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Ein Buch sagt mehr als tausend Worte ...
Frankie Rose hätte nichts lieber als einen Freund. Wobei: Ein Date mit einem halbwegs normalen Typ wäre schon ein Anfang. Denn es ist ja nicht so, als hätte sie nicht schon alles versucht! Inspiriert von ihrem Job in einer kuschligen Buchhandlung wagt sie schließlich das ultimative Liebesexperiment: Um endlich den belesenen Mann ihrer Träume zu finden, lässt sie ausgewählte Bücher mitsamt ihrer Telefonnummer in Zügen und U-Bahnen liegen. Und was das für Folgen hat, hätte sie sich im Leben nicht vorstellen können ...
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2019
Buch
Frankie Rose hätte nichts lieber als einen Freund. Wobei: Ein Date mit einem halbwegs normalen Typ wäre schon ein Anfang. Denn es ist ja nicht so, als hätte sie nicht schon alles versucht! Inspiriert von ihrem Job in einer kuschligen Buchhandlung wagt sie schließlich das ultimative Liebesexperiment: Um endlich den belesenen Mann ihrer Träume zu finden, lässt sie ausgewählte Bücher mitsamt ihrer Telefonnummer in Zügen und Straßenbahnen liegen. Und was das für Folgen hat, hätte sie sich im Leben nicht vorstellen können …
Autorinnen
Ali Berg und Michelle Kalus, beide in Melbourne geboren, sind beste Freundinnen und unverbesserliche Bookaholics. Gemeinsam wollten sie ihre australischen Mitbürger dazu bringen, das Smartphone beiseitezulegen und mal wieder in guten Romanen zu schwelgen. Im April 2016 fingen sie an, gebrauchte Bücher in Zügen und U-Bahnen auszulegen. Seitdem konnten sie über 500 Menschen und zahlreiche Verlage rekrutieren, sich an der Aktion zu beteiligen. Wenn Ali Berg und Michelle Kalus nicht gerade irgendwo in der Stadt Bücher verteilen, halten sie ihre Erlebnisse auf Papier fest. »Buchstäblich Liebe«, ihr erster Roman, erscheint 2019 im Blanvalet Verlag.
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ALIBERGUNDMICHELLEKALUS
Buchstäblich Liebe
Roman
Deutsch von Larissa Rabe
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Copyright der Originalausgabe © 2018 by Ali Berg and Michelle KalusPublished by arrangement with Simon & Schuster Australia PTYLTD, NSW, AustraliaThis work was negotiated through Literary Agency Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2019 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenRedaktion: Carina HeerZitate auf S. 87 und 424: Jane Austen: Stolz und Vorurteil. DTV 20212 Übersetzt von Helga Schulz. S. 5, 36Zitate auf S. 374 und 444: Margaref Mitchell: Vom Winde verweht, Ullstein 2017. Übersetzt von Martin Beheim-Schwarzbach. S. 894.Alle weiteren Zitate übersetzt von Larissa Rabe.Umschlag © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (Anita_MI; OlgaSouslova)BL · Herstellung: SaMSatz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN978-3-641-23697-7V001www.blanvalet.de
Für all jene, die – Regen, Hagel und der Rushhour zum Trotz – mutig Bücher in öffentlichen Verkehrsmitteln auslegen.
TEIL 1
Egal, ob Mann oder Frau: Wer kein Vergnügen an einem guten Roman hat, muss unerhört dumm sein.
Die Abtei von Northanger,Jane Austen
1
Wäre Frankies Leben ein Buch, dann würde sie ihm den Titel Enttäuschung geben. Das passte zu dem Desaster aus ihrer Arbeit, ihrer Familie und natürlich ihrem Liebesleben.
Anklagend verkündete ihr Wecker, dass sie schon vor zwanzig Minuten hätte aufstehen sollen. Sie seufzte, drehte sich noch einmal um und vergrub das Gesicht in ihrem zerlesenen Exemplar von Emma, das sie sich in der Nacht zuvor unters Kopfkissen geschoben hatte. Dann biss sie sich auf die Lippen und dachte darüber nach, dass sie niemals bemerkenswert genug sein würde, dass man einem Buch schlicht nur ihren Vornamen als Titel gab.
Aber Frankie beurteilte ein Buch niemals nach dem Titel, und auch nicht nach seinem Einband. Sie beurteilte einen Roman gern und ausschließlich nach seinem ersten Satz. Sie und ihre Freundin Cat nannten das »die Geburt eines Buches«. Im Geburtssatz von Emma beschrieb Jane Austen Miss Woodhouse als »hübsch, klug und reich, mit einem behaglichen Zuhause und einem glücklichen Naturell ausgestattet«. Im krassen Gegensatz dazu stand Frankies eigener Geburtssatz, die Aussage ihrer Mutter, die aller Welt verkündet hatte: »Sie hat überhaupt keine Haare und die dicke Nase ihres Vaters.«
Frankie zog sich die Decke über den Kopf und saugte den Text auf der Buchseite förmlich in sich ein. Sie wusste, dass sie sich jetzt der Szene mit dem Heiratsantrag näherte, und schloss kurz die Augen. Genau wie bei einem guten Schokoriegel war sie noch unentschlossen, ob sie sich ihrer Lust gleich an Ort und Stelle hingeben oder ihn erst später genießen sollte. Das schrille Klingeln ihres Telefons nahm ihr die Entscheidung ab. Frankie griff nach ihrem Handy und sah den Namen ihrer Mutter auf dem Display aufleuchten. Sie verdrehte die Augen, drückte auf »Abweisen« und hievte sich aus dem Bett.
Auf der Suche nach einem Outfit, das sie jetzt nicht vor große Entscheidungen stellte, hob sie ein weites Baumwollkleid vom Boden auf und zog es an. Sie eilte aus dem Schlafzimmer geradewegs auf ihren ganzen Stolz zu – ihr Bücherregal, das fein säuberlich nach Farben geordnet war. Das Regal nahm eine komplette Wand in ihrem Wohnzimmer ein, alle ihre hundertzweiundsiebzig Lieblingsbücher hatten hier ein Plätzchen gefunden: Ganz oben standen die roten Bücher, dann änderte sich die Farbschattierung hin zu Orange und Gelb, dann zu Pink und Violett, es folgten die grünen, blauen und grauen und schließlich die schwarzen Bücher. Ein ganzer Regenbogen aus Büchern – er barg Frankies ganzes Glück. Geistesabwesend fuhr sie über die in Leinen gebundenen Austen-Bände, die Ausgaben von Fowler und die Bücher der Brontës und hielt zögernd inne, als sie bei dem grünen Buch mit der Prägung »Frankie Rose« auf dem Buchrücken angelangt war. Sie nahm es vorsichtig in die Hand, als wäre es eine Schlange, die gleich beißen könnte, und blätterte die erste Seite auf.
Dieses Buch ist Mum, Dad, Cat, Ads und, am wichtigsten, der Erfindung Pizza gewidmet. Vielen Dank für all eure Liebe und Unterstützung und den ganzen Käse.
Frankie klappte das Buch wieder zu und warf es quer durchs Zimmer. Sie schnappte sich ihre Handtasche, die neben der Couch lag, schlüpfte in die roten Sneakers und rannte aus ihrer zu kleinen Melbourner Wohnung im Stadtteil Richmond.
Nachdem sie die Schlüssel aus den Tiefen ihrer Handtasche gekramt hatte, öffnete Frankie die Tür zur Buchhandlung »Die kleine Buchhandlung in der Brunswick Street«. Die war seit anderthalb Jahren ihr zweites Zuhause, ungefähr seit der Zeit, als all ihre Träume sich zerschlagen hatten und ihr Leben gleich mit dazu. Dass sie in der Buchhandlung arbeitete, hatte sie in jeder Hinsicht gerettet. Die Arbeit hier erinnerte sie an die drei Monate, die sie in der berühmten Buchhandlung »Shakespeare and Company« in Paris gearbeitet hatte, ehe sie nach Australien zurückgekehrt war, an der Uni in Melbourne studiert und ihren Abschluss in Englischer Literatur gemacht hatte.
In der Pariser Zeit war Frankie frei von jeder Verantwortung gewesen – und sie hatte es genossen. Sie war zwischen den Bücherregalen in andere Welten eingetaucht, hatte geschrieben und Mandelcroissants gegessen. Und das gleiche sorglose Gefühl überkam sie auch jedes Mal, wenn sie die Buchhandlung in der Brunswick Street betrat. Von dort drinnen schaute sie gern den Menschen draußen auf der Straße zu. Es war, als würde sie verkehrt herum durch ein Kaleidoskop schauen, wenn Literaturliebhaber auf der von Leben pulsierenden Brunswick Street stehen blieben und in das wunderschön gestaltete Schaufenster blickten. Frankie umgab sich gern mit starken Frauen wie Maya Angelou, Margaret Atwood und Chimamanda Ngozi Adichie. Und vor allem arbeitete sie ungeheuer gern mit Cat zusammen. Cats Mann Claud hatte »Die kleine Buchhandlung in der Brunswick Street« von seinen Großeltern geerbt. Er war Wirtschaftsprüfer in einer kleinen Anwaltskanzlei in der Innenstadt, machte jede Menge Überstunden und strickte zum Ausgleich mit Begeisterung. Er war zunächst unsicher gewesen, ob er einen zweiten Job würde stemmen können, und Cat war auf die geniale Idee gekommen, dass sie vorne im Laden Bücher verkaufen würde, während er sich nur um den Bürokram kümmerte. Und als Cat Frankie eine Stelle anbot, brauchte sie nicht lange, um ja zu sagen, ja, ja und nochmals ja!
