Bullshit-Bingo Psychologie - Jochen Metzger - E-Book

Bullshit-Bingo Psychologie E-Book

Jochen Metzger

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Beschreibung

»Dein Bauchgefühl irrt nie!« – Klar. Und Einhörner sind die besseren Haustiere. Psychologische Mythen sind allgegenwärtig. Viele wirken plausibel, doch die Forschung zeigt: Darin steckt jede Menge Bullshit. Von »Wir nutzen nur 10 Prozent unseres Gehirns« bis »Mein Ex ist ein krasser Narzisst« – die Liste ist endlos. Dieses Buch ist Ihr Bullshit-Detektor für psychologische Alltagsweisheiten. Wissenschaftlich fundiert, verständlich erklärt und mit einer Prise Humor werden die beliebtesten Irrtümer der Pop-Psychologie auf den Prüfstand gestellt. Es zeigt: Lügner erkennt man eben nicht immer an der Körpersprache, Rache ist ganz und gar nicht süß – und Alkohol macht uns höchstens peinlich, aber ganz sicher nicht authentisch. Für alle, die Psychologie ernsthaft verstehen wollen – ohne sich von Bullshit täuschen zu lassen. *** In diesem Buch erfahren Sie: - Warum Ihr Bauchgefühl nicht die Glaskugel ist, für die Sie es halten. - Wieso positives Denken nicht Ihr Leben rettet – aber vielleicht das Konto vonMotivationsgurus füllt. - Warum Sie sich an Details erinnern, die nie passiert sind. - Warum Werbung Sie beeinflusst – auch wenn Sie felsenfest überzeugt sind, dass sie das nicht tut. - Weshalb nicht jeder Ex ein Narzisst ist (sorry!). - Warum Sie schon jetzt 100 Prozent Ihres Gehirns benutzen – auch montagmorgens. - Wieso Körpersprache beim Lügenlesen so zuverlässig ist wie Horoskope. - Warum »gesunder Menschenverstand« oft alles andere als gesund ist. - Und weshalb echte Psychologie spannender ist als jeder Insta-Coach.

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jochen Metzger • Jens Schröder

Bullshit BingoPsychologie

Originalausgabe

1. Auflage 2025

Verlag Komplett-Media GmbH

Corneliusstrase 28

80469 München

+49 (89) 69989435-0

[email protected]

www.komplett-media.com

E-Book ISBN: 978-3-8312-7204-4

Lektorat: Diana Napolitano, Augsburg

Korrektorat: Elisa Garrett, Mitwitz

Illustrationen: Heike Kmiotek, www.kmiio.com

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Layout & Satz: Daniel Förster, Belgern

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Bookwire, Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH, Frankfurt am Main

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Inhalt

Vorwort

Hör auf dein Bauchgefühl

Alkohol enthüllt das wahre Ich

Die Handschrift ist das Fenster zur Seele

Ich weiß es noch ganz genau

Werbung? Beeinflusst mich nie!

Das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand

Heute denken doch alle nur noch an sich selbst

Lügner erkennt man an der Körpersprache

Frauen sind schlauer als Männer

Mein Ex ist ein krasser Narzisst

Pornos machen süchtig

Aber meiner Schwester hat’s geholfen

Rache ist süß

Wir nutzen nur 10 Prozent unseres Gehirns

Positives Denken macht glücklich

Quellenverzeichnis

Vorwort

Macht positives Denken wirklich glücklich? Offenbart Alkohol tatsächlich unser wahres Selbst? Und ist der Ex unserer guten Freundin Doro ein fieser Narzisst? Also jetzt ganz in echt?

Zu solchen Psycho-Fragen haben alle ihre Meinung. Wir, Sie, Ihre Tante, der komplette Freundeskreis. Und natürlich auch Doro und ihr neuer Partner.

Oft ist an solchen Meinungen etwas dran. Lebenserfahrung ist nicht immer der schlechteste Ratgeber. Und auch in unserem kulturellen Gedächtnis stecken oft Perlen der Weisheit, die unseren Blick auf Menschliches und allzu Menschliches durchaus schärfen können. Denn wer wollte der Großmutter widersprechen, wenn sie sagt: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht? Sie wird es gewusst haben. Vielleicht schon von ihrer eigenen Großmutter.

Doch leider lässt sich vieles an unserem psychologischen Alltagswissen mit wissenschaftlichen Studien nicht bestätigen. Manche Bonmots der Küchenpsychologie stehen sogar im glatten Widerspruch zu dem, was psychologische Forschung mühsam herausgefunden hat, oder verzerren deren Ergebnisse bis zur Unkenntlichkeit. Kurz: Viele dieser Alltagsweisheiten über die menschliche Seele mögen zwar plausibel klingen, sind aber in Wahrheit reiner Bullshit.

