Bruchzeiten - Marina Chernivsky - E-Book

Bruchzeiten E-Book

Marina Chernivsky

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Beschreibung

Eine berührende literarische Reflexion über jüdische Erinnerung und Gegenwart: Die Psychologin Marina Chernivsky beschreibt, warum der 7. Oktober 2023 für die jüdische Gemeinschaft einen tiefen Bruch darstellt, der durch soziale Kälte und Antisemitismus noch vertieft wird. Sie schreibt von Zeiten, die nicht vergehen, und Orten, die nachleben. In einer bildhaften Sprache schildert sie, wie die Vergangenheit fortwirkt und welche Herausforderungen die Gegenwart mit sich bringt. Mit Bruchzeiten legt sie ein Buch vor, das autobiographische Erzählungen mit gesellschaftlichen Beobachtungen verwebt. Ein eindringliches Porträt über das Leben in einer Welt, die in Fragmente zerfallen ist und nur aus ihren Bruchstellen heraus verstanden werden kann. Durch den 7. Oktober, so schreibt sie, ist Juden vor Augen geführt worden, was es bedeutet, wenn Hetze, Häme und Opfer-Täter-Umkehr unwidersprochen bleiben.

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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Marina Chernivsky

Bruchzeiten

Leben nach dem 7. Oktober

 

 

Über dieses Buch

 

 

»Durch den 7. Oktober ist Juden vor Augen geführt worden, was das bedeutet, wenn Hetze, Häme, Opfer-Täter-Umkehr unwidersprochen bleiben. Wir verstehen zunehmend, wie historisch diese Zeiten sind.« Marina Chernivsky

Der 7. Oktober 2023 stellt für die jüdische Gemeinschaft eine tiefe Bruchstelle dar, die durch soziale Kälte und Antisemitismus noch vertieft wird. Marina Chernivsky schreibt von Zeiten, die nicht vergehen, und Orten, die nachleben. Dabei verwebt sie autobiographische Erzählungen mit gesellschaftlichen Beobachtungen. Sie schildert, wie die Vergangenheit fortwirkt und welche Herausforderungen die Gegenwart mit sich bringt. Ein eindringliches Porträt über das Leben in einer Welt, die mit dem 7. Oktober in Fragmente zerfallen ist, und eine berührende literarische Reflexion über jüdische Erinnerung und Gegenwart. 

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Marina Chernivsky wuchs in L’viv und Israel auf und kam 2001 als Studentin nach Berlin. Die Psychologin und Verhaltenswissenschaftlerin leitet das von ihr gegründete Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung in Trägerschaft der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland sowie die bundesweit tätige Beratungsstelle OFEK e.V., die sie 2017 ins Leben rief. Nach dem 7. Oktober 2023 gründete sie das Projekt KOLOT (Stimmen), das jüdische Perspektiven auf Gewalt, Trauma und Erinnerung audiovisuell sichtbar macht.

Sie ist eine viel gefragte Expertin und prägende Stimme im Umgang mit Antisemitismus in der Gegenwartsgesellschaft, Mitherausgeberin der Zeitschrift »Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart« und Autorin zahlreicher fachwissenschaftlicher Publikationen.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2025 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

Coverabbildung: Katja Lang, way home, Aquarell

Covergestaltung: Suse Kopp, Hamburg

ISBN 978-3-10-492249-2

 

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Inhalt

[Motto]

[Widmung]

Prolog פתח דבר

Abschiede פרידות

Neuanfänge התחלות

Ängste חרדות

Pogrom טבח – погром

Dazwischen מצב ביניים

7. Oktober: dokumentierte Massaker טבח מתועד

Zwischen den Kriegen בין המלחמות

Zur Veröffentlichung freigegeben הותר לפרסום

Zwischen Generationen בין הדורות

Gleichzeitigkeiten בו־זמנית

Alles Trauma? ?הכל רק טראומה

Epilog אפילוג

L. sagt, sie würde gern einmal in meine Kindheit sehen können. Eine Zeitreisende möchte sie sein. Eine Zeitreisende bin ich auch. A. schreibt, dass nur das, was er selbst gesehen hat, in seinem Kopf bleibt. Er glaubt, der Wind trage die Erinnerung zu den Menschen, die dabei waren. Wenn es niemanden gibt, der dabei war und dem Wind folgt, vergisst der Kopf, und die Erinnerung verblasst. Die Geschichte ist gegenwärtig, solange sie in den Menschen lebt.

