0,49 €
In "Die Thurmschwalbe" entfaltet Levin Schücking eine eindringliche Erzählung, die von den Herausforderungen des Menschseins in einer sich rasant wandelnden Welt geprägt ist. Der Roman zeichnet ein vielschichtiges Bild des ländlichen Lebens und thematisiert die Spannung zwischen Tradition und Modernität. Schückings präziser, zugleich poetischer Stil besticht durch seine detailreiche Beschreibung der Natur und der inneren Konflikte der Charaktere, wodurch der Leser leicht in die Kulisse und die Gedankenwelt der Protagonisten eintauchen kann. Der literarische Kontext des frühen 20. Jahrhunderts spiegelt sich in der Auseinandersetzung mit sozialen Fragen und der Suche nach Identität wider, was dem Werk eine zeitlose Relevanz verleiht. Levin Schücking, ein bedeutender Vertreter der deutschen Literatur, brachte in seinen Werken oft persönliche Erfahrungen und eine tiefe Verbundenheit zur Natur zum Ausdruck. Sein Hintergrund als Naturwissenschaftler und Schriftsteller verschmilzt in "Die Thurmschwalbe" und verleiht der Erzählung sowohl emotionale Tiefe als auch analytische Schärfe. Die Auseinandersetzung mit den Themen Heimat und Verlust kann als Reflexion seines eigenen Lebens und der gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit interpretiert werden. Dieses Buch ist eine Empfehlung für Leser, die sich für anspruchsvolle Literatur interessieren, die sowohl fesselt als auch zum Nachdenken anregt. Schückings meisterhafte Erzählweise und die universellen Themen von Liebe, Leid und der Suche nach Sinn machen "Die Thurmschwalbe" zu einer bedeutenden Lektüre, die lange im Gedächtnis bleibt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Es war ein feuchtwarmer, außerordentlich schöner Maiabend; alle Hecken standen grün, alle Obstbäume blühten; ihre Wipfel und Aeste trugen so viele Blüthen wie ein junges Menschenleben Hoffnungen – aus den wenigsten wird etwas, und so ist’s mit den Apfelbaumblüthen ja leider auch.
Das focht aber sicherlich nicht die „Thurmschwalbe“ an, das rosige junge Mädchen, das mit einem Strickstrumpf von respectabler Länge und Weite auf einer Terrasse unter dem Laubdach prachtvoller, eben grün gewordener Kastanien auf und ab ging und dabei ein Lied trällerte. Siebenzehn Jahre mochte sie haben, die „Thurmschwalbe“; dazu hatte sie ein reizendes feines Gesicht mit einem gebogenen Näschen, schelmischen dunklen Augen, über welche sich auffallend lange Wimpern senkten, wenn sie auf ihre Arbeit niederblickte, und üppiges, glänzend schwarzes Haar, das ein wenig nachlässig am Hinterhaupt zusammengeknotet war; die Gestalt war schlank und zierlich; sie hob sich im Gehen wie tänzelnd bei jedem Schritt auf den Zehen und dabei trällerte sie ein Lied, still für sich, nur zuweilen schmetterte sie mit ihrer hohen, noch ziemlich dünnen Stimme ein paar Noten laut heraus, wie eine Lerche, die etwas aus sich herausjubeln muß.
Ihre Kleidung war sehr einfach, gar nicht so vornehm wie ihr feines Gesicht; sie trug ein kurzes Kattunkleid, wie es Mode war im Anfang unseres Jahrhunderts, so kurz, daß es die mit kreuzweiß geschlungenen Bändern um die weißen Strümpfe befestigten Lederschuhe sehen ließ, und um die Brust ein auf dem Rücken zusammengebundenes Tuch, ein Fichu, wie man’s nennt.
Warum hieß sie die Thurmschwalbe? Es war leicht erklärt ... einmal weil sie in dem mächtigen alten Thurme wohnte, mit dem hohen verschnörkelten Giebeldach, das die Ecke des alten Schlosses bildete, auf dessen Terrasse sie eben auf und ab ging. In dem obern Stockwerk mit der schönen Aussicht, – man blickte da schon über die Wipfel der Kastanien fort in schöne freundliche Berglandschaft hinein – wohnte sie mit ihrer Mutter, der Frau Wehrangel, einer rüstigen und stattlichen Dame, die einst das ganze Schloßwesen unter sich gehabt hatte, und auch jetzt noch, wenn auch unter veränderten Umständen, darüber waltete; aber davon reden wir später; hier müssen wir nur sagen, daß nur die Leute im Dorfe drüben den Namen „die Thurmschwalbe“ erfunden hatten und gebrauchten, denn Anna war sie getauft und Annette nannte die Mutter sie.