Ihre Freundschaft stammte noch aus der Zeit, als sie in der achten Klasse Liebesbriefe an Mr Darcy geschrieben hatten, statt sich mit Mathe zu befassen. Und sie bestand fort, obwohl Cat jetzt mit ihrem ersten Kind schwanger war und samstagabends immer zusammen mit Claud Wiederholungen von Stricksendungen auf Netflix schaute. Frankie, deren Bauch sich allein von der Pizza vom Vorabend wölbte, verbrachte ihre Abende mit Dates, die alle einfach nur schrecklich liefen. Dennoch hockten Cat und Frankie fast die gesamte restliche Zeit zusammen, während sie von Büchern umgeben waren, über Bücher sprachen und Bücher lasen (und natürlich alle Leute danach beurteilten, was die lasen), und waren sich näher als Horatio und Hamlet.
Frankie schlängelte sich um die Regale herum und pfefferte ihre Tasche auf den Ladentisch, als wäre sie hier zu Hause. Was in gewisser Weise ja auch stimmte. Sie stellte die Klimaanlage an, ließ sich hinter der Kasse nieder, legte die Füße hoch und wandte sich wieder ihrer zerlesenen Ausgabe von Emma zu. Kaum hatte sie umgeblättert, da erklang die Glocke an der Ladentür, und Cat kam hereinmarschiert. Ihr rotes Haar war total durcheinander, und der Schweiß lief ihr übers Gesicht. Sie trug ein aufregendes pinkes selbst gestricktes Oberteil, schwarze Lycrahosen und leuchtend orangefarbene Sneakers.
»Catherine«, nickte Frankie grüßend hinter ihrem Buch hervor.
»Frankston«, nickte Cat zurück. Sie kam zu Frankie hinter die Theke, schnappte sich ihre Ausgabe von Wer hat Angst vor Jasper Jones?, setzte sich neben Frankie und legte ebenfalls die Füße hoch.
»Warum schwitzt du denn so?«, fragte Frankie.
»Ich war wieder beim K-Pop-Tanzkurs. Es war super, ich liebe diese abgedrehte koreanische Popmusik. Aber bei denen sind die Duschen kaputt, und ich konnte ja schlecht noch mal nach Hause, mich umziehen und dann den ganzen Weg wieder hierher zurück. Also dachte ich, wenn ich einfach ein Weilchen draußen stehen bleibe, werde ich schon trocknen. Aber ich hab vergessen, dass es heute zweiunddreißig Grad wird. Und diese Dinger, die Claud mir andauernd strickt, saugen nicht das kleinste bisschen Schweiß auf. Guck bloß mal, wie ich tropfe! Ich komm mir vor wie ein Eis, das in der Sonne schmilzt.« Cat packte Frankie und versuchte ihren Kopf an ihre verschwitzte Brust zu ziehen.
Wenn Frankie die Dating Queen war, dann war Cat die Fitness Queen. Vom Ballett bis hin zu jenem verstörenden Sommer, in dem die Stripstange das Sportgerät ihrer Wahl gewesen war, war Cat von jeder Art körperlicher Anstrengung und jeder nur vorstellbaren neuen Gesundheits- und Fitness-Welle regelrecht besessen – und ließ sie dann noch schneller fallen als Victor Hugos Marius die unglücklich verliebte Éponine. Diese merkwürdige Angewohnheit hatte vor einigen Jahren ihren Anfang genommen, und zunächst hatte Frankie sich Cats Bewegungsbesessenheit damit erklärt, dass sie einfach fitter und muskulöser aussehen wollte. Aber in letzter Zeit fragte sie sich ernsthaft, ob es da nicht eine tiefer liegende Unsicherheit gab. Cat genoss es, wenn sich die Leute nach ihrem unglaublich attraktiven Ehemann umschauten, aber möglicherweise fühlte sie sich ja allmählich übersehen?
»Wo bist du gerade?«, fragte Cat mit einem Blick auf Frankies ramponiertes Buch.
»Fast beim Heiratsantrag«, schwärmte Frankie.
»Bist du es nicht leid, dieselben Bücher immer wieder zu lesen?«
»Du liest Wer hat Angst vor Jasper Jones? schließlich auch zum vierten Mal«, entgegnete Frankie.
Cat breitete entwaffnet die Arme aus.
»Also, heute ist beim K-Pop was ganz Merkwürdiges passiert.«
»Aha?«, machte Frankie interessiert.
Das Läuten der Ladentür unterbrach ihre Unterhaltung. Frankie und Cat schlugen ihre Bücher zu, stellten die Füße auf den Boden und blickten aufmerksam hoch. Ein stämmiger Mann mit schütterem Haar kam herein.
»Fantasy!«, zischte Cat.
»Kriegsbiografie!«, hielt Frankie dagegen.
Der rotgesichtige Mann lächelte Frankie und Cat an. Sie lächelten zurück und fragten, ob er Hilfe brauche. Er schüttelte den Kopf und schaute sich unerträglich langsam in der Buchhandlung um, kratzte sich den Kopf und nahm kein einziges Buch in die Hand. Die beiden Frauen starrten ihn an und beobachteten jede seiner Bewegungen.
»Los, jetzt mach schon!«, flüsterte Cat in seine Richtung.
»Gleich schlägt er zu!«, zischte Frankie.
Nach einer Zeit, die ihnen vorkam wie ein Jahr, blieb der Mann beim Regal mit Fantasyliteratur stehen, nahm zwei Romane von Stephen King und klemmte sich einen unter jeden Arm.
»Verdammt! Er hat ein Hemd an, aber keinen Schlips. Ein todsicheres Zeichen«, sagte Frankie enttäuscht.
»Her mit der Knete, Frankston.« Cat streckte ihr die geöffnete Hand hin und winkte erwartungsvoll mit den Fingern. Langsam zog Frankie einen Fünf-Dollar-Schein aus ihrem Portemonnaie und drückte ihn Cat missmutig in die Hand.
»Diese beiden wunderbaren Fantasy-Bücher also, das ist alles?«, sagte Cat zu dem Kunden, während sie Frankie ein teuflisches Lächeln zuwarf.
»Ja, Stephen King les ich immer gerne«, sagte der Mann und legte die Bücher auf die Ladentheke, damit Cat sie einscannen konnte. »Eigentlich wollte ich’s ja mal mit dieser neuen Kriegsbiografie probieren. Dieses … äh … Ich hab den Namen schon wieder vergessen. Aber dann hab ich mir gedacht, warum mit den guten Sachen aufhören. Denn Stephen King, der gehört nun mal zu den wirklich guten Sachen«, schmunzelte er.
Frankie starrte ihn an, und Cat unterdrückte ein Lachen, als sie die beiden Bücher in eine Papiertüte packte.
»Einen wunderschönen Tag noch. Ich freue mich sehr, dass Sie sich statt für eine Kriegsbiografie dann doch für Stephen King entschieden haben. King ist wirklich eine richtig gute Sache«, zwitscherte Cat.
»Allerdings! Also, tschüss dann!«, dröhnte der Mann beim Hinausgehen. Hinter ihm bimmelte das Glöckchen.
»Jawoll, du gute Sache!«, rief Cat und reckte triumphierend die Faust gen Himmel.
»Eigentlich wollte er eine Kriegsbiografie kaufen. Gib mir meine fünf Dollar wieder!« Frankie griff nach dem Schein, aber Cat zog die Hand weg.
»Tja, eigentlich. Aber dann hat er’s doch nicht getan! Der Fünfer gehört mir«, sagte sie selbstzufrieden.
Frankie seufzte. »Du solltest dich nicht auch noch so darüber freuen.«
»Ich weiß gar nicht, was du meinst!«, sagte Cat grinsend und klang noch ein bisschen selbstzufriedener.
Frankie runzelte die Stirn. Die beiden ließen sich wieder auf ihren Stühlen nieder und legten die Füße auf die Ladentheke. Der Tag wurde immer heißer, und die Luft von draußen bahnte sich ihren Weg unter der Ladentür hindurch, wo sie mehr schlecht als recht von der kühlen Luft der Klimaanlage abgefangen wurde. Kalter Schweiß lief Frankie in Tropfen über den Hals und in den Ausschnitt.
»Tut mir leid, ich bin heute ein bisschen verrückt drauf«, sagte Cat.
Schweigen. »Eine Verrücktheit ist offenbar keine Verrücktheit mehr, wenn ein ansonsten vernünftiger Mensch sie sich leistet«, zitierte Frankie Jane Austen, die sie gerade las, bis aufs i-Tüpfelchen korrekt.
