Das Capital - Levin Schücking - E-Book

Das Capital E-Book

Levin Schücking

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Beschreibung

In "Das Capital" entblättert Levin Schücking eingehend die fundamentalen Strukturen und Dynamiken der kapitalistischen Ökonomie. Mit einem scharfen analytischen Blick und einer literarischen Präzision lotet er die sozialen, politischen und ökonomischen Implikationen von Wirtschaftssystemen aus, wobei er sich sowohl auf theoretische als auch auf praktische Aspekte stützt. Der stilistisch herausragende Text ist nicht nur ein tiefgründiger Kommentar zur Ökonomie, sondern auch ein kritisches Plädoyer für soziale Gerechtigkeit und Ökonomie im Dienste des Menschen, gewebt in die Fragestellungen und Strömungen seiner Zeit. Levin Schücking, ein scharfsinniger Denker des 20. Jahrhunderts, zielt darauf ab, das Verständnis der gesellschaftlichen Verhältnisse zu vertiefen. Als Sozialwissenschaftler und Kritiker wurde er von den politischen Umwälzungen seiner Epoche sowie von den Herausforderungen der industriellen Moderne geprägt. Schückings umfassende Studien zu sozialen Bewegungen und wirtschaftlichen Theorien reflektieren sein Bestreben, Gleichgewicht zwischen ökonomischer Effizienz und sozialer Verantwortung herzustellen. Dieses Buch ist für Leser gedacht, die sich intensiv mit den Prinzipien des Kapitalismus auseinandersetzen möchten. Schückings analytische Schärfe und kritische Sichtweise machen "Das Capital" zu einem unverzichtbaren Werk für jeden, der die Mechanismen wirtschaftlicher Macht und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft verstehen will.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Levin Schücking

Das Capital

Eine umfassende Analyse und Kritik des 19. Jahrhunderts Kapitalismus: Wirtschaftsgeschichte, Sozialkritik und die Suche nach gesellschaftlicher Veränderung
Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547842439

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text

Das Capital

Inhaltsverzeichnis
Das Capital.
Erzählung von Levin Schücking.
1.

Der Fluß, an welchem unsere Geschichte spielt und auf dessen zahlreichen festgemauerten Brücken und leichtgezimmerten Plankenstegen sich ein reges Leben entwickelte, war von allerlei schmutzigen Wassern, welche aus den naheliegenden weitausgedehnten Fabrikanlagen sich in ihn ergossen, trübe gefärbt. Sie verdarben sein reines klares Bergwasser und gaben ihm die häßliche laue Wärme, die sich an kalten Morgen und Abenden in dem leichten grauen Dampfe zeigte, der über den aus Steingeröll und zwischen Felsbrocken dahinschießenden Wassern leise aufwärts zog.

Und wie den Fluß, so hatten die gewaltigen weithin sich erstreckenden Fabrikgebäude mit ihren öden kahlen Ziegelsteinmauern, mit ihren noch öderen und kahleren Ziegeldächern und ihren langweiligen Essen, mit ihrem qualmenden Rauche und ihrer abscheulichen Umgebung von höher und höher wachsenden Schlackenaufschüttungen die landschaftliche Schönheit des einst in seinem Waldkranze so sonnig und friedlich daliegenden Thals verdorben. Rund um sie her war der alte stattliche Bauerhof wie die kleine ländliche Siedelung, die sich mit ihrem warmen Strohdach unter den Wipfeln alter grauer Eichen barg, verschwunden. In weitem Bereich standen zahllose Arbeiterwohnungen, für viele Familien zugleich berechnet, umher und entwickelten mit ihrer melancholischen Verkommenheit eine stumme und herzbrechende Beredsamkeit für die socialistischen Ideen, die bis jetzt leider nur ihre Insassen vielfach wirre und confus gemacht, aber nicht dazu beigetragen hatten, diese Häuser reinlicher, ihre Umgebung fleißiger gepflegt und ordentlicher zu machen, oder die Leute auf den Gedanken zu bringen, daß zerbrochene Scheiben, statt durch vorgeklebtes Papier oder durch zusammengeballte Lumpen, zweckmäßiger durch neues Glas ersetzt würden.