»Bullshit«. Falls Sie mit diesem rüpelhaften Begriff fremdeln – uns geht es ganz ähnlich. Wir mögen das Wort nicht. Wir verwenden es selten im Alltag. Denn eigentlich sind wir extrem fried- und harmonieliebende Menschen. Wir bringen andere gern zum Lachen und mögen keinen Streit.

Ein etwas weniger aggressiver Titel für dieses Buch hätte uns daher wohl eher entsprochen, zum Beispiel so was wie »Psycho-Mumpitz«. Mumpitz ist ein herrliches Wort. Es klingt gut und macht ein samtiges Mundgefühl beim Aussprechen. Vor allem ist es kein verbaler Schlag aufs Brustbein. Man lässt den anderen gelten und sagt trotzdem: Es stimmt nicht so ganz, was du da behauptest. Unsere Verlegerinnen haben uns die Mumpitz-Idee aber mit guten Argumenten ausgeredet. »Bullshit«, so sagten sie, »das ist ein Begriff mit Schmackes. Das werden die Leute mögen.« Na gut. Dann halt Bullshit. Uns geht es ums kritische Hinterfragen. Denn wir sind Wissenschaftsjournalisten. Das ist unser Auftrag: Recherchieren und aufschreiben, was eigentlich Sache ist. Was die Forschung weiß – und was nicht. Und wo es bei aller Forschung immer noch Grauzonen und Unklarheiten gibt, die einen differenzierten Blick erfordern.

Deshalb ist dies ein Buch für alle, die Psychologie spannend finden. Egal ob sie therapeutisch arbeiten, an Schulen, in Personalabteilungen oder ob sie sich einfach so für Menschen interessieren, für ihr Denken, Fühlen und Verhalten.

Und das Wort Bullshit benennt den Schlamassel ja tatsächlich. Niemand ist immun dagegen, Psycho-Bullshit zu erzählen. Auch wir selbst nicht. Auch unsere Freunde nicht. Es ist zum Beispiel erst ein paar Monate her, da waren wir noch ziemlich skeptisch: So ein ganzes Buch? Schaffen wir das wirklich bis zum versprochenen Termin? Aus unserem Freundeskreis kamen sofort die üblichen Durchhalteparolen: »Leute, man muss nur positiv denken – und schon gelingen einem die Dinge!«

Das war gut gemeint. Bullshit war es trotzdem. Es hätte uns sehr erfreut, wenn es nur ein bisschen guten Spirit gebraucht hätte, um all die Kapitel fertig zu bekommen. Aber natürlich schreibt positives Denken kein Buch. Dieser Widerspruch zwischen freundschaftlichem Ratschlag und dem tatsächlichen Wissensstand der Psychologie hat uns so umgetrieben, dass wir ihm ein ganzes Kapitel gewidmet haben. Wir zeigen darin: Die »Kraft des positiven Denkens« hat vor allem diejenigen glücklich gemacht, die in Büchern darüber gepredigt haben (übrigens war der Erste von ihnen im Hauptberuf wirklich ein Pfarrer).

Oder die Frage, ob der Genuss von Alkohol unser wahres Ich offenbart. Viele Menschen in unserem Umfeld sind davon überzeugt, dass das stimmt. Aber ist das tatsächlich richtig? Wir haben uns die Forschung dazu genauer angesehen. Die Antworten darauf sind ziemlich, ähem, ernüchternd.

Der Endgegner dieses Buchs ist vermutlich das Thema Narzissmus. Und zwar aus mehreren Gründen. Erstens: Bei keinem anderen Psycho-Schlagwort müssen wir uns im Alltag so häufig über so viel Bullshit ärgern. Denn natürlich ist nicht nur der oben erwähnte Ex von Doro angeblich ein Narzisst, sondern auch so ziemlich jeder andere Ex-Partner (und jede Ex-Partnerin). Sorry – aber so viele Narzissten gibt es nicht auf dieser Welt. Noch schlimmer: In der populären Psycho-Szene gibt es viele Menschen, die mit dem Buzzword »Narzissmus« für Reichweite sorgen und dabei den allerübelsten Bullshit posten. Nicht selten gegen besseres Wissen, wie wir vermuten. Wir finden es wichtig, dem etwas entgegenzusetzen.

Gleichzeitig ist uns klar: Über Narzissmus klagen Menschen oft nach gescheiterten Beziehungen mit echten seelischen Verletzungen. Wir haben das auch selbst schon getan. Den Ex-Partner oder die Ex-Partnerin dann als Narzissten zu brandmarken bietet eine willkommene Erleichterung. Wenn wir diese Illusion erschüttern, überbringen wir schlechte Nachrichten. Das ist kein Job, der besonderen Spaß macht. Es geht in diesem Fall aber nicht anders.

