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Auf ihrer Tournee durch ausgebuchte Hallen wird die erfolgreiche Sängerin Alida Zurell plötzlich mit Drohbriefen konfrontiert, die ihre Entführung ankündigen. Ihr Manager engagiert daraufhin die Personenschützerin Catarina Abramczik, genannt Cat. Doch Alida wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, von Cat beschützt zu werden. Sie findet das alles nur lächerlich und macht sich über Cat lustig. Auch Cat ist nicht erfreut über die arrogante Kratzbürste, die sie da bewachen soll. Eine attraktive Kratzbürste allerdings, die Cat ihre Professionalität irgendwann vergessen lässt – sodass sie ein flüchtiges Abenteuer mit Alida beginnt. Cats Job ist beendet, als Alida ihre Tournee fortsetzt, aber ihre Gefühle für Alida sind es noch lange nicht, auch wenn sie das nicht wahrhaben will. Alida ergeht es nicht besser – doch die Entfernung zwischen ihnen könnte kaum größer sein. Bis etwas Unerwartetes geschieht . . .
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2025
Roman
© 2025édition el!es
www.elles.de [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-391-3
Coverbild erstellt mit Adobe Firefly
Der Applaus brandete immer wieder hoch.
»A-LI-DA! A-LI-DA! A-LI-DA!«
Schweißüberströmt saß Alida in ihrer Garderobe und hörte die Begeisterung ihres Publikums über das Konzert, das sie gerade gegeben hatte. Die Sprechchöre, die eine weitere Zugabe forderten.
Die Wellen schlugen hoch, und sie wollten sich einfach nicht beruhigen, auch wenn Alida schon mehrere Zugaben gegeben hatte. Eine unerhörte Erwartungsspannung lag über der Halle. Alida selbst fühlte sich gleichzeitig aufgeregt und erschöpft wie immer.
Das Adrenalin hatte sie so hochgepuscht, dass sie es auf der Bühne nicht wahrgenommen hatte, aber sobald sie die Bühne verließ, machte es sich bemerkbar, wie lang sie jetzt schon auf Tour war. Sie hätte gern einmal wieder ein paar Tage für sich gehabt, ein Wochenende, nur ein paar Stunden.
»Du musst raus!« Ihr Manager Steffen kam zur Tür hereingeplatzt, sah sie mit einem ungeduldigen Gesichtsausdruck auffordernd an.
»Eine Minute noch.« Alida griff nach einem Handtuch und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Die Schminke ging gleich mit ab, und als sie das Handtuch wegnahm, sah sie im Spiegel, wie verschmiert sie war. »Mist. So kann ich nicht rausgehen.« Leicht fröstelnd strich sie über ihre Arme. »Und ich bin klatschnass.«
»Stell dich nicht so an.« Er warf ihr einen Bademantel zu. »Zieh das an, schmeiß dir Farbe ins Gesicht und los.«
Den Bademantel zog sie sich über, blickte erneut in den Spiegel und atmete tief durch. »Wo ist die Visagistin?«
»Ist schon nach Hause gegangen. Hat da wohl ein paar Gören, die sie versorgen muss.« Als kinderlieb konnte man Steffen wirklich nicht bezeichnen. »Nun mach schon. Die Leute zerlegen uns noch die Bude, wenn du nicht bald kommst.«
»Und ich zerlege dich, wenn du sie nicht wenigstens ein paar Minuten in Ruhe lässt.« Alidas Garderobiere Johanna kam herein und blitzte ihn an. Gleich darauf wandte sie sich mit einem wesentlich netteren Gesichtsausdruck an Alida. »Sorry, Kindchen, ich war nur kurz auf der Toilette.«
»Kein Problem.« Alida war froh, dass Johanna endlich da war. »Kannst du mir ein bisschen helfen? Du hast das früher doch auch mal gemacht.«
»Sofort.« Mit erneut blitzenden Augen wandte Johanna sich zu Steffen um. »Und du verschwindest jetzt. Oder sie kommt gar nicht mehr raus.«
Steffens Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. »Wie sprichst du denn mit mir? Ich schmeiß dich raus –«
»Kannst du nicht.« Wütend, aber zufrieden grinste Johanna ihn an. »Das kann nur Alida. Also jetzt verschwinde, sie kommt gleich.« Und mit einer Hand die Tür aufhaltend schob sie ihn mit der anderen hinaus. Danach schloss sie die Tür hinter ihm. »Wieso wirst du den furchtbaren Kerl nicht endlich mal los?«
Etwas müde verzog Alida das Gesicht. »Weil er ein sauguter Manager ist?«
»Na ja.« Johanna wirkte zweifelnd. »Aber jetzt komm. Ich helfe dir, dein Gesicht wieder hinzukriegen, und dann gibst du ihnen noch eine Zugabe. Aber übertreib’s nicht wieder.«
Alida lächelte. »Ich versuche es, aber ich kann nichts versprechen. Wenn ich da draußen bin, vergesse ich alles.«
»Ich weiß.« Johanna seufzte. »Daran erinnere ich mich selbst auch noch. Und es war schön. Meistens. Aber die Tour ist noch nicht zu Ende.«
Mit einem Augenrollen blickte Alida in den Spiegel und lächelte Johanna, die hinter ihr stand, jetzt über die reflektierende Oberfläche an. »Das habe ich nicht vergessen. Also dann mach mich mal wieder schön.«
Johanna lachte. »Das muss ich nicht. Das bist du schon. Wer ist nicht schön mit fünfundzwanzig?«
»Manchmal komme ich mir uralt vor.« Alida beugte sich vor und suchte nach Fältchen um ihre Augen.
»Hör auf damit.« Tadelnd klopfte Johanna ihr auf die Finger. »Da wirst du nichts finden. Das kommt erst später.« Mit dem Zeigefinger zog sie ihr rechtes Augenlid herunter. »Wenn du so alt bist wie ich.«
»Du bist nicht alt.« Alida lehnte sich im Stuhl vor dem Spiegel zurück und schloss die Augen.