Nur drüben an der anderen, der linken Seite des Flusses lagen auf den niedrigen Vorhügeln des mäßig hohen Waldgebirges noch einzelne der alten Höfe der ursprünglichen Sassen, die einst das ganze Thal beherrschten, bevor die Entdeckung bedeutender Bodenschätze in der Nähe großer und unschwer zu verwerthender Wasserkraft die Industrie herbeigezogen hatte. Hier lag auch ein hübsches kleines Haus mit einem wohlgepflegten Garten davor, weiß verputzt, besponnen mit Reben, die sich zur rechten Seite des Hauses über einen kleinen von weiß angestrichenen Holzständern gehaltenen Laubgang legten, und mit hellen Fenstern hinableuchtend auf das grüne Thal und die häßlichen chaotischen Industrieflecken mit seinen rauchgeschwärzten Dächern und schwarzen Schlackenfeldern darin. Weiter unten schlug der Fluß einen Bogen um eine Ecke des Bergwaldes, die ihm von links her in den Weg trat; hier lag zu seiner rechten Seite ein größeres Gebäude, im schmucken modernen Villenstil mit Terrasse und Veranda, mit hübschen englischen Gartenanlagen rings umher, durch welches sich zwischen den Rasenstücken breite, mit schwarzem Schlackenstaub bedeckte Wege zogen; es war das offenbar der Sitz des das rastlose Treiben und Wirken weiter aufwärts belebenden Princips, des schaffenden und lenkenden Genius des Orts, des „Eins und Alles“ dieses industriellen Mikrokosmos, des „Capitals“.

Was weiter in diesem enger umschlossenen Stück der Landschaft das Auge fesselte, war links, jenseits der mit Fruchtfeldern bedeckten Halde, die nach dem Fluße hinab in grüne Wiesen verlief, der scharfabgeschnittene Saum eines schönen alten Hochwaldes. Er zog in gerader Linie zum Ufer des Gewässers hinab und auf der mittleren Höhe etwa lehnte sich an ihn ein malerischer alter Edelhof mit Zackengiebeln, mit Thürmen und Fahnen; es war als habe die hochmüthige Feudalität sich vor dem Fabrikenlärm, Schmutz, Rauch und Getriebe auf die Flucht begeben und sei von ihm fortgerückt, so weit nur irgend möglich, bis hart an den Hochwald, der die Flucht gehemmt und an den sie nun, wie in seinem Schatten Schutz suchend, sich voll „patriotischer Beängstigungen“ drücke.

Aber das Capital, oder vielmehr sein Vertreter und Besitzer, war in diesem Augenblicke weit entfernt, sich mit der Feudalität, ihren Neigungen und Gefahren zu beschäftigen; der Fabrikherr Gottfried Escher, ein Mann, den Fünfzigern nahe, eine große kräftige Gestalt, mit gewinnenden, sehr festen und große Entschlossenheit andeutenden Zügen – dafür sprach das breite Kinn und die tiefe nie schwindende Furche zwischen den dunklen Brauen – saß eben jetzt in sehr nachdenklicher Haltung unter einer erhöht liegenden Laube seines Gartens. Herr Escher schien mehr mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt; er saß ein wenig zusammengesunken auf der Bank, hatte seine Cigarre ausgehen lassen und blickte sinnend auf den Boden; neben ihm saß ein sehr hübsches schlankes Mädchen, seine älteste Tochter, und hielt, während ihre Hände im Schooße ruhten, ihr feines, regelmäßiges Profil von ihm abgewandt, so daß ihre klugen braunen Augen mit einem wehmüthig ernsten Ausdruck auf dem kleinen weißverputzten Hause ruhen konnten, das jenseits des Flusses auf der Höhe lag.

Nach einer langen Pause blickte Herr Escher auf und beobachtete eine Weile still die Blicke seiner Tochter.

„Elisabeth!“ sagte er endlich leise.

Sie erschrak leicht und wandte erröthend dem Vater ihr Gesicht zu, um ihm doch nun offen und gerade in’s Auge zu blicken.

