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Drei Männer, die von einer Karriere in L.A. träumen – und drei Frauen, die ihnen die Köpfe verdrehen Mr. Nanny Ich habe schon nicht mehr daran geglaubt, als Drehbuchautor in L.A. durchzustarten. Aber zu meinem Glück hat mein Agent vor ein paar Wochen einen Investor gefunden. Hurra, alle meine Probleme sind gelöst! Der Haken? Der Investor ist nur bereit, meinen Film zu finanzieren, wenn ich eine bestimmte Schauspielerin verpflichte. Und natürlich muss es dieselbe Schauspielerin sein, die ich vor ein paar Monaten über den Tisch gezogen habe. Aber dieses winzige Detail braucht sie ja nicht zu wissen, oder? Alles, was zählt, ist, sie dazu zu bringen, den Film zu machen. Wir können die Vergangenheit doch einfach hinter uns lassen, oder? Ich dachte, mit meinem Charme würde ich sie für mich gewinnen. Niemals wäre ich auf die Bedingungen vorbereitet gewesen, die sie auf den Tisch gelegt hat. *** Mr. Dreamer Gerüchte haben mir nie etwas ausgemacht. Wenn die Leute über mich spekulieren wollen, weil ich beruflich Hundekleidung entwerfe – sollen sie doch. Ich kenne die Wahrheit. Seit ich Teegan Lowery engagiert habe, kann ich an keine andere Frau mehr denken. Ich habe sie wegen ihrer hervorragenden PR-Fähigkeiten eingestellt, aber sie schleicht sich langsam in mein Herz, das ich seit Jahren mit einem NO VACANCY-Schild gekennzeichnet habe. Alles an Teegan schreit danach, dass sie nicht verfügbar ist. Und das Letzte, was ich brauche, ist eine weitere dramatische, pflegeintensive Frau in meinem Leben. Glaubt mir, das habe ich schon erlebt. Aber die explosive Spannung zwischen uns ist wie ein Tauziehen. Und keiner von uns will verlieren. *** Mr. Womanizer Die Leute sehen gerne, wie der Womanizer fällt … derjenige, der deine Nummer annimmt, aber nie anruft? Der Kerl, der mit vielen schläft, sich aber nicht bindet? Jeder will sehen, wie sich dieser Typ verliebt, richtig? Pfft. Klingt wie das Drehbuch von einem der Kinofilme, die meine Kunden drehen. Kommt mal auf den Boden, denn im wirklichen Leben verliebt sich der arrogante Kerl nicht Hals über Kopf in die temperamentvolle Brünette. Es sei denn, er traf sie lange, bevor er sein cooles Auftreten perfektioniert hat. Es sei denn, sie hat eine Narbe auf seinem Herzen hinterlassen, die nie ganz verheilt ist …
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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Wenn Ihnen diese Romane gefallen haben, schreiben Sie uns unter Nennung der Titel »Mr. Nanny«, »Mr. Dreamer« und »Mr. Womanizer« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
© Piper Verlag GmbH, München 2025
Dieses ebook enthält die Romane »Mr. Nanny«, »Mr. Dreamer« und »Mr. Womanizer« von Piper Rayne
© MISTER MOM by Piper Rayne 2017
© ANIMAL ATTRACTION by Piper Rayne 2017
© DOMESTIC BLISS by Piper Rayne 2017
© der deutschsprachigen Ausgabe:
Piper Verlag GmbH, München 2024, 2025
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Cherokee Moon Agnew
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Originalcovergestaltung: Giessel Design
Covermotive: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.
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Deutsche Erstausgabe
© MISTER MOM by Piper Rayne 2017
© der deutschsprachigen Ausgabe:
Piper Verlag GmbH, München 2024
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Cherokee Moon Agnew
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Covergestaltung: Giessel Design
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Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Epilog
Und zum Schluss noch ein bisschen Einhorngeplauder …
Für alle Stiefeltern,die den großen Unterschied ausmachen.
VANCE
Als die Räder des Jets auf der Landebahn des Flughafens von Los Angeles aufsetzen, beginnt mein Herz, unregelmäßig zu schlagen. Mein Besuch in der Heimat war eine nette Realitätsflucht, aber nun, da ich in die Stadt der Engel zurückgekehrt bin, kann ich nur noch daran denken, wer ich hier einmal war.
Nach Climax Cove zurückzukehren war eine spontane Entscheidung. Ich habe einfach meine Tasche gepackt, bin zum Flughafen gedüst und habe viel zu viel Geld für ein One-Way-Ticket bezahlt – Geld, das ein Arbeitsloser Anfang dreißig eigentlich nicht ausgeben sollte, auch wenn ich bis zu meiner Kündigung förmlich in Geld schwamm. Ja, ich war erfolgreich, aber dennoch kein A-Promi, der im Jahr einen achtstelligen Betrag verdient.
Ich zücke mein Smartphone, schultere meinen Rucksack – mehr Gepäck habe ich nicht dabei – und rufe auf dem Weg zur Ankunftshalle meinen Freund Jagger an.
Doch er geht nicht ran.
Typisch.
Hoffentlich hat er nicht irgendeine heiße Schnitte aufgerissen und vergessen, dass er mich abholen soll. Ich gehe an den Gepäckbändern vorbei, trete durch die Schiebetüren ins Freie und werfe einen Blick in den sternenlosen Nachthimmel.
Palmen haben die großen Eichen abgelöst, das Bergpanorama ist verschwunden. Stattdessen ist die Luft voller Smog, und überall wuseln Menschen herum.
Als ich Jagger auf seiner teuren Harley Davidson sitzen sehe, bleibe ich stehen. Er unterhält sich mit einer Polizeibeamtin, die über irgendetwas, das er gesagt hat, kichert, statt den Verkehr zu regeln.
Er berührt ihre Schulter, sie nimmt die Hand von ihrem Holster und schlägt sie lachend vor den Mund. Nachher klaut ihr noch jemand die Waffe, nur weil Jagger Kale mit ihr flirten muss.