Cat lächelte, als Frankie ihr gnädig zunickte.
»Und warum bist du so verrückt drauf, alte Miezekatze? Was war denn beim K-Pop los? Willst du jetzt nach Korea übersiedeln?«, scherzte Frankie.
»Ach, da war nichts weiter. Ich hol uns mal Kaffee.« Cat sprang ein bisschen zu eilig auf und griff nach ihrer Handtasche.
»Cat! Jetzt mal ernsthaft, was war los beim K-Pop?« Es sah Cat gar nicht ähnlich, so ausweichend zu reagieren. Normalerweise bekam Frankie von ihr ausführliche Informationen über absolut alles – angefangen damit, was sie zum Frühstück gegessen hatte, bis hin zur Liebesgeschichte zwischen den beiden Straßenkünstlern, die sich gegenüber der Buchhandlung auf dem Bürgersteig niedergelassen hatten.
»Ach, nichts, gar nichts.« Cats rotes Gesicht wurde noch röter, und sie warf einen raschen Blick zur Tür.
»Catherine Adeline Cooper, du erzählst mir jetzt auf der Stelle, was los ist.« Frankie musterte Cat voller Misstrauen.
Cat blickte genauso konzentriert zurück, und die beiden schafften es, sich eine ganze Minute lang einen Wettkampf im Eiskalt-Anstarren zu liefern, was für sie beide ein Rekord war.
»Na gut, du hast gewonnen!« Cat winkte ab.
»Ich höre.«
»Also, beim K-Pop gibt es einen Tänzer, der ist wirklich unglaublich süß. Er heißt Jin-Soo.«
»Jin-Soo?«
»Ja, Jin-Soo.«
»Und weiter?«
»Weiter … Jin-Soo.«
»Und was ist mit Jin-Soo?«
»Tja, also, vor ein paar Wochen habe ich irgendwie versehentlich mit ihm geschlafen.« Cat hielt sich den Mund zu und stürzte zur Tür.
»Was? Cat, Cat, komm zurück!«, brüllte Frankie. Sie konnte nicht fassen, was sie da gerade gehört hatte.
Cat sollte Claud betrogen haben? Niemals! Frankie wusste, dass das unmöglich war. Cat würde nie fremdgehen. Ihre Ehe war vielleicht nicht perfekt, aber welche Ehe war das schon? Cat liebte Claud in seiner dämlichen, gut aussehenden, strickversessenen Gänze. Und sie war schließlich im vierten Monat schwanger von ihm, um Himmels willen!
Frankie sprang auf und rannte hinter ihrer verschwitzten, ehebrecherischen Freundin her. Doch als sie die Ladentür aufriss, blieb sie stehen. Nicht Cat stand vor ihr, sondern ein Mann, und wahrscheinlich der bestaussehende Mann, dem sie je begegnet war. Er war groß und stattlich und wirkte auf sie wie die perfekte Mischung aus Jane Austens George Knightley, Mr Darcy und Edward Cullen – nicht dass Frankie diesen Twilight-Schund jemals gelesen hätte.
2
Frankie hatte Entschuldigungen stammelnd den Rückzug angetreten und sich in sicherer Entfernung hinter der Theke niedergelassen. Sie hielt sich ihr Buch vor die Nase und beobachtete den unglaublich schönen Mann, der durch die Buchhandlung streifte. Er hatte breite Schultern, wirkte aber in seinem weißen T-Shirt und Jeans unauffällig und bewegte sich mit ruhigem Selbstvertrauen. Wenn er sich durch die Regalreihen schob, drehte er die Schultern leicht zur Seite. Frankie beugte sich zu der Schale mit M&M’s vor, die immer neben dem Computer versteckt stand, und warf sich lächelnd eins in den Mund. Mögen die Spiele beginnen!
Der Mann näherte sich der Klassiker-Abteilung. Ein vielversprechender Anfang. Ja, streich du nur über die Schutzumschläge der Evergreens. Nein, Moment mal. Bewegung auf neun Uhr!
Er setzte seinen Weg in Richtung Reiseführer fort. Dann blieb er stehen, wie um sich zu orientieren. Frankie stockte der Atem, als sie merkte, dass er zu den Sachbüchern schaute. Ein belesener Historiker? Ein Volkswirt? Damit konnte sie leben. Aber leider marschierte der Mann mit dem kastanienbraunen Haar zügig an den Biografien und der Essayistik vorbei, wurde immer schneller und ging entschlossenen Schrittes in den hinteren Teil des Ladens. Frankie, inzwischen kaum noch verborgen hinter ihrem Buch, verschlang ein M&M nach dem anderen und starrte dem Fremden nach.
Nein, nur das nicht, bitte nicht dieses Regal! Die Jugendbuchabteilung? Er hat sicher die Orientierung verloren. Frankie legte ihr Buch weg, jetzt reichte es ihr wirklich. Dieser Kunde war ganz offensichtlich durcheinander. Gerade als sie ihren sicheren Platz hinter der Theke verlassen wollte, zog der Mann, ohne zu zögern, ein Buch mit leuchtend orangefarbenem Buchrücken aus dem Regal.
»Das ist doch wohl ein schlechter Scherz«, murmelte Frankie vor sich hin. »Er ist mindestens dreißig, viel zu reif und im Übrigen auch viel zu gut aussehend, als dass er …« Jetzt war Frankie wirklich durcheinander. »Hat er da etwa gerade den zweiten Twilight-Band in die Hand genommen? Bis(s) zur Mittagsstunde? Oje …«
Der Mann blickte von seinem Buch hoch und sah neugierig zu Frankie hinüber.
Verdammt. Schnell wandte sie den Regalen den Rücken zu. Ich wusste doch, er ist zu gut, um wahr zu sein, sagte sie sich (diesmal im Stillen), nahm ihr Handy und rief Cat an.
Frankie ließ es gefühlt dreißig Mal klingeln.
»Geh endlich ran!« Ungeduldig tappte sie mit dem Fuß auf den Boden.
»Ähm.«
Als sie das tiefe Räuspern hörte, drehte Frankie sich um und riss dabei fast die gefährlich unsicher platzierte Schale mit den restlichen M&M’s herunter.
»Wie kann ich Ihnen helfen?« Sie hatte ihre Haltung rasch wiedergefunden und schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Heute bleibt es bei dem einen hier« sagte der Mann mit einem Lächeln, das ihm Grübchen in die Wangen zauberte.
Frankie warf einen prüfenden Blick auf das Buch, das vor ihr lag, und blickte voller Unmut auf die grellbunte Ausgabe, die als Buch zum Film aufgelegt worden war. Diskret warf sie einen Blick auf die linke Hand des Mannes: kein Ring.
»Soll ich es Ihnen als Geschenk verpacken? Es ist doch sicher für Ihre Nichte oder für Ihren Neffen? Oder für Ihr eigenes Kind?«, fragte sie hoffnungsvoll.
»Nein, nein, das Buch ist für mich. Ich wollte schon die ganze Zeit wissen, wie die Geschichte weitergeht.«
»Mhm, ja klar.« Frankie zwang sich zu einem schmallippigen Lächeln.
Sie scannte das Buch ein und steckte es in eine Tüte. Als sie wieder aufblickte, merkte sie, dass der Mann sie seinerseits beinahe sehnsüchtig anschaute. Er strahlte etwas Warmes aus, seine blauen Augen schienen zu sagen: Es gibt auf der ganzen Welt keinen anderen Menschen, den ich jetzt lieber anschauen würde. Als Frankie im Abgrund seiner Augen versank, schien er näher an sie heranzurücken. Bewegte sich da seine Hand auf sie zu? Das kann er doch nicht machen! Tut er das wirklich? Frankie sah den Kopf des Mannes ganz verschwommen, als er sich über die Theke beugte und den Abstand zwischen ihnen verringerte. Ohne nachzudenken tat Frankie es ihm nach und beugte sich ihm eilig entgegen. Jetzt waren sie nicht mehr weit voneinander entfernt, und Frankie war überwältigt vom erdigen Geruch seines Aftershaves. Ist das wirklich seine Hand, die da so sanft mein Gesicht berührt? Sie beugte sich noch weiter vor, er auch, und sie schloss die Augen. Jetzt waren sie nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt. Reflexartig spitzte Frankie die Lippen – und küsste ihn. Sie gab ihm einen Schmatzer mitten auf die Nase. Auf die Nase! In diesem Augenblick spürte sie, wie seine Finger leicht auf ihre linke Wange drückten. Beide zuckten sie unvermittelt zurück.
»Verzeihung, Sie hatten da Schokolade auf der Wange.« Entschuldigend hielt er den Schokokrümel hoch.