„Wo sind Deine Gedanken, Kind? Drüben unter Deines Oheims Gotthard Dache?“

Sie nickte leise mit dem Kopfe, um dann ihr Haupt wieder zu wenden und in dieselbe Richtung zu schauen.

„Es ist traurig,“ fuhr Herr Escher nach einer Pause fort, „daß wir Alle zu einem so hartnäckigen zähen Geschlechte gehören – wir Alle, ausgenommen freilich Malwine, die wieder gar zu wenig von dieser Festigkeit besitzt und sich vom Leben schaukeln und tragen läßt, wie eben des Lebens Wellen sie werfen. Für sie aber bin ich Gott sei Dank nicht mehr verantwortlich, und ob die nächste Welle, die sich ihrer bemächtigt, Herr von Maiwand heißt oder einen andern Junkernamen führt, ist mir völlig gleichgültig. „Was mich kümmert“ – Herr Escher sagte das mit leiser Stimme –, „das ist, daß Dein Herz noch immer an Rudolph zu hängen scheint, so energisch ich Dir erklärt habe …“

„O ja,“ fiel hier Elisabeth ein wenig bitter ein, „Deine Energie ließ nichts zu wünschen übrig; wohl aber die Erklärung.“

„War sie nicht deutlich genug? Daß ich nicht zugeben kann, nicht zugeben werde …“

„Das habe ich freilich verstanden,“ unterbrach ihn das junge Mädchen, „nicht aber das Warum.“

„Wende Dich doch an Malwine!“ versetzte heftig Herr Escher, „sie wird’s Dir erklären können – ich will es nicht, weil ich mir das gelobt habe um meines Bruders Gotthard willen. Deshalb kommt das Warum nie über meine Lippen.“

Elisabeth sah ihn groß an.

„An Malwine soll ich mich wenden? Was weiß Malwine von Deinen Beweggründen? Sie würde mir lachend antworten: ‚Ei, blinde Elisabeth, Dein Vater will eben seine einzige Tochter nicht an einen untergeordneten Techniker, der nicht viel mehr ist als ein armer Maschinenschlosser, geben – das ist eine einfache Sache.‘“

„Das würde sie nicht sagen; dazu kennt sie meine Denkungsart zu gut. Wir alle sind Leute, wir Escher, die ihr Leben auf die eigene Kraft gegründet haben, und wenn Hochmuth in uns ist, so richtet er sich nicht wider Die, welche im Kampfe mit dem Leben nach demselben Ehrenpreise ringen, sondern höchstens wider Die, die sich über uns erhaben dünken, weil sie nichts ihrem Verdienste verdanken, sondern Alles dem Glücke und dem Vorurtheile der Anderen, dem Knechtssinne der Welt. Nein, Elisabeth. Malwine würde das nicht zu Dir sagen; aber eine andere, bessere Auskunft über meine Motive würde sie Dir auch wohl nicht geben. Ich zweifle, daß sie es würde. Sie müßte dazu von ihren früheren Beziehungen zu Rudolph reden – damals, als sie noch Sängerin war und Rudolph in der Hauptstadt in einem Kaufmannsgeschäfte diente.“ – –

„Und was,“ fiel Elisabeth betroffen und heftig ein, „was für Beziehungen hatten sie denn zu einander? Welche anderen, als die zwischen einer berühmten und gefeierten Sängerin der Hofbühne und einem armen Commis, der ihr Vetter ist, bestehen konnten?“

„Danach frage mich nicht weiter! Ich will Dir nur, wenn Du mir heiliges Schweigen darüber gelobst, das Eine sagen, daß diese berühmte Sängerin dem Commis ihr ganzes Vermögen opferte, nachdem der Commis sich in die unehrenhafte, ja gründlich unehrenhafte Lage gebracht hatte, es annehmen zu müssen. Nun hast Du Alles gehört, was ich Dir sagen kann. Du wirst darüber schweigen – gegen Jedermann. Es muß darüber geschwiegen werden, und ich verlange das von Dir. Und im Uebrigen vertraue mir, meiner Liebe und Sorge für Dich! Thust Du es, Elisabeth? Gieb mir die Hand darauf, mein Kind!“

Elisabeth’s Augen waren feucht geworden; groß und betroffen blickte sie ihren Vater an und legte langsam ihre Hand in seine Rechte.