»Doppelt so alt wie du.« Johanna lachte. »Aber lass uns jetzt die ganze Prozedur hinter uns bringen. Du musst auch mal schlafen. Wenn du kannst.«
»Ich mache keine Promis!« Die Aussage klang entschieden.
»Du arbeitest für die Agentur, oder?« Matthias Weissgerber, der Leiter der Agentur, sah Cat mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Demnächst mache ich mich selbstständig.« Dunkle Augenbrauen, die den graublonden von Weissgerber in ihrer Ausdruckskraft weit überlegen waren, zogen sich nicht hoch, sondern zusammen.
Matthias lachte. »Catarina . . . Wie oft hast du mir das schon angedroht?«
»Schon mehr als einmal, das stimmt.« Cat verschränkte die Arme und sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Aber du treibst mich immer wieder dazu.«
»Du willst den ganzen Verwaltungskram doch gar nicht«, erwiderte Matthias selbstbewusst. »Immer am Telefon hängen, verhandeln . . .«
»Ja, ja, schon gut.« Mit unzufrieden verzogenem Gesicht löste Cat ihre Arme und hob sie. »Aber so ein . . . Schlagersternchen. Wirklich, Matthias, was kann der schon passieren? So wichtig ist die nicht.«
»Schlagersternchen ist nicht ganz das richtige Wort«, erklärte Matthias. »Sie ist jetzt schon so lange im Geschäft und so oft in den Top Ten, dass man sie nicht mehr als Sternchen bezeichnen kann, mehr als Stern.« Er senkte den Kopf und musterte Cat über seine Brille hinweg. »Oder auf Englisch: Star. Sagt dir das was?«
»Sternchen oder Star, interessiert mich beides nicht«, gab Cat verärgert zurück. »Ich höre diese Art Musik nicht. Wenn man das überhaupt als Musik bezeichnen kann. Für mich ist das nur Gejaule.«
»Das ist deine persönliche Meinung, und die kannst du auch gern behalten«, meinte Matthias trocken. »Aber Kundin ist Kundin. Und die werden alle gleich behandelt, ist das klar?«
»Unterschreib den Vertrag nicht, dann ist für mich alles klar.« Cat grinste.
»Zu spät.« Matthias grinste auf eine sardonische Art zurück. »Ich habe schon unterschrieben.«
»Dann schick jemand anderen.« Sie tat es zwar nicht, aber es wirkte so, als hätte Cat gerade mit dem Fuß aufgestampft.
»Geht nicht. Die haben explizit nach dir verlangt. Anscheinend haben sie von dir gehört.« Matthias wirkte ziemlich zufrieden.
»Nennst du das Geheimhaltung?« Noch verärgerter als zuvor zogen sich Cats Augenbrauen zusammen.
»Deinen Namen kennen sie natürlich nicht«, beruhigte Matthias sie mit leicht gehobenen Händen. »Aber sie wollten den Bodyguard, der letztens diesem Politiker bei dem Attentat das Leben gerettet hat. Und das warst du, wenn ich mich nicht irre?« Herausfordernd blinzelte er sie an.
»Ist nur mein Job.« Cat presste die Lippen zusammen.
»Und das hier ist auch ein Job. Dein nächster«, sagte Matthias. »Oder hast du was anderes zu tun?«
»Wenn du mich so fragst . . .« Lässig wandte Cat sich ab und lief ein paar Schritte im Zimmer herum, legte nachdenkend ihr Kinn in die Hand. »Da könnte ich schon was finden. Ich hatte schon lange keinen Urlaub mehr.«
»Du hasst Urlaub.« Indem er sich mit beiden Händen auf dem Schreibtisch abstützte und hochschob, stand Matthias auf, ging um den Tisch herum und kam auf sie zu. »Du langweilst dich zu Tode im Urlaub. Das Einzige, was du liebst, ist deine Arbeit. Also komm schon . . .« Er klopfte ihr auf die Schulter. »Das Mädel ist ziemlich hübsch. Ist das kein Ausgleich?« Er grinste wieder.
»Du meinst, sie sieht besser aus als sie singt?« Cats Mundwinkel zuckten.
»Würde ich so sagen«, bestätigte Matthias. »Deal?« Er hielt ihr die Hand hin.
Zweifelnd betrachtete Cat diese Hand eine ganze Weile. »Ich muss mir trotzdem immer noch dieses Gejaule anhören«, wandte sie ein. »Das ist wie Folter.«
Matthias seufzte. »Na gut, du kriegst einen Bonus. Jetzt zufrieden?«
»Wie groß ist der Bonus?«, fragte Cat.
»Zehn Prozent?«, bot Matthias an. »Das ist eine Menge. Die zahlen gut.«
»Ich bin nicht käuflich.« Zurechtweisend blickte Cat auf ihn hinunter, denn er war kleiner als sie. »Das weißt du.«
»Du bist nicht bestechlich«, entgegnete Matthias, indem er Cats Aussage abwandelte. »Aber du arbeitest für Geld. Oder etwa nicht?« Erneut hielt er ihr seine Hand entgegen und sah sie auffordernd an. »Es ist nur ein Job wie jeder andere. Deal?«
»Na gut.« Cat schlug ein. »Hast du mich wieder rumgekriegt. Aber ich bereue es jetzt schon.« Sie verzog die Mundwinkel. »Ich werde mir Ohrenschützer kaufen.«
Wenn ich nur nicht so müde wäre. Im Gegensatz zu der Aufregung und Anspannung, die sie auf der Bühne spürte und die sie dort in höchste Höhen trieb, fühlte Alida sich jetzt wie erschlagen.
Das lag allerdings nicht nur an der Anstrengung auf der Bühne bei dem Konzert gestern Abend – bei jedem Konzert jeden Abend oder fast jeden Abend seit Monaten –, es lag auch daran, dass sie so gut wie nicht geschlafen hatte.
Nach dem Konzert waren sie sofort weitergefahren, und das hieß, sie hatte hier im Tourbus geschlafen. Oder sie hatte es versucht. Es dauerte immer eine ganze Weile, bis sie von der Adrenalinwolke herunterkam. Erst dann konnte sie an Schlaf denken.
