Spiel der Liebe - Kingsley Stevens - E-Book

Spiel der Liebe E-Book

Kingsley Stevens

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Beschreibung

Des Farmlebens in Pennsylvania überdrüssig, geht Annie, kaum dass sie erwachsen ist, nach Las Vegas, um in der verlockenden Glitzerwelt ihr Glück zu suchen. Doch sie ergattert nur einen Job im Einkaufszentrum und schlägt sich mehr schlecht als recht mit dem mickrigen Gehalt durch. Die Hoffnung auf Reichtum jedoch nie aufgebend, zieht es sie jedes Mal, wenn sie ein paar Dollar übrig hat, ins Spielcasino an den Roulettetisch. Da endlich geschieht es: Ihr zweiter Einsatz gewinnt. Die Croupière Bess wird auf sie aufmerksam und beginnt, Annie unverblümt anzumachen, aber Annie sträubt sich zunächst. Doch Bess lässt nicht locker und Annie sich schließlich auf eine Beziehung ein. Ermuntert von weiteren Gewinnen beginnt Annie, regelmäßig zu spielen, bis Bess und sie verblüfft feststellen, dass Annie stets beim zweiten Spiel des Tages mächtig abräumt. Dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht, wird schnell klar, und bald sind zwielichtige Gestalten hinter Annies Gewinnen her. Zu allem Überfluss bekommt auch noch die Beziehung mit Bess Risse – ist Bess am Ende auch nur an Annies Geld interessiert?

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Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Kingsley Stevens

SPIEL DER LIEBE

Roman

© 2021édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-334-0

Coverfoto:

1

»Hey Annie. Wie geht’s?« Der Türsteher am Eingang des Casinos nickte Annie freundlich zu.

»Gut, Steve. Und selbst?« Annie lächelte.

Steve hob die Hände zum Himmel. »Wir sind in Las Vegas. Es scheint immer die Sonne.« Zuvorkommend öffnete er ihr die Tür und machte eine einladende Handbewegung. »Viel Glück.«

»Ach, du weißt doch, Steve . . .« Mit einem Achselzucken ging Annie an ihm vorbei. »Richtig zu spielen kann ich mir nicht leisten mit meinem kleinen Gehalt. Ich setze immer nur einen Chip.«

Er grinste. »Es ist so ein schöner Tag. Wie wäre es mit einem ganz großen Risiko? Du setzt zwei?«

Lachend schüttelte Annie den Kopf. »Denkst du wirklich, das würde etwas bringen? Außer dass ich zwei Chips verliere statt einem?«

»Man kann nie wissen.« Er zwinkerte ihr zu. »Es sind schon Leute mit Zeitungspapier in den Schuhen hier reingegangen und als Millionäre wieder rausgekommen.«

»Nicht ich.« Ungläubig ließ Annie ihren Kopf erneut von einer Seite zur anderen drehen. »Liegt vielleicht daran, dass ich kein Zeitungspapier in den Schuhen habe.«

Plötzlich zogen seine Augenbrauen sich zusammen. »Sag mal, hast du heute nicht Geburtstag?« Bevor Annie auch nur einen Ton hervorbringen konnte, riss er sie in seine Arme und wirbelte sie herum. »Annie hat heute Geburtstag! Annie hat heute Geburtstag! Die kleine Annie hat heute Geburtstag!«

»Lässt du mich wohl los?« Quietschend und lachend trommelte Annie auf seine breiten Schultern und wand sich in seinem Arm, um ihn dazu zu veranlassen, sie wieder auf die Erde zu setzen. »Und ich bin nicht klein!«

»Verglichen mit mir schon.« Er setzte sie ab und grinste sie wie Garfield an.

»Verglichen mit dir ist jeder klein.« Annie schmunzelte und ordnete ihre Kleidung, die er ganz schön in Unordnung gebracht hatte.

»Pass auf«, sagte er und griff in seine Tasche. »Den hier hat mir eben ein Gast geschenkt. Das ist mein Geburtstagsgeschenk an dich.« Er hielt ihr den Chip hin. »Und du setzt ihn bei der zweiten Runde.«

»Das sind fünfzig Dollar, Steve.« Ablehnend verzog Annie das Gesicht. »Das kann ich nicht annehmen.«

»Nimm es an oder ich setze ihn für dich.« Steve nahm ihre Hand und drückte den Chip hinein. »Mach mir doch die Freude. Ich darf ja nicht spielen, weil ich hier angestellt bin. Wenn du gewinnst, gibst du mir die Hälfte. Deal?«

Annie lachte. »Ich gewinne bestimmt nicht. Und deine fünfzig Dollar sind weg.«

»Es sind nicht meine fünfzig, jetzt sind es deine«, beharrte er. »Und du kannst damit machen, was du willst.«

Nun verzog sich Annies Gesicht noch mehr. »Zum Beispiel meine Miete bezahlen? Da bin ich nämlich im Rückstand, weil Henderson –« Sie brach ab.

»Hat er euch schon wieder nicht bezahlt diese Woche?« Drohend verschränkte Steve die Arme vor der Brust. »Soll ich mal mit ihm reden?«

»Er wird schon zahlen«, versicherte Annie ihm beruhigend.

Steve hatte ihren Boss Henderson schon einmal ›verwarnt‹, und Annie hatte Henderson nur mit allergrößter Überredungskunst davon abhalten können, Steve anzuzeigen. Das wollte sie Steves Frau und seinen drei Kindern nicht antun. Deshalb musste sie ihren eigentlich guten Freund unbedingt davon abhalten, sich noch einmal als Ritter in strahlender Rüstung aufzuspielen.

»Setz die fünfzig, und ich lasse ihn in Ruhe . . . diesmal«, versprach Steve.