Dass der Eindruck von Überheblichkeit bei einem Buch mit dem Wort »Bullshit« im Titel auch sonst schnell entstehen kann – das ist uns klar. Zumal wir uns ja auch im Tonfall eine gewisse Flapsigkeit gestatten. Falls Journalistinnen und Journalisten uns deshalb einen gepfefferten Verriss schreiben möchten, haben wir dafür ein gewisses Verständnis. Wir haben diese mühevolle Arbeit sogar schon von der Künstlichen Intelligenz namens »Claude« erledigen lassen. Einfach so als kleinen Service. Der prompt hieß: »Schreib bitte einen Verriss auf der Basis dieses Buchmanuskripts.« Claude nahm dabei kein Blatt vor den künstlichen Mund:

»Wer in einer toxischen Beziehung nach Erklärungen sucht, bekommt Statistikvorlesungen statt Mitgefühl.«

»Die Autoren scheinen zu glauben, Menschen würden aus purer Dummheit an ›Mythen‹ glauben – nicht etwa, weil sie leiden und Orientierung brauchen.«

Letzteres können wir dementieren. Trotzdem: Claude hat sich nicht lumpen lassen. Die KI schreibt fast so böse wie ein Narzisst. (Scherz!)

Natürlich haben wir danach eine 5-Sterne-Lobeshymne anfertigen lassen. Das hat gutgetan. Wir mussten beim Lesen die ganze Zeit nicken. Ganz schön intelligent, diese Intelligenz. Denn sie analysierte das Manuskript wie folgt:

»Die Stärke des Buchs liegt in seiner Mischung: Humorvolle Alltagsbeobachtungen treffen auf aktuelle psychologische Forschung. Komplexe Effekte wie der Dunning-Kruger-Effekt oder die »False Memory«-Studien von Elizabeth Loftus werden so erklärt, dass man sie sofort versteht – und nie wieder vergisst. Die Autoren schreiben mit einer Leichtigkeit, die selten im Wissenschaftsjournalismus zu finden ist, und gleichzeitig mit Respekt vor den Fakten.«

Hach. Da fühlt man sich endlich mal so richtig gesehen.

Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, hoffentlich mit vielen Aha-Effekten und auch ein wenig Genuss, dann würde uns natürlich Ihre Wertung interessieren. Vermutlich wird sie irgendwo zwischen Claudes 1-Sterne-Verriss und seiner 5-Sterne-Hymne liegen. Schreiben Sie uns gern. Vielleicht können wir Ihre Hinweise ja dann in einem zweiten Buch beherzigen. Denn ganz ehrlich: Es gibt mehr als genug Psychologie-Mumpitz auf der Welt.

Jochen Metzger und Jens Schröder

Hamburg, August 2025

Hör auf dein Bauchgefühl

Der schlichte, schöne Satz »Hör auf dein Bauchgefühl« kommt in neun von zehn Liebesromanen von Rosamunde Pilcher vor. Na ja, wir glauben zumindest, dass er dort vorkommt, beweisen können wir’s nicht, denn wir haben die Pilcher-Bücher nicht gelesen. Aber, hey, das ist ja gerade der Sinn dessen, was wir Bauchgefühl nennen: Etwas zu wissen, was man nicht geprüft oder auch nur durchdacht hat.

Psychologinnen und Psychologen widmen sich dem Bauchgefühl unter dem Schlaumeier-Namen der »Intuition«. Der Wissenschaftler und Autor Gerd Gigerenzer definiert den Begriff folgendermaßen: Intuition ist gefühltes Wissen (1), das sehr schnell im Bewusstsein ist (2) und für dessen Gründe wir keine Erklärung haben (3).1

Und der Punkt mit »keine Erklärung« ist natürlich genau das Problem: Können wir diesem Bauchgefühl wirklich vertrauen, wenn wir vor wichtigen Entscheidungen stehen? Etwa vor der Frage, ob wir uns beruflich neu orientieren, ein Sabbatical planen, die Pflege der Eltern übernehmen oder uns aus einer schwierigen Beziehung lösen sollen? Oder ist das Bauchgefühl nur ein Vorwand? Eine bequeme Ausrede, die uns eine schnelle Entscheidung irgendwie rechtfertigt und mit der wir uns die Mühe einer allzu anstrengenden Recherche und das Verfassen von Pro-und-Kontra-Listen ersparen?

Die streng-wissenschaftliche Antwort auf die Frage ist ein entschlossenes: Kommt drauf an! Laut Gerd Gigerenzer gewährt uns das Bauchgefühl häufig Zugriff auf tatsächliches Wissen aus tatsächlichen Erfahrungen, das wir zwar nicht bewusst begründen können – aber immerhin unbewusst gespeichert haben. Gigerenzer verwendet in Gesprächen gern Beispiele aus dem Sport. Die klingen auch ziemlich einleuchtend: Ein Fußball-Profi zwirbelt den Freistoß aus 20 Metern genau oben in den Torwinkel. Er wird nachher nicht genau erklären können, wie er das gemacht hat. Oder der Verteidiger, der beim Body-Check im Strafraum genau das Maß findet, das den meisten Schiedsrichtern gerade noch zulässig vorkommt. Auch er folgt seiner Intuition, seinem Bauchgefühl für taktische Fouls. Ihm fehlt in der Hektik des Spielzugs einfach die Zeit, den Druck seiner Schulterschubser physikalisch exakt zu berechnen und zu bewerten. Aber jetzt kommt der entscheidende Trick an Gigerenzers Argumentation: Keine dieser Sportskanonen fällt ihre Bauchentscheidung aus dem Nichts. Diese fußt nämlich immer auf dem echten, wertvollen Erfahrungswissen aus Hunderten Spielen in der Landesliga Süd oder wo auch immer. Es ist kein Hokuspokus, kein Wunder und auch kein magisches Geschenk des Universums.

