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In "Bruderpflicht" von Levin Schücking entfaltet sich ein facettenreiches Narrativ, das sich mit den komplexen Beziehungen zwischen Geschwistern und der Last von familiären Erwartungen auseinandersetzt. Der literarische Stil ist von einer sensiblen, beinahe poetischen Sprache geprägt, die den emotionalen Konflikten und inneren Kämpfen der Protagonisten eine tiefgründige Dimension verleiht. Schücking verwebt persönliche Erlebnisse mit universellen Themen von Loyalität, Verantwortung und der Suche nach Identität, und schafft so einen Kontext, der sowohl zeitgenössische als auch klassische Einflüsse in der deutschen Literatur reflektiert. Levin Schücking, ein ausgewiesener Kenner der menschlichen Psyche und der zwischenmenschlichen Dynamik, bringt in "Bruderpflicht" sein umfangreiches Wissen über Familienthemen und soziale Konflikte ein. Mit einem Hintergrund in Psychologie und Literatur hat er sich intensiv mit den Herausforderungen und Nuancen von Beziehungen beschäftigt, was seine Charaktere und deren Konflikte umso authentischer und nachvollziehbarer macht. Die persönlichen Hintergründe des Autors, verbunden mit seinem feinen Gespür für das menschliche Empfinden, zeichnen das Werk aus. Dieses Buch ist eine eindringliche Empfehlung für Leser, die sich für die vielschichtige Natur von Geschwisterbeziehungen und den emotionalen Ballast, der damit einhergeht, interessieren. Schückings provozierende Fragen und bewegende Erzählweise laden dazu ein, über die eigene Familiengeschichte nachzudenken und sich mit den eigenen Werten und Verpflichtungen auseinanderzusetzen. "Bruderpflicht" ist ein zeitloses Werk, das sowohl im literarischen als auch im philosophischen Sinne bereichert.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Durch die vom Bahnhof führende staubige Akazien-Allee kamen zwei Männer dahergeschritten. Ein barfüßiger Junge lief vor ihnen her; er trug einen großen, schweren, aber sehr abgeschabt aussehenden Reisesack in der Hand, welcher vermuthlich dem wettergebräunten älteren Manne gehörte, der, einen breitrandigen Filz auf der grauen Löwenmähne, in dunkelcarrirtem Anzuge auf seinen schweren Sohlen so wuchtig zuschritt, als ob er dem hartgetretenen Boden seine Fußstapfen einprägen wolle, wie der Herr, als er dem fliehenden Petrus begegnete, oder auch als ob er mit dem Bewußtsein Fiesco’s: „die Blinden in Genua kennen meinen Schritt“ seinen Einzug halte in die vor ihm liegende deutsche Residenz, die freilich kein Genua war, nicht einmal eine große Seestadt, sondern nur eine hübsche moderne Landeshauptstadt, recht mitten in einem waldreichen Hügellande gelegen.
Der jüngere Mann, der jedoch auch schon den Vierzigern nicht mehr ganz fern stehen mochte, war das gerade Widerspiel des älteren; er war sehr elegant gekleidet, hatte ein feines, ovales Gesicht mit einer stark ausgebildeten Stirn über lebhaft glänzenden, blaugrauen Augen, eine hohe, schlanke und doch männlich feste Gestalt und etwas Aristokratisches in seiner Haltung, wenn auch nicht in den Zügen, welche die Spuren eines ernsten und angestrengten Gedankenlebens trugen. Vielleicht jetzt gerade mochte dieser Ausdruck besonders lebhaft hervortreten; denn es ließ sich nicht verkennen, daß er in großer Erregung war; er sprach, er bewegte sich lebhafter, als es zu der aristokratischen Erscheinung paßte; er legte sogar von Zeit zu Zeit seine Hand im hellen Glacéhandschuh auf den staubigen Arm des Begleiters.
Ein älterer Officier, auch dem Abzeichen an der Uniform ein General, kam ihnen entgegen – mit einem Lächeln, einem freundlichen Kopfnicken reichte er dem jüngeren Manne die Hand.
