Pulver und Gold - Levin Schücking - E-Book

Pulver und Gold E-Book

Levin Schücking

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Beschreibung

In "Pulver und Gold" entwirft Levin Schücking ein eindringliches Bild der gesellschaftlichen Umbrüche und persönlichen Konflikte im späten 19. Jahrhundert. Durch einen feinfühligen und präzisen literarischen Stil verweben sich historische Ereignisse mit den Schicksalen seiner Protagonisten, die als Metaphern für den Kampf zwischen Tradition und Moderne stehen. Schückings meisterhafte Schilderungen und die detailreiche Ausarbeitung der Charaktere schaffen eine narrative Tiefe, die den Leser in die verworrene Welt dieser Epoche eintauchen lässt. Levin Schücking, ein herausragender Vertreter der deutschen Literatur, wurde 1868 geboren und prägte die literarische Landschaft seiner Zeit durch einen einzigartigen Blick auf soziale Fragestellungen. Sein Hintergrund als Theologe und seine persönliche Auseinandersetzung mit den Umwälzungen seiner Zeit verleihen seinen Erzählungen eine besondere Authentizität und Sensibilität. "Pulver und Gold" ist das Resultat dieser tiefen Reflexion und des unermüdlichen Strebens nach einem Verständnis menschlicher Psyche in der sich schnell verändernden Gesellschaft. Dieses Buch ist ein absolutes Muss für alle, die sich für die Verbindung von Geschichte, Gesellschaft und individueller Erfahrung interessieren. Schücking führt den Leser durch eine komplexe, gefühlvolle Erzählung, die sowohl emotional berührt als auch zum Nachdenken anregt. "Pulver und Gold" lädt dazu ein, nicht nur die Figuren, sondern auch die eigene Sichtweise auf die Herausforderungen des Lebens zu hinterfragen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Levin Schücking

Pulver und Gold

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547844228

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text
Den Mittheilungen eines Officiers nacherzählt von Levin Schücking.

Wir hielten auf einem Höhenzuge, den die vortrefflich gebaute und wohlerhaltene Chaussee – um die Obstbäume rechts und links waren sogar kleine runde Resedabeete angelegt – überstieg, um sich vor uns in ein weites muldenförmiges Thal niederzusenken. Eine weite, farbenreiche, aber wie träumend und weltentrückt daliegende Landschaft! Grüne Fluren, die Dächer der Dörfer in Grün gehüllt, grüne Waldstrecken, hier und da das Gewässer eines Flusses, der sich durch den fernen Grund schlängelte; jenseits desselben Aecker und Weinberge und leise anschwellende Hügel, über die dunkelviolette Tinten ausgegossen lagen, und, in hellere Bläue gekleidet, Bergzüge dahinter, über denen der Abendhimmel rosigen Schimmer breitete. Und über dem Allen Todtenstille! Wenn ich in eine solche mir fremde, im Abendsonnenlichte daliegende Landschaft blicke, hat sie für mich stets etwas Urweltliches, noch von Menschen nicht Berührtes, Unentdecktes, was mich in allerlei Träumereien versenkt. Es ist eben die überwältigende Macht des Eindrucks der Natur, der uns die Menschen in solch weiter großer Welt, und was darin geschehen, die „Geschichte“, vergessen läßt.

Zu solchen Träumereien hatte ich freilich jetzt sehr wenig Ruhe und Muße. In die still und abendlich da vor uns ausgebreitete Natur brachten wir eben Geschichte genug; in die friedliche Schlummerstimmung, in welcher das Gelände müde vor uns lag, brachten wir den Krieg, den hellen wachen Krieg; in die menschenleere stumme Umgebung unserer Straße schnaubten unsere Rosse hinein, es klirrten die Kinnketten und die Bügel, es klapperten die Säbelscheiden an den Flanken unserer Pferde, deren Hufe das Pflaster schlugen; über uns aber im Abendwinde flatterten die schwarzweißen Fähnlein unserer Lanzen.