Ich gehe auf die beiden zu. Als mich die Polizistin aus dem Augenwinkel kommen sieht, legt sich ihre Hand sofort wieder auf ihre Pistole. Also habe ich sie doch unterschätzt. Nun dreht auch Jagger den Kopf in meine Richtung. Er hat sein typisches Grinsen aufgesetzt.
»Hey, Mann.« Er kickt den Motorradständer herunter, steigt ab und kommt mir mit ausgestreckter Hand entgegen.
Die Polizeibeamtin beäugt mich noch immer. Ja, vielleicht wirke ich nach meiner Reise ein wenig derangiert, aber ich sehe garantiert immer noch so aus, als würde ich nach L. A. gehören.
Kopfschüttelnd gebe ich ihm die Hand.
Sein Grinsen wird daraufhin nur noch breiter. Wir verstehen uns eben ohne Worte. Während ich ihn wissen lasse, dass er ein Idiot ist, antwortet er: Schau dir nur mal ihre Brüste an. Wie soll ich da bitte widerstehen?
Dann stehe ich da wie das fünfte Rad am Wagen, während sie ihm ihre Nummer schickt.
»Wehe, du benutzt sie nicht«, warnt sie ihn mit ihrer vermutlich autoritärsten Polizeistimme. Sie klingt so streng, dass mein Blick instinktiv zu ihren Handschellen wandert. Ich frage mich, wie oft die wohl zum Einsatz kommen.
Jagger zwinkert ihr zu. Wahrscheinlich denkt er gerade das Gleiche wie ich. »Keine Sorge, Süße. Ich vergesse nie anzurufen.«
Als sie mich ansieht, senke ich schnell die hochgezogenen Augenbrauen. Ich würde Jagger nicht unbedingt als Aufreißer bezeichnen, aber er genießt nun mal sein Singledasein. Wenigstens hält er sich von seinen Klientinnen fern. Seinen elitären Klientinnen wohlgemerkt. Als Agent vertritt er nur A-Promis, und seine Liste ist voller hübscher Brüste und Ärsche, aber seit ich ihn kenne, hat er diese Grenze noch nie überschritten.
Ich starre der Polizeibeamtin hinterher, während sie sich mit schwingenden Hüften wieder mitten in den niemals endenden Verkehr stellt.
»Ernsthaft?«
»Was denn?« Grinsend hebt Jagger die Hände. Er weiß genau, was ich meine.
»Jetzt parken die Autos in vierter Reihe, nur weil du unbedingt mit ihr flirten musstest.«
Leise lachend wirft er einen Blick über die Schulter und beäugt die Schlange an Autos, in denen alle auf ihre Lieben warten.
»Und dass du in der Taxispur geparkt hast, hat sie auch nicht gejuckt.«
Unschuldig sieht er sich um, als stünden nicht überall Schilder.
»Ich frage mich allerdings, warum du mit deinem Motorrad hier aufkreuzt?«
Sein leises Lachen verwandelt sich in schallendes Gelächter. »Hey, ich habe dir sogar einen Helm mitgebracht.« Er zieht ihn aus der Seitentasche. Es ist der rosafarbene, den die Frauen tragen, wenn er mit ihnen an der Küste entlangfährt. Das ist wohl seine Art des Vorspiels.
»Jagger.« Ich seufze. »Jetzt mal im Ernst, Mann. Wo ist der Aston Martin?«
Er schwingt sich auf sein Bike, setzt seinen Helm auf und kickt den Ständer hoch. »Der steht bei mir zu Hause in Malibu. Ich habe die letzten Nächte in meinem Apartment in der City verbracht. Ich wollte nicht den ganzen Weg zurückfahren, nur um mein Auto zu holen.«
Genervt schüttle ich den Kopf. Er glaubt doch nicht allen Ernstes, dass ich meinen Schwanz gegen seinen Hintern presse, während wir uns durch den dichten Verkehr von Los Angeles schlängeln.
»Mach nicht so ein Drama und steig auf. Oder bist du dafür nicht Manns genug?« Er reicht mir den Helm. Ich verkneife mir jeglichen Kommentar, steige widerwillig auf und schließe den Verschluss des Helms, während ich versuche, so viel Abstand zu seinem Hintern wie nur möglich zu halten.
Als der Motor aufbrüllt, kralle ich mich hinten an der Stange fest und wende all meine Kraft auf, um nicht weiter nach vorn zu rutschen.
Jagger tut das, was er nun mal am besten kann, und rast wie eine gesengte Sau durch den Sepulveda Boulevard Tunnel.
***
Die Fahrt kommt mir ewig vor, dabei dauert sie gerade einmal fünfundvierzig Minuten. Sofort springe ich vom Bike, um endlich ein wenig Abstand zu meinem Kumpel zu gewinnen.
»Danke«, murmle ich und steige die Treppe zu meinem Apartment im ersten Stock hoch.
»Hey, warte mal.«
Er schaltet den knatternden Motor aus und kickt den Ständer herunter. Das Geräusch hallt durch die Nachtluft.
»Ich bin müde und muss dringend ins Bett«, versuche ich, mich aus dem Staub zu machen.
Ich habe bereits den ersten Treppenabsatz erreicht und bin nur noch wenige Türen von meiner Flucht entfernt, doch da nähern sich von hinten Jaggers Schritte.
»Was denn? Ich bringe dich nach Hause und du bietest mir nicht mal etwas zu trinken an?«, fragt er lachend.
»Ich weiß nicht mal, was ich da habe.«
»Macht nichts. Ich kann auch schnell bei Leo vorbeischauen, wenn es sein muss.«
Leo ist ein gemeinsamer Freund, der im Erdgeschoss wohnt.
»Ich bin gerade nicht in Stimmung«, versuche ich es erneut.
»Ach, komm schon. Wir müssen noch darüber reden, dass du nach Hause zu Mommy gelaufen bist.«
Oben an der Treppe bleibe ich stehen und verenge die Augen zu Schlitzen. »Auf keinen Fall. Ruf lieber die Polizistin von vorhin an.«
Leise lachend schiebt er sich an mir vorbei und geht rückwärts zum Apartment Nummer zweihundertsieben.
