 und dieser überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe fast ein ganzes Jahrzehnt erlebt, in dem sich der Diskurs der »Ausweitung von Rechten« als einzig mögliche Strategie etablierte. In diesen Jahren wäre es einfach gewesen, eine Position einzunehmen, die mit sektiererischem Dogmatismus jede relative Eroberung abgelehnt hätte, um sich so der allgemeinen Tendenz zu widersetzen, den Kampf für unsere Rechte in die Hände von öffentlicher Verwaltung, staatlichen Programmen und anerkannten Expert*innen zu legen. Eine Alternative wäre das Postulat gewesen, der Kampf für ein Leben ohne die Ketten der Unterdrückung und Ausbeutung, die uns heute fesseln, solle sich auf die Erlangung demokratischer Rechte und einiger grundlegender Reformen innerhalb dieses Herrschaftssystems beschränken – zweifellos hat sich die große Mehrheit der sozialen Bewegungen zu dieser Option verlocken lassen.

In diesen Jahren sind einige politische Reformen entweder vom Staat vorangetrieben oder von ihm eingefordert worden (wie die Ehe für Alle, das Gesetz zur Geschlechtsidentität usw.). Sie machten das Leben von Millionen von Menschen, die historisch zu einer Existenz voller Ungerechtigkeiten verurteilt waren, weniger dornig. In diesem Klima haben wir gegen den Strom und mit einer antikapitalistischen, sozialistischen und revolutionären Perspektive die Frauengruppierung Pan y Rosas (deutsch: Brot und Rosen) aufgebaut. Wir haben uns klassische Autor*innen wieder angeeignet und unsere politischen Grundlagen diskutiert; wir haben kreativ über die programmatischen Herausforderungen nachgedacht, vor die uns die neuen Realitäten des 21. Jahrhunderts stellen; wir haben unsere politische Praxis reflektiert, mit theoretischen und politischen Gegner*innen debattiert und im Licht der kollektiven Erfahrungen permanent alles hinterfragt, was uns vorher gesichert erschien.

Mehrere Generationen junger Studentinnen und Arbeiterinnen haben deshalb Anteil an den in diesem Buch zusammengefassten kollektiven Erarbeitungen. Unser Ziel ist es nun, dass neue Generationen, für die diese Neuausgabe gedacht ist, sie wie ein Werkzeug des Kampfes in ihre Hände nehmen. Wie bei der Erstausgabe gilt auch hier: Viele interessante Themen wurden außen vor gelassen, andere verdienten eine Erweiterung und größere Vertiefung. Ich bin weder Historikerin noch professionelle Schriftstellerin. Mich leitet der Wunsch, mit diesem kleinen Sandkorn einen Beitrag zum Kampf der Frauen für ihre Befreiung zu leisten. Meine Erwartungen sind mehr als erfüllt, wenn nach der Lektüre die grundlegenden Autorinnen des Marxismus und Feminismus neu gelesen, ihre Ausarbeitungen unter den Vorzeichen unserer Zeit neu gedacht werden – mit dem Ziel, gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu kämpfen, für eine Gesellschaft, die wahrhaft von den Ketten befreit ist, die die überwältigende Mehrheit der Menschheit heute fesseln.

 

Andrea D’Atri

Buenos Aires, September 2013

Einleitung

 

Während sich ein Teil des Feminismus individualistisch und bequem auf dem Sofa sitzend fragt: »Wer bin ich?«, sucht ein anderer Teil fleißig nach den nötigen Referenzen für die Fußnoten, die der eigenen Arbeit Glaubwürdigkeit verleihen sollen […]. Und gleichzeitig existiert eine Welt voller Armut: Millionen Menschen werden als Frauen in ein Gesellschaftsmodell hineingeboren, das ihnen eine Wiege voller Dornen bereitet.

Victoria Sau Sánchez

 

Klasse und Geschlecht

Auch heute noch begehen wir an jedem 8. März den Internationalen Frauenkampftag. Aber für die große Mehrheit bleibt zwischen all der Werbung für Blumen und Pralinen der Ursprung dieses Gedenktages verborgen. Er liegt unter anderem in einem Protest, der von Arbeiterinnen des 19. Jahrhunderts organisiert wurde, um ihre Rechte einzufordern: Am 8. März 1857 streiken die Arbeiterinnen einer Textilfabrik in New York gegen die anstrengenden 12-Stunden-Tage und die miserablen Löhne. Sie werden von der Polizei angegriffen.