„Sie kommen doch pünktlich heut – um vier? Ohne auf sich warten zu lassen?“ fragte er.
„Gewiß, ich werde pünktlich bei Ihnen sein, Excellenz.“
„Na,“ bemerkte unwillig der ältere Herr, als der General weiter geschritten, „ich muß gestehen, diese Species von verthierter Soldatesca geht gewaltig formlos mit Dir um, Aurel; ich würde mir eine solche Herablassung von Leuten seiner Art nicht gefallen lassen. Er bestellt Dich pünktlich – um vier Uhr – just wie man seinen Raseur bestellt! Nun, Du bist auch“ – der Alte lachte jetzt laut auf – „wohl etwas wie sein Raseur, führst einen Proceß für ihn und barbierst ihn dabei nach Advocatenmanier über den Löffel?“
„Das weniger, lieber Vater,“ entgegnete Aurel, „ich bin nicht sein Advocat, sondern gehöre einer kleinen Gesellschaft an, die sich wöchentlich einmal bei dem guten alten Herrn versammelt.“
„Du? Bei einem General? Ich bitte Dich! Wie kommt Saul unter die Propheten?“
„Unter die Propheten geräth man auch wohl als Weltkind und bleibt trotzdem, was man ist.“
„Hoffentlich – doch läßt man die Propheten nachher laufen. Uebrigens sehe ich hier links den Eingang zu einem höchst einladenden Biergarten; ich habe einen cannibalischen Durst und ich muß den Staub der Eisenbahn ein wenig hinunterspülen, ehe wir weiter gehen; also fallen wir ein – hinein in’s Vergnügen!“
„Du in diesen Biergarten, Vater?“ fragte erschrockenen Tones der Sohn – aber wenn in diesem Ton ein Protest gelegen hatte, so kam er damit zu spät: sein Begleiter war mit einer raschen Wendung schon jenseits des grünangestrichenen Gitterportales und schritt auf dem weichen Kies, der zwischen den rechts und links angebrachten Bänken auf die Holzveranda des Hauses zuführte. Seine Erscheinung mußte auf die einzelnen Gruppen der trinkenden und Cigarren rauchenden Gäste eigenthümlich imponirend wirken; denn wohin unter dem breiten Filz hervor seine allerdings sehr herrisch um sich schauenden Blicke fielen, da verschwanden wie durch einen Zauber die Cigarren; die Leute schnellten von ihren Sitzen empor und grüßten respectvoll.
„Da schau,“ sagte der alte Herr, „da schau einer die Bedientenhaftigkeit hier im alten Lande an! Wie ehrfürchtig das thut! Sie halten mich für einen geheimen Kanzleirath, oder gar für einen Hofrath, glaub’ ich.“
„Schwerlich, bester Papa,“ entgegnete sein Sohn. „Du mußt gestehen, daß Du nicht aussiehst, als ob Du zum ‚Tschin‘ gehörtest.“
„Aber es ist doch nicht möglich, daß sie mich wiedererkennen und den alten Kämpfer von 1848 an mir ehren wollen? Oder hast Du vielleicht dafür gesorgt, daß Eure Blätter meine Rückkehr angekündigt haben?“
„Keineswegs – ich setzte durchaus nicht voraus, daß das Dir angenehm sein würde.“
„Angenehm? Nun, weshalb nicht? Laß die Blätter immerhin reden - je mehr, desto besser! – Unsereins ist das gewohnt – kann auch Dir und Deiner Praxis, calculire ich, nicht schaden, wenn da gedruckt zu lesen ist, etwa: ‚Unser früherer Mitbürger, der Veterinärarzt Doctor Lanken, ist nach fünfundzwanzigjähriger Abwesenheit in sein Vaterland zurückgekehrt; der bewährte Vorkämpfer aus den Jahren 1848 und 1849 wird einer warmen Aufnahme bei allen denen gewiß sein dürfen, welche sich seiner ausgezeichneten Verdienste um die Sache des Volkes und der bürgerlichen Freiheit von damals erinnern. Herr Doctor Lanken, der sich durch seine Energie in den Vereinigten Staaten eine höchst geachtete Stellung geschaffen, hat diese doch aufgegeben, um den Rest seiner Tage in der alten Heimath bei seinem Sohne, unserm vielbeschäftigten und eminenten Rechtsanwalt Aurel Lanken, zu verleben.’ – Für so etwas oder dem Aehnliches könntest Du schon sorgen, denk ich, wenn“ – der alte Herr lachte plötzlich verachtungsvoll auf – „wenn Eure Censur es nicht streicht.“