»Wag es bloß nicht«, warne ich ihn.
Vor der Tür angekommen, hebt er die Faust.
»Ich meine es ernst, Jagger. Gib mir einen Tag, dann können wir reden.«
Er tut, als wollte er anklopfen.
Kopfschüttelnd steuere ich auf die Tür meines eigenen Apartments zu. »Dann sperre ich dich eben aus.«
Es gibt keinen Grund zur Eile. Leo, der Eigentümer von Apartment Nummer zweihundertsieben, hat sowieso einen Schlüssel, weil er die letzten sechs Wochen meine Pflanzen gegossen und nach dem Rechten gesehen hat.
Jaggers lautes Klopfen hallt über den Korridor, während ich die Tür zu meinem Apartment aufsperre. Darauf folgt das Bellen von Leos Hund Cooper, der zur Tür stürmt. Ich sehe förmlich vor mir, wie er rutschend zum Stehen kommt und mit wedelndem Schwanz darauf wartet, dass sein Herrchen endlich die Tür öffnet.
»Meine Fresse«, knurrt Jagger.
Ich muss lachen, denn ich weiß genau, was gerade passiert ist. Cooper ist an ihm hochgesprungen und hat ihm das Gesicht abgeleckt.
»Kannst du ihn nicht besser erziehen?«, fragt Jagger.
Kopfschüttelnd drücke ich meine Tür auf.
»Ich gehe doch schon mit ihm zum Hundetraining. Aber er liebt dich eben«, höre ich Leo sagen.
Dann schließt sich seine Wohnungstür. Vier Füße und vier Pfoten nähern sich und betreten schließlich ungebeten mein Apartment.
Mit dem Gesicht voran falle ich aufs Sofa. Cooper springt auf meinen Rücken und leckt mir den Nacken.
»Entspann dich, Coop«, schimpfe ich und versuche, ihn von mir zu schieben.
»Cooper!«, ruft Leo streng. Diesmal hört der Hund. Er setzt sich neben mich und sabbert hechelnd vor sich hin.
Jagger verschwindet in der Küche, öffnet den Kühlschrank, schlägt ihn jedoch sofort naserümpfend wieder zu. »Fuck, wie das stinkt.«
»Vielleicht hätte ich ihn lieber mal ausmisten sollen.« Leo zuckt mit den Schultern und tätschelt Cooper den Kopf, während er sich in einen der Sessel fallen lässt.
»Ist schon in Ordnung. Hört mal, Jungs. Ich freue mich echt, euch zu sehen, aber ich muss jetzt dringend pennen.«
Jagger macht es sich mir gegenüber im Sessel gemütlich und macht keinerlei Anstalten zu gehen.
Demonstrativ stehe ich auf, denn wenn ich sitzen bleibe, kapieren sie es nie. Ich will, dass sie jetzt verschwinden.
»Das ist meine höfliche Art, euch mitzuteilen, dass ihr euch verdammt noch mal verpissen sollt«, fahre ich fort, als sich keiner der beiden vom Fleck rührt.
Jagger beäugt das Sofa, sieht dann mich an und glotzt wieder aufs Sofa.
»Aber nur eine Frage«, knurre ich, plumpse zurück aufs Sofa und lege die Füße auf den Couchtisch.
»Was hast du jetzt vor?«, fragt Leo.
Eins muss man ihm lassen – er hat mich kein einziges Mal gefragt, wohin ich abgehauen bin und warum.
»Ich werde zusehen, dass aus meinem Drehbuch ein Film wird.«
Kopfschüttelnd verzieht Jagger das Gesicht. Sie haben beide mein Drehbuch gelesen. Sie wissen genau, wie viele Jahre ich daran gefeilt habe und dass ich Angst habe, damit auf jemanden zuzugehen.
»Bist du sicher? Ich meine, nachdem …« Jagger hält inne.
»Ja, bin ich. Zu Hause ist mir bewusst geworden, dass Angst nur etwas für Feiglinge ist. Und ich bin kein Feigling. Ich war keiner, als ich Climax Cove verlassen habe, um hier ein neues Leben zu beginnen, und ich bin auch jetzt keiner.«
Das Traurige ist nur, dass ich diese Lektion von meiner Schwester lernen musste. Sie war schon immer die Mutige von uns beiden und tut, was es braucht, um sich ihre Träume zu erfüllen. Mir ist es die ganze Zeit ziemlich leicht gefallen zu vergessen, wie weit wir voneinander entfernt sind.
»Das ist super.« Leo, der Enthusiastische von uns dreien, nickt mir ermutigend zu.
»Das wird bestimmt nicht einfach, aber falls ich dir helfen kann, bin ich für dich da.« Jagger rutscht auf seinem Sessel nach hinten und stützt die Ellbogen auf die Knie. »Willst du es an ein Studio verkaufen, oder willst du den Film selbst produzieren?«
»Selbst. Wir wissen, dass ich das kann. Und ich will frei sein in dem, was ich tue. Ein Studio versaut das Ganze nur, damit es sich besser verkaufen lässt«, erwidere ich.
Jagger nickt geschäftsmäßig. Er hat die Kiefer aufeinandergepresst, und zwischen seinen Augenbrauen hat sich eine Falte gebildet. »Zuerst müssen wir einen Geldgeber finden.«
»Wäre toll, wenn du mir dabei helfen könntest.«
Leo und ich starren ihn gespannt an. Sofort zückt er sein Smartphone und scrollt durch seine Kontaktliste. »Mein Dad hat vor ungefähr einem Monat jemanden erwähnt, der gerade auf der Suche nach einem neuen Projekt ist. Gib mir ein paar Wochen. Ich schaue mal, was sich machen lässt.«
Er steht auf und steigt über Leos Beine und Cooper, der ausgestreckt auf meinem Wohnzimmerboden liegt. »Ruh dich erst mal aus«, sagt er über seine Schulter und hat das Handy bereits am Ohr, als er mein Apartment verlässt. »Hey, Dad. Erinnerst du dich noch an den Investor, den du neulich mal erwähnt hast …« Dann schließt sich die Tür hinter ihm, und seine Stimme verebbt.