Wir waren unser ein Dutzend. Ich, damals noch Vice-Wachtmeister, hatte sie zu führen … lauter frische und rüstige, heute bei dem schönen Herbstwetter fast muthwillige Reitersknechte, die sich nicht anfechten ließen, daß, während die Schwadronen, zu denen wir gehörten, im letzten, eine halbe Meile hinter uns liegenden Städtchen ruhig sich einquartiert hatten, wir noch eine tüchtige Strecke weiter reiten mußten.

Wir sollten, so lautete unsere Ordre, Chateau Giron besetzen; es lief da eine steinerne Brücke über den Fluß, und jenseits der Brücke kreuzte sich die Chaussee, auf welcher wir daher geritten kamen, mit einer anderen, die von Lure, den obern Oignon entlang in der Richtung nach Befangen lief, während unsere Chaussee geradezu auf Mömpelgard führte. Chateau Giron also war zur Bewachung des Ueberganges über den kleinen Fluß und des Kreuzungspunktes der Straßen jenseits ein nicht unwichtiger Punkt. Ich hatte Befehl erhalten, da Posto zu fassen, und von dort aus Recognoscirungspatrouillen auf das jenseitige Oignonufer auszusenden, während sich in unserm Rücken unsere Heermassen über Besoul auf Gray und auf Besançon vorschoben. Unser Rückhalt lag hinter uns in dem Städtchen Noroy, auf das wir uns zurückzuziehen hatten, wenn wir von Franctireurbanden in überlegener Stärke angegriffen worden wären.

Daß die Gegend nicht frei von diesen Banden war, sollten wir noch ein diesem Abende wahrnehmen. Als wir etwa eine Viertelstunde weiter getrabt waren, sahen wir plötzlich, auf einer neuen Bodenerhebung angekommen, unter uns in der Tiefe des Thalgrundes einem Trupp dieser blaubekittelten Miliz … sie waren zu fern, um sie an ihrer primitiven Uniform zu erkennen, aber die Läufe ihrer Flinten blitzen in den letzten Strahlen der Sonne, wie sie in großer Hast durch eine Allee dahineilten, welche von der Chaussee rechtsab auf ein stattliches herrschaftliches Gebäude zuführte. Sie umgaben einen mit einem Tuche überspannten Karren, der von zwei voreinander gespannten Pferden gezogen wurde … wir konnten wahrnehmen, wie sie in hastiger Flucht auf die Pferde einhieben, um sie im Laufen zu erhalten. Es mochten ihrer zehn oder ein Dutzend sein – ein Reiter führte sie, in welchem einer unserer Ulanen, der sich eines Perspectivs erfreute, einen Gensd’armen erkennen wollte.

Der Karren, den sie führten, mußte, so schlossen wir aus ihrer Eile, ihn in Sicherheit zu bringen, Verwundete enthalten – vielleicht auch flüchtige Weiber und Kinder aus der Nachbarschaft, die, beim Anblick unserer Lanzenfähnlein von Schrecken ergriffen, sich vor uns deutschen Barbaren in Sicherheit bringen wollten.

Zwischen den Vorgebäuden des Edelhofes verschwand der ganze Haufe.

Es mußte Chateau Giron sein, dieser Edelhof, just der, den wir besetzen sollten. Wenn die flüchtige Bande sich da hineinwarf und es vertheidigte, so hatten wir die Aussicht auf ein kleines Gefecht, bevor wir und unsere Thiere zur Ruhe kamen. Doch war es nicht wahrscheinlich, daß sie den gefürchteten Ulanen die Stirn bieten würden. Ihre Flucht da unten durch die Allee deutete auf panischen Schrecken.

Wir setzten also ruhig unsern Marsch fort, erreichten die Allee und bogen in sie ein. Ich sandte zwei Eclaireurs vorauf. Sie kamen, nachdem sie den Schloßhof überblickt, mit der Meldung zurück, daß sich kein Feind dort mehr sehen lasse, und Alles sicher scheine. Unser Schwarm hielt bald vor dem eisernen Gitterthor des Schlosses; ein äußerst verdrossen ausschauender Mann in blauem Kittel öffnete es; jenseits eines Rasens, der den Schloßhof ausfüllte, erhob sich das Herrenhaus. Auf dem Treppenperron stand eine Gruppe von Leuten, die unser Nahen neugierig beobachteten. Ich nahm eine Dame von hoher schlanker Gestalt und einen Geistlichen darunter wahr.

