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Was können wir tun, um die Welt von morgen besser zu machen? Im Zentrum dieser Frage steht die Praxis einer anderen Lebensweise, die den globalen Krisen unserer Zeit entgegenwirkt. Harald Lemke blickt über den westlichen Tellerrand hinaus und verbindet auf eindrucksvolle Weise praktische Philosophie, Zen-Buddhismus und Marxismus mit der Kunst des Kochens und einer Utopie der Tischgesellschaft. So werden die Esskulturen Japans und Chinas zum unerwarteten Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Ethik des Welt-Selbst-Gestaltens. Es zeigt sich: In keinem anderen Lebensbereich – und »Reich der Freiheit« (Marx) – lässt sich im Kleinen so viel Großes bewirken wie in der Praxis des alltäglichen Essens.
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Seitenzahl: 1108
Veröffentlichungsjahr: 2025
Editorial
Die Edition Moderne Postmoderne präsentiert die moderne Philosophie in zweierlei Hinsicht: zum einen als philosophiehistorische Epoche, die mit dem Ende des Hegel’schen Systems einsetzt und als Teil des Hegel’schen Erbes den ersten philosophischen Begriff der Moderne mit sich führt; zum anderen als Form des Philosophierens, in dem die Modernität der Zeit selbst immer stärker in den Vordergrund der philosophischen Reflexion in ihren verschiedenen Varianten rückt – bis hin zu ihrer »postmodernen« Überbietung.
Harald Lemke (apl. Prof. Dr. habil.), freischaffender Philosoph, war bis 2019 Direktor des Internationalen Forums Gastrosophie und ist Autor zahlreicher Bücher zu Politik, Ethik, Ästhetik und Anthropologie. Er lehrte an der Paris Lodron Universität Salzburg und der Slow Food Universität in Pollenzo und hatte Gastprofessuren an der Kyoto Universität sowie der East China Normal University Shanghai inne. Außerdem ist er Fellow der Studienstiftung des deutschen Volkes, der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Alexander von Humboldt-Stiftung. Seine Forschungsschwerpunkte sind Ethik, Politik, Ästhetik, Alltagskultur, Gastrosophie, Utopologie sowie eine kritische Theorie des guten Lebens.
Harald Lemke
Buddha in der Küche
Fernöstliche Esskultur und globale Ethik
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.dnb.de/ abrufbar.
2025 © transcript Verlag, Bielefeld
Hermannstraße 26 | D-33602 Bielefeld | [email protected]
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Umschlaggestaltung: Kordula Röckenhaus
Druck: Elanders Waiblingen GmbH, Waiblingen
https://doi.org/10.14361/9783839467145
Print-ISBN: 978-3-8376-6714-1
PDF-ISBN: 978-3-8394-6714-5
ePUB-ISBN: 978-3-7328-6714-1
Buchreihen-ISSN: 2702-900X
Buchreihen-eISSN: 2702-9018
Endlich ankommen
Das philosophische Ethos einer ethischen Denkweise
Archäologische Bemerkungen zum Aufbau des Buches
Das Zen mag bekannt sein: Aber was ist Kaizen?
Erster Teil: Den richtigen Einstieg finden
Erste These ad Saito
Wer keine Visionen hat, geht einfach in den App Store. Eine smarte Utopology App ist ab sofort verfügbar: Utopien verorten leicht gemacht!
Plötzlich stehen uns mehrere Zukünfte zur Wahl
Vom fiktiven Klima-Maoismus zum zukünftigen Welt-Xiismus
Auch so kann’s gehen: Klimafaschismus als misotopische Barbarei
Die allerletzte Zukunft: Der transhumane Exodus in den Weltraum
Vom Weltall zum Alltag
Zweite These ad Saito
Philosophische Erzählkunst ist eine geheime Supermacht, die uns Menschen retten könnte
Dritte These ad Saito
Mit der Wahrheit zu spielen, kann bedeuten: Von Anderen lernen, um es besser zu wissen
Der Topos vom Krieg der Welten
Ein Japaner, der wenig von Japan lernt oder davon wissen will
Japan – vorbildlich im Abstieg und Degrowth?
Wie menschlich kann Pflegearbeit sein?
Der japanische Bauernphilosoph, der die Humus-Revolution auf den Weg brachte
Das Regrowth Rezept
Vierte These ad Saito
Es ist wahr, die Welt braucht einen neuen Marxismus. Nur kennt ihn noch kaum jemand!