Als das junge Mädchen, am Ende der Terrasse angekommen, sich wandte, nahm sie wahr, daß eine kleine Gesellschaft, aus drei Personen bestehend, auf dem Wege zwischen den Gartenhecken daherkomme, welcher von dieser Seite zum Schlosse führte. Der Hauptweg lag drüben; von dem großen Portal auf der Vorderseite des Schlosses führte er durch eine Ulmen-Allee zum Dorfe. Hier auf der Rückseite des Schlosses, wo die Terrasse an den breiten Wassergraben stieß, konnte man nur, wenn man in einem Nachen über den Graben setzte, auf dem näheren Wege zwischen hohen Hecken in’s Dorf kommen, zunächst zu dem Garten des Pfarrhofs, der nach dieser Seite hinaus lag. Unter den drei Herankommenden war der Herr Pfarrer, ein kräftig gebauter Mann, mit breiter, stark vortretender Stirn, breitem Kinn und wie zusammengedrückten Zügen, ein Gesicht, das viel öfter mürrisch, als freundlich aussah; die beiden anderen Personen, ein alter Mann und eine junge Dame, doch nicht mehr ganz jung, wie es schien, kannte Annette nicht.
Der Pfarrer rief und winkte dem jungen Mädchen; Annette lief rasch zu der vorspringenden Treppenrampe, die in’s Wasser hinausgebaut war und von der rechts und links Stufen in den Graben hinabgingen. Links am Fuße der Stufen lag ein Kahn, zu dem eilte Annette hinab, löste ihn von der Kette und ergriff die Ruder, um den Pfarrer und seine Begleiter herüberzuholen.
Während das junge Mädchen mit den Rudern hantirte und langsam über das stille Wasser herüberkam, stand die Gesellschaft jenseits des Grabens und betrachtete mit neugierigen Blicken das Schloß.
Das war nun freilich des Betrachtens werth. Es war nicht allein stattlich und groß, es war auch schön, im Renaissancestyl gebaut, mit allerlei Bildhauerarbeit um Fenster- und Thürumrahmungen. Nur der breite Thurm rechts war weit älter und aus Hausteinen schlicht aufgeführt; er war in den untern Stockwerken außer von einer schmalen Spitzbogenthür, die unter die Kastanien führte, nur von Schießscharten durchbrochen. Oben aber, über dem Gestock mit den großen, neugebrochenen Fenstern, hatte man ihm einen mächtigen verzierten Giebel aufgesetzt, wie einem Grenadier eine Blechmütze; am Giebelgesimse war dicht nebeneinander eine ganze Reihe Schwalbennester angeklebt; es war, als hätten sich die zierlichen Vögel da in die Hut und den Schutz der Schwester Thurmschwalbe, die darunter wohnte, begeben.
Annette Wehrangel hatte unterdeß von ihrem Kahne aus unter den langen Wimpern her einige beobachtende Blicke auf die harrende Gruppe geworfen. Der fremde Herr sah recht mager, schmächtig und grämlich aus; er hatte auch ein Gesicht voll Runzeln, aber sonst ganz vornehm, fein und anziehend. Die Dame neben ihm war groß, von der Größe des Mannes schien sie zu sein; sie hatte auffallend schöne Züge, einen bräunlichen Teint ohne viel Farbe und dunkles Haar, über dem sie einen einfachen Strohhut mit violettem Bande trug; über einem violetten Kleide trug sie einen bis an’s Knie reichenden Ueberwurf von leichtem schwarzem Zeuge.
Als Annette gelandet war, reichte der Pfarrer ihr die Hand und sagte mit freundlichem Kopfnicken: „Wenn man die Annette braucht, ist sie sicher auch da; darauf hab’ ich gerechnet, als ich diese Herrschaften hier den Richtweg hierher führte, und sieh, da bist Du, uns überzusetzen, kleine Schwalbe.“
Die Fremden stiegen nun in den Kahn, Beide ohne von dem jungen Mädchen Notiz zu nehmen; der Pfarrer folgte ihnen und nahm Annetten die Ruder ab; er schien vortrefflich zu verstehen, wie man damit umgeht. Annette nahm das Steuer und nach einer Minute waren sie an der Terrassentreppe gelandet.