»Oh Gott. Es tut mir sehr leid, das war vollkommen unangebracht. Ich habe Sie gerade auf die Nase geküsst!«, stieß Frankie hervor. »Ich weiß nicht, was da über mich gekommen ist. Ich habe eben eine schreckliche Nachricht bekommen und bin im Moment nicht ganz bei Sinnen.« Sie stolperte fast über ihre eigenen Worte. »Das macht dann zwanzig Dollar – danke.«
Sie vermied es, ihm in die Augen zu sehen, drückte ihm sein Wechselgeld in die Hand und schob ihm die Tüte hinüber. Dann kam sie hinter der Theke hervor und geleitete den Mann mit ausgestrecktem Arm rasch zur Tür. Er wollte noch etwas sagen, aber Frankie murmelte nur übertriebenen Dank und Entschuldigungen, und in Sekundenschnelle hatte sie ihn auf die Straße hinauskomplementiert und die Tür fest hinter ihm geschlossen. Sie holte tief Luft, lehnte sich gegen die Ladentür, und die Hitze drang durch das Glas in ihr Kleid hinein. Das tröstete sie immerhin oberflächlich. Wann bin ich eigentlich eine so verdammt lächerliche Figur geworden?
Frankie: Cat, bitte sag mir, wo du bist. Lass uns drüber reden. PS: Habe gerade einen Kunden sexuell belästigt und brauche Unterstützung. Sofort.
Nachdem sie eine Minute in der Hoffnung auf eine Antwort auf das Display gestarrt hatte, schloss sie ihren Messenger und versuchte sich abzulenken, indem sie durch Instagram scrollte.
Ein süßes Hundebaby.
Ein Stillleben mit Klamotten.
Eine Verlobungsanzeige.
Eine zerdrückte Avocado.
Perfekte gestellte Fotos blitzten vor ihren Augen auf. Dann wechselte sie zu Facebook, und hier blieb sie an einem ganz besonderen Post hängen. Sie lächelte.
Cat Cooper: Dank sei Gott für diese himmlische Schöpfung! Croissanterie Lune, willst du mich heiraten?
#cruffin #foodporn Croissanterie Lune
Da war Cat, sichtbar für die ganze Welt, und schien das ultimative Gebäck-Schlaraffenland zu genießen. Frankie hängte das Schild »Bin in zehn Minuten zurück! Kaufe Schmerztabletten gegen Buch-Kater« an die Tür und schloss hinter sich ab. Sie zoomte sich den Weg zur Croissanterie heran und trat sich gedanklich in den Hintern. Wie hatte sie nur zulassen können, dass ein Paar mittelgroße Bizepse und ein umwerfendes Lächeln sie so aus der Fassung brachten? Sein Geschmack, was Bücher anging, hätte sie doch wirklich ernüchtern sollen. Ein erwachsener Mann, der Bücher las, in denen es um liebeskranke Werwölfe und ängstliche Teenager geht, war nun wirklich keine angemessene Partie. Aber warum war sie überhaupt überrascht, dass einmal mehr ein Mann sie so enttäuscht zurückgelassen hatte? So gar nicht begeistert?
Frankie dachte an ihre letzten Dates.
Beweisstück A – ihre letzte Erfahrung mit Tinder:
Michael: Hi, Frankie. Wo wohnst du in Melbourne?
Frankie: Richmond. Und du?
Michael: Ich komm grad aus dem Gefängnis, und meine Ex hat die Schlösser ausgetauscht. Ich könnte echt was brauchen, wo ich unterkriechen kann …
Beweisstück B – ihr letztes Blind Date: »Das ist echtes Silber, hier, fass mal an!«, sagte er und ließ das Besteck des noblen Restaurants in die Tasche gleiten.
Beweisstück C – ihr letzter One-Night-Stand: »Frankie, deine Vagina ist wie ein Taco aus Samt.«
Und dann war da noch Adam. Es war inzwischen achtzehn Monate her, dass Ads nach zweieinhalb Jahren Beziehung Schluss gemacht hatte. Zwischen ihnen war es heiß hergegangen, bis es sich irgendwann abgekühlt hatte. Zuerst hatten sie sich sehr schnell und heftig ineinander verliebt, aber der Druck von außen hatte schwer auf ihren jungen Schultern gelastet.
Als die Rezensenten absolut alles an Frankies zweitem Buch verrissen, angefangen von den Charakteren bis hin zu Frankies Gebrauch von Semikolons, befiel sie eine schwere Schreibblockade. Eine »Hilary« gab Etwas über Jane doch tatsächlich null Sterne und schrieb, sie würde »lieber wochenlang schlimmen Durchfall haben als dieses Buch noch mal lesen zu müssen«.
Ads wurde derweil in seiner elitären Kanzlei zum Juniorpartner befördert und war viel zu beschäftigt, um mitzubekommen, wie verzweifelt Frankie darüber war, dass ihre Schriftstellerinnenkarriere zusammenbrach.
Ads: Hey, Franks. Sieht aus, als wärst du in einer Übergangsphase, und ich glaube nicht, dass ich dir bei dem helfen kann, was du suchst. Ich denke, es wäre besser für uns beide, wenn wir nur noch Freunde sind. Bis demnächst mal. Ads x
Frankie: Ich hoffe, du verreckst!
Frankie: Tut mir leid, war nicht so gemeint.
Frankie: Ich liebe dich.
Frankie: Fick dich, du Arsch.
Frankie: Du fehlst mir so …
Frankie: Ich lösch jetzt deine Nummer.
Nachdem sie eine stürmische Trauerzeit durchlebt hatte, war Frankie am absoluten Tiefpunkt angelangt. Sie hatte nicht nur das komplette Vertrauen in ihre schriftstellerischen Fähigkeiten verloren, sondern auch ihre Teilzeitstelle als Bibliotheksassistentin in einer Grundschule: Sie hatte während des Buchclub-Treffens der ersten Klasse einen Nervenzusammenbruch erlitten und mit Schimpfwörtern um sich geworfen, als sie bei Facebook entdeckt hatte, dass Ads wieder in einer Beziehung war. Monatelang ernährte sie sich hauptsächlich von Ben-&-Jerry’s-Eis und sah sich unzählige Male den Film Wie ein einziger Tag an. Dann brachte sie wieder den Mut auf, der Welt des Datings die Stirn zu bieten. Aber ein missglücktes Date folgte auf das nächste, und ihr Ego schrumpfte immer weiter. Hatten all diese Monate ohne Sex, in denen sie nicht in Löffelchen-Zweisamkeit aufgewacht war, letztlich dazu geführt, dass sie den Verstand verloren hatte? Ganz zu schweigen davon, dass sie so dermaßen ichbezogen geworden war, dass sie nicht die leiseste Ahnung hatte, was mit ihrer besten Freundin los war?
Als sie an der Croissanterie Lune ankam, schob sich Frankie an der Warteschlange vorbei und suchte die Tische ab. Da, in der hintersten Ecke verborgen, entdeckte sie Cat, vor ihr eine umfangreiche Auswahl von halb gegessenen Croissants. Mit einem letzten Schauder verdrängte Frankie die Erinnerung an den Nasenkuss aus der Buchhandlung und ließ sich auf dem Stuhl neben ihrer besten Freundin nieder. Cat blickte überrascht auf, und Frankie blutete das Herz, als sie das von Tränen und Croissant-Krümeln bedeckte Gesicht ihrer Freundin sah. Sie zog Cat an sich, strich ihr tröstend über den Rücken und flüsterte beruhigend auf sie ein.
»Wie ist das denn passiert, Catty?«
»Es liegt an diesen Baby-Hormonen. Sie haben komplett von meinem Körper Besitz ergriffen, und ich muss alle möglichen verrückten Dinge tun«, schluchzte Cat und tupfte sich die Augen mit einer zusammengeknüllten Serviette ab. »Das Schlimmste ist, dass ich noch nie so viel Lust auf Sex hatte wie jetzt. Und Claud besteht darauf, im Bett supervorsichtig zu sein. Er macht sich Sorgen, er könnte das Baby verbeulen oder so. Aber ich will einfach nur lauten, unanständigen Sex haben, bei dem das Bett an drei Stellen durchkracht!«
»Na, das ist nun wirklich was anderes, als um drei Uhr morgens Lust auf Essiggurken und Erdnussbutter zu kriegen«, sagte Frankie. »Du bist also high von den Hormonen. Und wie ging’s dann weiter? Bist du nach dem Kurs einfach so auf Jin-Soos Penis gefallen oder was?«
Cat lächelte schuldbewusst und wurde rot. »Es ist halt irgendwie passiert. Nach der K-Pop-Session war ich total verkrampft. Und er war einfach so ein Schatz. Irgendwie war es unwiderstehlich«, schwärmte sie. »Nach dem Kurs kam er rüber und half mir beim Dehnen. Du kennst doch diese Art von Dehnübung, wo man auf dem Boden liegt und es drückt jemand gegen deinen Hüftknochen und dein Bein? Er saß mehr oder weniger auf mir, und ich weiß auch nicht – mich überkam auf einmal die Lust. Eine solche Anziehungskraft hab ich noch nie im Leben gespürt. Und ehe ich wusste, wie mir geschieht, treiben wir’s schon auf der Toilette, eingequetscht zwischen der Toilette und dem Handtrockner.«
Sie seufzte und verbarg das Gesicht hinter ihren klebrigen Händen. »Oh Frank, die ganze Zeit quälen mich schon solche Schuldgefühle. Vor allem weil Claud besonders aufmerksam ist, seit wir herausgefunden haben, dass wir ein Kind bekommen. Er gibt sich solche Mühe, dass ich es auch bequem habe und glücklich bin. Und dann bist da noch du, Frankie! Wir haben doch sonst keine Geheimnisse voreinander.«
Frankie drückte ihr beruhigend das Bein. »Ahnt Claud irgendwas?«, fragte sie, so ruhig sie konnte.