Die Ackerbaugemeinde als revolutionärer Wendepunkt
Fünfte These ad Saito
Ohne Praxismus und Praxologie gehts nicht; sie sind entscheidende Koordinaten und Vektoren einer superhumanen Weltperspektive
Die wahre Freiheit – jenseits des Arbeitslebens
Wie wäre es mit einem Dework-Kommunismus?
Sechste These ad Saito
Wer immer noch glaubt, mit der Verheißung irgendeiner ›kommunistischen Gesellschaft‹, die Massen begeistern zu können, träumt schlecht
Die Sphäre der Commons erweitern
Siebte These ad Saito
Wem die gastrosophische Perspektive fehlt, sieht zwar trotzdem alles – allerdings nur verschwommen. Deshalb braucht es erst recht der philosophischen Aufklärung und Erleuchtung
Der zerbrochene Welt-Spiegel
Achte These ad Saito
Das Abenteuer lautet: Lasst uns die konviviale Tischgesellschaft und ihre Tafelvergnügen zum normativen und narrativen Zentrum unserer Existenz machen!
Neunte These ad Saito
Dass wir es sind, auf die es ankommt, ist klar. Nur wer ist dieses Wir? Und was können und sollten wir tun? Dazu sind präzisere Antworten als üblich nötig – und möglich
Vieles, was wir sofort tun könnten
Zehnte These ad Saito
Soziale Bewegungen und politischer Aktivismus sind schön und gut; aber zu wenig von dem, worauf es ankommt
Eine Neuausrichtung der Demokratie
Elfte These über Saito
Einige Philosophen haben nur versucht, die Welt zu verändern; es kommt aber darauf an, vorher gründlich darüber nachzudenken, wie das wirklich geht. Dazu müssen wir die Welt erst einmal so gut wie möglich interpretieren
Die digitale Internet-Utopie: die Wahrheitsspiele einer sich aufklärenden Öffentlichkeit
Die Unotopie einer nachhaltigen Weltgesellschaft
Global Good Life Goals – ein uralter Traum ganz neu erzählt
Sex sells, sexout und was in ist
Zweiter Teil: Eintopf als Weltspiegel
Westliche Leere und Suche nach der Erfüllung eines sinnvollen und wohltuenden Seins
Vorgeschmack auf das Ess-Zen – die japanische Esskunst: das Kaiseki Ryôri
Imbiss-Zen als Darbietung eines Fast Fast Buddhismus
Shoku seikatsu – Alltagspraxis der kulinarischen Essistenz
Weshalb in Japan viele vorbildliche Esstheten leben
Ein philosophisches Großereignis
Slow Food Philosophie à la Ogawa
Vom Lehrstuhl zur Leerstelle
Das gastrosophische Zen chinesischer Prägung
Zen oder Chinas klassisches Chan
Der Duft von gekochtem Reis
Zum Wohl! Das Gute des gemeinsamen Mahls
Zur Mystik des Fast Food Buddhismus
Die gar nicht so frugale Kost eines chinesischen Bergeinsiedlers
Gemalte Reisknödel und dergleichen Rezeptideen à la Dôgen
Die Schläue der namenlosen Imbiss-Meisterin
Keine leichte Frage: Wer bist du?
Wie lässt sich der Hunger auf Erleuchtung erfüllen?
Vom Bogenschießen zum Knödelmachen
Die Universalität des Zen zwischen spirituellem Zazen und gastrosophischem Euzen
Der wahre Geschmack des Zen
Siehe da: Ein Buddha in der Küche!
Kritik jeder Art von Großküche
Die buddhistische Diätmoral des mittleren Weges
Asket – Gymnosophist – Shramana
Durch extremes Fasten dem Hungertod nahe – und dann die Erleuchtung
Die Hirtin und ihre Kuh – zur wahren Geschichte der allerersten Buddha
Ah, köstliche Dickmilch!
Edle Wahrheiten und deren unedle Spielarten
Also Halbwahrheiten – warum nicht
Buddhas letzte Mahlzeit
Die paradoxe Kunst des Schmarotzens: Zum Lob der Parasitik
Die große kulinarische Selbst-Befreiung
Was ist wahre Praxis? Zur Praxologie des Tätigseins
Sashimi zubereiten als poietisches Handeln
Endlich: Zen-Kunst praxologisch verstanden
Von wegen Praxis
Es wird Zeit…
Das Kochen selbst
Der daoistische Philosoph Zhuangzi und der Koch namens Ding
Das Reismahlen des sechsten Patriarchen Hui-neng
Feine Küche – nur welche?
