Bull Moon Rising - Pack die Liebe bei den Hörnern - Ruby Dixon - E-Book

Bull Moon Rising - Pack die Liebe bei den Hörnern E-Book

Ruby Dixon

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Beschreibung

Pack die Liebe bei den Hörnern, wenn du dich traust! Die herrlich komische und spicy Fantasy von »New York Times«-Bestsellerautorin Ruby Dixon erstmals auf Deutsch!

Die pragmatische veranlagte Adelige Aspeth will ihre Familie vor dem Ruin bewahren, indem sie deren Besitz an magischen Artefakten aufbessert. Gehoben werden dürfen diese aber nur von Mitgliedern der Gilde für Artefakte, bei der sich die Erbin kurzerhand bewirbt. Als sie dort aufgrund ihres Geschlechts abgewiesen wird, muss Aspeth sich einen Anstandswauwau suchen. So begegnet sie Gildenausbilder und Minotaur Hawk, der für den nahenden Conquest Moon – der Stiermenschen vor Lust den Verstand verlieren lässt – eine Bettgefährtin braucht. Die beiden schließen einen folgenschweren Heiratspakt ...

Humorvolle Romantasy trifft auf die Tropes Teacher x Student und Marriage of Convenience.

***Mit exklusivem Bonus-Epilog nur in der deutschen Ausgabe!***
Spice-Level: 4 von 5

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Seitenzahl: 799

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Die pragmatisch veranlagte Adelige Aspeth will ihre Familie vor dem Ruin bewahren, indem sie deren Besitz an magischen Artefakten aufbessert. Gehoben werden dürfen diese aber nur von Mitgliedern der Gilde für Artefakte, bei der sich die Erbin kurzerhand bewirbt. Als sie dort aufgrund ihres Geschlechts abgewiesen wird, muss Aspeth sich einen Anstandswauwau suchen. So begegnet sie Gildenausbilder und Minotaur Hawk, der für den nahenden Eroberungsmond – der Stiermenschen vor Lust den Verstand verlieren lässt – eine Bettgefährtin braucht. Die beiden schließen einen folgenschweren Heiratspakt …

Autorin

Ruby Dixon ist das Pseudonym einer »New York Times«- und »USA Today«-Bestsellerautorin, die mit Vorliebe romantische Fantasy und Monster-Liebesgeschichten schreibt. Mit ihrer Reihe um die »Ice Planet Barbarians« hatte sie ihren großen Durchbruch, seither wächst ihre Beliebtheit bei den Leser*innen und auf TikTok. Auch ihre neue Romantasy »Bull Moon Rising« stieg direkt in die Top 10 der »New York Times«-Bestsellerliste ein. Sie ist Sternzeichen Schütze, Liebhaberin von StarWars, und leidenschaftliche Sims-Spielerin. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und ein paar verrückten Katzen lebt sie in den Südstaaten.

Ruby Dixon

Bull Moon Rising

Pack die Liebe bei den Hörnern

Roman

Deutsch von Elizabeth Marshall

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Bull Moon Rising« bei Ace / Berkley, an imprint of Penguin Random House LLC, New York.

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © 2024 by Ruby Dixon

This edition published in arrangement with the author, c/o BARORINTERNATIONAL, INC., Armonk, New York, U.S.A.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2025 by Blanvalet

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München.

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Daniela Bühl

Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.de

nach einem Entwurf von Rita Frangie Batour und unter der Verwendung von Bildmaterial von Kelly Wagner

Illustration Umschlagsinnenseite: @ Alex Conkins

Innengestaltung unter Verwendung der Bilder von: © Adobe Stock (poganka06)

SH · Herstellung: fe

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-33617-2V001

www.blanvalet.de

Für meinen Ehemann.

Einfach so.

1

Aspeth

27 Tage vor dem Eroberungsmond

Die Kutsche, die uns nach Vastwarren-Stadt bringt, knarrt, und die Sitze sind unbequem, und ich habe viel zu viel für die Fahrt bezahlt. Gleichzeitig ist sie ganz offenkundig ein Artefakt, was der Grund ist, warum ich mit ihr reisen wollte. Von außen gestaltete sie sich wie jede andere Kutsche, die auf der Straße vor dem Gasthaus wartete, aber diese hatte weder ein Pferd eingespannt noch ein Joch vor sich. Dafür war in ihrem Holz ein Symbol eingeschnitzt, das ich als Alt-Prellisch erkannte.

Der Kutscher verlangte einen stolzen Taler, aber das war mir egal. Ich wollte unbedingt mit diesem verdammten Artefakt-Vehikel reisen.

So sitzen wir nun hier, und die Fahrt gestaltet sich als ungeheuer holprig. Und dennoch betrachte ich die Kutsche voll von Begehren. Ohne ein Pferd zum Zug, eilt sie über das Kopfsteinpflaster und steuert auf die Stadt in der Ferne zu. Der Kutscher ist einer von der heiteren Sorte und sitzt erst gar nicht auf dem Kutschbock, sondern bei uns hinten im Wagen. Zu den Fenstern gewandt hält er Zügel in den Händen, als lenke er ein Pferd, und doch ist da nichts, was uns zieht.

Weitere alt-prellische Glyphen zieren die Front der Kutsche, und es treibt mich wahrlich in den Wahnsinn, dass ich mich nicht einfach vorlehnen kann, um sie zu lesen – doch dafür müsste ich mein Gesicht in den Schoß des Kutschers legen, weil meine Sehkraft so miserabel ist.

Ich werde mich mit dem Wissen begnügen müssen, dass die Kutsche tatsächlich magisch ist und der freudig schwatzende Kutscher sie nicht verkaufen wird. Niemand verkauft Artefakte.

Niemand außer meinem törichten Vater.

Ich knabbere an meiner Nagelhaut und sehe aus dem Fenster, während die magische Kutsche an einem Feld vorbeirauscht, auf dem eine ungeheure Menge an Menschen steht. Sie stochern mit Schaufeln im Dreck, und am anderen Ende des schlammigen Geländes entdecke ich einen Stand. Auf einem Schild neben dem Stand steht in grellen bunten Lettern: GRABTNACHARTEFAKTEN! WASGEFUNDENWIRD, WIRDBEHALTEN!

»Tatsächlich?«, platzt es aus mir heraus, als wir daran vorbeifahren. »Finden die Leute tatsächlich Artefakte in den Feldern?«

Der Fahrer lacht. »O nein, das ist nur für die Touristen. Sie tauchen hier auf, mit ein paar Groschen und einem Spaten, und denken, dass sich ihr Blatt hier zum Guten wendet. Sie alle meinen, sie werden den nächsten Automator oder Krug des nicht endenden Weines finden. Das passiert natürlich nicht, aber am Ende des Tages gehen sie alle glücklich ihrer Wege. Ich habe gehört, dass einige der eher skrupellosen Typen defekte Artefakte in den Feldern vergraben, damit die Leute etwas finden können.« Er schüttelt den Kopf. »Ihr seid gut beraten, wenn ihr derlei Angeboten aus dem Weg geht.«

»Aber Eure Kutsche ist ein Artefakt«, stelle ich fest und ignoriere, wie Gwenna auf meinen Fuß stampft. »Wie kam sie in Euren Besitz?«

Er streckt den Arm aus und tätschelt die Kutsche, als wäre sie eine Person. Das könnte sie ebenso gut sein. Ein funktionales Artefakt ist mehr wert als Gold. »Ein Geschenk des Königs an einen meiner Vorfahren. Sie ist seit Generationen im Besitz meiner Familie. Ich habe Glück, sie mein Eigen zu nennen.«

»Ein seltenes Stück«, stimme ich zu. »Und niemand hat versucht, sie zu stehlen?«

Nun kneift Gwenna mich.

»Das würde wenig bringen«, erzählt er mir freudig, ahnungslos ob meiner Gedanken. »Immer bei Sonnenuntergang stirbt sie – ein magisches Aktvierungswort lässt sie bei Sonnenaufgang wieder auferstehen. Dieses Wort wird von meiner Familie wohlgehütet, und wir würden es selbst unter Todesqualen nicht preisgeben.«

Ich denke, dass dem Mann vielleicht noch kein Druck gemacht wurde. Sicherlich könnte man das magische Wort aus ihm herausbekommen, mit den rechten Mitteln der Überzeugung. Als ich mir vorstelle, wie jemand den Kutscher (der, ehrlich gesagt, sehr freundlich ist) wegen seiner Artefakt-Kutsche foltert, bin ich von mir selbst angewidert.

Es ist nur so, dass die Familie Honori dringendst Artefakte benötigt. Ich überlege, wie ich meine nächste Frage am geschicktesten anbringen kann, während Gwenna mich unentwegt durch zusammengekniffene Augen anstarrt.

»Ich nehme nicht an, dass Sie die Kutsche verkaufen würden?«, frage ich. »Ich könnte sie zu einem sehr wohlhabenden Mann machen.«

Natürlich lüge ich.

Hätte ich auch nur zwei Taler zu verschwenden, würde ich nicht vom Sitz Honori fliehen. Hätte ich auch nur zwei Taler zu verschwenden, hätte ich Barnabus Chatworth geheiratet – obwohl er nur hinter meiner Position her war. Tatsächlich bin ich aber ziemlich, ziemlich pleite … was aber nicht heißt, dass ich es nicht probieren kann. Wenn ich ihn dazu bringen könnte, die Kutsche zu verkaufen, würde das nicht meine Probleme lösen. Aber es wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Es wäre zumindest etwas.

