Brutal Vows - J. T. Geissinger - E-Book

Brutal Vows E-Book

J.T. Geissinger

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Beschreibung

Zwei verfeindete Mafia-Imperien, vereint durch die Ehe. Lasset die Hass-Spiele beginnen. Der fulminante und finale vierte Band der»Queens and Monsters«-Reihe von TikTok-Sensation J. T. Geissinger! Spider, 38, ist Bodyguard und rechte Hand des irischen Mafia-Bosses Declan O'Donell. Nach einer schlechten Erfahrung glaubt er nicht mehr an die Liebe und ist bereit, eine arrangierte Ehe einzugehen, wenn sie für die Mafia von Vorteil ist.  Reyna, 33, ist die Schwester des Anführers der italienischen Mafia. Als dieser ihre 18-jährige Nichte mit Spider verheiraten will, um die Beziehungen zwischen den Mafia Familien zu stärken, nimmt Reyna ihren Platz ein, um zu verhindern, dass sie das gleiche gewaltätige Schicksal erleidet wie sie, bevor sie zur Witwe wurde. Als Spider und Reyna aufeinandertreffen sprühen die Funken, doch Reynas Ehegelübde sieht nicht vor, dass sie die brave Ehefrau spielt … Dich erwarten diese Tropes: - Enemies to Lovers - Arranged Marriage - Forced Proximity - Slow Burn Romance - Fake Relationship Tauche ein in J. T. Geissingers Mafia Dark Romance-Reihe »Queens and Monsters« - Ruthless Creatures - Carnal Urges - Savage Hearts - Brutal Vows Alle Bände sind auch unabhängig voneinander als Standalones lesbar! Für alle Fans von Dark Romance sowie D. C. Odesza, J. S. Wonda und Alessia Gold

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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J. T. Geissinger

Brutal Vows

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Nadine Lipp

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Spider, 38, ist Bodyguard und rechte Hand des irischen Mafia-Bosses Declan O'Donell. Nach einer schlechten Erfahrung glaubt er nicht mehr an die Liebe und ist bereit, eine arrangierte Ehe einzugehen, wenn sie für die Mafia von Vorteil ist. 

Reyna, 33, ist die Schwester des Anführers der italienischen Mafia. Als dieser ihre 18-jährige Nichte mit Spider verheiraten will, um die Beziehungen zwischen den Mafiafamilien zu stärken, nimmt Reyna ihren Platz ein, um zu verhindern, dass sie das gleiche gewaltätige Schickal erleidet wie sie, bevor sie zur Witwe wurde.

Als Spider und Reyna aufeinandertreffen sprühen die Funken, doch Reynas Ehegelübde sieht nicht vor, dass sie die brave Ehefrau spielt …

Weitere Informationen finden Sie unter: www.bramblebooks.de

Inhaltsübersicht

Warnhinweis

Widmung

Zitat

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

Epilog

Bonuskapitel

Playlist

Dank

Liste sensibler Inhalte / Content Notes

Liebe Leser*innen,

 

bei manchen Menschen lösen bestimmte Themen ungewollte Reaktionen aus. Deshalb findet ihr am Ende des Buches eine Liste mit sensiblen Inhalten.

Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch.

 

Wir wünschen euch gute Unterhaltung mit Brutal Vows.

 

J. T. Geissinger und Bramble

Für Jay, mein Happily Ever After.

Manch ein guter Strang erspart eine schlechte Ehe.

– William Shakespeare

1

REY

Die Last der Erinnerung wiegt manchmal so schwer, dass sie einen erdrückt.

Wie in diesem Augenblick. Ich stehe vor dem Schreibtisch meines Bruders, in seinem riesigen, holzgetäfelten Arbeitszimmer, und starre ihn an. Das Atmen fällt mir schwer, als würde das Gewicht einer Tonne auf meiner Lunge lasten. Ich habe auch einen Kloß im Hals und etwa einen Eimer Magensäure im Magen.

So reagiert mein Körper, wenn das Wort »Hochzeit« in meiner Gegenwart fällt. Kein Schimpfwort könnte schlimmer klingen.

Gianni fühlt sich langsam unwohl und weicht meinem Blick aus. Er schaut nach unten auf den Schreibtisch, spielt mit der Kante eines Löschblatts, dann fährt er mit dem Finger unter seinem weißen Hemdkragen entlang.

»Schau mich nicht so an. Du wusstest, dass das eines Tages kommen würde. Lili ist jetzt volljährig.«

»Das kann nicht dein Ernst sein! Sie ist erst vor zwei Wochen achtzehn geworden! Und was ist mit der Uni? Du hast versprochen, darüber nachzudenken.«

Er schaut wieder zu mir. Er hat die Augen unseres Vaters, kohlschwarz und leblos. Alle anderen finden sie – und ihn – Furcht einflößend. Aber mein Vater konnte mir keine Angst einjagen, und mein älterer Bruder tut es auch nicht. Genauso wenig wie irgendjemand sonst.

Nach allem, was ich durchgemacht habe, könnte der Teufel persönlich auftauchen und meine Seele einfordern. Ich würde ihm sagen, dass er mich am Arsch lecken und sich zurück in die Hölle verpissen soll.

»Nein, du hast darauf bestanden, dass ich es in Betracht ziehe«, antwortet Gianni. »Und wenn dir die Antwort dann nicht gefällt, ignorierst du sie, wie immer.«

Ich stehe regungslos da und schaue ihn finster an.

»Ich habe ihn überprüft. Er ist nicht Enzo«, fügt er hinzu.

Als ich den Namen meines verstorbenen Mannes höre, durchfährt mich ein Schauder. Die Säure, die in meinem Magen brodelt, brennt sich einen Weg nach oben in meinen Rachen. Ich stehe noch ein paar Augenblicke da und versuche, mein Gleichgewicht wiederzufinden. Dann gehe ich im Zimmer auf und ab, um die negative Energie loszuwerden, ohne dafür Möbel oder etwas anderes zerschlagen zu müssen.

Gianni beobachtet mich eine Zeit lang schweigend und unternimmt dann einen neuen Versuch, mich zu überzeugen. »Wir gewinnen an Territorium, bekommen Handelsrouten und wichtige Verbündete, die wir dringend brauchen. Die Verbindung, die wir durch diese Hochzeit eingehen, wird uns eine beträchtliche Menge Geld einbringen. Mindestens zweistellige Millionenbeträge, vielleicht sogar dreistellige.«

»Du klingst wie ein Zuhälter«, murmle ich.

Er geht nicht darauf ein. »Ganz zu schweigen davon, dass wir Einfluss auf die anderen Familien gewinnen. Du weißt, wie verzweifelt alle darauf aus sind, ein Bündnis mit dem Mob einzugehen. Wenn wir das durchziehen, werde ich zum Capo ernannt. Es steht viel auf dem Spiel, Rey. Wir können die Position der Familie für Generationen sichern.«

»Du sprichst ständig von ›wir‹ und ›uns‹. Ich will aber nicht, dass meine Nichte versklavt wird.«

»Es war immer klar, dass Lili zum Wohl der Familie verheiratet wird. Du hast es gewusst, sie weiß es, jeder weiß es. Das ist nichts Neues«, entgegnet er mit übertrieben gespielter Geduld.