„Wenn wir eine Censur hätten, bester Papa,“ entgegnete Aurel ziemlich trockenen Tones, „so würde sie Dir höchstens das – Doctor streichen, weil es Dir meines Wissens nicht zukommt – aber wir kennen keine Censur mehr. Ueberhaupt wirst Du Dich darauf gefaßt machen müssen, sehr viele Dinge hier völlig verändert zu finden und viele Voraussetzungen in Rauch aufgehen zu sehen, obwohl sie Dir vielleicht zu lieben Bedürfnissen geworden.“
„Glaubst Du, weiser Daniel? Na, wir werden ja sehen. Hoffenlich geht meine Voraussetzung, daß baierisches Bier hier zu Lande noch immer ein gutes Getränk sei, nicht durch den Stoff, den die Kellner dort herbeischleppen, in zuviel – Schaum auf!“
Sie hatten sich an einem der unbesetzten Tische niedergelassen – ein Kellner brachte mit großer Beflissenheit ein paar gefüllte Seidel und fragte dann mit tiefer Verbeugung, ob sonst noch etwas befohlen würde?
Da nichts befohlen wurde, schoß er davon.
„Befohlen’! Lakaienseele!“ sagte der alte Herr. „Kann der Mensch nicht mit aller Würde und dem Bewußtsein, daß seine Waare soviel Werth hat wie mein Geld, das Bier auf den Tisch stellen?“
„Ich zweifle nicht daran,“ versetzte Aurel, „obwohl ich nicht sicher bin, daß eine Zugabe von Kellnerwürde das Getränk schmackhafter machte.“
„Wär’ auch nicht nöthig,“ sagte der alte Herr, der eben einen tiefen Zug gethan und jetzt mit großen Aplomb das Glas auf den Tisch setzte. „Euer Bier ist gut – wahrhaftig es ist besser, als das drüben, jenseits des großen Teiches. Das räum’ ich Dir mit Vergnügen ein – aber Du trinkst nicht?“
„Nein – ich vertrage Bier nicht.“
„Ah – Du verträgst es nicht? Ein Volksmann, der … aber, Goddam, wenn ich Dich so ansehe, Aurel, machst Du mir überhaupt den Eindruck eines eingefleischten Aristokraten – siehst aus wie aus dem Ei geschält; auf Deinem Haupte leuchtet der Glanz eines Cylinders, der noch vorgestern der Stolz eines Hutmacherladens war; Dein Vollbart ist gestutzt und beschnitten, daß es eine wahre Freude für einen Friseur ist, es zu sehen –“
„Mein lieber Vater,“ unterbrach ihn Aurel mit einem halb spöttischen halb wehmüthigen Lächeln – „Du wirst Dich auch darein finden müssen, daß zu den Voraussetzungen, die Dir, wie ich sagte, in Rauch aufgehen werden, auch einige gehören, welche die Lage und die Verhältnisse Deines Sohnes nahe angehen. Es ist mir das freilich tief schmerzlich, und Gott weiß, daß ich nichts Besseres verlangte und keine größere Freude haben könnte, als wenn Du in Deinem einzigen Sohne völlig das fändest, was Du mit väterlichem Stolze in ihm zu finden erwartetest – einen treuen Erben Deiner Gesinnungen, einen schneidigen Anwalt Deiner Grundsätze – einen gefeierten Volksmann und Vorkämpfer für Alles, was den schönen Namen: ‚Fortschritt‘ trägt –“
„Und das werde ich nicht finden?“ fiel der alte Herr, ihn groß ansehend und das eben ergriffene Seidel auf dem halben Wege zwischen Tisch und Mund haltend, ein.