Wenn sie allein in ihrem Zimmer war – in irgendeinem Zimmer in irgendeinem Hotel in irgendeiner Stadt, deren Namen sie oft noch nicht einmal kannte –, half sie dabei nach. Aber hier im Tourbus hatte Johanna ein Auge auf sie. Deshalb hatte sie das nicht tun können. Und demzufolge nicht geschlafen.
Vor einiger Zeit war die Sonne aufgegangen, und sie blickte zum Fenster hinaus, auf eine Landschaft, die durchaus ihren Reiz hätte haben können. Wenn das Alida interessiert hätte.
Sie hatten die Autobahn bereits verlassen und fuhren über eine zweispurige Straße, auf der ein Pkw nach dem anderen den Bus überholte. Obwohl Alida ein Schild mit dem Zeichen für Überholverbot gesehen hatte, schienen es die Leute hier alle zu eilig zu haben, um das zu beachten.
Die Busfahrerin war ein Profi und ließ sich davon nicht irritieren. Sie hielt sich exakt an die Geschwindigkeitsbegrenzung, und so glitten sie recht gemütlich dahin.
Alida fuhr sich mit beiden Händen über die Augen und versuchte, den Schlaf herauszureiben. Den Schlaf, den sie nicht gehabt hatte.
Gleich würden sie in irgendeinem Hotel sein, dann gab es vermutlich wie immer einen Soundcheck auf der vorgesehenen Bühne, und danach konnte sie vielleicht ein bisschen schlafen, vor dem Konzert. Wenn sie allein im Hotelzimmer war und Johanna sie nicht mehr überwachte.
Sie richtete sich in ihrem Sitz auf und stellte die Rückenlehne etwas gerader. Sobald sie angekommen waren, musste sie erst einmal ein paar Pilatesübungen machen, damit ihr Körper seine Geschmeidigkeit wiederfand. Wenn sie später stundenlang auf der Bühne herumhüpfte, brauchte sie die.
Sie wusste, dass sie jung war, und dennoch fühlte sie sich manchmal uralt. Je länger sie auf Tour war, desto mehr.
»Na? Gut geschlafen?« Johannas Stimme kam mit einem Lächeln darin über die hintere Rückenlehne zu ihr.
»Super.« Das sagte Alida immer, egal wie sie geschlafen hatte.
Es spielte sowieso keine Rolle. Sie wollte damit nur unnötige Diskussionen vermeiden, insbesondere mit Johanna, die sie manchmal bemutterte wie eine Glucke.
»Die nächste Nacht kannst du dich wieder in einem Bett ausstrecken. Dieser Sklaventreiber . . .«, Johannas Arm schlängelte sich in Alidas Sichtfeld und wies nach vorn, wo Steffen saß, »muss aufhören, dich ohne Zwischenstopp im Bus von einem Konzert zum nächsten zu karren. Das kann so nicht weitergehen.«
Uninteressiert zuckte Alida die Schultern. »Manchmal geht es eben nicht anders. Zu viele Termine, bei denen die Orte zu weit auseinander liegen.«
»So was kann man ändern. Das ist Aufgabe der Organisation . . .«, ein Rumpeln und Stöhnen deutete an, dass Johanna sich jetzt von ihrem Sitz erhob, »des Managements. Nicht nur Geld zu scheffeln.«
»Wir leben alle davon«, sagte Alida.
Johanna hatte sich aus ihrem Sitz geschoben und stand nun im Gang neben ihr. »Wir leben alle von dir, mein Kind. Deshalb solltest du das Sagen haben, nicht dieser . . .«, sie blickte nach vorn, »Idiot.«
»Wenn die Tournee vorbei ist, kann ich mich ausruhen und erholen.« Lächelnd blickte Alida zu ihr hoch. »Dauert ja nicht mehr so lange.«
»Wenn wir das alle überleben«, unkte Johanna.
Schon am frühen Morgen stand Cat vor der Villa, die das Hotel war, in dem sie die ›große Sängerin‹ einquartiert hatten. Sie wollte alle sicherheitsrelevanten Aspekte überprüfen, bevor die Kundin eintraf.
Wie so oft war es gar nicht so einfach, Sicherheit in einem Umfeld zu garantieren, das nicht darauf ausgelegt war, Menschen davon abzuhalten, es zu betreten. Ein Hotel war logischerweise genau das Gegenteil. Dort sollten möglichst viele Menschen es möglichst leicht haben hereinzukommen. Sie daran zu hindern, wäre geschäftsschädigend gewesen.
Für Cats Geschäft war es jedoch absolut schädigend, wenn alles so offen und einladend war. Niemand hier würde es gutheißen, wenn sie jeden, der das Hotel betrat, nach Waffen durchsuchte oder sonst wie überprüfte. Zudem umgab die alte Villa ein großer Park, der schwer zu überwachen war.
Während sie den Park durchstreifte, ergriff sie das kalte Grausen. Das war das Paradies eines jeden Stalkers oder Attentäters. Zwar umgab den Park eine hohe Mauer, aber es gab so viele Schlupflöcher, dass man die unmöglich alle im Blick behalten konnte. Dazu hätte die gesamte Manpower der Agentur nicht ausgereicht.
Das hieß, sie konnte den äußeren Ring nicht sichern, sie musste sich auf den inneren Ring beschränken. Also betrat sie das Hotel und sah sich um.
Auch die Eingangshalle war sehr offen und zudem noch durch etliche Pfeiler unübersichtlich gestaltet. Die konnte sie aber sicher durch zwei oder drei Leute aus der Agentur abdecken. Es mussten ja nicht alle Leute geschützt werden, nur diese eine Person.
Sie probierte mehrere Szenarien aus und war ganz zufrieden. Bezeichnend fand sie dabei, dass ihre Test-Szenarios niemand vom internen Sicherheitsdienst des Hotels auf den Plan riefen. Das hätten sie Cats Ansicht nach eigentlich tun müssen, wenn dieser Sicherheitsdienst auf Zack gewesen wäre.
Zum Schluss ging sie dann ganz normal zur Rezeption und erkundigte sich dort nach der genauen Ankunftszeit des großen Stars. Dafür musste sie sich ausweisen, denn hier gab es tatsächlich eine Art Sicherheitsbewusstsein.