»Oh, das kann ich nicht tun«, antwortet der Kutscher, und ich bin nicht überrascht. »Ich habe das alte Mädchen von meinem Vater geerbt, und nach mir geht sie an meinen Sohn.« Er streichelt die Kutsche wieder, als wäre er ihr Liebhaber. »Ich kann meine Familie nicht des Geldes wegen verraten, wenn das Geld doch wegen des Artefaktes zu uns kommt.«

»Ich verstehe.« Ich glaube immer noch, dass man das Wort der Macht aus ihm herausfoltern könnte. Aber ich verstehe ihn.

Er sieht kurz zum Rücksitz der Kutsche, wo Gwenna neben mir sitzt, die Tragetasche meiner Katze auf dem Schoß. »Manche Dinge sind unverkäuflich.«

Wenn sie es wären, könnte ich meine Probleme lösen … Könnte ich das wirklich? Wenn man bedenkt, dass ich weder Geld noch Artefakte habe, weiß ich es nicht.

»Wie wahr.«

»Die Damen reisen nach Vastwarren. Ist es ihr erstes Mal in der Stadt?«

»Das erste Mal«, bestätige ich und blicke zu dem Feld zurück, während es aus meiner Sicht verschwindet. Ich bin versucht, mir eine Schaufel zu schnappen und selbst mein Glück zu versuchen, einfach um herauszufinden, ob man in dem ganzen Schlamm tatsächlich ein Artefakt finden kann. Wenn auch nur die kleinste Möglichkeit besteht, wäre es einen Versuch wert, oder? Für einen Augenblick träume ich davon, mit dem Spaten ein paar Ladungen Dreck wegzuschleudern – gerade genug, damit es ein bisschen Mühe macht – und dann auf Metall zu stoßen. Ich würde meine Entdeckung bergen und ein golden-schimmerndes Artefakt bewundern. Natürlich nicht nur irgendein Artefakt. Eines, das sich endlos wieder aufladen lässt. Genau wie die Kutsche, in der wir gerade fahren. Oder vielleicht eines von denen, die im Sonnenlicht wieder aufladen.

Und es müsste natürlich etwas Nützliches sein. Nicht wie die gläserne Kerze, die einen endlosen Hauch an Rosenduft-Rauch verbreitet. So was wie einer der Schild-Kristalle, die in der Hauptstadt benutzt werden, wäre perfekt. Oder etwas, das aus heißer Luft eine begehrte Ware schaffen kann, wie der Dekanter, der Schlangengift ausschenkt. Ein Kriegsartefakt aus dem Alten Prell, das ist es, was der Sitz Honori braucht. Eine Vielzahl davon, um genau zu sein. Wir brauchen eine Verteidigungsanlage und die Mittel, um unsere Festung zu unterhalten.

Und die Artefakte müssen tatsächlich funktionieren. Alle, die gerade unsere Tresorräume füllen, sind tot. Ein totes Artefakt ist so nützlich wie … na ja, so nützlich wie eine Festungserbin ohne Geld oder Artefakte, um den Sitz ihrer Familie zu verteidigen. Ich unterdrücke ein Seufzen, lehne meinen Kopf an das Fenster der Kutsche und sehe zu, wie eine weitere Familie, mit Spaten und Eimern bewaffnet, aufgeregt schnatternd zum Feld eilt.

Gwenna stupst mich an, und mir wird bewusst, dass der Kutscher gerade mit mir gesprochen haben musste.

»Bitte?«, frage ich und richte mich wieder auf.

»Ihr habt noch gar nicht verraten, wer Ihr seid und was Euch nach Vastwarren-Stadt führt. Besucht Ihr ein Fest oder ähnliches?« Er klingt ausgesprochen zögerlich, als könne er nicht nachvollziehen, warum irgendwer ein Fest in Vastwarren ausrichten sollte. Der König meidet die Stadt, weil sie den Ruf hat, rau und ungestüm zu sein. Es macht mich ein wenig nervös. Wenn ich mir etwas »rau und ungestüm« vorstelle, denke ich an einige der Stallburschen meines Vaters und wie sie laut werden, nachdem sie zu viel getrunken haben. Aber das sind nur ein paar Stallburschen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie eine Stadt wäre, die für diese Art von Benehmen bekannt ist. Ich beuge mich nach vorne und blicke durch das Fenster der Kutsche auf die Stadt in der Ferne. Sie sieht aus wie ein großer Fleck, der sich über einen Hügel ausgebreitet hat, und über ihm der Rauch von tausenden Kaminen, die die Luft verschmutzen. Alles an diesem Bild sieht schmutzig aus. Aber das muss nicht bedeuten, dass es dort nicht sicher ist …

Oder doch?

Ich habe schon viele Bücher über Vastwarren-Stadt gelesen, aber die meisten waren Geschichtsbücher. Ich weiß, dass dieser Ort in der Ebene zwischen zwei Flüssen einst das Zentrum einer großen antiken Stadt namens Prell war, und Prell war voller Magie. Die Menschen von Prell erzürnten die Götter, und so ließen sie die Stadt vom Boden verschlucken, wo sie für Hunderte von Jahren in Vergessenheit lag. Dann, vor dreihundert Jahren, tobten die Magikerkriege. Daraus folgend wurde Magie verboten, und ein neues Berufsfeld kam auf – Artefaktsuche. Vastwarren-Stadt wurde auf den Gräbern des alten Prell gebaut.

Vastwarren ist wahrlich die einzige Stadt, die nicht von einem Fürsten regiert wird. Der Rest von Mithas ist in verschiedene Regionen eingeteilt, die von ihren Fürsten, wie meinem Vater, regiert werden. Und alle Fürsten werden vom König regiert. Aber Vastwarren? Das ist ein Ort, der sich selbst gehört und an dem die Königliche Gilde der Artefakte am meisten zu sagen hat.

Ich weiß nicht, wie es in der Stadt aussieht. Ich weiß, dass es im alten Prell große Plätze mit magischen Brunnen gab, und die Einwohner alles mit Magie belegt hatten – von Tassen über Kutschen, bis hin zu Waffen. Es funkelte nur so vor Magie, und die Menschen waren reich und mächtig … Aber der dreckige Fleck am Horizont verrät mir, dass Vastwarren-Stadt ein gänzlich anderer Ort ist. Wie auch seine Einwohner.

Der Kutscher fragt, ob wir zu einem Fest gehen, aber eigentlich will er nur plaudern. Jeder weiß, dass der Adel Vastwarren und die ansässige schwierige, ungestüme Bevölkerung meidet. Wir bleiben lieber in unseren Festungen oder besuchen den Königshof.

Andererseits weiß der Kutscher nicht, dass ich adlig bin, und erwartet eine Antwort. Da kann ich ihm eigentlich auch die Wahrheit sagen. Die neue Wahrheit.

»Mein Name ist Sparrow«, sage ich ihm, und schon den Namen auszusprechen, erfüllt mich mit Stolz. Ich richte mich auf und ziehe meine Schultern gerade. »Und ich bin auf dem Weg in die Stadt, um der Königlichen Gilde der Artefakte beizutreten.«

Ich warte darauf, dass er das angemessen beeindruckte Geräusch macht, das so eine Verkündung verdient. Gilden-Artefakter sind aufregende, gefährliche Individuen, Menschen, über die Geschichten geschrieben werden. Sie sind hoch angesehen, wo auch immer sie sich hinbegeben, und jeder Fürst hält die besten Truppen an Artefaktern in Lohn und Brot, damit sie die besten Artefakte für ihn finden. Artefakter werden von allen verehrt.

Nur anscheinend nicht von unserem Kutscher. Er sieht uns beide an und fängt an, laut loszulachen.

Wie unhöflich.

*

Nachdem er uns an den Ausläufern von Vastwarren-Stadt abgeladen hat, starrt Gwenna mich böse an, bevor ich meine Umgebung überhaupt genauer betrachten kann. Kaum poltert die Kutsche weiter, kneift sie mich mit grimmigem Blick in den Arm. »Du Schwindlerin! Warum hast du ihm gesagt, dass du Sparrow heißt?«

Squeaker jault in ihrer Tragetasche nach Aufmerksamkeit, und das Geräusch ist laut genug, um einige Leute in der geschäftigen Straße kurz innehalten zu lassen. Ich öffne die speziell angefertigte Tasche und nehme die große orangefarbene Katze auf den Arm. Es fühlt sich an, als umarme ich einen haarigen Mehlsack, aber als sie wie ein Baby in meinem Arm liegt, ist sie beruhigt. Ich fahre mit meinen Fingern über ihre weiße Brust, und sie schnurrt. Armer Schatz. Das war eine schreckliche Fahrt, weg von zu Hause. Es war schon für mich wahrlich nicht angenehm, die letzten drei Tage in verschiedenen Kutschen durch die Landschaft zu poltern. Meine arme Squeaker musste die Strapazen in einer Tasche durchleben. Doch ich hätte sie nicht zurücklassen können. Sie ist alles, was ich habe.

Also, sie und Gwenna.