»Los, Coop.« Leo stößt seinen Hund mit dem Fuß an. Träge rappelt er sich auf und schlurft zur Tür. »Wir reden morgen.« Kurz hebt Leo eine Hand und macht sich ebenfalls aus dem Staub.
Hätte ich gewusst, dass ich die beiden so einfach loswerde, hätte ich das sofort gemacht.
VANCE
Ich greife nach meinem vibrierenden Smartphone auf dem Nachttisch, drehe mich auf den Rücken und halte es an mein Ohr. »Ja?«, frage ich heiser.
»Erzähl mir jetzt nicht, du hättest einen Jetlag. Du warst schließlich nur in Oregon.«
Jagger.
»Wem muss ich Geld geben, um deine Stimme vierundzwanzig Stunden lang nicht hören zu müssen?« Ich setze mich auf, und die Bettdecke rutscht herunter.
»Du warst wochenlang nicht da. Außerdem wäre ich an deiner Stelle lieber nicht so pissig. Ich habe nämlich tolle Neuigkeiten.«
»Wie viel Uhr ist es?« Ich kneife meine Augen zusammen und reibe sie, bevor ich einen Blick auf den Wecker auf der Kabelbox werfe.
Steht da wirklich elf Uhr? Wo zur Hölle ist der ganze Morgen hin?
»Sagen wir es so … Die Frühstückszeit bei McDonald’s ist schon vorbei.«
Als hätte Jagger, der Gesundheitsguru, schon jemals einen Big Mac gegessen.
»Und was sind jetzt die tollen Neuigkeiten, von denen du sprichst?«
»Ich habe jemanden gefunden, der eventuell daran interessiert ist, in dein Projekt zu investieren.«
Ich schnelle hoch und schwinge die Beine über die Bettkante. »Echt?«
Jagger hat den Ruf, Deals auszuhandeln, die eigentlich unmöglich erscheinen. Er hat schon immer schnell gearbeitet, aber das ist selbst für ihn ein Rekord.
»Jetzt bist du wach, was? Sag: ›Danke, Jagger, dass du deine Kontakte hast spielen lassen.‹« Er lacht leise. Dann höre ich, wie sich seine Assistentin über die Sprechanlage in seinem Büro meldet. »Gib mir noch zwei Sekunden, Vic.«
»Nenn mir ein paar Details. Wer ist es?«
»Erst, wenn du ›Danke, Jagger‹ sagst.« Wieder lacht er amüsiert. Dieser Kerl nimmt einfach nichts allzu ernst. Ach, was rede ich da? Genau genommen nimmt er lediglich zwei Dinge ernst: Geld und seine Karriere.
»Danke, Jagger. Kann ich jetzt bitte die Details erfahren?«
»Klar«, höre ich Victoria, seine Assistentin, im Hintergrund sagen. »Aber er droht damit aufzulegen, wenn du keine Zeit für ihn hast.«
»Ich telefoniere aber gerade mit Vance. Einen kurzen Moment noch.«
»Grüße ihn von mir«, erwidert Victoria.
»Grüße zurück«, antworte ich.
»Du kannst ihr hallo sagen, wenn du mich später zum Mittagessen abholst.« Jagger hält inne.
»Mittagsessen?«
»Ja. Und mach dich gefälligst hübsch, denn dafür bist du mir echt etwas schuldig. Wir sehen uns dann um eins.«
Dann ist die Leitung tot. Ich lege das Smartphone auf das Bett und fahre mir durch das Gesicht.
Wüsste ich nicht genau, dass er in den zwei Wochen, seit ich ihm das Go für mein Drehbuch gegeben habe, tatsächlich wahre Wunder vollbracht hat, würde ich mich nicht so herumkommandieren lassen. Aber der Kerl hat mich an den Eiern – und das weiß er genau.
***
Also schleppe ich mich Punkt eins in Jaggers Büro.
»Hey, Victoria.« Im Vorbeigehen winke ich ihr an ihrem fast leeren Schreibtisch zu. »Du willst es dir wohl nicht allzu gemütlich machen, was?«
Kopfschüttelnd rollt sie mit den Augen. Sobald Jagger eine neue Assistentin gefunden hat, wird sie wieder das Büro schmeißen. Victoria ist die Einzige, der Jagger genug vertraut, um einzuspringen, wenn er mal wieder keine Assistentin hat – was ziemlich häufig vorkommt. Jedoch weigert sie sich, persönlich mit ihm zu kommunizieren, denn sie weiß genau, wie schwierig er sein kann. Ich nehme an, er behält sie nur, weil sie ihren Job nun mal hervorragend macht.
»Hallo Vance. Geh ruhig rein. Wahrscheinlich holt er sich gerade einen runter.«
Vor ihrem Schreibtisch bleibe ich stehen, ziehe eine Augenbraue hoch und fange an zu lachen. »Du solltest echt darüber nachdenken, den Job zu behalten. Ich glaube, mit dir hat er sein perfektes Match gefunden.«
Sie steht auf und schnappt sich einen Stapel Papiere. »Ich weiß nicht, ob ich schon bereit bin, mich meinem Schicksal zu ergeben.« Kurz legt sie im Vorbeigehen eine Hand auf meine Schulter und verschwindet dann den Flur hinab.
Ich öffne Jaggers Bürotür und bin froh, dass Victoria mit ihrer Vermutung falsch lag. Er hat die Füße auf den Tisch gelegt und winkt mich herein.
Ich nehme mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank neben dem Sofa, setze mich und drehe den Deckel ab. Er telefoniert weiter und schließt mit irgendeiner Schauspielerin einen Deal ab, während ich durch die neueste Ausgabe des Hollywood Reporter blättere.
Nachdem er aufgelegt hat, umrundet er seinen Schreibtisch und setzt sich mir gegenüber in den Sessel. »Dass Schauspielerinnen immer so schwierig sein müssen«, jammert er.