Zu spät allerdings. Ein eventueller Attentäter hätte diese Information gar nicht mehr gebraucht. Er hätte einfach hier gewartet.
»Wir fühlen uns sehr geehrt, Alida im Haus zu haben«, verkündete die junge Dame hinter der Rezeption mit glänzenden Augen. Offenbar war sie ein Fan. »Ihr wird doch nichts passieren?« Sie schien tatsächlich besorgt.
»Wenn sie sich auf Ihren Sicherheitsdienst vom Hotel hier verlässt, wäre das nicht ausgeschlossen«, bemerkte Cat strafend. »Ich habe mich hinter Pfeilern versteckt, in diverse Richtungen gezielt und mich schnell zurückgezogen, als wäre ich auf der Flucht. Nicht ein einziger Ihrer Sicherheitskräfte hat mich angesprochen oder verfolgt.«
»Oh.« Sie wirkte betroffen.
»Das würde ich auch sagen«, stimmte Cat dem trocken zu. »Dann werde ich mal meine Vorbereitungen treffen. Ich hole nur noch meine Sachen aus dem Auto.«
Sie nickte der jungen Frau, die immer noch leicht erschüttert schien, verabschiedend zu und verließ die Hotelhalle erst einmal wieder.
Draußen telefonierte sie mit der Agentur und bestellte ein paar Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Villa. Sie hatte die Angewohnheit, sich erst einmal allein umzusehen, aber mit diesem Park und der sicherheitsfeindlichen Altertümlichkeit des Gebäudes war es unmöglich, alles allein im Auge zu behalten.
Das war sowieso unüblich, und so gern Cat auch allein arbeitete, weil das die Fehlerquote verringerte, sie hatte einsehen müssen, dass das meistens nicht ging. Noch nicht einmal bei so einem unbedeutenden Schlagersternchen wie diesem hier.
Star. Pft! Was sich heute alles so Star nannte.
Gut, dass sie normalerweise nichts damit zu tun hatte.
Drei Tage, das war alles, wofür diese Tusse sie bezahlte und was sie bekam.
Und dann war Schluss.
»Was tun Sie da?« Alida erschrak, als sie ihr Hotelzimmer betrat, weil dort eine dunkel gekleidete Gestalt auf dem Boden hockte. Sie packte etwas in einen Koffer. Räumte hier ein Dieb das Hotel aus, und niemand hatte es bemerkt?
Im ersten Moment wollte sie gleich wieder auf den Gang laufen, wo die anderen sein mussten, da sie gerade eben alle zusammen angekommen waren, aber da erhob sich die Gestalt.
»Wer sind Sie?«, fragte die Frau zurück.
Alida schnappte nach Luft. Es war schon lange nicht mehr passiert, dass jemand sie nicht erkannte. Nicht in dem Umfeld, in dem sie sich bewegte.
»Das ist ja wohl –« Ihre Backen bliesen sich wie Fußbälle auf. »Was haben Sie hier zu suchen? In meiner Suite? Ich rufe sofort den Sicherheitsdienst!«
»Ich bin der Sicherheitsdienst«, sagte die Frau, und sie wirkte entschieden wesentlich ruhiger, als Alida sich fühlte. Ihre dunklen Augen musterten Alida völlig gelassen. »In gewisser Weise.«
»In gewisser Weise?« Diese Aussage verwirrte Alida, und sie runzelte die Stirn. »Was soll das heißen?«
Ihr Handy brannte fast in ihrer Hand, aber hätte sie es benutzen können? Würde diese Frau das zulassen? Sie sah irgendwie . . . gefährlich aus. Automatisch hob Alida es jedoch an.
»Das soll heißen«, erklärte die Frau langsam, »dass ich nicht der Sicherheitsdienst des Hotels bin, wohl aber Ihr persönlicher Sicherheitsdienst. Ich bin Cat Abramczik.«
Irgendwelche Bemerkungen von Steffen schossen Alida durch den Kopf. Bodyguard. Irgendwas mit Bodyguard.
Aber sie hatte nur darüber gelacht. Wenn das, was die Frau hier sagte, stimmte, hatte er aber wieder einmal allein beschlossen, was das Richtige für sie war, und ihr nichts davon gesagt.
Ihre Stirn runzelte sich. »Cat Abramczik? Sagt mir nichts.«
»Sicherheitsagentur Weissgerber«, erläuterte die große Frau, diese Cat Abramczik, ruhig. »Matthias Weissgerber. Das ist mein Chef, könnte man sagen. Wahrscheinlich haben Sie mit ihm zu tun gehabt.«
Also ja. Steffen.
Alida zuckte die Schultern. »Ich habe mit überhaupt niemandem zu tun gehabt. Das macht alles mein Management.« Sie ging zu einem Sessel hinüber und warf ihre Handtasche darauf. »Das heißt also, Sie sollen mich hier in diesem Kaff beschützen?«, bemerkte sie währenddessen beiläufig. Sie hatte nun beschlossen, dass diese Cat Abramczik wohl die Wahrheit sagte. Außerdem waren die anderen gleich in den Zimmern nebenan. »Wegen der Drohbriefe?«
Cat Abramczik nickte. »So hat man es mir gesagt.«
»Ich weiß nicht, warum sich alle so darüber aufregen.« Alida setzte einen Gesichtsausdruck auf, der äußerst gelangweilt wirken musste. »Meine Fans sind eben manchmal etwas . . . überschwänglich. Aber sie tun mir doch nichts. Das ist alles völlig überflüssig.«
»Offensichtlich sieht das Ihr Management anders«, erwiderte Cat Abramczik. »Sonst hätten sie mich nicht engagiert.«
Alida winkte ab. »Ach, die sind einfach immer überängstlich. Ich bringe ihnen eine Menge Geld ein, und das wollen sie nicht verlieren.«
Das Thema wurde sie wohl nie los. Schon Johanna hatte heute Morgen damit angefangen. Ja, vielleicht war es so, aber das war im Augenblick Alidas geringstes Problem. Sie wollte sich nicht damit beschäftigen.
