Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In diesem Buch beleuchten die Autoren in einer kompakten Übersicht prismenhaft die Geschichte der Bukowina und der Buchenlanddeutschen. Dadurch bringen sie die Kultur und die Aufgeschlossenheit der früheren und heutigen Bewohner der Öffentlichkeit näher. Bereits 1782 folgten deutsche Siedler aus Südwestdeutschland, Böhmen, der Zips und der Österreichischen Monarchie dem Werberuf Österreichs und ließen sich in der am östlichen Karpatenbogen liegenden Bukowina nieder. Hier lebten sie mit deutscher Amtsprache und deutschen Schulsystemen mit rund einem Dutzend Nationalitäten verschiedenster Religionsbekenntnisse friedlich zusammen. 1849 bekam die Bukowina die Eigenschaft eines autonomen Kronlandes mit dem Titel eines Herzogtums zugesprochen. 1875 wurde in der Hauptstadt Czernowitz die östlichste bis 1918 deutschsprachige Universität eröffnet. Mit Geschick und Toleranz trug Österreich dazu bei, in der Bukowina die Entstehung des möglichen Vorläufermodells eines vereinten Europas zu schaffen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Alfred Wanza und Emilian Fedorowytsch
Bukowinafreunde
Die Bukowina – Das Buchenland
... vergangen und dennoch gegenwärtig
2. Ausgabe
Vorwort
Das am östlichen Karpatenbogen gelegene ehemalige österreichische Kronl and Bukowina (Buchenland) war bis Ende 1940 – über mehrere Generationen hinweg – auch das Heimatland vieler Deutscher.
Inzwischen wächst die vierte Generation der Buchenländer Nachkommen heran und die Erlebnisgeneration der Ende 1940 aus der Bukowina ins Deutsche Reich umgesiedelten Deutschen tritt nach und nach ab. Altes Wissen gerät so mehr und mehr in den Hintergrund. Um so mehr betrachten wir es als Verpflichtung, die Vergangenheit dieses Landes mit Leben zu füllen. Die Feststellung, dass sich mehr und mehr Nachkommen dafür zu interessieren beginnen woher ihre Vorfahren stammen und unter welchen Bedingungen sie gelebt haben, bestätigt unseren Weg, den wir mit der Herausgabe dieses Buches beschreiten.
Unter „Bildung und Toleranz in der Bukowina“ berichten wir beispielsweise über das fruchtbare Zusammenleben vieler Nationalitäten verschiedener Religionsbekenntnisse im damals kleinsten Kronland Österreichs, dem Herzogtum Bukowina. Die im Jahre 1875 eröffnete östlichste bis 1918 deutschsprachige Universität und der Landtag mit seinem Nationalitätenparlament, der dem Kronland 1910 den „Bukowiner Ausgleich“ erarbeitete, trugen dazu bei, die Bukowina zu einem möglichen Vorläufermodell eines vereinten Europas zu machen.
Die Inhalte dieses Buches basieren auf ausgewählten Darstellungen eines Teils unserer Internetplattform www.bukowinafreunde.de
Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen!
„In der Asche des zerstörten Idioms einer vielfältigen Gesellschaft, die zu einem Scharnier zwischen West und Ost hätte werden können, glimmt die Glut weiter, solange Menschen daran erinnern und dieses Vermächtnis weitergeben.“
Ewald Zachmann
Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen (Bukowina) e. V.
Inhalt
2. Beiträge und Zeitzeugen
2.1 Das Buchenland, ein vergessener Landstrich (Pfr. Krauss) 2.2 Die Geschichte von Irma - einer Deutschen in der Bukowina -