Ein halbes Jahrhundert später, im März 1909, verbrennen 140 junge Frauen qualvoll in einer Textilfabrik, in der sie unter unmenschlichen Bedingungen eingeschlossen arbeiten. Im gleichen Jahr streiken 30.000 New Yorker Textilarbeiterinnen trotz heftiger Repression durch die Polizei. Dennoch erlangen sie die Unterstützung der Studierenden, der Suffragetten12, der Sozialist*innen und anderer gesellschaftlicher Sektoren.

Einige Jahre später, zu Beginn des Jahres 1912, beginnt in Lawrence, Massachusetts ein Streik, der unter dem Namen Brot und Rosen bekannt werden sollte. Die Textilarbeiterinnen, die ihn anführen, bündeln unter diesem Slogan ihre Forderungen nach Lohnerhöhungen und besseren Lebensbedingungen. Um die Teilnahme der Arbeiterinnen am Kampf zu erleichtern, richtet die Streikversammlung eine gemeinschaftliche Kinderbetreuung und Gemeinschaftsküchen ein. Die Gewerkschaft Industrial Workers of the World organisiert Versammlungen der Kinder, um mit ihnen zu diskutieren, warum ihre Väter und Mütter im Ausstand sind. Nach einigen Tagen Arbeitskampf werden die Kinder in andere Städte geschickt. Dort sollen sie von Familien versorgt werden, die sich mit dem Kampf der Arbeiter*innen solidarisieren. In einem ersten Zug fahren 120 Kinder. Als der zweite Zug losfahren soll, greift die Polizei die Kinder und die sie begleitenden Frauen an. Dadurch gelangt der Konflikt landesweit in die Tageszeitungen und ins Parlament. Die Solidarität mit den Streikenden wächst noch weiter.

Aber schon zwei Jahre zuvor, im Jahr 1910, schlägt die Deutsche Clara Zetkin13 dem Zweiten Internationalen Kongress Sozialistischer Frauen in Kopenhagen vor, in Erinnerung an die proletarischen Frauen und ihre Kämpfe gegen die kapitalistische Ausbeutung jedes Jahr im März den »Internationalen Frauentag« zu begehen.

Bei dieser Konferenz im August 1910 diskutieren sozialistische Frauen aus verschiedenen europäischen Ländern über den Kampf für das Frauenwahlrecht und den Mutterschutz. Sie stellen sich auch die Frage, wie die Beziehungen zwischen Sozialistinnen weltweit aussehen sollen. Letztlich beschließen sie unter anderem, gemeinsam für den 8-Stunden-Tag und für den Mutterschaftsurlaub von 16 Wochen zu kämpfen. Die deutschen Delegierten bringen eine Resolution zum Frauenkampftag ein, die einstimmig beschlossen wird: »Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. Die Forderung muss in ihrem Zusammenhang mit der ganzen Frauenfrage der sozialistischen Auffassung gemäß beleuchtet werden. Der Frauentag muss einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten.«14

In den folgenden Jahren wird der Internationale Frauenkampftag in verschiedenen Ländern begangen, allerdings noch an unterschiedlichen Tagen im März. Erst 1914 einigen sich die deutschen, russischen und schwedischen Sozialistinnen darauf, ihn auf den 8. März festzulegen. Bei diesem Datum bleibt es schließlich. Denn am 8. März 1917 – im Februar 1917 nach dem damaligen russischen Kalender – begehen ihn die Fabrikarbeiterinnen Sankt Petersburgs. Sie gehen auf die Straße und fordern »Brot, Frieden und Freiheit«. Damit markieren sie den Anfangspunkt der größten Revolution des 20. Jahrhunderts, die im Oktober des gleichen Jahres mit der Übernahme der Macht durch die Arbeiter*innenklasse enden sollte.15

Wie wir gesehen haben, verbindet der Internationale Frauenkampftag seit seiner Entstehung die Zugehörigkeit zu Klasse und Geschlecht – eine doppelte Zugehörigkeit, über die mehr als ein Jahrhundert später Marxist*innen und Frauenbewegung immer noch diskutieren.

 

Unterdrückung und Ausbeutung

Für uns revolutionäre Marxist*innen ist die Frage der Frauenunterdrückung eingeschrieben in die Geschichte der Klassenkämpfe. Deshalb ist unsere theoretische Position dieselbe wie unsere Position im Kampf: Wir stehen auf der Seite derer, die vom kapitalistischen System ausgebeutet und unterdrückt werden. Wir tun dies aus der Perspektive des historischen16 und dialektischen17Materialismus, weil er uns das Werkzeug liefert, diese Welt zu verstehen und zu verändern.