Als sie Alle oben angekommen waren, nur Annette noch im Kahn, um die Ketten zu befestigen, begannen die Fremden französisch miteinander zu reden. Der Pfarrer rief dem jungen Mädchen hinab: „Ist der Graf daheim?“
„Ich glaube nicht,“ sagte Annette, „er ist mit dem Förster in den Wald gegangen, und wird noch nicht zurückgekehrt sein.“
„Dann,“ sagte der Pfarrer, „mußt Du uns noch einen Gefallen thun und Deine Mutter zu uns herabrufen – willst Du?“
„Gewiß, Herr Pfarrer,“ versetzte Annette und eilte unter den Kastanien dahin, der kleinen Spitzbogenthür zu, die in ihren Thurm führte.
„Also das ist Schloß Maurach und jetzt Besitzthum des Grafen Ulrich von Maurach, der, wie Sie sagen, ein so wildes Leben geführt haben soll, Herr Pfarrer?“ sagte, als Annette verschwunden, der fremde Herr in deutscher Sprache, aber mit stark französischem Accent.
„Seit drei Monaten Besitzthum des Grafen Ulrich,“ versetzte der Pfarrer, „und ich denke, daß viel Muth und Anstrengung dazu gehörte, es ihm aus den Händen zu nehmen!“
Der fremde Herr sah seufzend zu dem hohen, unter dem Reflex der durch die Kastanienwipfel scheinenden Abendsonne grünlich aufleuchtenden Steinbau auf; die junge Dame sagte: „Dafür würde der Preis Muth und Anstrengung lohnen.“
„Allerdings,“ entgegnete der Pfarrer: „das Schloß ist groß und schön, es liegt in der freundlichsten Gegend, wie Sie sehen, und die Wälder und Kohlenzechen, welche dazu gehören, geben allein schon eine Rente, wie wenig Güter hier in der Gegend sie nur im Ganzen abwerfen! Wer unsere schönen Ackerfluren und fruchtbaren Wiesen und die guten Gartenländereien rings um die Dörfer erblickt und dabei denkt, dies sei eine recht begünstigte Gegend, der ahnt noch gar nicht, wo ihr Reichthum steckt – tief, tief unter dem Boden da liegen die mächtigen, unerschöpflichen Kohlenflötze, und da bergen sich noch Millionen über Millionen, welche einst unsere Enkelkinder heben werden, wenn sie je so klug werden, wie es heute die Engländer sind, die eine große Eisen-Industrie auf ihre Kohlen gegründet haben. Sie verhütten das Eisen nicht mit Holzkohlen, wie es hier zu Lande noch geschieht, sondern mit Steinkohlen. Wenn wir das auch einmal gelernt haben – denn Erze haben wir ebenfalls genug – dann werden wir Alle hier zu Leuten, die so gut wie einen Schatz von baarem Gelde im Keller liegen haben und ihn nur heraufzuholen brauchen. Und dazu ist denn freilich heute mehr Aussicht, als es früher war, unter der alten Regierung, bei der man in keinem Dinge weiter kam, und wo es den Herrschaften in Münster lieber war, wenn sich eine neue Wallfahrt aufthat, als eine neue Nahrungsquelle für das arme Volk. Bei der jetzigen Franzosen-Regierung, man mag wider sie sagen, was man will, ist das schon anders; sie weiß die Kräfte zu wecken, sie stürmt die Trägen auf, und es geht dabei vorwärts!“
Die junge Dame hatte, während der Pfarrer so sprach, zerstreut umhergeblickt; der alte Herr aber einen offenbar sehr erstaunten Blick auf den Pfarrer gerichtet … von einem Pfarrer mußte eine solche Sprache etwas haben, was ihn überraschte; vielleicht nicht sehr angenehm; doch schwieg er. Und da kam ja auch schon Frau Wehrangel unter den Bäumen daher geschritten. Es war eine Frau, die zwischen den Vierzig und Fünfzig stand; eine recht ansehnliche und selbstbewußt auftretende Dame mit einem schönen Gesicht, recht fein weiß und roth und blondem Teint; sie mußte in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein … ihre Tochter, die Thurmschwalbe, glich ihr gar nicht.