2.3 Gespräch mit einer Zeitzeugin
2.3.1 Die letzten Jahre in der Bukowina
2.3.2 Die Umsiedlung
2.3.3 Das Lagerleben
2.3.4 Das Leben in der Übergangsheimat
2.3.5 Die Flucht
2.3.6 Ankunft in der neuen Heimat
2.4 Integration der Buchenländer in der neuen Heimat
3. Kurzgeschichte und meistgestellte Fragen
3.1 Das Märchen vom Buchenland (Erzählung)
3.2 Erläuterungen zum Märchen vom Buchenland
3.3 Meistgestellte Fragen zur Geschichte der Bukowina
4. Geschichte der Bukowina
4.1 Die vorösterreichische Zeitin der Bukowina (Ende 9. Jh.-1774)
4.2 Erläuterungsteil4.3 Die österreichische Periode in der Bukowina (1774–1918)
4.4 Einige Worte zur Schulpolitik der Bukowina
4.5 Die Czernowitzer „Francisco-Josephina“-Universität
4.6 Die Deutschen der Bukowina, S. Osatschuk
4.7 Die Zeit des Aufbruchs in der Bukowina (1861-1914)
4.8 Die Bukowina im Ersten Weltkrieg
4.9 Die nachösterreichische Zeit in der Bukowina (1918-1940)
4.10 Die Bukowina im Zweiten Weltkrieg
4.11 Die Umsiedlung der Buchenlanddeutschen aus der Bukowina 5. Kulturelles Umfeld
5.1 Bildung und Toleranz in der Bukowina
5.2 Czernowitz - Heimat vieler Nationalitäten
6. Familienforschung
6.1 Leitfaden zur Bukowina-Familienforschung
6.2 Erfahrungsbericht einer Familienforscherin
7. Reiseberichte
7.2 In der Bukowina wirst du berührt ...
7.3 Wie bei Freunden (Markus Poch)
1. Einleitung
1.1 Wiederbelebung des Bukowiner Geistes
Alfred Wanza (li) und Emilian Fedorowytsch (re) im Gäste-haus der Familie Sava in Pojorâta(Südbukowina)
Auf den Reisen durch die Heimat unserer Eltern machten wir uns Gedanken, wie man - mit Bezug auf die Buchenlanddeutschen - die Vergangenheit der Bukowina und ihr einmaliges kulturelles Umfeld wach halten kann. Schließlich setzten wir uns das Ziel, für Buchenlanddeutsche, deren Nachkommen und an der Bukowina Interessierte weltweit eine Brücke der Verbindungen zu schlagen, indem wir ihnen wie auch der breiteren Öffentlichkeit die Geschichte, Kultur und Aufgeschlossenheit der früheren und jetzigen Bewohner dieses Landes in speziell aufbereiteter und kompakter Form näher bringen.
In diesem Buch schildern wir Einzelschicksale von in der Bukowina lebenden Personen der Erlebnisgeneration und bringen einen Zeitzeugenbericht einer im Jahre 1940 umgesiedelten Deutschen. Im Rahmen der nachfolgenden Ausführungen beleuchten wir prismenhaft die Geschichte der Bukowina und ihrer Bewohner. Die Schilderung des Aufbaus der Bukowiner Strukturen, des seinerzeitigen Zusammenlebens vieler Ethnien und Religionen und der im Jahre 1940 folgenden Umsiedlung und Integration bietet in ihrer übersichtlichen, bisher in dieser Form nicht vorhandenen Präsentation, eine wertvolle Information. Den Artikeln über die Familienforschung, die durch Daten im Anhang ergänzt werden, schließen sich drei Reiseberichte über die heutige Bukowina an, die zum Besuch des Landes anregen. Es wäre begrüßenswert, wenn dieses Buch Interessierte zusammenführen würde. Sind doch Bukowiner und deren Nachkommen nicht nur schwerpunktmäßig in Deutschland und Österreich, sondern über die ganze Welt verteilt. Die Öffnung des Ostens ermöglicht das gegenseitige Kennenlernen und kann zu vertiefenden Kenntnissen, Kontakten, Toleranz und positivem Miteinander der Völker beitragen. Auch über die eigene Familienforschung können sich Buchenlanddeutsche der Thematik "Bukowina" annähern.
Bitte informieren Sie Ihre Angehörigen und Freunde über die Erscheinung dieses Buches. Im Interesse der Bewahrung und Weitervermittlung der Geisteshaltung und der Lebensart der Bukowiner empfehlen wir, sich bei noch lebenden Zeitzeugen aus der Bukowina über interessante Lebensgeschichten zu informieren, Erlebnisberichte in medialer Form festzuhalten und historische Dokumente und Bilder aufzubewahren.
Wir danken insbesondere dem Vorsitzenden des niedersächsischen Landesverbandes der "Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen (Bukowina) e. V.", Alfred Wenzel, an dessen organisierten Fahrten in die Bukowina wir mehrmals teilnehmen durften, Herrn Oberstudienrat Peter Tanzel (✝), der uns anlässlich privater Erkundungsfahrten im Buchenland ein unentbehrlicher und mit profundem Wissen versehener Reisebegleiter war und uns die Augen für viele verborgene Schönheiten des Landes geöffnet hat und all denjenigen in Deutschland, Österreich und der Bukowina, die zum Entstehen dieses Buches beigetragen haben.
Alfred Wanza --- Emilian Fedorowytsch
1.2 Wer sind die Buchenlanddeutschen?
Bereits ab 1782 folgten deutsche Siedler aus Südwestdeutschland, Böhmen, der Zips und der Österreichischen Monarchie dem Werberuf Österreichs und ließen sich in der seit 1774 zum Habsburger Imperium gehörenden, am östlichen Karpatenbogen liegenden Bukowina nieder, wo sie mit fast einem Dutzend Ethnien verschiedenster Religionsbekenntnisse friedlich zusammenlebten – mit ordentlicher wirtschaftlicher Versorgung, einem ausgefeilten Verwaltungs- und Schulsystem, einem blühenden Kultur- und Vereinsleben, einem breitgefächerten Pressewesen und einem Landtag mit einem Nationalitätenparlament, das dem Kronland einen Bukowiner Ausgleich erarbeitete, kurz gesagt, in einem Europa im Kleinformat auf 10.442 km² (entspricht ungefähr der Größe des österreichischen Bundeslandes Kärnten).
Gemäß der Volkszählung von 1910 lag die Anzahl der Deutschen bei 9,2 %. Weitere Landesbewohner stellten die Ruthenen (Ukrainer) mit 38,4 %, die Rumänen mit 34,4 %, die Juden mit 12,0 % und Bewohner anderer ethnischer Zugehörigkeiten wie Polen, Armenier, Ungarn, Lippowaner, Slowaken u.a. 6,0 %.
