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In Levin Schückings bemerkenswertem Werk "Der Arcier" entfaltet sich ein fesselndes Narrativ, das tief in die psychologischen und sozialen Konflikte des menschlichen Daseins eintaucht. Mit einer klaren, präzisen Sprache und einem feinen Gespür für die Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen gelingt es Schücking, die Transformation seines Protagonisten vor einem komplexen geographischen und historischen Hintergrund glaubwürdig darzustellen. Die Erzählung spielt in einer von Umbrüchen geprägten Zeit und reflektiert, wie individuelle Schicksale vor dem Kollektiv von Ideologien und gesellschaftlichen Erwartungen stehen können. Levin Schücking, ein bedeutender Vertreter der deutschen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, nahm in seinem Leben zahlreiche Einflüsse auf, die seine Werke prägten. Sein Interesse an den Themen Identität, Verzweiflung und Hoffnung ist in "Der Arcier" besonders ausgeprägt und lässt sich auf seine eigenen Erfahrungen und die turbulenten geschichtlichen Ereignisse seiner Zeit zurückführen. Schückings Sicht auf die Welt ist sowohl analytisch als auch empathisch, was seinen Charakteren eine bemerkenswerte Tiefe verleiht. Ich empfehle "Der Arcier" allen Lesern, die sich für literarische Werke interessieren, die sowohl unterhalten als auch zum Nachdenken anregen. Dieses Buch lädt zur Reflexion über eigene Werte und das Streben nach Sinn ein, während es gleichzeitig spannende Einblicke in die Komplexität moderner Existenz bietet.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Es war um die Mittagsstunde eines Herbsttages im Jahre 1763. Auf dem Platze vor dem Eingang zu der großen und prächtigen, eben neuerbauten kaiserlichen Reitschule zu Wien, dicht neben der Burg, schritt langsam eine eigenthümliche Gestalt auf und ab.
Es war ein noch junger Mann mit edlen, ja schönen Zügen, einer stark gewölbten, mehr breiten als hohen Stirn, einer gebogenen Nase, einem energisch ausgebildeten Kinn, das Alles dunkel gebräunt von Wind und Wetter. Starkes schwarzes Haar hing, gegen alle Mode der Zeit, in losen Locken wirr und wild auf seine breiten Schultern herab, die mit einem abgetragenen und geflickten Zwillichkittel bekleidet waren. Der alte breitrandige Hut, die engen ungarischen Beinkleider, die in alten zerrissenen Stiefeln endigten und sich mit Recht ein wenig lichtscheu darin zu verkriechen schienen, standen in bester Harmonie zu der Kleidung des Oberkörpers; aber auffallend war, daß in einem solchen dürftigen und verkommenen Anzuge eine so hochgewachsene, jugendlich kräftige und zur Arbeit tüchtige Gestalt steckte.
Das Thor öffnete sich von Zeit zu Zeit; es ließ Cavaliere, die zu zweien oder dreien mit ihren Reitknechten, meist auf ausgezeichneten Thieren kamen, hinein; es ließ andre Gruppen heraus. Der Fremde im Zwillichkittel und Slowakenhut sah mit einem Ausdruck von Sorge forschend in die Züge der neu Ankommenden, suchte auch wohl ihren Reitknechten einige Worte abzugewinnen, sprach einen oder den andern der Stallmeister und Bereiter an, deren er beim Aus- und Eingehen habhaft werden konnte, aber, wie es schien, immer vergebens, denn der Unmuth, der auf seinem Gesichte ausgeprägt lag, kehrte nach jeder solchen kurz abgebrochenen Conversation in erhöhtem Grade auf seine Züge zurück.
Mittag war längst vorüber. Neue Reiter, die ihre Pferde in der Reitbahn tummeln wollten, kamen nicht mehr; die, welche darin gewesen, zogen ab; die Bahn war fast leer geworden und das Personal schickte sich an, den Schauplatz seiner Thätigkeit zu räumen; da tauchte unerwartet noch eine kleine, aber glänzende Cavalcade auf dem Platze auf. Ein zierlich gebauter, freundlich aussehender alter Herr, dessen rothe Beinkleider sofort den kaiserlichen General ankündigten, ritt auf einem schönen Pferde von spanischer Zucht an der Spitze einer kleinen Gruppe von ein paar Adjutanten und Reitknechten, deren Einer ein Handpferd führte, herbei. Die Thore der Reitbahn flogen weit vor ihm auf. Die Bereiter und Stallmeister eilten herbei, ihn zu empfangen, und der alte Herr grüßte mit einem Kopfnicken so herablassend vornehm, wie ein König. Langsamen, gemessenen Schritts ritt er ein und warf sich dann sofort in die Bahn.