„So,“ sagte er, „und nun quäle mich nicht mehr! Ich kann Dir von diesen früheren Beziehungen Malwinens und Rudolph’s nicht mehr sagen, dem Gelöbniß, das ich mir selbst gegeben, nie darüber zu sprechen, nicht weiter untreu werden. Was ich Dir eben sagte, hat mir die Lage, in welcher ich mich befinde, entrissen; Du weißt, Elisabeth, welche Wolke über mir hängt und welche Sorge auf mir liegt. Wenn ein Mann dem Kampfe mit der Welt um ihn her entgegen geht, will er Frieden haben daheim, an seinem eigenen Herde. Ich konnte Dich nicht so in trübe Gedanken verloren und gegen mich empört, mir grollend, dasitzen sehen. Ich kann es nicht ertragen, jetzt nicht, daß Du mich verkennst.“

„Ich grolle Dir nicht, Vater; ich weiß, daß Du mich liebst,“ versetzte Elisabeth und neigte ihr Gesicht, über das jetzt Thränen quollen, auf seine Schulter, auf die sie ihre Stirn drückte.

Nach einer Weile hob er ihr leise das Gesicht, drückte einen flüchtigen Kuß auf ihren Scheitel und stand auf, um gesenkten Hauptes, die Hände auf den Rücken zusammengelegt, dem Hause zuzugehen. Er war offenbar mit den eigenen Sorgen viel zu beschäftigt, um noch lange bei dem Kummer seiner Tochter verweilen zu können … es war das eben nur ein Liebesgram, und – das wußte er ja – sein Kind war verständig, klar, entschlossen; sie war sein Blut. Das, was er ihr gesagt, mußte sie beruhigt haben.

Wie wenig ahnte er, welchen Stachel seine Worte für sie gehabt hatten! wie schmerzlich das Licht ihr in’s Herz brannte, das er ihr über die frühern Beziehungen des Mannes, den sie liebte, zu der Verwandten, welche diesem ihr Vermögen geopfert hatte, gegeben. O, es wäre tausendmal besser gewesen, er hätte sie weiter glauben lassen an seinen harten Hochmuth, als ihr solche halbe bittere Enthüllungen zu machen.

Sie stand auf, und als ob es sie nicht mehr an einer Stelle ruhen lasse, schritt sie mit allen Zeichen heftigster Erregung auf dem langen Pfade auf und ab, der zwischen den Anlagen und der sie umgebenden Mauer, durch Gebüsch verdeckt, dahin lief.

Nach einer Weile kam ihr hier ein hübscher Knabe von etwa zwölf Jahren mit wehendem blondem Haare entgegengelaufen, der sich ungestüm an ihre Brust warf und dann weiter eilen wollte.

Sie ergriff seine Hand und hielt ihn fest.

„Wohin, wohin so stürmisch, Karl?“

„Ich will sehen, wieviel Erdbeeren gereift sind; ich will Herrn Landeck davon bringen – er liebt sie.“

„Ist denn die Unterrichtsstunde schon zu Ende?“

„Gewiß, es ist fünf Uhr, und Herr Landeck ist nach Haldenwang gegangen.“

„Schon wieder nach Haldenwang?“

„Ja, zu Cousine Malwine; gehen wir nicht auch einmal zu ihr, Elisabeth?“

„Er war, denk’ ich, noch vor wenigen Tagen dort,“ bemerkte Elisabeth, ohne die Frage zu beantworten.

„Noch vorgestern,“ versetzte Karl; „er hat ja, weißt Du, in Griechenland gelebt, und Du glaubst nicht, wie hübsch er mir davon erzählt. Und er wird mit der Cousine Malwine, die auch dort war, davon reden wollen.“

„Freilich, er wird mit ihr von dem, was sie nun beide kennen, reden wollen,“ entgegnete Elisabeth mit einem flüchtigen ironischen Lächeln, indem sie die Hand ihres Bruders losließ, der zu seinen Erdbeeren davonlief.