Führt man den Zeigefinger auf der Landkarte Europas in den Nordosten Rumäniens, bis zur Stadt Suceava und von dort beginnend über die rumänisch-ukrainische Grenze hinaus, bis zur 40 km dahinter liegenden ukrainischen Stadt Černivci (ausgesprochen Tscherniwzi), weitere Schreibweisen: Cernăuţi (rumänisch), Czernowitz bzw. Tschernowitz (deutsch), Czerniowze (poln.) – dann quert man das Gebiet, in dem sich zwischen 1775 und 1918 das kleinste, östlichste und multinationalste Kronland Österreichs befand, dieBukowina – von den Deutschen in der Übersetzung auch Buchenland genannt.
Im Jahre 1918 übernahm Rumänien die gesamte Bukowina. Österreich musste aufgrund der Kriegsereignisse auf sein östlichstes Kronland verzichten. Während der Norden des Landes, beginnend mit der zweiten Hälfte des Jahres 1940, von den Sowjets okkupiert wurde und heute samt der ehemaligen Hauptstadt der Bukowina Czernowitz Bestandteil des ukrainischen Staatsgebietes ist, verblieb die Südbukowina bei Rumänien.
Auf Basis des Molotow-Ribbentrop-Abkommens und einer weiteren Vereinbarung mit Rumänien wurden gegen Ende 1940 im Rahmen der Umsiedlung der Deutschen (heim ins Reich) innerhalb weniger Monate insgesamt 95.770 Personen aus der Nord- und kurze Zeit danach auch aus der Südbukowina Richtung Deutschland umgesiedelt. Sie kamen in vorbereitete Lager, von wo aus sie überwiegend in den Ostgebieten ansässig gemacht wurden und 1945 zusammen mit anderen Vertriebenen geflohen sind. Ein Teil von ihnen kam im Rahmen der Umsiedlungsaktion in die "Hermann-Göring-Werke" nach Salzgitter-Lebenstedt.
Nach Kriegsende beteiligtensich alle am Aufbau des zerstörten Landes und gründeten bereits 1949 in der Bundesrepublik Deutschland die "Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen (Bukowina) e. V.". Nach 1989 bekamen auch die in der ehemaligen DDR angesiedelten Buchenländer Zugang zu diesem Verband. In Österreich besteht ein eingeständiger Verband unter der Bezeichnung „Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen in Österreich“.
Aufgrund der interessanten Vergangenheit der Bukowina und ihres äußerst positiven kulturellen Umfeldes – u. a. wurde in der StadtCzernowitz 1875 die östlichste deutschsprachige Universität gegründet - etablierten sich in Deutschland (Augsburg), der Südbukowina (Rădăuţi) und der Nordbukowina (Černivci) Bukowina-Forschungszentren, die sich in Zusammenarbeit mit regionalen Universitäten der Erforschung des Phänomens Bukowina widmen und im wissenschaftlichen und interkulturellen Bereich Forschungs-, Bildungs- und Kontaktmöglichkeiten für Bukowiner und daran Interessierte bieten.
1.3 Die heutigen Bewohner deutscher Nationalität
in der Nord- und Südbukowina
Derzeit dürften in der Südbukowina einschließlich der Nachkommenschaft nur noch wenige Tausend Deutsche (Stand 2009) leben, während die entsprechende Zahl in der Nordbukowina bei wenigen Hundert liegt. Einige sind entweder 1940 nicht umgesiedelt oder – bereits nach Umsiedlung - im Verlauf der Kriegsereignisse aus östlichen Teilen Deutschlands in die Bukowina rückgeführt worden, ohne Erstattung ihres früheren Eigentums. Andere sind nach der Deportation aus Sibirien zurückgekehrt. Nach der politischen Wende von 1989/1990 schlossen sich die noch in der Südbukowina lebenden Deutschen im innerhalb Gesamtrumäniens gebildeten „Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien (DFDR)“ zusammen. Ehemalige Kultureinrichtungen wurden den deutschen Vereinen zum Teil zurückerstattet. Die früheren deutschen Kirchengemeinden wurden mit deutscher und internationaler Hilfe teilweise wieder aufgebaut. Gebäude und Einrichtungen der deutschen Foren wurden mit bescheidenen eigenen Mitteln wieder in Betrieb genommen. Hier fehlt es noch an vielem. Gute deutsche Literatur ist noch recht spärlich vorhanden oder sie ist nicht benannt. Das in der Südbukowinabestehende Regionalforum Buchenland befindet sich in der Stadt Suceava. In Radautz besteht ein Verein der Buchenlanddeutschen Radautz.
In der Nordbukowina ist der „Österreichisch-Deutsche Kulturverein“ im Czernowitzer Deutschen Haus ein wichtiger Ansprechpartner. Im Jahr 2010 bestand das Haus an der Herrengasse 100 Jahre seit seiner Eröffnung. Hier stößt man bei Besuchen des öfteren auf deutschsprachige Touristen und Studenten oder Dozenten der Universität Czernowitz. Letztere sind an kulturellen Kontakten und der deutschen Sprache interessiert.