»Wem sagst du das?«, erwidere ich, während ich weiter durch die Zeitschrift blättere. »Das ist einer der wenigen Vorteile daran, arbeitslos zu sein.«
Jagger zieht die Mundwinkel herunter und legt den Knöchel aufs Knie. »Vielleicht bist du nicht mehr lange arbeitslos.«
Ich werfe die Zeitschrift auf den Tisch und greife nach meiner Wasserflasche. »Dann lass mal hören, schließlich bin ich extra hergekommen.«
Während der Fahrt habe ich versucht, nicht zu viel zu erwarten. Zwar bin ich in Los Angeles kein Niemand, aber da ich mein Drehbuch unter meinem richtigen Namen, Vance Rose, veröffentliche und nicht unter dem, den ich als Produzent benutzt habe, ist es gut möglich, dass Jagger nicht unbedingt den Besten für mein Skript gefunden hat.
»Ich weiß, dass du nicht wolltest, dass die Leute erfahren, dass du Ryder Stone bist. Dass du der Executive Producer einer Fernsehsendung bist, die im ersten Jahr sechs Emmys gewonnen hat …«
Meine Miene bleibt regungslos. Ich weiß aus Erfahrung, wie viel Mist in dieser Branche passiert. Dagegen ist niemand immun. Als ich gefeuert wurde, hat das den Trophäen, die einmal mein Bücherregal geziert haben, den Glanz geraubt. Jetzt stecken sie in einer Kiste tief hinten in meinem Schrank.
»Aber?«
Er nickt nur. Langsam. Sagt nichts.
»Erzähl weiter.«
»Ich musste sagen, wer du bist, um für dich einen Fuß in die Tür zu kriegen. Aber die Person hat versprochen, es unter Verschluss zu halten.«
»Das kommt mir bekannt vor«, murmle ich und nehme noch einen großen Schluck von meinem Wasser.
»Willst du mir jetzt zuhören oder lieber in Selbstmitleid baden? Aus einem Drehbuch einen Film zu machen ist genauso schwierig, wie den nächsten großen Hollywood-Star zu finden.«
»Damit scheinst du aber keine Probleme zu haben«, erwidere ich trocken.
Jagger findet meinen Kommentar jedoch kein bisschen lustig. Wahrscheinlich sollte ich nicht so bissig sein, aber es regt mich immer noch auf, wegen eines so banalen Grunds gefeuert worden zu sein.
»Weil ich verdammt noch mal Jagger Kale bin.« Er steht auf. »Beweg deinen Arsch. Du musst zuerst etwas essen, ansonsten erzähle ich dir einen Scheiß. Du benimmst dich immer wie ein Arschloch, wenn du Hunger hast.« Er schnappt sich sein Smartphone vom Schreibtisch, schiebt es in die Tasche seines Jacketts und hält mir die Tür auf.
»Jetzt sag schon.«
»Fick dich. Los jetzt.«
Ich gehe voran und erwische Victoria dabei, wie sie uns anstarrt.
»Ich bin in ein paar Stunden zurück. Ruf an, falls irgendetwas Wichtiges ist.« Ohne auf ihre Antwort zu warten steuert er auf den Aufzug zu.
»Bis dann, Victoria. Hosenanzüge stehen dir übrigens echt gut.« Ich zwinkere ihr zu, und sie lächelt ein wenig.
»Ich will hier nicht allzu viel Haut zeigen.« Sie erwidert das Zwinkern und widmet sich dann wieder ihrem Computer. »Und halte ihn bitte so lange wie möglich von hier fern.«
»Lass uns endlich gehen, du Dramaqueen.« Jagger hält die Türen des Aufzugs auf.
»Ich gebe mein Bestes«, erwidere ich und gehe rückwärts zum Aufzug.
Dann schließen sich die Türen, während Victoria kopfschüttelnd vor sich hin lacht.
»Flirte nicht mit meiner Assistentin. Wenn ich sie nicht anfassen darf, darfst du es auch nicht.« Mit seinem Fingerknöchel drückt er den Knopf für das Erdgeschoss.
»Warum nicht?«
»Ich bitte dich. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist, dass sie mich so einen Scheiß fragt wie: ›Hat er irgendetwas über mich gesagt?‹, ›Weißt du, warum er mir nicht zurückschreibt?‹, ›Warum will er mich nicht mehr sehen?‹«, versucht er, sie zu imitieren – übrigens ziemlich schlecht. »Außerdem sind wir Freunde, was bedeutet, dass du dir nichts nimmst, was mir gehört.«
Ich schnaube. »Sie gehört dir aber nicht.«
»Vielleicht irgendwann, sobald sie gekündigt hat.« Er zieht eine Augenbraue hoch.
Ich verkneife mir das Lachen. »Warum sollte sie das tun?«
»Früher oder später kündigen sie alle.«
Der Aufzug klingelt, und die Türen gleiten auf. Wir schlängeln uns durch die hereindrängende Menschenmasse und treten durch die Drehtüren hinaus ins Freie. Die Sonne wärmt mein Gesicht, und unsere Schritte hallen auf dem Weg zum Parkhaus auf dem Asphalt wider.
»Ich glaube, sie ist gekommen, um zu bleiben, Mann. Sie hält es schon so lange mit dir aus.« Ich lege eine Hand auf seine Schulter.
Er wirft mir einen schiefen Blick zu. »Keine von ihnen bleibt, weil ich einfach viel zu attraktiv bin. Sie wissen genau, dass ich sie niemals anfassen würde, solange sie für mich arbeiten.«
»Du solltest lieber Männer anstellen.«
»Nein, danke.« Als sein Ferrari in Sicht kommt, zückt er seine Schlüssel, entriegelt den Wagen und schaltet die Alarmanlage aus. Dachtet ihr wirklich, Jagger hätte keinen Ferrari, so arrogant wie er ist? Er hat ein ganzes Arsenal an teuren Autos.
Wir steigen ein. Er rast aus dem Parkhaus und geht vom Gas, bevor er sich in den Straßenverkehr einfädelt. Mit Höchstgeschwindigkeit düsen wir zu einem Restaurant an der Küste, das vom Tourismus noch weitestgehend verschont geblieben ist.