Ich sehe meine Magd wenig erfreut an. »Ich bin keine Schwindlerin. Ich habe es dir mehrfach erklärt. Jeder, der der Königlichen Gilde der Artefakte beitritt, gibt sich einen Vogelnamen. Es ist im Gedenken an den ersten Artefakter, der von einem Artefakt in einen Schwan verwandelt wurde. Jeder in der Gilde ist ein Vogel, und die Anwärter werden Nestlinge genannt. Ich habe entschieden, dass ich den Namen Sparrow mag.« Ich zögere kurz und ergänze dann doch: »Ich weiß, dies ist nicht dein Traum. Noch hast du genug Zeit, um nach Hause zurückzukehren. Wir könnten behaupten, dass du entführt wurdest. Oder noch besser, ich könnte dir einen wunderbaren Empfehlungsbrief schreiben, mit dem du an jedem Sitz eingestellt würdest. Du musst es nur sagen, und ich tue es umgehend.«

Gwenna sieht mich durch schmale Augen an. »Warum willst du mich loswerden?«

Ich widerstehe dem Drang, meine Finger an meinen Mund zu führen, damit ich an meiner Nagelhaut knabbern kann. Großmutter findet, dass es eine widerliche Angewohnheit ist – und das ist es auch –, aber ich kann nicht anders. Wenn ich nervös werde, nage ich wie wild. Nun kratze ich stattdessen mit meinen Fingernägeln daran. »Ich will nur … ich bin froh, dass du bei mir bist, Gwenna, wirklich! Aber dies ist kein Ort für Damen, und ich will nicht, dass du dich in einem Schicksal gefangen fühlst, das du nicht gewählt hast.«

Sie starrt in die belebte Straße vor uns. Menschen aller möglichen Ausprägungen bevölkern die kopfsteingepflasterten Wege, und alle sehen aus, als kämen sie von den übleren Seiten der Stadt. Wobei, vielleicht ist ganz Vastwarren übler.

»Weißt du noch, als ich neun war und du vierzehn? Wir waren beide Kinder, und meine Mutter war gerade in der Küche deines Vaters angestellt worden. Wir haben zusammen im Garten gespielt, bevor dein Tutor kam und uns entdeckte. Erinnerst du dich daran, was du zu ihm gesagt hast?«, fragt Gwenna.

Ich blinzle, weil ich mich kein bisschen an diesen Tag erinnern kann. In meiner Kindheit verbrachte ich die meisten meiner Tage damit, allein mit einem Tutor in der Festung der Honori zu sitzen, weil mein Vater am königlichen Hof war. Mal war es ein Mathematik-Tutor, mal ein Benimm-Tutor. Der beste Tutor war der, der mein Interesse am alten Prell gefördert hat. Und der schlimmste war der, den Großmutter eingestellt hatte. Der wollte, dass ich nähe und an meinem Lachen arbeite, damit ich einen Ehemann finden würde.

»Es tut mir leid. Ich kann mich nicht erinnern. Was habe ich gesagt?«

Sie betrachtet die Gebäude um uns herum und positioniert eine Hand über ihren Augen, um sie vor dem tief stehenden Sonnenlicht zu schützen. »Du fragtest, ob ich mit dir lernen dürfe. Du wolltest eine Freundin an deiner Seite, du mochtest mich.«

Ich lächle sanft, weil ich mich zwar immer noch nicht erinnern kann, aber es wie etwas klingt, was ich getan hätte. Ich war so einsam als Kind und habe mich so sehr nach Aufmerksamkeit gesehnt.

»Ich kann mich nicht erinnern, haben wir zusammen gelernt?«

»Nein.« Ihre Stimme wird stumpf. »Dein Vater sagte, ich sei eine Dienstbotin, und dass kein Nutzen darin läge, jemanden zu unterrichten, der für die Küche bestimmt ist. Dass mich zu unterrichten eine Verschwendung wäre.« Ihr Kiefer versteift sich, als sie mich ansieht. »Ich erinnere mich gut daran und auch daran, dass am nächsten Tag eine Stelle für mich in der Spülküche gefunden wurde, und dass ich keine andere Wahl hatte, als zuzustimmen, weil meine Mutter jede Münze brauchte. Ich denke sehr oft daran.«

Mein Mund wird trocken. »Es tut mir leid, Gwenna …«

»Mir nicht. Seine Worte haben mich wütend gemacht.« Sie zieht ihre Schultern zurück. »Sie haben mich begreifen lassen, dass ich mehr als nur eine Arbeit will. Ich will lernen. Ich will etwas sein. Jemand sein. Und ich werde meinen eigenen Weg gehen, auch wenn es mich umbringt.«

Ihre entschlossenen Worte jagen mir einen Schauer über den Rücken. »Das ist wundervoll. Ich bin so froh, dass du hier bist.«

Sie greift nach meiner Hand, drückt sie, und ich umarme sie. Oder zumindest versuche ich, sie zu umarmen. Weil ich gleichzeitig Squeaker im Arm habe und sie unsere Taschen, funktioniert das nicht so richtig. Mit einem verwirrten Gesichtsausdruck zieht sie sich zurück, und ich tue so, als würde ich stattdessen einen Fussel von ihrem Arm pflücken. Schade eigentlich. Ich liebe Umarmungen und bekomme sie so selten. Niemand mag es, die Tochter eines Fürsten zu umarmen. »Dann ist es entschieden. Fortan werde ich ›Sparrow‹ und du ›Chickadee‹ sein.«

»Das werde ich ganz sicher nicht«, sagt Gwenna bestimmt. »Das ist ein furchtbarer Name.«

»Dann such du einen Vogel aus.« Ich zucke mit den Schultern. »Von heute an sind wir neue Menschen. Ich kann sicherlich nicht herumlaufen und verkünden, dass ich Fürstentochter Aspeth Honori, Erbin des Sitzes der Honori, bin. Es wäre wie eine Einladung, mich zu entführen und Lösegeld zu fordern.«

Und mein Vater kann kein Lösegeld zahlen. Nicht einen Taler. Er kann nicht mal seine Ritter bezahlen. Ich kann mir kaum ausmalen, was für ein Chaos entstehen würde, wenn unsere benachbarten Sitze wüssten, wie schlecht genau es um den Sitz Honori steht. Ein Sitz wird als so stark wahrgenommen wie das Land, das er beschützt. Und Honori ist das älteste Fürstengeschlecht. Selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass wir unzählige Artefakte besitzen und somit unbesiegbar sind. Wenn die Wahrheit ans Licht käme, würde die Festung meiner Familie von Feinden überfallen werden, unsere Länder an sie übertragen und unsere gesamte Familie hingerichtet. Ich bin unsagbar frustriert, dass mein Vater unsere letzten funktionierenden Artefakte verspielt hat. Aber die Menschen, die auf unserem Land leben, trifft keine Schuld. Sie verdienen nicht zu erleiden, welch unheilsames Schicksal auch immer auf dem Weg zu unserem Sitz ist.

Es ist die Verantwortung des Fürsten, seine Untertanen zu beschützen. Und da mein Vater dazu nicht in der Lage ist, fällt sie mir zu.

Ich habe keine andere Wahl. Als mein Vater abreiste, um seine Geliebte, die Kurtisane Liatta bei Hofe zu besuchen, wusste ich, dass ich handeln muss. Mit nur ein paar meiner Besitztümer in den Taschen habe ich mich inmitten der Nacht aus der Festung geschlichen und einen Brief hinterlassen, der den Dienstboten mitteilt, dass ich meine Großmutter in den östlichen Hügeln besuche.

Jetzt muss ich nur noch Artefakterin werden, Unmengen an Artefakten finden und die Schatzkammern meines Familiensitzes wieder auffüllen.

Aspeth Honori wurde auf den staubigen Straßen nach Vastwarren-Stadt zurückgelassen.

Nun bin ich Sparrow.

Gwenna leiht für einen Groschen einen Gepäckwagen und zieht ihn hinter sich her. Wir beladen den Wagen – nun, eigentlich Gwenna, weil ich versuche, meine Katze auf dem Arm zu behalten. Als alles verstaut ist, besteht kein Grund, weiter zu warten.

»Auf geht’s, Chickadee«, sage ich fröhlich. »Das Gilden-Anwärter-Treffen ist erst morgen in der Früh. Sollen wir uns einen Schlafplatz suchen?«

»Nicht Chickadee«, protestiert Gwenna und stemmt ihre Hände in die Hüften. »Das klingt unglaublich dumm.«

»Dann such einen Vogel aus. Welcher ist dein Lieblingsvogel?«

»Zum Essen? Truthahn.«

»Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee wäre, dich Turkey zu nennen. Wobei ich auch nicht glaube, dass der Name bereits vergeben ist.« Ich spitze meine Lippen, denke nach und verlagere das Gewicht meiner schweren Katze in meinem Arm. Gute Götter, sie bedeckt mein dunkles Reisekleid mit ihrem scheidenden Fell. Ich versuche, sie zurück in ihre Tasche zu packen, aber sie jault wütend auf und versenkt ihre Krallen in meinem Arm. Ich seufze und setze sie auf meine Hüfte wie ein dickes orangefarbenes Baby. »Was ist mit Blue Jay? Robin? Wren?«

»Wren ist in Ordnung, Chickadee ist dumm.« Gwenna sieht mich irritiert an und nimmt den Griff unseres Gepäckwagens. »Alles an der Sache ist dumm. Aber schreitet voran, Fürstentochter Sparrow.«

»Nur Sparrow«, sage ich fröhlich und atme tief ein.