Viele der noch in der Bukowina lebenden Deutschen sind Mitglieder dieser Vereinigungen und pflegen, zum Teil mit ihren einheimischen Ehepartnern und Nachkommen, die deutsche Sprache und das deutsche kulturelle Erbe. Es finden regelmäßige Treffen statt. Auch Angehörige anderer Volkszugehörigkeit sind als Gäste willkommen. In Gesangvereinen werden Volks- und Kirchenlieder der Bukowina gesungen. Der Besuch des Gottesdienstes ist vielen eine Herzensangelegenheit und fördert die gegenseitigen Verbindungen.
In all diesen Kreisen wird, ganz im Sinne des bukowinischen Geistes, gegenseitige praktische Hilfestellung geleistet. Die Deutschen in der Bukowina interessieren sich sehr für die Ursprungsheimat ihrer Vorfahren, sie sind sehr gastfreundlich, treten aber eher zurückhaltend auf. Es bestehen keinerlei Integrationsprobleme. Die Deutschen besitzen keinen Sonderstatus und müssen mit den dort üblichen Lebensbedingungen zurechtkommen. Rentner und chronisch Kranke können mitunter die Unterstützung von dritter Stelle gut gebrauchen.
2. Beiträge und Zeitzeugen
2.1 Das Buchenland, ein vergessener Landstrich
Mit unvergänglichen Lettern in das Herz Gottes geschrieben - Ein seelsorgerlicher Besuch bei den Evangelischen im Buchenland von Pfarrer Hans-Dieter Krauss (April 2011)-
Zur Person
Pfarrer Hans-Dieter Krauss betreut in der evangelischen Gemeinde Bistritz, der Hauptstadt des Nösnerlandes, mit über 250 Gemeindegliedern eine der größten Gemeinden im Bezirk Schäßburg. Auf dem Gebiet des ehemaligen Kirchenbezirkes Bistritz sowie in der Diaspora (Bukowina, Kreis Suczawa) werden 24 Kirchengemeinden mitbe-treut. In regelmäßigen Abständen besucht er die über die Südbukowina verstreuten evangelischen Gläubigen. Soweit es geht, werden die Gottesdienste in den evangelischen Kirchen, aber auch in den privaten Räumen der Gläubigen, abgehalten. Pfarrer Krauss kennt seine „Schäflein“ sehr genau. Mit Gottes Hilfe bringt er ihnen Hoffnung und Zuversicht.
Für die katholischen Gläubigen übernahm bis 2013 Pater Johann Proschinger, Pfarrer der römisch-katholischen deutschen Gemeinde in der Bukowina in Suczawa diese Aufgabe. Er hielt Gottesdienste in Gura Humora, Sereth, Radautz, in Katschika und in anderen Orten. Bis ins hohe Alter besuchte er mit seinem Auto die Gläubigen und Kranken in der Region und spendete ihnen Hoffnung und Segen. Der letzte deutsche katholische Pfarrer der Bukowina verstarb 2013 mit 87 Jahren.
Alfred Wanza - 2016
Bereits die logistischen Vorbereitungen einer solchen Reise sind aufwendig: Vorbereitung des Dienstwagens, Durchgehen der Checkliste, Verständigung der Ansprechpersonen, sorgfältige detaillierte Zeitplanung, Einplanung aller Einzelbesuche, Zeit für Unvorhersehbares, um nicht den ganzen Zeitplan platzen zu lassen, usw.
Am Freitag in den Abendstunden breche ich aus Bistritz auf. Mein erstes Ziel ist das Hotel „Intus“ in Dornawatra, das der Mutter unserer dortigen Kuratorin gehört, und wo ich Quartier nehmen darf – jederzeit!
Samstag am frühen Morgen breche ich dann nach Radautz auf. Etwa zweieinhalb Stunden Fahrt liegen vor mir. Der Himmel ist bedeckt aber die Straßen sind trocken und ich komme gut voran. Ich lasse links die Kirche von Jakobeni hinter mir – „Ein feste Burg ist unser Gott“ steht über dem Portal, wie bei allen evangelischen Kirchen im Buchenland. Es ist das Bekenntnis dieser Volksgruppe im anderskonfessionellen Umfeld... morgen werde ich hier einen Gottesdienst halten.
Als ich den Mestecăniș-Pass erreiche, beginnt es zu schneien. Weiter oben bleibt der Schnee auf der Straße liegen. Die Sicht ist auf 20 m reduziert. Ich muss langsam fahren. Ob ich rechtzeitig in Radautz ankommen werde?