»Um Gottes willen, nein!«, zischte Cat und schaute auf. »Du weißt doch, was dann los wäre. Er wäre vollkommen am Boden zerstört.«
Frankie hatte immer schon gewusst, dass Claud Cat vergötterte. Er war äußerst sensibel und nahm sich manche Dinge fast ein bisschen zu sehr zu Herzen. Es war nicht ungewöhnlich, dass Frankie morgens in »Die kleine Buchhandlung in der Brunswick Street« kam und die beiden sich immer noch über den Streit vom Vorabend aufregten. Sie waren zwei willensstarke Persönlichkeiten, die zusammenlebten und an drei Tagen in der Woche auch zusammen arbeiteten. Sie waren durch die Liebe und eine gemeinsame Buchführung aneinander gebunden, und nach vielen Jahren des Zusammenseins war ihre Beziehung weniger leidenschaftlich und dafür pragmatischer geworden. Aber noch immer fiel es Frankie schwer zu glauben, was sie da hörte. »Liebst du Claud denn noch? Du willst doch mit ihm zusammen sein, oder?«
Cats ganzer Körper schien in sich zusammenzusinken. Sie zögerte einen Augenblick und sagte dann: »Ja, natürlich. Wir bekommen schließlich ein Kind.«
Frankie seufzte wieder. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Aufregung war für ihre Freundin nicht gut, und mit den ganzen Schokocroissants trieb sie ihren Blutzucker in ungesunde Höhen. Sollte Cat eine zwölfjährige Beziehung wirklich wegen eines Augenblicks hormongetriebenen Wahnsinns einfach so wegwerfen? Obwohl Frankie mit Claud nicht unbedingt in allem einer Meinung war, verspürte sie ihm gegenüber eine gewisse Loyalität und wollte ihn vor Cats Untreue schützen. Die Miezekatze war immer schon ein bisschen vergnügungssüchtig gewesen, hatte sich ganz den Freuden des Lebens hingegeben und war von einer Verliebtheit zur nächsten geflattert. Das ist sicher wieder eine ihrer vorübergehenden Launen, sagte Frankie sich, ein kurzzeitiger Aussetzer ihres Urteilsvermögens.
»Und mit diesem Kerl ist es jetzt vorbei?«, bohrte sie sanft.
Cats Unterlippe zitterte. »Es ist vorbei mit diesem Kerl.«
»Hast du das neue Buch von Esther Perel gelesen? Die Macht der Affäre?«
Cat schüttelte den Kopf. »Aber bei ihrem Akzent glaube ich der Frau so ungefähr alles, was sie sagt.«
»Sie schreibt, dass Menschen manchmal fremdgehen, nicht weil sie ihre Partner nicht lieben oder weil sie nach jemandem suchen, der besser für sie wäre, sondern weil sie nach einem Stück von sich selbst suchen, das in einer sicheren und bequemen Beziehung verloren gegangen ist.« Frankie strich Cat über den Arm und nahm sich ein halb gegessenes Schokocroissant. »Liebe Güte, das schmeckt absolut himmlisch!«
Und dann saßen sie da, Schulter an Schulter, und probierten sich durch das süße Gebäck, das vor ihnen lag. Cat warf einen Blick auf die Uhr und beschloss, dass sie sich noch ein paar Minuten Zeit lassen konnten. Dann drehte sie den Spieß um. »Und du hast einen Kunden sexuell belästigt?«
Jetzt war Frankie an der Reihe, sich die Hände vors Gesicht zu schlagen. Es war ihr mehr als peinlich, aber gleichzeitig musste sie lachen, als sie die Begebenheit in ihrer ganzen schrecklichen Herrlichkeit erzählte. Immer wieder stieß sie hervor: »Auf die Nase, Cat! Auf seine verdammte Nase hab ich ihn geküsst!« Cat war außer sich und spuckte vor Lachen Krümel und kleine Vanillebröckchen auf den Tisch.
»Und ich hab gedacht, ich hätte ein ernsthaftes Problem«, lachte sie, während sie versuchte, irgendwie zu Atem zu kommen.
»Es war zweifellos der peinlichste Augenblick in meinem ganzen Leben.«
»War er wenigstens was fürs Auge? Seine Nase scheint ja unwiderstehlich gewesen zu sein.« Cat zwinkerte Frankie zu, die als Antwort nur mit den Augen rollte.
»Du hast ja keine Ahnung.« Sie mussten beide kichern. »Oh, und du wirst nicht glauben, welches Buch er gekauft hat.«
»High Fidelity von Nick Hornby? Sturmhöhe von Emily Brontë? Rosemarys Baby von Ira Levin?«
»Schlimmer.«
»Fifty Shades of Grey – Geheimes Verlangen?«
Frankie zog die Augenbrauen hoch, was Cat erst richtig anstachelte.
»Etwa den zweiten Band – Gefährliche Liebe?«
»Bis(s) zur Mittagsstunde.« Frankie lachte schallend.
»Nein! Versteh mich nicht falsch, ich habe durchaus was übrig für scharfe Vampire, die sich für den Tod rächen wollen, und auch für einen außergewöhnlichen sexy Werwolf – aber Bis(s) zur Mittagsstunde? Bist du sicher, dass der Mann, dessen Nase du so leidenschaftlich geknutscht hast, auch wirklich ein Erwachsener war?«
»Ich weiß. Warum lesen die gut aussehenden Männer nur immer so furchtbar schlechte Bücher?« Frankie verzweifelte fast bei dem Versuch, den Kellner auf sich aufmerksam zu machen, um einen starken Cappuccino zu bestellen.
»Und was können wir dagegen tun?«, fragte Cat Frankies Hinterkopf.
»Wogegen?«
»Gegen diese schreckliche Durststrecke ohne Männer, die deinen grobmotorischen Reflexen so merkwürdig zusetzt.«
»Dagegen tun wir gar nichts. Ich bin noch nicht bereit für das nächste Horrordate.«
Endlich kam eine junge Kellnerin in einer zerrissenen Jeans und schwarzem Tanktop an ihren Tisch, und sie bestellten einen Cappuccino und einen Pfefferminztee zum Mitnehmen.
»Frank, hast du dir schon mal überlegt, dass du vielleicht ein bisschen aufgeschlossener sein solltest? Wir haben schon mal über dein ›Abstandsproblem‹ gesprochen«, sagte Cat. »Selbst als du noch mit Ads zusammen warst, hast du ihn gebührend auf Abstand gehalten. Vielleicht bist du nicht offen genug, nicht gewillt, jemanden wirklich an dich heranzulassen. Du weißt ja, eine Liebesgeschichte läuft nicht immer so wie bei Jane Austen.«
Auf der Straße klammerte sich Cat dramatisch an Frankie. »Ich bin zu erschöpft, um den ganzen Weg zurück zu laufen!« Sie sah Frankie unter langen Wimpern hervor flehend an. »Können wir die nächste Tram zurück zum Laden nehmen? Bitte.« Frankie musste lachen, als die beiden zur nächstgelegenen Tram-Station schwankten und auf einer Bank zusammenbrachen.
»Weißt du, Frankenstein«, sagte Cat, während Frankie sich vorbeugte und die Straße hinunterblickte, um nach einer Bahn Ausschau zu halten. »Wir haben bei unserer Arbeit gelernt, dass wir ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen sollen. Vielleicht solltest du diese Logik mal bei Männern ausprobieren.«
»Das ist wirklich stark, dass so was ausgerechnet von dir kommt, Cat Cooper! Du bist doch kurz davor, jeden Kunden zusammenzuschlagen, der in den Laden kommt und nach einem Buch von Nicholas Sparks fragt.«
»Mister Sparks muss wirklich ganz dringend ein bisschen Abwechslung in seine Bücher bringen!«, erwiderte Cat scharf. »Aber du hast schon recht.«
»Siehst du! Man kann aus der Lektüre eines Menschen so einiges an Rückschlüssen über ihn ziehen.«
Beim wohlbekannten Geräusch der einfahrenden Tram erhoben sich die Freundinnen von der Bank und begannen mit der üblichen Suche nach ihren Fahrkarten. Als sie sich durch das überfüllte Fahrzeug drängten, warf Cat einen Blick auf die Teenager, die sich auf den Sitzen lümmelten, die für gehbehinderte Menschen und schwangere Frauen vorgesehen waren. Sie steuerte schwungvoll auf sie zu und baute sich direkt vor ihnen auf, die Beine leicht gespreizt, die Hände auf den Hüften, und hüstelte auf nicht gerade subtile Weise. Die Jugendlichen schauten erschrocken hoch und verzogen sich, und Cat setzte sich zufrieden grinsend hin. Obwohl man von ihrer Schwangerschaft noch nichts sah, hatte sie ein vollkommen neues Gefühl dafür entwickelt, wie sie sich beeindruckend in Szene setzen konnte. Frankie folgte ihr verlegen und blieb an der Haltestange neben ihrer selbstzufriedenen Freundin stehen.