Ein Fehler. Vastwarren-Stadt haftet ein seltsamer Geruch an. Es ist eine Gestankkomposition aus Misthaufen, ungewaschenem Körper und einer Ansammlung anderer recht widerlicher Gerüche. Über der Stadt hängt eine Rauchwolke, die ganz sicher von den Tausenden Öfen kommt, die alle gleichzeitig brennen. Ich huste, rücke meine schwere Katze wieder zurecht und wünsche mir dann, ich hätte mein Korsett heute Morgen nicht so eng gebunden.

»Gute Göttin. Hier stinkt es bestialisch.«

»Es stinkt, als hätte ich an der Rückseite meines Ohrs gekratzt«, stimmt Gwenna – Wren – zu.

»Das ist widerlich.« Mit einer Hand kneife ich meine Nase zu, während ich Squeaker mit der anderen oben halte. Aber sie hat nicht unrecht. Alles hier riecht unvertraut ungewaschen. Das Land der Honori ist vielleicht karg und dünn besiedelt, aber es ist vor allem sauber. Aus der Ferne sah Vastwarren-Stadt ein wenig heruntergekommen aus, aber ich hatte mir vorgenommen, nicht zu urteilen, bevor ich nicht in ihren Straßen stand.

Jetzt stehe ich dort und, nun … es ist schlimm.

Es ist überfüllt. Das ist eines der ersten Dinge, die ich bemerke. Während Gwenna sich mit unserem Gepäckwagen abmüht, bedenken uns die Menschen mit bösen Blicken, weil wir den natürlichen Fluss der Passanten behindern. Ich drücke Squeaker noch näher an mich. Wenn sie jetzt wegläuft, finde ich sie in dieser Menge nie wieder. Nicht dass es wahrscheinlich wäre. Das Einzige, worauf Squeaker zurennt, ist ihr Futternapf. Außerdem ist Vastwarren-Stadt dreckig. Die gepflasterten Straßen sind schmutzüberzogen, und überall lauern Schlaglöcher. Die zwei- bis dreistöckigen Gebäude sehen eingefallen und vom Wetter mitgenommen aus. Und nirgends kann ich auch nur ein bisschen Grün entdecken. Alles ist grau und braun und trübe und dreckig und voll. Über dem Häusermeer erhebt sich eine große Mauer, die das Herz der Stadt umgibt. Dahinter sehe ich Türme und hohe Dächer.

Dort wird der Sitz der Gilde sein. Jetzt muss ich nur durch den Rest von Vastwarren kommen.

Missmutig betrachte ich meine Umgebung. Hier sind so viele Menschen – Menschen aller Arten. Es gibt bleiche Menschen wie mich, aus den Bergen im Norden, und sonnengeküsste Menschen, von der Küste im Süden. Auch Tauren marschieren Hufe klappernd auf dem Kopfsteinpflaster durch die Menge, wobei ihre ausladenden Hörner drohen, die nächstgelegenen Markisen einzureißen, wenn sie einem Gebäude zu nahe kommen. Ich habe sogar einen Gleithäuter durch die Menge huschen sehen. Klein und schnell mit seinem Haus auf seinem Rücken. Ich will sie alle anstarren, aber das wäre unhöflich. Die Honori Festung liegt hoch in den Bergen, isoliert durch die Landschaft und durch unseren Namen. Es wird von uns als ältestem Sitz erwartet, dass wir uns an einem höheren Maßstab messen als jüngere Sitze. Wir verkehren nur mit Familien, die fast so alt sind wie unsere. Und obwohl ich zu vielen anderen Festungen und zu Hof gereist bin und verschiedene Verbündete getroffen habe, so haben sie mich immer bei den Frauen gelassen. Wohl überwacht in irgendeinem Salon, wo ich so getan habe, als würde ich sticken. Meistens darf ich nicht mal ein Buch mitnehmen, weil Großmutter denkt, dass kein Mann sich eine Frau wünscht, die die Nase ständig in Büchern hat, weshalb ich wohl trotz des Namens Honori noch immer nicht vergeben bin.

(Andererseits hätte Großmutter gewollt, dass ich Barnabus heirate, auch wenn er nur auf mein Vermögen aus ist. Dem wäre nichts entgegenzusetzen, wenn es tatsächlich ein Vermögen gäbe. Ich sorge mich darum, was passieren würde, wenn er rausfinden würde, dass es keines gibt.)

Ich hatte einst in einem Pamphlet gelesen, wie Vastwarren verglichen wurde mit einem Ameisenhaufen, der auf einem Friedhof gebaut wurde. Erst jetzt verstehe ich den Vergleich wirklich. Die Häuser, die sich entlang des Hanges klammern, der Vastwarren von der umgebenden Landschaft abhebt, sind zusammengepfercht, Wand an Wand mit überladenden Dächern, und es kommt mir so vor, als würde mit nur einem Haus in Folge die ganze Stadt einbrechen. Die Straßen scheinen sich spiralförmig in die Stadt zu winden, stets gesäumt von mehr und noch mehr heruntergekommenen Gebäuden. Und als wäre alles aus Holz und Überresten alter Häuser gebaut. Über uns hängen Wäscheleinen, die zwischen den Häusern der verschiedenen Straßenseiten angebracht sind und von denen es aufs Fußvolk heruntertropft.

Etwas Nasses landet auf meinem Gesicht, und ich wische es angewidert weg. Ich hoffe sehr, dass das von der Wäsche kam.

»Wohin jetzt?«, fragt Gwenna mich erwartungsvoll. »Musst du erst deine Pamphlete über die Gilde studieren?«

Nicht nötig, ich kenne sie auswendig. Seit Jahren schon sammle ich jedes geschriebene Wort, das ich über die Königliche Gilde der Artefakte finden kann. Ich habe die Memoiren von Sparkanos Swan. Habe die drei Bücher, die über die Abenteuer der Gildenmeisterin Magpie verfasst wurden. Und jedes Mal, wenn die Gilde ein Informationspamphlet veröffentlicht, lasse ich es sofort zu mir schicken, damit ich mich darin vertiefen kann. Ich weiß genau, wo das Hauptquartier der Gilde zu finden ist. »Morgen ist das jährliche Treffen. Dann werden die Tore für die Lehrlinge geöffnet, damit sie einen Meister finden können. Bis dahin sollten wir wohl ein schönes Gasthaus für die Nachtruhe finden und uns die Zeit vertreiben.« Ich lächle sie fröhlich an. »So ist zumindest der Plan.«

»Ist er das?«, fragt Gwenna. »Ist er das wirklich?«

»Hast du eine bessere Idee?«

Sie denkt einen Augenblick nach und seufzt dann schwer. »Habe ich nicht.«

»Ich auch nicht. Also los.« Squeaker jault mich an, und ich rücke sie erneut auf meiner Hüfte zurecht. »Wir suchen uns ein schönes, sauberes Gasthaus und kommen erst mal an.«

»Oh, ein sauberes Gasthaus?«, grummelt sie. »Also verlassen wir die Stadt wieder?«

»Sehr witzig.«

Aber ich vermute, dass sie recht hat, was ein wenig besorgniserregend ist. Vastwarren-Stadt ist ein Drecksloch.

Wobei mir bewusst war, dass dieser Ort ein wenig fragwürdig sein würde. Niemand kommt der schönen Aussicht wegen nach Vastwarren. Man kommt hierher, weil dies der Ort ist, an dem die Menschen leben, die bereit sind, echte Risiken einzugehen. Männer, die mutig genug sind, sich den tiefen Tunneln der Ruinen des Untergrunds zu stellen, um uralte Artefakte zu finden und dabei Diebe und Ungeheuer abzuwehren. Truppen von Artefaktjägern, die die Ruinen des alten Prell erforschen, und dann ihre Funde in der legendären Gildenhalle feiern lassen. Kämpfer, die Horden von Rattlingen zurückdrängen. Da ist es nur natürlich, dass die Stadt ein wenig ramponiert ist.

Ziemlich ramponiert sogar.

»Hallo!« Gwennas entrüsteter Aufschrei unterbricht meine Gedanken. »Das gehört dir nicht!«

Ich drehe mich um und sehe, wie Gwenna mit einem fremden Mann um eines meiner Gepäckstücke kämpft. Durch gelbe Zähne faucht der Mann meine Magd an, und zu meiner Überraschung faucht sie zurück. Er reißt den Koffer aus ihrer Hand, rennt durch die trubelige Straße, und Gwenna jagt ihm hinterher.

Weitere Passanten drehen sich um und schauen auf meinen Wagen, der mitten auf der Straße steht. Wenn der Koch den Fischen im Wassergraben nach dem Essen die Reste gibt, ist es genauso.

Gleich geht hier ein Futterrausch los.

Zu spät wird mir klar, dass das prächtige Brokatkleid, das ich trage, eine schreckliche Wahl ist, wenn man die Intention hat, nicht aufzufallen. Noch ein Mann in abgetragener Kleidung kommt schnell auf meinen Wagen zu, und ich tue das Einzige, was mir einfällt, und werfe mich auf den Gepäckhaufen.

Squeaker jault entrüstet auf, als sie herumgeschubst wird, aber in dem Augenblick, in dem mein Hintern auf den Kofferstapel trifft, scheinen die Umstehenden innezuhalten. Der Mann, der es auf eine weitere meiner Taschen abgesehen hatte, verzieht das Gesicht, winkt ab und geht in die entgegengesetzte Richtung. Meine Röcke – und um ehrlich zu sein, auch mein Arsch – sind groß genug, um die kleineren Taschen zu verdecken. Ich lehne mich langsam zurück, um mein Gepäck mit so viel Fläche meines Körpers wie möglich zu bedecken und fauche jeden wild an, der in meine Nähe kommt.