„Der elegante Herr Landeck,“ sagte sie sich dann bitter lächelnd, „scheint also auch in den Fesseln der schönen Cousine zu liegen – hat ihn am Ende ganz etwas Anderes in diese Gegend geführt, als die Absicht, Karl’s Erziehung zu leiten, wie wir gutmüthig genug glauben?“

Dabei blieb sie stehen, und mit einem eigenthümlichen Ausdrucke von Schmerz und Zorn blickte sie über die Parkmauer fort auf den drüben jenseits des Flusses liegenden malerischen Edelhof am Walde mit der wehenden Fahne darauf. –

2.

Trotz der Gefahren, die das „Capital“ der Feudalität da oben etwa hätte prophezeien können, flatterte noch heute die Fahne sehr lustig auf dem Edelhofe; sie wehte hoch genug, um in anmuthig bewegtem Spiele ihre Falten dahin fließen zu lassen, und unten am Fuße des Thurmes, auf dessen Höhe sie dieses coquette Spiel trieb, erging sich die Feudalität in heitersten Gesprächen unter einem schönen, von wildem Wein überzogenen, von leichtem Eisengußwerke angerichteten vorhallenartigen Bau, der, über mehrere Treppenstufen erhöht, vor den Sommergemächern des unteren Stockes lag.

Es war eine junge Frau in Trauerkleidern, um welche sich die übrige Gesellschaft wie um ihren Mittelpunkt gereiht hatte, und die doch noch viel zu jugendlich anziehend, viel zu sonnig-heiter, viel zu strahlend aussah, um ihre Aufgabe, ernste Feudalität zu vertreten, mit dem rechten Geschick lösen zu können. Es hätte dazu eines düsteren gestrengen Ritters als Gemahls, eines grauen Burgvogts oder wenigstens einer sauer dreinschauenden Duenna neben ihr bedurft. Gestalten solch würdevoller Art aber fehlten gänzlich. Die Gesellschaft bestand aus sehr modernen Leuten, aus einem etwa sechsunddreißig Jahre alten Herrn in Civil, der aber mit seinem dunklen Schnurrbarte, seinem kurzgeschorenen Haare, seiner ganzen Haltung, einen sehr militärischen Eindruck machte, einem zweiten Herrn in demselben Alter etwa und durchaus nicht militärisch, sondern mit seiner angenehmen Fülle und seinem harmlosen Wesen sehr bürgerlich aussehend, und endlich aus einem dritten, jüngern Manne von noch nicht dreißig Jahren mit einem höchst ausdrucksvollen Kopfe. Er hatte eine hohe gedankenreiche Stirn, „schön gereimte“ und stolze Lippen und ein Wesen, daß man ihn am ersten für einen Diplomaten oder einen der bessern Gesellschaft angehörenden Künstler gehalten hätte. Neben dieser um einen runden Tisch versammelten Gesellschaft stand an einem „stummen Diener“ im Hintergrunde ein schlankes junges Wesen, beschäftigt mit Hülfe eines Lakaien in Livree, der ab und zu ging, den Herrschaften den Thee zu bereiten.

„Ihnen, Doctor,“ hatte sich die junge Frau in Schwarz eben dem behäbigen, wohlgenährten Manne zugewendet, „Ihnen soll ich einmal zum Amüsement etwas vorsingen? Was Sie sich einbilden! Ich werde meine gute Lini bitten, daß sie hineingeht und Ihnen einige Chopin’sche Notturnos oder etwas dem Aehnliches vorspielt, wenn Sie nach Musik dürsten. Unterdeß werde ich den Vortheil haben, daß Sie, aus Höflichkeit schweigend zuhören müssen und mich nicht durch Ihre gräulichen Krankengeschichten quälen dürfen.“

„Aber das ist sehr grausam von Ihnen, Frau Baronin,“ versetzte der Doctor, „da ich Sie nie singen hörte. Es ist auch unvorsichtig von Ihnen, mich durch solche Grausamkeit zu reizen. Wenn ich Ihnen nun zur Strafe bei Ihrem nächsten Migräneanfall die Medicin so einrichtete, daß Sie eine volle halbe Stunde länger harren müßten, bevor die Schmerzen Sie verließen?“

„Ah – das könnten Sie? Welche Giftmischer Ihr Alle seid!“ lachte der militärisch aussehende Herr mit einer unangenehm scharfen Stimme auf – es war viel Metall in der Stimme, aber dieses Metall war zu sehr Schneidigem, Spitzem verarbeitet.