In Gedenken an meine Großeltern Lia, Abraham, Ella und Josef

April 2025

Prolog פתח דבר

Ich lebe, werde älter, meine Vergangenheit wird immer länger, die Zukunft kürzer. Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine angriff, wusste ich, dass etwas Großes geschehen ist. Da hat ein Land einem anderen Land den Krieg erklärt und damit auch meine Sprache angegriffen. Ohne die Sprache herrscht die Begriffslosigkeit. Die große soziale Resonanz auf dieses Ereignis half mir dabei, das Verstummen zu überwinden und die zerbrochene Zeitlichkeit zurückzuerlangen, wenn auch mühsam. Am 7. Oktober 2023 zerbrach die Zeit erneut. Seither bleibt der Alltag ein fragiles Konstrukt. Ich gebe mich der Illusion hin, den Lauf der Dinge zu beherrschen. Aber wie soll das von Erfolg gekrönt sein, wenn die Gewalt von außen in das eigene Leben eindringt und dabei von anderen missdeutet, missverstanden, die Anerkennung ihrer Existenz verweigert wird?

Am und rund um den 7. Oktober sind in Israel Massaker verübt worden, wie es sie seit der Shoah nicht gegeben hat. Einige von uns haben dieser Gewalt von hier, aus Deutschland, beigewohnt, ein neuer, überwältigender Anblick des Grauens. Der 7. Oktober hat Juden[1] vor Augen geführt, was es bedeutet, verfolgt und vernichtet zu werden, nicht zuletzt mit Beihilfe von hetzenden, nicht fragenden, schweigenden, zweifelnden Anderen, die den Mord an Juden feiern, antisemitische Petitionen unterschreiben, Plakate mit Porträts der Geiseln von den Wänden reißen, sich dem Mob schweigsam, aber zustimmend anschließen. Selbst das passive Erleben dieser jüngsten Gewaltsamkeit triggert die tiefste jüdische Erfahrung der Schutzlosigkeit. Ich denke in Szenen und Momenten, nicht wie sonst in Lebensjahren, verliere mich zwischen den Ländern und Sprachen. Meine Gedanken in diesem Buch folgen keiner zeitlichen oder räumlichen Ordnung, keiner biographischen Chronologie, es sind Erinnerungsfragmente, die zwischen Zeit und Raum wechseln, die nach dem 7. Oktober immer mal hochkommen, um sich dann wieder zu verflüchtigen. Der Oktober 2023 ist verfrüht historisch geworden. Irgendwo zwischen dem Davor und dem Danach liegt die Unverfügbarkeit der eigenen Erfahrung, auch für jene, die nicht unmittelbar von den Angriffen und Massakern betroffen waren. Unsere individuellen Werdegänge sind stets eingewoben in etwas Größeres – doch derzeit wird das Kollektive besonders bedeutsam.

Es fühlt sich an, als würden wir zu Mitlebenden einer Zeit, in der das Eis des Arrangements mit jedem Schritt und Tritt einen weiteren Riss bekommt. Einer Zeit, in der die materielle Beweisführung wieder einmal nicht fruchtet und die Zeugenschaft abgewehrt wird. Die Täter haben ihre Taten aufgenommen und gestreamt. Sie dokumentierten, wie sie mordeten. Die Bilder verbreiteten sich schneller als die Worte, und dennoch wurden sie unmittelbar danach angefochten und in Zweifel gezogen. Anfangs gab es Zuspruch. Manche schauten aber nur hin, um danach wieder wegzuschauen. Langsam verblasste das Ereignis. Kaum hatten Überlebende gesprochen, wurden sie verhöhnt, ihre Stimmen als Propaganda diffamiert. Einschlägige forensische Analysen – mitunter Beweise für Vergewaltigungen – trafen auf eine Wand aus Misstrauen, Skepsis und Schweigen.[2] Selbst nach diesem gezielt gewaltsamen Verbrechen gab es in Deutschland kaum unterstützende Demonstrationen, nur wenige öffentliche Solidaritätsbekundungen, nur wenige (nicht von den Gemeinden selbst organisierte) Spendenaufrufe. Der Mord an Juden wurde teils bejubelt, teils verurteilt, teils sprachlich umschifft. Wovon es viel gab, waren antisemitische Versammlungen, Aufrufe zu Angriffen auf jüdische Einrichtungen, Markierungen von Wohnungen und Häusern. Nicht nur die brutalen Morde, auch die darauffolgende soziale Apathie hat uns erneut vor Augen geführt, was es bedeutet, wenn Hetze, Häme und Täter-Opfer-Umkehr unwidersprochen bleiben. Wir verstehen immer besser, wie historisch diese Zeiten sind.

