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Mackenzie führt ein unaufgeregtes Leben in einer langweiligen kanadischen Kleinstadt, in die eines Tages Sydney in Lederjacke auf einem Motorrad hereingerauscht kommt. Trampliger Muskelprotz, denkt Mackenzie. Hohler Rauschgoldengel, denkt Sydney. Als Teile ihres Motorrads gestohlen werden, muss Sydney unfreiwillig länger bleiben – und prompt stürzt ihr Versuch, die gestohlenen Teile wiederzubeschaffen, Mackenzie und sie kopfüber ins Abenteuer. Zerrupft finden sich beide mitten in der Nacht allein mitten im Wald wieder. Sie wehren sich gegen ihre Zuneigung füreinander, und Sydney verschwindet, ohne sich von Mackenzie zu verabschieden. Aber das Schicksal soll sie ein zweites Mal zusammenführen – und diesmal können sie ihre Gefühle nicht mehr leugnen. Doch reicht das?
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2023
Roman
© 2023édition el!es
www.elles.de [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-374-6
Coverfoto:
Meine Güte. Was für ein Tag!
Mackenzie strich sich über die blonden Locken, die sich nicht ganz so legen wollten, wie sie und ihr Arbeitgeber sich das vorstellten. Sie waren genauso widerspenstig, wie Mac sich manchmal fühlte.
Leider konnte sie das nicht immer so zum Ausdruck bringen, wie sie sich das wünschte. Seit ihrer frühesten Kindheit kämpfte sie darum, ein ›gutes Mädchen‹ zu sein. Sie wollte es wirklich. Aber sie konnte nicht. Immer war sie anders als die anderen, hatte andere Ideen, andere Vorstellungen.
In der Bank, in der sie jetzt arbeitete, war das besonders schlimm. Denn die hatten ganz feste Vorstellungen davon, was richtig und was falsch war, was man tun durfte und was nicht. Wenn man da mit Logik kam oder dem, was vielleicht sinnvoll gewesen wäre, was die Arbeitsabläufe verbessert hätte oder die Qualität der Kundenbetreuung, biss man auf Granit.
Eins der Probleme dabei war, dass sie wie ein Rauschgoldengel aussah. Sie hasste es, aber irgendwann als Kind hatte ihre Mutter ihr verboten, ihre Haare abzuschneiden, und dann hatte sie festgestellt, dass es durchaus Vorteile hatte, so auszusehen. Man wurde oftmals bevorzugt behandelt, Männer unterschätzten sie, wodurch sie weniger kämpfen musste, um gewisse Dinge zu erreichen.
Aber es hatte auch gewaltige Nachteile. Man wurde nicht ernstgenommen, wurde für dumm gehalten. Blondinenwitze hatte sie schon mehr als genug in ihrem Leben gehört.
Ihrem Aussehen hatte sie den Job hier zu verdanken. Weil der Bankdirektor ein Idiot war. Er wollte eine gutaussehende Kassiererin an der Front, die die Kunden davon überzeugte, vielleicht nicht nur Geld abzuheben, sondern auch noch etwas anzulegen.
Das konnte Mackenzie durchaus gut, und dann bekam sie eine kleine Provision, aber es machte ihr keinen Spaß. Es gab nicht viel, was an einem Job wie diesem hier Spaß machte. Er war eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, um seine Rechnungen zu bezahlen, mehr nicht.
Sie ließ ihren Blick durch die Schalterhalle der kleinen Bankfiliale in Langley schweifen. Langley, British Columbia, Kanada. Nach Vancouver waren es nur gut vierzig Minuten über den Highway. Aber dennoch kam man sich hier so vor wie am Ende der Welt, wie auf dem letzten Dorf. Die Grenze zu den USA lag vor der Tür, aber auch auf der anderen Seite war die Gegend hier fast nur Wildnis.
Warum musste sie ausgerechnet an so einem gottverlassenen Ort geboren sein? Wenn es wenigstens Vancouver gewesen wäre. Aber nein. Langley. Der letzte Ort, an dem sie sein wollte.
In Vancouver waren einige ihrer Klassenkameraden von der High School aufs College gegangen. Hätte sie das auch tun können, dann wäre sie aus diesem Konservendosennest weggekommen. Aber leider hatte sie keine Familie, die ihr das hätte bezahlen können.
Sie war bei einem Onkel und einer Tante aufgewachsen, die selbst nicht viel hatten. Liebe Menschen, die ihr gern ihren letzten Cent gegeben hätten. Nur leider hatten sie sogar den nicht. Sie hatten eine kleine Hütte auf einem kleinen Stück Land. Unsere kleine Farm . . .
Wie sie das hasste! Wie sie das alles hasste! Manchmal hätte sie sich gewünscht, dass hier eine Bombe einschlagen würde. Oder wenigstens ein Tornado alle Häuser wegfegen. Damit sie endlich weggehen konnte. Weggehen musste.
Aber wie viele Naturkatastrophen es auch gab, wenn man sie brauchte, passierten sie einfach nicht.
Dafür passierte Mrs. Minor. Eine Kundin, die immer etwas zu meckern hatte. Sie kam durch die Tür der Schalterhalle herein, und Mackenzie wappnete sich für das, was sie heute wieder an irgendetwas auszusetzen haben würde. Hörte das denn nie auf?
»Was kann ich für Sie tun, Mrs. Minor?« Wie immer setzte sie ein gekünsteltes Lächeln auf, als die ältere Frau an ihren Schalter trat.
Dummerweise war sie die Frau des Bürgermeisters, und Mackenzie musste gute Miene zum bösen Spiel machen, oder sie bekam den größten Ärger. Einmal hatte sie versucht, Mrs. Minor in ihre Schranken zu weisen, und das wollte sie nicht wiederholen. Sie hätte deshalb fast ihren Job verloren.