Ich bleibe stehen und schaue ihn an. »Sie ist noch ein Kind.«

»Mit achtzehn ist sie jetzt erwachsen. Du warst zwei Jahre jünger, als du geheiratet hast.«

»Ja, und meine Ehe war dann ja auch ganz wundervoll.«

Er verzieht das Gesicht. »Du hast Enzos Vermögen geerbt und deine Freiheit bekommen. Ich würde sagen, das ist am Ende gut für dich ausgegangen.«

»Und das Gemetzel, das zwischen unserer Verlobung und seinem Tod stattgefunden hat, schiebst du bequem beiseite.«

»Lili ist anders als du, Rey.«

»Sie ist meine Nichte. Und meine Patentochter. Und eins der liebsten, klügsten Mädchen, die ich kenne. Sie hat es nicht verdient, mit einem fürchterlichen alten Iren verheiratet zu werden!«

»Ich habe nie gesagt, dass er alt ist.«

»Er stinkt bestimmt nach gekochtem Kohl!«

»Ich versichere dir, dass er nicht nach Gemüse stinkt.«

»Und er hat ganz sicher eine Vorliebe für Kinderpornos! Ein Mann, der eine Teenagerin heiraten will, muss ein Perversling sein!«

Er achtet darauf, seine Stimme nicht zu erheben, obwohl er offensichtlich genervt ist und das Gespräch beenden will. »Ich glaube nicht, dass er der Typ für Kinderpornografie ist, aber du kannst dir gleich selbst einen Eindruck verschaffen. Er wird jeden Moment hier sein.«

Ich zucke angewidert zurück. »Er kommt her?«

»Um Lili kennenzulernen.«

»Jetzt?«

»Ja.«

Misstrauisch kneife ich die Augen zusammen. »Warum erzählst du mir erst kurz bevor der Ire das Haus betritt von dieser arrangierten Ehe?«

»Bei deinem Temperament dachte ich, es ist eine gute Idee, wenn du nicht allzu viel Zeit hast, um irgendwelche Gegenstände zu zerdeppern«, antwortet er nach einer kurzen Pause vorsichtig.

Das mag ein Grund sein, aber ich weiß, dass es nicht der Hauptgrund ist. Ich kenne meinen Bruder gut.

»Du bist so ein verdammtes Arschloch! Lili weiß noch nichts davon, oder?«

Gianni steht von seinem Schreibtisch auf, streicht die Vorderseite seines maßgeschneiderten marineblauen Anzugjacketts glatt und kommt auf mich zu. Er bleibt vor mir stehen und umfasst sanft meine Oberarme. »Ich habe gehofft, dass du es ihr sagst.«

»Ich bringe dich um! Jetzt, genau hier«, fauche ich ihn an.

Er mustert meinen Gesichtsausdruck, lässt meine Arme los und tritt einen Schritt zurück.

In kluger Voraussicht.

»Deshalb habe ich es dir nicht früher gesagt. Es tut mir leid, dass schlechte Erinnerungen in dir hochkommen, aber diese Hochzeit findet statt. Die Bedingungen sind bereits ausgehandelt. Der Ire muss jetzt nur noch Lili treffen. Wenn sie ihm gefällt, wird der Vertrag unterzeichnet und das Datum der Hochzeit festgelegt.«

Er geht nicht näher darauf ein, was passiert, wenn Lili ihm nicht gefällt, aber ich weiß, dass es nichts Gutes wäre. Für Gianni darf es jetzt kein Scheitern geben, selbst der kleinste Misserfolg wäre unverzeihlich.

In einem sanfteren Ton fährt er fort: »Und ihre Zia wird ihr erklären, dass das alles zu ihrem Besten geschieht, dass die Familie an erster Stelle steht und dass, sollte ihr frisch angetrauter Ehemann Zias verstorbenem Ehemann Enzo ähneln, er ebenfalls eines vorzeitigen Todes sterben wird.« Er macht eine Pause. »Ein sorgfältig geplanter Tod ohne Zeugen oder Hinweise auf ein Verbrechen. Ein ›Unfall‹, der so gut ausgeführt ist, dass sogar die Polizei darauf reinfällt.«

»Ich habe meinen Mann nicht umgebracht«, erwidere ich, ohne mit der Wimper zu zucken.

Er lächelt. »Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so gut lügen kann wie du.«

»Das ist eine Gabe.«

Sein Lächeln wird breiter. »Eine von vielen.«

»Hör auf, mir zu schmeicheln, damit ich deine Drecksarbeit erledige.«

»Auf mich wird sie nicht hören, Rey. Du weißt, wie sie ist.«

»Ja, es ist sehr unpraktisch für die Männer in dieser Familie, wenn die Frauen ihren eigenen Kopf haben.«

Ich merke, dass er seufzen möchte, er tut es aber nicht. Er steht einfach da und sieht mich beschwörend an, bis ich nachgebe.

Ich habe sowieso keine Wahl. Als Oberhaupt der Caruso-Familie hat Gianni das Sagen. Eines Tages wird es eine Frau an die Spitze einer der fünf italienischen Mafiafamilien in New York schaffen. Ich hoffe, ich lebe lange genug, um das mitzuerleben. Bis dahin kann ich nur versuchen, so viel Einfluss wie möglich auszuüben.

Und es ist tatsächlich hilfreich, dass mein Bruder Angst vor mir hat.

»Ich will das letzte Wort haben, was diesen Iren angeht. Ich werde Lili informieren, aber wenn er mir nicht gefällt, ist der Deal geplatzt.«

Gianni fährt sich mit der Zunge über die Zähne. Wahrscheinlich zählt er in Gedanken bis zehn oder flucht und wünscht sich, er hätte eine Schwester wie die seines besten Freundes Leo. Eine fügsame, dumme Frau, die zu nichts eine Meinung hat und alles wiederholt, was ihr Vater und ihr Bruder ihr sagen.

Stattdessen hat er mich. Eine Frau mit einem schlechten Ruf, einem Splitter in der Schulter und einer scharfen Zunge.

»Einverstanden?«, hake ich nach.

»Du wirst niemals jemanden für gut befinden«, entgegnet er. »Wir würden diese Diskussion in den nächsten zwanzig Jahren immer wieder führen.«

»Das stimmt nicht. Ich kann vernünftig sein.«

Er hebt eine Augenbraue.

»Mach nicht so ein Gesicht. Ich will nur sichergehen, dass er kein Monster ist.«

»Ich versichere dir, dass er kein Monster ist.«

»Jaja, du mochtest auch Enzo.«

Gianni zuckt zusammen. »Enzo war ein Soziopath. Die sind sehr gut darin, einen auf charmant zu machen.«

»Genau, und gerade deshalb muss ich das letzte Wort haben. Wenn jemand einen Psycho gegen den Wind riechen kann, dann bin ich das.«

Dagegen kann er nichts sagen. Wie denn auch? Es stimmt. Ich habe mir mein Gespür für Monster hart erarbeitet.

Gianni schaut mich so lange mit unlesbarem Gesichtsausdruck an, bis ich davon ausgehe, dass ich verloren habe. Aber dann überrascht er mich. »Na gut. Wenn du den Iren nicht magst, ist die Hochzeit geplatzt.«

Erleichtert atme ich aus und nicke.

»Aber du musst es Lili trotzdem sagen.«

Als wir Autoreifen auf dem Kies in der Auffahrt knirschen hören, drehen Gianni und ich uns zum Fenster.

»Ich denke, du solltest dich beeilen«, sagt er amüsiert.

Meine Ohren glühen vor Wut. »Du bist ein richtig beschissener Vater, Gi.«

Er zuckt mit den Schultern. »Das liegt in der Familie.«

Ich drehe mich um und gehe hinaus, bevor ich den Brieföffner von seinem Schreibtisch nehmen und etwas tun kann, das ich bereuen werde.