»Na gut.« Annie schloss ihre Finger um den Chip. »Aber es wäre besser, du würdest deiner Frau etwas davon kaufen.«

Grinsend klopfte Steve auf seine Tasche, in der es klimperte. »Ich hab noch mehr davon. Die Leute sind großzügig, wenn sie gewonnen haben.«

Kopfschüttelnd ging Annie endgültig hinein, und als sich die schwere Eingangstür hinter ihr schloss, war von der Sonne nichts mehr zu merken. Hier drin war es dunkel bis auf die flackernden Anzeigen der Einarmigen Banditen, an denen eine Menge Leute standen und die Hebel immer wieder herunterzogen. Selten folgte ein metallisches Klackern, wenn Münzen in die Gewinnschale fielen. Meistens wurden die Vierteldollarchips in den Bechern, die die Spielenden hielten, nur weniger.

Aber diese Art Spiel interessierte Annie nicht. Sie liebte Roulette. Es war Entspannung für sie, wenn sie nach einem harten Arbeitstag hierherkam. Auch wenn sie meistens nur zusehen konnte. Sie hatte kein Geld, um wirklich zu spielen. Aber manchmal erlaubte sie sich einen einzigen Chip. Nur um das Gefühl zu haben, einmal nicht um jeden Penny kämpfen zu müssen.

Sie war nach Las Vegas gekommen, weil die Sonne und die glamourösen Bilder sie gelockt hatten. Aber dann hatte sie schnell festgestellt, dass man auch hier erst einmal Geld verdienen musste, wenn man leben wollte. Mit Mühe und Not hatte sie einen Bürojob im Einkaufscenter ergattert, aber manchmal dachte sie, der war nicht besser bezahlt als die Fünf-Dollar-Jobs der Einpacker an den Kassen. Und das Leben war teuer in Las Vegas.

Deshalb riskierte sie ab und zu fünf Dollar. Gewonnen hatte sie noch nie etwas. Dennoch gab es ihr für die kurze Zeit, in der das Rad sich drehte, das Gefühl, gleich könnte sie reich sein. Auch wenn sie wusste, dass der Traum endete, sobald die Kugel fiel. Aber wie die Spieler, die hektisch von einem Tisch zum anderen liefen, um nur keine Chance zu verpassen, und dabei immer ärmer wurden, hoffte auch sie darauf, dass es einmal klappen würde. So sehr jede Wahrscheinlichkeit auch dagegen sprach.

Sie ging zu ihrem Lieblingstisch hinüber. Wie alle Spieler, selbst eine Gelegenheitsspielerin wie sie, war sie abergläubisch. Sie hatte einen bestimmten Tisch und einen bestimmten Platz, von dem aus sie spielte. Wenn der Platz besetzt war, wartete sie, bis er frei wurde. Jeder andere Platz hätte ihr Unglück gebracht. Dass ihr Stammplatz ihr bisher auch kein Glück gebracht hatte, blendete sie dabei aus.

Wie üblich beobachtete sie das Spiel eine Weile, um die Vorfreude auszudehnen. Sobald sie gesetzt und verloren hatte, war das Vergnügen zu Ende.

Gerade war Schichtwechsel am Tisch, und der Croupier übergab seinen Platz einer Frau, die Annie noch nie gesehen hatte. Sie musste neu sein.

Kurz ließ Annie ihren Blick über sie schweifen, aber Croupiers, ob männlich oder weiblich, waren alle einheitlich gekleidet und deshalb eher unauffällig. Manchmal hatte Annie das Gefühl, sie gehörten alle derselben Pinguinfamilie an.

Nachdem der Schichtwechsel vollzogen war, ging es sofort weiter, damit die Spieler am Tisch nicht ungeduldig wurden. Die Stimme der Croupière verkündete: »Machen Sie Ihr Spiel!«, und zu den Chips, die bereits auf dem grünen Tuch lagen, gesellten sich einige mehr.

Annie wartete noch. Sie beobachtete die elegante und doch kraftvolle Bewegung, mit der die Croupière den Roulettekessel drehte und dann die Kugel hineinwarf. Sie hatte diese Bewegung schon oft beobachtet, und es war nichts Besonderes dabei. Sobald die Kugel ins Rollen kam, hing Annies Blick daran, als ob sie ihren Lauf dadurch beeinflussen könnte.

»Nichts geht mehr.« Diese drei Wörter beendeten die Möglichkeit, noch Einsätze tätigen zu können, und die Spieler am Tisch warteten geradezu atemlos, bis die Kugel ihren endgültigen Platz gefunden hatte und die Croupière verkündete: »Zwölf. Rot. Gerade. Niedrig. Erstes Dutzend.«

Viele Spieler setzten aus Aberglauben gern auf die Dreizehn. Dort lagen mehrere Chips. Alle Einsätze auf dieser Zahl und den anderen Zahlen außer der Zwölf und den angrenzenden Chancen mit zwei, drei, vier oder sechs Zahlen inklusive der Zwölf wurden sofort eingezogen, ebenso die einfachen Chancen auf schwarz, ungerade und hoch sowie die Einsätze auf der ersten und zweiten Kolonne und dem zweiten und dritten Dutzend.

Die restlichen Chips, die noch auf dem Tuch lagen, waren Gewinnchips und wurden entsprechend ihrer Chancen ausgezahlt. Das alles geschah in kürzester Zeit, denn die Croupiers beherrschten die Zahlen und Berechnungen im Schlaf.

Eine schlanke Hand mit schmalen, langen Fingern schob einen Gewinn direkt vor Annies Nase, aber das lag nur daran, dass sie am roten Feld stand, da sie ja nicht gespielt hatte. Dennoch schaute sie unwillkürlich auf und in die Augen der Frau, die den Gewinn auszahlte.

Für einen Moment sah sie die Reflexion eines Lichtkegels, der über dem Spielfeld hing, in einer dunklen Pupille, dann verschwand das Auge wieder aus ihrem Blickfeld.

Dennoch hatte Annie das Gefühl, die Croupière hatte sie eindringlicher als üblich gemustert. Aber vielleicht lag das auch nur daran, dass sie noch neu war und die Stammgäste erst einmal kennenlernen musste.

