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Kurzgeschichten aus dem Leben, oder für das, oder das, was man dafür hält. Für wenige Momente abtauchen in andere Leben und Schicksale. Kalorienarm und für zwischendurch.
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Seitenzahl: 53
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Cover:
Marian Metulzki, Trinkgedächtnisse, Temple Bar III,
Acryl und Schellack auf Leinwand, 2019
Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers
Café Togo
Karpfen blau
Ewigkeiten
Süße Vergänglichkeit
Budenzauber
Ein Hauch von Ewigkeit
Erinnerung
Glück
Meine (rosa) Brille
Licht
Probefahrt
Wenn das Essen ist…
Vegetarier
Sehnsucht
Sommer
Hallo Ben
Wein
Kapitel 2
Einsam
Anruf
Picknick
Was für ein Geschmack, ein Aroma. Ich glaub, ich muss mich nochmal setzen.
Ein Defekt in der Reproduktion der Geschehnisse der vergangenen Nacht. Schon wieder.
Wo bin ich? Es muss sich etwas ändern. Ich kann nicht ständig meinen Weg ändern, nur, weil mein krankes, suchtorientiertes Hirn auf jeden Schlüsselreiz hereinfällt.
Nein, diesen Menschen neben mir kenne ich nicht. Nein, und diese Möbel sind auch nicht mein Geschmack. 70iger Jahre, mit dem Duft von Moschus. Apropos Geschmack. Rotwein, vielleicht, Zigaretten, bestimmt, und da auf dem Nachtschrank, eine Pizza mit Ananas und Knoblauch. Da habe ich ja den Übeltäter.
Und nun? Noch schnell einen Schluck von dem Roten. Ein Schauer überkommt mich, leider nicht in der Dusche. Die ist auch besetzt. Druck auf allen Kanälen.
Rein, raus, immer dasselbe. Meine Klamotten, einen dampfenden Becher aus der Küche, riecht nach Erlösung, Erleichterung, nach Afrika, nach Togo. Stimmt, da war ich gestern stehen geblieben.
Die Zeit wird wieder hektischer, der Hunger auf Schokolade und Aachener Printen steigt exponentiell und reziprok zur Dauer des Tageslichtes.
Jeder Fahrstuhl in der Stadt wird zur akustischen Folterkammer, Beschallung durch Christmas-CD, Ausgabe 1984, in Endlosschleife.
Noch schnell ein paar Besorgungen für heute Abend. Einladung bei Freunden, bzw. Bekannten. Freunde gibt es ja dann doch nicht so viele.
Die Gastgeberin gibt sich immer total viel Mühe, eine herzensgute Person, würde meine Großmutter mütterlicherseits sagen. Er ist der Bodenständige, wirkt zwar manchmal etwas eingemauert, aber mit zunehmender äthyltoxischer zerebraler Wirkung kommt extrem viel Gelassenheit ins Spiel. Zu Beginn öffnen sich die Hemdsknöpfe, bis zum Schluss bin ich nie geblieben.
Er trinkt in letzter Zeit recht viel. Eine OK-Sucht, guter Rotwein steht in der Nahrungskette ja höher als Weizenjunge. Aber vielleicht ist es auch nur die Angst vor einem inhaltlosen Leben, anstatt das Leben zu peppen, wird der Inhalt rot aufgefüllt.
Warum tue ich mir das heute Abend überhaupt an? Ist doch klar. Als alleinerziehender Vater ist Abwechslung in der Vorweihnachtszeit mal ganz angenehm. Nicht immer nur Weihnachtsgebäck, Schleichpferde, Playmobil und Lego das wichtigste Tagesgeschäft.
Meine neue Freundin wird es heute Abend schrecklich finden, sie kennt die ganzen Leute nicht, aber das gehört zum Leben dazu, und gelegentlich zu mir.
Die Kinderbetreuung steht, ein Problem, welches von kinderlosen Menschen nie verstanden wird. Marie, das Kindermädchen, kennt die Kinder aus der Kita, das passt perfekt. Dazu ist sie ein hübsches Ding, aber das ist ein anderes Thema.
Noch einmal in den Fahrstuhl, eine Flasche Wein für Ihn und einen Schal für Sie. Blumen die welken, wirken immer so anstößig und können von Frauen falsch verstanden werden.
Auto wiederfinden, verdammt nochmal, wo hatte ich noch geparkt? Und dann ab nach Hause.