Einige Expertinnen der Geschlechterforschung betonen, dass es »absolut notwendig ist, eine Klassenanalyse der Geschichte des Feminismus anzustreben«. Für sie ist »der bürgerliche Feminismus Ausdruck des Bewusstseins der bürgerlichen Frau über ihre Unterdrückung. Er strebt nach Gleichheit mit dem Mann auf politischer, gesetzlicher und wirtschaftlicher Ebene, im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft. Der proletarische Feminismus hingegen zielt auf die Überwindung der sozialen Unterordnung in einer klassenlosen Gesellschaft. Wie dies zu erreichen ist, hängt von der jeweiligen politischen Zugehörigkeit ab, sei sie sozialistisch, anarchistisch oder kommunistisch.«18 Auch andere Autorinnen weisen in ihrer Analyse der Frauenunterdrückung auf diese Klassenunterschiede hin: »Zwar werden alle Frauen in praktisch allen gegenwärtigen Gesellschaften durch das patriarchale System unterdrückt, doch nicht immer aus den gleichen Gründen. Außerdem, das sei hervorgehoben, gibt es Unterdrückte, die selbst unterdrücken.«19

Aus unserer marxistischen Perspektive ist Ausbeutung ein Verhältnis zwischen Klassen. Sie bezieht sich auf die Aneignung des Produkts der Mehrarbeit20 der Arbeiter*innenmassen durch diejenige Klasse, die über Privatbesitz an Produktionsmitteln verfügt. Es handelt sich also um eine Kategorie, die in der ökonomischen Struktur der Gesellschaft verankert ist. Diejenigen, die ausgebeutet werden, bilden eine soziale Klasse – die Arbeiter*innenklasse – und diejenigen, die ausbeuten, eine andere – die Kapitalist*innenklasse oder auch Bourgeoisie genannt. Unterdrückung wiederum können wir definieren als ein Verhältnis der Unterwerfung einer Gruppe durch eine andere, basierend auf kulturellen, rassifizierten oder sexuellen Merkmalen. Die Kategorie der Unterdrückung bezieht sich also auf die Ausnutzung von Ungleichheit, um eine bestimmte Gruppe zu benachteiligen: Unterschiede werden zur Legitimation für die Herrschaft einer sozialen Gruppe über eine andere.

Wir können feststellen, dass Frauen verschiedenen sozialen Klassen angehören, die sich im Widerspruch zueinander befinden. Sie bilden keine eigene Klasse, sondern sind eine klassenübergreifende Gruppe. Ausbeutung und Unterdrückung verknüpfen sich in dieser Gruppe auf unterschiedliche Weise. Die Klassenzugehörigkeit einer Person bestimmt die Form ihrer Unterdrückung. So gibt es zwar Gesetze, die die körperliche Selbstbestimmung aller Frauen einschränken, zum Beispiel durch Abtreibungsverbote. Aber in der Realität haben manche Frauen besseren Zugang zu illegalisierten Praktiken und können besser auf mögliche Komplikationen reagieren. So haben einige aufgrund ihrer ökonomischen und sozialen Position und ihres Bildungsniveaus Zugang zu Abtreibungen unter hygienischen Bedingungen. Andere haben diesen Zugang nicht und verbluten oder sterben nach dem Eingriff an Infektionen. Sie werden Opfer einer patriarchalen Ordnung mit einem gnadenlosen kapitalistischen Antlitz.

Es leiden also alle Frauen unter Diskriminierungen in Bezug auf ihre Rechte, ihre Bildungschancen und ihren Zugang zu kulturellen, politischen und ökonomischen Ressourcen. Dennoch gibt es zwischen ihnen klare Klassenunterschiede. Diese prägen auf vielfältige Weise nicht nur das subjektive Erleben der Unterdrückung, sondern auch grundsätzlich die objektiven Möglichkeiten, sich gegen die Unterdrückung zu wehren und diese Diskriminierungen zumindest teilweise zu überwinden.

 

Das Geschlecht eint uns, die Klasse trennt uns

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erscheint es gesellschaftlich anerkannt und »politisch korrekt«, für Frauenrechte zu kämpfen. Das geht so weit, dass die meisten Regierungen der Welt auf verschiedenen institutionellen Niveaus Posten für Staatssekretär*innen, Arbeitsgruppen, Programme und internationale Institutionen eingerichtet haben, die sich mit Fragen der Geschlechtergerechtigkeit befassen.