»Das hätte ich mir auch denken können, dass du bei Fisch-Tacos über meine Zukunft sprechen willst.« Ich schüttle den Kopf, während wir die Strandhütte betreten, von der Jagger behauptet, er hätte sie berühmt gemacht.
»Wer mag bitte keine Fisch-Tacos?« Er schiebt seinen Schlüsselbund in seine Hosentasche und zelebriert es förmlich, sein Smartphone auf Vibration zu schalten, bevor er es in die Innentasche seines Jacketts steckt.
»Heilige Scheiße, kriege ich Jagger Kale wirklich ganz für mich allein?«
Er verdreht die Augen und winkt die Kellnerin herbei, mit der er schon mal etwas hatte – nach Ladenschluss auf der Veranda. Aber das ist längst Geschichte. Wenn ich nur nicht immer die Bilder im Kopf hätte, wenn wir hier sind.
Sie deutet auf einen freien Tisch beim offenen Fenster. Wir gehen hinüber und nehmen Platz.
»Okay, nun sind wir also hier. Und jetzt erzähl endlich.« Ich stütze die Unterarme auf den Tisch, atme einmal tief durch und bin gespannt, ob ich mich gleich im Meer ertränken will.
Er lacht leise. »Na ja, ich habe einen Deal für dich ausgehandelt. Und zwar einen guten. Die Investorin ist von der Ostküste, und sie mag die Atmosphäre deiner Story. Sie meinte, es würde sie an ihre eigene Sommer-Lovestory erinnern. Aber sie hat eine Bedingung. Dennoch finde ich, du solltest schon längst meine italienischen Loafer küssen.«
Ich starre ihn an und warte auf eine nähere Erläuterung, als in dem Moment die Kellnerin an unseren Tisch tritt, sich mit der Hüfte anlehnt und die Arme vor der Brust verschränkt.
»Du hast nicht angerufen«, bemerkt sie verärgert.
Er lehnt sich zu ihr und streicht ihr das lange rote Haar über ihre mit Sommersprossen bedeckte Schulter. Ihre steife Körperhaltung entspannt sich ein wenig.
»Vielleicht hast du mir ja die falsche Nummer gegeben«, erwidert er unschuldig.
Sie schüttelt den Kopf. »Nein, habe ich nicht.«
»Na ja, dann weiß ich auch nicht, Süße. Ich habe dich auf jeden Fall angerufen.«
Hat er nicht.
Sie zückt ihren Block, notiert ihre Nummer und schiebt ihm den Zettel über den Tisch zu. »Das ist die richtige. Benutze sie. Zwei Heineken?« Sie schenkt mir einen flüchtigen Blick.
Oh, wie nett. Sie hat mich zur Kenntnis genommen.
Jagger schiebt den Zettel in seine Hemdtasche und tätschelt sich die Brust. »Da ist sie sicher.« Als er zwinkert, seufze ich genervt. Beide funkeln mich böse an.
Als sie geht, starrt Jagger ihr hinterher. »Ich stehe auf Hintern. Und du?«
»Jagger«, knurre ich, doch er begafft immer noch die Kellnerin.
Endlich richtet er seine Aufmerksamkeit wieder auf mich und grinst schief. »Die Investorin will, dass Layla Andrews die weibliche Hauptrolle übernimmt.«
Die Welt um mich herum löst sich auf, meinen Freund Jagger sehe ich nur noch mit Tunnelblick. Jetzt kapiere ich, warum er mich hierhergeschleppt hat: Ich habe keine Fluchtmöglichkeit. Er ist meine Mitfahrgelegenheit. Selbst wenn ich surfen könnte, würde ich bestimmt einfach auf die offene See hinauspaddeln.
»Das wird sie niemals machen.«
Die Kellnerin, die laut des Namensschilds an ihrem engen T-Shirt Heidi heißt, stellt uns das Bier hin, und ich leere meines zur Hälfte, bevor ich die Flasche absetze. Dann hole ich tief Luft und starre hinaus auf den weiten Ozean.
»Doch, wird sie«, erwidert Jagger selbstbewusst.
Als ich den Blick vom Meer losreiße, ist Heidi verschwunden. Zu meiner Verwunderung starrt Jagger ihr diesmal nicht hinterher. Stattdessen wirkt er ernst.
»Fuck, Jagger. Warum um alles in der Welt sollte sie mir einen Gefallen tun? Ich habe sie übers Ohr gehauen. Hast du das etwa vergessen?«
Mit der Bierflasche zwischen den Händen beugt er sich über den Tisch. »Sie kennt aber nur Ryder Stone. Sie hat keine Ahnung, wie du aussiehst.«
Das ist das einzig Gute daran, in dieser Branche hinter der Kamera zu arbeiten. Wenn ich jemanden über den Tisch ziehe, stehen die Chancen nicht schlecht, dass ich nicht erkannt werde, wenn die- oder derjenige mir über den Weg läuft.
»Dann soll ich sie also anlügen?«
Er zuckt mit den Schultern. »Behalte die Info einfach für dich. Sie muss ja nicht alles wissen. Auf dem Drehbuch steht dein echter Name. Und sobald der Film ein Kassenschlager wird, ist es ihr sowieso egal, dass sie vorher deinetwegen eine Rolle verloren hat.«
Ich führe die Flasche an den Mund und lasse mir seine Worte durch den Kopf gehen.
»Außerdem arbeitet sie gerade an einem großen Set. Wahrscheinlich juckt es sie inzwischen gar nicht mehr.«
»An welchem Set?«, frage ich. Eigentlich hätte sie in Abandoned, der TV-Serie, von der ich gefeuert wurde, eine wiederkehrende Rolle bekommen sollen, aber ich habe den Casting Director davon überzeugt, dass sie nur ein glorifizierter Kinderstar ist, dem man eine so ernste Rolle niemals abkaufen wird.
»Sie spielt in Chris Pratts neuem Film mit.«
»Fuck!« Ich leere auch noch den Rest meines Biers.