Vielleicht liegt es an der riesigen orangefarbenen Katze auf meiner Brust oder an der Tatsache, dass sich eine Frau auf einem Berg an Gepäck ausbreitet, aber niemand versucht mehr, meine Taschen zu stehlen.

Hechelnd und verschwitzt kehrt Gwenna kurze Zeit später zurück. Sie legt eine Hand auf ihr Korsett und ringt nach Luft.

»Der Bastard ist mir mit der Tasche entkommen.«

»Welche Tasche war es?«, frage ich besorgt.

»Dein Schmuck«, sagt sie, und ihr Mund verzieht sich zu einer wütenden Linie.

Ach. Nun, das kann ich wohl verkraften. Alles, was wirklich von Wert war, wurde verkauft, als mein Vater mit dem Glücksspiel Probleme bekam. Und die Diebe haben somit nichts als Duplikate und Fälschungen ergattert. Dennoch, eine gut gemachte Fälschung kann einige Münzen einbringen. Ich hatte gehofft, sie zu verkaufen, wenn wir ankommen. Es schmälert unsere Mittel, aber es hätte schlimmer kommen können. Hätten sie zum Beispiel meine Bücher gestohlen oder die Kleidung, die ich für mein Treffen mit der Königlichen Gilde der Artefakte ausgewählt hatte. Oder Squeakers Lieblingsfutter. Sie ist eine recht wählerische Katze.

»Ich konnte den Rest retten«, sage ich, während Gwenna weiterhechelt. »Danke, dass du es versucht hast.«

Sie winkt ab. »Mir war nicht klar, dass hier so viele Diebe sind.«

Mir auch nicht. Jetzt fühlt es sich so an, als wäre die ganze Stadt voll von Gaunern und Räubern. Jeder Mann, der an uns vorbeikommt, sieht wie ein potenzieller Dieb aus, und wann immer jemand zu nah an den Wagen kommt, werde ich steif vor Panik. Gwenna packt den Griff des Wagens und stöhnt, als sie daran zieht, während ich weiter auf dem Gepäck throne. »Bei Milus’ Knochen, Aspeth, was trägst du unter diesem Kleid? Stöcke? Steine? Einen ganzen Wald?«

»Dank an Röcke, nicht an Stöcke«, scherze ich und lächle Gwenna breit an, damit sie nicht in Panik gerät.

Ich weiß, dass sie diese Reise jetzt schon hasst. Ich weiß, dass sie sich sorgt, wie verletzlich wir sind. Jetzt, da wir die Festung meines Vaters verlassen haben. Eine andere Fürstenfamilie könnte mich entführen und Lösegeld fordern. Diebe könnten uns auflauern. Ich könnte auf jede erdenkliche Art und Weise kompromittiert werden, auf die eine adlige Frau kompromittiert werden kann. Ich könnte mich in den Wäldern im Osten wiederfinden und für immer dort verschollen bleiben. All diese Szenarien hat sie während unserer Reise hierher nach Vastwarren-Stadt mehrfach erwähnt.

Ich habe sie alle selbst in Gedanken durchgespielt. Ich bin nicht dumm. Doch mir mangelt es gänzlich an Alternativen.

Gwenna hat recht. Dieser Ort ist unheilvoll und gefährlich, aber hierherzukommen ist das Risiko wert. Wenn irgendjemand herausfände, dass die Festung der Honori nichts weiter als ein paar tote Artefakte beherbergt, und mein Vater den Rest verspielt hat … Noch ehe zwei Wochen verstreichen könnten, würden Rivalen uns vertreiben … Und das ist optimistisch gedacht. Das hier ist etwas, das ich tun muss.

Wieder beäugt ein Passant den Wagen ganz genau. Ich starre ihn böse an und drücke Squeaker noch fester an mich. Die Katze windet sich fürchterlich, aber ich habe sie sicher im Arm. Mir ist bewusst, dass ich schwerer bin als Gwenna. Da ich als Tochter eines Fürsten aufgewachsen bin, war mein Leben voller Süßwaren und Bücher – und beinhaltete sehr wenig physische Arbeit. Was sich an der Größe meines Hinterteils deutlich erkennen lässt.

»Wenn du willst, können wir auch tauschen. Ich ziehe und du sitzt«.

»Mach dich nicht lächerlich«, sagt Gwenna, während sie am Griff des Wagens reißt. »Du bist die adelige Dame, und ich bin die Dienstmagd.«

Unzufrieden verziehe ich das Gesicht. Wir haben die Festung verlassen. Ich bin keine Adlige mehr. Ich sollte jetzt Sparrow sein, und sie meine gleichwertige Freundin Wren. Wir haben das besprochen. Aber die Mitte einer überfüllten Straße ist nicht der richtige Ort, um sich zu streiten, also klammere ich mich noch fester an meine sich windende Katze. »Lass uns ein Gasthaus finden und häuslich einrichten, ja?«

Wir kämpfen uns noch durch weitere zwei Straßen, (also eher Gwenna, nicht ich) bevor wir ein Gasthaus finden. Über dem Eingang hängt ein hölzernes Schild, auf dem ein Bierkrug und ein Bett zu sehen sind. Gelächter und der Duft von warmen Speisen strömen durch die Tür. Gwenna deutet darauf, zieht eine Augenbraue hoch, und ich nicke. Sobald wir drin sind und die Straße hinter uns gelassen haben, springe ich vom Wagen, gebe Squeaker in Gwennas Arme und gehe zur Theke.

»Ein Zimmer, bitte.« Ich schenke der Wirtin, die das Holz mit einem Lappen abwischt, der noch schmutziger sein könnte als die Theke selbst, mein überzeugendstes Lächeln.

Sie unterbricht ihr Wischen und beäugt Gwenna, die neben meinem Gepäck steht. »Für eine Dame und ihre Magd?«

»Für zwei Freundinnen«, sage ich strahlend. »Wir sind Busenfreundinnen.«

Sie blinzelt erst mich an, dann Gwenna, und zuckt dann mit den Schultern. »Was auch immer. Der Preis ist der gleiche. Für das Tier müsst ihr aber einen Aufpreis zahlen.«

Die Wirtin versichert mir, dass sie später Essen hochschicken wird, zusammen mit einer Wanne voll Wasser – zum Waschen. Sie fragt nicht nach unseren Namen, aber ich sage ihr, dass meiner Sparrow ist, was wieder zu Lachen führt. Ich fange an, mich darüber zu ärgern, wie viele Menschen davon amüsiert scheinen. Ist Sparrow so ein gewöhnlicher Name für einen Gilden-Artefakter? Ich würde denken, dass Rabe oder Hawk oder sogar Habicht weitaus gebräuchlicher wären. Nun denn, immerhin haben wir nun unser Zimmer (im ersten Stock, dank den fünf Göttern) und konnten etwas essen. Wir haben sogar in einer Schüssel gekochtes Hühnerfleisch für Squeaker bekommen, die beim Essen so gierige Geräusche macht, als hätten wir sie grausam und völlig ungerechtfertigt hungern lassen.

Mit den Schüsseln in den Händen sitzen wir auf der Kante des Bettes und nehmen unsere Mahlzeit ein. Ich schaffe nur ein wenig des Eintopfs, weil ich zu erschöpft bin, um viel zu essen. Noch nie zuvor bin ich so weit weg von zu Hause gereist, und nach Tagen der Sorge und Unsicherheit sind wir endlich hier. Am liebsten würde ich mich zu einem Haufen zusammensacken lassen, aber ich weiß, dass der anstrengende Teil gerade erst begonnen hat. Morgen muss ich mich bei der Königlichen Gilde der Artefakte als Lehrling vorstellen und herausfinden, wo ich in Lehre gehen werde. Man stelle sich nur vor. Eine Lehre – ich, mit meinen überreifen dreißig Jahren.

Kurz denke ich an Barnabus und sein perfektes rotes Haar und sein wunderschönes Lächeln – und mir schmerzt das Herz. Aber nur für einen kurzen Augenblick. Eine Verbesserung. Er verdient nicht einen meiner Gedanken.

»Also«, sagt Gwenna neben mir.

»Ja?«

»Schlafe ich auf dem Boden?«

Ich lege meinen Löffel in die Schüssel, schüttle den Kopf und sehe Gwenna aufmerksam an. Gwenna ist nun schon seit drei Tagen an meiner Seite – nachts durch die Ländereien der Fürsten reisend, in einer Kutsche nach der anderen, durch die Berge und durch tiefe Wälder holpernd – ohne sich zu beschweren.

Zumindest nicht mehr als sonst.

Ich bin dankbar für Ihre Begleitung. Sie ist ein wenig jünger als ich. Im Vergleich zu meinen 30 ist sie erst 25 Jahre. Und ich schätze es, dass sie aufrichtig ist und mir sagt, was sie denkt. Seit sie zwölf Jahre alt wurde, ist sie meine Magd, und ich sehe sie als Freundin. Wenn ich so darüber nachdenke, könnte sie meine einzige Freundin sein.

Das macht die Tatsache, dass sie hier bei mir ist, umso bedeutungsvoller.

»Du schläfst natürlich im Bett. Wir hängen hier zusammen drin, und ich bin entschlossen, dass wir uns als gleichwertig ansehen, Gwenna. Du bist die Einzige, der ich vertrauen kann, und es bedeutet mir alles, dass du hier an meiner Seite bist. Ich weiß, dass Vastwarren nicht dein Traum …«

Sie schnaubt und nimmt dann einen großen Löffel von ihrem Eintopf.