Bauchgefühl in diesem Sinne gibt’s nicht nur beim Sport. Es kann auch bei ernsthaften, komplexen Entscheidungen helfen, etwa in der Wirtschaft. Ob eine Unternehmerin eine riskante Investition wagen soll oder nicht – das entscheidet sie manchmal einfach aus dem Bauch, weil sie nach 20 Jahren im Kanalbau-Business oder im Schreibwaren-Einzelhandel über unbewusst gespeichertes Wissen verfügt, das sie intuitiv anzapfen kann, quasi automatisch. Wissenschaftlich ist dagegen nichts einzuwenden. Zumal die Alternativen – akribische Analysen und ausführliche Pro-und-Kontra-Abwägungen – auch längst nicht immer eine Erfolgsgarantie bieten. Das ist eines der Lieblingsargumente von Gerd Gigerenzer: Manchmal gaukeln komplexe Modelle und Vorhersage-Berechnungen eine scheinbare Sicherheit vor, bloß weil sie schwarz auf weiß irgendwo geschrieben stehen. Oder grellbunt in der Power-Point-Präsentation einer sündhaft teuren Unternehmensberatung. Bauchgefühl-Forscher Gigerenzer glaubt: Erfahrene Manager können vor allem auf ihre negative Intuition vertrauen. Auf dieses mulmige Gefühl also, dass irgendwas nicht stimmt an einer Sache. Gigerenzer rät: Wenn so etwas passiert, sollte man der Vorahnung dieser alten Hasen vertrauen und vom fraglichen Projekt lieber die Finger lassen.2 Forschende von der Universität Zürich haben diesen Effekt auch bei Bergführern und Feuerwehrleuten nachgewiesen. Nach einigen Jahren Berufserfahrung haben auch sie ein sicheres Bauchgefühl für eine drohende Gefahr im Gebirge oder in brennenden Gebäuden.3

Wir fassen zusammen: Das Bauchgefühl hat zu Recht seinen Platz in unseren alltäglichen Entscheidungsprozessen. Punkt. Und genau hier beginnt das große Aber, jener Bauchgefühl-Bullshit, der uns im Alltag leider viel zu oft begegnet, der uns nervt und uns deshalb geradezu zwingt, dieses Kapitel zu schreiben.

Unseren ersten Punkt haben wir bereits angedeutet: Intuition ist kein »sechster Sinn«, keine spirituelle Eingebung. Sie basiert, wo sie existiert, auf konkreter Erfahrung, auf Expertise und auf echter, in der Vergangenheit erworbener Könnerschaft. Bauchgefühl ist umso zuverlässiger, je mehr man ganz grundsätzlich von einer Sache versteht. Und das heißt umgekehrt: Wenn man nichts von einer Sache versteht und keine Ahnung davon hat, dann ist Intuition in der Regel wenig wert.

Wenn wir diesen Satz in privaten Gesprächen äußern, ernten wir übrigens wenig Widerspruch. Alle sind damit einverstanden – und das ist ein schlechtes Zeichen. Die Zustimmung bedeutet nämlich, dass niemand sich dadurch persönlich angesprochen fühlt. Keine Ahnung haben offenbar immer nur die anderen.

Tatsächlich weiß die psychologische Forschung aber: Wir können nur selten beurteilen, wovon wir selbst viel verstehen und wovon nicht. »Dunning-Kruger-Effekt« heißt das Phänomen. Den Begriff haben Sie vielleicht schon einmal gehört oder gelesen. Bei wilden Diskussionen im Internet beschuldigt irgendwann jemand immer zuverlässig seine Gegner, dass sie dem »Dunning-Kruger-Effekt« unterliegen. Was eine schlaumeierische Ausdrucksweise ist für: »Ihr habt keine Ahnung, und noch nicht mal eine Ahnung davon, dass ihr keine Ahnung habt.«

Dieser Effekt ist Ihnen sicherlich auch im echten Leben schon begegnet. Bestimmt kennen auch Sie einen Möchtegern-Grillmeister, der auf der Gartenparty alle mit seinem Wissen über Röstaromen und Hähnchen-Kerntemperaturen nervt, und am Ende doch nur alles verkohlen lässt. Oder den überall bekannten »DJ-Selbstüberschätzung«, der die Crème de la Crème der Mischpulte und Soundanlagen mit zu einer Hochzeitsparty bringt und es mit seinem sehr speziellen Musikgeschmack dann tatsächlich schafft, die Tanzfläche binnen zehn Minuten leerzuspielen. Und zwar selbst dann, wenn direkt zuvor noch alle ausgelassen zu einer Playlist von irgendeinem Oldie-Radiosender gerockt haben.