Geschmackvolles Essen jenseits der Diätetik einer bloß gesunden Küche
Einkaufen auf dem Weg
Zur transkulturellen Ästhetik der Esskunst
Der erste Gastrosoph, der aus dem Westen kam
Zur Gewaltfrage der Essinstrumente
Stäbchen: Brücken zwischen Ost und West und Medien reinster Essthetik
Gastrosophische Meditationspraxis
Das Feine: das Kleine
Die japanische Tafelzeremonie
Anweisungen zum Gebrauch des Essgeschirrs
Die Bento-Box: das Nirvana für die künftigen Gourmets?
Wabi Sabi Suki Stil
Das Dingen der Dinge einmal anders
Schwarz-Weiß-Denken und jenseits davon
Free lunch for all: der wahre Grund, Buddhist werden zu wollen
Das Mahlritual ohne Wirt und Gast
Happy End: Feierliche Abendgesellschaft mit dem Lebenskünstler Foucault
Dritter Teil: Ohnmacht oder Supermacht der Philosophie
Klimakatastrophe, Atomkraft, Technikkritik, Umweltfrage oder: Die weltrettende Funktion philosophischer Ethikprogramme
Die Verantwortung der Philosophen
Marx als verkannter Vordenker der Nachhaltigkeit
Altasiatische Lebensweisheit oder der alles bewegende Weg
Fukushima und Japans Niedergang
Atomkraft – Nein danke! und der Weg vor uns
Food Citizenship: Civilizing Future Humanity
Explosion of superintelligence
Civil society and the global good food movement
Return to earth under the heaven of the de-growth and re-growth society lifestyle
Food civility as humanity worth striving for
Kantian convivial society as utopian cosmopolitanism
References
Zu guter Letzt eine Kraftsuppe à la Marx: Rezepte für einen gastrosophischen Postmarxismus
Kritik der kapitalistischen Landwirtschaft
Der Ursprung der permanenten Akkumulation: die moderne Agrikulturrevolution
Marx als Befürworter der Globalisierung
Beraubung und Zerstörung der Erde
Lebensmittelindustrie und Fleischmythos
Idee eines Regrowth-Kommunismus
Exkurs zur Women’s Charter of Food Right
Subsistenzwirtschaft und Küchengärten in der Stadt
Zum Wertbegriff der Natur
Theorie des notwendig richtigen Konsums
Weichenstellung zwischen ethischer und kapitalistischer Ökonomie
Einige utopietheoretischen Umbauarbeiten am Sozialismus als Wärmepumpe
Der wahre Freiheitsbegriff oder: Vom Marxismus zum Praxismus
Die elfte These ad Feuerbach – ein Rinnsal der Erkenntnis
Eine Art Zusammenfassung: morgens, mittags, abends, heute und morgen wieder – das tägliche Weltall
Exkurs zur gastrosophischen Umschreibung der täglichen Küchenarbeit
Der Selbstgenuss des Menschen
Literatur
Nicht den richtigen Einstieg zu finden, ist oft die einfachste Ursache für das Missgeschick, nie anzukommen und das Ziel zu verfehlen, weshalb ›das Ganze keinen guten Ausgang nimmt‹. Vorsichtshalber habe ich deshalb gleich drei Einstiege gewählt. Einen extrem kurzen, sehr schönen, rundum eleganten, vielleicht sogar den ›edelsten Weg‹ – eigentlich eher eine Art Spaziergang oder Lernpfad und Lustwandeln durch traumhafte Landschaften in Begleitung einer zen-buddhistischen Nonne namens Jeongkwan Snim aus Südkorea. Steigen wir am besten also zuerst mit ›schönem Essen‹ ein. Doch zuvor noch eine kurze Vorabbeschreibung des zweiten Einstiegs.