»Also«, sagte Cat und setzte sich plötzlich aufrechter hin, offenbar war eine Idee in sie gefahren, »dann benutz doch Bücher, um einen Mann zu finden.«
»Wie bitte?«
»Büüü-cher«, gurrte Cat, als wäre der Rest vollkommen klar.
»Wovon redest du eigentlich?«
»Ehrlich, Frank, wenn du meinst, dass du aus dem Bücherregal eines Menschen so viel an Rückschlüssen über ihn ziehen kannst, warum probierst du’s nicht einfach mal aus? Nimm deine Freunde John Willoughby und Jo March zu Hilfe, die können notfalls ein Veto einlegen.«
Frankie lachte. »Wie stellst du dir das vor? Soll ich mir den Weg in die Wohnung von Männern erzwingen und die Bettlektüre auf ihrem Nachttisch durchschauen, um sie auf ihre Ehetauglichkeit zu prüfen? Wenn ich heute eines gelernt habe, dann, dass man nicht in die Intimsphäre anderer Leute eindringt.«
»Von Einbruch hab ich nichts gesagt. Frankie, überleg doch mal: Literatur ist dein Leben. Du bist auf Tinder unterwegs gewesen und hast nach belesenen Intellektuellen gesucht, aber das funktioniert nicht. Und jetzt bringen wir mal Schwung rein! Benutz einfach deine Lieblingsbücher, um einen Mann zu finden.«
»Benutz einfach deine Lieblingsbücher, um einen Mann zu finden? Du hast wohl den Verstand verloren.« Frankie starrte geistesabwesend aus dem Fenster, und ihr Blick glitt mit der Bewegung der Tram über die vorbeiziehende Stadt.
»Ja, mach einfach einen Buchclub auf. Du kannst ein Schild an die Ladentür hängen: ›Heiße Kerle gesucht, die was von klassischer und zeitgenössischer Literatur verstehen!‹ Du leitest den Club, machst dir Notizen, testest ihre analytischen Fähigkeiten … Vielleicht kommt dann auch deine Lust zu schreiben zurück.«
Frankie verdrehte die Augen, aber als der Rhythmus der Tram sie allmählich sanft einlullte, durchschoss sie wie ein Blitz eine Idee.
3
Im Zuge der Gedanken
Ich stand im Waggon eines Vorortzuges, umklammerte mit der einen Hand den Handlauf von zweifelhafter Feuchtigkeit (hoffentlich nicht menschlichen Ursprungs) und mit der anderen eine zerlesene Ausgabe von Jane Austens Überredung. Mir gegenüber saß ein Mann, der auf einer Ukulele spielte und nichts anhatte als eine grüne Unterhose und einen Zylinder (sonst wäre das Outfit ja auch etwas stillos gewesen). Ich hörte ein leises Rattern. Peng – peng – peng.Tie – fer – kannst – du – nicht – sin – ken, schien es mich zu verhöhnen.
Nachdem ich an meinem Arbeitsplatz versehentlich die Nase eines Fremden geküsst – ähm, sexuell belästigt – hatte, war ich gezwungen, auf andere Wege zurückzugreifen, um einen Partner zu finden. Also sprang ich in den 17.42-Zug nach Alamein, mit einem guten Buch unter dem Arm und noch ein bisschen weniger Selbstachtung als sonst. Der Plan dahinter: Ich will mein tief voreingenommenes Bücher-Ich einsetzen (denn wenn wir mal ehrlich sind: Wir beurteilen doch alle ein Buch nur nach seinem Einband), um die Bad Boys auszusieben, diejenigen, die schlecht im Bett sind, und die Nichtleser. Und dazu will ich die erhabenen und hoffnungslos romantischen Worte aus einigen meiner Lieblingsromane einsetzen. Ich habe mir vorgenommen, einen zumindest halbwegs anständig aussehenden Mann zu finden, der mich zum Lachen bringt und der es schafft, einen Abend mit Freunden durchzustehen, ohne dass er Sätze sagt wie: »ROFL« und »That’s what she said«. Das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt, oder?
Nachdem ich also heimlich die Regale der Buchhandlung geplündert hatte, in der ich arbeite (#kleptomanin #shelfie #bestechefinallerzeiten), und ein paar Bücher aus meiner persönlichen Sammlung genommen hatte, habe ich bei jedem Buch die siebte Seite von hinten aufgeschlagen und Folgendes reingekritzelt:
Du hast einen großartigen Geschmack, was Bücher angeht. Möchtest du ein Date mit mir? Schreib mir eine E-Mail! Scarlett O’ [email protected]
In den kommenden Wochen werde ich die besagten Bücher (das ganze Alphabet von Kate Atkinson bis Carlos Ruiz Zafón) heimlich in unterschiedlichen Zügen und Trams in und außerhalb der Stadt auslegen. Und was erhoffe ich mir davon? Dass ein Mann eines meiner Bücher findet, es liest und derart tief und unwiederbringlich von seinen Worten bewegt ist (denn er hat natürlich einen erstklassigen Geschmack in puncto Bücher, ist ganz offensichtlich hochintelligent und hat sein Leben im Griff), dass er sich einfach bei mir melden muss. Zwischen uns springt sofort der Funke über, und nach ein paar Monaten Beziehung ziehen wir zusammen. Wir heiraten, und ehe ihr »Fitzwilliam Darcy« sagen könnt, leben wir glücklich bis an unser seliges Ende, mit drei Kindern, zwei Dalmatinern und natürlich einem Bücherregal aus Walnuss-Furnier. Und da wären wir schon bei euch. Denn weil ich allein ein bisschen Angst vor der ganzen Sache habe, habe ich mich in diese riesige, für alle offene und für mich vollkommen neue Welt der Blogs begeben. Ich möchte, dass ihr mich auf diesem Weg begleitet.
Ich weiß genau, was ihr jetzt denkt … Hat die Frau denn kein bisschen Würde? Und wo bleibt da der Feminismus? Hat sie keine Bedenken, was ihre Privatsphäre und ihre Sicherheit angeht? Weiß sie wirklich nicht, dass sich der Wert ihres Lebens nicht danach bemisst, was für einen Mann sie hat?
Okay, ich geb’s zu: Ich bin einsam. Ich hatte schon so lange keinen Sex mehr, dass ich die Monate gar nicht zählen kann. Das letzte Mal hat mich jemand so richtig in die Arme geschlossen, als ich kurz nach Mitternacht auf meinem Weg in den Supermarkt gestolpert bin, wo ich eine zweite Riesenpackung Ben & Jerry’s kaufen wollte. Aber ich bin tatsächlich gewillt, mich euch gegenüber zu öffnen (wer und wo immer ihr seid). Ich muss eine Lösung finden, wie ich mein »Abstandsproblem« überwinden kann, wie meine beste Freundin das so wortgewandt nennt, das sich ständig zwischen mich und andere Menschen drängt. Ich muss zum Befreiungsschlag ausholen und mich mit Schwung ins Leben und die Liebe stürzen. Ich muss meine Angst vor dem Versagen überwinden und endlich wieder zur Feder greifen – und vielleicht finde ich irgendwo auf diesem Weg auch den Mann meiner (fiktiven) Träume.
Ihr fragt euch sicher noch was anderes: WIEKONNTESTDUDICHNURVONDEINENBÜCHERNTRENNEN?! Dazu kann ich leider nichts sagen. Es ist die einzige echte Schwachstelle in meinem Vorhaben.
Es ist jetzt vier Tage her, dass ich Überredung auf die Reise geschickt habe. Morgen ist Der Distelfink von Donna Tartt dran und übermorgen Catch 22 von Joseph Heller. Und die ganze Zeit werde ich geradezu obsessiv meinen Browser aktualisieren, bis bei diesem merkwürdigen sozialen Experiment etwas Erwartbares oder (wie ich hoffe) etwas Unerwartetes geschieht. Die Korrespondenz, die es wert ist, wird hier ebenso dokumentiert werden wie jedes nennenswerte Date.
Um meine Identität zu schützen (ich muss unbedingt verhindern, dass meine Mutter diesen Blog findet), werdet ihr mich die nächsten paar Monate als Scarlett O’ kennenlernen – die Frau, deren geistige Gesundheit Vom Winde verweht worden ist.
Bis zum nächsten Mal, meine Lieben.
Schließlich – morgen ist auch noch ein Date.
Scarlett O’ xx
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Cat in the Hat > Ich würde mit dir ausgehen. Und jetzt komm endlich rüber, damit wir zusammen Outlander gucken können.
No offence but … > Und dieser ganze Zauber bloß, um einen Mann zu finden? Als unabhängige Frau scheint mir das doch ein bisschen anti-feministisch.