Ab Kimpolung herrscht dann wieder Frühlingswetter und ich kann wieder kräftiger aufs Gaspedal treten. Hinter Gura Humora in Paltinoasa biege ich von der Hauptstraße ab und fahre auf Solka zu. Die sanften Hügel sind mir vertraut, ebenso die Namen der Orte, in denen neben Rumänen Ukrainer und vereinzelt auch Huzulen leben. Rechtzeitig erreiche ich Radautz und finde die kleine Gemeinde im Hause von Frau Rodica Morosan
versammelt. Vier Frauen und ein Mann sitzen in dem schönen Esszimmer mit den Jugendstilmöbeln versammelt. Den Esstisch ziert die Altardecke aus der ehemaligen evangelischen Kirche von Radautz, das Altarkreuz und zwei schwere Messingleuchter. Das silberne Abendmahlsgerät steht da. Freudig ist die Begrüßung und herzlich wie immer. Wir singen und beten, lauschen dem Wort Gottes. Ich predige in rumänischer Sprache, damit auch alles verstanden wird. Wir teilen den Leib und das Blut des Herrn. Eine tiefe, innige Feierlichkeit und Wärme liegt im Raum, während draußen handtellergroße Schneeflocken dicht durch den Garten treiben. Sie sind wenige geworden... nur noch eine Handvoll. Nach dem Gottesdienst plaudern wir noch eine kleine Weile bei Kaffee und Kuchen. Dann geht es eilig weiter nach Sutschawa. Hier wartet die kleine Gemeinde in der schmucken Kirche. Auch sie sind weniger geworden. Alter und die Leiden des Alters binden einige nun an das Haus. Die Älteste – Frau Ida Adumitracesei suche ich nach dem Gottesdienst auf und feiere mit ihr und ihrer Tochter das Abendmahl. Bei einem reichlichen Imbiss plaudern wir noch ein wenig. Es ist spät geworden und ich bin zu müde, um noch nach Dornawatra zurückzufahren. Ich suche ein Hotel und ruhe mich aus. Am frühen Morgen geht es zurück nach Dorna. Da wartet ein Mann aus der Gemeinde beim vereinbarten Treffpunkt. Wir fahren zusammen nach Jakobeni. Auch hier versammelt sich die Gemeinde. Aus Dorna ist noch die Kuratorin mit ihrem Mann und ihrer Mutter, deren Gastfreund-schaft ich im Hotel genossen habe angereist, aber auch Frau Hatneanu und ihre Tochter aus Bukarest. Die Jakobenier sind vollzählig anwesend, bis auf den kranken Herrn Volk und Frau Huschulei aus Kirlibaba, unsere Älteste hier.
Frau Volk hat fürsorglich wie immer den Ofen in der Kirche eingeheizt. Nun kommt aber plötzlich ein starker Wind auf und der Ofen beginnt zu rauchen. Wir beginnen trotzdem den Gottesdienst. Nach den Lesungen ist der Rauch in der Kirche so dicht, dass ich unmittelbar zur Abendmahlsfeier überleite. Und dann verlassen wir die Kirche. Zum ersten Mal in 27 Jahren Pfarrdienst muss ich einen Gottesdienst abbrechen. Die Gefahr der Rauchvergiftung war aber zu groß. Die Teilnehmer sind froh, dass sie nun vor Ostern noch einmal Abendmahl feiern durften. Hier im Buchenland heißt das „Beichten“ – ein Sammelbegriff für Beichte und Abendmahl.
Ein kurzer Besuch bei Herrn Volk, der schwer krank darniederliegt, folgt noch – auch hier Wort Gottes und Leib und Blut des Herrn. Worte des Trostes und der Stärkung.
Dann bringe ich Herrn Kwirsfeld nach Dorna zurück und weiter geht der Weg nach Kimpolung. Nach einer kurzen Mittagspause und einer kräftigen „Ciorba“ in einer Pension auf dem Mestecăniș-Pass besuche ich Frau Wanzurek in Kimpolung. Wegen ihrer Gleichgewichtsstörungen traut sich die knapp Neunzigjährige nicht mehr zum Gottesdienst nach Poschoritta. Daher besuche ich sie daheim. Die ehemalige Biologielehrerin empfängt mich fröhlich und aufgeräumt. Auch hier feiern wir Abendmahl und plaudern noch ein wenig. Sie hat so viel zu erzählen. Eigentlich möchte ich bleiben und ihren Erzählungen lauschen. Ein lebendiges Gedächtnis sitzt mir gegenüber, Zeugin von fast einem Jahrhundert bewegter Geschichte dieses Landstrichs. Eigentlich müsste man das alles aufschreiben. Schweren Herzens trenne ich mich von dieser wunderbaren Frau und reise weiter zur einzigen Holzkirche unserer Landeskirche – nach Poschoritta. Das Ehepaar Kuales und Frau Popa mit Tochter aus Kimpolung, Herr Gaidosch, Frau Malwine, die beiden Gemeindeglieder aus Poschoritta, Frau Tillika und ihre Schwester aus Watra Moldowitza sind da. Aus Eisenau ist niemand mehr anwesend – in der Woche davor haben wir die letzte Frau von da, Frau Ilse Hermelinde Hrab geb. Hodel zu Grabe getragen.