 

Ich renne die Treppe hinauf und nehme dabei zwei Stufen auf einmal. Auf dem Treppenabsatz biege ich scharf links ab und laufe den Flur entlang, in die entgegengesetzte Richtung meines Zimmers. Düstere Ölporträts meiner Vorfahren hängen in goldenen Rahmen an den Wänden und blicken finster auf mich herab. Ich ignoriere die handgemalten Fresken an den Wänden, die venezianischen Glasleuchter, die über mir funkeln, und eine erschrockene Haushälterin, die die Blätter einer Topfpalme abstaubt, und eile zu dem Zimmer am Ende des Flurs.

Ich muss mich beeilen.

Vor der schweren Eichentür bleibe ich stehen und klopfe mit der Faust dagegen. »Lili? Ich bin’s. Kann ich reinkommen? Ich muss mit dir reden.«

»Einen Moment, Zia! Ich … ich komme gleich!«

Ich höre Lilis Stimme leise durch die Tür. Sie klingt panisch. Vielleicht weiß sie es schon. Für jemanden, der so behütet aufgewachsen ist, ist sie sehr klug.

Ich höre ein Geräusch, dann einen seltsamen, dumpfen Schlag.

Besorgt lehne ich mich näher an die Tür. »Lili? Ist alles in Ordnung?«

Nach ein paar langen, stillen Augenblicken öffnet meine Nichte die Tür. Ihre Wangen sind gerötet, ihr langes dunkles Haar zerzaust. Das weiße T-Shirt, das sie trägt, ist auf einer Seite zerknittert und hängt aus ihrer schwarzen Yogahose heraus. Sie ist barfuß und wirkt desorientiert, als wäre sie gerade aufgewacht.

Was seltsam ist, wenn man bedenkt, dass es vier Uhr nachmittags ist.

»Entschuldige, hast du geschlafen?«

»Ähm … ich hab trainiert.« Sie zeigt über ihre Schulter auf den Fernseher an der Wand. Auf dem Bildschirm macht eine Frau in pinkfarbenem Spandex Jumping Jacks. »Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gerne weitermachen.«

Sie will die Tür schließen, aber ich dränge mich an ihr vorbei ins Zimmer. »Es ist dringend.«

Ihre Zimmereinrichtung ist genauso überladen wie der Rest des Hauses. Es gibt keinen freien Zentimeter, der nicht mit Samt, Gold, Spiegeln, überladener Motivtapete, aufwendig geschnitztem Holz oder Buntglas verziert wäre.

Wenigstens beschränken sich die Farben hier auf gedämpftes Rosa und Grün. Mein Zimmer ist komplett in Schwarz, Burgunderrot und Gold gehalten. Es sieht aus wie ein Bordell im Vatikan.

Giannis verstorbene Frau war ein großer Fan der katholischen Kirche und hat sich an ihrem Interior Design inspiriert. Sie ist bei Lilis Geburt gestorben, aber ihr einzigartiger Geschmack in Sachen Deko lebt weiter.

Ich schnappe mir die Fernbedienung von der Kommode, schalte den Fernseher stumm und wende mich wieder Lili zu. Sie steht immer noch an derselben Stelle und sieht nervös aus.

»Was ist los, Zia?«

»Es gibt keine gute Art, es dir zu sagen, also sage ich es einfach.«

Sie fängt an, ihre Hände zu wringen, also fordere ich sie auf, sich lieber hinzusetzen. »O Gott. Ist jemand gestorben? Nonna?«

»Deiner Großmutter geht’s bestens. Sie hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, damit sie lange genug lebt, um uns alle zu Tode zu nerven. Jetzt hör mir zu, wir haben nicht viel Zeit.« Ich gehe auf sie zu, nehme ihre Hände in meine und schaue ihr in die Augen. »Ich muss dir was sagen, und es wird dir nicht gefallen.«

Sie wird blass. »Ach du Scheiße.«

»Ja. Und du weißt, was ich von Fluchen halte.«

»Dein Gesichtsausdruck sagt mir, dass ich in den nächsten Minuten noch viel mehr fluchen werde.«

»Da hast du recht.«

»Außerdem fluchst du ständig.«

»Ich will nicht, dass du so wirst wie ich.«

»Warum nicht? Du bist eine knallharte Bitch.«

»Genau deshalb.«

»Nein, Zia, eine knallharte Bitch zu sein, ist gut.«

»Oh. Danke. Vielleicht. Zurück zu dem, was ich dir sagen muss. Bist du bereit?«

»Nein. Sag’s mir trotzdem.«

Ich drücke ihre Hände, um sie zu beruhigen, bevor ich ihr die Wahrheit sage. »Dein Vater hat eine Ehe für dich arrangiert. Du triffst den Mann heute. Jetzt gleich. Sein Auto ist gerade vorgefahren.«

Lili erstarrt. Sie schluckt. Ansonsten zeigt sie keine Reaktion.

»Du hast es besser aufgenommen, als ich erwartet hätte. Tapferes Mädchen. Das war die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass die Hochzeit nur dann stattfindet, wenn ich den Mann gutheiße.«

Sie schließt die Augen, atmet aus und sagt leise: »Heilige riesengroße Scheiße in Eimern voller Katzenkacke.«

»Sehr kreativ. Sonst noch was?«

Sie öffnet die Augen und schaut mich panisch an, während sie meine Hände so fest drückt, dass es wehtut. »Ich will nicht heiraten, Zia.«

»Natürlich nicht. Du bist vernünftig.«

Ihre Stimme wird lauter. »Nein, ich meine, ich kann nicht heiraten!«

Sie reißt sich von mir los, durchquert das Zimmer und stellt sich trotzig vor den großen Holzschrank neben ihrem Bett. Der Schrank ist riesig, ein antikes, vom Boden bis zur Decke reichendes Monster aus glänzendem geschnitztem Mahagoni. Er hat mich immer an den magischen Kleiderschrank aus Die Chroniken von Narnia erinnert, der einen in ein Land voller sprechender Tiere und Fabelwesen beamen kann.

Sie stemmt die Hände in die Hüften. »Lieber würde ich sterben, als einen Mann zu heiraten, den ich nicht liebe!«, ruft sie theatralisch.

Aus dem Schrank ertönt ein dumpfes Geräusch, es klingt, als wäre ein Körper zu Boden gefallen.

Danach ist es still.

Ich schaue meine Nichte an.

Sie schaut mich direkt an, ihre sonst so süßen braunen Augen lodern vor Trotz.

»Lili?«, frage ich in ruhigem Ton.

»Ja?«

»Was war das für ein Geräusch?«

Sie hebt ihr Kinn und verschränkt die Arme vor der Brust. »Was für ein Geräusch?«

Ich schaue auf ihr zerzaustes Haar, ihr heraushängendes Shirt, ihre nackten Füße und den rebellischen Gesichtsausdruck und weiß instinktiv, dass wir ein verdammt großes Problem haben.

Ich durchquere das Zimmer mit großen Schritten und gehe zum Kleiderschrank.

Lili versucht, mich aufzuhalten, springt vor die Schranktüren und fleht mich an, aber ich schiebe sie beiseite und reiße die Tür auf.

Und blicke einem jungen Mann direkt ins Gesicht.

Er versteckt sich zwischen einem Nerzmantel und einem perlenbesetzten Abendkleid und drückt sich so weit wie möglich gegen die Rückwand. Er sieht gut aus, das muss ich ihr lassen. Samtige braune Augen, volle Lippen und ein Oberkörper, der Magazincover schmücken könnte – der Junge ist zweifellos attraktiv. Er trägt nichts als eine enge weiße Unterhose, durch die seine Erektion deutlich sichtbar ist.

Älter als achtzehn kann er nicht sein.

Ich schließe langsam die Schranktür und drehe mich zu Lili.