»Es ist keine Hauptrolle, nur eine kleine. Könnte gut sein, dass sie am Ende komplett herausgeschnitten wird.« Jagger trinkt einen Schluck von seinem Bier. »Ich habe heute Morgen versucht, sie zu erreichen, aber die Assistentin ihres Agenten meinte, sie würde die ganze Woche drehen. Ihr Agent ist gerade auf dem Sundance Film Festival und ruft nicht zurück. Aber ich konnte ganz kurz mit Layla sprechen. Du musst zu ihr ans Set kommen und deine Idee pitchen.«
»Kann das nicht warten, bis der Dreh vorbei ist? Oder bis ihr Agent wieder da ist?«
Heidi serviert uns zwei Teller mit Fisch-Tacos. Japp, wahrscheinlich sind wir zu oft hier. Sie schenkt Jagger einen intensiven Blick, fährt sich mit der Zunge über die Unterlippe und streicht mit ihrem Zeigefinger über seinen Arm, bevor sie wieder verschwindet.
»Nein. Die Investorin will, dass die Sache noch diese Woche dingfest gemacht wird. Sie will manche Szenen in Chicago drehen, solange das Wetter noch gut ist. Das bedeutet, dass wir bis zum Sommer eine Crew zusammenstellen müssen.«
»Wer ist sie denn überhaupt?«
»Ihr Name ist Hannah. Und sie hat Geld. Mehr musst du nicht wissen.«
Ich atme lange aus und lege meine Gabel auf den Teller. »Das geht alles ganz schön schnell.«
Jagger lacht. »Wolltest du nicht genau das? Wenn alles gut läuft, bist du innerhalb von zwei Jahren ein gefragter Drehbuchautor.« Dann verschlingt er seinen Taco. Seine Krawatte hat er über eine Schulter gelegt, sein Jackett hängt über dem Stuhl neben ihm. Zwischen all den Streunern und Surfern, die den Laden tatsächlich bekannt gemacht haben, wirkt er vollkommen deplatziert.
»Es gefällt mir nicht, dass ich sie anlügen soll.«
Jagger schluckt. »Werde endlich erwachsen, Vance. Wir sind hier in Hollywood. Die ganze Filmindustrie ist auf Lügen aufgebaut. Willst du deinen Film machen oder nicht?«
Ich nicke und kaue auf der Innenseite meiner Wange. Meine Schwester Charlie würde mir in den Arsch treten, wenn sie wüsste, was ich hier tue. Aber ganz ehrlich: Vielleicht ist es gut, wie es gekommen ist. Ich meine, immerhin spielt Layla jetzt in einem Film mit Chris Pratt mit. Diese Rolle hätte sie vielleicht nicht bekommen, wenn sie in Abandoned mitgespielt hätte. Eigentlich sollte sie mir dankbar sein. Und wenn mein Film ein Erfolg wird, schlägt das sowieso jede kleine TV-Rolle. Nicht wahr? Definitiv.
»Alles klar. Sag mir, wo ich sie finde.«
Er grinst mit vollem Mund und zwinkert. »Das ist mein Junge.«
VANCE
Ich ziehe meine Baseballmütze tiefer in die Stirn. Man könnte glatt meinen, ich wäre Harry Styles, so, wie ich um die Ecken spähe und mich hinter Setkulissen verstecke, um nicht erkannt zu werden, während ich über das Studiogelände schleiche. Ich hätte Jagger zu ihr schicken sollen. Ich kann sie nicht wie eine Primadonna behandeln – und genau das erwartet sie bestimmt. Was zur Hölle habe ich hier verloren? Eine Lieferung per Kurier ist ihr wohl nicht gut genug.
Diese verdammten Schauspielerinnen.
Ja, ich habe sie um eine Rolle gebracht, aber da sie genauso selbstverliebt ist wie alle anderen in dem Business, hält sich mein schlechtes Gewissen in Grenzen. Alle haben mich als Idioten abgestempelt, aber seht euch nur mal an, wozu sie mich jetzt zwingt: Ich springe für sie durch brennende Reifen. Wäre ich nicht auf die Investorin angewiesen, würde ich einfach darauf scheißen und meine Hauptdarstellerin selbst casten. Aber leider ist das nicht der Fall. Ich brauche das Geld – und zwar dringend.
Ich finde den Wohnwagen, an dessen Tür Layla Andrews geschrieben steht. Hastig klopfe ich an, denn ich will so schnell wie möglich hinein.
Die Tür fliegt auf. Eine Frau Mitte fünfzig stürmt kopfschüttelnd die Treppe herunter, als stünde der Wohnwagen in Flammen, und rempelt mich im Vorbeigehen mit der Schulter an.
»Hey«, grüße ich sie, doch sie bleibt nicht einmal stehen.
»Richten Sie Miss Andrews aus, dass ich raus bin«, ruft sie über ihre Schulter.
Da kommt ein Müsliriegel geflogen und prallt gegen ihren Rücken. Als ich mich umwende, entdecke ich den Übeltäter: einen blonden Jungen, der die Hände in die Hüften gestemmt hat und sie böse anfunkelt. Er sieht aus, als wollte er an ihr irgendeinen Voodoo-Zauber vollführen.
Die Frau hebt den Müsliriegel auf und holt aus, doch ich kriege ihr Handgelenk zu fassen, bevor sie werfen kann.
Was zur Hölle denkt sie sich nur dabei?
Sie öffnet die Faust, und der Müsliriegel fällt zu Boden. »Jetzt haben Sie ihn an der Backe.«
Ich werfe einen Blick über die Schulter auf den Jungen.
Als ich mich wieder zu der Frau umwende, stapft sie bereits davon – und zwar so heftig, dass es ein Wunder ist, dass sie keine Schlaglöcher hinterlässt.
Mein Kopf dreht sich langsam zu dem Jungen um, der immer noch dasteht und mich anstarrt.
»Wer bist du?«, fragt er, die Hände immer noch in die Hüften gestemmt.
»Vance.«
Das Funkeln in seinen Augen lässt kein bisschen nach.