Wort Gottes und Mahl des Herrn vereinen die kleine Schar. Herzlicher Gedankenaustausch im Stehen folgt noch und dann gehen wir wieder gestärkt und fröhlich auseinander. Viele Hände winken zum Abschied und ich fahre durch dichtes Schneetreiben zurück und komme am Abend erschöpft in Bistritz an, wo mein knapp achtjähriger Sohn begeistert von den Abenteuern dieses Wochenendes berichtet. Ich versuche geduldig der Erzählung zu folgen und im Bett danken wir gemeinsam Gott für das Wochenende und den Wochenanfang, für alle Behütung und Bewahrung und seinen Schutz in allen Augenblicken. In der Stille lasse ich noch all die vertrauten Gesichter, in die ich blicken durfte, an meinem inneren Auge vorbeiziehen und danke für sie alle. Möge Gott sie behüten und segnen, diese seine Kinder in einem vergessenen Landstrich, unter die Räder der Geschichte geraten, zu ihrem Spielball geworden, aber in das Herz Gottes geschrieben mit unverwüstlichen Lettern!
Pfr. Hans-Dieter Krauss (April 2011)
2.2 Die Geschichte von Irma – einer Deutschen in der Bukowina - ein Tatsachenbericht -
Vorwort
Diese kleine Geschichte verdeutlicht, dass noch heute Deutsche in der Bukowina/Rumänien leben. Einige sind aus familiären Gründen 1940 nicht umgesiedelt, andere sind von den Sowjets wieder zurück in die verlorene Heimat beordert worden. Hier wurden sie wie Fremde behandelt, weil ihre Häuser belegt waren. Das sowjetische Militär hatte Anweisungen, Angehörige aus der Bukowina wieder nach Rumänien zurückzuschicken. Irma hatte Glück, da sie mit ihrer Familie nach Rumänien kam, als die Deportationen Deutscher nach Sibirien bereits abgeschlossenen waren. Stalin hatte bei den Alliierten durchgesetzt, im Osten verbliebene Deutsche zu Aufbauarbeiten nach Sibirien zu deportieren. Für in Rumänien verbliebene Bewohner deutscher Herkunft waren dadurch eine schwere Zeit angebrochen. Nur wenige sind nach der Zwangsarbeit zurückgekehrt.
***
Anlässlich unserer Bukowinareise besuchten wir im September 2012 die in Jakobeny lebende Rentnerin Irma R., um sie und ihre Freundin zu einem Treffen in Pojorâtaeinzuladen. Sie wohnte allein in einem Haus an der Eingangsstraße von Jakobeny. Da sich hinter dem Haus ein steiler Berghang befindet, wird es in den Wintermonaten und im Frühjahr von unten her so sehr durchnässt, dass in jedem Jahr die Wände neu geweißt werden müssen. Eine provisorische Sperre vor dem Hang hat das Problem nicht gelöst. Auch durch den Straßenneubau lief das Wasser von der Straßenseite direkt auf ihr Grundstück. Da die von ihr angesprochene Bürgermeisterin von Jakobeny keine Hilfe zusagen konnte, hat sie selbst Sand und Zement herangeschafft, um eine Absperrung zu betonieren. Das wichtige und für das Überleben notwendige Brennholz hat sie sich für den Winter schon besorgt. Und zwar eine ganze Maschine, wie man hier sagt. Das Sägen und Spalten hat sie ebenfalls von dem wenig Ersparten bezahlt. So versucht die Frau mit der kleinen Rente von schätzungsweise 50 € monatlich ihr karges Leben zu organisieren. Für die allein lebende 70jährige ist das gepflegte Haus, Hof und Garten sowie die Stallungen mit Hühnern, Hund und Katzen eine wichtige und schöne Lebensgrundlage. Die angenommene Katze hat gerade zwei Junge bekommen. Das Haus befindet sich innen und außen in einem gepflegten Zustand. Die Schindeln an der Außenwand des Hauses sind gelb gestrichen. Die Wohnräume sind schön eingerichtet, die Wände sind frisch geweißt und mit einem Blumenmuster gerollt, wie man es früher auch bei uns vorfand. Man kann davon ausgehen, dass so oder ähnlich auch unsere Eltern und Vorfahren gewohnt haben. Es gibt einen großen gefliesten gemauerten Ofen mit Backröhre und weitere kleinere Kohleöfen. In der kleinen Küche gibt es inzwischen fließendes Wasser und einen Gasherd. Eine Wasserleitung hat sie sich von dem Geld, das ihr die Verwandten aus Westdeutschland zur Verfügung gestellt haben, vor wenigen Jahren legen lassen. Irma hatte Glück im Unglück. Als sie in diesem Jahr bewusstlos in ihrem eigenen Haus lag, kam zufällig ihre Freundin Erika, ebenfalls eine Deutsche, die in der Nähe wohnt, vorbei. Als ihr nicht wie gewohnt die Tür geöffnet wurde, schlug sie kurzerhand eine Scheibe ein, fand Irma bewusstlos im Haus vor und sorgte dafür, wie ein rettender Engel, dass ihre Freundin sofort in ein Krankenhaus geschafft wurde. Bei einem Kaffee erzählte sie uns, wie sie und ihr Bruder mit einigen Frauen dafür gesorgt haben, dass die evangelische Kirche in Pojorâta vor Kurzem ein neues Dach erhalten hat. Sie selbst hat mit ihrem Bruder, der inzwischen verstorben ist, und anderen Frauen auch im Inneren der Kirche wieder alles schön hergerichtet. Fußbodendielen für weitere Instandsetzungsarbeiten liegen schon bereit. Alle vier bis fünf Wochen hält Pfarrer Krauß aus Bistritz mit einigen Gläubigen eine Andacht. Was ihr hier in Pojorâta gelungen ist, ist ihr in ihrem Heimatort Jakobeny bisher versagt geblieben. Die ehemals schöne evangelische Kirche fristet hier so ihr trostloses Dasein. Irma hat aber die Hoffnung, auch hier Ordnung zu schaffen, noch nicht aufgegeben.