Der Historiker Dan Diner schrieb wenige Tage nach dem 7. Oktober, die Hamas habe Israelis den Vernichtungstod in Aussicht gestellt.[3] Das bedeutet, dass die Israelis, oder auch Juden, nicht nur als Individuen, sondern als kollektives Subjekt gemeint und zur Auslöschung bestimmt sind. Der 7. Oktober hat etwas sichtbar gemacht, das viele von uns überwunden, kontrollierbar oder fern geglaubt hatten. Eine Bedrohung, die nicht neu ist, aber in dieser extremen Form lange nicht gespürt wurde. Der unverhohlen artikulierte Auslöschungswunsch hat die jüdische Gemeinschaft in die Position der Zeugenschaft versetzt. Ungeachtet der Vehemenz der Angriffe herrscht aber allenthalben Teilnahmslosigkeit gegenüber dieser spezifisch jüdischen Erfahrung. Es scheint noch nicht einmal in diesem so eindeutigen Fall möglich, den genozidalen Terror gegen Juden in seiner zivilisatorischen Bedeutung zu verstehen und sich mit allen Opfern des darauffolgenden Krieges solidarisch zu fühlen. Die Empathie für Juden ist an äußere Bedingungen geknüpft. Es herrscht die Unentschiedenheit, die Uneindeutigkeit, auch Unbehagen, wenn es um Juden und Antisemitismus geht. Vielleicht sehen und erleben wir etwas, was andere nicht sehen und nicht erleben. Für die Außenwelt erscheinen die Gewalt von damals und die Gewalt von heute unbegreiflich; beides bleibt für Nichtbetroffene biographisch unverbunden.

In Deutschland glauben die Menschen, viel über die Shoah zu wissen. Die bewältigt geglaubte Vergangenheit stützt die ritualisierte Erinnerungspraxis, die scheinbar ohne Selbsterkenntnis auskommt. An die viel beschworene Erinnerung schließt direkt die Praxis des Vergessens an. Die Nachkommen der einst Verfolgten leben nun in einem Land, das die Verbrechen anerkennt, aber eine Distanz zu ihnen wahrt: Hier wird etwas »erinnert«, das nie ganz »vergessen« werden konnte – weil es womöglich nie bemerkt, nie bewusst erlebt wurde.[4]

Ausgerechnet in Deutschland wissen die Menschen nicht, wer die Juden sind, wie sie leben, welche Feste sie feiern, welche Lasten sie mit sich herumtragen. Allen politischen Bekundungen, zivilgesellschaftlichen Bemühungen und vereinzelten Einsichten zum Trotz kann die nichtjüdische Mehrheit die Juden nicht als Teil ihrer selbst begreifen, ihre Präsenz nicht einschließen. In der innergesellschaftlichen Wahrnehmung sind die Juden nie wirklich draußen, aber auch nie wirklich drinnen. Die Beziehung zwischen Juden und Nichtjuden fällt asymmetrisch aus: Während die jüdische Gemeinschaft mit dem Wissen um die Vernichtung lebt, leben andere mit dem Wissen um die Verdrängung. Es scheint, als ginge es nicht mehr um Verstehen, sondern um Ritualisierung – um ein Gedächtnis ohne Erinnerung. Auch in den migrantisch-diasporischen Communities wird Juden, teilweise offen, vorgehalten, die politische Aufmerksamkeit zu dominieren. Dabei ist die Erinnerungsarbeit noch gar nicht abgeschlossen, und der mühsam errungene geschichtliche Konsens ist mehr als fragil. Das viel gefeierte Erinnerungsgebot ist zu einer (gefühls-)leeren Praxis avanciert. Die geerbten, teils ins Stocken geratenen, teils zurechtgebogenen Vergangenheiten sind noch dauerhaft präsent. Während die Nachfahren der einen von Erinnerungen an Erfahrungen verfolgt werden, die sie nie gemacht haben, wollen die der anderen vergessen, was ihnen nie widerfuhr. Wir teilen ein und dieselbe Geschichte und erinnern doch unterschiedliche Geschichten. Unsere Vergangenheiten waren nicht dieselben. Die Gegenwarten sind es auch nicht. Diese Asymmetrie manifestiert sich nicht in jeder einzelnen Biographie, sondern vielmehr im Gefühlszustand einer Gesellschaft. Die Vernichtung der Juden wird nurmehr als jüdische Gewaltgeschichte rezipiert, nicht als deutsche – jedenfalls nicht in letzter Konsequenz.[5] Nicht das Festhalten an der Distanz ist das Problem, sondern die Weigerung, der Gegenwart der Geschichte mit Nähe zu begegnen. Die Distanz zur Vergangenheit angesichts ihrer dauerhaften Präsenz erzeugt etwas Monströses und zeigt sich in all den Lücken, die wir als Einzelne, aber auch als Gesellschaft, noch nicht geschlossen haben. Am 7. Oktober blieb die Gesellschaft in Deutschland – abgesehen von politischen Bekundungen – stumm und seltsam unentschlossen. In jüdischen Communities sprachen Menschen von der sozialen Kälte, geschwundenen Freundschaften, auch von Entgrenzungen und Übergriffen. Die Opfer des Massakers waren nicht lange Opfer. In kürzester Zeit wurden sie ihrer Individualität beraubt und kollektiv in die Täterrolle eingeordnet.