Wie gesagt: »Hör auf dein Bauchgefühl« taugt nur dann als Tipp, wenn wir wirklich etwas von einer Sache verstehen. Der Dunning-Kruger-Effekt aber besagt: Auch mit relativ wenig Ahnung von einer Sache glauben wir dennoch, ziemlich gut Bescheid zu wissen. Nach dem ersten Spaziergang in den neuen Wanderstiefeln fühlen wir uns bereit für den Mount Everest. In der Fachsprache der Psychologie sagt man, dass es uns an der »Metakompetenz« fehlt, die eigene Kompetenz realistisch einzuschätzen. Der Effekt ist immer wieder in Studien bestätigt worden, niemand kann sich davon freisprechen.4

Dass es sich bei der systematischen Selbstüberschätzung um ein Massenphänomen handelt, sieht man etwa an Umfragen, bei denen Menschen ihre eigenen Autofahr-Künste einschätzen sollen. 70 bis 90 Prozent der Befragten sind überzeugt: Ich kann das »überdurchschnittlich gut«.5 Rechnerisch ist das natürlich kaum zu erklären. 90 Prozent können nicht über dem Durchschnitt liegen – zumindest nicht bei Fähigkeiten wie dem Autofahren. Selbstüberschätzung ist also keine Ausnahme, sondern vielmehr die Regel. Die allermeisten Menschen überschätzen ihre eigene Intelligenz, ihre Fähigkeit zum Zeitmanagement, ihre Ehrlichkeit und Teamfähigkeit, ihre Attraktivität, ihren Humor, ihre Kreativität oder wie moralisch sie sind.6 Bevor jetzt Widersprüche kommen: Nicht jeder Mensch überschätzt sich immer in allem. Natürlich nicht. Es gibt freilich auch die selbstzweiflerischen Tiefstapler. Aber wenn von 100 Leuten sich 90 für »überdurchschnittlich« in einer Sache halten, dann weiß man schon ziemlich genau, wie der Hase bei uns Menschen so läuft.

Doch der Dunning-Kruger-Effekt hat noch eine andere Seite. Menschen, die sehr viel von einer Sache verstehen, neigen nämlich eher dazu, ihre eigene Expertise zu unterschätzen. Wer schon viele sehr hohe Berge bestiegen hat, der weiß sehr genau, dass auf dem Weg zum Gipfel des Mount Everest noch ganz besondere Schwierigkeiten warten. Unser Vorbild in dieser Hinsicht ist der berühmte Philosoph Sokrates. Er war einer der klügsten Menschen seiner Zeit und zugleich fest überzeugt: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Ganz ehrlich: So viel intellektuelle Bescheidenheit hätten wir auch gern!

Wenn wir die bisherigen Erkenntnisse dieses Kapitels zusammenfassen, merken wir, woher der Bauchgefühl-Bullshit eigentlich stammt. Intuition funktioniert – siehe die Forschung von Gerd Gigerenzer – vor allem dort, wo wir schon sehr viel Vorwissen in uns tragen. Wir haben aber – siehe Dunning-Kruger-Effekt – keinen klaren Kompass dafür, wie gut wir uns tatsächlich auskennen. Wir vertrauen unserem Bauchgefühl daher viel zu häufig und zu sehr. Wir werden Opfer unserer Selbstüberschätzung. Das heißt: Der Satz »Hör auf dein Bauchgefühl« mag in manchen Fällen ein guter Ratschlag sein, aber in vielen Fällen ist er ziemlicher Bullshit. Was wir im Alltag salopp als »Bauchgefühl« bezeichnen, meint eben oft nicht mehr als eine diffuse Emotion. Fachleute wie Gerd Gigerenzer verstehen unter Intuition eher eine Art unbewusstes Erfahrungswissen. Beides zu verwechseln ist riskant.

Die meisten Menschen, mit denen wir über diese Sache reden, fordern an dieser Stelle weitere Indizien. Wir haben deshalb ein großes Beispiel mitgebracht, das in Wahrheit aus vielen kleinen Beispielen besteht. Nämlich die Frage: Haben wir ein gutes Bauchgefühl dafür, was uns glücklich machen wird und was nicht? Sind wir also gut darin, Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, die etwas mit unserer Lebenszufriedenheit zu tun haben?