Mit den Kindern zurück in eine verlorene Heimat Buchenland
Auf unsere Frage, wie sie wieder in die Bukowina kam, erzählt sie uns unter Tränen ihre Lebensgeschichte: Ihre Eltern, mit insgesamt 11 Kindern waren, wie andere Umsiedler, in einem kleinen polnischen Dorf angesiedelt worden. Hier war ihr Vater zum Bürgermeister ernannt worden, was ihm später zum Verhängnis werden sollte. Beim Näherrücken der sowjetischen Ostfront verlief die Flucht der Familie, wie bei allen anderen Flüchtlingen, ungeordnet und chaotisch. Ihr Vater begleitete die Familie, die schwangere Mutter mit elf Kindern zum Abtransport in einem Güterzug in die Ungewissheit zum Bahnhof. Seine letzten an Irmas Mutter gerichteten Worte waren: „Erziehe die Kinder weiterso in unserem Sinn“. Danach hat sie von ihrem Vater nie wieder etwas gehört. Offensichtlich ist er als Bürgermeister von den Sowjets in ein Arbeitslager deportiert worden.
Auf dem Transport nach Deutschland wurde der Waggon mit ihrer Familie zusammen mit anderen abgekoppelt und an einen Transport in Richtung Bukowina angehängt. Auf einer der vielen Stationen dieses Transports gebar ihre Mutter das 12. Kind, ein Mädchen. Hierfür holte sie auf einer Zwischenstation eine sowjetische Kommandeurin aus dem Flüchtlingswaggon. Gleich nach der Geburt wollte die Mutter mit dem Neugeborenen wieder zurück zu ihren Kindern. Einige Tage später erschien wieder die sowjetische Kommandeurin. Dieses Mal mit einem großen Korb. Der Schrecken der Mutter war sehr groß, befürchtete sie doch, dass man ihr in diesem Korb das Kind abnehmen wollte. Die Kommandeurin hingegen hatte aber etwas anderes vor. Sie ging mit diesem Korb in ein Magazin und ließ ihn mit allerlei Lebensmitteln und anderen Dingen befüllen, um ihn anschließend der Mutter zu übergeben. Dieser fiel ein Stein vom Herzen. Hierdurch verbesserten sich nun für eine bestimmte Zeit die Lebensverhältnisse der Familie. In diesem Chaos geschah an anderer Stelle des Flüchtlingstransports ein Drama. Im gleichen Transport befand sich auch eine allein lebende Mutter mit ebenfalls 12 Kindern. Das Schicksal wollte es, dass die Mutter dieser Kinder nach einer schweren Krankheit verstarb. Für Irmas Mutter war es selbstverständlich, nun auch diese 12 Kinder aufzunehmen, ohne darüber nachzudenken, wie das wohl ausgehen könnte. Nun hatte die alleinstehende Frau und Mutter neben ihrem Neugeborenen und 11 Kindern, 12 weitere fremde Kinder hinzu bekommen. Sie war nun also eine Frau und Mutter mit insgesamt 24 Kindern. Man mag sich kaum vorstellen, wie unter normalen Umständen 24 hungrige Mäuler zu stopfen sind. Vor allem, wie diese Kinder mit allem was notwendig war zu versorgen waren. Schon gar nicht kann man sich die Situation dieser Großfamilie auf einem chaotisch verlaufenden Transport in die Ungewissheit vorstellen. Die Frau mit ihren 24 Kindern schlug sich durch, weil es überall hilfsbereite Menschen gab, die ihre schwierige Situation erkannten und der Familie Hilfe zukommen ließen. Als die Großfamilie Wochen später in Wama in der Bukowina ankam, nahm das Drama seinen weiteren Verlauf. Die Frau mit ihren 24 Kindern, darunter ein Neugeborenes sowie das verbliebene Gepäck, fand sich in kalter Jahreszeit auf dem verlassenen Bahnhof von Wama wieder. Es dämmerte schon und es war nasskalt, als der Bahnhofvorsteher von Wama auf die Großfamilie traf. Nach Schilderung der schwierigen Situation, wusste der Bahnhofvorsteher, dass er die Familienicht allein ihrem Schicksal überlassen konnte. Dass einzige was er diesen vielen Menschen in diesem Moment anbieten konnte,war ein leerer Raum im obersten Dachgeschoss des Bahnhofgebäudes. Hungrig und trotzdem erleichtert, suchte jeder einen Platz auf dem Fußboden, um erst einmal zur Ruhe zu kommen. Zumindest war es hier trocken und man wärmte sich gegenseitig. Die mitgebrachten Kleidungsstücke dienten als Unterlagen und zum zudecken. Die nächsten Tage konnte die Familie in diesem Raum bleiben. Durch die Unterstützung von Menschen, die diese Notsituation erkannten, konnte die Großfamilie einige Zeit überleben. Wie, kann man sich nur schwer vorstellen. Schließlich suchte die Mutter nach einer Lösung. Was kam ihr da anderes in den Sinn, als den