Der zweite Einstieg, für den ich mich entschieden habe, und zugleich der eigentliche Hauptabschnitt des ersten Teils mit meinen Elf Thesen zu Saito – ist die ›harte Tour‹; sie gleicht einer strapaziösen Wanderung durch den philosophischen Diskurs (natürlich teils mit spektakulären Aussichten, teils mit atemberaubenden Spekulationen) und verlangt streckenweise schwindelfreie Trittsicherheit auf ungesichertem Gelände (eher Schotterwegen) – in Begleitung eines unbeschwerten Nachwuchswissenschaftlers aus Japan namens Saito Kohei. In seinem internationalen Bestseller fordert der Philosoph, der im Rahmen des ›Jungwissenschaftler-Forschungsprojektes Kritische Betrachtung des Degrowth und Green New Deal im Zeitalter der Umweltkrise‹ der Japan Society for the Promotion of Science an der Neuedition der Marx-Engels-Gesamtausgabe mitarbeitete, einen Postwachstums- oder »Degrowth-Kommunismus«. Kühn ruft sein »Weckruf« zum »Sturz des kapitalistischen Systems« und zur »Weltrevolution« auf: »Das Kapital, das mit seinem Verlangen nach grenzenloser Wertsteigerung die Erde verwüstet«, hören wir ihn sagen, nein, lauthals brüllen, »wird vom Kommunismus besiegt werden. So wird die ganze Erde zum Allgemeingut, das von allen gemeinsam verwaltet wird.«1 Die mitunter wirren Wegweisungen, wie dieses utopische Programm genau ablaufen soll und was an der entscheidenden »Weggabelung, vor der die Menschheit steht« (ebd., 203), zu tun ist, machen diesen Einstieg wie insgesamt Saitos wagemutige Routen durch das weitgehend unbekannte Zentralmassiv ›Utopiens‹ über weite Strecken zu einer beschwerlichen Tour – die, wenn man so will, nur für philosophische Hobby- und Profiwanderer geeignet ist, die Höhenflüge und Abgründe lieben. Doch die Strapazen lohnen sich.
Saito – also ausgerechnet ein japanischer Marxist oder Marxologe2 – bedient sich für sein marktschreierisches Wacht endlich auf! des reichlich abgenutzten Narrativs vom bösen Kapitalismus und des Versprechens der heilen Welt eines künftigen Neokommunismus. Nicht umsonst bezeichnet der französische Philosoph Bruno Latour »die Ersetzung des Kapitalismus durch ein anderes Regime« und die damit verbundene Forderung nach einem »Systemumsturz« (so der deutsche Untertitel von Saitos Bestseller) als »ein monströses und lärmendes Unterfangen«.3 Doch mit seinem monströsen und lärmenden Unterfangen eines zukünftigen Kommunismus scheint der Japaner den Geschmack der Massen zu treffen! Seine zahlreichen Leser, insbesondere im eigenen Herkunftsland, nahmen die aufgewärmte Vision einer besseren Zukunft in einer kommunistischen Gesellschaft mit Begeisterung auf. Sein Buch Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus verkaufte sich wie warme Semmeln oder wie die überall beliebten Hamburger von McDonald’s. Plötzlich, so scheint es, könnte die weltrettende Weisheit doch noch aus dem Fernen Osten kommen, von dem sich die westliche Welt und vor allem die deutsch-französische Philosophie – von Arthur Schopenhauer über Martin Heidegger bis Michel Foucault und Francois Julien – schon lange einen Ausweg aus der Krise der abendländischen Zivilisation erhofft hatte.
Dieser zweite Einstieg über einen altbackenen und wiederum halbgaren Kommunismus scheint mir aber ein Irrweg zu sein, wie überhaupt Saito (wie wir sehen werden) Marx zum Buddha und den Neomarxismus zu einer Art linkem Buddhismus verklärt. Um das konzeptuelle Ausmaß dieser irritierenden Verklärung zumindest zu erahnen, genügt es, den Satz zu zitieren, den Saito als Einstieg in sein Manifest gewählt hat. So polemisiert das Vorwort gleich zu Beginn gegen den Glauben an einen gesellschaftlichen Wandel von unten: »Der Glaube, dass der Erfolg im Kampf gegen die Erderwärmung davon abhängt, wie viel jeder Einzelne von uns tut, hält uns davon ab, die wirklich wichtigen und mutigen Taten für unsere Zeit zu vollbringen.« Wer so denkt – und das sind viele, die allermeisten sogar –, weiß letztlich wie Saito nicht, was es heißt, für die heutige Zeit wirklich wichtige und mutige Taten zu vollbringen. Das zeigt sich schon daran, dass mit dem Kampf gegen die Klimakrise eine zweifellos gigantische Krise der Menschheit ins Zentrum utopischer Hoffnungen gerückt wird, nicht aber die Krise und die Praxis, die gesellschaftliche Veränderungen (einschließlich eines effektiven Klimaschutzes) am wirksamsten auslösen.