Abschiede פרידות

Einst lebte ich in einer Stadt, in der es das alles schon einmal gab – die großen politischen Umwälzungen, zwei Weltkriege, Aufbruch und Neubeginn, eine bedeutende jüdische Gemeinde. Lemberg, Lwow oder L’viv war vieles: die Hauptstadt von Galizien, Teil der Habsburger Monarchie, eine Stadt in Ostpolen und das urbane Zentrum der sowjetischen West-Ukraine. Meine Großmutter nannte sie Lemberg, oder Lwow. Die jeweils eigene Herkunft bestimmte den Namen dieser Stadt und prägte, wie sich die Menschen mit dem Erbe der Stadt verbanden. Armenier, Polen, Juden, Ukrainer, alle hatten eigene Namen für ihre Heimat. Die Fragen der Zugehörigkeit, der ethnischen oder der religiösen, waren aufgrund der geführten, aber auch der nicht ausgefochtenen Kämpfe und trotz aller Verbindungen untereinander knifflig und heikel, damals wie heute. Die je unterschiedlichen, mitunter gegenläufigen Geschichten blieben lange unausgesprochen. Auch die Gegenwarten glichen sich nicht an und mussten doch in ein und demselben Raum existieren. Die individuellen Zugehörigkeiten ließen sich nicht wie die Landesgrenzen einfach so verschieben. Als fester Teil der jeweiligen Bevölkerungsgruppen wurden die Herkünfte der Menschen teils verborgen und teils sichtbar gelebt. Joseph Roth schrieb 1926 in den Reportagen zu seinen Reisen in die Ukraine und durch Russland, die kleinen Nationen seien alle zu empfindlich. Aber große Nationen seien es auch. Es werde nicht möglich sein, in dieser Stadt, so Roth, eine sprachliche und nationale Einheit herzustellen, eine Vielfältigkeit könne es aber geben.[1] Er schrieb diese Notizen zwischen den beiden großen Weltkriegen. Die Juden, die Polen und die Ruthenen lebten noch nebeneinander, und die Deutschen waren noch nicht gekommen.

Nach all den Kriegen und politischen Umbrüchen blieb Lemberg äußerlich weitgehend unversehrt, aber im Inneren war die Stadt verstümmelt und zutiefst beschädigt. Während der deutschen Besatzung wurde der Großteil der jüdischen Bevölkerung gleich zu Beginn ghettoisiert, in Schluchten erschossen, in Todeslager deportiert. Die Bevölkerung Lembergs wurde im Krieg nahezu vollständig ausgetauscht – eine demographische wie kulturelle Katastrophe.[2] Und doch gab es bis zur Unabhängigkeit der Ukraine dort kaum Mahnmale, keine Gedenkstunden, keine historischen Rundgänge. Auch in der Schule erfuhr ich nichts davon, obwohl ich am Ort der gewaltsamen Verbrechen lebte. Die Geschichten der sich abwechselnden Herrschaften, der Zwischen- und Nachkriegsjahre kannte ich damals noch nicht im Detail, aber ich konnte sie an den Bänken und Fassaden, verbogenen, verrosteten Türklinken, ausgerissenen Mesusot an rechten Türbalken schon erahnen, die Vergangenheiten nachimaginieren.