Und was sollte sie dann machen? Auf die Farm ihres Onkels und ihrer Tante zurück? Oder in die Fischkonservenfabrik? Nein, danke. Dann tat sie lieber so, als würde sie diese Kundin gern bedienen.
»Guten Morgen, Miss Thorpe.« Auch wenn es mittlerweile üblich war, unverheiratete Frauen mit dem neutralen Ms. anzusprechen, ebenso wie verheiratete Frauen, Mrs. Minor bestand darauf, Mrs. genannt zu werden, und nannte unverheiratete Frauen unbeirrt Miss. Ob sie wollten oder nicht. »Sie haben den Fehler sicher schon entdeckt, oder?«
Mackenzie hatte nicht die geringste Ahnung, wovon sie sprach, und sah sie nur mit leicht fragend hochgezogenen Augenbrauen an. »Fehler?«
»Den Fehler in meiner Abrechnung!«, donnerte Mrs. Minor.
Das konnte vieles heißen. Wenn Mac jetzt aber noch einmal Abrechnung? fragte, würde Mrs. Minor ihr an den Hals gehen. Sie erwartete von allen anderen, dass sie Gedanken lesen konnten, sofern es sie betraf. Nicht dass sie sich selbst je die Mühe gemacht hätte, das bei jemand anderem zu tun.
Doch erfahrungsgemäß konnte sie sich nicht lange zurückhalten weiterzusprechen und ihr Missfallen kundzutun. So auch diesmal. »Die Zinsen!«, polterte sie. »Für mein Geld!«
Ach so. Jetzt wusste Mac Bescheid. Mrs. Minor hatte noch nicht mitbekommen, wie die Zinslage war. Sie erwartete dieselben Zinsen bei der Neuanlage ihres Kapitals wie vor ein paar Jahren, als sie das Geld das erste Mal angelegt hatte.
Mackenzie räusperte sich. Wie sollte sie ihr das jetzt verklickern? Egal, was sie sagte, Mrs. Minor würde einen Wutanfall bekommen. »Die Zinsen sind . . . gefallen«, versuchte sie es vorsichtig. »Und Sie haben einen variablen Zinssatz.«
»Tun Sie nicht so, als wären Sie klüger als ich!«, fauchte Mrs. Minor. »Reden Sie kein Ausländisch!«
Hm. Variabler Zinssatz verstand sie also nicht. Sie hielt das für eine Fremdsprache. Aber es war genau das, was sie unterschrieben hatte.
Nicht bei Mackenzie. Da war sie noch gar nicht hiergewesen. Zu dem Zeitpunkt war sie noch auf der High School.
»Vielleicht sollten Sie lieber mit Mr. Clarke sprechen«, bot Mackenzie an. Das war der Bankdirektor, der ein Idiot war. »Er versteht weit mehr von der Sache als ich.«
»Das können Sie wohl laut sagen!« Mrs. Minors dunkle Augen blitzten sie an. »Und? Nun holen Sie ihn schon!«
Das tat Mackenzie in diesem Fall ausgesprochen gern. Sie entfernte sich vom Schalter und atmete aus.
Aber so, wie es jetzt war, konnte es nicht bleiben. Jeden Tag gab es mehr Dinge an diesem Leben, die sie hasste, nicht weniger.
Mrs. Minor war vielleicht besonders unverschämt, aber sie war auch keine große Ausnahme. Viele Leute hielten Mackenzie für einen Fußabtreter. Weil sie aus einer armen Familie stammte und kein College besucht hatte.
Wahrscheinlich hielten sie es schon für anmaßend, dass sie in der Bank angestellt war. Das war ein viel zu guter Job für sie, dachten viele. Sie sollte heiraten und Kinder bekommen und die jungen Männer des Ortes nicht mehr aufregen, die alle sofort eine enge Hose bekamen, wenn sie sie sahen.
Aber was ging das sie an? Sie interessierte sich nicht für diese Jünglinge. Und auch nicht für die Älteren, die schon verheiratet waren und trotzdem nicht davon lassen konnten, sie anzustarren. Als ob sie ihr etwas zu bieten gehabt hätten. Aber sie hielten sich alle für ein Geschenk Gottes an die Frauenwelt.
Nicht für mich, dachte Mackenzie und presste die Lippen zusammen, als sie jetzt an die Bürotür des Bankdirektors klopfte. Nicht für mich.
Nein. Sie hatte etwas Besseres verdient, als die Bälger für irgend so einen debilen Schwachsinnigen zu bekommen.
»Hey! Ich liebe Frauen in schwarzem Leder!«
Sydney stellte das schwere Motorrad auf den Seitenständer und stieg ab. Sie brauchte Benzin, keine blöden Sprüche. Und die interessierten sie auch nicht. Zielgerichtet steckte sie einen Dollarschein in den Schlitz und betankte ihre Maschine.
Währenddessen kam der Junge näher, der sie angemacht hatte. »Ist das ’ne Harley?«
Während er das fragte, wanderte der Blick seiner wasserblauen Augen abwechselnd über die Maschine und über Sydney. Man konnte nicht genau sagen, was ihn mehr interessierte. Auf jeden Fall stand in seinen Augen die pure Gier.
»Nein, ein Bügeleisen«, antwortete sie gelangweilt, schraubte den Tank wieder zu und hängte die Zapfpistole zurück an die Säule.
»Hey!« Ein klackendes Geräusch sagte ihr ganz genau, was Sache war, ohne dass sie es sah. »Du hast doch bestimmt noch ’n paar Dollar dabei, oder? Sonst kannst du auch mit Karte zahlen.« Er lachte dreckig.