Sie steht mit vor der Brust verschränkten Armen und aufeinandergepressten Lippen da, die Schultern hängen nach vorne. Hätte sie einen Schwanz, würde sie ihn zwischen die Beine klemmen.

»Du weißt, was passiert, wenn dein Vater das erfährt«, sage ich leise.

Sie bemüht sich nicht, es zu leugnen. Sie nickt nur.

Aber es muss ausgesprochen werden. Erst dann wird der Ernst der Lage greifbar. »Er würde ihn umbringen, Lili. Wer auch immer dieser Junge in deinem Schrank ist, er würde sterben. Langsam und qualvoll. Wahrscheinlich würde er dich sogar zwingen, zuzusehen.«

Lilis Augen füllen sich mit Tränen. Sie nickt erneut, schluckt schwer, und der Schmerz steht ihr ins Gesicht geschrieben. »Ich weiß«, flüstert sie.

Es bricht mir das Herz.

Sie ist so dumm. Jung, leichtsinnig und dumm, aber ich verstehe sie vollkommen. Ich war auch mal jung. Ich hatte auch mal Träume. Ich hatte Bedürfnisse und Wünsche und habe von einer mir weit offenstehenden, golden schimmernden Zukunft geträumt.

Bis all die schönen Träume zerstört wurden durch das kalte, tödliche Gewicht eines Eherings.

Ich ziehe sie nah an mich ran, lege meine Arme um ihre Schultern und umarme sie.

»Ich weiß nicht, wie du ihn hier reingebracht hast«, flüstere ich ihr ins Ohr, »aber pass auf, dass ihn niemand sieht, wenn er geht. Ich kann dir zehn Minuten verschaffen, vielleicht fünfzehn, aber mehr nicht. Wir treffen uns im Arbeitszimmer deines Vaters. Zieh dein blaues Kleid an, das mit den Perlmuttknöpfen. Setz dein süßes Lächeln auf und überlass den Rest mir. Okay?«

Sie nickt und schnieft. »Okay. Danke, Zia.«

Aus dem Innenhof erklingen Stimmen. Ich lasse Lili los, eile zum Fenster, schiebe den Vorhang beiseite und spähe hinaus. In der kreisförmigen Auffahrt hat ein glänzender schwarzer Escalade vor dem Springbrunnen geparkt. Zwei Wachmänner meines Bruders stehen mehrere Meter entfernt von einem Mann, den ich nicht kenne.

Er ist groß und breitschultrig, größer als die beiden Wachmänner, aber er hat ein freundliches Lächeln und eine freundliche Art. Er trägt einen schwarzen Anzug, glänzende schwarze Oxford-Schuhe und sieht sehr imposant aus.

Die Wachmänner und der Typ unterhalten sich weiter. Einer der Männer tastet ihn nach Waffen ab, dann nicken alle drei. Die Wachmänner treten zurück, der Fahrer geht um das Auto herum, öffnet die Beifahrertür, und ein weiterer Mann in schwarzer Kleidung steigt aus.

Mir stockt der Atem.

Dieser Typ ist schlanker als der erste. Genauso groß und breitschultrig, aber nicht so muskulös. Eher ein Quarterback, während der andere ein Defensive Lineman ist. Sein Haar ist dunkelblond und wirkt so, als wäre er einfach nur mit den Fingern durchgefahren, statt einen Kamm zu benutzen. Sein Bart ist dunkler, eher bronzefarben, und bedeckt sein kantiges Kinn. In einem Nasenloch steckt ein kleiner Metallring. Er sieht unglaublich gut aus. Halb aristokratisch, halb nach knallhartem Straßenkämpfer, und er strahlt eine rohe, brutale Kraft aus, die selbst aus dieser Entfernung unverkennbar ist. Deutlich sichtbar über dem Kragen seines gestärkten weißen Hemdes ist ein Spinnennetz-Tattoo zu sehen.

Er blickt zum Fenster hoch und erwischt mich dabei, wie ich ihn anschaue.

Unsere Blicke treffen sich.

Mein Herz setzt einen Schlag aus.

In diesem Moment weiß ich mit düsterer Gewissheit, dass ich in die Augen des Mannes blicke, der meine Familie in Stücke reißen wird.

2

SPIDER

Ich kann nur einen kurzen Blick auf die Frau im Fenster erhaschen, bevor die Vorhänge wieder zufallen und sie verschwindet, aber ihr Bild brennt sich in meine Netzhaut ein.

Dunkles Haar, rote Lippen, olivfarbene Haut.

Schwarzes, tief ausgeschnittenes Kleid.

Großzügiges Dekolleté.

Und Augen, die in der Nachmittagssonne silbern glitzern wie der Schimmer von Münzen auf dem Grund eines Wunschbrunnens.

Das kann nicht Liliana gewesen sein, die Frau, die ich hier treffen will. Ich habe Fotos von ihr gesehen. Sie hat ein süßes, unschuldiges Gesicht. Ein schüchternes, hübsches Lächeln.

Die Frau im Fenster sah aus, als würde sie nur lächeln, wenn sie einem die Kehle durchschneidet.

»Ich dachte, die Mutter des Mädchens ist gestorben«, sage ich auf Irisch zu Kieran, damit die Wachmänner uns nicht verstehen.

Er steht neben mir, folgt meinem Blick und schaut zum Fenster hinauf. »Ja. Warum?«

»Wer wohnt hier noch?«

Er zuckt mit den Schultern. »Keine Ahnung. Bei der abgefahrenen Größe dieses Hauses wahrscheinlich tausend Leute.«

Sie ist keine Bedienstete, so viel steht fest. In ihren funkelnden Augen war kein Anflug von Unterwürfigkeit zu sehen. Sie hat eher ausgesehen wie eine Kriegsherrin, die eine Armee von Soldaten in die Schlacht führt.

Irritierenderweise bin ich fasziniert. Das Letzte, womit ich mich beschäftigen will, ist eine starke Frau. Je stärker eine Frau ist, desto eher macht sie einem Mann das Leben zur Hölle – oder bricht ihm das Herz. Das musste ich auf die harte Tour lernen.

»Hier entlang«, sagt der Wachmann, der mir am nächsten steht. Er nickt in Richtung einer gewölbten Öffnung in der Backsteinmauer, die von der kreisförmigen Auffahrt in einen Innenhof führt.

Ich verdränge den Gedanken an die mysteriöse Frau, knöpfe meine Anzugjacke zu und folge dem Wachmann, der Kieran und mich vom Auto wegführt. Der andere Wachmann geht hinter uns. Wir werden durch den üppig begrünten Innenhof zu einer riesigen aus Eichenholz geschnitzten Doppelflügeltür geführt, die zu beiden Seiten von hoch aufragenden Marmorsäulen flankiert wird.

Das Haupthaus ragt über uns empor, zwei weitläufige Stockwerke aus beigem Kalkstein mit aufwendigen Balustraden und geschwungenen Eisenbalkonen, gekrönt von einer Reihe römischer Zenturio-Statuen, die von einem Vorsprung auf dem roten Ziegeldach auf uns herabblicken.

Im Hauptfoyer wird die Einrichtung noch prunkvoller.

In bunten Fresken tummeln sich nackte Cherubim, haarige Satyrn und Waldnymphen. An der Decke hängen gleich drei Kristallleuchter. Der Boden ist aus schwarzem Marmor, die geschnitzten Mahagonimöbel sind mit Goldapplikationen verziert, und die Buntglasfenster reflektieren derart kaleidoskopisch, dass meine Augen tränen.