Annette war mit ihr herabgekommen, aber sie blieb beobachtend zurück. Sie sah, wie der Pfarrer die Fremden ihrer Mutter vorstellte, und wie sie alle Vier dann sich auf die Steinbank niedersetzten, welche an der Balustrade über dem Graben entlang lief. Da geriethen sie sehr bald in ein lebhaftes halblaut geführtes Gespräch, so bewegt, so eifrig, als ob es sich darum handele, irgend ein Complot zu schmieden – Annette sah, daß man jedenfalls ihrer dabei nicht bedürfe und an sie nicht denke, und die Thurmschwalbe benutzte den Augenblick, um auf und davon in’s Weite zu flattern.
Sie schlüpfte ungesehen um die Ecke des Thurmes, am Fuße des Schloßflügels her, der sich nach der andern Seite hin erstreckte, und betrat eine schmale Laufbrücke, welche hier über den Graben in den jenseits liegenden großen Gemüsegarten führte. Der Garten war mit einer hohen Mauer ringsum umgeben; aber für das junge Mädchen war die Mauer kein Hinderniß; trotz ihres Namens hatte sie zwar keine Flügel, um hinüberzukommen, dafür aber hatte die Mauer eine starke Bresche, vor der ein Schutthaufen lag … man brauchte nur hinaufzuklettern, in den Mauerbruch zu treten, jenseits einen kleinen Sprung zu wagen und man stand in einem Baumgarten, der sich bis an’s Dorf erstreckte. Unter den Obstbäumen grasten Kühe. Annette warf im Vorübereilen mit einem lachenden Scherz dem barfußen kleinen Hüter, der an ihrem Wege saß und in den Erdlöchern nach Grillen bohrte, eine Hand voll eben abgestreifter Blätter an den Kopf und dann eilte sie weiter; bald war sie schon auf demselben Wege, den der Pfarrer mit seinen Fremden benutzt hatte, und so kam sie an das weiße Gitterthürchen, das in den Garten der Pfarrei führte.
In dem Garten hörte sie zwei Männerstimmen in lebhaftem Gespräche; eine sanfte, helle junge Stimme und eine alte belegte, die wie ein abgespieltes Instrument etwas Heiseres, Abgenutztes hatte; als Annette in einen Laubgang trat, der an der Seite des Gartens langhin und breit bis zu dem alten, aber freundlichen von Weinreben umzogenen Pfarrhause lief, sah sie im Hintergrunde an einem weißangestrichenen Tische die beiden lautredenden Männer sitzen. Der Tracht nach waren Beide Geistliche – der ältere, mit dem gelben kleinen Kopfe und einem Mardergesichte, rauchte aus einer holländischen Thonpfeife und hatte einen Bierkrug vor sich stehen – der jüngere lehnte sich mit auf der Brust verschränkten Armen in seinem Gartenstuhl hintenüber, und schien lebhaft gegen etwas, was der Andere behauptete, anzukämpfen – ein offenes Buch lag vor ihm und die Sonne, die in einzelnen Strahlen durch das Grün der Laubwand brach, lag hell auf den Blättern, auf die der junge Mann zu deuten schien; der andere blies lächelnd in denselben verklärenden Sonnenschein seine blauen Rauchwolken, die sich darin in stillem Spiel ringelten und kräuselten, und indem er mit dem Finger darauf deutete, sagte er:
„Der Sonnenschein, das Licht liegt ebenso gut auf dem blauen Dunst da wie auf Eurer Bibelstelle, Confrater, seht nur hin … aber da kommt eben unsere Thurmschwalbe herangeschwebt – just der rechte Vogel, Euch die Mucken wegzufangen; guten Abend, Schwälbchen, wie geht’s Euch? Euer Freund, der Confrater da, hat den Kopf voll Mucken; schwärmt deshalb ein wenig um ihn herum, und ich wette, ehe viel Zeit vergeht, sind sie alle bis auf die letzte fortgefangen.“
Er lachte ein wenig cynisch, ein wenig spöttisch; dann trank er und sah die beiden jungen Leute über den Rand des Glases mit boshaft lächelnden Blicken an.