Zur Rechten des Hofes, in der Ecke, wo eine niedrige Mauer mit einem Gitterthörchen das Herrenhaus mit einem der vorspringenden Nebenhäuser verband, stand ein Karren, der ganz so aussah, als müsse es der sein, den wir inmittten der flüchtigen Franctireurs wahrgenommen. Von den Letzteren war nichts mehr zu gewahren.

Ich ritt vor, der Schloßtreppe zu; der Geistliche, ein Mann in noch jungen Jahren, mit scharfen Zügen und bleichem Teint, und jenem unterschlächtigen Blicke der dunklen Augen, welcher eher vor Vertrauen warnt, als dazu ermuthigt, stieg die Treppenstufen herab, mir entgegen. Zugleich sah ich die Dame bei unserer Annäherung sich wenden und in das Innere des Gebäudes zurückgehen; doch hatte ihre Bewegung nichts Fluchtähnliches; sie ging so ruhig die paar Schritte über den breiten Perron und in das offenstehende Portal hinein, als ob es sich bei der Verhandlung mit uns um ein Alltägliches handle, das sie den Leuten überlassen könne.

„Was ist des Herrn Begehren?“ sagte der Geistliche, auf der untersten Treppenstufe stehen bleibend, in gutem, nur vom elsässer Dialect gefärbtem Deutsch.

„Der Krieg, ehrwürdiger Herr,“ versetzte ich, aus dem Sattel springend, „bringt unterschiedene Gäste: zwölf Rosse, zwölf Reiter; ich selbst bin der verhängnißvolle dreizehnte; für die Rosse begehren wir Futter und Stall, für die Reiter Kost und Quartier; auf wie lange, das wissen wir nicht; hoffentlich lange genug, um Ihnen den Beweis zu geben, wie liebenswürdige und anspruchlose Leute wir sind, wenn man uns liebenswürdig und freundlich entgegenkommt.“

Die Gesichtszüge des Geistlichen hatten sich während dieser Mittheilung verlängert, und waren womöglich noch bleicher geworden. Auch sah ich, daß die Gruppe von Leuten, dem Aeußern nach Domestiken, auf dem Perron über mir in eine gewisse Bewegung gerieth – sie flüsterten wie erschrocken zusammen. Es mußten also mehrere unter ihnen sein, die Deutsch verstanden.

„Sie wollen sich hier einquartieren, auf mehrere Tage?“ fragte der Geistliche, viel weniger laut, als er anfangs gesprochen.

„Sie brauchen nicht darüber zu erschrecken,“ versetzte ich, „es sei denn, Sie hätten den Haufen Franctireurs, den wir vorhin wahrnahmen, hier im Hause verborgen. Es würde alsdann unserer Einquartierung eine kleine Störung des Hausfriedens vorhergehen müssen, den wir sonst in keiner Weise zu unterbrechen gedenken.“

„O nein, mein Herr,“ fiel der Geistliche ein, „diese Leute haben sich vor Ihnen geflüchtet; sie sind durch unsere Gärten gelaufen, um auf das andere Ufer des Oignon zu kommen, vielleicht haben sie zu ihrem bessern Schutze sogar die Brücke unzugänglich gemacht.“

„So, so,“ sagte ich, den Herrn ‚Curé‘ fixirend. „Seltsam, daß sie alsdann nicht geradeaus der Chaussee folgend über diese Brücke geeilt sind, sondern den bedeutenden Umweg rechts ab über diesen Hof, dieses ‚Schloß‘ gewählt haben!“

Der Geistliche zuckte mit den Schultern.