»Was willst du, Junge?« Sydney zog die Motorradhandschuhe, die sie zum Tanken ausgezogen hatte, wieder an. »Ich wollte nur Benzin. Und das habe ich.« Sie ging um ihre Maschine herum auf die andere Seite. »Deshalb fahre ich jetzt weiter.«
»Erst die Kohle!« Er wedelte ihr mit einem Messer unter der Nase herum. Es war das Klappmesser, das sie hatte aufschnappen hören. »Alles, was du hast! Oder ich schlitz dich auf! Und deine Maschine krieg ich noch dazu!«
»Tut mir leid.« Sydney hob langsam die Hände, als wollte sie sich entschuldigen. »Ich hab’ nichts. Und das«, sie schwang ansatzlos ein Bein in die Höhe, und sein Messer flog durch die Luft, »ist kein Messer. Das ist ein Zahnstocher.«
Entgeistert starrte er sie an. Erst dann schien er den Schmerz von dem Schlag zu spüren und stöhnte auf. »Du verdammte Schlampe!«, brüllte er kreischend wie eine Kreissäge und wollte auf sie zustürzen.
»Mensch, Junge . . .« Sydney hielt ihn gar nicht erst auf, sondern ließ ihn ins Leere laufen. An sich vorbei. »Kapierst du’s immer noch nicht?« Sie schwang sich auf ihre Maschine, während er schon fast am Rand der Tankstelle, bis zu dem er gelaufen war, versuchte, sich aufzurappeln. »Such dir ’ne andre Karriere.«
Und damit startete sie und zeigte ihm den Auspuff.
Immer wenn Sydney in eine neue Stadt kam, war sie vorsichtig. Man konnte nie wissen, was einen erwartete. Zwar sahen diese Käffer alle irgendwie gleich aus, aber jedes Einzelne hatte so seine Besonderheiten.
Manchmal war es der Sheriff, der keine Motorräder mochte – und schon gar keine Frauen auf Motorrädern –, manchmal waren es irgendwelche Jugendlichen, die sie belästigten wie dieser Junge an der Tankstelle. Manchmal waren es die Frauen, die eine Frau wie Sydney nicht mochten und den ganzen Stadtrat mobil machten, um sie wieder loszuwerden.
Doch bis auf den Jungen, den sie schon in ihrem Staub hatte husten lassen, würde hier nichts passieren, beschloss sie. Dieses Kaff war nur eine Durchgangsstation nach Vancouver. Ein Ort, der zufällig an der Straße lag und in dem sie jetzt gern etwas gegessen hätte. Wenn es hier etwas Genießbares gab.
Sie ließ ihre Maschine langsam und leise die Hauptstraße entlangrollen. Sie wollte kein Aufsehen erregen. Nicht über das hinaus, das sie ohnehin erregte und das sie nicht vermeiden konnte.
Endlich sah sie ein Diner-Schild am Straßenrand.
Leider war an der Tankstelle kein Diner gewesen, sonst hätte sie da gegessen. Das wäre unauffälliger gewesen. Aber es war eine Selbstbedienungstankstelle ohne persönlichen Service. Es gab nicht einmal einen Sandwich-Automaten, aus dem sie etwas hätte ziehen können.
Also hielt sie an und positionierte ihre Maschine auf einem markierten Parkplatz direkt vor dem Eingang. Viel war hier nicht los. Nur wenige Parkplätze an der Hauptstraße waren besetzt. Und das zur Mittagszeit. Gingen die hier alle nach Hause zu Mama zum Essen?
Das interessierte Sydney jedoch nicht wirklich. Sie wollte nur ihren knurrenden Magen beruhigen. So lange, wie sie gefahren war, war das langsam nötig. Und bevor sie nach Vancouver kam, wollte sie das erledigt haben. Dort musste sie sich erst einmal zurechtfinden, während das hier alles sehr . . . übersichtlich war.
Nachdem sie abgestiegen war und während sie noch dastand und ihre Motorradhandschuhe auszog, sah sie sich um. Ja, wirklich. Sehr übersichtlich. Sie fragte sich, wie man in so einem Nest leben konnte, ohne verrückt zu werden.
Aber vielleicht wurden hier auch alle verrückt. Nur war das normal und keiner merkte es. Die Verrückten hielten sich für normal, und die Normalen hielten sie für verrückt. Aber so war ja eigentlich die ganze Welt. Nichts Neues.
Sie hängte ihren Motorradhelm an den Lenker, weil sie nicht erwartete, dass ihn hier jemand stehlen würde, und ging in das Diner hinein.
»Das gibt es doch nicht!« Ungefähr eine Stunde später kam sie wieder aus dem Diner heraus, das wie üblich nicht viel mehr als Hamburger und Pommes zu bieten gehabt hatte, aber sie hatte keinen sehr anspruchsvollen Geschmack.
Jetzt starrte sie jedoch mit zusammengepressten Kiefern auf ihr Motorrad. Den Helm hatten sie nicht gestohlen, das musste man ihnen lassen. Aber sie hatten Teile vom Motor gestohlen. Und den Anlasser. So bekam sie das Ding nicht mehr in Gang.
Unglaublich. Damit hatte sie jetzt nicht gerechnet. Da musste sie wohl schieben.
Eigentlich hätte sie das Ganze auch dem Sheriff melden müssen. Oder wie auch immer das hier in Kanada hieß. Inspector, Constable? Sie hatten hier das britische System. Damit kannte sie sich nicht aus.
Aber mit den Behörden wollte sie nichts zu tun haben. Sie musste eine Werkstatt finden, die ihr Ersatzteile besorgte. So schnell wie möglich.
Während sie die schwere Maschine über die Straße schob, kam eine junge Frau aus einer Bank heraus. Jedenfalls nahm Sydney an, es war eine Bank, weil groß und breit Langley Bank über dem Eingang stand. Das Gebäude war eines derjenigen am Straßenrand, die so aussahen, als wären sie aus einem Film übriggeblieben. Jedenfalls nicht neu gebaut.