Ein paar Spiele ließ Annie noch vorbeiziehen, dann setzte sie ihren Fünf-Dollar-Chip . . . und verlor.

Sie seufzte. Natürlich. Was auch sonst? So war es doch immer.

Sie tastete nach dem Chip, den Steve ihr gegeben hatte. Es wäre wirklich vernünftiger gewesen, ihn für die Miete zu verwenden. Aber heute war ihr Geburtstag. Und was, wenn Steve fragen würde? Sie hatte ihm die Hälfte des Gewinns versprochen.

Es würde keinen Gewinn geben, also war es doch egal, ob er nichts bekam, weil sie verloren oder weil sie gar nicht gespielt hatte.

Aber heute ist mein Geburtstag! wiederholte sie in Gedanken. Fast trotzig warf sie den Chip auf die Dreizehn. Die gewann sowieso nie. Normalerweise setzte sie eher auf einfache Chancen. Einen Chip nur auf eine einzelne Zahl zu setzen erschien ihr von vornherein als Vergeudung, denn die Chancen, dabei zu gewinnen, waren verschwindend gering.

Der Kessel wurde in Gang gesetzt. Die Kugel rollte . . . und rollte . . . und rollte.

Das Geräusch erschien ungeheuer laut in Annies Ohren.

Sie schloss die Augen, als die Kugel fiel. Sie wollte es gar nicht wissen.

Aber dann hätte sie auch ihre Ohren verschließen müssen, denn kaum war das Rad angehalten worden, verkündete die Croupière: »Dreizehn. Schwarz. Ungerade. Niedrig. Zweites Dutzend.«

Annies Herzschlag setzte fast aus. Was? Nein. Sie musste sich verhört haben. Doch als sie die Augen öffnete, sah sie, dass ihr Einsatz immer noch auf der Zahl lag, während die anderen Einsätze eingezogen wurden.

Kurz darauf wurde ein großer Betrag in ihre Richtung geschoben. »1750 für fünfzig« war der Kommentar dazu, mit genauso ausdrucksloser Stimme wie bei jedem anderen Gewinn. Für Croupiers waren diese Zahlen bedeutungslos.

Annie starrte die Ansammlung Chips vor sich nur an. Wann hatte sie zum letzten Mal tausend Dollar auf einem Haufen gesehen? Mehr als tausend Dollar? Wahrscheinlich noch nie.

»Wollen Sie den Einsatz stehenlassen?«, fragte dieselbe Stimme in derselben ausdruckslosen Art, als Annie sich nicht rührte.

Immer noch brauchte sie eine Sekunde, bis sie endlich antworten konnte. »Nein! Nein, auf keinen Fall!« Schnell griff sie zu und zog die Chips vom Spielfeld.

»Machen Sie Ihr Spiel«, ertönte es daraufhin, und ein paar Sekunden später wurde das Rad wieder in Gang gesetzt.

Annie konnte es immer noch nicht glauben. Die Chips, die da vor ihr lagen, waren alle ihre? Sie hatte gewonnen?

Endlich schlich sich ein Lächeln in ihre Mundwinkel. Was für ein Geburtstagsgeschenk! Nun konnte sie nicht nur ihre Miete bezahlen, sondern auch noch ein paar andere Sachen. Und sie musste keine Angst haben, wenn Henderson wieder einmal in Verzug geriet.

Fast benommen packte sie die Chips, trug sie auf beiden Händen vor sich her und begab sich zur Kasse.

»Annie.« Der Mann hinter dem Schalter lächelte. »Endlich einmal gewonnen?«

»Und wie.« Annies Mundwinkel begaben sich noch mehr nach oben. »Muss wohl daran liegen, dass ich heute Geburtstag habe.«

»Na dann: Herzlichen Glückwunsch!« Der Mann kassierte die Chips und schob einen Packen Scheine durch das Gitter. »Dann kauf dir mal was Schönes.«

»Die Hälfte gehört Steve«, sagte Annie, während sie versuchte, die vielen Scheine in ihrer Tasche unterzubringen. »Er hat mir einen Fünfziger zum Geburtstag geschenkt.«

Der Mann verzog das Gesicht. »Manche von uns können sich das nicht leisten.« Er war eindeutig sauer auf Steve.

»Hier.« Annie schob fünfzig Dollar durch das Gitter zurück. »Für die Angestellten.«

Der Mann nahm das Geld und steckte es in einen Schlitz neben seinem Arbeitsplatz. »Danke«, sagte er. »Und viel Spaß noch heute beim Geldausgeben.« Er war zwar sauer auf Steve, aber offensichtlich nicht auf Annie. Er lächelte sie wieder freundlich an.

»Das war das erste und bestimmt auch das letzte Mal, dass ich gewonnen habe«, lachte Annie. »Da werde ich lieber ein bisschen sparen!« Sie nickte ihm zu und steuerte den Ausgang an.

Dort zog sie ein Geldbündel aus der Tasche und überreichte es Steve. »Ich habe gewonnen!«, verkündete sie ihm strahlend. »Das ist deine Hälfte!«

»Wirklich?« Er konnte es wohl auch nicht glauben. »So viel?«

»Ich habe auf die Dreizehn gesetzt«, strahlte Annie weiter. »Mache ich sonst nie.«

»Das war eigentlich nicht ernst gemeint mit der Hälfte«, sagte Steve und wollte ihr das Bündel zurückgeben.

»Weil du dachtest, ich verliere.« Annie nickte. »Aber nun habe ich gewonnen, und es war dein Fünfziger. Also gehört dir die Hälfte. Wie vereinbart.«

Steves Augen strahlten auch. »Dann bekommt meine Frau doch noch ihr Geschenk.«

»Hoffentlich«, sagte Annie und ging schon zur Straße. »Und grüß sie von mir. Wir haben heute wohl beide Geburtstag.«

»Mach ich.« Steve winkte ihr zu, musste aber schon dem nächsten Kunden die Tür aufhalten.