„Das wirst Du nicht finden: Deine politischen Ziele mögen auch die meinen sein, aber über die Wege zu diesen Zielen werden wir völlig verschieden denken. Ich bin auch nicht, wie Du meinst, Advocat, Parlamentarier, Oppositionsredner der äußersten Linken, Volksmann und dergleichen –“
„Aber ich bitte Dich – nicht mehr – Rechtsanwalt? Was denn anders? Wovon lebst Du denn und bezahlst den Friseur, der Dir so sauber den Bart beschneidet?“
„Das will ich Dir sagen, wenn ich Dir mit ein paar Worten erst den Weg angedeutet habe, den ich zurückgelegt habe und der mich ohne ehrgeiziges Streben meinerseits ganz wie von selber zu meiner jetzigen Stellung geführt hat. Ich habe Dir brieflich das nicht mittheilen wollen, weil ich wußte, ich würde doch nicht vermögen Deine Anschauungen so zu berichtigen und umzuwandeln, daß ich Dir keinen Verdruß mit der Wendung meines Schicksals bereitet hätte. Höre also! Als ich in der Kammer saß, vollzogen sich große Ereignisse hier in unseren deutschen Vaterlande, und diese waren es, die mich aus meiner tiefinnerlichsten Ueberzeugung heraus hinüberführten zu Denen, welchen wir Deutsche diese Wendung verdankten, zu den Männern –“
„Zu den Männern der Gewalt … zu den Leuten, denen das Volk und sein Wille nichts ist?“ fuhr der alte Herr auf; dann that er einen tiefen Trunk und setzte darauf sein Glas mit einem so pathetischen Nachdruck hin, als ob ihm durch diesen Schlag der Durst vergangen sei für alle Tage seines Lebens. – „Zu diesen Männern – Du – der Sohn –?“
Er wurde unterbrochen durch einen mit aufgeregter Miene herantretenden schwarzbefrackten Herrn, der eine große Verschwendung an weißer Wäsche zeigte und dem im respectvoller Entfernung ein Kellner folgte.
„Bitte um Entschuldigung, Excellenz!“ sagte der Mann sehr eifrig – „ bitte sehr um Entschuldigung, daß ich nicht eher mein Compliment machte! Höre eben erst, daß Excellenz mein Local beehren – wenn Excellenz geruhen wollten – ich habe sehr hübsche reservirte Zimmer oben – fürchte, daß es ein wenig sonnig ist hier vorn –“
„Sie sind der Eigenthümer des Gartens?“ sagte, mit einem herablassenden Kopfnicken die Verbeugungen des Herrn erwidernd, Aurel. „Es ist sehr hübsch bei Ihnen – ich danke Ihnen – dieser Platz convenirt uns – ich danke Ihnen.“
Er nickte wieder im derselben vornehmen Weise wie zur Entlassung, und der Wirth zog sich unter abermaligen Verbeugungen zurück.