Normalerweise hätte Sydney gar nicht so genau hingesehen, weil sie auf ihre Maschine konzentriert war, aber der helle Ton der Haare und wie sie herumflogen, ließ sie einen Blick aus dem Augenwinkel werfen, der dann an der Frau hängenblieb.
Sie fand Blondinen, die so aussahen, gleich beim ersten Anblick nervig. Denen konnte man schon von Weitem ansehen, was sie von sich selbst und anderen hielten.
Und diese Frau bestätigte das sofort, indem sie abschätzig die Mundwinkel verzog. Offenbar hielt sie nichts von Motorrädern. Oder von Frauen, die ihre Motorräder schoben.
Ihre Augen blitzten schadenfroh. Als wollten sie sagen: Das hast du verdient.
Was eine Unverschämtheit war, da sie Sydney gar nicht kannte und nicht wissen konnte, was sie verdient hatte oder nicht.
Aber im Grunde war das Sydney völlig egal. Solche Frauen waren ihr völlig egal.
Die sollte doch bleiben, wo der Pfeffer wächst, die dumme Pute.
Mit einem tiefen Einatmen, um Kraft zu sammeln, wandte sie die Augen wieder zur Straße und schob ihr Motorrad weiter.
Mackenzies Mittagspause verlief immer gleich. So wie ihr ganzes Leben immer gleich verlief. Wenn sie nicht nach Vancouver fuhr, um mal eine Nacht etwas anderes zu sehen. Etwas anderes zu tun.
Das konnte sie meistens nur am Wochenende. Was eine lange Woche bedeutete, in der nichts passierte. Nichts Besonderes. Nichts Abwechslungsreiches. Nichts, was irgendwie Spaß machte. Bis endlich Freitag war.
Wie oft hatte sie danach gern in Vancouver bleiben wollen. Sie hatte sogar schon mal versucht, in Vancouver Arbeit zu finden. Aber so einen Job wie in Langley würde ihr dort niemand geben. Und als Kellnerin wollte sie nicht arbeiten.
Das wäre mehr Arbeit und weniger Geld gewesen. Weit weniger Geld. Dabei kam sie schon jetzt kaum damit aus. Ihr Gehalt war eher bescheiden. Aber sicher. Und sie war nicht auf Trinkgelder angewiesen, um überhaupt auf den Grundlohn zu kommen.
Nach der Mittagspause schickte Clarke sie auf einen Botengang. Eigentlich war das nicht ihre Aufgabe als Kassiererin – es sei denn, es hätte sich um Geld gehandelt –, aber Clarke sah das nicht so eng. Er hielt sie für eine dumme Blondine, die man für alles einsetzen konnte. Botengänge, Kaffeekochen . . .
Eine weitere Sache, die sie hasste. Unter anderem deshalb, weil sie noch nicht einmal Kaffee trank. Abgesehen davon, dass Männer, die meinten, Frauen müssten für sie Kaffee kochen, die allergrößten Idioten waren, und für so jemanden zu arbeiten war eigentlich eine Schande, wenn man sich nicht selbst als einen Idioten betrachtete.
Andererseits kam sie gern aus der Bank heraus, und jeder Botengang war ihr recht, um an die frische Luft zu kommen. Also sah sie das Ganze pragmatisch und genoss die bezahlte Freizeit.
Denn sie konnte den Botengang länger hinauszögern, als er gedauert hätte, hätte sie ihn einfach nur erledigt. Meistens war es nichts Dringendes, und Clarke wusste kaum noch, dass er sie überhaupt weggeschickt hatte, geschweige denn wann, wenn sie zurückkam.
Sie kannte den Blick auf die Straße genau, wenn sie aus der Tür trat. Manchmal fuhr ein Auto vorbei, aber das blendete sie meistens aus. Sie kannte die Häuser auf der anderen Seite, die Farben, die Höhe, die Abstände. Alles war immer exakt gleich. Bis auf die Unterschiede, die durch das Wetter entstanden, Sonnenschein oder Regen, Winter oder Sommer.
Aber ein schweres Motorrad, das von einer Frau in schwarzer Lederkluft langsam die Straße entlanggeschoben wurde, das gehörte nicht zu dem Bild, zu keiner Jahreszeit und bei keinem Wetter.
Sie stutzte und betrachtete das Bild kurz überrascht. Dann musste sie grinsen. Die Frau sah angestrengt aus. Und unzufrieden. Aber was vergaß sie auch zu tanken? Bei so einer schweren Maschine?
Sie wirkte ziemlich groß. Und athletisch. Ihre Schultern sprengten fast die Nähte der Motorradmontur. Das war dann wohl ein Fall von viele Muskeln, kein Verstand.
Mackenzie hätte fast den Kopf geschüttelt. Solche Frauen waren genauso blöd wie Männer. Vermutlich würde die auch von ihr erwarten, dass sie ihr Kaffee kochte und Botengänge für sie erledigte. Während sie sich auf die Couch fläzte und die Füße hochlegte.
Gut, dass sie jetzt wenigstens die Maschine schieben musste.
Das hatte sie verdient.
Wie immer versuchte Mackenzie, den Botengang so lange auszudehnen, wie sie konnte. Sie wollte erst kurz vor Ende der Banköffnungszeit zurück sein. Dann konnte sie direkt in den Feierabend gehen.
Clarke würde sowieso nichts merken. Sie konnte ihm sagen, sie wäre erst vor einer Viertelstunde gegangen, und er würde es ihr glauben. Manchmal dachte sie, er litte an Alzheimer. Aber das war es nicht. Er war einfach nur eingebildet und unaufmerksam. Was wirklich wichtig war, bekam er nie mit.