Der junge Geistliche war aufgesprungen, um Annette einen Gartenstuhl zu holen; dabei war er sehr roth geworden; es lag eine gewisse linkische Schüchternheit in seinem Wesen, als er Annette den Stuhl bot, aber dies machte die schlanke Gestalt im abgetragenen schwarzen Rock, mit den edeln, beinahe weiblich feinen Zügen, der hohen schmalen Stirn und den leuchtenden blauen Augen nicht weniger anziehend und gewinnend.
Annette setzte sich und fast heftig antwortete sie dabei: „Wenn ein so großer garstiger Stoßvogel wie Ihr es nicht zu Stande bringt, ihm die Mucken abzufangen, was kann ich kleine Schwalbe dann? Aber ich glaube, Ihr seid es just, der mit seinen bösen Reden ihm die Grillen in den Kopf setzt. Seit sie Euch hierher geschickt haben, um hier unsere gottlose Gemeinde durch Euer Beispiel zu erbauen, ist er ganz melancholisch geworden, der arme Caplan – nicht wahr, Caplan, der böse Pastor da wäre im Stande, Einen mit seinen verwegenen Reden um alle Frömmigkeit und allen Glauben zu bringen – das heißt, wenn der Herr Pfarrer nicht da ist, denn wenn der zugegen ist, ist er hübsch still und thut, als ob er nicht so weit zählen könne wie der heilige Simplicius, der es bis zu fünf brachte.“
„Sie thun mir Unrecht, Demoiselle Schwalbe,“ fiel der Pastor ein, „ich gehe nie darauf aus, Jemand irgend einen Glauben zu nehmen – wäre auch bei Euch Beiden sehr unnütz, den Glauben an Euch würde man Euch doch nicht erschüttern können – ist’s nicht so?“
Er sah lachend von Einem auf den Andern.
„Ganz so ist’s,“ versetzte die Thurmschwalbe unbefangen und trotzig ihre Lippen aufwerfend. „Ich werde immer dem Caplan mehr glauben als dem, was Ihr sagt. Laßt nur einmal hören, was Ihr eben behauptet habt und was der Caplan – worüber strittet Ihr?“
„Der Caplan behauptet, die Religion sei für die Guten da, und ich, sie sei um der Schlechten willen da.“
Annette sah fragend den Caplan an, als ob sie erwarte, daß er seine Behauptung vertheidige.
„Die Menschenseelen sind Blumen,“ sagte der Caplan mit einer leisen, wie etwas beklommenen Stimme. „Die schlechten aber öffnen sich nie. Es ist nicht genug warmer Trieb in ihnen, oder es ist ein Wurm in sie gekommen, der die Herzblätter zernagt. So öffnen sie nie den Kelch. Nur die Guten öffnen den Kelch und blühen und aus ihnen empor zieht der Duft. Der Duft der Menschenseele ist die Religion. Nur die guten Menschen haben sie.“
Annette sah mit sinnigem Blick den jungen Geistlichen an, der unter diesem Blick wieder leicht erröthete. Der Pastor fiel ein: „Gut, daß der Herr Pfarrer nicht da ist; er würde in des Caplans Zimmer gehen und nachschauen, ob da nicht Jean Paul’s Romane versteckt seien. Der Duft der Menschenseele ist die Religion? Wenn, was Sie sagen, Confrater, wirklich eine Stelle aus Jean Paul sein sollte; so steht’s gewiß nicht so da, sondern statt Religion steht da Liebe! Habe ich Recht?“
„Ach, der Caplan ist selbst gescheidt genug,“ rief hier die Thurmschwalbe aus; „er braucht nicht nachzuschwätzen, was in protestantischen Büchern steht.“
„Und wenn er gescheidt ist, schwätzt er gewiß nicht nach, was in katholischen steht,“ antwortete sarkastisch der Pastor und schlug dann, als ob er eine Aeußerung, die ihm entschlüpft, damit überdecken oder für eine Ironie ausgeben wolle, eine helle Lache auf. „Ich bleibe aber dabei,“ fuhr er dann fort, „die Religion ist nur der Schlechten wegen da, denn Adam im Paradiese ist weder mit den zehn Geboten, noch mit Beichten und Fasten belästigt worden. Erst als er gesündigt hatte und hinausgeworfen wurde, fing das an, und so ist mit der Sünde der Tod und das Religionswesen in die Welt gekommen. Der gute Adam! Er war so glücklich! Er hatte keinen Arzt, keinen Richter und keinen Beichtvater nöthig; er war so unverschämt gesund, so dumm, brav und so einfältig. Er