»Jesus, Maria und Josef«, flüstert Kieran. »Sieht aus, als hätte Liberace sein Mittagessen hier überall hingekotzt.«

Er hat recht. Es ist abscheulich, und ich muss hart mit mir ringen, mich nicht auf der Stelle umzudrehen und rauszugehen.

»Ah, Mr Quinn!«

Ich drehe mich nach rechts. Ein Mann kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, um mich zu begrüßen. Er wirkt fit, ist durchschnittlich groß und um die vierzig. Sein dunkles Haar ist mit Pomade nach hinten gekämmt. Er trägt einen marineblauen maßgefertigten Nadelstreifenanzug, eine hellblaue Krawatte mit einer diamantenen Krawattennadel, eine klobige Diamantuhr und einen goldenen Ring an jeweils beiden kleinen Fingern. Er strahlt Reichtum, Privilegien und Macht aus. Sein Parfüm erreicht mich, noch bevor er es tut. Sein Lächeln ist blendend.

Ich hasse ihn auf den ersten Blick.

»Mr Caruso, nehme ich an.«

Er umfasst meine Hand mit beiden Händen und schüttelt sie auf und ab, als wäre er ein Politiker, der um meine Stimme wirbt. »Es ist mir eine Freude, Sie endlich kennenzulernen. Willkommen in meinem Haus.«

»Danke. Ich bin ebenfalls erfreut, Sie kennenzulernen.«

Er hört nicht auf, zu grinsen und meine Hand zu schütteln.

Noch zehn Sekunden von dieser Shitshow, und ich schlage ihm seine Chiclets-Zähne aus dem Mund.

»Das ist mein Partner, Mr Byrne.« Ich befreie meine Hand aus Carusos eisernem Griff und deute auf Kieran.

Dieser neigt respektvoll den Kopf. »Sir.«

»Mr Byrne, willkommen. Und, ich bitte Sie, nennen Sie mich doch Gianni. Ist es nicht besser, wenn wir uns alle mit Vornamen anreden?«

Ich würde mir lieber Säure in die Augen träufeln, du Wichser.

Kieran nennt höflich seinen Vornamen. Ich schweige. Es entsteht eine unangenehme Pause, während Caruso wartet, aber dann versteht er den Wink und schlägt vor, dass wir uns in sein Arbeitszimmer zurückziehen, um unter vier Augen zu sprechen.

Der endlos lange Gang durch kilometerlange, hallende Flure fühlt sich an wie ein Todesmarsch. Endlich erreichen wir sein Arbeitszimmer. Es ist wahrscheinlich größer als die Rechtsbibliothek der Universität Notre Dame. Wir setzen uns gegenüber von Caruso in zwei Ledersessel, die so unbequem sind, dass sie von Sadisten entworfen sein müssen.

Ich bin noch keine zehn Minuten hier und bereue es schon sehr.

Bis sie zur Tür hereinkommt.

Dunkles Haar, rote Lippen, olivfarbene Haut.

Schwarzes, tief ausgeschnittenes Kleid.

Großzügiges Dekolleté.

Es ist jedoch nicht nur das Dekolleté, sie hat auch sehr lange Beine und eine Sanduhr-Figur. Ich kann mir keinen Mann vorstellen, der bei diesem Anblick nicht schier verrückt werden würde vor Lust.

Aber ihr Anblick würde ihn zu Stein erstarren lassen.

Ich habe noch nie eine attraktive Serienmörderin gesehen, aber genau so müsste sie aussehen.

»Mr Quinn, Kieran«, sagt Caruso und deutet nacheinander auf uns, »das ist meine Schwester Reyna.«

Ich bin schon aufgesprungen, noch bevor ich bewusst die Entscheidung getroffen habe, aufzustehen. Kieran steht ebenfalls auf und murmelt eine Begrüßung.

Reyna erwidert seinen Gruß und lächelt ihn an, aber als sie ihren Blick auf mich richtet, verschwindet ihr Lächeln. Sie sieht mir direkt in die Augen. »Guten Tag, Mr Quinn.«

Und es klingt wie: Ich werde deine Milz zum Abendessen verspeisen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich lachen oder nachfragen soll, was ihr Problem ist, aber ich entscheide mich für eine neutrale Begrüßung. »Guten Tag, Ms Caruso.« Mein Blick fällt auf den Ringfinger ihrer linken Hand. Sie hat dort ein kleines, ringförmiges schwarzes Tattoo, eine kursive Inschrift, die ich auf die Entfernung nicht lesen kann. »Oder sind Sie eine Mrs mit anderem Nachnamen?«

Ich schaue ihr wieder ins Gesicht und stelle fest, dass ihr Blick nicht mehr steinern ist, sondern nun vernichtend lodert und brennt. Sie könnte Stahl zum Schmelzen bringen. Ich habe noch nie so eine glühende, wortlose Wut gesehen. Im Vergleich dazu wirken die brennenden Feuerseen in den tiefsten Höllenabgründen wie gemütliche Schaumbäder.

All diese Hitze und dieser Hass, mit denen sie mir begegnet, bringen meinen Schwanz dazu, vor Erregung zu pochen.

War ja klar, der Vollidiot will auch immer nur das, was er nicht haben kann.

Sie antwortet nicht auf meine Frage, und es entsteht eine unangenehme Stille.

»Meine Schwester ist verwitwet«, antwortet ihr Bruder an ihrer Stelle.

»Das tut mir leid.«

Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, kühlt die ganze Hitze in ihren Augen ab, und sie werden wieder eisig. »Danke.«

Sie dreht sich um und geht in einem steifen Gang zu den Fenstern hinter dem Schreibtisch ihres Bruders. Sie verschränkt die Arme vor der Brust, blickt hinaus und sendet eine winterliche Kälte über den Hof.

Ich bin überrascht, dass an den Fensterscheiben nicht sofort Eisblumen entstehen.

Kieran und ich tauschen einen Blick und setzen uns wieder auf unsere Plätze.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, meine Herren?«, fragt Caruso.

Kieran lehnt ab. Aber ich glaube, ich brauche eine flüssige Stärkung, um dieses Treffen zu überstehen, also nehme ich an.

Aus einer unteren Schreibtischschublade holt Caruso zwei Kristallgläser und eine Karaffe mit einer rubinroten Flüssigkeit heraus. Bestimmt Wein.

Als ich einen Schluck nehme, ist es schon zu spät. Das Zeug schmeckt bitter. Es brennt mir die Kehle hinunter und versengt im Abgang meine Nasenhaare.

Caruso lächelt mich erwartungsvoll an. »Das ist Campari. Haben Sie schon mal Campari getrunken?«

Ich schüttle nur den Kopf, bringe kein Wort heraus, weil ich mich sonst übergeben müsste.

Reyna wirft mir einen Blick über die Schulter zu. Sie sieht den angewiderten Ausdruck in meinem Gesicht und dreht sich mit einem zufriedenen leichten Lächeln schnell wieder zum Fenster.

Vielleicht zünde ich das Haus an, nachdem ich die Tochter geheiratet habe. Die Nachbarn würden mir zweifellos dankbar sein.

Caruso redet immer noch über Campari, wie berühmt er in Italien ist, bla, bla, bla, aber ich unterbreche ihn, um zu fragen, wann ich Liliana treffen werde.

»Oh. Ja. Liliana.«

Für einen Moment sieht er verwirrt aus, als hätte er den Faden verloren. Aber er reißt sich zusammen und setzt wieder sein beschissenes Grinsen auf. »Sie kommt gleich runter.« Er dreht sich leicht zu Reyna um, um ihre Bestätigung zu bekommen. »In der Zwischenzeit, Mr Quinn, möchte ich Ihnen und Mr O’Donnell für Ihren Besuch danken. Ich freue mich darauf, Sie beide besser kennenzulernen, jetzt, wo sich unsere Familien vereinen …«, sagt Caruso in seiner schmierigen Politikermanier.