Sie war in ihrer unverhofften verlängerten Mittagspause weit herumgelaufen, weil das Wetter so schön war wie selten. Wenn man auf einer Farm aufgewachsen war, konnte man das noch so sehr versuchen abzustreifen, man war viel Bewegung an frischer Luft gewöhnt.
Das Arbeiten hinter einem Schreibtisch oder an einem Bankschalter konnte einen nicht dafür entschädigen. Selbst wenn man noch so viel Geld zählte. Es gehörte einem ja sowieso nicht. Deshalb war es völlig bedeutungslos.
Auf der Farm hatte sie gelernt, mit Geld umzugehen. Weil nie welches da war und man jeden Cent umdrehen musste. Deshalb störte sie ihr kleines Gehalt auch nicht so sehr, wie es vielleicht andere gestört hätte. Sie kam damit aus, weil sie vieles konnte, was man ihr bei ihrem Aussehen gar nicht zutraute, wie zum Beispiel Nähen.
Zwar hätte sie gern in Vancouver gelebt, aber es war nicht ein Leben in Luxus, das sie sich erträumte. Es war ein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit. Sie war keine verwöhnte Stadttussi, sie war ein Mädchen vom Lande. Auch wenn sie in den Augen mancher Leute so aussah, als wäre sie einem Film entsprungen.
Das hieß aber nicht, dass jeder mit ihr machen konnte, was er wollte.
Während sie an den Freitag dachte, an dem sie wieder nach Vancouver fahren würde, drehte sie um und wollte zur Bank zurückgehen.
Das heißt, sie wollte umdrehen, aber die Toreinfahrt, vor der sie das tat, spuckte plötzlich ein Hindernis aus. Sie hatte es nicht kommen sehen und wurde fast davon umgeworfen.
»Verdammt noch mal, können Sie nicht aufpassen?«, wurde sie unfreundlich angeblafft.
Für einen kurzen Moment wusste sie nicht, was sie sagen sollte, aber dann erkannte sie die Lederkluft. »Ich?«, erwiderte sie in einem Akzent, der die andere umhauen musste.
Sie übte das manchmal vor dem Fernseher. Mit Serien, in denen die Schauspieler aus England stammten. Viele Leute in Kanada hatten einen britisch angehauchten Akzent, aber keiner war so gut wie der, den sie beherrschte, wenn sie wollte.
»Sie sind doch in mich hineingelaufen.«
»Und Sie haben wohl Tomaten auf den Augen!«, kam es unwirsch zurück. Das war definitiv kein britischer Akzent. Die Frau kam aus den Staaten. Aber das hatte Mac schon am ersten Satz gehört, den sie von sich gegeben hatte. »Oder zu viel Make-up. Ist wohl verlaufen und hat Ihnen die Sicht genommen.«
Mackenzie fand diese Frau einfach unglaublich. Unglaublich unverschämt. Sie war eindeutig die Schuldige, weil sie nicht aufgepasst hatte, aber sie wollte die Schuld Mackenzie in die Schuhe schieben. Wie sie es sich gedacht hatte: viele Muskeln, kein Verstand.
Mackenzie verschränkte die Arme vor der Brust. »Vielleicht haben Sie ja Motoröl in die Augen bekommen. Als Sie Ihr Motorrad schieben mussten.« Sie beugte sich leicht vor. »Oder es war eine zu große Anstrengung für Sie. Trotz Ihrer Muskeln. Deshalb haben Sie mich nicht gesehen.« Mit gespitzten Lippen legte sie leicht den Kopf schief. »Sie hätten sich vielleicht ein bisschen ausruhen sollen, um erst einmal wieder zu Kräften zu kommen.« Wenn sie eins wusste, dann dass Muskelprotze es hassten, wenn man ihnen Schwäche unterstellte.
Die andere sah überrascht aus. Dann grinste sie. Dreist. Selbstgefällig. »Ich dachte immer, Rauschgoldengel beißen nicht.«
Statt sich zu entschuldigen, setzte sie noch einen drauf. Mackenzie war ja vieles gewöhnt, aber diese Frechheit schlug dem Fass den Boden aus. Sie holte tief Luft. »Dieser beißt. Darauf können Sie wetten!«
»Ich seh’s«, sagte die andere. »Lassen Sie mich raten. Homecoming Queen? Cheerleader?« Unverfroren verschränkte die Amerikanerin die Arme und sah sie mit vergnügt blitzenden Augen an. Anscheinend fing die Sache an, ihr Spaß zu machen.
»Und?«, schnappte Mackenzie. »Was ist schlimm daran?«
»Oh, gar nichts.« Die Frau in der Lederkluft grinste immer noch unverschämt. Ihre Mundwinkel zuckten, als wollte sie gleich in einen Lachanfall ausbrechen. Oder zubeißen. »Gar nichts natürlich. So was muss es ja auch geben.«
»Wie bitte?« Am liebsten hätte Mac zugeschlagen. Aber so etwas tat ein Rauschgoldengel nun wirklich nicht.
Dennoch stieg die Wut in ihr hoch wie kochende Lava, und sie suchte ein Ziel dafür. Das Schienbein der Angeberin in Leder? Ein kleiner Kick, damit sie den Schmerz spürte?
Aber diese Genugtuung würde sie einer Fremden von der anderen Seite der Grenze nicht geben. Also versuchte sie, sich wieder zu beruhigen. Ein Gossenkind ohne Manieren aus den Staaten konnte einer Lady aus Kanada nichts anhaben. Das fehlte noch, dass Mackenzie ihr zeigte, wie sehr sie sie aufgebracht hatte.