Mit ausgreifenden Schritten brachte Annie schnell eine ganze Strecke hinter sich, bevor sie stehenblieb und überlegte. Wo wollte sie eigentlich hin?

Sie blickte zum Casino zurück. Sollte sie es noch einmal probieren, weil heute anscheinend ihr Glückstag war?

Zögernd drehte sie sich um, ging ein paar Meter, blieb wieder stehen.

Nein, das war Unsinn. So verlockend es auch war. Aber sie würde nur wieder alles verlieren.

Die Entscheidung fiel ihr schwer, denn normalerweise hatte sie nicht so viel Geld, um es zu verlieren. Sie beschränkte sich auf fünf Dollar Einsatz. Und selbst diese fünf Dollar musste sie sich quasi vom Mund absparen.

Aber das Gefühl, das sie erfasst hatte, als der Angestellte die Chips in so viele Scheine umtauschte, war unbeschreiblich gewesen. Es war reine Euphorie. Als ob sie auf Wolken schweben würde.

Und das Geld war ihr eigentlich in den Schoß gefallen. Wenn sie es jetzt wieder verlor, hatte sie in Wirklichkeit überhaupt nichts verloren. Denn normalerweise hätte sie das Geld gar nicht gehabt.

Immer wieder lief sie vor und zurück wie ein aufgescheuchtes Huhn, das nicht wusste, wo die Körner lagen.

Endlich entschied sie sich und ging mit starrem Blick über die Straße.

Sie musste ihre Miete bezahlen.

Das war jetzt das Wichtigste.

2

»Was für’n schickes Kleid, Annie!« Cynthia, Annies Kollegin und Nemesis, begrüßte sie am Morgen eindeutig neidisch im Büro. »War das im Sonderangebot?«

»Nein.« Annie lächelte gespielt freundlich. Eigentlich hatte sie öfter mal das Bedürfnis, Cynthia mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen, aber sie wollte nicht im Gefängnis landen. »Es hat mir einfach nur gefallen.«

»Hattest du nicht gestern noch gesagt, du wüsstest nicht, wie du deine Miete bezahlen sollst?« Cynthia grinste bösartig. »Hat dein Vermieter auf eine andere Art . . . kassiert? Und noch was draufgelegt?«

»Aber Cynthia . . .« Heute war Annie weder nach Streit noch nach Unterwerfung um des lieben Friedens willen zumute. »Ich bin doch nicht du. Ich weiß, dass du schon lange keine Miete mehr bezahlst . . .«

Cynthia musste offenbar für einen Augenblick überlegen, was das bedeutete, dann plusterte sie sich auf wie ein Truthahn kurz vor Thanksgiving. »Attraktive Frauen müssen sich um so was nicht kümmern.« Die Betonung lag sehr auf attraktiv, denn Cynthia hielt sich für ein Geschenk an die Männerwelt. Und fand alle anderen Frauen, einschließlich Annie, maßlos unattraktiv.

»Dann sei doch froh«, sagte Annie so freundlich zu Cynthia wie selten zuvor in ihrem Leben. Sie war immer noch nicht ganz von ihrer Wolke heruntergestiegen. »Da hast du ja noch ein paar Monate Zeit, bevor du Miete zahlen musst.«

Auch darüber musste Cynthia erst einmal nachdenken, bevor sie prustend wie ein Nilpferd abzog. Für eine Weile hatte sie wahrscheinlich genug.

Schmunzelnd setzte Annie sich an ihren Platz hinter der Glasscheibe, von wo aus sie in den Supermarkt hinuntersehen konnte. Von hier oben sahen die Regale fast wie Spielzeugteile aus. Als ob sie ein übergroßes Kind aneinandergereiht hätte.

Sie ließ ihren Blick lächelnd darüberschweifen, ohne wirklich hinzusehen. Ach, war das ein Erlebnis gewesen, in diese Boutique gehen zu können und sich einfach etwas auszusuchen, ohne auf die Preise achten zu müssen! Davon konnte sie jetzt eine ganze Weile zehren. Denn außer diesem Kleid würde sie sich nichts Außergewöhnliches gönnen.

In der Scheibe spiegelte sich eine Figur, die hinter ihr vorbeihuschte.

»Mr. Henderson . . .« Sie drehte sich schnell um.

»Ja, ja, ich weiß.« Er hob beide Hände, als müsste er sich gegen einen Schlag wehren. Möglicherweise erinnerte er sich an seine letzte Begegnung mit Steve. »Sie bekommen Ihren Gehaltsscheck.«

»Wann?«, rief Annie ihm hinterher, aber da war er schon verschwunden.

Sie seufzte. Normalerweise hätte sie das jetzt in Panik versetzt, aber heute . . . Nein. Sie lächelte und lehnte sich zurück. Geld zu haben war wirklich eine großartige Sache.

Der Tag verlief wie viele andere vor ihm, langweilig und unspektakulär. Annie versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, aber immer wieder schweiften ihre Gedanken ab zu dem Ereignis, das gestern kurzfristig ihre Situation verändert hatte.

Sie wusste, dass es nur Glück gewesen war, dass sich solche Ereignisse nicht so einfach wiederholen ließen. Zwar spielte sie gern, aber sie war dem Spiel nicht verfallen wie so viele andere. Deshalb konnte sie frei entscheiden, ob sie spielen wollte oder nicht. Und sie hielt das Spiel nicht für eine Einkommensquelle.

Aber es war ihr erster Gewinn gewesen. Daran erinnerte man sich wohl immer.

Lächelnd schüttelte sie über sich selbst den Kopf. Ja, es war eine schöne Erinnerung, aber nicht mehr. Sie würde wieder ins Casino gehen, so wie schon das ganze letzte Jahr, und regelmäßig ihre fünf Dollar verlieren, ohne dass sich daran etwas änderte.

Andererseits – für fünfzig Dollar hatte sie 1750 Dollar bekommen, hätte sie hundert Dollar gesetzt, wären es 3500 Dollar gewesen. Was für eine Zahl! Und bei zweihundert Dollar hätte sie 7000 Dollar gewonnen . . . Fast eine unvorstellbare Summe für sie.