»Wir sollten nicht zu weit vorgreifen«, unterbreche ich ihn und stelle das Glas mit der widerlichen Flüssigkeit auf dem Schreibtisch ab. »Nachdem ich Ihre Tochter kennengelernt habe, haben wir noch genug Zeit, um über die Zukunft zu sprechen. Zurzeit ist der Deal noch nicht unter Dach und Fach.«

»Ja, natürlich«, sagt er mit gedämpfter Stimme. »Verzeihen Sie.«

Reyna dreht sich wieder vom Fenster weg, diesmal, um ihrem Bruder einen empörten Blick zuzuwerfen. Es ist nicht zu übersehen, dass sie ihn für ein Weichei hält, weil er so viel Schwäche zeigt, dazu noch in seinem eigenen Haus. Aber sie hat recht.

Ich stehe auf und sehe sie an. »Wenn es möglich wäre, würde ich gerne zuerst ein paar Minuten mit Ihrer Schwester sprechen. Allein.«

Caruso sieht überrascht aus.

Reyna sieht aus, als würde sie sich fragen, wo die nächste Axt ist, damit sie sie mir in den Schädel rammen kann.

Ich habe keine Ahnung, warum diese Frau mich so hasst, aber es fängt an, mich zu nerven. Egal, was mein Schwanz von ihr hält, sie macht mich wütend.

Kieran steht auf, weil er schon weiß, dass meine Bitte erfüllt wird.

Caruso folgt ihm und wirft Reyna einen nervösen Blick zu. »Natürlich. Wir geben Ihnen einen Moment. Kieran, soll ich Ihnen meine Fabergé-Eier-Sammlung zeigen?«

»Nichts lieber als das«, antwortet Kieran mit ernster Miene.

Sie gehen.

Sobald sich die Tür hinter ihnen schließt, schaue ich Reyna an. »Okay. Es ist offensichtlich, dass du mir was zu sagen hast. Spuck’s aus.«

Sie dreht sich vom Fenster weg und blinzelt. »Tut mir leid, ich habe keine Ahnung, was Sie meinen.«

Ihre Hand ruht an ihrem Hals. Ihre Augen sind weit aufgerissen und unschuldig. Sie gibt die Madonna.

»Zu spät, Schätzchen. Ich habe dich längst durchschaut. Unter der menschlichen Haut versteckst du eine Sumpfhexe«, sage ich.

»Wiebitte?«

»Du bist keine so gute Schauspielerin, wie du denkst.«

Sie starrt mich einige Sekunden lang schweigend an, dann sagt sie eiskalt: »Erstens: Nenn mich nicht auf abwertende Weise ›Schätzchen‹. Zweitens: Wenn du nicht so schlau bist, um zu wissen, was das Wort ›abwertend‹ bedeutet, frag deinen Kumpel. Er sieht so aus, als könnte er mal ein Buch gelesen haben. Drittens …«

»Dauert das noch lang? Ich habe einen Termin.«

Ihre Nasenflügel blähen sich, die Lippen werden schmal. Ihr Körper zittert vor ohnmächtiger Wut, und ich glaube, ich fange an, Spaß zu haben.

»Drittens: Ich habe dir nichts zu sagen«, sagt sie mit zusammengebissenen Zähnen.

»Nein?« Ich lasse meinen Blick über ihren Körper wandern, von oben nach unten und wieder zurück, und genieße jede gefährliche Kurve. »Das sieht aber ganz anders aus.«

Mit scheinbar großer Willenskraft hält Reyna die giftigen Worte zurück, die ihr auf der Zunge brennen. Sie streicht sich mit der Hand über ihr dunkles Haar, zieht die Schultern gerade und zwingt sich zu einem kalten Lächeln.

»Wenn du darauf bestehst.«

»Das tue ich.«

»Aber es wird unangenehm.«

»Ich bezweifle, dass du zu Höflichkeiten fähig bist, kleine Viper.«

Ihre Augen blitzen auf. »Mich zu beleidigen, bringt dir keine Punkte ein.«

»Ich bin hier nicht derjenige, der Punkte sammeln muss.«

Das macht sie noch wütender. Ihre Wangen werden scharlachrot. »Warum provozierst du mich absichtlich?«

»Weil du besser bist als dein Bruder«, sage ich und halte ihrem wütenden Blick stand. »Du musst nicht so tun, als wärst du was, was du nicht bist. Und jetzt sprich mit mir. Ich muss wissen, warum du so wütend bist, und er wird es mir nicht sagen.«

Das Kompliment und meine Direktheit scheinen sie zu überraschen. Offensichtlich hat sie damit nicht gerechnet. Und mein Gefühl sagt mir, dass es nicht viel gibt, womit sie nicht rechnet, also ist das äußerst befriedigend.

»Es gefällt dir nicht, dass ich Ire bin«, sage ich nach einer langen Pause.

»So kleinlich und voreingenommen bin ich nicht«, antwortet sie gereizt. »Ich beurteile Menschen nicht danach, wo sie geboren wurden.«

So wie sie es sagt, glaube ich ihr. Sie ist wirklich beleidigt von dieser Andeutung. Was interessant ist, wenn man bedenkt, dass die meisten aus ihrer Sippe lieber lebendig verbrannt werden würden, als sich mit einem Iren anzufreunden. Unsere Familien machen ab und zu Geschäfte miteinander, wenn es passt, aber sonst sind wir stolz darauf, dass wir uns abgrundtief hassen.

»Was dann?«

Sie mustert mich schweigend. Dann schüttelt sie den Kopf. »Ich kann nicht ehrlich zu dir sein, das weißt du. Für meine Familie steht zu viel auf dem Spiel.«

»Es steht noch mehr auf dem Spiel, wenn du nicht ehrlich zu mir bist.«

»Zum Beispiel?«

»Ich werde hier rausgehen, ohne Liliana zu treffen und ohne mich umzudrehen, denn es gibt noch eine Menge anderer Frauen in der Cosa Nostra, die gerne ihre Beine für mich breit machen, wenn sie so Vorteile für ihre Familien sichern können.«

Sie schaut mich an. Ihre Augen haben eine ungewöhnliche Farbe, ein blasses Grüngrau, das an eine Meerjungfrau erinnert. Sie könnten faszinierend sein, bei einer Frau, die nicht den Drang verspüren würde, mich zu ermorden und meine Leiche zu zerstückeln.

»Ich hasse dich dafür, dass du das sagst.«

»Ein weiterer Punkt auf deiner Hassliste also.«

Mein Grinsen bringt sie schließlich dazu, zu reden.

»Na gut. Du willst die Wahrheit wissen? Ich sag sie dir. Meine Nichte ist ein gutes Mädchen. Sie hat was Besseres verdient, als ohne Mitspracherecht an den Höchstbietenden verkauft zu werden. Sie verdient so viel mehr als einen Mann, der sie wegen Geld, Status oder Macht heiratet. Sie verdient es, geliebt, geschätzt und respektiert zu werden. Es ist nicht fair, dass sie keine Stimme hat und keine Wahl. Sie verdient ein eigenes Leben!«

»Warum denkst du, dass sie kein eigenes Leben haben wird, wenn wir verheiratet sind?«

Reyna blinzelt. Einmal, langsam, als wäre das, was ich gerade gesagt habe, das Dümmste, was sie je gehört hat.