Stephen Prince > @Nooffencebut … Ich glaube, du musst mal »Feminismus« googeln. Scarlett O’, du bist echt meine Queen!
4
Noch so eine Tatsache über die Welt von Brooke Davis
Im Zug der City Loop Line nach Parliament Station
Frankie war noch nie im Leben von so viel Lycra umgeben gewesen. Sie schaute verwundert auf die gestreiften Glitzer-Leggings und die verschwitzten lindgrünen bauchfreien Oberteile, die um sie herum tanzten.
»Ich fass es echt nicht, dass du es tatsächlich geschafft hast, mich hierhin mitzuschleppen«, schrie sie über die laute koreanische Popmusik hinweg, die durch das alte Lagerhaus dröhnte.
Cat glitt zu Boden und beugte das Bein im rechten Winkel ab. Sie rieb sich über den Bauch und wand sich im Takt. Frankie kauerte sich neben sie, streckte ein Bein aus und versuchte unbeholfen, weiter mit Schritt zu halten.
»Ich glaube, du weißt gar nicht, wie schlecht du hierin bist«, sagte Cat lachend.
»Ich glaube, du weißt gar nicht, wie sehr ich dich im Augenblick hasse«, sagte Frankie zwischen einmal Hüftkreisen und einmal Haare zurückschleudern.
Der Tanzlehrer mit dem violett gefärbten Haar, dem weißen Trainingsanzug und den orangefarbenen Sneakers stellte die Musik lauter. »Und jetzt alle hoch zum Arrogant Dance! Eins-zwo, eins-zwo, eins-zwo.«
Alle achtzehn tanzenden Koreaner sprangen sofort auf und nahmen mühelos die angegebene Position ein, die Beine leicht gespreizt und schwingende Hüften. Es folgten die sehr unkoreanischen Damen Frankie und Cat, die in der letzten Reihe alles andere als elegant tanzten.
»Genau so! Arrogant Dance! Arrogant Dance!«, brüllte der Lehrer mit solcher Begeisterung, dass Frankie fürchtete, er könnte gleich explodieren und nur noch glitzernden Rauch hinterlassen.
Alle kreuzten die Arme und tänzelten nach vorn – außer Frankie, die sich vollkommen darauf konzentrieren musste, nicht hinzufallen.
»Und jetzt der Butt Dance. Los, schnell, Butt Dance! Butt Dance!«, erteilte der Lehrer ihnen Anweisung, so ernsthaft, als würde er ihnen Wiederbelebungsmaßnahmen beibringen und nicht, wie sie ihren Hintern herumschwingen sollten.
Alle bis auf Frankie wandten dem Lehrer die Kehrseite zu, und als Frankie die ganzen Tänzer sah – in Lycra gekleidet, mit leuchtend bunt gefärbten Haaren und außergewöhnlich guter Koordination, und daneben ihre schwangere Freundin mit rotem Gesicht, roten Haaren und außergewöhnlich schlechter Koordination – , wie sie alle den Hintern schwenkten, als hinge ihr Leben davon ab, musste sie ihr Lachen unterdrücken.
»Das hier könnte wirklich das Lustigste sein, was ich je im Leben gemacht hab«, rief sie der schwitzenden, mit dem Po wackelnden Cat zu.
»Hör auf zu quatschen und schwing deinen Arsch, Frankston! Schwing ihn hin und her, verdammt!« Cat gab Frankie einen Klaps auf den Po.
»Yes, Sir!«, lachte Frankie.
Kurz danach mühte sie sich mit dem Fantastic Baby ab, einem Tanzschritt, bei dem man Arme und Beine gleichzeitig – und natürlich koordiniert – bewegen musste. Frankie schnaufte heftig. »So, würdest du mir jetzt bitte mal sagen, wer von denen hier Jin-Soo ist?«
»Ich hab’s dir doch gesagt, dass ich’s dir nicht sage! Es war eine einmalige Geschichte, die sich nicht wiederholen wird. Ich will nicht mehr daran denken oder drüber reden – nie wieder!«, zischte Cat und bewegte wütend Arme und Beine wie ein wahnsinnig gewordener Tintenfisch.
»Und ich hab dir gesagt, die einzige Möglichkeit, wie du mich zu diesem Tanzkurs kriegst, besteht darin, dass du mir den zweiten Kerl zeigst, mit dem du je geschlafen hast!« Frankie keuchte, während sie die Hüften schwang.
»Na gut, wenn’s unbedingt sein muss. Aber hör mit dem Hüftschwung auf, der hat beim K-Pop nichts zu suchen«, fuhr Cat sie an und schaute sich nervös um. »Der da ist es«, sagte sie und zeigte vage nach vorne.
Frankie warf einen Blick in die angegebene Richtung und verdrehte sich den Hals, um besser sehen zu können. »Wer denn? Der mit dem silbernen Trikot?«
»Nein, er. Vorne, vor dem Kurs.«
»Wer? Der Tanzlehrer?«
Cat nickte verlegen.
»Du hast mit dem Tanzlehrer von deinem K-Pop-Kurs geschlafen? Cat!« Frankie schnappte nach Luft.
»Ja. Und jetzt, wo du Bescheid weißt, reden wir nie wieder darüber«, sagte Cat mit fester Stimme.
Frankie überlief ein Schauer. Cats Geständnis fühlte sich plötzlich so unglaublich wirklich an. »Na gut«, stimmte sie widerstrebend zu.
»Und zum Schluss Ring Ding Dong! Los, aufstellen zum Ring Ding Dong«, brüllte Jin-Soo.
»Willst du vielleicht sein Ding dongen, Cat?«, fragte Frankie mit unschuldigem Lächeln.
»Hör auf!« Cat boxte Frankie verdammt fest in den Arm.
Alle gaben jetzt noch einmal richtig Gas, der Schweiß lief ihnen übers Gesicht. Die Musik ging ganz plötzlich aus, und Frankie blieb ruckartig stehen, locker zwei Takte später als alle anderen. Jin-Soo dankte der Gruppe mit überraschend heller Stimme für ihre heutige Teilnahme am Kurs. Während die Tänzer sich allmählich zerstreuten und in kleinen Gruppen zu plaudern begannen, zog er sein Shirt aus und enthüllte eine derart gut ausgebildete Bauchmuskulatur, dass einem das Wasser im Munde zusammenlaufen konnte. Frankie stieß nahe an Cats Ohr einen bewundernden Pfiff aus, aber als sie einen Schritt zurücktrat, sah sie, dass ihre Freundin angespannt auf den Boden starrte.
»Was ist los?«, fragte sie.
»Nichts, gar nichts, ich will jetzt nur schnell weg«, antwortete Cat und eilte voraus, aus dem Lagerhaus hinaus in den Trubel der Swan Street.
»Ich kann immer noch nicht glauben, dass du mit ihm geschlafen hast, Cat. Willst du Claud wirklich nichts davon erzählen?«
Sie kamen an mehreren Cafés vorbei, und das reiche Aroma von Kaffee und frisch gebackenem Brot umwehte sie.
»Ich kann’s ihm nicht sagen, Frank. Er würde sich in den Wahnsinn stricken, um seinen Schmerz zu kompensieren«, sagte Cat und blieb vor dem »Feast of Merit« stehen, ihrem gemeinsamen Lieblingscafé in Richmond.
»Eine gute Idee, Catty«, sagte Frankie, als sie sich in die Schlange am Ausgabefenster einreihten. »Und denk dran, du hast mir versprochen, so etwas nie wieder zu tun. Sonst reiß ich dir den Kopf ab.«
»Ja, ja, ich weiß«, erwiderte Cat.
»Einen doppelten Latte und einen Pfefferminztee, bitte«, sagte Frankie zum Barista und reichte ihm einen Zehn-Dollar-Schein.
»Kommt sofort. Auf welchen Namen, bitte?« Der Barista schrieb ihre Bestellung gleich auf zwei Becher zum Mitnehmen.
»Jin-Soo«, sagte Frankie mit schiefem Grinsen. Cat schaute sie finster an.
Sie saßen auf zwei Holzkisten auf dem Bürgersteig und warteten, dass sie aufgerufen wurden.
»Oh Gott, ich kann’s kaum erwarten, wieder Kaffee zu trinken. Nur noch fünf Monate, bis das Baby aus mir rausgeflutscht kommt. Versprich mir, dass du mir Kaffee mitbringst, wenn du mich im Krankenhaus besuchst, und außerdem Sashimi, Weichkäse und …«
»Und eine Flasche Pinot, ja, ich weiß. Du hast mich jetzt wirklich jeden Tag dran erinnert, seit du weißt, dass du schwanger bist«, sagte Frankie.
»Und ich werde dich weiterhin jeden Tag dran erinnern, bis ich einen großen Teller mit Sashimi und Weichkäse vor mir stehen habe, und dazu Kaffee und Pinot.«
Frankie nickte und schaute auf ihrem Handy nach, wie spät es war: schon Viertel vor neun. Cat würde den Laden heute etwas später öffnen müssen. Frankie betrachtete ihr Spiegelbild im Fenster des Cafés und schnaubte angewidert. Ihr Haar stand wild und wuschelig vom Kopf ab, und das T-Shirt mit der Aufschrift »I ♥ New York« klebte ihr am Körper.