In diesem Moment veränderte sich die Körperhaltung der anderen, sie ließ ihre Arme fallen und neigte leicht den Kopf. Ihre Lippen waren spöttisch verzogen, als sie sagte: »Sie haben recht. Das geht mich natürlich überhaupt nichts an.«
Dann ging sie an Mackenzie vorbei zurück zur Hauptstraße. Man hätte das, was die Amerikanerin gesagt hatte, für eine Entschuldigung halten können, aber ihre spöttisch verzogenen Lippen sprachen dagegen. Sie hatte sich über Mackenzie lustiggemacht, sie nicht ernstgenommen.
Was nichts Neues war, sie aber von dieser Fremden besonders ärgerte. Was nahm die sich heraus?
Doch ein Blick auf die Uhr zeigte Mac, dass sie jetzt schnell in die Bank zurückmusste.
Sonst kam sie erst nach Feierabend an.
Und das würde selbst ein Trottel wie Mr. Clarke merken.
Sydney ärgerte sich, dass sie nicht gleich bis Vancouver durchgefahren war. Da hätten sie die Ersatzteile bestimmt sofort besorgen können, während der Typ hier in der Werkstatt sagte, es würde Tage dauern, bis er bekam, was sie brauchte. Und es würde wahrscheinlich das Doppelte kosten.
In Vancouver wären ihr die Sachen zudem auch gar nicht erst geklaut worden, weil sie nicht so nachlässig gewesen wäre. Sie hätte ihre Maschine im Auge behalten oder hätte sie in einer bewachten Garage abgestellt. Dass hier in diesem Kaff jemand die Fähigkeiten hatte, die es brauchte, um das alles abzubauen, hatte sie nicht für möglich gehalten.
Was wieder einmal ein Beweis dafür war, dass man nichts und niemanden unterschätzen sollte. Eigentlich sollte sie das in ihrem Leben gelernt haben.
Aber es war anstrengend, jede Minute, jede Sekunde des Tages misstrauisch zu sein. Deshalb hatte sie sich in diesem Städtchen, das ihr so ruhig und friedlich erschien wie der Mond, wohl unbewusst eine Auszeit von diesem Misstrauen gegönnt. Und dafür hatte sie die Rechnung bekommen.
Auf einmal zuckten ihre Mundwinkel ganz von selbst. Niemanden unterschätzen. Das traf wohl auch auf diese angriffslustige Blondine zu.
Es war dieselbe, die aus der Bank getreten war, als Sydney ihre Maschine die Straße entlangschob, und ihr so spöttisch zugelächelt hatte. Der Ort war so klein, da lief man anscheinend ständig in dieselben Leute hinein.
Hineinlaufen war das richtige Stichwort. Sydney hatte sich über die Auskunft des Mechanikers geärgert und deshalb nicht aufgepasst. Die andere musste aber auch geträumt haben, sonst wäre vielleicht nichts passiert.
Ob sie das bedauern sollte? Sydney musste erneut grinsen. Nein, eigentlich nicht. Die Kleine war ziemlich explosiv, und das mochte Sydney durchaus.
Auch wenn es in diesem Fall keine Bedeutung hatte. Sie war nur kurze Zeit hier und auf keinen Fall auf eine Affäre aus, die ihr diese paar Tage unerwünschten Aufenthalt zwar versüßen, aber auch noch mehr Aufmerksamkeit auf sie ziehen würde. Das brauchte sie nicht.
Ob sie mal wieder einen Film hier in so einem Kaff drehten? Sie wusste, dass viele Filmgesellschaften die Gegend um Vancouver herum gern dafür nutzten. Auch viele amerikanische Filmcrews. Weil es hier billiger war zu drehen als in den Staaten.
Sie hatte bemerkt, dass dieses blonde Gift mehrere Akzente draufhatte. Das sprach für eine Schauspielerin. Und so sah sie auch aus. Andererseits . . . Irgendetwas an ihr hatte so gar nichts von Hollywood. Sie wirkte zu . . . normal.
Aber außergewöhnlich gutaussehend, das musste man ihr lassen. Was sie auch wusste. Das hatte Sydney gemerkt. Homecoming Queen und Cheerleader oder vielleicht sogar Captain der Cheerleader, das war bestimmt keine Lüge gewesen. In der Beziehung passte ihr Aussehen genau.
Und Frauen, die so aussahen, hatten normalerweise nichts im Hirn. Schon allein Cheerleader sein zu wollen sprach dafür. Wer wollte das schon? Nur Mädels, die nichts anderes im Sinn hatten als den Quarterback der Footballmannschaft abzuschleppen. Al und Peggy Bundy. Große Lichter auf der High School, kleine Lichter im Leben.
Dennoch hatte sie das Gefühl, diese Frau hatte etwas, das nicht so richtig zu Peggy Bundy passte. Sie hatte Sydneys Angriff recht gut pariert, nicht einfach nur beleidigt herumgeblökt, wie es für solche Frauen typisch war. Wenn sie tatsächlich kein Hirn hatte, hatte sie das gut kaschiert.
Sydney schmunzelte amüsiert. Ja, das war nicht von schlechten Eltern gewesen, wie sie sich gewehrt hatte. Ein unerwartetes Vergnügen.
Aber was auch immer ihr dieses Vergnügen verschafft hatte, wahrscheinlich bildete sie sich alles Übrige nur ein. Weil sie jetzt plötzlich in diesem Nest hier festsaß und nach einer Beschäftigung suchte.
Wonach sie jedoch tatsächlich suchen sollte, das war eine Unterkunft. Denn wenn sie ein paar Tage hierbleiben musste, brauchte sie ein Dach über dem Kopf. Ob es hier irgendwo ein Hotel gab? Hatte sie beim Hereinfahren eins gesehen? Oder als sie ihre Maschine die Straße entlangschob? Sie runzelte die Stirn.