In unseren Freundes- und Bekanntenkreisen hören wir da immer wieder gut gemeinte Bauchgefühl-Ratschläge. Hör auf deine Intuition – dann wirst du schon dein Glück finden. Schick einen Wunsch ans Universum – es wird dich erhören. Denk nicht so viel über deine Sozialversicherungen nach. Wenn dein Bauch dir sagt, dass du unbedingt Profi-Karnevalsredner werden willst: Ab in die Bütt! Mehr Lebensglück durch gutes Bedenken-Management! Also vor allem: weniger Bedenken. Das ist die Verheißung. Viele Menschen glauben felsenfest daran, dass wir unser künftiges Glück ganz gut »im Gefühl« haben, dass unsere innere Stimme uns schon leiten wird auf dem Pfad zum guten Leben.

Also gut. Dann spitzen wir mal die Ohren. Was sagt sie uns, diese innere Stimme? Wir beginnen ganz locker mit einer Anekdote aus Jochens Berufsleben. Wenn man Menschen nach dem glücklichsten Moment ihres Lebens fragt, dann antworten sehr viele von ihnen wie aus der Bauchgefühls-Pistole geschossen: »Das war die Geburt meines ersten Kindes.« (Also nur dann, wenn die befragten Leute auch Eltern sind, natürlich.) Jochen hat mal bei einer Frauenzeitschrift gearbeitet, wo die Frage nach dem glücklichsten Moment zu den Standard-Fragen eines jeden Interviews gehörte. Und die weise Chefredaktion hatte verfügt: Die Antwort mit der Geburt des ersten Kindes ist ausdrücklich verboten, »sonst sagt das ja jeder!«. Dieser Trick führte tatsächlich zu abwechslungsreichen Interview-Antworten. Die einen erzählten plötzlich von Momenten intensiver Verliebtheit, die anderen von beruflichen Triumphen oder von Unfällen, die sie auf wundersame Weise überlebt hatten. Jedes Interview war anders und überraschend, die Chefredaktion öffnete zufrieden den Schaumwein.

Nun ja. Im wirklichen Leben bezeichnen natürlich nicht alle Eltern die Geburt des ersten Kindes als den glücklichsten Moment ihres Lebens, aber rund die Hälfte von ihnen tut es doch. Und die allermeisten Eltern sind überzeugt, dass Kinder glücklich machen.7

Das ist das, was die Menschen so glauben. Jetzt der Realitätscheck – und der ist leider ziemlich ernüchternd. Wenn man die besten und renommiertesten Glücksforscher interviewt und wenn man die großen internationalen Studien durchforstet, dann widersprechen die Ergebnisse unserem Glücks-Radar im Bauch recht deutlich.

Denn, bitte anschnallen: Kinder machen wissenschaftlich betrachtet nicht besonders glücklich. Wenn Sie uns das nicht glauben mögen, dann glauben Sie es vielleicht Ed Diener, dem 2021 verstorbenen, aber immer noch meistzitierten Glücksforscher der Welt: »Statistisch gesehen macht das erste Kind die Mutter ein wenig glücklicher. Den Vater aber nicht. Ab dem zweiten Kind sinkt das subjektive Wohlbefinden beider Elternteile. Der Effekt ist zwar nicht dramatisch, aber messbar. Und er widerspricht eindeutig unserer Intuition.«8

Und das Thema Nachwuchs ist nicht der einzige Punkt, an dem es unserem Bauchgefühl fürs eigene Lebensglück an Trittsicherheit gebricht. Wir Menschen haben ganz grundsätzlich beim Blick in die Zukunft wenig Ahnung, was uns glücklich machen könnte und was vielleicht nicht so sehr. Das liegt unter anderem daran, dass Wünschen (»Wanting«) im Gehirn überwiegend durch den Botenstoff Dopamin gesteuert wird. Ob wir etwas am Ende aber auch wirklich mögen, wenn wir es haben (»Liking«) – das entscheiden völlig andere Regionen unseres Gehirns. Und es wird auch durch andere Neurotransmitter gesteuert (unter anderem durch Endorphine).9

Im Ergebnis führt das dazu – was für ein Jammer –, dass wir uns regelmäßig die falschen Sachen wünschen (»Miswanting«). Wir haben also kein besonders gutes Bauchgefühl dafür, was uns glücklich macht. Die Rolling Stones haben’s geahnt, mit der tiefen Menschenkenntnis des Rock’n’Roll: »You can‘t always get what you want. But if you try sometimes, well, you might find. You get what you need.« Wenn wir nicht kriegen, was wir wollen – dann ist es vielleicht gerade das, was wir gebraucht haben.