In der sowjetischen Ära wurden nicht nur die Juden, sondern auch die Polen und Ukrainer ihrer Erinnerung, ihrer Vergangenheit beraubt. Vor der sowjetischen, dann der deutschen, dann wieder sowjetischen Besatzung lebten in Lemberg polnische, ukrainische, jüdische Familien mit- und nebeneinander. Die Spannungen innerhalb und zwischen diesen Gruppen entluden sich mitunter heftig in der Abfolge polnischer, sowjetischer, deutscher und dann einer erneuten sowjetischen Herrschaft.[3] Nichtsdestotrotz, oder vielleicht auch gerade deswegen, war es immer noch die Stadt mit den wunderschönen Jugendstilgebäuden, Kopfsteinpflastern, rotgelben Straßenbahnen, alten Zuggleisen, belebten Hinterhöfen, blumengeschmückten Boulevards, einem weltbekannten Opernhaus und einem urbanen Flair, das meiner Ansicht nach alles andere als sowjetisch war. Die Lebenswirklichkeiten der einzelnen ethnischen Communities spielten in der Zeit der sowjetischen Hegemonie überhaupt keine Rolle, jegliche nichtsowjetischen Vergangenheiten wurden für tot erklärt. Und so verblasste auch die Erinnerung an das jüdische Erbe. Die sowjetische Epoche hatte für die frühere nichtsowjetische Geschichte keinen eigenen Platz. Der Krieg, ohne die Shoah, bestimmte das Narrativ von der »unterschiedslosen Opferschaft«.[4] Das große sowjetische Narrativ der einen einheitlichen Opfergemeinschaft, die staatlich verordnete Gleichsetzung sowie die Angst vor möglichen Repressionen erstickten die jüdische Erfahrung.

Maurice Halbwachs schrieb in Das kollektive Gedächtnis, dass jedes individuelle Gedächtnis von dem gesellschaftlichen abhängt.[5] Trotz der staatlichen Erinnerungsrepression gab es ein jüdisches Insider-Wissen, ein trotziges. Die Weitergabe vollzog sich unkoordiniert und konzentrierte sich größtenteils auf die vertrauten Räume der Familien. So wurden Großeltern zu Geheimnisträgern, ihre Enkel zu Adressat*innen. Die Stadt selbst war voller Zeitzeugnisse, voller mysteriöser Orte, verblasster Inschriften, verwaister Sprachen. Ihre Zeitspuren wurden eingemauert, mit Putz beschichtet, mit Farbe übermalt. In den neu errichteten sowjetischen Plattenbauten, die auch in der DDR hätten gebaut werden können, konnte die Vergangenheit nicht so lebendig sein. Die jüdische, polnische, ukrainische Gegenwart war vielen Zugezogenen auf je spezifische Weise gleichgültig. Es schien, als wäre die Stadt, und so auch wir, in ihrer und unserer Geschichte heimatlos geworden.

Auf den Balkonen, Dächern und Zäunen von Lemberg lebten die Tauben. Sie gaben monotone und doch fast rhythmische, gurrende Laute von sich – die Geräuschkulisse meiner frühen Kindheit. Die Tauben, so dachte ich, haben die Verschwundenen gesehen. Sie wurden weder umgesiedelt, noch mussten sie die neue Sprache lernen. Sie waren nie heimatlos. Es gab sie schon, als die Stadt Lemberg hieß, und es gab sie noch, als sie zu Lwow und später zu L’viv wurde. In keiner anderen Stadt habe ich Hinterhöfe, Türklinken oder Treppenhäuser so mit meinen Blicken durchbohrt und so bewundert wie in Lemberg. In Philippe Sands’ Buch Rückkehr nach Lemberg sind es die sinnbildlichen Bänke, zumeist im Jugendstil, die sich niemals fortbewegten und je nach gerade aktueller Herrschaft in einem anderen Land standen.[6] So wie sich die Stadt träumerisch in ihrem eigenen Verfall eingerichtet hatte, sehnte ich mich nach den Geschichten ihrer Menschen. Verborgen, verschüttet waren die jüdischen Biographien – die religiösen Schulen, Synagogen, Literatursalons, Kaffee- und Warenhäuser, Theater und Verlage, aber auch Züge, die Juden in die Lager und nach Bełżec deportierten. Die Gleise verliefen unweit des jüdischen Friedhofs, auf dem meine Urgroßeltern begraben sind. Unmittelbar daneben befand sich einst das Lager. Später wurde daraus eine Militärbasis und schließlich ein verlassener, leerer Ort.