Denn es gibt unleugbare Tatsachen, die die Ungleichbehandlung von Frauen widerspiegeln: So gibt es die »gläserne Decke«, die Tatsache also, dass Frauen in Universitäten und allen anderen Arbeitsbereichen nicht im gleichen Ausmaß wie Männer Spitzenpositionen besetzen, selbst wenn sie die gleichen Qualifikationen und Fähigkeiten mitbringen. Außerdem ist bekannt, dass in den meisten Ländern auf allen Kontinenten Frauen nur 60 bis 70 Prozent von dem verdienen, was Männer verdienen, teils sogar für die gleiche Arbeit.

Die Unterdrückung von Frauen zeigt sich auf unterschiedliche Weise in allen sozialen Klassen. Aber die Hälfte der Menschheit verteilt sich nicht gleichmäßig auf die verschiedenen Klassen: Wir Frauen sind die Mehrheit der Ausgebeuteten und Armen dieser Welt und bilden nur eine verschwindend kleine Minderheit unter den mächtigen Eigentümer*innen multinationaler Unternehmen. Diese sind es, die uns zu Ausbeutung und Armut verurteilen. Auch wenn Frauen etwas mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, sind 70 Prozent der 1,3 Milliarden Armen des Planeten Frauen. Andererseits befindet sich nur ein Prozent des weltweiten Privatbesitzes in den Händen von Frauen.

Wenn wir die doppelten, dreifachen und vielfachen Ketten aufzeigen, die die arbeitenden Frauen – seien sie Arbeiterinnen, Angestellte, Bäuerinnen oder Arbeitslose – fesseln, wollen wir damit nicht die Unterdrückung verschleiern, die die Hälfte der Menschheit unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit erleidet. Im Gegenteil: Wir schlagen eine Klassenperspektive vor, weil wir davon ausgehen, dass die Unterdrückung aller Frauen durch ein System »Legitimität« erhält, welches auf der Ausbeutung der großen Mehrheit durch eine kleine Minderheit parasitärer Kapitalist*innen basiert. Die Aufrechterhaltung von Hierarchien und Ungleichheiten ist fundamentaler Bestandteil seiner Funktionsweise. Die verschiedenen Spaltungen und Fragmentierungen erlauben es überhaupt erst, die grausamste Hierarchisierung aufrechtzuerhalten. Eine Hierarchisierung, die Millionen Menschen dazu verurteilt, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, damit einige wenige ihren wachsenden Durst nach Gewinnen befriedigen können.

Wenn die verschiedenen Formen der Unterdrückung aufgrund des Geschlechts nicht mit der Klassenzugehörigkeit zusammenhängen würden, wie wäre es dann zu erklären, dass einige Frauen im Ranking der Multimillionär*innen der Zeitschrift Forbes auftauchen oder auf so wichtige Posten wie den der Präsidentin gelangen, während 60 Millionen Mädchen immer noch keinen Zugang zu Schulen haben?

Das 20. Jahrhundert hat Präsidentinnen und Premierministerinnen gesehen, weibliche Regierungsmitglieder, Soldatinnen und Offizierinnen, erfolgreiche Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und Sportlerinnen, Unternehmerinnen und Akademikerinnen. Es war außerdem das Jahrhundert von Antibabypille, Minirock, Jeanshose, Unisex-Mode und der Elektrogeräte für den Haushalt. Aber vergessen wir nicht, dass das 20. Jahrhundert auch Zeuge von jährlich 20 Millionen heimlichen Abtreibungen war. Ebenso war es das Jahrhundert der Vergewaltigung und Ermordung von Millionen Frauen durch »ethnische Säuberungen«. Es war eine Zeit, in der Millionen von Frauen arbeitslos waren und unterhalb der Armutsschwelle leben mussten.