Leicht sarkastisch gab Cat Abramczik ein trockenes Lachen von sich. »Unverkennbar haben Sie eine sehr realistische Einstellung zu Ihrem Beruf.«
Was nahm die sich denn heraus? Alidas Augen öffneten sich erstaunt. Wie kam sie dazu, Alida ihre eigene unmaßgebliche Meinung aufs Butterbrot zu schmieren? Wen interessierte das? Sie sollte vor der Tür stehen und den Wachhund spielen, weiter nichts. Dass sie sprach, war nicht nötig.
Im Moment wollte Alida jedoch weniger realistisch sein, als dass sie allein sein wollte. Aber wie wurde sie diese Frau jetzt wieder los? Würde die wie eine Klette an Alida hängen, solange sie hier war? Das passte ihr gar nicht.
Johanna war ja schon schlimm genug, aber die konnte sie oft abhängen oder in die Irre führen. Diese Frau sah nicht so aus, als ob das mit ihr so einfach wäre.
Überhaupt. Wie sie aussah . . . Wie einer von den Men in Black. Und sie war groß. Sehr groß aus Alidas Perspektive, die eher klein war. Dazu die breiten Schulterpolster. Anscheinend wollte sie Arnold Schwarzenegger imitieren.
Alida hasste diese Art Leute. Leute, die nur Muskeln hatten und nichts im Hirn. Männer wie Frauen, ganz egal, die waren nicht ihr Fall. Hatten keine Ahnung von nichts, mischten sich aber in alles ein. Und bildeten sich ein, mit ihren Muskeln könnten sie alles durchsetzen.
»Also geben Sie zu, dass eine Gefahr besteht?« Cat Abramczik hob die Augenbrauen. »Denn sonst könnte Ihr Management ja nichts verlieren. Sie nicht verlieren«, ergänzte sie noch betont.
Die Frage überraschte Alida. Sie war noch so sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt gewesen, dass sie von der plötzlichen Zurückführung auf das ursprüngliche Thema irritiert war. »Es besteht keine Gefahr«, wehrte sie gereizt ab. Die bildete sich wirklich was ein, diese Frau . . . Wer hatte sie nach ihrer Meinung gefragt? »Das ist doch alles Blödsinn.«
»Auf jeden Fall habe ich hier in Ihrem Zimmer nichts gefunden, was irgendeine Gefahr darstellen könnte.« Cat Abramczik klappte die Verschlüsse ihres Metallkoffers zu, in den sie noch etwas gelegt hatte, als Alida hereingekommen war. »Auch nicht in den Zimmern Ihrer Begleitung.«
»Da waren Sie auch? Sie haben das alles durchsucht?« Alida wusste nicht, ob sie empört oder zufrieden sein sollte.
Cat Abramczik zuckte die Schultern. »Das ist mein Job.«
Cat sah, wie Alida Zurells Augenbrauen nach oben wanderten. Sie waren im Gegensatz zu ihren eigenen sorgfältig gezupft.
»Sie denken, irgendjemand aus meinem Team hätte damit zu tun?« Der sogenannte Bühnenstar musterte sie abschätzig.
Gelassen schüttelte Cat den Kopf. »Ich denke gar nichts. Das ist nur Routine.«
»Routine«, wiederholte Alida mit einem noch abschätzigeren Tonfall in der Stimme. »Das ziehen Sie also hier ab. Einen Routinejob.«
»Routine ist nützlich, um Zeit zu sparen und nichts zu vergessen. Haben Sie das bei Ihren Auftritten nicht auch?« Wie sie es vor dem Erscheinen der zierlichen Diva bereits vorgehabt hatte, griff Cat nach ihrem Koffer und wollte ihn hinausbringen.
Ihre Antwort hatte dem schillernden Kanarienvogel nicht gefallen, das sah Cat ihr an. Aber daran konnte sie jetzt auch nichts ändern.
Schmollend wie ein kleines Kind verzog Alida die Mundwinkel. »Und jetzt gehen Sie einfach so wieder?«, entgegnete sie ziemlich angriffslustig. »Ist das alles, was Sie zu bieten haben?«
»Ich wollte meinen Koffer nicht bei Ihnen hier in der Suite stehenlassen«, erwiderte Cat genauso gelassen wie zuvor. Von so einer kleinen Kanaille würde sie sich bestimmt nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Obwohl Cat zugeben musste, dass Matthias recht hatte. So aus der Nähe war sie ziemlich attraktiv. Die Bilder wurden ihr nicht gerecht. Auf denen war sie allerdings auch übermäßig geschminkt, für einen Bühnenauftritt eben.
Jetzt sah sie sehr viel normaler aus. Geschminkt war sie zwar, aber eher dezent. Und vermutlich hatte sie sich für die Fahrt vom letzten Ort ihrer Tour, an dem sie aufgetreten war, hierher eher leger angezogen.
Ihr leger war nicht Cats leger, aber das war auch kaum zu erwarten gewesen. Sie beide waren zwei sozusagen völlig gegensätzliche Pole. Cat hätte es ziemlich unpassend gefunden, sich so anzuziehen, wie Alida jetzt angezogen war. Das fing schon bei den hochhackigen Schuhen an. Für die Sängerin war das aber vermutlich ihre Alltagskleidung, wenn sie nicht auf der Bühne stand, und sie fand das offensichtlich bequem.
Es war eben alles eine Frage der Gewohnheit. Und natürlich auch eine Frage des Berufs. Wenn Cat mit Stöckelschuhen dahergestolpert wäre, hätte sie wohl kaum irgendwelche Attentäter fassen können. Sie hatte aber in ihrem ganzen Leben auch noch nie das Bedürfnis gehabt, Stöckelschuhe zu tragen.