»… aber ich weiß es sehr zu schätzen, dass du dennoch hier bist.«

»Ich bin hier, weil du jemanden an deiner Seite brauchst«, grummelt Gwenna. Sie rührt heftig in ihrem Essen herum und starrt es an, nicht mich. »Und ich kann ja wohl kaum eine Magd sein, wenn es keine Dame zu versorgen gibt, oder?«

»Du weißt, dass ich dir ein wahrlich enthusiastisches Empfehlungsschreiben ausstellen würde«, sage ich sanft. »Die Königliche Gilde der Artefakte ist nicht für jedermann. Es ist schmutzige, schwierige Arbeit, und Gildenmitglieder verbringen einen großen Teil ihrer Zeit damit, in Tunneln im Dreck zu graben. Ich habe gehört, dass das Training sehr hart ist und viele die Abschlussprüfung nicht bestehen. Wenn du nicht weiter fortfahren möchtest, werde ich es verstehen. Ich bin mir sicher, dass ich etwas verkaufen könnte und du eine Kutsche zurück zur Festung nehmen könntest. Bestimmt könnten wir auch wieder diesen freundlichen Mann mit seiner Artefakt-Kutsche finden. Die war nicht zu unangenehm.«

»Ich bleibe«, sagt Gwenna mit einem sturen Blick in ihrem runden Gesicht. Gwenna ist vielleicht der einzige Mensch, der noch dickköpfiger ist als ich, und ich liebe sie dafür. »Aber nenn mich nicht Chickadee. Das klingt lächerlich.« Sie winkt ab. »Zu pingelig, zu zierlich.«

Pingelig und zierlichen passt zu keiner von uns beiden. Ich bin groß und breit, mit stämmigen Beinen und einer Taille, die zeigt, wie sehr ich Nascherei liebe. Ich kaue an meiner Nagelhaut, lese Bücher und trage eine Brille. Ich bin nicht hübsch. Ich bin unscheinbar. Aber Gwenna ist hübsch. Sie hat ein süßes, rundes Gesicht und dickes schwarzes Haar. Sie reicht mir kaum bis zu den Schultern, aber sie ist kräftig und stark und vollbusig und würde niemals mit einem zarten Wesen verwechselt werden. Ich mag den Namen Sparrow, weil ich mich gerne unauffällig verhalte. Sperlinge wirken auf mich wie Wesen, die sich nicht um ein auffälliges Federkleid oder um kunstvollen Vogelgesang scheren. Ein Sperling macht einfach seine Arbeit. Das gefällt mir.

»Also nicht Chickadee«, gestehe ich Gwenna zu, obwohl ich durchaus finde, dass sie ein wenig wie eine süße, pummelige Meise aussieht. Sogar der zweckmäßige Dutt auf ihrem Hinterkopf sieht aus wie der Hinterkopf einer Meise. »Du hattest dich für einen Namen entschieden. Wolltest du nicht Wren heißen?«

»Hmpf. Die einzigen Zaunammern, die ich kenne, nisten auf dem Heuboden und scheißen die ganze Scheune voll.«

»Dann ist das ja wohl der perfekte Name«, sage ich fröhlich. »Ich mache ständig Pläne, und du scheißt drauf.«

Wir blinzeln beide. Gwenna sieht mich überrascht an, und dann können wir uns vor Lachen kaum halten.

»Mit ›Wren‹ kann ich leben«, sagt Gwenna kichernd. »Ich werde den Namen vergessen, genau wie ich vergessen werde, dich Sparrow zu nennen, aber ich kann damit leben.«

Ich grinse sie an und esse weiter. Ich bin froh, dass, wie auch immer diese Reise sich entwickelt, ich eine Freundin an meiner Seite weiß.

Erst viel, viel später, als ich im Bett liege und an die Decke starre, während Gwenna neben mir schnarcht, denke ich an meinen Vater. Ist er schon zurück vom Hof? Oder liegt er noch mit seiner Geliebten im Bett? Wenn er zurückkehrt, wird er überhaupt bemerken, dass ich fort bin? Dass ich für viele Abende in Folge nicht zum Abendessen erschienen bin? Wird er meiner Abwesenheit wegen die Dienstboten befragen?

Nein, vermutlich nicht.

Der Gedanke ist deprimierend. Ich habe alle wissen lassen, dass ich Großmutter in ihrem Landhaus in den Bergen besuche, was so lange akzeptiert wird, bis Großmutter einen ihrer Briefe schickt und wissen will, warum ich noch nicht geheiratet habe, und die Gründe aufzählt, weshalb ich zu einer unheiratbaren alten Jungfer herangewachsen bin, anstatt der begehrten Erbin, die ich sein sollte. Briefe dieser Art verschickt sie regelmäßig (Großmutter geht gerne beherzt zur Sache), und sobald ein solcher ankommt, werden sie begreifen, dass ich fort bin. Aber ich dachte mir, dass das vermutlich eine Weile dauern wird, und bis sie mein Verschwinden bemerkt haben, bin ich bereits als Nestling der Gilde in Vastwarren-Stadt.

Ich stelle mir die Szene vor. Nach Monaten der Abwesenheit wird Vater vom Hofe zurückkehren. Wie er es immer tut, wird er an den Bediensteten vorbeirauschen und die Briefe und Schriftrollen der Schuldeneintreiber ignorieren. Stattdessen wird er sich in sein Arbeitszimmer zurückziehen, ein Getränk zu sich nehmen und etwas entspannen. Er wird für einige Tage reiten gehen, seinen Schneider aufsuchen, neue Kleidung kaufen und irgendwann beschließen, dass es Zeit ist, nach seiner Erbin zu sehen. Er wird mich zum Abendessen im großen Saal einladen – wobei, es ist immer eher eine Einberufung als eine Einladung – und sich dann so weit wie möglich von mir entfernt an den langen Tisch setzen, der sich über die gesamte Länge des großen Saals erstreckt. Irgendwann bemerkt er dann, dass ich ihm nicht gegenübersitze.

Dann, wirklich erst dann, wird er begreifen, dass ich nicht in der Festung bin. Dass ich nicht herumsitze und darauf warte, dass er bemerkt, dass ich existiere.

Es wäre schön, wenn es jemanden kümmern würde, dass ich weg bin, denke ich traurig. Schließlich bin ich die Erbin des Sitzes Honori. Niemand, außer meinem Vater, mir und ein paar vertrauten Bediensteten weiß, dass wir verschuldet sind und keine Artefakte mehr haben. Die Tochter eines Fürsten sollte wichtig sein.

Sollte es nicht jemanden kümmern?

Irgendjemanden?

Squeaker maunzt laut in der Nähe meines Ohrs und tapst mit den Pfoten nach der Decke.

Gehorsam hebe ich sie an, das Tier schiebt sich darunter und rollt sich an meiner Seite zusammen. Wenigstens liebt mich meine Katze.

2

Aspeth

26 Tage vor dem Eroberungsmond

Am nächsten Morgen überfliege ich das abgegriffene Pamphlet nochmals, einfach nur, um sicherzugehen, dass ich nichts übersehen habe. Am Vorabend des Schwanentages trifft sich die Königliche Gilde der Artefakte einmal im Jahr, um die Götter anzubeten, dem König für seine Zuwendung zu danken und Änderungen des Gildengesetzes zu verkünden. Es ist die Zeit, in der Artefakter offiziell befördert werden, Fürsten versuchen, Artefakte günstig zu ergattern und jene, die wünschen, der Gilde beizutreten, sich einem Lehrmeister verpflichten können, der sein Bestes geben wird, um seine Nestlinge auf die Aufnahmeprüfung nach einem Jahr vorzubereiten.

Und das ist genau das, was ich tun will. Ich drücke das Pamphlet fest an meine Brust und atme tief ein.

Ich bin bereit. Mehr als das, ich brauche es. Artefakte würden sämtliche Probleme meiner Familie lösen. Zwei oder drei mächtige Artefakte würden uns genug Sicherheit schenken. Eine größere Anzahl geringerer Artefakte würde zumindest die Blutung stoppen und könnte gegen mächtige eingetauscht werden, abhängig davon, wie nützlich sie sind. Ich bin wahrlich gut gerüstet für diese Aufgabe. Ich habe Alt-Prellisch gelernt, zum Vergnügen. Neben prellischen Glyphen beherrsche ich drei weitere Sprachen in Wort und Schrift. Ich bin gebildet und eine gute Mathematikerin.

Sie dürften geradezu nach meinen Fähigkeiten lechzen.

Ich atme nochmals tief ein und kleide mich an. Dabei lasse ich die letzten Reste von Aspeth Honori fallen, dem einzigen Kind des Fürsten Corin Honori von den Einflussreichen. Heute werde ich zu Sparrow, Anwärterin und Nestling der Königlichen Gilde der Artefakte und ein niemand. Ich lege meine Unterwäsche, meine Unterröcke und mein Korsett an und schnüre es vorne zu. Über den Stiefeln trage ich braune Strümpfe. Ich ziehe mir mein am wenigsten extravagantes Kleid über den Kopf. Es ist aus dickem, robustem Brokat mit einem uninspirierten Muster gefertigt, und die Röcke schwingen an meinen Knöcheln. Die Röcke sind mit Bändern versehen, sodass sie vorne hochgeschnürt werden können, um das Gehen oder Wandern zu erleichtern – oder das Erkunden von Tunneln, denn von Sparrow wird erwartet werden, sich in die dunklen und geheimnisvollen Tunnel des Untergrunds zu wagen. Das daran befestigte Mieder ist an den Rändern mit braunen Bändern verziert, um meiner Kleidung eine gewisse Schlichtheit zu verleihen. Ich schnüre meine Mieder an der Vorderseite zu, damit ich mich selbst ankleiden kann, anstatt die Hilfe einer Magd zu benötigen.