Meine Freundin hat ein Entscheidungsproblem, Schuhe, welche Schuhe für heute Abend? Ich will sie beruhigen, beraten, beschwichtigen, ziehe mich dann aber doch wieder aus der Diskussion zurück, sonst wird`s noch zu einem (End-)Scheidungsproblem.
Dabei bin ich so froh, ihr begegnet zu sein. War nach so vielen schmerzhaften Augenblicken wieder am Ausgangspunkt meiner Möglichkeiten angekommen. Und dann kam Sie. Wow, eine neue Liebe war der Übergang zu einem Glauben an ein schönes Leben, oder sagen wir mal, ein schöneres Leben.
Das Schuhproblem wird zum Kompromiss, wir müssen los. Schnell in die Karre, 20 Minuten Fahrt und ab in die edle und immer perfekt aufgeräumte Wohnung, nein, sagen wir mal Halle. Sichtbeton, die aktuellste Kunst, überall Ücker, Mack, Lüpertz, Mr. Brainwash, Klapschus….
Die Kunst bringt etwas Farbe und Leben in die Bude. Ansonsten alles schwarzweiß.
Der Adventkaffee ist aber immer legendär. Guter Wein, lecker Essen und belanglose Wohnküchenpsychologie tun keinem weh. Gelegentliches Verrennen in unnützem Detailwissen, was keinem nützt, und reichlich unverlangte gute Ratschläge zu Lebenssituationen, die kein anderer nachvollziehen kann. Aber was soll`s, das dritte Glas lässt verzeihen, das Vierte mobilisiert eigenes Halbwissen.
Die angenehme Zeit rennt dahin. Die Aufnahmekapazität von blöden Witzen, Toleranz, Magen und Blase kommt an ihre Grenzen. Schnell noch das Bad aufsuchen, Gäste-WC ist belegt.
Doch dann, was ein Absturz. Komme auf dem Porzellan zu sitzen, seit Stunden endlich Ruhe, bis auf mein Weihnachtstinnitus, der klingt wie die Glöckchen eines Rentierschlittens.
Durchatmen, Ruhe, dumpfes Gelächter im Hintergrund. Was war das denn da, ein Plätschern? Ich blicke mich um, ob ich womöglich neben der Brille sitze. Nein, der Hintern passt. Wieder Stille.
Dann stockt mir der Atem.
In seichtem Wasser in einem Meer aus Chrom und Emaille gleitet er in einer majestätischen Bewegung dahin, Cyprinus carpio, der gemeine Karpfen.
Eine sanfte Welle, seine glänzende Flosse durchschneidet die klare Wasseroberfläche. Meine Augen fixieren seinen Blick. Sein Maul, es bewegt sich, als ob er zu mir spricht: „Ich sehne mich nach Küssen, nach Liebe, nach Glück, nach tiefem, trübem Wasser, nach meinem See, einer Endlosigkeit, die ich durchschwimmen möchte“.
In der Wanne gibt er die letzten Reste der Natur von sich, ohne zu wissen und zu ahnen, warum er wirklich hier ist. „Karpfen blau“.
Ein Zeitsprung. Plötzlich sitze ich auf einem orangefarbenen Frottiervorleger, sehe die Lockenwickler meiner Mutter am Alibert hängen und bunte Prilblumen auf grünen Badezimmerfliesen.
Ich muss 10 Jahre alt gewesen sein, als es bei uns Karpfen blau zu Weihnachten geben sollte. Meine Finger waren runzelig, da ich meine Hände ständig in der Wanne hatte, um dem Fisch seine glänzenden Schuppen zu streicheln.
Er bekam Brötchenklumpen zum Frühstück von mir, und jedes Mal wenn ich ins Bad ging, landete eine Hand voll Dreck in der Wanne. Somit wollte ich vortäuschen, dass er immer noch nicht seine innere Reinigung für das Fest beendet hatte.
Doch als meine Großmutter zu Besuch kam und mein Leid sah, sprach sie zu meiner Mutter, nein, Fisch zu Weihnachten, das mochte sie ja gar nicht. Nein, dann würde sie Weihnachten nicht kommen. So wurde spontan das Weihnachtsmenü geändert, es wurde Grünkohl mit Pinkel. Ein, sagen wir mal, besonderes Essen für Kinder, doch ich habe es ohne Murren seit diesem Jahr gegessen.