„Ob ich es könnte? Gewiß – je nachdem ich die Dosen meines Recepts bestimmte, könnte ich es, Herr von Maiwand.“

„Es ist wahr,“ sagte jetzt die Baronin, plötzlich sehr ernst, „es ist Euch Leuten eine furchtbare Macht gegeben, und es kommt mir dabei der Gedanke, wie erschreckend viel von unserm Glück, von unserm Wohlsein, von unserm Lebenkönnen abhängt von der Güte anderer Menschen – von dem Nichtgebrauch der Macht, die sie über uns haben. Wie sind wir wehrlos in die Hände solch eines Arztes gegeben! oder jedes Briefboten, dem es einfiele, einen wichtigen Brief in den Ofen zu stecken, statt sich die Mühe zu machen, ihn uns zu bringen! Wie könnten wir uns nach keiner Seite hin bewegen, nichts thun, nichts ausführen, wenn nicht alle die Menschen, deren wir bedürfen, auch die Ehrlichkeit hätten, zu thun, was wir voraussetzen, daß sie thun werden! Wenn man sich das vorstellt, sieht man ein, wie das ganze Leben auf Ehrlichkeit und Güte beruht.“

„Von dieser allgemeinen Güte der Menschen möchte ich doch nicht gerade viel Wesens machen,“ fiel hier der jüngere Mann ein, „sie sind eben gezwungen, verträglich, ehrlich und gut zu sein, weil sonst die Welt einstürzen und sie mit sich begraben würde. Was ich,“ setzte er mit einem Anflug von Ironie hinzu, „mehr als diesen allgemeinen Nichtgebrauch ihrer Macht, uns schaden zu können, wegen dessen Sie die Menschen loben, was ich mehr als das verehre, ist bei schönen Frauen der Nichtgebrauch ihrer Macht.“

„Weil er seltener ist?“ fragte lächelnd der Doctor.

„Weil das Gegentheil ungestrafter bleibt und mehr Unheil anrichtet.“

„Ach, das ist boshaft,“ sagte die Baronin.

„Nur wahr! Was ist ein Streich, den mir die Unehrlichkeit der Menschen spielt, gegen mein herzbrechendes Leid, wenn eine schöne Frau es darauf anlegt, mich unglücklich zu machen! Und davon kann wirklich nur die Güte ihrer Natur sie abhalten; denn für sie giebt es, wenn sie anders handelt, keine Strafe.“

„Doch – mitunter doch!“ rief hier Herr von Maiwand aus, „es giebt doch auch Männer, die nicht ungestraft mit sich coquettiren lassen.“

Die Dame vom Hause warf hier einen eigenthümlichen Seitenblick auf den Mann, der diese Bemerkung gemacht hatte; war es ein Ausdruck von Verachtung oder von Herausforderung, was um ihre feinen rosigen Lippen zuckte? Etwas von beiden war es.

„Es ist nicht hübsch, was Sie sagen, Herr Landeck,“ antwortete sie dann. „Ein so selbstsicherer und weiser Mann muß nur reden, wie er denkt. Und Sie denken nicht daran, daß eine Coquette, wie Herr von Maiwand sich unverblümt ausdrückt, Ihnen je ein herzbrechendes Leid zufügen könnte.“

„Ich danke Ihnen, daß Sie mich für so gefeit ansehen,“ versetzte Landeck. „Doch fühle ich mich durchaus nicht so hochmüthig sicher. Wer durchschaut sofort, ob die Huld einer Frau ernst gemeint oder Coquetterie ist? Wir Männer sind den Frauen gegenüber nun einmal gläubige Seelen; auch in die Kälteste, Härteste legen wir unser eigenes Gefühlsleben hinein, unser eigenes Gemüth …“

„Haben Sie dessen so viel, daß Sie einen Ueberschuß an uns abgeben können?“

Der Doctor lachte.