»Oder dass ich sie nicht respektieren werde?«

Sie verzieht die Lippen. »Jetzt spielen Sie mit mir, Mr Quinn.«

»Spider.«

»Wie bitte?«, fragt sie nach einem Moment der Verwirrung.

»Nenn mich Spider.«

»Warum in aller Welt sollte ich das tun?«

»Weil ich so heiße.«

Sie lacht, und es klingt schön. Das scheint sie auch zu überraschen, denn sie hört abrupt auf zu lachen und sieht aus, als hätte sie keine Ahnung, wie ihr etwas so Angenehmes über die Lippen kommen konnte.

»Du heißt … Spider?«

»Genau.«

»Hat deine Mutter dich gehasst?«

»Nein.«

»Aber sie hat dich nach einem Insekt benannt?«

»Das ist ein Spitzname. Außerdem sind Spinnen keine Insekten.«

Sie runzelt die Stirn und schaut mich an.

»Warum starrst du mich an, als hätte ich ein Horn zwischen den Augen?«

»Weil ich glaube, dass ich mir eine Gehirnerschütterung zugezogen habe, als ich heute Morgen aus dem Bett gefallen bin.«

Ich lache leise. »Das würde erklären, warum du mich mit Blicken auffrisst.«

Sie öffnet den Mund, um etwas zu sagen, schließt ihn aber wieder. Es fühlt sich an wie ein Sieg, was mich zunächst freut, aber dann ärgert es mich, denn ich sollte für diese Frau überhaupt nichts empfinden.

»Oh, sieh mal. Die kleine Viper hat ihre Sprache verloren. Das passiert bestimmt nur einmal alle hundert Jahre.«

»Wenn du nicht so dumme Sachen sagen würdest, hätten wir dieses Problem nicht«, kontert sie mit zusammengebissenen Zähnen.

»Ooohh, die Reißzähne sind ausgefahren.«

Ihre Meerjungfrauenaugen funkeln vor Bosheit. »Hör auf, mich zu verspotten.«

»Oder was? Rammst du mir dann den Brieföffner in die Brust?«

Ihr Blick huscht zum Schreibtisch ihres Bruders und dann wieder zu mir. Die Art, wie sich ihre Mundwinkel hochziehen, verrät mir, dass sie die Vorstellung genießt, mich zu erstechen.

»Versuch’s doch. Ich will mich gern amüsieren.«

»Das Lachen würde dir schnell vergehen. Ich glaube, du kannst dir diese Hochzeit abschminken.«

»Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber du hast hier nicht das Sagen.«

Das bringt sie wirklich auf die Palme. Ihr Hals färbt sich feuerrot, passend zu den schon geröteten Wangen. »Wir haben uns offensichtlich nichts mehr zu sagen«, erwidert sie steif.

»Das ist das Dümmste, was du gesagt hast, seit du dieses Zimmer betreten hast.«

»Wenn du nicht aufhörst, mich so blöd anzugrinsen, weiß ich nicht, was als Nächstes passiert.«

Ich neige den Kopf zur Seite und schaue sie an. »Es geht bei dir um Männer im Allgemeinen, nicht wahr? Du hasst Männer.«

»Nur einige wenige, die, die es verdient haben«, antwortet sie mit einem Lächeln, das Satan würdig ist.

Wir könnten so weitermachen, bis die Hölle zufriert, also beschließe ich, auf den Punkt zu kommen. »Ich bewundere deine Loyalität gegenüber deiner Nichte, Ms Caruso, aber ich will eine Frau, keine Sklavin. Wenn Liliana und ich heiraten, kann sie tun, was sie will, solange es meine Geschäfte nicht beeinträchtigt oder ein schlechtes Licht auf mich wirft.«

Sie mustert mich, zweifellos um herauszufinden, ob ich lüge. »Sie könnte zur Uni gehen?«, fragt sie dann in einem herausfordernden Ton.

»Möchte sie das denn?«, frage ich überrascht.

»Sie wurde in Wellesley angenommen. Das ist ein reines Mädchen-College …«

»Ich weiß, was das ist.«

»… also müsstest du dir keine Sorgen machen, dass sie mit anderen Jungs abhängt.«

Mein Blick fällt auf ihren Mund. Ihren vollen, üppigen, scharlachroten Mund, der hauptsächlich dazu zu dienen scheint, Beleidigungen auszusprechen.

Schade. Er würde um die Eichel eines steifen Schwanzes wunderschön aussehen. Ich versuche, mir nicht vorzustellen, dass es meine ist.

»Ich bin kein Junge«, sage ich leise. Als ich wieder zu ihr schaue, sieht sie verwirrt aus, sie versucht aber, es nicht zu zeigen. »Was noch? Wenn wir schon dabei sind, können wir auch gleich die ganze schmutzige Wäsche waschen.«

»Von mir aus. Trinkst du?«

»Nicht übermäßig, wenn du das meinst.«

»Bist du aufbrausend?«

»Alle Männer sind aufbrausend.«

»Als ob ich das nicht wüsste«, spottet sie. »Ich meine, bist du gewalttätig?«

»Ich stehe an zweiter Stelle in der Führung des irischen Mob. Was denkst du?«

Sie schluckt und schaut weg. Dann sieht sie mich wieder an und befeuchtet ihre Lippen. »Ich … ich meinte, gegenüber Frauen.«

Da haben wir es.

Ich schaue auf ihre linke Hand, auf den schwarzen Tintenkreis um ihren Ringfinger, und verstehe endlich, worum es bei dieser Befragung geht.

»Ich bin nicht dein toter Mann«, antworte ich leise.

Sie zuckt zusammen, als hätte sie einen Stromschlag bekommen. Ihre Augen weiten sich. Sie macht einen Schritt zurück, fängt sich dann wieder und bleibt stehen. Sie zieht die Schultern gerade und hebt das Kinn.

»Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Das ist das dritte Mal, dass du mich anlügst, kleine Viper. Tu es nicht noch mal.«

Die Blicke, die wir austauschen, sind elektrisierend, als würde uns ein unsichtbarer Draht verbinden, der Energieimpulse hin und her schickt. Wir starren uns in knisternder Stille an, während mein Schwanz hart wird und die Ader an ihrem Hals sichtbar pocht.

»Ich nehme keine Befehle entgegen, Mr Quinn«, sagt sie mit sorgfältig kontrollierter, eiskalter Höflichkeit. »Ich spreche erwachsene Männer nicht mit lächerlichen Spitznamen an und schätze es nicht, welche zu bekommen. ›Viper‹ passt jedoch, das muss ich zugeben. Aber das Adjektiv ›kleine‹ ist völlig falsch.«

Sie dreht sich um und geht mit wiegenden Hüften zur Tür. Dort bleibt sie kurz stehen und dreht sich zu mir um. Als sie lächelt, funkeln ihre Meerjungfrauenaugen eisig kalt wie Diamanten.

»Du solltest bedenken, dass Vipern giftig sind … und Spinnen auf ihrer Speisekarte stehen.«

Sie öffnet die Tür, geht mit hocherhobenem Haupt hinaus und lässt mich allein im Arbeitszimmer stehen.

Allein und grinsend.

Zum ersten Mal, seit ich dieses Haus betreten habe, bin ich froh, hergekommen zu sein.

3

REY

Als Kieran und Gianni aus dem Salon zurückkommen, wo mein Bruder seine Fabergé-Eier-Sammlung in versiegelten Glasvitrinen aufbewahrt, habe ich meine kochende Mordlust zu einer besser kontrollierbaren rasenden Wut gezügelt.

Den größten Teil meines Ehelebens habe ich mit rasender Wut verbracht, daher weiß ich, dass ich einem grinsenden, arroganten Iren in naher Zukunft keinen körperlichen Schaden zufügen werde.