Um dennoch von seiner ostasiatischen Weisheit zu lernen und auf einem ›dritten Weg‹ unser Ziel zu erreichen, wird der dritte Einstieg unternommen. Mein Gedankengang – parallel zu der Frage oder Suchbewegung, ob und inwieweit uns wirklich ein neuer Marxismus als Wegweiser fehlt – wird einige Umwege machen und um voranzukommen, auch, wie die Menschen in China manchmal, rückwärts gehen. Und überhaupt werde ich vieles irgendwie umgekehrt machen müssen – die Dinge umgekehrt sehen, andersherum denken oder ganz umdenken, umkehren und völlig unbekannte, noch unentdeckte, unwegsame Wege wagen –, um möglichst gut voranzukommen und letztlich das Not-Wendige zu tun und einen wirklich guten Ausweg aus der dystopischen Sackgasse zu finden, in der die Welt steckt und die einige besonders alarmierte Zeitgenossen für das Ende der Menschheit auf diesem Planeten halten.
Beim dritten Einstieg also, und damit in dem Hauptabschnitt dieses Buches, dem Einstieg ins Ungewisse – in die Küche – werde ich meiner Leserschaft als ebenso willkommen heißender wie unauffälliger Weg-Weiser zur Seite stehen und sie ortskundig den oft nur scheinbar abwegigen, meist aber gut begehbaren und immer zielführenden Weg weisen. Diese abenteuerliche Route wird die Abbiegung zum Degrowth-Kommunismus links liegen lassen und sich dann auf dem älteren, weitgehend ausgetretenen, aber von mir rundum erneuerten Mittelweg des Zen-Buddhismus (nur mit diversen notwendigen Scheidewegen und dabei gestärkt durch dessen einladende Imbisse mit reichhaltigem Picknick-Proviant) zielstrebig dem nähern, was ich provisorisch Euzen-Konvivialismus nenne und als noch unfertige Alternative sowohl zum Degrowth-Kommunismus als auch zum Zen-Buddhismus vorstelle. Doch bevor es endlich losgeht, noch eine Bemerkung zum Titel.
Wie bereits angedeutet, denke ich bei einem oder einer ›Buddha‹ zunächst an nichts weiter als an einen philosophisch irgendwie erleuchteten oder erwachten Menschen. Tatsächlich bedeutet der Sanskrit-Wort bodhi wörtlich erwachen. Gemeint ist also, um diesbezüglich möglichst unmissverständlich zu sein: Ein oder eine ›Buddha‹ ist ein solcher Mensch (bzw. jeder Mensch ist ein ›Buddha‹), der eine bestimmte Philosophie lebt – in sich weckt und durch sich zum Leuchten bringt. Das Besondere an dem gleichnamigen Menschen, demBuddha, war nur, dass er eine eigene Lebensphilosophieerfand, die er anderen Menschen als die beste aller möglichen vorlebte und eigens als eine buddhistische Lebensweise lehrte. Das bedeutet, dass nicht jeder Erleuchtete oder Erwachte ein Buddhist sein oder werden muss, wohl aber ein Mensch, der nach einer bewussten Philosophie (und ihrem ethischen Programm) lebt. Folglich haben viele Buddhas mit dem historischen Buddha, der sich selbst als erster diesen Lebenskünstlernamen gab, wenig zu tun. In diesem Sinne wende ich mich nicht vorrangig an bekennende Buddhistinnen und Buddhisten. Dennoch geht es mir um die ebenso schlichte wie folgenreiche Frage, was ein wahrer Buddhist eigentlich sein könnte (und sein bzw. tun oder lassen sollte)? Oder auch darum, ob Menschen, die keine Buddhas oder Nicht-Buddhisten sind, wirklich automatisch Nicht-Erwachte sind und inwieweit solche, die sich selbst Buddhisten nennen oder dazu von anderen Buddhisten ordiniert wurden, überhaupt wahrhaft Erwachte sein können?