„Excellenz?!“ rief jetzt der alte Herr. „Der Mensch wirft Dir eine Excellenz nach der anderen an den Kopf? Da steht mir denn doch der Verstand still. Was zum Teufel ist aus Dir geworden, Aurel? Eine Hofschranze? Ein Fürstenknecht? Ein Cärimonienmeister oder Kammerherr gar? Mich trifft der Schlag. Aurel Lanken, mein Junge, in der Taufe genannt nach dem großen Wahrheitsfreund und Philosophen Marc Aurel, ein Hofschranze!“
„Nicht ganz das, was Du darunter verstehst, lieber Vater – aber etwas im Deinen Augen Verwandtes. Ich bin der Minister unseres guten, aufgeklärten Fürsten – der Vorsitzende seines Ministeriums. Nicht mehr und nicht weniger! Darein mußt Du Dich nun einmal ergeben. ‚Das Unvermeindliche mit Würde tragen‘, Du weißt ja. Weshalb ich Dir nicht davon schrieb, so lange Du auf Deiner Farm hinten in Michigan lebtest, habe ich Dir eben angedeutet – für den Staat Michigan konnte es nicht von Erheblichkeit sein und für Deine persönlichen Gefühle nicht wohlthuend. Hättest Du mich früher von Deinem Plane, hierher zurückzukehren, unterrichtet, so würde ich es Dir natürlich mitgetheilt haben, aber Du schriebst mir erst, als Du bereits auf der Reise, bereits in New-York warst …“
„Verfluchter Querstreich! Excellenz, Minister! Was soll ich nun hier machen?“
„Ich denke nicht, daß darin etwas liegt, was Dir hier den Aufenthalt verbittern könnte.“
„Nicht? Denkst Du das?“
„Wenn Du nicht das Bedürfniß hast, gar zu arg über die Regierung zu räsonniren …“
Der alte Herr antwortete nicht. Er strich sich das Kinn und versank offenbar in tiefe Gedanken. Dann sagte er zerstreut und den Kops schüttelnd: „Ja, ja, ich fürchte, das Räsonnieren werde ich nicht lassen können. War immer meine Stärke, weißt Du.“
„Beobachte erst ein wenig den Lauf der Dinge hier – und halte an Dich! Gefallen Dir dann die Zustände nicht, so räsonnirst Du nachher nur desto ärger – ich will Dich nicht hindern.“
Der Alte schüttelte wieder trübselig den Kopf.
„Du ein Minister, ein Fürstenknecht!“ murmelte er, starr auf sein Glas blickend, und dann schien er vor dieser niederschmetternden Thatsache nur darin eine Rettung zu finden, daß er mit einer überflüssigen Energie den Zinndeckel seines Seidels klappen ließ, bis der heranstürzende Kellner es ihm genommen, um ihm ein neugefülltes zu bringen.
„Willst Du nicht anhören, wie ich dazu gekommen, ein Fürstendiener zu werden, lieber Vater, trotz aller republikanischen Grundsätze und Gesinnungen, die ich, dank Deiner spartanischen Erziehung, mit der Muttermilch eingesogen?“
„Was brauch’ ich das anzuhören – kann mir’s ja denken,“ versetzte der alte Herr melancholisch, sein löwenmähniges Haupt auf den Arm stützend. „Sie haben Dir geschmeichelt, Dich gekirrt, Deinen Ehrgeiz geweckt, Dich bei der Eitelkeit gefaßt, Dir rothe Bänder mit allerlei Kindereien um den Hals gehangen – Geld natürlich wird auch seine Rolle gespielt haben, vielleicht auch die Weiber – Du liebe Zeit, so was kennt man ja – kenn’ ich ja von Anno dazumal her, ehe ich so gescheidt war, davon zu gehen über’s große Wasser. Was mich nur wurmt, ingrimmig wurmt, ist, daß ich beim ersten Schritt, den ich wieder – ich verdammter Narr – in’s alte Land setze, solch einen Abtrünnigen in meinem eigenen Sohne finden muß. Hätt’ ich Dich mit hinübergenommen damals!“ fuhr der alte Herr seufzend fort; „mit hinüber to the far west! Aber Deine Mutter wollt’s ja nicht – sie wollt’ es ja nicht, wie sie ja auch selber nicht mir folgen wollte – und diese Weiber haben nun einmal ihren Kopf.“
„Ihren Kopf, und wie Du nicht leugnen wirst, Vater, zuweilen wohl auch richtige Gedanken darin. Meine Mutter war eine schwache, leidende Frau, und ich damals ein Büblein von acht Jahren – was hätte aus uns werden sollen, wenn wir mit Dir so in’s Blaue hinrin, dem ganz ziellos Unbestimmten entgegen, in die weite Welt gezogen wären? Die Mutter wäre wohl auf der Reise schon gestorben, und ich hätte für die Ueberfahrt und alle Gefahren, die damit zusammenhängen, gewiß auch schwer büßen müssen – was,“ setzte Aurel lächelnd hinzu, „mich dann freilich vor meinem heutigen bitteren Schicksal, ein Minister sein zu müssen, bewahrt haben würde.“
Der alte Herr leerte schweigend sein zweites Seidel Bier und richtete dann seine Blicke mit dem Ausdrucke tiefer Wehmuth auf seinen mißrathenen Sohn.