Altbauten mit bröckelndem Putz und Zäune mit verbogenen Gitterstäben – die Stadt selbst ein einziges Zeugnis. Die Lemberger Künstlerin Viktorija Kowalczuk nannte die unter dem herunterrieselnden Putz verborgenen jiddischen, polnischen und ukrainischen Inschriften, die einst Kaffeehäuser oder Hutmanufakturen kundtaten, die »Haut der Stadt«. Einige Inschriften wurden nicht entfernt – sie sind heute noch Wegweiser. Ich begleitete und filmte Kowalczuk 2012 während der Dreharbeiten zu meinem Film über Lemberg, der zwar gedreht, aber bisher nicht vollendet wurde. Die Künstlerin selbst filmte Steine, Hauswände, Türen, spürte ihrer Zeugenschaft nach. Sie illustrierte phantastische Kinderbücher, entwickelte fotografische Collagen, belebte die Erinnerung, bis sie in der Pandemie verstarb. Die Steine und Wände redeten mit ihr, und sie redete mit ihnen. Die tiefen Kratzer an den schmiedeeisernen Zäunen, die fremde Schrift auf den verzierten Fassaden waren ihre Chronik.

Als in den 1990er Jahren das Bewusstsein für die jüdische Geschichte der Ukraine langsam zurückkehrte, stand die Frage im Raum, ob es überhaupt jemals möglich sein würde, ein inklusives Stadtgedächtnis zu entwickeln, eines, das auch seine jüdischen Spuren anerkennt, Mythen entkräftigt, der Verfolgten gedenkt. Als Lemberg sich auf die Fußball-Europameisterschaft 2012 vorbereitete, glühte die Stadt im Fieber der Renovierungsarbeiten. Der alte sowjetische Flughafen wurde umgebaut, Stadien modernisiert, Straßen asphaltiert, öffentliche Plätze und Kulturobjekte erhielten neue Fassaden. Darunter lag das unbekannte, unberührte Erbe. Im Krieg, aber auch danach, haben erst die Deutschen, dann die Sowjets die jüdischen Friedhöfe geplündert. Die jüdischen Mazewot (Grabsteine) wurden als Baumaterial für Straßen, Bürgersteige, als Fundament für Sportanlagen und Marktplätze verwendet. Dafür mussten die Steinbrocken von den jüdischen Namen bereinigt werden – oder sie wurden einfach mit dem Gesicht nach unten gelegt. Manche lagen auch mit der Front nach oben. Dann standen die hebräischen Buchstaben und die Namen der Verstorbenen – Itzig, Chaim, Jefim – auf dem Asphalt geschrieben. Jahrzehntelang befand sich das jüdische Gedächtnis der Stadt unter Gehwegen, Märkten, Freizeitparks, Einkaufszentren.

Erst im Zuge der Renovierungsarbeiten kamen diese Zeugnisse ans Licht – die Mazewot lagen verstreut in Parks, im Hof der neuen Synagoge, auf dem Gelände des ehemaligen jüdischen Krankenhauses, das in all den Jahren als zentrale Geburtsklinik der Stadt fungierte. Stadtbewohner*innen, auch Bauarbeiter*innen fanden diese Steine überall vor. Auf dem Friedensboulevard, wo ich als Kind, zwangsverordnet, alljährlich den 1. Mai feierte, säumten jüdische Grabsteine die lange Straße. In den Recherchegesprächen für meinen Film über Lemberg fragte ich einige Protagonist*innen nach ihrem Umgang mit diesem unverhofften Erbe. Manche antworteten, die jüdischen Grabsteine mit den fremden hebräischen Buchstaben machten ihnen Angst, und deshalb ließen sie sie einfach liegen oder brachten sie woandershin. Sie erzählten mir von Funden, zum Beispiel beim Abriss des Leninmonuments. Ein 1950 eröffnetes Leninmuseum befand sich im ehemaligen Galizischen Landtag – davor stand die große Leninbüste aus Marmor. Die sowjetischen Behörden hatten dafür augenscheinlich Marmorsteine von jüdischen Friedhöfen genutzt – so die hiesigen Berichte. In jenem Herbst, als wir die Stadt für immer verlassen mussten, wurde das Monument gestürzt und Lenin fiel zu Boden.