Normalerweise hatte sie keine zweihundert Dollar geschweige denn dass sie sie ins Casino getragen hätte, aber im Augenblick . . . war das anders. Es war immer noch Geld da, das wie Manna vom Himmel gefallen schien.

Sie war nie verschwenderisch gewesen, als Farmerstochter war sie es wie ihre ganze Familie gewöhnt, nicht viel Geld zu haben. Die Frage, mehr Geld auszugeben, als man hatte, hatte sich nie gestellt. Bescheidenheit und Zurückhaltung im Umgang mit Geld waren ihr von klein auf anerzogen worden. Wenn sie sich als Kind einen Lolli kaufen konnte, hatte sie das schon glücklich gemacht.

Genauso wie dieses Kleid, das sie jetzt trug. Sie stand auf und betrachtete sich selbst in der Glasscheibe. Es war wirklich ein schönes Kleid, und sie hätte nichts dagegen gehabt, noch mehr solche Kleider zu kaufen. Ein oder zwei passten sicher noch in ihren winzigen Kleiderschrank hinein.

Aber das war Unsinn. Sie setzte sich wieder. Hätte sie sich das Kleid nicht kaufen können, wäre sie dann unglücklich gewesen, hätte ihr Leben ohne das keinen Sinn mehr gehabt? Natürlich nicht.

Sie schnaubte durch die Nase. Auf was für Gedanken man kam, wenn man mehr hatte, als man wirklich zum Leben brauchte. Ihre Mutter hätte nur gelacht und all diese Überlegungen unnütz gefunden. Für sie wäre ganz klar gewesen, dass man so viel Geld auf die Bank legte.

Abgesehen davon, dass sie nie in ein Casino gegangen wäre. Zwar hatte Annie nie mit ihr darüber gesprochen, weil es damals dazu noch keinen Anlass gegeben hatte, aber möglicherweise hätte ihre Mutter gemeint, dass ein solches Verhalten dem widerspräche, was sonntags in der Kirche gelehrt wurde.

Schon dass Annie nach Las Vegas gegangen war, hatte ihre Mutter nicht verstanden. Ihr Vater war da weniger voreingenommen, aber auch er prophezeite ihr keine guten Aussichten in dieser Stadt des Lasters. Er hatte sie gebeten, gut auf sich aufzupassen, und ihr versichert, dass zu Hause stets ein Platz für sie war. Sie könne jederzeit zurückkommen.

Wenn sie das hätte tun wollen, wäre sie aber wahrscheinlich gar nicht erst gegangen. Sie hätte wie viele ihrer Schulfreundinnen einen netten Farmersjungen aus der Nachbarschaft heiraten können. Vermutlich hätte sie dann schon drei Kinder gehabt.

Das war aber nie ihr Traum gewesen. Schon öfter hatte sie darüber nachgedacht, ob es ihre Eltern sehr schockiert hätte, dass ihr Interesse an den Jungs aus der Nachbarschaft eher gering war. Dafür fand sie deren Schwestern wesentlich interessanter.

Wie sollte sie erklären, dass die wenigen Male, die sie in der nächstgrößeren Stadt gewesen war, eines Tages in einem Kuss mit einer Frau gegipfelt hatten, die sie gerade einmal ein paar Stunden kannte?

Es hatte sie selbst überrascht, wie selbstverständlich sich das angefühlt hatte. Verglichen mit den Küssen, die einige ihrer männlichen Schulkameraden ihr gegen ihren Willen geraubt hatten. Auf einmal hatte sie gewusst, wo sie hingehörte. Und damit reifte der Entschluss in ihr, in eine Stadt zu ziehen. Denn auf dem Land sah sie keine Zukunft für sich.

Es war nicht gleich Las Vegas gewesen. Zuerst hatte ihr Altoona in ihrem Heimatstaat Pennsylvania gereicht. Verglichen mit dem Dorf, aus dem sie kam, war ihr selbst dieses kleine Städtchen groß erschienen. Groß genug auf jeden Fall, um ein paar Frauen kennenzulernen.

So hatte sie ihre Jungfräulichkeit verloren und nach ein paar weiteren Versuchen festgestellt, dass es ihr zu kalt in Pennsylvania war. Das galt für die Herzen ebenso wie für das Wetter.

Auf dem Discovery Channel hatte sie dann einmal eine Dokumentation über die Wüste in Nevada gesehen, und da sie gerade fror und sich mit dicken Socken und einem überdimensionalen Pullover ins Bett gelegt hatte, erschien ihr die Hitze sehr verführerisch. Die vielen schillernden Lichter in den Bildern von Las Vegas taten ein Übriges – und schon packte sie ihre Sachen und startete in den Süden.

Dass die Wirklichkeit einen dann immer schnell auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte, merkte sie schon bald. Auch in Altoona hatte sie nicht viel verdient, aber das Leben dort war recht billig gewesen. Hier in Las Vegas gab es zuerst einmal massenhaft Leute, die einen Job suchten, das drückte die Gehälter, und dann schienen die Lebenshaltungskosten sich an den Gewinnen der Millionäre zu orientieren.

Dennoch hatte sie sich mit den Umständen arrangiert und konnte sich nicht mehr vorstellen, in den kalten Nordosten zurückzukehren. Ein bisschen mehr Geld wäre schön gewesen, aber zumindest war ihr Job im Einkaufscenter nicht zu anstrengend, und wenn man einmal davon absah, dass Mr. Henderson immer wieder vergaß, die Gehaltsschecks rechtzeitig auszustellen, sogar eine ziemlich sichere Einkommensquelle.

Während sie Rechnungen kontrollierte und Post ablegte, bemerkte sie, wie das euphorische Gefühl, das sie für eine Weile auf Händen getragen hatte, langsam nachließ. Das war schade. Aber was sollte man machen? Schließlich konnte man nicht jeden Tag ins Casino gehen und fast zweitausend Dollar gewinnen.