Sie zwang sich, den Blick von ihrem Spiegelbild abzuwenden und konzentrierte sich stattdessen auf Cat, die gerade erklärte, dass Claud in Adelaide festsaß, nachdem er es in die nächste Runde des alljährlichen Wettkampfs »Die schnellsten Nadeln des Südens« geschafft hatte.
»Er ist tief bestürzt, dass er jetzt den nächsten Untersuchungstermin verpasst, aber ich hab gesagt: ›Du hast monatelang für diesen Wettkampf trainiert, Liebling. Und beim übernächsten Termin bist du ja wieder hier.‹«
»Es ist wahrscheinlich ganz gut so. Weitere Inspirationen für Babykleidung braucht er nun wirklich nicht mehr. Wie viele handgestrickte Stampler hast du eigentlich schon?« Frankie warf einen Blick hinüber zur Theke, wo die Getränke zum Mitnehmen ausgegeben wurden. Sie wollte endlich los.
»Hast du Bücher dabei, die du im Zug auslegen willst?«, fragte Cat, die ihre Nervosität bemerkte.
»Allerdings.« Frankie tätschelte ihren Rucksack.
»Sind schon irgendwelche E-Mails gekommen?«
»Noch nicht, aber es ist ja auch erst eine Woche her. Es dauert seine Zeit, bis man so ein Buch zu Ende gelesen hat«, sagte Frankie.
»Dein Traummann sollte sich aber beeilen, sonst kommen die verrückten Stalker und …« Cat verstummte ganz plötzlich und verkroch sich hinter einer Speisekarte. Sie stieß Frankie heftig an.
»Was soll denn das? Aua! Cat, du tust mir weh!« Frankie schlug Cats Hand weg.
»Er ist hier«, sagte Cat.
»Wer ist hier?«
»Jin-Soo. Er steht in der Schlange und will was bestellen. Verdammt. Guck bloß nicht zu ihm rüber, nicht dass er dich noch sieht. Nicht hinschauen!«
»Warum gehst du denn immer noch in seinen Kurs, wenn du ihm nicht begegnen willst?«, zischte Frankie und duckte sich hinter das etwas traurig aussehende Feigenbäumchen, das auf einer Kiste vor ihnen stand.
»Weil man diese Musik sonst nirgendwo zu hören kriegt. Und ich spreche ja gar nicht mehr mit ihm. Ich gehe einfach rein und bin danach sofort wieder raus. Rein und raus. Rein und raus«, sagte Cat und war ganz rot geworden.
»Okay, ist schon gut. Bitte hör auf, ›rein und raus‹ zu sagen. Willst du vielleicht schon gehen? Ich warte noch auf unsere Bestellung, und wir treffen uns dann an der nächsten Ecke.«
Cat nickte heftig und stand langsam auf.
In diesem Augenblick rief der Barista: »Jin-Soo!«
Frankie und Cat erstarrten.
»Jin-Soo! Jin-Soo!«
»Das sind wir!«, flüsterte Frankie Cat zu.
Jin-Soo blickte von seinem Handy auf und entdeckte Cat sofort. Er lächelte sie an und war offenbar etwas durcheinander.
»Jin-Soo!«, rief der Barista erneut.
»Lauf!«, zischte Cat.
»Was?«
»Lauf!«, wiederholte Cat und rannte, so schnell ihre Beine sie trugen. Frankie ließ die Bestellung sausen und rannte Cat hinterher, während sie ihr aufsteigendes Lachen mehr schlecht als recht unterdrückte.
Zweieinhalb Blocks weiter, endlich in Sicherheit, blieb Frankie stehen. Sie beugte sich vor, stützte die Hände auf die Knie und keuchte. »Mensch, du bist vielleicht fit«, rief sie Cat zu. »Oh Mann, jetzt bin ich noch verschwitzter als vorher. Und das alles auch noch ohne Kaffee!«, stieß sie schwer atmend hervor.
»Tut mir leid, das war albern von mir.«
»Die Idee mit dem falschen Namen war albern von mir«, gab Frankie zurück und schnitt eine Grimasse. Sie schaute auf die Uhr und sah an sich herunter. »Ich sollte mich jetzt echt auf den Weg machen. Ich fühl mich ganz schön versifft und muss noch ein paar Bücher auf den Weg bringen. Kommst du allein zurecht?«
Cat nickte. »Wir sehen uns später, Frankston.« Sie lachte und ging los, und Frankie machte sich auf, um die nächsten Köder zu verteilen.
Als Frankie den Bahnhof von Richmond erreichte, blickte sie hoch zur elektronischen Anzeigetafel, wo die Abfahrtszeiten der Züge standen. In einer Minute fuhr ein Zug der City Loop Line. Sie rannte auf Gleis drei und schlüpfte gerade noch durch die Türen, bevor der Zug lautlos anfuhr. Einen Augenblick lehnte sie sich dagegen, schloss die Augen und versuchte wieder zu Atem zu kommen. Ich bin dermaßen unfit, ich muss wirklich ein bisschen mehr trainieren. Vielleicht sollte ich K-Pop machen. Sie öffnete die Augen wieder und ließ ihren Blick durch den Waggon schweifen. Die meisten Plätze waren von Berufspendlern belegt, die auf ihre Telefone, Laptops oder Kindles starrten. Kein Mensch las ein richtiges Buch.
»Typisch«, murmelte Frankie, während sie auf einen freien Sitzplatz zuging. Sie setzte sich, nahm langsam ihre Ausgabe von Noch so eine Tatsache über die Welt aus dem Rucksack und hielt es verstohlen auf dem Schoß, während sie sich umsah, um sicherzugehen, dass niemand sie beobachtete. Aber alle waren viel zu sehr in ihre elektronischen Geräte vertieft. Frankie schlug das Buch auf der siebten Seite von hinten auf und fuhr über die Abdrücke, die ihr Stift auf dieser Seite hinterlassen hatte. Dann klappte sie es wieder zu, führte es für einen Kuss unauffällig an die Lippen und legte es neben sich.
Bitte lass den Mann, der dieses Buch findet, mein Seelenverwandter sein!
»Oh mein Gott – bist du nicht Frankie Rose?«, hörte sie eine schrille Stimme hinter sich.
Frankie drehte sich um. »Ja«, erwiderte sie skeptisch.
»Oh mein Gott! Oh mein Gott! Oh mein Gott!«, kreischte das schlaksige Teenager-Mädchen, erhob sich von ihrem Platz und setzte sich ungefragt neben Frankie, wobei sie sich halb auf Noch so eine Tatsache über die Welt niederließ.
»Entschuldigung, kennen wir uns?«, sagte Frankie.
»Ich bin dein größter Fan! Ich hab deine Bücher Eine moderne Austen und Etwas über Jane ungefähr eine Million Mal gelesen. Sie sind einfach umwerfend. Oh mein Gott – ich kann gar nicht fassen, dass du es wirklich bist! Ich hab dich vom Foto auf dem Umschlag erkannt. Obwohl du da ein bisschen mehr zurechtgemacht bist«, sagte das Mädchen und betrachtete die vollkommen derangierte Frankie.
Die lächelte verlegen und rutschte auf ihrem Sitz herum.
»Und, kommt bald Buch Nummer drei? Ich muss unbedingt wissen, wie es mit Charlotte und Alexander weitergeht!« Das Mädchen rückte immer näher heran, sodass Frankie schon ihren Atem riechen konnte.
»Äh, nein, ich fürchte, da kommen keine weiteren Bücher. Ich schreibe nicht mehr«, sagte Frankie und rückte ein bisschen von ihr ab.
»Was? Warum denn nicht? Das ist ja das Schlimmste, was ich je gehört habe! Mal ehrlich, lass dich bloß nicht von den ganzen miesen Besprechungen runterziehen, Süße! Ich weiß echt nicht, was die Leute wollen. ›Das schlechteste Buch, das je erschienen ist‹ – also ehrlich. Die haben nie Othello in der Hand gehabt! Wir mussten es in der Schule lesen, und es war ja so was von stinklangweilig«, lachte das Mädchen und stieß Frankie spielerisch mit der Schulter an.
Oh nein, bitte nicht, jammerte Frankie innerlich. Sie musste unbedingt von diesem Fangirl loskommen, das Shakespeare schlechtmachte. »Ich … ich glaube, dahinten ist meine Kollegin«, sagte Frankie plötzlich nervös. Sie warf sich ihren Rucksack über die Schulter und schwankte zur Tür des Abteils.
»Du hast dein Buch vergessen, Süße!«, rief das Mädchen hinter ihr her.
Frankie schlüpfte in den nächsten Waggon und warf sich auf einen freien Platz.
Sie vergrub den Kopf in den Händen. »Was für ein verdammter Albtraum«, sagte sie leise vor sich hin.
»Schlechter Tag heute?«, fragte der Mann, der ihr gegenübersaß.