„Du willst nicht die Erklärung anhören,“ hub dieser nach einer Pause wieder an, „wie ich, reisend an Alter und Erfahrungen, dazu gekommen bin, eine Stellung im Staatsdienst anzunehmen – Fürstenknecht zu werden, wie Du das nennst, und wie ich in diesem Staatsdienste gerade den Posten angenommen, von dem sich die Voraussetzung einer Dir verhaßten Gesinnung am wenigsten trennen läßt. Ich will Dich denn auch mit dieser Entwicklung nicht heimsuchen – sie brächte uns wohl in eine sehr lebhafte Debatte, und ich möchte nicht, daß wir unsern Aufenthalt in diesem Biergarten noch bedeutend verlängerten – aber eine Frage wirst Du mir doch wohl erlauben?“
„Frage!“
„Du bist ein Mann der allerentschiedensten Opposition. Du weißt, daß die Regierung den Staatswagen nach der einen Seite zieht, und hast Dich deshalb an die andere Seite gespannt. Dort ziehst Du – freilich siehst Du, daß unter solchen Umständen der Staatswagen nicht weiter rückt –“
„Sondern im Sumpf stecken bleibt – das ist richtig.“
„So kann Dir Niemand verdenken, daß Du die Zugkräfte da hinten, welche die Deinen und die Deiner Partei lähmen, mißbilligst. Nun aber hörst Du eines schönen Tages hinter Dir an der anderen Wagenseite ein ganz ungewöhnliches Klirren und Klappern, ein Geräusch, als ob Ketten fielen, ein Stampfen herankommender Rosse – Du siehst, daß diese Rosse an Deiner Seite, neben Dir, an den Staatswagen gehängt werden – daß sie, von einer mächtigen Hand gelenkt, mit hellem Wiehern muthig sich in’s Zeug legen – daß der Staatswagen aus dem jämmerlichen alten Sumpfe heraus vorwärts rollt – auf festem Boden triumphirend vorwärts – ganz in der Richtung, in welcher Du und die Deinen seit vielen, vielen Jahren zogen – was wirst Du nun thun, theurer ‚Governor‘, wie Ihr drüben, denk’ ich, sagt? Was wirst Du thun? Jubelnd über diese neue Wendung und treu Deinen alten Idealen, Deiner langjährigen Anschauung mitziehen am Staatswagen? Oder wirst Du die Treue gegen Dich selber darin suchen, daß Du Dir sagst: ‚ich bin einmal der Mann der Opposition und meine Bürgerpflicht gebietet mir, in der Opposition zu bleiben. Macht die Regierung den Staatswagen rollen – wohlan, ich bleibe fest auf der Höhe meiner staatsmännischen Mission und – werfe ihr Knüppel in die Räder‘?“
„Du willst doch nicht, daß ich glauben soll, Eure Regierungen hier ...“
„Ich will nichts, als daß Du Dich umschaust, prüfst, überlegst und dann erst urtheilst – als ein Mann ohne Vorurtheile. Seid Ihr nicht stolz darauf, Ihr drüben, keine Vorurtheile zu haben?“
„Ich denke, Dun wirst mir aber erlauben, so lange bei meinen Grundsätzen zu bleiben, bis ich herausfinde, daß sie Vorurtheile sind. Unterdeß will ich Dir den Gefallen thun und mit Dir aufbrechen, da es Deiner Excellenz doch nun einmal in diesem demokratischen Locale unbehaglich zu Muthe ist. Komm! Aber Eines sage ich Dir: In ein Ministerhotel bringen mich Deine umgespannten Regierungspferde, auch wenn sie alle zumal anziehen, nicht. Ich nehme Herberge bei meinem alten Freund Schallmeyer.“
„Aber, Vater,“ sagte Aurel erschrocken, „Deine Zimmer stehen in meinem Hause bereit – Du wirst doch bei Deinem Sohne wohnen?“
„Nimmermehr!“ versetzte der alte Herr bestimmt. „Soll ich mich da von Deinen Lakaien über die Achseln ansehen und von den Excellenzen, die Dich besuchen, durch ihre Pince-Rez beäugeln lassen, als wenn ich eine Rarität aus Barnum’s Museum wäre? Da kennst Du einen alten Republikaner schlecht. We live in a free country, Sir!“