Je näher der Feierabend rückte, desto mehr sehnte sie sich nach dem Gefühl zurück. Aber sie hatte auch Angst, dass sie das, was sie gewonnen hatte, wieder verlieren könnte. Es war wie eine Zwickmühle.

Nachdem sie noch ein paar Lebensmittel eingekauft hatte, ging sie mit der braunen Papiertüte im Arm nach Hause und packte dort bewusst langsam aus. Sie stellte den Saft in den Kühlschrank, obwohl sie wusste, dass sie ihn gleich wieder herausnehmen würde, um etwas davon zu ihrem abendlichen Sandwich zu trinken. Auch als sie sich ihr Sandwich zubereitete, tat sie das fast wie in Zeitlupe.

Was vielleicht ganz gut war, denn so vermied sie es, etwas von der Gesichtscreme, die sie im Kühlschrank aufbewahrte, damit sie in der Hitze nicht verdarb, statt Peanut Butter auf ihr Sandwich zu schmieren. Erst im letzten Moment stellte sie fest, dass sie das falsche Töpfchen geöffnet hatte.

Irgendetwas zog sie ins Casino, und sie konnte nichts dagegen tun.

3

Sie schlief unruhig, und der nächste Tag im Büro war auch nicht besser.

Warum nicht noch einmal fünf Dollar riskieren? ging es ihr durch den Sinn. Schließlich musste sie sich im Moment das Geld noch nicht einmal vom Mund absparen. Es war einfach da.

So fand sie sich am Abend fast ohne ihr eigenes Zutun vor dem Eingang ihres Stammcasinos wieder. Anscheinend war Steve heute nicht im Dienst, ein anderer Türsteher zog die große Glastür vor ihr auf.

Sie nickte ihm zu, als sie hineinging. Sofort umfing sie die schummrig glitzernde Beleuchtung wieder. Es war wie eine eigene Welt, die nichts mit der da draußen zu tun hatte.

Ihre Tasche an sich gepresst ging sie zu ihrem Stammplatz hinüber. Sie traute den klapprigen Schlössern in ihrer Wohnung nicht, deshalb trug sie das ganze Geld mit sich herum, auch wenn sie heute nur ihre üblichen fünf Dollar setzen wollte.

Eine Weile beobachtete sie das Spiel, ohne sich zu beteiligen. Wieder war die Croupière im Dienst, die sie vor zwei Tagen das erste Mal gesehen hatte. Sie beherrschte die Chips mit schlafwandlerischer Sicherheit, und nach der dritten Runde, in der Annie nicht mitgespielt hatte, blickte sie fragend zu ihr auf.

»Wollen Sie Ihr Glück heute gar nicht versuchen?«

Ihre Stimme klang anders, wenn sie nicht einfach nur die Spielzüge und Gewinne verkündete. Sie hatte einen eher schleppenden, fast singenden Tonfall, wie es für Leute üblich war, die aus dem Süden stammten.

Annie lächelte. »Ich glaube nicht, dass ich noch einmal so viel Glück habe«, antwortete sie. »Und ich kann das Geld gebrauchen.«

»Hübsches Kleid.« Die Croupière lächelte sie ebenfalls an.

»Das Einzige, was ich mir von dem Gewinn gekauft habe.«

»Machen Sie Ihr Spiel!« Mit Schwung brachte die Croupière das Rouletterad zum Drehen und warf die Kugel hinein. Während sie mit einem Auge dessen Verlauf verfolgte, musterte sie mit dem anderen immer noch Annie. »Ungewöhnlich.«

Beinah entschuldigend zuckte Annie die Schultern. »Ich bin sparsam.«

»Nichts geht mehr!« Der Kopf mit den streng zurückgekämmten schwarzen Haaren wandte sich dem Spielfeld zu, während die Kugel sich ihr Ziel suchte. »Dreizehn. Schwarz. Ungerade. Niedrig. Zweites Dutzend.« Ein leichtes Schmunzeln ließ die Mundwinkel der Croupière zucken, als sie erneut einen Blick auf Annie warf. »Wäre das nicht Ihre Zahl gewesen?«

Annie spürte, wie es in ihren Fingerspitzen kribbelte. Zweihundert Dollar wären siebentausend, wenn sie gewann . . .

Sie öffnete ihre Handtasche und schloss sie wieder.

Zweihundert Dollar . . . das war so viel Geld . . .

Aber siebentausend war wesentlich mehr . . .

Das nächste Spiel zog wie hinter einem Schleier vor ihr vorbei. Sie hörte gar nicht, welche Zahl gewonnen hatte.

Langsam öffnete sie die Tasche wieder, und noch langsamer glitt ihre Hand hinein . . .

»Machen Sie Ihr Spiel!«

Schnell zog Annie ein paar Scheine heraus und warf sie auf das grüne Tuch. »Dreizehn«, sagte sie.

Mit einer fließenden Bewegung zog die Croupière das Geld zu sich heran und ersetzte es durch Chips, die sie auf die Dreizehn schob.

»Nichts geht mehr!«

Die Kugel rollte stumm. Annie hörte nichts mehr. In ihren Ohren war nur noch ein alles übertönendes Rauschen.

Endlich sah sie, wie das Rad angehalten wurde.

»Null«, verkündete die ausdruckslose Stimme der Croupière. Alle Einsätze wurden schlagartig eingezogen, und das Tuch war leer. Niemand hatte auf die Null gesetzt, und da die Null weder rot noch schwarz noch gerade oder ungerade war, gab es auch hier keine Auszahlung. Die Bank kassierte ganz allein.

Entgeistert starrte Annie auf das leergeräumte Spielfeld. Erst nach einer Minute konnte sie sich wieder rühren. Da lief das nächste Spiel schon, und die Felder füllten sich erneut mit Einsätzen.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Zweihundert Dollar. Einfach so für nichts. Sie schüttelte den Kopf. Nie wieder.