„Da haben Sie Ihre Strafe, Landeck,“ sagte er. „Aber in welch’ hitzige Debatte sind die Herrschaften gekommen durch meine bescheidene Bitte, einmal unsere gnädige Frau singen zu hören!“

„Es ist das freilich Ihre Schuld nicht, Doctor,“ rief die gnädige Frau aus; „Herr Landeck versteht es einmal, stets das Umgekehrte der Biene zu thun, die aus jeder Blume Honig saugt. Er weiß in jede Conversation ein wenig Gift zu gießen.“

„Ach?“ fiel lächelnd Landeck ein, „das geschieht nur, um Ihnen zu gefallen. Alles, was Sie umgiebt und je umgeben hat, bringt Ihnen so viel Blumen, so viel Honig, hat so viel Süßigkeit für Sie, daß ich mir einbilde, ein wenig Gift muß Ihnen ein wahres Labsal sein.“

Sie machte mit einem leichten Aufzucken der Lippen eine abwehrende Handbewegung gegen ihn, während sie, zum Doctor gewendet, fortfuhr:

„Und daß ich Ihnen Ihre Bitte abschlage, darf Sie nicht kränken – wenn Sie mich nie singen hörten, so trösten Sie sich mit all den andern Herren, die mich auch nie singen hörten!“

„Ich denke doch,“ sagte Landeck betroffen, „Sie hätten mir in Athen sehr oft dieses Glück gegönnt.“

„Und ich meine doch auch,“ sagte Herr von Maiwand aufblickend, „Sie hätten mir von Zeit zu Zeit die Gunst erwiesen, wenigstens in Ihrem Gesange nicht aufzuhören, wenn ich Sie dabei traf.“

Sie unterbrach ihn mit derselben abwehrenden Handbewegung.

„Bilden Sie sich nicht ein, Sie hätten mich singen hören! Ich konnte das immer nur allein, ganz allein für mich, oder vor dem ganzen großen Publicum, vor der ganzen Welt oder doch einem Stücke von ihr auf den erregenden Brettern, in einer ergreifenden Rolle – nicht aber vor dem Einzelnen, nicht vor einem von Ihnen. Da singe nicht ich; da singt etwas Anderes, das eine gute Schule und eine große Routine hat, aus mir heraus, und dieses wohlerzogene brave Etwas, das so genügend seine Pflicht thut, beklatschten Sie, weil Sie glaubten, Sie hätten eine berühmte Sängerin gehört.“

Landeck hatte sie aufmerksam angesehen, während sie so sprach. Er nickte jetzt und sagte:

„Das ist Etwas, das ich von Ihrem Stolze vollständig begreife. Von Ihrer Großmuth, sollte ich sagen, die eine so unwiderstehliche Waffe nicht schwingen mag.“

„Waffe? Sehen Sie denn einen Kampf?“

„Nur einen Angriff freilich, einen Ausfall, eine herbe Demüthigung. Es ist eben Niemand unter uns, der in Ihnen das Verlangen weckt, ihm etwas von den idealen Dingen zu sagen, die Ihre Stimme, wenn Sie allein sind, mit leidenschaftlicher Gluth und hinreißender Macht aussprechen wird. Sie geben unser Einem dafür – Schule und Routine. Das ist denn freilich bitter für uns, und ich bedaure nur, daß ich je Ihre Stimme in meinem einfältigen Glauben, ich hörte Sie singen, bewundert habe. Wie lächerlich muß Ihnen das erschienen sein!“

„Es freut mich, daß Sie mich einmal verstehen, Herr Landeck; ich denke, es ist so, wie Sie sagen,“ versetzte die Baronin wie gereizt.

„Und ich,“ fragte der Doctor, „muß dann wohl für immer darauf verzichten, Sie zu hören, gnädige Frau? Das ist so niederschlagend, daß Sie mir nicht übel nehmen können, wenn ich mich beurlaube, um meinem Kummer darüber in der Einsamkeit nachzuhängen.“

„Das heißt, Sie wollen die Runde bei Ihren Kranken fortsetzen?“