Den Buddhismus so zu behandeln bedeutet, ihn wie den Marxismus zu behandeln, nämlich als in sich abgeschlossene Glaubenssysteme (deren orthodoxen Wahrheiten und Heilsversprechen viele Menschen nur noch nachbeten), um beide philosophisch zu recyclen oder für ein narratives Upcycling zu nutzen. Nur eine unkritische und phantasielose Anhängerschaft kann ›den Buddhismus‹ wie ›den Marxismus‹ zu einer ›Weltreligion‹ machen. Freilich erfreut sich der welthistorisch ohnehin beispiellos erfolgreiche Buddhismus im direkten Vergleich – sozusagen in der freien Konkurrenz auf dem Weltmarkt heilbringender Zukunftsreligionen – einer immer noch oder wieder weit größeren Popularität als der noch jugendliche, aber schon sehr verbrauchte Marxismus. Die grundsätzliche Frage nach der Wahrheit ›des Buddhismus‹ – den ich im Folgenden als eine Art spirituellen Pop-Marxismus ernst nehmen werde – zieht sich ohnehin wie ein roter Faden durch die labyrinthischen Entwicklungen der 2500jährigen Geschichte dieser mächtigen Lebensphilosophie. Als eine der Großen Erzählungen der Menschheitsgeschichte wird die buddhistische Weisheitslehre von dieser rätselhaften und bis heute nicht abschließend geklärten (um blasphemische Zen-Worte aufzugreifen) »weit offen und nicht heiligen« Frage vor sich hergetrieben. Gerade wegen dieser begriffsimmanenten Paradoxie des Buddha-Seins und der auf den ersten Blick nicht leicht einsehbaren Tatsache, dass in Nicht-Buddhisten potenziell mehr Buddha steckt als in bekennenden Buddhisten, werde ich ganz bewusst vom Buddhismus als dem Ein-Wort-Narrativ einer weltbewegenden (nämlich vielen Menschen einleuchtenden) Philosophie sprechen und programmatisch Gebrauch machen. Betrachtet man den Buddhismus vor allem als philosophische Erzählung eines utopischen Humanismus, so lässt er sich seinerseits immerhin als (halber) Marxismus behandeln. Deshalb erscheint mir umgekehrt jeder Marxismus, der Marx zum Buddha verklärt, zum Heilsbringer, an den man glaubt, als eine Art linker Buddhismus (der linken Herzen) zu sein, den es (postmarxistisch) weiterzudenken gilt und dem ich ansonsten weder nachhänge oder anhänge.
Das philosophisch Interessante an der programmatischen Unterbestimmtheit oder begrifflichen Unklarheit des Buddhismus ergibt sich aus dem bemerkenswerten Sachverhalt, dass er für die einzige unter den immer noch gängigen Weltreligionen steht, die eine Lebensweisheit lehrt, an deren Wahrheiten überall auf dem Globus immer mehr Menschen glaubenwollen – gerade auch in den bevölkerungsreichen Metropolen des globalen Nordens. Im Westen zieht die Lehre Buddhas, insbesondere die Meditationspraxis des populären Zen-Buddhismus, wie ein schwarzes Loch die utopischen Energien, die spirituellen Sinnsehnsüchte und die ideologisch ausgehungerten Geister der Großstädter an. Deshalb werde ich später die Perspektive beschreiben, dass der gegenwärtige Pop-Buddhismus zum zukünftigen Semi-Marxismus eines spürbar heraufziehenden Neuen Mittelalters avancieren könnte. Eines düsteren, dystopischen Weltalters, das in jüngster Zeit nebulös als Anthropozän bezeichnet wird, in dem die Menschen nicht mehr (wie noch der Marxsche Humanismus) an gesellschaftliche Veränderung glauben, auch nicht mehr an sich als ›Menschheit‹ (der Gleichheit aller in einer gemeinsam geteilten Welt), sondern nur noch – bestenfalls, wenn überhaupt – an die innerliche Selbstveränderung oder an die eigene Unverbesserlichkeit.
Immerhin: Ihrem ursprünglichen, letztlich philosophischen (säkularen) Selbstverständnis nach will die buddhistische Weisheitslehre gerade kein philosophisch unaufgeklärtes Glaubenssystem, keine Religion sein; eigentlich ist der Buddha kein Gott. Insofern globalisiert sich mit ihr keine Weltreligion, sondern richtiger eine östliche Lebensphilosophie. Doch durch welche Weisheitslehre könnte der Buddhismus dann zur universalen Ethik einer »neuen Lebenskunst« (Foucault) werden, die wir brauchen, um unsere aufgebrauchte und kaputte Welt zu reparieren und zu recyceln – heil zu machen, wie es so schön heißt? Lässt sich das buddhistische Narrativ kreativ hacken, um den sich weiter globalisierenden westlichen Lebensstil als der Ursache allen Übels weltweit zu transformieren? Ist es möglich, die bemerkenswerte Popularität des Buddha philosophisch umzuschreiben, um die dystopische Katastrophendrift abzuwenden? Kann sein narrativer Algorithmus (in konzeptueller Verbindung mit einem Euzen-Konvivialismus und so etwas wie einem Praxismus) utopologisch durch einen Pan-Superhumanismus umprogrammiert werden?4
Zumindest als Minimalkriterium und mit einem phantastischen Ausblick auf eine Minima Utopia,