aß so vergnügt seine Aepfel. Da sollte es plötzlich eine Sünde sein, einen Apfel zu essen; das unschuldigste Ding auf der Welt sollte eine Sünde sein! Natürlich kehrte sich der brave dumme Mensch, der die Falle nicht ahnte, daran nicht; und nun hatte die Schlange gewonnenes Spiel. Nun hatte Adam eine Sünde begangen, und nun stand der Weizen aller Derer in Blüthe, die davon leben, daß gesündigt wird. Ja, ja, man hatte glücklich einen Sünder gemacht und – die Kunst ist seitdem nicht untergegangen – Ihr könnt mir’s glauben, Ihr argloses junges Volk, Ihr, das nicht weiß, wo Barthel den Most holt! Die Kunst ist nicht untergegangen. Der größte Künstler in dem Fach war der edle Hildebrandt. Der hat’s verstanden, Sünder zu machen, Sünder zahlreich wie Sand am Meere, Gräuel und Abscheulichkeiten, wie sie vor ihm die Welt nicht kannte! Er war ein großer Heiliger, Papst Gregor …“
„Ihr sprecht ärgerliche Dinge aus Eurem tiefen Unglauben heraus, Pastor,“ fiel ihm hier der Caplan in’s Wort.
„Ja, Ihr seid ein recht böser Mann, Ihr verspottet Alles,“ setzte die Thurmschwalbe hinzu. „Ihr glaubt nicht an Gott und, was just ebenso schlimm ist, auch nicht an die Menschen.“
Der Pastor sah sie lächelnd an; es machte ihm offenbar Vergnügen, mit seinen bösen Reden die jungen Leute zu reizen.
„Es ist wahr,“ sagte er, „ich habe zum Glauben nicht viel Talent, ich bekenne es ja und habe mich still und demüthig gefügt, als mir das hochwürdige Consistorium deshalb meine Pfarrei und Seelsorge genommen hat, um hier mit Würde meine Rolle als demeritirter Pastor zu spielen. Ich glaube nicht an Gott, nicht an die Menschen, sagt Ihr? Ich glaube nur nicht an den Teufel; und an Euch glaube ich, Demoiselle Annette, so lange Ihr so hübsch und jung seid, und an unsern Caplan hier, so lange er so lieblich erröthet und so still selig aussieht, wenn er Eure Flügel heranschwirren hört. So lange glaube ich an Euch, länger auch nicht, denn ich glaube an den Menschen, so lange er glücklich ist, an den unglücklichen nicht mehr!“
„Das ist unrecht,“ rief Annette rasch und lebhaft in der Verlegenheit, worin des Pastors häßliche Scherze sie versetzten, aus, „erst wenn der Mensch unglücklich ist, wird er recht gut, dann erst zeigt er seine guten Eigenschaften, seine Geduld, seine Sanftmuth, seine Pflichttreue, seine Stärke, sein Gottvertrauen.“
„Gewiß,“ setzte der Caplan hinzu, „und ohne Prüfung ist kein Verdienst.“
Der Pastor blinzelte mit den Augen. „Liebe Kinder,“ sagte er sarkastisch, „wenn’s so im Katechismus steht, so will ich mich nicht dawider auflehnen. Ihr sollt Recht haben. Seht Ihr dort die Stockrose hinter Euch, Caplan? Sie läßt die Blätter hängen, denn Ihr habt sie gestern dahin gepflanzt und heute nicht begossen. Wenn Ihr sie begießt, so wird sie wachsen und eine Fülle schöner rother Blüthen tragen. Wenn Ihr sie nicht begießt, so wird sie verkommen und verdorren. Ich denk’, mit den Menschen wär’ es auch so. Die Sonne, Licht und Pflege haben, werden ordentliche Pflanzen, und die andern, die das Schicksal in dürres Erdreich stellt, verkommen. So ist es. Wen man zum Sünder macht, der wird zum Sünder, und wen das Schicksal besser pflegt als der Caplan seine Stockrose, der wird eine gute Pflanze. Das glaube ich – Ihr seht, Demoiselle Annette, ich bin nicht so schlimm, wie es aussieht, und glaube wenigstens an einen Theil der Menschen, die Glücklichen – wenn ich so arg wäre, wie es Euer Katechismus ist, dann würde ich nicht einmal so viel Gutes von den Menschen denken, denn da steht geschrieben, daß wir alle sammt und sonders Elende sein, nichts wie armselige Maden im großen Sündenschlamme der Welt, ekelhaft Gewürm, Fraß für die große Schlange, die im Staube auf dem Bauche kriecht!“
Der Pastor lachte hier höhnisch auf und führte sein Bierglas zum Munde.