Beim Diner. Ja, richtig. Die vermieteten auch Zimmer. Sie würde einfach dorthin zurückgehen und eins für die nächsten Tage mieten.
Etwas anderes blieb ihr sowieso nicht übrig.
»Haben Sie gar kein Gepäck?«, fragte die Frau im Diner, während sie Sydney misstrauisch musterte.
»Meine Satteltaschen sind noch in der Werkstatt«, gab Sydney zuvorkommend Auskunft, weil sie sich nicht streiten wollte. »Teds Werkstatt. Da steht mein Motorrad, weil es repariert werden muss. Dauert ein paar Tage, sagte Ted, bis er die Ersatzteile hat. Ich werde die Taschen holen, wenn das mit dem Zimmer hier klar ist.«
Die Besitzerin oder Betreiberin des Diners – was auch immer sie war – nickte. Die Leute in Kleinstädten waren Fremden gegenüber immer misstrauisch, und Sydney war eine Fremde, die noch nicht einmal dem üblichen Muster entsprach. Deshalb war diese Frau immer noch argwöhnisch.
Sydneys Lederkluft, ihr Motorrad, ihre ganze Art, das nahm sie nicht für diese vorurteilsbeladene Kleinstädterin ein. Sydney passte einfach nicht in ihr Klischee einer Frau, wie sie sie sich vorstellte. Aber wenigstens schien sie ihr ein Zimmer vermieten zu wollen.
»Bezahlung im Voraus«, verlangte sie jedoch. Sie wollte sich absichern.
»Natürlich.« Sydney zog ein paar Scheine aus der Tasche und legte sie auf den Tresen des Diners, der gleichzeitig die Rezeption für das kleine Hotel war, die Zimmer im ersten Stock.
Das beruhigte die Frau zumindest teilweise. Sie nahm das Geld und steckte es in die Kasse. Dann griff sie hinter sich an ein kleines Schlüsselbord und übergab einen der Schlüssel Sydney. »Nummer 1«, sagte sie. »Wenn Sie die Treppe hochkommen, gleich rechts.«
Sydney nahm den Schlüssel und ging in das Zimmer hinauf. Der Gang war nicht sehr lang, es gab vielleicht insgesamt vier Zimmer hier.
Nachdem sie einen Blick in die Nummer 1 geworfen hatte, war sie ganz zufrieden. Das würde für ein paar Tage genügen. Und jetzt musste sie ihre Satteltaschen holen, bevor die vielleicht auch noch gestohlen wurden.
Besser hätte sie sie gleich mitnehmen sollen. Aber sie war so verärgert gewesen über die Aussicht, ein paar Tage hierbleiben zu müssen, dass sie das vergessen hatte.
Außerdem würde ihr ein Spaziergang zurück zur Werkstatt guttun. Was sonst hatte sie hier schon zu tun? Sie musste die Zeit irgendwie herumkriegen. Und es war ein guter Ausgleich für die vielen Stunden im Sattel ihrer Harley.
Dieses Mal schlenderte sie die Straße bewusster entlang, um sich alles einzuprägen. Es war zwar nicht viel, was sich einzuprägen lohnte, denn die Hauptstraße war wie in so vielen kleinen Städten das Zentrum, um das herum es kaum etwas gab, aber vielleicht entdeckte sie doch etwas, das interessanter war als der Rest.
Diese Blondine zum Beispiel? Ein spöttisches Schmunzeln überzog ihr Gesicht, als ihr das in den Sinn kam. Ja, die wäre vielleicht schon ein bisschen Interesse wert. Unter anderen Umständen.
Sie war ziemlich zurückhaltend angezogen gewesen, stellte sie jetzt so im Nachhinein fest. Nicht auffällig, um ihre körperlichen Attribute zur Schau zu stellen. Aber zu übersehen waren die trotzdem nicht.
Kurz schnalzte Sydney mit der Zunge. Von solchen Gedanken sollte sie sich verabschieden. Eine junge Frau mit einer knackigen Figur und nicht zu verachtenden Brüsten war nicht das, was sie jetzt brauchte. Es lenkte sie nur ab.
So beschleunigte sie ihre Schritte nun doch, um schneller bei der Werkstatt anzukommen und ihre Satteltaschen ins Diner zurückzubringen, in ihr Hotelzimmer.
Nachdem sie das getan hatte, duschte sie und zog sich um, tauschte das schwarze Leder gegen Jeans und T-Shirt, die Motorradstiefel, in denen man ohnehin nicht gut laufen konnte, gegen ein paar bequeme Nikes.
So unterschied sie sich weit weniger von den anderen Bewohnern dieses Ortes, sie fügte sich fast nahtlos in die übliche Kleidung der Bevölkerung ein.
Das war das, was sie wollte. Sie wollte nicht auffallen.
Auch wenn sie das ohnehin tat, aber sie wollte das nicht unnötig übertreiben.
So für den Abend gewappnet verließ sie ihr Zimmer.
In gewisser Weise war es schon schade, dachte Mackenzie, dass nicht öfter mal interessante Frauen in Langley auftauchten. Dass sie immer nach Vancouver fahren musste, um auch nur einen Hauch von etwas Interessantem zu finden.
Es kamen durchaus immer wieder Fremde in Langley vorbei, auf ihrem Weg von Irgendwo nach Irgendwo, aber die blieben nicht. Sie übernachteten noch nicht einmal hier. Sie ruhten sich von der Fahrt aus, und dann ging es sofort weiter.
Vermutlich hätte diese dunkelhaarige Fremde mit den feurigen Augen das auch getan. Wenn nicht irgendetwas schiefgegangen wäre. Anscheinend war ihr nicht nur das Benzin ausgegangen. Dann hätte sie ihr Motorrad wohl kaum in Teds Werkstatt gebracht und wäre zu Fuß in die Stadt zurückgegangen.