Klar: Wir ahnen, dass eine Scheidung erst mal unglücklich macht. Doch sobald die Sache auch nur ein wenig detaillierter wird, versagt unsere emotionale Wettervorhersage: Wie lange wird es Unrat regnen in unserem Herzen? Wie viel prasselt dann auf uns herab? Muss irgendwann die Psycho-Feuerwehr anrücken, um den vollgelaufenen Keller unserer Seele leerzupumpen? Und: Was genau werden wir fühlen, wenn wir nach der Trennung in unserer neuen Wohnung sitzen? Wut? Trauer? Enttäuschung? Hoffnungslosigkeit? Bei all dem liegen wir mit unseren Tipps oft himmelweit daneben. Das ist jedenfalls das, was die psychologische Wissenschaft herausgefunden hat.10

Wir überschätzen dramatisch, wie lange wir unter einer Trennung leiden werden. Wir überschätzen ebenfalls, wie lange nach einer Beförderung im Job die Euphorie anhalten wird. Oder nachdem unser Verein Deutscher Meister geworden ist. In Wahrheit kommen wir viel schneller zurück zu unserem normalen Glücksniveau, als wir glauben. Wir fallen von Wolke 7 schneller zurück auf Wolke 3 – erholen uns aber auch viel rascher von Tiefschlägen, als wir gemeinhin fürchten. Unser psychisches Immunsystem sorgt dafür, dass wir uns in einer neuen Situation relativ schnell einrichten und damit klarkommen. Bei guten und auch bei schlechten Veränderungen.

»Hör auf dein Bauchgefühl« – bleiben wir noch eine Weile bei unserem Beispiel: Warum begreifen wir intuitiv so wenig darüber, was uns wie glücklich oder unglücklich macht? Ganz einfach: weil sich unser Bauchgefühl viel zu sehr auf einzelne Großereignisse konzentriert. Stichwort: Beförderung, Meisterschaft oder Scheidung. Wir übersehen, dass das wirkliche Leben bei all diesen Ereignissen einfach weitergeht. Man wacht auch nach einer fetten Gehaltserhöhung manchmal mit steifem Nacken auf, kriegt plötzlich Durchfall oder Streit mit der Nachbarin. So was kann einem den schönsten Tag versauen. Dasselbe Prinzip gilt umgekehrt auch für die schmerzhaften Großereignisse: Selbst nach einer Trennung, die einem das Herz aus der Brust zu reißen scheint, wird man irgendwann feststellen, dass die Welt noch immer voller umwerfend schöner Musik sein kann, dass es Sonnenuntergänge gibt, Freundschaft und irgendwann auch wieder: Liebe. Wir tragen mehr Resilienz in uns, als das Bauchgefühl uns weismachen möchte.

Es gibt natürlich auch Ausnahmen von dieser Regel. Manche Ereignisse können wirklich dauerhafte Dellen in unser persönliches Glücksniveau schlagen. Was glauben Sie, gehört eher zu dieser Sorte von Schicksalsschlägen? Einen geliebten Menschen zu verlieren oder arbeitslos zu werden? Die meisten Menschen tippen auf den Todesfall, also darauf, dass wir uns nach einem solchen Verlust nur schwer erholen. Das ist das, was unser Bauchgefühl uns einflüstert. Auch wir hätten das vermutet. Die Forschung zeigt aber, dass es sich genau umgekehrt verhält. Die meisten Menschen erholten sich nach einigen Jahren davon, dass sie jemanden verloren haben.11 Anders sieht es aus, wenn man gefeuert wird und dann über viele Monate nichts Neues findet, obwohl man unbedingt wieder arbeiten möchte.12 Wenn die Gesellschaft sagt: »Wir brauchen dich nicht mehr« – das setzt uns so stark zu, dass wir danach nie wieder dieselben werden.

Was fangen wir also an mit all dem? Zunächst einmal: Der Ratschlag »Hör auf dein Bauchgefühl« ist nicht grundsätzlich falsch. Er kann hilfreich sein – in genau den Momenten, in denen wir über Erfahrung verfügen und echte Expertise, in denen wir ein gutes Gespür für eine Situation entwickelt haben. Oder wenn es darum geht, einem zarten Impuls den Raum zu geben, sich gegen lähmende Zweifel durchzusetzen. Denn manchmal ist das Bauchgefühl eine verdichtete Form früherer Urteile. Und wenn sie funktioniert: wunderbar.

Aber als allgemeine Lebensregel? Als globales Navigationsgerät für Job, Liebe, Sinn, Geld, Familienplanung, Scheidung, Lotto, Steuerklasse? Da taugt die Intuition ungefähr so viel wie ein Spielzeugkompass aus Plastik im Nebel. Da ist der Satz »Hör auf dein Bauchgefühl« ziemlicher Unsinn, manchmal kann er gefährlich werden und uns zu allzu wenig bedachten oder abgewogenen Entscheidungen führen, die wir später bereuen.

»Hör auf dein Bauchgefühl« – weil der Satz zwar manchmal stimmt, in vielen Fällen aber nicht, vergeben wir ihm einen im Vergleich mit anderen Kapiteln dieses Buchs moderaten Bullshit-Faktor von 65 Prozent.