„Es ist dem, was Ihr da von den Menschen sagt, nicht so,“ nahm der Caplan kopfschüttelnd das Wort. „Es mag wahr sein, daß das Unglück schlecht machen kann – aber doch nur die schwachen, kleinen und untergeordneten Naturen. Sie mögen durch Leiden verbittert werden, durch den Kampf die Schwungfähigkeit ihrer bessern Natur verlieren und sich hinabdrücken lassen in den Schmutz des Alltagdaseins, bis sie die Fähigkeit verlieren, sich aus ihm zu retten. Sie mögen eine Rechtfertigung schlechten Handelns finden im schlechten Handeln der Welt wider sie; eine Befriedigung der Rachsucht im Groll und im Beschädigen – und gewiß ist es wahr, daß Sünder und daß Verbrecher sehr oft gemacht werden. Aber gute und starke Naturen hebt und stählt der Kampf; das Leid läßt ihren Goldwerth erst recht erglänzen, wie die Reibung das Metall polirt; das Unglück erzieht und läutert die tüchtigen Menschen, es verdirbt nur die schwachen!“
„Sehr weise gesprochen,“ sagte der Pastor, „aber …“
„Nun laßt doch den Streit ruhen,“ fiel die Thurmschwalbe ein, „sagt mir lieber, wer die Fremden sind, welche der Herr Pfarrer zum Schlosse gebracht hat und die gleich in eine so angelegentliche Unterredung mit meinem Mütterchen gerathen sind.“
„Wir wissen es nicht,“ versetzte der Caplan. „Sie kamen in einem Einspänner von A. und hielten vor der Pfarrei, wo sie den Herrn Pfarrer zu sprechen verlangten.“
„Wer sie sind,“ bemerkte der Pastor, „das ist nicht schwer zu errathen. Es sind Emigranten, die jetzt, wo sie heimkehren dürfen, nach Frankreich zurückreisen. Dabei wird ihnen der Zehrpfennig ausgegangen sein, und da der Herr Pfarrer Bedenken getragen haben mag, sie mit einem Zuschuß weiter zu fördern, werden sie unserm jungen Grafen die Gunst zuwenden, sich um das gute Frankreich verdient machen zu können, das ja doch nicht eher glücklich ist, als bis es alle seine edlen Ducs, Vicomtes und Marquis richtig wieder hat.“
Annette schüttelte den Kopf.
„Emigranten mögen sie sein,“ sägte sie, „aber der Herr Pfarrer hätte sie sicherlich nicht in’s Schloß geführt, falls sie den Grafen belästigen wollen. Ich denke, er hütet sich.“
„Sie haben all’ ihr Gepäck abladen und vorn im Hausflur niedersetzen lassen,“ erzählte der Caplan; „just als ob sie länger bei uns zu bleiben gedächten.“
„Nun,“ fiel der Pastor mit einem bösen Lächeln ein, „wer weiß denn, wer sie sonst sind! Die junge Dame ist sehr schön und sieht sehr ernst und selbstbewußt darein. Vielleicht kommt der Besuch dem Herrn Grafen nicht just überraschend – möglich auch, daß er sehr überraschend kommt! Möglich auch, daß eine Zeit kommt, wo solche Besuche auf dem Schlosse auch uns nicht mehr überraschend kommen. Man muß es abwarten. Vorläufig wollen wir uns den Kopf nicht darüber zerbrechen.“
Annette stand auf.