Ihre Tasche war immer noch aufgeklappt, und sie sah einen einzelnen Fünf-Dollar-Chip darin schimmern. Den musste sie das letzte Mal beim Umtauschen vergessen haben.

Nie wieder würde sie spielen. Also konnte sie diesen Chip auch nicht mehr gebrauchen.

Mit einer verächtlichen Bewegung warf sie ihn hinter sich, als sie sich umdrehte und zum Ausgang begab.

Als sich die Glastür schon vor ihr öffnete, wurde sie auf einmal von einem Sicherheitsmann zurückgehalten, der seine Hand auf ihre Schulter legte. »Sie müssen mitkommen.«

»Wie bitte?« Annie war völlig perplex. Sicherheitsleute waren doch nicht für Verluste am Spieltisch zuständig, höchstens für Diebstähle und so. Auf einmal lief sie rot an. »Das Geld in der Tasche gehört mir. Ich habe es vorgestern hier gewonnen!«, teilte sie ihm wütend mit.

Er grinste. »Und eben haben Sie wieder gewonnen. Sind wohl ein richtiges Glückskind. Ich soll Sie zum Tisch zurückholen, damit Sie Ihren Gewinn nicht vergessen.«

»Gewinn?« Annie runzelte die Stirn. »Aber ich habe verloren.«

»Nee, kann nicht sein.« Er machte eine in das Casino zurückweisende Handbewegung. »Der Chef vom Tisch hat mich zu Ihnen geschickt, weil da noch Chips von Ihnen sind.«

Annies Stirn runzelte sich noch mehr. »Sind Sie sicher?«

»Mehr weiß ich nicht.« Er zuckte die Schultern. »Ich soll Sie nur holen.«

Zögernd folgte Annie ihm zum Tisch zurück.

»175 für fünf«, begrüßte die Croupière sie lächelnd. »180 insgesamt.« Sie schob ihr ein kleines Häufchen Spielchips hin.

»Ich habe doch gar nicht gesetzt«, wunderte Annie sich.

»Ich habe genau gesehen, dass der Chip von Ihnen geflogen kam.« Die Croupière nickte. »Er landete auf der Sechsundzwanzig. Und die Sechsundzwanzig ist gekommen.«

Es dauerte zwar ein paar Sekunden, aber dann schüttelte Annie verdattert den Kopf. »Der Fünf-Dollar-Chip?«, fragte sie. »Der ist auf den Tisch geflogen?«

»Es kommt öfter vor, dass Spieler Chips von weiter hinten werfen«, erklärte die Croupière, die Annies verdutztes Gesicht anscheinend sehr amüsant fand. »Das sind wir schon gewöhnt.«

»Ja . . . dann . . . D-danke . . .« Annie stotterte sonst nicht, aber das hier überforderte sie.

»Nichts zu danken.« Die Croupière ließ die Kugel erneut rollen. »Die Kugel hat das entschieden, nicht ich.«

Annie nahm die Chips so vorsichtig in die Hand, als ob sie sich daran verbrennen könnte. Zweihundert Dollar verloren, 175 gewonnen, das machte inklusive des Einsatzes von fünf Dollar, den sie zurückbekommen hatte, summa summarum nur einen Verlust von zwanzig Dollar. Entsprach vier Tagen, an denen sie einen Fünf-Dollar-Chip gesetzt und verloren hatte. Gar nicht so schlimm.

Ein ungläubiges Lächeln überzog ihr Gesicht. Zweimal hintereinander gewonnen. Das konnte doch gar nicht sein. Bisher hatte sie immer nur verloren.

Aber die Chips in ihrer Hand und die Scheine in ihrer Tasche sprachen eine andere Sprache.

Übermütig warf sie den Fünf-Dollar-Chip noch einmal über ihre Schulter, als das nächste »Machen Sie Ihr Spiel!« ertönte. Vielleicht war das der Trick.

Aber er war es nicht. Der Chip war noch nicht einmal in der Nähe der Gewinnzahl gelandet.

»Glück. Einfach nur Glück«, murmelte Annie zu sich selbst. »Zweimal hintereinander, aber nicht für immer.«

Sie klappte ihre Tasche entschlossen zu.

Genug für heute.

4

In den nächsten Tagen riss sie sich am Riemen. Auch wenn es sie ins Casino zog, ging sie nicht hin. Sie brachte das Geld, das sie nicht brauchte, auf die Bank, und die nächste Wochenmiete bezahlte sie von ihrem Gehaltsscheck, den Mr. Henderson endlich geschafft hatte auszustellen. Es war alles wie immer.

Oder auch nicht . . . Sie träumte vom Casino. Das war ihr bis jetzt noch nie passiert. Normalerweise war ins Casino zu gehen für sie so etwas wie für andere Leute sich vor den Fernseher setzen. Erholung. Entspannung. Den Alltag hinter sich lassen.

Aber auf einmal war es das nicht mehr. Es war wie eine Sucht. Bisher hatte sie die armen Getriebenen immer bedauert, die von einem Tisch zum anderen hetzten, ihren schweißnassen Eifer nicht verstanden. Gehörte sie nun auch dazu? Hatte der Virus sie erfasst?

Wenn sie darüber nachdachte, konnte sie es nicht genau feststellen. War es das Geld, was sie lockte? Der Glamour? Die angespannte Atmosphäre, solange die Kugel rollte? Viele hielten dann geradezu den Atem an. Eine erwartungsvolle Stille schwebte über dem Tisch.

Wahrscheinlich war es das. Der Nervenkitzel. Das Leben war so langweilig, dass man ein wenig Abwechslung brauchte, etwas, bei dem es etwas zu gewinnen oder zu verlieren gab. Und wenn es nur fünf Dollar waren.

Doch während sie sich unter ihre Bettdecke kuschelte, stellte sie fest, dass Geld noch nie eine solche Anziehungskraft auf sie ausgeübt hatte. Es konnte sie nicht wärmen, wenn sie fror, oder sie umarmen, wenn sie sich einsam fühlte.