»Und was haben Sie danach vor? Wenn Sie Ihren Koffer weggebracht haben?«, fragte Alida ziemlich uninteressiert, während sie jetzt in Richtung auf das Schlafzimmer zuging, das links von diesem Aufenthaltsraum lag. »Sich wie ein Wachhund vor meine Tür zu legen und auf meiner Fußmatte zu schlafen?«
Cat hätte fast geschmunzelt, aber sie versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu beherrschen. Was ihr dank langen Trainings natürlich auch gelang. »Nein, das hatte ich eigentlich nicht vor«, klärte sie Alida auf. »Wenn dann jemand durch die Fenster oder den Balkon hereinkommt, hätte ich schlechte Karten, Sie zu beschützen. Und bei Stalkern und Leuten, die Drohbriefe schreiben, weiß man nie, wozu sie in der Lage sind.«
Alida unterbrach ihren Weg kurz, drehte sich über die Schulter zu Cat und hob die Augenbrauen. Anscheinend fühlte sie sich irritiert. »Aber irgendetwas haben Sie sich doch sicher vorgestellt.«
Cat nickte. »Ich habe mir vorgestellt, dass ich mich hier aufhalte. In der Suite.«
Man konnte fast zusehen, wie Alidas Kinnlade herunterfiel. Ganz langsam. »Wie bitte? Sie wollen hier schlafen?« Ihre Stimme klang völlig entgeistert, geradezu nach Majestätsbeleidigung.
»Schlafen eher weniger«, erwiderte Cat locker. »Ich habe schließlich einen Auftrag zu erledigen. Ich werde wach bleiben.«
Ein paar Sekunden lang starrte Alida sie nur an, als könnte sie einfach nicht glauben, was sie da gehört hatte. Dann stemmte sie die Hände in die Hüften. »Das geht nicht.«
Das kann ja heiter werden, dachte Cat. Es war schon schlimm genug, Leute beschützen zu müssen, die man nicht mochte, aber wenn sie den Schutz noch nicht einmal wollten? Sie hob die Augenbrauen. »Wie soll ich Sie dann beschützen? Ich muss in Ihrer Nähe bleiben. So nah wie möglich.«
Geringschätzig lachte Alida auf. »Wollen Sie sich vielleicht neben mich ins Bett legen?«
Wäre eventuell keine so schlechte Idee, dachte Cat. Unter anderen Umständen . . .
»Nein«, sagte sie. »Aber ich muss alles hören können, was in Ihrem Zimmer vor sich geht. Damit ich eingreifen kann.«
Alida starrte sie erneut ziemlich entgeistert an. Nur blieb ihre Kinnlade diesmal oben. »Ich will, dass Sie jetzt gehen«, erwiderte sie erst nach einer Weile. »Und dieses Zimmer nicht mehr betreten. Außer es ist unbedingt notwendig. Wenn tatsächlich jemand hier hereinkommen sollte, der nicht hierhergehört. Der mich bedroht.«
Ablehnend schüttelte Cat den Kopf. »Das kann ich nicht tun. Sie bezahlen mich sehr gut dafür, dass ich auf Sie aufpasse. Dass Ihnen nichts passiert. Und dafür werde ich sorgen.«
»Ich . . .«, entgegnete Alida betont, während sie die Hände von den Hüften nahm und mit einem Finger in die Luft stach, »bezahle Sie überhaupt nicht. Ich habe Sie auch nicht engagiert. Ich habe gleich gesagt, dass das überflüssig ist.«
Was für eine eingebildete Tusse . . . Innerlich seufzte Cat, aber äußerlich blieb sie ruhig. »Nachdem Sie schon einmal mit Farbe besprüht wurden?«, fragte sie nur. »Das hätte auch etwas anderes sein können.«
»Faule Tomaten, meinen Sie?« Alida lachte trocken auf. »Geschmäcker sind eben verschieden. Damit muss ich leben.«
»Faule Tomaten wären nicht das Schlimmste.« Cat stellte ihren Koffer wieder ab. Anscheinend dauerte das hier noch länger. »Es könnten auch irgendwelche Geschosse sein, Messer, gefährliche Säuren. Das würden Sie dann bestimmt nicht mehr lustig finden.«
»Damit beschäftige ich mich, wenn es so weit ist.« Alida versuchte, lässig zu klingen, aber Cat hatte den Eindruck, dass sie das nicht wirklich war. Eine ziemliche Anspannung ging von ihr aus. »Die Farbe ist auch wieder rausgegangen. War gar nicht so schlimm.«
»Es geht aber nicht um Farbe«, betonte Cat noch einmal. »Wie unangenehm das auch immer ist. Vor allem, wenn man sie ins Gesicht kriegt.« Sie schüttelte den Kopf. »Selbst wenn das nicht mehr rausgeht, kann man sich etwas Neues zum Anziehen kaufen. Bei Säure, Messern oder Kugeln ist das nicht so einfach.«
In absichtlich überspitztem Erstaunen wanderten Alidas Augenbrauen Zentimeter für Zentimeter nach oben. »Übertreiben Sie nicht etwas?« Sie lachte Cat aus, aber wie schon zuvor hatte Cat das Gefühl, dass das eher gespielt als echt war. »Ist wahrscheinlich normal in Ihrem Beruf. Sie haben da bestimmt öfter mit Kugeln oder Messern zu tun als ich.« Diesmal lachte Alida sogar ziemlich echt auf, wenn auch abschätzig. »Ich kenne nur Küchenmesser.«
»Die können auch gefährlich sein.« Was mache ich jetzt nur mit diesem Kind? Cat hätte sich am liebsten auf dem Absatz umgedreht und wäre gegangen, aber ein Auftrag war ein Auftrag. Dafür würde Matthias noch bezahlen, das schwor sie sich.
»Gibt es hier welche?« Mit einem ironischen Gesichtsausdruck schaute Alida sich um. »Dann können Sie die ja einsammeln, wenn Sie wollen.«
Cat hätte sie erwürgen können, aber dafür hatte sie zu lange trainiert, sich zu beherrschen. Was auch immer innerlich geschah, äußerlich wirkte sie kühl.