„Jetzt muß ich heim,“ sagte sie, „vielleicht wäre ich gar nicht gekommen, hätt’ ich gewußt, daß der Pastor hier im Garten säße und einmal wieder so recht im Zuge wäre, lauter böse Dinge vorzubringen – Adieu, Caplan, ich muß heim, damit die Mutter nicht merkt, daß ich fortgelaufen bin; ich komme morgen früh in Ihre Messe; und nachher schau’ ich nach, ob Sie Ihre Stockrosen auch hübsch begossen haben. Adieu, adieu ...“
Sie war schon mit rascher Wendung halb zur Laube hinaus, ehe nur noch der Caplan sich erröthend erhoben hatte.
„Weshalb begleiten Sie sie nicht zum Garten hinaus und bis an’s Gitterthürchen, Caplan?“ sagte der Pastor mit feinem Lächeln und boshaften Augenzwinkern. „Es hätte Ihnen noch einen zärtlichen Händedruck zum Abschied eingebracht.“
Der Caplan antwortete nicht; er sah ihr nach, dann ging er in der That Wasser zu holen, um seine Pflanzen zu begießen; und als er sie getränkt, stand er lange, die Gießkanne in der Hand, zwischen den Beeten, den Blick, wie in Nachdenken verloren, auf die welken Blätter heftend. Woran dachte er ... an seine Behauptung von vorhin, daß gute und starke Naturen durch den Kampf gestählt und gehoben, daß tüchtige Menschen durch das Leid geläutert werden?
War es das, so mußte es sehr lange sein Sinnen beschäftigen; er stand noch träumend da, als schon der Herr Pfarrer vom Schlosse zurückkehrend in den Garten trat. Er kam allein zurück und sah sehr ernst und nachdenklich aus, der Herr Pfarrer; der Caplan wagte nicht ihn anzureden.
Nach der Vorderseite nach Süden hin blickte das Schloß in eine hügelige Landschaft voll abwechselnder Kornfluren und Wiesen, dazwischen zerstreut Gehölze von geringer Ausdehnung; nahe liegende Dörfer, aus denen spitze Thürme und Kirchendächer aufragten, bewiesen, daß das Land sehr bevölkert sei. Weiter im Süden dehnten sich blaue Berghöhen; sie lagen jenseits eines bedeutenden Flusses, der zwar nicht schiffbar war, doch reiches Leben an seinen Ufern förderte; er trug Kohlennachen und bewegte Mühlen, Drahtziehereien, Eisenhämmer. –
Von den Fenstern des ersten Stockwerks des Schlosses aus konnte man die Spitzen der Masten der Kohlennachen sehen, wenn sie den Fluß hinunterglitten; es war ein eigenthümlicher, überraschender Anblick, die Masten mit ihren flatternden Wimpeln leise durch Kornfelder und Obstbaumwipfel ziehen zu sehen – den Fluß gewahrte man ja nicht – es hatte etwas von Traum, von Zauberei!
Hinter diesen Fenstern, in einem Saale, der mit einer großen Landschaftstapete bekleidet und oben an der Decke mit reichen Stuckarabesken verziert war, ging ein hoch und schlank gebauter Mann auf und ab. Er mochte fünfunddreißig Jahre oder weniger haben – vielleicht sah er älter aus, als er war; er hatte eine tiefe Furche zwischen den dunklen starken Brauen; das lange schwarze, ganz schlichte Haar, das dicht an seinen Schläfen niederhing, gab dem blassen Gesichte mit den markirten Zügen fast etwas Leidendes, Abgespanntes, wenn die tiefliegenden Augen Ruhe ausdrückten. Wenn er wie stolz oder ungeduldig den Kopf aufwarf und das Auge sich belebte, verschwand dieser Ausdruck ganz. Die Nase war lang und scharf gezeichnet, mit weiten Oeffnungen, der Mund viel voller und weicher als es zu dem männlichen Schnitte des Gesichtes in Harmonie stand.
Der Mann trug einen grünen Jagdrock und über engen gelben Beinkleidern Stiefel mit grauen Klappen und klirrenden Sporen.
Er trat jetzt an das mittlere Fenster und schien die Abendröthe zu betrachten, die über die fernen Höhen hinzog. Ein rosiger Schein fiel von daher in den Saal, und sich wendend, ließ der Schloßherr jetzt sein Auge über die Landschaftstapete ringsumher gleiten, die unter diesem Widerschein ein eigenthümliches Leben bekam.