Ein Teil des beliebten Markts mit dem Namen »Krakowski-Basar« steht, wie ich recherchierte, auf dem Gelände eines mittelalterlichen jüdischen Friedhofes. Während der deutschen Besatzung wurde der jüdische Friedhof überbaut; die Grabsteine dienten wohl als Baumaterial. In diesem Viertel gab es in meiner Kindheit noch Hauseingänge, an denen ich die Abdrücke der Mesusot erkennen konnte. Während der Dreharbeiten für den Film wurde auf dem Krakowski-Basar eines dort beerdigten Rabbiners feierlich gedacht. Der Rabbiner Meylach Scheychet[7] hatte amerikanische chassidische Rabbiner eingeladen, um den Fund der mutmaßlichen Begräbnisstätte mit einer religiösen Zeremonie zu begehen. Ich lernte Scheychet bei den Dreharbeiten für den Film kennen. Er lebte und wirkte in einem Gebäude, das an die älteste, fast vollständig zerstörte Synagoge Lembergs anschloss, die den mystischen Namen »Goldene Rose« trug. Die Ruinen der Synagoge standen noch, auf dem Gelände einige verstreute Mazewot. Die Synagoge befand sich mitten zwischen anderen, ebenfalls verfallenden Gebäuden. Von deren Fenstern und Balkonen aus konnte man die Umrisse der einstigen Räume sehen. Im Treppenhaus mit der hohen Decke hatte der Rabbiner für ältere Menschen am Freitagabend den Schabbat organisiert. In der angrenzenden kleinen Küche wurde das Essen zubereitet – ein winziger Raum, große Töpfe, einfache Mahlzeiten für Menschen mit wenig Mitteln, die eine lebensgeschichtliche Beziehung zu diesem Ort hatten.

Für mich schlossen sich bei diesem Besuch, irgendwo zwischen den Straßen und Steinen, biographische Kreise – einige Passant*innen erstarrten am Krakowski-Basar beim Anblick dieser ungewöhnlichen Versammlung einer jüdisch-orthodoxen Kaddisch-Liturgie. Nur zwei Synagogen haben die Besatzung der Deutschen überstanden. Die chassidische Synagoge Jakob Glanzer Shul (1844 erbaut) und die Beis Aharon Yisrael-Synagoge, die 1925 errichtet wurde. Beide wurden zweckentfremdet: zunächst als Pferdestall, dann als Sporthalle und als Lagerhaus. Aus der einen brachte mein Großvater in einer blickdichten schwarzen Tüte heimlich Mazzot für das jährliche Pessach-Fest nach Hause; in der anderen erwachte in den späten 1980er Jahren das kulturelle jüdische Leben.

Philippe Sands schrieb in Rückkehr nach Lemberg, die Straßen von Lwiw, so nannte er die Stadt, seien ein Mikrokosmos, in dem sich das gesamte turbulente 20. Jahrhundert spiegele – ein Schauplatz globaler, blutiger Konflikte.[8] Nach unserem abrupten, als fremdbestimmt erinnerten Exodus glaubte ich, Lwiw, Lemberg oder L’viv sei in jeder Hinsicht der Nabel der Welt. Ich sehe in dieser Stadt einen Ort heftigster Umwälzungen, an dem sich Schönheit und Zerstörung auf erschreckend präzise Weise, fast schon unspektakulär berühren. Ein Knotenpunkt, an dem sich die Wege und Entwicklungen der europäischen Metropolen und die historischen Erfahrungen der polnischen, jüdischen, ruthenischen, ukrainischen und deutschen Bevölkerungen kreuzen. Ihre Geschichten wirken ineinander – in Wunden, Spuren und Erzählungen.