Als er den Brieföffner erwähnt hat, hätte ich jedoch beinahe die Beherrschung verloren. Ich hätte mich beinahe wie Jack the Ripper auf seinen jämmerlichen Arsch gestürzt.

Das war wirklich knapp.

»Alles in Ordnung?«, fragt Gianni und wirft einen nervösen Blick auf die Tür zum Arbeitszimmer.

Ich atme tief durch und versuche, nicht wie eine Axtmörderin auszusehen, auch wenn ich mich innerlich so fühle. »Ja. Mr Quinn und ich waren fertig, also dachte ich, ich warte hier auf euch. Wie hat Ihnen die Sammlung gefallen, Kieran?«

»Äh …« Er hält sich die Hand vor den Mund und hustet. »Sie war absolut brillant.«

Gianni strahlt und kapiert nicht, dass der arme Kieran, hätte ihm jemand während der Eiervorführung eine Schlinge gereicht, ernsthaft in Erwägung gezogen hätte, sich am nächsten Dachbalken aufzuhängen.

»Das ist sie wirklich«, sage ich milde.

Kieran beißt sich in die Wange, um sein Lächeln zu verbergen.

Schritte hallen über den Marmorboden, und mein Herz schlägt schneller. Lili kommt um die Ecke, in dem blauen Kleid, das ich ihr empfohlen habe. Ihr Gesicht ist gerötet, ihre Augen huschen hin und her. Als sie Kieran sieht, stockt sie, aber dann fasst sie sich schnell wieder und setzt ein Lächeln auf. Ihre herunterbaumelnden Hände sind zu Fäusten geballt.

Bleib stark, tesoro. Du heiratest niemanden, schon gar nicht dieses Arschloch hier.

Ich kann immer noch nicht glauben, was er gesagt hat. »Ich bin nicht dein toter Ehemann.« Als ob dieser Dreckskerl meine Gedanken lesen könnte.

Seit Jahren hat mich nichts mehr so aufgewühlt.

Lilis nervöser Blick trifft meinen. Ich neige den Kopf leicht, mache eine kleine Geste mit zwei Fingern meiner rechten Hand und beobachte, wie sie erleichtert ausatmet.

»Ah! Da ist sie ja!« Gianni streckt die Arme aus. Lili eilt zu ihm. Er küsst sie auf beide Wangen und wendet sich dann an Kieran. »Mr Byrne, ich möchte Ihnen meine Tochter Liliana vorstellen. Lili, das ist Mr Byrne.«

Lili lächelt schüchtern und murmelt ein Hallo.

»Bitte, nenn mich Kieran. Freut mich, dich kennenzulernen.« Er streckt ihr seine Baseballhand entgegen.

Lili schaut erschrocken zu mir und fragt mich wortlos um Rat. Außerhalb ihrer unmittelbaren Familie hat sie noch nie einen Mann berührt. Abgesehen von dem Jungen natürlich, der sich in ihrem Schrank versteckt. Seiner Bekleidung nach zu urteilen, haben die beiden mehr gemacht, als sich nur an den Händen zu berühren.

Ein Problem, um das ich mich kümmern werde, sobald ich hier unten fertig bin.

Als ich nicke, streckt Lili zögernd ihre Hand aus. Kieran packt sie, und sie verschwindet in seinem fleischigen Griff.

»Keine Sorge. Er sieht zwar furchterregend aus, aber er ist ein Schmusekätzchen, versprochen«, sagt Kieran ernst und respektvoll.

Ich unterdrücke ein Schnauben. Von wegen Schmusekätzchen. Dein Freund ist ein tollwütiger Hund.

Lili bemerkt meinen Gesichtsausdruck. »Ähm …«

»Ja, ich bin sicher, Lili wird sich sehr freuen, Mr Quinn kennenzulernen. Nicht wahr, bambolotta?«Gianni spricht ihren Spitznamen wie eine Drohung aus.

Ich würde ihm am liebsten an die Gurgel gehen.

»Ja, Papa.«

»Sollen wir reingehen, Reyna?«

Ich nehme Lili bei der Hand. Ihr Vater nimmt ihre andere Hand, und wir führen sie ins Arbeitszimmer wie ein Lamm zur Schlachtbank.

Gott, wie ich diese Tradition der arrangierten Ehen hasse! Zu wissen, dass ihr die Demütigung erspart bleibt, diesen irischen Kerl mit dem Namen eines Insekts heiraten zu müssen, tröstet mich ein wenig. Aber eines Tages wird es ein anderer sein.

Sosehr ich es mir wünschen würde, ich kann Lili nicht ewig beschützen. In der Cosa Nostra herrschen immer noch mittelalterliche Verhältnisse. Frauen werden nur für ihre Fähigkeit geschätzt, Kinder zu gebären, gut zu kochen oder als Sperma-Abladeplatz zu dienen. Wir dürfen nicht einmal wählen.

Grund genug, um jede Frau in den Wahnsinn zu treiben.

Oder zum Mord.

»Mr Quinn«, ruft Gianni mit einem so strahlenden Lächeln, dass man es sogar vom Weltraum aus sehen könnte. »Darf ich Ihnen meine Tochter Liliana vorstellen?«

Spider – ich kann nicht glauben, dass ich mich dazu hinreißen lasse, ihn so zu nennen – sieht Lili an, ohne dass sich irgendeine Emotion in seinem Gesicht erkennen ließe. Er könnte genauso gut ein Stück Käse in einer Kühlvitrine anstarren, so desinteressiert wirkt er.

Das überrascht mich. Lili ist ein extrem hübsches Mädchen. Die meisten Männer fangen an zu sabbern, sobald sie sie sehen.

Dieser hier aber nicht. Er mustert sie nur von oben bis unten und murmelt ein abweisendes »Hallo«.

Gianni wirft mir einen panischen Blick zu, aber ich kann ihn nicht ansehen, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, mein inneres Jubeln zu unterdrücken. Es wäre so viel besser für mich, wenn Quinn derjenige wäre, der den Vertrag kündigt. Obwohl Gianni zugestimmt hat, mir die endgültige Entscheidung zu überlassen, würden wir nie ein Ende finden. Er würde abwechselnd schmollen und um sich schlagen, bis er einen anderen Verehrer für Lili gefunden hätte. Er würde mir das Leben zur Hölle machen. Das wäre ein Preis, den ich gerne zahle, aber dennoch die Hölle.

Wenn Quinn Lili aber nicht will …

Vielleicht gibt’s ja doch einen Gott.

Sei nicht albern!

»Lili, das ist Mr Quinn«, sagt Gianni mit etwas zu hoher Stimme. Er räuspert sich und fordert sie dann scharf auf: »Sag Hallo.«

Lili schaut schüchtern auf ihre Füße. »Hallo, Mr Quinn. Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen.« Als der Ire nur dasteht und sie ansieht, stumm wie eine Statue, die Augen zusammengekniffen, stößt Gianni sie scharf in die Rippen. »Ich … ich, ähm, hoffe, wir können uns besser kennenlernen. Ich freue mich darauf … Sie herumzuführen. Ähm. Heute.«

Quinn schweigt.

Ich sehe Gianni an, dass er sich am liebsten die Pulsadern aufschneiden würde.

Das wird doch noch ein guter Tag.

Er schiebt Lili ein wenig in Richtung Quinn. »Warum unterhaltet ihr beiden Turteltäubchen euch nicht ein bisschen auf dem Sofa dort drüben? Reyna und ich lassen euch allein …«

»Wir können die beiden nicht allein lassen«, unterbreche ich ihn entschieden.