Ausgangspunkt und Heimatort ihrer Herkunft aufzusuchen und nach Pojorâta zurückzukehren. Nur hier brachte die Gemeindebehörde, aber auch die Bevölkerung der Familie kein Verständnis entgegen. Inzwischen hatte man sich von den Deutschen und ihrem alten Regime abgewandt. Die von den Deutschen verlassenen Häuser wurden inzwischen von Rumänen bewohnt. Im Ort selbst befanden sich nur noch ganz wenig deutsche Familien. Einige waren zurückgeblieben und andere, wie sie, wieder zurückgeschickt worden. Viele waren inzwischen nach Sibirien deportiert worden. Schließlich fand die Familie ein altes verfallenes Haus ohne Fenster und Türen und ohne Ofen. So kauerte man sich in windgeschützte Ecken des Hauses und deckte sich mit mitgebrachter Kleidung zu. Wie Engel Gabriel erschien eines Tages ein verbliebener Bekannter bei der Familie und bot seine Hilfe an. Als erstes schloss er notdürftig Türen und Fenster des Hauses. Entweder wurden Öffnungen einfach zugenagelt oder alte Fenster und Türen eingesetzt. Auch ein alter Ofen wurde besorgt. Die Kinder der Familie strömten aus, um Holz zu sammeln und etwas Essbares zu besorgen. Irgendwie hat man auf diese seltsame Weise den ersten strengen Winter überlebt. Zur Überraschung der Familie erschien im nächsten Frühjahr ein Rumäne mit einer Bescheinigung der Gemeindeverwaltung, in der stand, dass ihm das Haus, das inzwischen von der Familie und ihrem Bekannten notdürftig hergerichtet und bewohnt worden war, übertragen worden sei. Wie Obdachlose musste man sich wohl oder übel dieser Situation beugen. Nachdem man ein anderes altes unbewohntes und unbrauchbares Haus fand, räumte man erzwungenermaßen das Feld. Wieder begann alles von vorn. Wieder trat der gute Bekannte in Aktion und richtete auch dieses Haus wieder notdürftig her. Da der Sommer bevorstand, hatte man etwas mehr Zeit für die provisorische Herrichtung des Hauses. Auch die Beschaffung von Nahrungsmitteln war jetzt leichter und auch besser geübt. Für den nächsten Winter war man wieder gewappnet, wenn auch nur sehr notdürftig. Irgendwie gelang es der 25köpfigen Großfamilie zu überleben. Sicher gab es auch immer wieder freundliche und hilfsbereite Menschen, die die Familie unterstützten. Als im nächsten Frühjahr plötzlich ein Geistlicher erschien und der Mutter abermals eine Bescheinigung der Gemeinde vorlegte, in der stand, dass ihm dieses Haus zugeteilt wurde, verweigerte die resolute Frau die Herausgabe des Hauses. Wohl auch nur, weil es sich um einen Geistlichen handelte. Der Geistliche zog von dannen und ward nie mehr gesehen. Die Familie bekam ihre Probleme zunehmend besser in den Griff, ob als Selbstversorger oder mit Unterstützung anderer. Später in den 50er Jahren erschien eine Frau aus Westdeutschland. Es war die Schwester der verstorbenen Mutter der hinzugekommenen 12 Kinder. Sie hatte den Auftrag, die Kinder ihrer verstorbenen Schwester mit nach Westdeutschland zu holen. Da sie gut vorbereitet war, dauerte es nicht lange und die 12 Kinder verließen ihre bisherige Großfamilie und gingen mit ihrer Tante in die Bundesrepublik. Hierdurch verbesserte sich die Lebenssituation der Verbliebenen abermals. Die Kinder besuchten bald die rumänische Schule. Zu Hause wurde in der Zipser Familie immer Deutsch oder Zipser Dialekt gesprochen, den die aus der Zips eingewanderten Bergleute mitgebracht hatten. Später sind einige Kinder der Familie ebenfalls nach Westdeutschland ausgereist. Die Mutter und ein Teil ihrer Kinder blieben aber in der Bukowina. Die Situation verbesserte sich, die Kinder heirateten und man konnte ein den dortigen Verhältnissen angepasstes Leben führen. Die kuragierte Mutter, die diese einmalige Energieleistung vollbracht hatte, ist vor einigen Jahren mit 102 Jahren verstorben. Einige der Kinder sind inzwischen im Erwachsenenalter verstorben, andere leben mit ihren Familien in Westdeutschland. Irma lebt allein in Jakobeny, nachdem ihr Bruder verstorben ist. Sie will hier bleiben.
Alfred Wanza – August 2012
2.3 Gespräch mit einer Zeitzeugin
Zur Person
Das nachstehende Gespräch mit einer Zeitzeugin ermöglicht Einblicke in Geschehnisse bei der Umsiedlung, bei der Flucht und bei der Neuorientierung von betroffenen Menschen.