Fühlte sie sich einsam? Seit sie nicht mehr bei ihrer Familie lebte, hatte sie sich nicht wirklich Gedanken darüber gemacht. Zu Hause war immer jemand dagewesen, und als sie weggezogen war, hatte sie es zuerst einmal genossen, ihre Privatsphäre zu haben. Aber wie viel Privatsphäre brauchte sie?

War es vielleicht das? Waren die Besuche im Casino für sie zu so einer Art Ersatzfamilie geworden? In Las Vegas war es nicht einfach, Freunde zu finden. Die Stadt war ein Hexenkessel in der Wüste. Die meisten Leute kamen wohl nicht hierher, um Freundschaften zu schließen. Anders als in anderen Städten war das Vergnügungsviertel hier nicht etwas, das es in der Stadt auch noch gab – es war die Stadt.

Das hatte Las Vegas von Anfang an geprägt, denn dafür war es aus dem Boden gestampft worden. Es war nicht natürlich gewachsen. Und das merkte man an allen Ecken und Enden.

Langsam wurde ihr bewusst, dass sie etwas vermisste. Zwar hatte sie nie zu den Menschen gehört, die ständig Party machen mussten, da sie auf dem Land aufgewachsen war, wo so etwas zu den eher seltenen Höhepunkten gehörte. Dennoch war sie nie allein gewesen. Das hatte erst angefangen, nachdem sie in die Stadt gezogen war.

Städte waren anonym. Anders als auf dem Land kannte man sich nicht von frühester Jugend an, wusste nicht, wann wer die Masern oder Mumps gehabt hatte, wer zu welcher Familie gehörte, was für einen Ruf die Familie oder die einzelnen Mitglieder hatten. Solche Informationen musste man sich erst mühsam zusammensuchen. Oder man erhielt sie nie.

Was Vor- und Nachteile hatte. Einerseits ging man so wesentlich weniger voreingenommen an die Menschen heran, andererseits fühlte man sich ihnen weniger verbunden. Ein soziales Netz war nicht ganz von selbst vorhanden, man musste es sich erst mühsam aufbauen.

Wie sie bereits in Altoona festgestellt hatte, war das nicht so einfach. Sie war es gewöhnt, mit einem offenen Herzen auf die Menschen zuzugehen, ohne ihnen Böses zuzutrauen. Das verleitete viele jedoch dazu, sie auszunutzen. Ihre Naivität und ihr freundlicher Charakter hatten sie nicht nur Geld, sondern auch viel Herzblut gekostet.

Mit der Zeit war sie vorsichtiger geworden, und ihr Umzug nach Las Vegas hätte ein neuer Anfang sein sollen, nachdem sie sich die ersten Hörner abgestoßen hatte. Doch eine Stadt wie Vegas ruinierte die Menschen eher, als dass sie ihnen eine Chance gab.

Das hätte sie sich vielleicht denken können, aber sie hatte es sich nicht gedacht. Das hatte sie erst hier gelernt.

Sie wusste nicht, was sie sich vorgestellt hatte. Spontane Entschlüsse wie derjenige, nach Las Vegas zu ziehen, hatten es so an sich, dass man nicht darüber nachdachte. Man tat es einfach.

Vielleicht war es an der Zeit, noch einmal einen Entschluss zu fassen, in eine Gegend zu ziehen, in der sich Menschen aufhielten, die ähnliche Ziele hatten wie sie selbst, ähnliche Lebensvorstellungen. Frauen, die sich ein Leben zu zweit vorstellen konnten.

Denn darum ging es wohl in erster Linie. Hier in Vegas herrschte kein Mangel an Frauen, auch kein Mangel an Lesben. Nur kannten die wenigsten das Wort Beziehung. Zumindest, wenn damit eine Zeitspanne gemeint war, die über ein paar Nächte hinausging.

Warum kam ihr bei diesem Gedanken die dunkelhaarige Croupière in den Sinn? Was hatte sie, das vermuten ließ, sie wäre an einer längerfristigen Beziehung interessiert?

Nichts. Gar nichts. Annie schüttelte über sich selbst den Kopf. Wie kam sie nur auf diese Idee?

Sicherlich, die langen, schlanken Finger mit dem farblosen Nagellack, die die Chips in atemberaubender Geschwindigkeit sortierten und verteilten, konnten schon Assoziationen erwecken, was diese Finger noch so imstande waren zu tun . . .

Ein leises Kribbeln durchzog Annies Körper. War schon eine Weile her. Sie hatte sich nicht so schnell wieder auf irgendeine Frau einlassen wollen. Aber ehrlich gesagt hatte diese Croupière auch etwas, das sie bisher an keiner Frau festgestellt hatte. Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber es war definitiv etwas Besonderes.

Um zu gewinnen, musste sie vielleicht nicht noch einmal ins Casino gehen – sie rechnete ohnehin nicht damit –, aber nur um dieser Frau zuzusehen, konnte es sich eventuell lohnen.

Sie schlief lächelnd ein.

Vielleicht war das ja ein Grund für süße Träume.

5

Obwohl sie es in den letzten Tagen ein wenig geschont hatte, zog sie am nächsten Abend ihr neues Kleid an. Es war das beste, das sie hatte, warum sollte sie es nicht ausführen?

Als sie ins Casino kam, fühlte sie sich äußerst gut gelaunt. Sie hatte keine Chips in der Tasche und auch nur wenig Geld. Darum ging es ihr heute nicht.

Schnell schaute sie sich nach der Croupière um. Sie musste ja nicht immer für den Tisch eingeteilt sein, den Annie als ihren angestammten Platz betrachtete. Wenn sie woanders arbeitete, konnte Annie sie auch dort beobachten. Da sie beschlossen hatte, nicht zu spielen, war das völlig egal.

Doch so sehr sie sich auch bemühte, der Kopf mit den streng zurückgekämmten schwarzen Haaren war nirgends zu entdecken. Sie hatte heute wohl überhaupt keinen Dienst.

Enttäuscht setzte Annie sich an die Bar. Sie war erstaunt darüber,