„Was hatten sie in jenem Karren geborgen?“

„Ihre Tornister, ihre Munition …“

„Und das haben sie hierher in Sicherheit gebracht?“

„Nur den Karren. Sie hatten den Karren mit zwei Pferden gestern Morgen hier requirirt und haben ihn hierher wieder abgeliefert; den Inhalt haben sie unter sich vertheilt und mit sich genommen.“

„Ihre Franctireurs sind außerordentlich ehrliche Leute,“ sagte ich; „auf eiliger Flucht vor uns scheuen sie doch den Umweg nicht, das requirirte Gefährt seinem Eigenthümer zurückzustellen; und sie senden nicht etwa den Fuhrknecht damit heim, sondern begleiten ihn selbst zu größerer Sicherheit, bis sie ihn richtig an seiner Stelle sehen …“

„Daß sie den Umweg machten, scheint mir doch natürlich,“ entgegnete der Geistliche; „auf der Chaussee wären sie bald von Ihnen eingeholt worden; durch unsere Gärten und Gehölze dahinter laufend waren sie sicher, von Reitern nicht verfolgt werden zu können!“

Diese Bemerkung war richtig. Es ließ sich Nichts darauf erwidern. Meine Cameraden, die längst abgesessen waren und unter das Linnendach des Karrens geblickt hatten, bestätigten, daß er entladen sei, es lagen noch ein paar alte einläufige Flinten mit Steinschlössern, ein paar Pferdedecken und die Ueberreste von Brod und Käse, alte Zeitungen, eine Feldflasche von der großen, mit grünem Tuche überzogenen Art und ein rothes Militärkäppi darauf.

Das waren nun freilich keine Beutestücke, um sich weiter darum zu kümmern, und wir wandten uns den Ställen zu; sie lagen in dem niedrigen Gebäude rechts, und über ihnen in einem Kniestock vier oder fünf Kammern für Knechte oder Gesinde; der Mann, welcher uns das Thor geöffnet, zeigte sie uns, und nachdem wir die Ackerpferde unten entfernen lassen und die unseren untergebracht, nahmen wir Besitz davon – es war eine vortreffliche kleine Caserne, in der wir Quartier gefunden, ein Alarmquartier, wie wir es wünschen mußten; die Thiere unten, die Mannschaft darüber, und Alles dicht beieinander. Für mich selbst und den ehrlichen Kriegsgefährten, den der Officier seinen Burschen, der Unterofficier und Freiwillige seinen „Putzcameraden“ nennt, bat ich, ein besseres Quartier im Herrenhause auswählen zu dürfen, und fand gleich beim Eintritt in das Haus ein im ersten Stock über den Souterrains liegendes, sehr schön und reich möblirtes Empfangszimmer, hinter dem ein Fremdenzimmer mit einem großen Himmelbette lag; in einer Garderobe, die daran stieß, ließ ich meinen Cameraden sich einlogiren, um ihn in meiner Nähe zu halten. Dem geistlichen Herrn, der mich führte, schien diese Wahl sehr störend – vielleicht fand er es sehr anmaßend, daß ich sie ohne Weiteres occupirte; aber ich achtete nicht darauf und machte ihn mit Dem bekannt, was uns als Verpflegung zukomme.

Eine Stunde später wurde uns denn auch in dem großen Gesindezimmer neben der Küche ein gutes und reichliches Nachtessen aufgetragen. Der Knecht bediente uns, der weibliche Theil der Dienerschaft ließ sich nicht blicken; als wir fast zu Ende waren und, nachdem der geschärfte Appetit gestillt, die Ermüdung unserer Glieder von dem langen scharfen Ritt doppelt zu empfinden begannen, trat noch der Geistliche ein; er kam zu mir, verbeugte sich und fragte mit einer sanften und wohllautenden Stimme, ob wir zufrieden seien oder noch Wünsche hätten. Dabei holte er einen Stuhl herbei, den er neben dem meinen an’s obere Ende des Tisches stellte, wie um eine längere Unterhaltung zu beginnen.

„Wir sind immer zufrieden, ehrwürdiger Herr,“ versetzte ich, „wo wir mit der Freundlichkeit aufgenommen werden, welche Sie durch diese Frage an den Tag legen – darf ich Ihnen von unserem Weine einschenken?“

Der Geistliche bat darum, ein Cigarre, welche ich ihm bot, lehnte er ab.

„Sie sind Ulanen?“ sagte er, einen forschenden Blick über die meist blonden und treuherzigen deutschen Physiognomien meiner zwölf Tischgenossen streifen lassend.

„Sie sehen es an unserer Ausrüstung.“

„Ich habe nie sicher erfahren können, aus welcher Gegend Deutschlands,“ fuhr er fort, „die Ulanen stammen – und,“ setzte er wie zögernd hinzu, „welcher Confession sie sind!“

Ein schallendes Gelächter war die unmittelbare Antwort, die der geistliche Herr erhielt, obwohl ich Alles that, es zu unterdrücken, damit er sich nicht beleidigt fühle.