„Aber ich bitte Dich, es sähe aus, als ob ich den Vater verleugnete ... schon deshalb bitte ich Dich dringend ...“
„Nichts da, nichts da! Ich kann Dir nicht helfen, mein Sohn. Du wirst mir den Weg zu Schallmeyer zeigen.“
„Wenn Du es willst, aber Schallmeyer ist nicht Hotelbesitzer mehr; er ist heruntergekommen und hält nur noch ein kleines Hotel garni, so viel ich weiß – jedenfalls bist Du besser bei mir aufgenommen.“
„Kann’s mir denken, wirst ganz behaglich einquartiert sein – Du hast ja nur in den Staatssäckel zu greifen – würde mir da aber nicht recht schmecken – müßt’ an den Schweiß der armen Unterthanen denken; wenn Dein Champagner auch noch so gründlich in Eis gekühlt wäre, müßte doch an den Schweiß denken, der daran klebt – ich gehe lieber zu Schallmeyer. Er ist heruntergekommen, sagst Du? Desto besser – wird der rechte Mann für mich sein – war’s schon damals, 1848 – findiger Kopf – hatte Schneid, der rothe Schallmeyer!“
Dabei blieb der alte Herr, und nachdem die Excellenz bezahlt hatte, verließen Beide den Garten; der Junge mit dem Reisesack trabte wieder voraus und so zogen dieser, der alte Volksmann von 1848 und der Ministerpräsident von heute friedlich selbander in die Stadt ein und gelangten in die dem Thore nahe Gasse, wo der heruntergekommene Schallmeyer sein kleines Zimmervermiethungsgeschäft in einem mehr trist als gastlich dreinschauenden alterthümlichen Giebelhause betrieb.
Es sah in der That nicht sehr einladend aus. Die alten Quadern, aus denen es aufgebaut war, hatten eine wunderliche Farbe, als ob sie mit einem grünlichen Moder bedeckt seien, und das Ganze sah aus den braungestrichenen Fenstern mit den kleinen Scheiben mit einer unfreundlichen Lebensmüdigkeit darein. Die ausgetretenen Steinstufen, welche an die Hausthür führten, waren so weit vorgeschoben, als wollte das alte Haus boshafter Weise den in der Gasse Vorübergehenden damit ein Bein unterschlagen. Aurel sah ein wenig beklommen zu dem Bauwerk auf, während der Junge mit dem Reisesack die Klingel zog.
„Also wirklich – hier soll Dein Hauptquartier sein?“ fragte Aurel mit einem Seufzer.
„Hier soll es sein. Und Du thust mir einen Gefallen, Aurel, wenn Du mich nun mit dem alten Freunde allein lässest; ich mache das Weitere am liebsten mit ihm selbst ab und lege mich dann auf’s Ohr, die Reisestrapazen auszuschlafen.“
„Und wann kommst Du zu mir?“
„Morgen – in der Frühe morgen! Wir werden dann gründlich Alles durchsprechen. Alles! Habe Dir auch noch allerlei zu erzählen. Noch allerlei wunderliche Dinge. Mach’ Dich gefaßt darauf! Bis morgen also!“
Er reichte Aurel flüchtig die Hand und wandte sich dann, um durch die unterdeß geöffnete Thür zu treten, die sich hinter ihm und seinem Gepäckträger schloß. Aurel sah sich von seinem wunderlichen „Governor“ auffallend brüsk verabschiedet.
Der alte Herr war unterdessen in das Haus eingetretenen; eine katzenhaft aussehende Frauensperson mit einer gefältelten Haube war ihm entgegengetreten und blinzelte nun, als ob ihr auf dem dunkeln Hausflur noch zu viel des Lichtes sei, fortwährend mit den kleinen müden Augen. Lanken fragte nach seinem alten Freunde, und die Sibylle ihm gegenüber rief nun nach dem rothen Schallmeyer.