Eine dreißigjährige Frau kann also einerseits als Offizierin in den gemeinsamen NATO-Streitkräften mit dem »gleichen« Recht wie ein Mann Halbkolonien21 bombardieren. Unterdessen kann eine andere Frau im gleichen Alter in einem afrikanischen Dorf aufgrund von AIDS sterben. Ist es da nicht widersprüchlich und sogar zynisch, von Fortschritt für Frauen im Allgemeinen zu sprechen? Sollten wir nicht von verschiedenen Frauen reden? Sind die Leben von Unternehmerinnen und Arbeiterinnen, von Frauen in den imperialistischen Ländern und denen in den Halbkolonien, von weißen Frauen und Schwarzen Frauen, von Migrantinnen und Geflüchteten etwa alle gleich? Davon auszugehen, dass es, nur weil sie Frauen sind, etwas gibt, das die britische Königin mit den arbeitslosen Engländerinnen verbindet, die argentinische Präsidentin mit den einfachen Hausangestellten, die berühmte Sängerin mit den Arbeiterinnen in den mexikanischen Maquiladoras, bedeutet letztlich, selbst dem biologischen Reduktionismus22 der patriarchalen Ideologie zu verfallen, den wir Feministinnen zu Recht entschieden kritisieren. Wenn wir so über Geschlecht sprechen, ist es nur noch eine abstrakte Kategorie, sinnentleert und nicht mehr brauchbar für die Transformation, die wir eigentlich anstreben.

 

Kapitalismus und Patriarchat: eine glückliche Ehe

Viele Feministinnen stellen sich heute diese Fragen. Einige vertreten sogar die Ansicht, dass ein klassenbewusster Feminismus die Probleme, mit denen Frauen konfrontiert sind, hierarchisieren und unterschiedlich bewerten sollte. Sie sagen, dass nicht nur das patriarchale System verurteilt werden muss, sondern ebenso die Weltbank und der Internationale Währungsfonds, da sie für die wachsende Armut und die Kürzungen der öffentlichen Dienstleistungen verantwortlich sind. Sie fügen hinzu, dass die beste Unterstützung, die Feministinnen den Frauen der »Dritten Welt« anbieten können, darin bestehe, aus einer offen antiimperialistischen Haltung heraus die »humanitären« Interventionen anzuprangern, die lediglich den Interessen der imperialistischen Mächte dienen.23

Wir gehen weiterhin davon aus, dass Frauenunterdrückung, auch wenn sie nicht erst mit dem Kapitalismus entsteht, unter dieser Produktionsweise bestimmte Eigenschaften erhält, die sie zu einem unverzichtbaren Verbündeten für die Ausbeutung und die Aufrechterhaltung des Status quo macht.

Der Kapitalismus basiert auf der Ausbeutung und Unterdrückung von Millionen von Menschen auf dem ganzen Planeten und unterwirft zwecks Ausweitung seiner Märkte nicht nur ganze Völker, sondern auch unberührtes Land und unwirtliche Gegenden. Er hat Frauen und Kinder in seine Maschinerie der Ausbeutung integriert. Und wenn er Millionen von Frauen auf den Arbeitsmarkt getrieben und damit den rückständigen Mythos zerstört hat, der Frauen ausschließlich auf ihre Rolle im Privathaushalt festlegte, dann nur, um sie doppelt auszubeuten, mit niedrigeren Löhnen als die der Männer. Auf diese Weise drückt er gleichzeitig die Löhne aller Arbeiter*innen.

Der Kapitalismus hat durch den technischen Fortschritt die Industrialisierung ermöglicht und damit auch die Voraussetzungen für die Vergesellschaftung der Hausarbeit geschaffen. Aber in der unbezahlten Hausarbeit liegt ein Teil der Profite der Kapitalist*innen. Die unbezahlte Hausarbeit entbindet die Kapitalist*innen davon, die Arbeiter*innen für einen Teil derjenigen Aufgaben zu bezahlen, die für ihre eigene Reproduktion als Arbeitskraft notwendig sind (Nahrungszubereitung, Kleiderpflege etc.). Die patriarchale Kultur aufrechtzuerhalten, der zufolge die Arbeit im Haushalt »natürliche« Aufgabe der Frauen ist, erlaubt es, diesen »Raub« durch die Kapitalist*innen unsichtbar zu machen. Dadurch wird auch die Hausarbeit, die vor allem auf Frauen und Mädchen zurückfällt, unsichtbar gemacht.