»Die Bedrohung verflüchtigt sich nicht dadurch, dass Sie so tun, als gäbe es sie nicht«, sagte sie. »Es gibt so einen alten Spruch, der heißt Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.«
»So alt bin ich noch nicht«, gab Alida sofort schnippisch zurück. »Erinnert mich an meine Großmutter. Zu deren Zeiten war der Spruch vielleicht üblich.«
»Üblich oder nicht.« Eindringlich sah Cat sie an. »Inhaltlich gilt das immer noch. Egal, wie man es ausdrückt.«
»Oh, inhaltlich gilt das immer noch.« Alida äffte sie nach und tat so, als hätte sie sich sprachlich übernommen. »Was Sie nicht sagen.«
Das wird mir langsam zu dumm hier. Entschlossen griff Cat wieder nach ihrem Koffer. »Solange der Auftrag gilt, werde ich Sie beschützen«, teilte sie ihrem unwilligen Schutzobjekt mit. »Ob Sie wollen oder nicht.«
Sie ging zur Tür, um den Koffer hinauszubringen.
»Dann entziehe ich Ihnen einfach den Auftrag!« Alidas Stimme durchschnitt die Luft. Kräftig war sie zumindest.
»Sie haben ihn ja angeblich gar nicht erteilt«, warf Cat über die Schulter zurück. Sie hatte jetzt einfach genug davon, das zu diskutieren. »Nur der Auftraggeber kann einen Auftrag entziehen.«
Kurz überlegte sie und setzte den Metallkoffer neben der Tür ab. Dann blieb er eben hier.
Sie hatte das Gefühl, wenn sie diese Suite hier einmal verließ, würde dieses Früchtchen sie nie wieder hereinlassen. Bis sie vielleicht überfallen wurde. Aber dann war es zu spät.
Alida riss ihr Handy hoch und suchte schnell eine Nummer. Gleich darauf hielt sie es ans Ohr. Nur Sekunden später hörte Cat: »Steffen! Was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Mir so einen weiblichen«, sie zögerte kurz, und ihr Blick wanderte an Cat auf und ab, »oder auch nicht so weiblichen James Bond aufzudrücken?«
Obwohl sie Cat ziemlich nervte, brachte diese Einschätzung sie doch fast zum Schmunzeln. Wenn schon einen Leibwächter, hatte sie sich dann eher einen männlichen gewünscht? War das der Grund für ihre so heftige Ablehnung? Weil wenn schon Nähe, dann mit einem Mann?
Genau konnte Cat das natürlich nicht wissen, und es interessierte sie auch nicht, wie und in wessen Begleitung diese Alida ihr Leben normalerweise verbrachte.
Nur eins war klar: Als Frau war sie Cat völlig gleichgültig. Sie hätte nackt vor ihr stehen können, und es hätte Cat nicht interessiert.
Unter anderen Umständen . . . möglicherweise.
Aber nicht, solange sie für ihr Leben und ihre Unversehrtheit verantwortlich war.
Alida hätte nur noch schreien können. Und das tat sie ja auch. Sie schrie in ihr Telefon hinein.
»Beruhige dich.« Steffen klang, als würde er sie nicht richtig ernstnehmen. Wie immer. »Ich komme rüber. Wir können das bestimmt klären.«
»Schmeiß sie raus!« Ihre Stimme überschlug sich fast.
Ich kann nicht mehr! Ich will jetzt allein sein! Ich muss!
Sie zitterte innerlich, und sie brauchte jetzt sofort Entspannung. Wie sollte sie sonst den Tag überstehen? In ihr baute sich ein riesiger Druck auf, eine Lawine, die gleich alles überrollen würde, wenn sie sich nicht endlich zurückziehen konnte.
»Kindchen, was ist denn?« Johanna kam mit einem besorgten Gesichtsausdruck herein, blieb abrupt stehen und starrte Cat Abramczik an, die wie ein Fels in der Brandung dastand, dunkel und unverrückbar. »Wer sind Sie?«
»Cat Abramczik.« Die Frau, die Alida am liebsten zum Mond geschossen hätte, nickte Johanna zu. »Ich soll für Frau Zurells Sicherheit sorgen, solange sie hier ist.«
»Eine Leibwächterin?« Johannas Blick wanderte zu Cats breiten Schultern und musterte sie dann von oben bis unten.
»Ja, genau, eine Leibwächterin.« Steffen kam wie ein ungebremster Zug hereingerauscht. »Weil sie das nämlich braucht.«
»Ich brauche das nicht! Ich kann allein auf mich aufpassen!« Alida starrte ihn mit blitzenden Augen an. »Lasst mich gefälligst alle in Ruhe!«
Sie drehte sich um und raste in das Schlafzimmer, das ein Teil der Suite war, warf die Tür hinter sich zu und lehnte sich dagegen. Heftig atmend spürte sie ihren Puls in der Halsschlagader klopfen.
Verdammt! Sie hatte ihre Tasche drüben auf dem Sessel liegenlassen. Und da war das drin, was sie brauchte. Sollte sie? Sollte sie nicht?
Doch sie konnte nicht anders. Sie brauchte es.
Am Rande eines Ausbruchs drehte sie sich um, riss die Tür wieder auf, raste zum Sessel, ohne irgendjemanden anzusehen, griff sich ihre Tasche und raste ins Schlafzimmer zurück. Diesmal schlug sie die Tür nicht nur hinter sich zu, sie verschloss sie auch.
»Kindchen! Alida!« Das war Johannas Stimme. »Bitte, lass mich rein.« Sie klopfte an die Tür.
»Jetzt nicht!« Alida merkte, wie schrill ihre Stimme klang. »Lass mich in Ruhe!«
Mit zittrigen Händen öffnete sie ihre Tasche und zog ein kleines Samtsäckchen heraus. Die Tabletten, die sich darin befanden, schaffte sie in ihrem Zustand kaum, aus der Aluverpackung zu lösen. Als sie es endlich geschafft hatte, warf sie sie paarweise ein und schluckte.
Eine blieb ihr im Hals stecken. Hustend und würgend lief sie in das Badezimmer, das direkt an dieses Schlafzimmer anschloss, und drehte den Wasserhahn auf. Erst nach einer Weile und nach gefühlt einem halben Liter Leitungswasser ließ das Gefühl, dass sie gleich ersticken würde, nach.
Keuchend glitt sie mit dem Rücken an der Glastür der Duschkabine herunter, bis sie auf dem Boden saß, und versuchte, sich zu beruhigen. Sie fühlte den Schweiß auf ihrer Stirn und auch am Rest ihres Körpers.