Joseph Roth nannte Lemberg die Stadt der »verwischten Grenzen«,[9] die sich immer wieder verschoben haben und das Leben der Menschen stark veränderten, ohne dass diese sich fortbewegt hätten. Roth schrieb, mit dem Zerfall der Habsburger Monarchie seien die galizischen Städte nach Osten gerückt; vielleicht ahnte er, wie historisch diese Zeiten waren. Er hatte in gewisser Weise recht: Nichts wurde danach wieder wie früher. Der Erste Weltkrieg brachte das Ende des Imperiums und setzte gefährliche Kräfte frei – alte Rechnungen wurden beglichen, ethnische und politische Spannungen entluden sich. Die sowjetische, die deutsche und dann erneut die sowjetische Besatzung folgten in kurzen Abständen aufeinander. »Zwischen September 1914 und 1944 wechselte die Herrschaft über die Stadt achtmal.«[10] Als einstige Hauptstadt Galiziens fiel die Stadt zunächst an Russland, dann an Österreich, kurz an die Westukraine, dann wieder an Polen und die Sowjetunion – um schließlich an Deutschland, erneut an die Sowjets und zuletzt an die Ukraine überzugehen.[11]

Die Biographien meiner beiden Großeltern, die in dieser Stadt lebten und liebten, umspannten einige dieser Entwicklungen. Ich war viel bei ihnen. Nie wieder danach war ich jenen Zeiten und ihren Leben so nah. Sie waren durch und durch und in allem jüdisch, sprachen Jiddisch miteinander, auch wenn sie keiner Gemeinde offiziell angehörten, keine eigenen Plätze in der Synagoge hatten und zu Pessach gelegentlich neben Mazza auch Brot auf den Tisch stellten. Erst in Israel hat mir meine Tante Ella den seidenen Tallit meines Urgroßvaters überreicht, doch das Geheimnis dieses Erbstücks hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Mein Großvater stammte aus ärmlichen Verhältnissen – wie konnten die Tallit-Tasche und der Tallit selbst aus Seide sein? Der Tallit, gezeichnet von Altersflecken, lag auf meinen Schultern, als meine Tochter zur Bat-Mitzwa antrat. Unsere Familiengeschichten sind in Fragmenten erhalten geblieben, doch als Ganzes nur schwer rekonstruierbar. Aus vielen Bruchstücken fügen wir sie behutsam wieder zusammen, über Jahre hinweg.

Warum habe ich mich entschieden, dieses Buch zu schreiben, obwohl ich den Familiengeheimnissen noch gar nicht hinreichend nachgegangen bin? Vielleicht sind es am Ende nicht die großen Geschichten, die uns heimsuchen, sondern die unerschlossenen Erinnerungsfragmente, besonders dann, wenn das Kollektive in das Persönliche einsickert und die gesellschaftlichen Ordnungen sich in die Leben der Menschen so gewaltsam hineindrängen.

In meiner Kindheit gab es in Lemberg keine offizielle jüdische Gemeinde, nur wenige formelle Orte für die jüdischen Zusammenkünfte. Wir waren Kinder. Brave Kinder. Glückliche Kinder. Kinder mit einem jüdischen Etikett. Manchen von uns stand erkennbar ins Gesicht – oder auch in den Pass – geschrieben, dass wir jüdisch sind. Mir wurde, wie vielen anderen jüdischen Kindern auch, gemäß der antisemitischen physiognomischen Stereotype »jüdisches« Aussehen zugeschrieben. Heute frage ich mich, wie ich es aushalten konnte, ständig in dem Wissen zu leben, dass ich als Jüdin für die anderen erkennbar bin, dass andere mich markieren und benennen können, dass ich mich immer wieder fragen musste, was am Jüdischsein so unüberbrückbar anders sein soll.

Jüdische Kinder trafen sich oft heimlich in städtischen Verstecken, etwa in den Hinterhöfen der in jeder Hinsicht legendären Schule Nr. 35. Diese Schule, die als erste Realschule der Stadt (1817) gegründet wurde, war bereits unter den Habsburgern ein wichtiger Ort für die Juden Lembergs. Die jüdischen Eltern schickten ihre Kinder dorthin, damit sie weltliche Berufe erlernten – ein lang ersehnter Zugang zur weltlichen Bildung, der erst durch die Haskala-Bewegung und die gesetzlichen Reformen möglich wurde. Das Schulgebäude selbst war ein Sehnsuchtsort, ein Altbau mit Stuck, hohen Decken und knarzenden Parkettböden. Im Krieg wurde die Schule umfunktioniert, und ein Teil der Schulgemeinschaft wurde ins Ghetto und in Lager deportiert.