Alkohol enthüllt das wahre Ich

Wenn eine alte Weisheit schon so richtig alt ist, dann gibt es sie auch auf Latein. Wie bei »Irren ist menschlich« oder »Im Zweifel für den Angeklagten«. Irgendein humanistisch gebildeter Großonkel findet sich bei jeder Feier, der darauf – wie auf Knopfdruck – sein »errare humanum est« oder »in dubio pro reo« übers Tortenbüfett erschallen lässt. Und wenn dann später der Wein gereicht wird, entkommt man nur in seltenen Glücksfällen seinem »in vino veritas«. Wenn aber der Mensch tatsächlich irrt und man mit Angeklagten nicht maximal streng verfahren soll – offenbart dann nicht auch der Alkohol unseren wahren Charakter? Denn dies glaubten schließlich schon alle möglichen Völker der Antike.

Die Chinesen kamen dabei zur selben Schlussfolgerung wie die antiken Römer: »Nach dem Wein folgt die wahre Rede«, heißt eines ihrer Sprichwörter.13 Auch in Persien – ebenfalls einer alten Hochkultur – gibt es so einen Spruch, fast wörtlich gleichlautend sogar. Der römische Historiker Tacitus behauptet: Die antiken Perser haben Entscheidungen misstraut, die von allzu nüchternen Ratsmitgliedern getroffen wurden. Um das Pro und Kontra unverstellt abzuwägen, hat man vor dem Urteil ein amtliches Besäufnis veranstaltet.14 Denn man kann ja nie wissen: Gänzlich unberauschte Leute halten ja gern wichtige Fakten bewusst zurück oder führen ihre Gesprächspartner taktisch in die Irre – wozu sie nach drei, vier Kurzen nicht mehr in der Lage sind.

Alkohol, so also die epochen- und kulturübergreifend tiefe Überzeugung, löst die Zunge, macht die Menschen hemmungslos offenherzig – und eben auch: authentisch.

Auch wir verfügen da über einige Erfahrung. Jens ist als gebürtiger Rheinländer im Karneval schon vielen Menschen begegnet, die ihre alkohol-induzierte Wahrhaftigkeit nur notdürftig ausbalancieren konnten durch eine äußerliche Tarnung: als Cowboy, Panzerknacker oder Arielle-die-Meerjungfrau. Und ohne den Konsum von Kölsch im Karneval würde wohl niemand offen zugeben, sich von Menschen mit Zwiebelmettbrötchen im Atem unglaublich angezogen zu fühlen. Ja, auch Jens’ wahres Ich liebt Zwiebelmett! Um das hier öffentlich hinzuschreiben, musste er sich vielleicht sogar etwas Tapferkeit antrinken. Im Wein liegt offenbar nicht nur die Wahrheit, sondern auch Mut.

Jochen weicht in nüchternem Zustand jedem Gespräch mit Jens über Karneval diplomatisch aus, murmelt etwas von »Respekt für kulturelle Traditionen« und vom Karneval als »regionalem Wirtschaftsfaktor« und so weiter. Aber bereits unter geringem Alkoholeinfluss offenbart Jochen zuverlässig ebenfalls sein wahres Ich – und schickt Jens am Rosenmontag Whatsapp-Nachrichten mit Abscheu-Emojis mit Erbrochenem nach Köln, aus der Tiefe seiner badisch-pietistischen Faschings-Ablehnung. Denn: So ist er eben wirklich, der Jochen.

Wenn die Sache so klar ist, dass also im Alkohol die wahre Persönlichkeit aufscheint, und wenn das also anscheinend gar kein Bullshit ist – warum schreiben wir dieses Kapitel dann überhaupt? Ganz einfach: Wir haben uns versehentlich mit den Ergebnissen der Wissenschaft zu diesem Thema befasst. Und die besagen: Die Sache ist komplizierter, als man glaubt.

Der Psychiater Friedrich Wurst von der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg erklärt: »Es werden zwar Barrieren abgebaut, aber dass durch Alkoholkonsum die Wahrheit zutage kommt, das wäre zu weit gegriffen.«15 Das bedeutet: Im betrunkenen Zustand mag es uns leichter fallen, Themen anzusprechen, für die es mehr Mut braucht (Stichwort: Zwiebelmett!) und die wir im nüchternen Zustand daher lieber umgehen. Aber sämtliche Hemmungen fallen deswegen nicht. Alkohol ist kein magisches Wahrheitsserum!

Eine andere Wirkung von Alkohol ist unbestritten: Er wirkt »anxiolytisch«. Das ist Schlaumeiergriechisch für »angstlösend«. Das hat man schon vor fast 20 Jahren im Hirnscanner nachgewiesen. Unser Denkorgan reagiert demnach unter Alkoholeinfluss weniger stark auf Bedrohungsreize aller Art. Das gilt sowohl für das limbische System, wo unsere Emotionen verarbeitet werden, als auch für das Sehzentrum im visuellen Kortex.16

Bitte lesen Sie den letzten Satz noch einmal. Er besagt eine Ungeheuerlichkeit: Wenn wir betrunken sind, sehen