Und auch wenn im Kapitalismus die wissenschaftlichen, medizinischen und sanitären Bedingungen geschaffen wurden, die uns Frauen ermöglichen könnten, über unsere Körper frei zu entscheiden, wird uns dieses Recht immer noch verweigert. Die Entwicklung von Methoden zur Empfängnisverhütung, wie Antibabypille, Spirale und Sterilisation, und auch von Möglichkeiten, unter hygienischen Bedingungen und ohne gesundheitliche Folgen abzutreiben, hat eine neue Realität geschaffen. Wenn wir Frauen über unseren Körper trotzdem nicht frei entscheiden können, nicht entscheiden können, ob und wann und wie viele Kinder wir haben wollen, liegt das daran, dass Kirche und kapitalistischer Staat sich weiterhin in unsere Leben einmischen. Abtreibung hat sich zu einem äußerst rentablen Geschäft für eine Reihe von Spezialist*innen, Laboratorien und die mafiös organisierte Polizei entwickelt. Außerdem bringt die Möglichkeit, Fortpflanzung und Vergnügen voneinander zu trennen, eine Freiheit mit sich, die die Interessen der herrschenden Klasse bedroht. Zu hinterfragen, dass Mutterschaft der einzige Weg zur Selbstverwirklichung von Frauen ist, zu hinterfragen, dass Sexualität allein der Fortpflanzung dient und einzig als heterosexueller Sex verstanden werden kann, gefährdet die Normen, mit denen das System unsere Körper reguliert. Diese Körper, die das Ausbeutungssystem nur als Arbeitskraft wahrnimmt, als Körper, die Schönheitsidealen unterworfen werden müssen, entfremdete und abgespaltene Körper, die in eine weitere Ware in der Welt der Waren verwandelt werden.

 

Frauenkämpfe und Klassenkämpfe

Aber mit der Herausbildung und Entwicklung des Kapitalismus verstärkt sich nicht nur die Ausbeutung und Unterdrückung der Frauen, es kommt auch zu wichtigen Veränderungen im Widerstand und Kampf der Frauen gegen diese Ketten. Ende des 18. Jahrhunderts entsteht im Zuge der bürgerlichen Revolutionen der Feminismus als soziale Bewegung sowie theoretische, ideologische und politische Strömung. Diese Bewegung durchläuft das 19. und 20. Jahrhundert und nimmt dabei bis zum heutigen Tag mannigfaltige Formen an. Der Feminismus bringt die verschiedensten theoretischen Strömungen hervor, mit einer diversen Praxis und unterschiedlichen Erfahrungen der Organisation.

Fast seit seinem Beginn, als sich der Kapitalismus entwickelte und eine antagonistisch zur herrschenden Bourgeoisie stehende mächtige Arbeiter*innenklasse entstand, durchzieht den Feminismus (und auch die Debatte gegen ihn) eine zentrale Frage. Es ist die Frage nach dem Widerspruch, den das kapitalistische System für die Frauen enthält und dem in diesem Buch unser Interesse gilt. Die Marxistin Evelyn Reed24 fasst ihn mit dieser Frage zusammen: »Geschlecht gegen Geschlecht oder Klasse gegen Klasse?«

Wir revolutionäre Marxist*innen vertreten weiterhin die Position, dass der Klassenkampf der Motor der Geschichte und die Arbeiter*innenklasse das zentrale Subjekt der sozialen Revolution ist, die uns von der Lohnsklaverei und jeglicher Form der Unterdrückung befreien wird. Die Arbeiter*innenklasse kann dabei die verarmten Massen und alle Unterdrückten als Verbündete anführen. Sie kann den Kapitalismus in seinem Herzen angreifen, seine Mechanismen der Aneignung und Plünderung blockieren und seine gegen die Ausgebeuteten und Unterdrückten gerichtete Kriegsmaschinerie zerstören. Heute befinden sich Millionen Frauen in den Reihen dieser Klasse. Das Kapital produziert diesen und noch viele andere Widersprüche. Die Bourgeoisie produziert permanent aufs Neue ihre eigenen Totengräber*innen. Wir sind überzeugt, dass in den zukünftigen Kämpfen für die vollkommene Zerschlagung der ausbeutenden Klasse die Frauen der Arbeiter*innenklasse eine wesentliche Rolle spielen werden.

 

Kapitel I. Getreideaufstände und bürgerliche Rechte

 

Frau, erwache; die Sturmglocke der Vernunft

verschafft sich auf der ganzen Welt Gehör;

erkenne deine Rechte.

Olympe de Gouges

 

Brot, Kanonen und Revolution

Eine Reihe von Bauernaufständen durchzieht Europa in einer Epoche, die durch den Kampf gegen den Feudalismus und die Festigung der Bourgeoisie als herrschender Klasse geprägt ist. Seit dem 16. Jahrhundert kommt es ununterbrochen zu Revolten. Sie enden erst mit der Konstituierung der modernen Nationalstaaten im 19. Jahrhundert. Frauen sind oft wichtige Protagonistinnen oder sogar Anführerinnen dieser Rebellionen, bei denen die aufständischen Massen häufig auch Gewalt anwenden.