Ihr Herz schien fast aus ihrer Brust zu springen, ihr Kopf wollte explodieren, aber gleich . . . gleich würde es besser werden. Sie musste nur abwarten. Sie musste diese paar Minuten überstehen.
»Alida! Liebes! Mach doch auf!« Diesmal klang Johannas Stimme viel weiter entfernt, weil sowohl das Schlafzimmer als auch das halbe Badezimmer dazwischenlag. »Lass mich dir helfen!«
Beinah hätte Alida aufgelacht, aber dazu fehlte ihr im Moment die Kraft.
Helfen. Du kannst mir nicht helfen, dachte sie.
Niemand konnte ihr helfen.
»Bitte, seien Sie ihr nicht böse.« Der Mann, der gerade eben hereingerauscht war, wandte sich mit einem entschuldigenden Lächeln an Cat, während die ältere Frau versuchte, durch die Tür mit Alida zu sprechen. »Künstler sind eben . . . exzentrisch.« Er hielt ihr die Hand hin. »Berner. Steffen Berner.«
Das kannst du wohl laut sagen! »Cat Abramczik.« Innerlich rollte Cat die Augen, während sie äußerlich weiterhin unbeeindruckt aussah und seine Hand kurz drückte. »Wollen Sie den Auftrag zurückziehen?«
»Nein, nein. Auf keinen Fall!« Entsetzt riss er die Augen auf. »Sie müssen sie beschützen! Unbedingt! Ihr darf nichts passieren!«
Er schien wesentlich besorgter zu sein als Alida selbst, was ihr körperliches Wohl betraf.
»Dann bleibt es also dabei?«, fragte Cat. »Ich habe den Auftrag weiterhin?«
»Ja! Ja!« Ein tiefes, angestrengtes Durchatmen folgte diesen beiden hervorgestoßenen Silben. Fast, als würde er gegen einen Herzinfarkt ankämpfen.
Vielleicht war er älter, als Cat gedacht hatte. Wobei . . . Jung war er auf keinen Fall mehr. Bei dem eher jungen Publikum, das Alida anzog, erschien das merkwürdig.
Aber Cat kannte sich mit solchen Dingen nicht aus und konnte deshalb nicht beurteilen, wie alt ein Manager für eine junge Frau wie Alida sein durfte oder musste.
»Sie will es einfach nicht wahrhaben«, klagte er, als wäre es mehr seine Qual als ihre. »Aber sie ist wirklich in Gefahr. Es stand schon mal auf Messers Schneide.«
Cat hob die Augenbrauen. Waren ihre Vorinformationen falsch gewesen? So etwas liebte sie gar nicht. »Es war nicht nur die Farbe?«, vermutete sie.
»Nein, nicht nur die Farbe.« Er stöhnte richtig auf. »Dieser Typ, der hinter ihr her ist, will sie entführen. Er will sie ganz für sich haben. Und einmal hat er das beinah schon geschafft.«
Irritiert warf Cat einen Blick zu der Tür hinüber, hinter der sich ihr widerwilliges Schutzobjekt immer noch verbarg. »Weiß sie das?«, fragte sie.
»Natürlich weiß sie das!«, fuhr er auf, mäßigte sich mit einem »Entschuldigen Sie« jedoch sofort wieder. »Sie können ja nichts dafür.« Er holte noch einmal tief Luft. »Glauben Sie mir, ich hätte Sie nicht engagiert, wenn das nur eine eingebildete Gefahr wäre. Manche tun das ja, als Publicity Gag.« Er hob die Hände, als wollte er Cat gleich wieder von diesem Gedanken abbringen. »Aber das hat Alida überhaupt nicht nötig. Sie ist ganz von selbst ein Star und hat eine riesige Fangemeinde, da braucht sie so was nicht.«
Eine Weile dachte Cat darüber nach, ob er die Wahrheit sagte. Denn was sie in ihm spürte, hatte sie schon bei einigen Leuten gespürt, die sich nicht unbedingt der Wahrheit verpflichtet fühlten.
Wenn das hier ein Fake war, konnten sie sich das sofort abschminken. Für so was war Cat nicht zu haben, egal für welchen Preis.
»Bitte«, beschwor er sie. »Lassen Sie sie nicht aus den Augen! Der Kerl kann überall sein!«
Cat beschloss, dass seine Besorgnis echt war. »Sie können sich auf mich verlassen.« Bestätigend nickte sie ihm zu. »Wenn sie in Gefahr gerät, werde ich sie beschützen.« Strafend blickte sie ihn an. »Und warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Ich mag es nicht, so im Dunkeln gelassen zu werden. Dann kann ich mich nicht richtig auf den Fall vorbereiten. Das könnte unabsehbare Folgen haben. Gefährliche Folgen.«
»Ja, ich weiß . . .« Er wand sich ein bisschen. »Ich wollte nicht, dass irgendjemand Wind davon kriegt. Ihre Fans, die Presse . . . Das kann auch unabsehbare Folgen haben, das kann ich Ihnen versichern.«
»Na gut. Jetzt weiß ich es ja«, sagte Cat. »Haben Sie mir sonst noch irgendetwas vorenthalten?«
»Nein, nein!« Er hob die Hände. »Ganz bestimmt nicht! Ich kann Ihnen noch genauere Infos geben, wie er es das erste Mal fast geschafft hat. Vielleicht versucht er es ja auf dieselbe Art wieder.«
»Dafür wäre ich dankbar.« Cat sah ihn ernst an. »Jedes Detail könnte wichtig sein. Kennen Sie ihn?«
Seine Lippen kräuselten sich unentschlossen. »Er . . .«, er räusperte sich, »er war einmal ein Fan. Ein glühender Fan. Er hat alles für sie getan.«
»Er war ihr Freund?«, fragte Cat. »Ihr Liebhaber?«
»Absolut nicht!« Das stritt er sofort vehement ab. »Er war ein Fan, nicht mehr. Wir sorgen schon dafür, dass sie . . . dass sie nicht . . .« Er seufzte. »Na ja, die meisten Fans stellen sich was mit ihr vor, und dafür darf sie nicht . . . offiziell liiert sein.«