Vom Bett aus sieht Gwenna mir zu, während sie Squeakers runden Kopf streichelt. »Brauchst du Hilfe?«

»Sparrow zieht sich selbst an«, sage ich entschlossen.

Sie verdreht ihre Augen. »Du nimmst das Ganze zu ernst. Ein Blick auf dich wird Ihnen reichen, um zu wissen, dass du eine hohe Dame bist.«

»Das stimmt nicht. Ich bin gekleidet wie eine aus dem einfachen Volk.« Ich bringe die Schnürung zu Ende und sehe zufrieden an mir herab. Die Ärmel sind schwer und ohne jegliche Verzierung und haben einen Knopf an jedem Handgelenk. Ich knöpfe sie zu und bewundere den wirklich sehr schlichten Stoff. Da ist nicht mal ein bisschen Stickerei, um die Sache zu verzieren. »Sieh mich an. Ich trage so viel Braun, dass ich unmöglich aussehen kann wie etwas anderes, als eine ganz gewöhnliche Frau.«

»Keine ganz gewöhnliche Frau besitzt Brokat. Egal in welcher Farbe.« Sie schwingt ihre Füße aufs Bett. »Sollen wir Kleider tauschen?«

Ich erwäge es kurz, aber Gwenna, ich meine, Wren sollte bedenken, dass sie viel kleiner ist als ich. Ihre Röcke wären regelrecht unerhört kurz an mir, und sie hat sehr viel größere Brüste als ich. »Es wird schon passen.«

»Trägst du heute keine Brille? Du hast sie nicht auf.«

»Auf keinen Fall. Brillen sind etwas für wohlhabende Frauen. Es könnte sie vermuten lassen, dass ich es nicht nötig habe beizutreten.«

»Das wollen wir natürlich nicht«, sagt Gwenna. »Schlimm genug, dass du Titten hast.«

»Ruhe.« Ich sehe auf besagte Titten hinab, und sie sehen doch recht prominent aus in dem Mieder, das genau für diesen Zweck entworfen wurde. Nein, so geht das nicht. Ich öffne die Schnürung am Oberteil ein wenig, ziehe etwas herum, damit sie flacher wirken, und schnüre dann mit ein wenig Spielraum wieder zu. »So. Besser. Und es regnet, also werde ich meinen Regenschirm mitnehmen.«

Sie begutachtet mich, sieht an sich selbst und an ihrer eigenen schlichten Kleidung herab und zuckt dann mit den Achseln. »Also, was muss ich über die Gilde wissen?«

»Was meinst du?«

Gwenna schürzt ihre Lippen. »Na, sollte ich zum Beispiel wissen, was sie tun, außer Gräber zu plündern? Wer war der erste Grabräuber? Wie haben sie es geschafft, aus Grabplünderei eine ganz Gilde zu etablieren?«

Ihre Worte entfesseln einen Wortschwall meinerseits.

»Grabplünderei?! Das ist keine Grabplünderei! Es ist Artefaktbeschaffung.«

»Aus Gräbern.«

Als ich protestieren will, hebt sie eine Hand.

»Ich urteile nicht, ich frage nur, was ich wissen muss, damit ich mich anpassen kann und es so aussieht, als sei es mein Lebenstraum, der Gilde beizutreten.«

Ich will weiter protestieren, weil es bei der Gilde nicht um Grabplünderei geht. Es ist wahr, manche Artefakte werden bei Menschen in Gräbern gefunden, aber das Motiv für die Artefaktbeschaffung ist ein nobles. Jedes davon wird genutzt, um mit Bedacht die Macht der Fürsten zu erweitern. Was ihnen ermöglicht, ihre Ländereien und die Menschen, die dort leben, zu beschützen. »Was willst du wissen?«

»Wie hat es angefangen? Die ganze Sache mit der Gilde. Wegen der Magikerkriege, richtig?«

Ich bin nervös, frage mich, wie viel ich für sie zusammenfassen kann, ohne dass sie danach die Hälfte vergisst. Die Geschichte der Königlichen Gilde der Artefakte umfasst über 300 Jahre. Aber ich nehme an, ein wenig grundlegendes Wissen wird ihr ausreichen.

»Die Magikerkriege hatten allen bewiesen, dass individuelle Magie – sei es als Pyromagiker, Geomagiker oder sogar Nekromagiker – zu instabil war und die Person, die sie anwendete, korrumpierte. Infolge der Magikerkriege verbot der König individuelle Magie und verteilte die Lehnsgüter auf seine Fürsten. Der Teil ist dir bekannt, oder?«

Sie nickt. »Und das alles war vor dreihundert Jahren? War das der Untergang von Prell?«

Ich schüttle den Kopf. »Das alte Prell wurde vor über tausend Jahren zerstört, lange vor den Magikerkriegen. Aber nach den Magikerkriegen, in der Zeit ohne Magie, wussten die Menschen nicht, wie sie ihre Länder beschützen sollten. Immer wieder brachen Kriege aus, und die Fürsten der Länder waren unglücklich, weil sie das Gefühl hatten, nicht genug Macht zu besitzen, um ihr Land zu halten. Ein Mann namens Sparkanos, der sich für alte Geschichte interessierte, bereiste die Ruinen des alten Prell. Vor dreihundert Jahren war das eine einfache Kuhweide. Er grub im Boden und fand eine Kugel mit dem Wort Macht darauf und brachte sie zum König. Alle Adligen wollten ihre eigenen Kugeln, und bald waren die Ruinen von Dieben und Vandalen überrannt. Sparkanos und dem König war bewusst, dass der Fluss der Artefakte kontrolliert werden musste, damit sie in den Händen des Adels bleiben konnten. Sie mauerten die Höhlen, die zum Untergrund führten, zu und erklärten sie zum Eigentum der Königlichen Gilde der Artefakte, und wenn jemand nach Artefakten suchen wollte, um sie zu verkaufen, musste er der Gilde beitreten. Soweit verstanden?«

»Ich dachte, du gibst mir die Kurzfassung.« Sie zwinkert. »Da muss ich mir aber einiges merken.«

Aber das ist die Kurzfassung. Die dreihundert Jahre an Politik, Gilden, Machenschaften, Entdeckungen und Machtkämpfen der Fürsten überspringe ich.

»Alles, was du wissen musst, ist, dass es mit dem alten Prell schon vor über tausend Jahren vorbei war, bevor die Gilde gegründet wurde. Passt das?«

»Altes Prell, sehr, sehr alt.« Während sie zählt, hält sie einen Finger in die Luft und dann noch einen. »Die Gilde kam viel später. Warte, wann wurde Vastwarren errichtet?«

»Die Stadt selbst wuchs um die abgemauerte Sektion des Untergrunds, der von der Gilde kontrolliert wurde. Also war die Gilde zuerst da, und Vastwarren kam danach.«

»Ja klar.«

Ihr Gesichtsausdruck sagt mir, dass ich wahrscheinlich alles noch einmal durchgehen muss, aber ich habe das alte Prell und Vastwarren jahrelang studiert. Ich kann nicht davon ausgehen, dass jede andere genauso viel weiß wie ich. Sie krault Squeaker und sieht zu mir hoch. »Wann brechen wir auf?«

»Du solltest hierbleiben.«

»Was? Warum? Ich dachte, wir machen das zusammen.«

Das tun wir. Ich beiße auf der Nagelhaut meines Daumens herum, während ich über die Situation nachdenke. Ich fände es wahrlich wundervoll, wenn Gwenna mit mir käme. Ich habe schreckliche Angst. Aber wenn wir unser Gepäck und die arme Squeaker hier alleine im Gasthaus lassen, gehe ich davon aus, dass wir sie niemals wiedersehen. Sie sind alles, was ich noch habe. Denn wenn mein Vater herausfindet, dass ich weggelaufen bin, wird er mich im Stillen enteignen. Er wird es erst bekannt geben, wenn er einen anderen Erben gefunden hat, und ich hoffe, dass ich bis dahin mein Gildenzertifikat habe und hoffentlich ein oder zwei Artefakte, die ich meiner Familie bringen kann, um unseren Ruhm wiederherzustellen.

Meine Gefühle stecken mir im Hals fest. Ich nehme Squeaker und hieve sie in meine Arme. Gwenna mag es nicht, umarmt zu werden, also überschütte ich die Katze mit Küssen und lasse sie meine Nase lecken, während ich sie kuschle.

»Ich werde nicht lange weg sein«, verspreche ich. »Du musst für mich bei Squeaker bleiben und unsere Sachen bewachen. Ich suche einen Lehrmeister für uns beide und komme dann zurück, um dich abzuholen. Und gib der Frau unten einen Groschen. Vielleicht hat sie ein paar Fleischreste für die Katze.«

Ich küsse die Katze noch Dutzende Male, bis sie sich an meiner Brust windet und ich mein Gehen nicht länger hinauszögern kann. Ich setze sie ab und versuche Gwenna zu umarmen, da ich entschieden habe, dass ich von nun an eine Umarmerin bin. Aber sie winkt ab. Ich bin jetzt vielleicht eine Umarmerin, aber Gwenna sicher nicht.