Er war ein vortrefflicher Reiter, der vornehme alte Herr. Der Mann im Zwillichkittel konnte es bezeugen. Er hatte sich mit dem kleinen Trupp in die Bahn begeben, und in dem Haufen der „Bastinbereiter“, „Stallübergeher“ und „Schulputzer“, die herangekommen, die Excellenz zu bewundern, wurde er geduldet, ohne daß man ihm Beachtung schenkte. Der General ließ seinen Spanier mit der vollendetsten Reitergewandtheit die Schule durchmachen; das edle Thier changirte, machte Volten, traversirte und arbeitete mit der Sicherheit eines Uhrwerks. Endlich hielt die Excellenz inne, wandte sich in die Mitte der Bahn und ließ das mitgebrachte Handpferd, einen Fuchs, der währenddeß ungeduldig den Sand gestampft, sich gebäumt und alle Zeichen eines schwer zu bändigenden Naturells gegeben hatte, vorführen.
„Chacun à son tour,“ sagte er, indem er einem Bereiter winkte, „versuche Er jetzt den Alezan da! Ich habe ihn gestern aus Ungarn bekommen! Mais, je vous le dis – il a le diable au corps!“
Der Bereiter eilte dienstfertig herbei, und obwohl der schlanke hochbeinige Fuchs, als jener nach dem Mähnenhaar greifen wollte, einen solchen Seitensatz machte, daß der Piqueur Mühe hatte, ihn zu halten, war der gewandte Reiter doch bald im Sattel. Der Piqueur ließ die Zügel los; das Pferd stieg augenblicklich steilrecht in die Höhe, machte eine Lançade, bockte, und – der Bereiter flog weit ab in den Sand! Zehn Hände haschten nach den Zügeln des ausbrechenden Pferdes. Der Abgeworfene sprang auf und klopfte Flüche murmelnd den Staub von seiner Uniform; er machte Miene, sich wieder aufzuschwingen.
„Laß Er’s halt nur gut sein,“ rief lachend die Excellenz, „laß Er’s einen Andern versuchen!“
Ein Stallmeister war schon im Eifer, die Ehre der Bahn zu vertreten, herangesprungen; trotz der Unbändigkeit des Pferdes brachte er den Fuß in den Bügel und schwang sich auf. Einmal oben, saß er fest wie angeklammert. Er drückte dem Fuchs sanft und behutsam die Weichen, um ihn in Bewegung zu setzen – die Bewegung läßt nicht auf sich warten, nur ist sie leider so furchtbar heftig und gewaltsam, daß eine Secunde später der Stallmeister alle Vier von sich streckend da lag, wo eben der Bereiter lag.
„Kreuzschockschwerenoth!“ rief der Mann zornig aus, indem er aufsprang und sich die verrenkte Schulter rieb, „da meint man ja, man sitzt auf einem Pulverfaß, das mit einem in die Luft geht, und nicht auf einem Gaul!“
Die Excellenz schilt und flucht jetzt deutsch und französisch durcheinander. Da tritt unser Mann im Kittel und Slowakenhut zu einem der Stallmeister und sagt mit bescheidenem, fast demüthigem Tone:
„Würden Sie mir nicht von dem Herrn General die Erlaubniß erbitten, das Pferd zu reiten?“
„Ihm?“ versetzte der Angeredete verwundert, indem er den Fremden vom Kopf bis zu den Füßen maß.
„Ich würde schon damit fertig werden,“ antwortete der letztere, „lassen Sie mich nur darauf!“
Die Excellenz hatte ihn in’s Auge gefaßt. „Was will der Mensch?“ rief er dem Stallmeister zu, „– auf den Fuchs? Nun, so laßt ihn, vielleicht gibt der hannakische Bauer der kaiserlichen Manége eine Lection.“
Der Fremde hatte den großen Hut, den er in der Hand gehalten, schon weggeworfen; er strich jetzt das dunkle, dichte Haar aus der Stirn, und indem er sich dem Pferde näherte, ließ er es von den zwei Reitknechten, die es hielten, mehr abseits, von den Zuschauern möglichst entfernt, führen. Dann suchte er es durch Zureden und Streicheln zu beruhigen, und nachdem dies gelungen schien, machte er einen weiten Bogen, der ihn mehrere Schritte weit hinter das Pferd brachte, nahm einen kurzen Anlauf und mit einer bewundernswürdigen Turnergewandtheit schwang er sich mit einem mächtigen Satze über des Pferdes Croupe in den Sattel.
„Alle Wetter, wie springt der Kerl!“ rief die Excellenz verwundert aus.