„Die Ulanen,“ fiel ein muthwilliger junger Freiwilliger ein, der vor Wochen erst in beschleunigtem Tempo sein Abiturienten-Examen gemacht hatte, um dann sofort in’s Heer einzutreten, – „die Ulanen sind ein verlorener Zweig der alten Hunnen, der sich in den Waldgebirgen des Harzes gehalten hat; als Attila 451 auf den catalaunischen Feldern geschlagen war, retteten diese unbändigen Wilden sich mit ihren Nationalgottheiten auf den Blocksberg, wohin alles Volk Galliens sie ja längst gewünscht hatte, und führten da ein tolles Reiterleben, immer im Sattel und auf dem Rücken ihrer Pferde, auf dem sie geboren werden, heirathen und sterben. Ein bewundernswürdiges Volk, sagt schon Tacitus in seiner Germania – groß durch seine rauhen Tugenden! Was aber ihre Confession angeht, so bedaure ich, Ihnen erröthend gestehen zu müssen, daß sie schon unter Kaiser Valens zum Arianismus bekehrt wurden. Sie sind sammt und sonders Arianer, die, wie Sie ja wohl wissen werden, nicht ganz an die Göttlichkeit Jesu glauben.“

Diese Erklärung wurde mit dem trockensten Tone und der ernstesten Miene von der Welt vorgebracht, aber wieder mit schallendem Gelächter aufgenommen.

„Wenn,“ fuhr der Eulenspiegel in der Reiteruniform, ohne sich dadurch irre machen zu lassen, fort, „dieser Umstand, daß sie in ketzerischer Verstocktheit die Definitionen des Concils von Nicäa über das berühmte Homousios verwarfen, sie nicht Ihrer weiteren Theilnahme unwürdig erscheinen läßt, hochwürdiger Herr, so darf ich zu weiterer Aufklärung über diesen tapferen Volksstamm hinzufügen, daß derselbe unter seinen nationalen Eigenschaften einen wunderbaren Spürsinn besitzt, welcher seine einfache, mit einer glatten Eisenspitze und einem schwarzweißen Wimpel verfehlte Lanze zu einer ganz famosen Wünschelruthe macht, die aber nicht da, wo eine Wasserader sprudelt, sondern da, wo edles Rebenblut in tiefen Kellerverstecken verborgen ist, stehen bleibt! Meine Cameraden werden mir bezeugen, daß wir trotz unserer Ketzerei darin Wunder thun!“

„Farceur!“ murmelte der Geistliche, „Possenreißer!“ während die Uebrigen wieder auflachten.

„Nehmen Sie meinem Cameraden seine Scherze nicht übel,“ sagte ich; „wir treffen hier in Frankreich mitunter auf eine so merkwürdige Unkunde deutscher Verhältnisse, auf so seltsame Vorstellungen von unserem Lande, daß es natürlich ist, wenn wir Anfällen von Heiterkeit dabei nachgeben …“

„Es thut mir leid,“ sagte der Geistliche, „daß meine Frage über die Herkunft der Ulanen eine solche Unkunde verrieth, die die Lachlust der Herren reizte. Ich bin wenigstens belehrt, daß dieser Volksstamm neben seiner kriegerischen Tüchtigkeit eine ausgezeichnete Schulbildung besitzt – unsere Troupiers ist man nicht gewöhnt, von Attila, Arianismus, dem Kaiser Valens und dem Concil von Nicäa reden zu hören! Sind Ihre Cameraden alle so gelehrt?“

„Dafür kann ich nicht einstehen,“ antwortete ich lachend; „möglich immerhin, daß Einer oder der Andere von uns es noch bis zum Präsidenten einer gelehrten Akademie bringt. Nur mich muß ich bescheiden davon ausnehmen. Das Einzige, was ich in der Gelehrsamkeit geleistet, ist eine ziemlich mühsam zusammengeschriebene Doctordissertation!“

„Ah … Sie sind Doctor? Doctor – und … Unterofficier? Wie ist das möglich?“