Mit meinem Regenschirm in der Hand verlasse ich das Gasthaus und trete auf die heruntergekommenen Straßen Vastwarrens. Zumindest riecht es heute nicht mehr gar so widerlich. Das Wasser spült den Gestank davon. Unglücklicherweise erzeugt es auch eine ziemliche Schlammplage, und selbst die erhöhten Pflastersteine in der Mitte der Straßen sind glitschig und schmutzig. Meine Röcke, die meine Absätze streifen, werden komplett durchnässt und peitschen gegen meine Strümpfe. Ich lasse dieses Ärgernis eine Straße bestehen, dann noch eine, und dann gebe ich auf, flüchte mich in eine dunkle Gasse und schnüre die Bänder, die meine Röcke für die Tunnelexpeditionen hochziehen sollen. Nun bauschen sie sich an meinen Knien, und ich sehe einfach lächerlich aus. Aber ich kann vernünftig gehen.

Meinen Regenschirm wieder über dem Kopf haltend, begebe ich mich zurück auf die Straße und beäuge meine Umgebung. Ich muss die große Halle der Königlichen Gilde der Artefakte finden. Dort werden alle Artefakter-Treffen abgehalten.

Nur wird es verdammt schwierig ohne meine Brille.

Während ich durch die dreckige, überfüllte Stadt schreite, werde ich nervös. Nicht dass mich irgendjemand bedrohen würde – es ist nur das erste Mal in meinem ganzen Leben, dass ich unbegleitet irgendwohin gehe. Immer wieder erwarte ich, dass zu meiner Linken eine Anstandsdame oder eine Dienstmagd oder eine Wache auftaucht. Es ist befremdlich, allein zu gehen. Ich fühle mich ausgeliefert, verletzlich und auf seltsame Weise einsam.

Und klamm. Sehr, sehr klamm. Es nieselt unaufhörlich, als ob die Götter selbst auf meine Träume spuckten. Die zusammengepferchten Gebäude, die jede Straße säumen, wirken so fremd im Vergleich zu den hohen Steinmauern und der eleganten Architektur von Honori. Bei uns zu Hause in der Festung haben wir nicht viele Fenster, da sie ursprünglich zur Verteidigung gebaut wurde, aber im Laufe der Zeit hat meine Familie sich bemüht, dem Ort ein schöneres Antlitz zu geben. Wenn ein Raum kein natürliches Licht bekommt, hängen prächtige, kunstvoll gefertigte Metallkronleuchter von der Decke, und prächtige Wandteppiche und Gemälde schmücken die sonst kargen Wände. Die Steinböden sind dank der dichten Teppiche warm und einladend, und alles wirkt ausgesprochen nobel. Hier hingegen wirkt alles willkürlich, als wäre es über Nacht zusammengeklatscht worden. Die Gebäude neigen sich einander entgegen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass einige von ihnen komplett aus Abfallholz gebaut sind. Hier gibt es keine Ziegeldächer – die Häuser und Geschäfte sind mit ramponiertem Blech oder ebenso ramponiertem Holz abgedeckt. Der Eindruck, der hier entsteht, ist keiner von Funktionalität, aber eher einer von »gerade gut genug«, und alles sieht aus, als wäre es nur als Provisorium errichtet. Zumindest bis man zum Herzen der Stadt vordringt.

Alle Straßen in Vastwarren führen zur Gilde, weil die Stadt um die Festung der Gilde errichtet wurde. Die dicken Steinmauern der Gilde sind schon von der Ferne zu erkennen, was es einfach macht, sie zu finden – ich muss nichts weiter tun, als den Ameisenhügel zu besteigen, bis ich auf die Mauer treffe. Anders als der Rest der Stadt ist sie schon in ihrer Bauweise beeindruckend, und höher als das höchste Gasthaus. Als ich auf sie zukomme, erinnert der Ort mich unweigerlich an die Festung meiner Familie, mit ihren riesigen, einschüchternden Mauern zum Schutz der Schätze im Inneren.

Als ich endlich den Eingang zum eingemauerten Teil der Stadt finde, bin ich durchnässt. Kaum habe ich die beeindruckenden Tore durchschritten, finde ich mich in einem gänzlich neuen Labyrinth aus Baracken, Hallen und Bibliotheken wieder. Als ich das imposante graue Gebäude entdecke, das die große Halle der Gilde sein muss, habe ich vermutlich schon halb Vastwarren durchwandert, und meine Kleider hängen schwer und triefend nass an mir herab. Vermutlich schleppe ich auch reichlich Schlamm an meinen Stiefeln.

Meine Laune ist an ihrem Tiefpunkt, als ich die Statue von Sparkanos Swan, dem ersten Artefakter, erblicke. Während ich ihn betrachte, steigt wieder Triumph in mir auf, ich kippe meinen Schirm zurück und ignoriere die dicken Regentropfen, die auf meine Kleider platschen. Sparkanos’ Statue trägt einen langen Umhang, dessen Stoff hinter ihm aufgewirbelt ist. Die Kugel der Vernunft ist unter einen Arm geklemmt, während er in der anderen Hand ein Schwert hält. Am Saum seines Umhangs sieht es so aus, als würde sich der Stoff in Federn verwandeln – eine Anspielung auf sein Schicksal. Die Statue sieht mächtig aus, und ich habe in Büchern über sie gelesen und Zeichnungen von ihr gesehen, aber es ist das erste Mal, dass ich ein solches Wunderwerk mit meinen eigenen Augen sehe. Der Anblick raubt mir den Atem. Was für eine Vorstellung, dass das eines Tages ich sein könnte, die mit einem mächtigen Artefakt unterm Arm den Weg aus der Dunkelheit zurück zur Erleuchtung der Antike erhellt.

Meine Laune hebt sich, und ich lächle, als ich auf die lange Steintreppe zustürme, die zur Halle führt. Es scheint, als wäre die ganze Stadt hier. Trotz des strömenden Regens drängt sich eine Menschenmenge auf den Stufen, und als ich mich unter einigen gemurmelten Entschuldigungen nach vorne durchkämpfe, bin ich nicht überrascht zu sehen, dass die Türen zur Halle weit geöffnet sind und sich noch mehr Menschen darin drängen.

Die Halle sieht genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Das Licht von draußen strömt durch große Fenster, die strategisch so platziert sind, dass sie die Statuen der berühmtesten Kunsthandwerker der Gilde in Licht tauchen. Der Raum selbst ist drei Stockwerke hoch und länger, als er breit ist. Weit oben säumen ausgestopfte Vögel die Wände, sie erinnern daran, dass die Gilde ihre Namen verwendet. In der Mitte des Raumes ist ein langes Schiff, ähnlich wie in einer alten Kirche, mit einem durchnässten braunen Teppich. Darin drängen sich Menschen, und weit vorne sehe ich Banner und ein Podium.

Die Menschenmenge ist mir unangenehm, jeder versucht, in das Innere der Halle zu gelangen. Ein Mann in der Nähe rammt mich mit dem Ellenbogen und stößt mich gegen meinen Nachbarn, der mir prompt auf den Hintern schlägt. Ich schreie empört auf, aber als ich meinen Schirm zusammenklappe, um meinen Angreifer zu erwischen, ist es mir nicht möglich, zu erkennen, wer es war. Mehrere Männer in feine Mäntel gekleidet und mit Hüten bedeckt, von denen der Regen abperlt, grinsen mich an. In meiner Magengrube macht sich ein ungutes Gefühl breit, und ich frage mich, ob ich Gwenna nicht doch hätte mitnehmen sollen. Nun, da ich mich umsehe, entdecke ich keine weiteren Frauen.

Tatsächlich könnte ich die einzige Frau hier sein.

Das ist … sehr interessant und auf gewisse Weise besorgniserregend.

Mit zusammengebissenem Kiefer richte ich mich auf und beschließe, dass die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, darin besteht, aggressiv vorzugehen. Ich schlage mit meinem geschlossenen Regenschirm nach den Männern. »Zur Seite. Ich muss hinein«, erkläre ich mit lauter Stimme. »Bewegung! Ich komme!«

Einige murren, aber die Menge teilt sich weiter und lässt mich eintreten. Ich schaffe es bis zu den Türen und stehe zu meiner Überraschung hinter einem großen, gehörnten Tauren.

Noch etwas, das ich in der Festung meines Vaters nie sehe: die seltsamen, stierköpfigen Menschen aus den Niederungen.

Ich schätze, es ergibt Sinn, dass auch Tauren Artefakter sind. Wenn ein Mensch ein Artefakter sein kann, warum nicht auch ein Taure? Ich beschließe, sie wie alle anderen hier zu behandeln, und verpasse dem großen vor mir mit meinem Regenschirmgriff einen Hieb auf seinen dicken Arm.

»Lasst mich durch!«

Ein tiefes, wütendes Knurren ertönt aus seiner Kehle, er dreht sich um, starrt mich an, und sein gehörnter Kopf dreht sich so abrupt, dass ich ein sehr unwürdiges Quietschen von mir gebe, zurückweiche und das Gleichgewicht verliere. Ich taumle, fuchtle mit den Armen …

… nur um die Taille gefasst und von starken Armen und dem irritierten, seltsamen Blick aus goldenen Augen eines weiteren Tauren gerettet zu werden.

3

Hawk