Mac hätte natürlich in die Werkstatt gehen und Ted fragen können, den sie schon seit ihrer Kindheit kannte, aber was hätte er dann von ihr gedacht? Es wäre ihr peinlich gewesen, erklären zu müssen, warum sie sich für diese Fremde, die so gar nicht hierher passte, interessierte.
Und auf Anhieb hätte sie noch nicht einmal eine Antwort gewusst, hätte es noch nicht einmal gegenüber sich selbst erklären können. Warum hätte sie irgendetwas über diese Frau erfahren wollen? Sie war wie ein Vogel, der sich auf einen Ast setzte, um auszuruhen, und dann weiterflog. Nichts, was im Gedächtnis blieb.
Warum blieb sie ihr dann im Gedächtnis? Was war so Besonderes an ihr?
Na ja, das Leder . . . So was fiel auf in einem Nest wie diesem. Die Frauen vom Land, Farmerinnen oder auch Arbeiterinnen, waren manchmal schon robust gekleidet, aber keine von ihnen hätte sich von oben bis unten in schwarzes Leder gehüllt.
Diejenigen, die in Langley arbeiteten, mussten sich an den Dresscode halten, den ihr Boss ihnen vorschrieb. So wie Mackenzie in der Bank ein gedecktes Kostüm mit Bluse trug, was sie privat niemals getragen hätte.
Selbst junge Männer, die Motorrad fuhren, trugen höchstens mal eine Lederjacke, aber niemals dazu auch noch eine Lederhose. Und schon gar keine schwarze. Normalerweise trugen sie Jeans. Wie im täglichen Leben.
Diese Frau war aber so ausgestattet, als führe sie nicht nur mal eine halbe Stunde Motorrad, um einzukaufen oder jemanden zu besuchen. Auch die großen ledernen Satteltaschen deuteten auf längere Fahrten hin. Da ging eine Menge rein.
Mackenzie fragte sich, wohin sie unterwegs war. Woher sie kam.
Gut, das war keine große Frage. Sie kam von der anderen Seite der Grenze, war keine Kanadierin ihrem Akzent nach. Und unterwegs war sie wahrscheinlich erst einmal nach Vancouver, denn sonst gab es hier in der Nähe nichts, was man als ein lohnenswertes Ziel hätte bezeichnen können.
Vielleicht war sie ja auch einfach nur auf Urlaub. War aus den Staaten herübergekommen, um mit ihrer Maschine die Weiten Kanadas zu erkunden, die Wälder, für die viele so schwärmten. Weshalb sie extra herkamen.
Entweder sie klapperten dabei auch ein paar Städte ab oder blieben gleich mit ihren Trucks in der Wildnis, campten und übernachteten dort. Weil sie das große Urerlebnis wollten, das sie in ihren Städten nicht hatten. Wo Mackenzie sich nach der Stadt sehnte, sehnten sie sich danach, einmal keine Stadt und keine Menschen zu sehen.
Aber wie eine Urlauberin sah diese Frau nicht aus. So ganz genau wusste Mackenzie nicht, woran sie das festmachte, aber diese Motorradfahrerin hätte sie niemals mit Urlaub in Verbindung gebracht.
Sie hatte etwas Flüchtiges an sich. Als hätte sie keinen Ort, an den sie zurückkehren konnte, nur Orte vor sich, die sie noch besuchen würde. In denen sie vielleicht sogar mehr zufällig vorbeikam wie in Langley.
Denn dass sie hier jetzt quasi gegen ihren Willen festgehalten wurde, das sah man ihr an. Deshalb war sie so verärgert gewesen, als sie aus Teds Werkstatt kam. Deshalb hatte sie Mac umgelaufen, gar nicht gesehen, wo sie hinlief.
Wenn sie überhaupt ein Ziel gehabt hatte, war es bestimmt nicht Langley gewesen. Warum sollte es auch? In Langley gab es nichts zu sehen, nichts zu erleben. Hier war alles die pure Langeweile. Und dass sie sich nach Langeweile sehnte, danach sah die Frau in der Lederkluft nicht aus.
Unwillkürlich stellte Mackenzie sich das Leben einer Frau, die so angezogen war, die so ein Motorrad fuhr, die immer auf der Durchreise war, aufregend vor. Jeden Tag etwas Neues. Kein Tag glich dem anderen. Nie wusste man, was einen erwartete. Ja, aufregend. Das passte zu ihr.
Gegen den Willen ihrer Tante und ihres Onkels hatte Mackenzie sich entschieden, in Langley zu wohnen, nicht mehr auf der Farm. Obwohl die gar nicht so weit entfernt war.
Sie besuchte ihren Onkel und ihre Tante regelmäßig, aber bleiben wollte sie dort nicht mehr. Auch wenn das billiger gewesen wäre, weil sie keine Miete hätte zahlen müssen. Da knapste sie sich lieber die Miete ab und war dafür unabhängig.
Soweit das in einer Stadt wie Langley, in der jeder jeden beobachtete, ging. Aber sie hatte ihr eigenes Zimmer, eine Tür, die sie hinter sich abschließen konnte, konnte über Nacht wegbleiben, ohne dass sie jemand danach fragte, wo sie gewesen war. Ein kleines Stück Freiheit in einer Welt, in der so vieles von anderen geregelt wurde, nicht von ihr selbst.
Das war etwas, das sie zunehmend störte. Auch wenn das niemand hier verstand. Die meisten Leute fanden es schön, ein geregeltes Leben zu haben, eine feste Routine, die sich jeden Tag wiederholte, gleichbleibende Eckpfeiler, an denen sie sich festhalten und orientieren konnten. Für Mackenzie waren das vor allen Dingen Fesseln.