»Und wie heißt du?«, frage ich.
»Meine Mom sagt, ich darf nicht mit Fremden sprechen.« Die Wohnwagentür knallt zu.
Großartig. Ich gehe die Stufen hinauf und klopfe erneut an.
Stille. Ich klopfe noch mal, gefolgt von noch mehr Stille.
Zögerlich lege ich die Hand an den Türgriff.
Vorsichtig öffne ich die Tür und werfe einen Blick hinein, doch der kleine Mistkerl schlägt sie zu und trifft mich am Kopf. Jetzt weiß ich, wie sich der Glatzkopf in Kevin – Allein zu Haus gefühlt haben muss.
»Scheiße.« Vor Schmerz kneife ich die Augen zu und lasse mich an der Tür hinabgleiten, bis mein Hintern auf der Stufe landet. Mit beiden Händen halte ich mir den Kopf.
»Verschwinde. Ich habe hier drin ein großes Monster. Das frisst dich mit Haut und Haar«, dringt die Stimme des Jungen gedämpft durch die Tür.
»Keine Sorge. Das ist die Sache nicht wert.« Ich rapple mich auf und gehe die Stufen hinunter, als mir bewusst wird, wie klein der Junge noch ist. Ich bin nicht gut im Alter schätzen, aber er ist definitiv jünger als der Sohn meines Kumpels Dane, und der ist erst acht.
Also steige ich wieder die Stufen hoch und kneife die Augen zusammen, weil die Sonnenstrahlen so sehr vom Wohnwagen reflektiert werden.
Ich klopfe erneut.
»RAAAAARRRRR!«, höre ich von der anderen Seite, gefolgt von einem Scharren.
Ich muss unweigerlich grinsen. Der Junge glaubt wirklich, ich würde ihm die Geschichte mit dem Monster abkaufen.
Ich klopfe noch mal.
Fäuste trommeln rhythmisch von innen gegen die Tür.
Der Kleine könnte später mal Karriere als Sounddesigner machen.
»Hey, ich will nur mit deiner Mom sprechen.«
»Die steht unter der Dusche«, erwidert er umgehend, und die Monstergeräusche sind verschwunden.
In diesen kleineren Wohnwagen gibt es gar keine Duschen. Chris Pratt hat in seinem bestimmt eine, aber dieses Privileg hat sich Layla gewiss noch nicht verdient.
»Okay, dann warte ich eben.«
Es folgt wieder Stille. Ich will dem Jungen ja keine Angst einjagen, aber das Einzige, was noch zwischen ihm und einer Sondermeldung im Fernsehen über die Obduktion des Sohnes einer aufstrebenden Schauspielerin steht, bin ich.
»Das dauert aber noch ganz lange«, entgegnet er.
»Ich habe Zeit.« Ich setze mich auf die Stufe und lasse mich von der Sonne wärmen. Zum Glück ist gerade Winter, ansonsten würde ich mir jetzt den Arsch abschwitzen.
»Du solltest lieber gehen.« Zum allerersten Mal höre ich so etwas wie ein Zittern in seiner Stimme.
Mist, er hat Angst.
Ich wende mich zur Tür um. Ich weiß, dass er mich nicht sehen kann, aber ich setze dennoch mein breitestes Grinsen auf und hoffe, es stimmt, dass man ein Lächeln in der Stimme hören kann. »Hör zu, Kumpel, ich kann dich nicht einfach allein lassen. Ich warte einfach hier, bis deine Mom zurückkommt, okay?«
Die dünne Wohnwagentür wird von einem lauten Knall erschüttert. Hoffentlich hat er sich nur mit dem Rücken dagegen gelehnt und sitzt jetzt auf der anderen Seite auf dem Fußboden.
»Wie heißt denn dein Monster?« Ich versuche, so freundlich wie möglich zu klingen.
»Max.«
»Ein starker Name.«
»Er ist riesig. Wie Hulk.«
»Und grün?«
»Ja. Mit einem roten Bandana. Und er kann sich auf dem Rücken drehen.«
Ich schürze die Lippen. Ich glaube, der Kleine verwechselt gerade Hulk mit Rafael, dem Ninja Turtle. »Trägt er zufällig eine zerrissene lilafarbene Hose?«
»Woher weißt du das?«, fragt er so entgeistert, dass ich mir das Lachen verkneifen muss.
»Ich bin eben gut im Raten.«
»Und er hat auch Freunde. Einer kann fliegen, und der andere kann sich von einem Spinnennetz zum nächsten schwingen.«
»Und isst er gern Pizza?«
»Ja.« Wieder klingt er total überrascht.
»Lebt er in der Kanalisation?«
Er lacht. »Nein, er lebt bei mir.«
»Um dich zu beschützen?« Ich lehne mich an das Treppengeländer, ziehe die Knie an die Brust und versuche, so viel Schatten wie möglich abzubekommen.
»Ja«, erwidert er nun leiser, und ich bin froh, dass er sich inzwischen beruhigt hat.
»Wer sind Sie?«, fragt eine schnippische Frauenstimme aus der anderen Richtung.
Mein Kopf schnellt herum.
Der Junge hat sich vielleicht beruhigt, aber seine Mutter ist alles anderes als ruhig.
Sie atmet schwer, als wollte sie gleich Feuer speien. Wenn ich ganz genau hinhören würde, könnte ich bestimmt ihren Herzschlag hören. Schnell springe ich auf und streiche meine Anzugshose glatt.
»Hi, ich bin Vance Rose. Sie haben mit Jagger Kale gesprochen?« Ich schiebe die Hände in die Hosentaschen, um sie nicht aus Versehen zu berühren.
Ihr kastanienbraunes Haar glänzt im Sonnenlicht. Fast wirkt es, als würde Glitzer vom Himmel auf sie niederregnen. Ich bin weder ein Poet noch ein Romantiker, aber ich muss dennoch zugeben, dass sie in echt mindestens zehn Mal schöner ist als im Fernsehen. Sie ist schlank mit perfekten Proportionen, und ihre strahlenden grünen Augen verbergen nichts, spiegeln unverblümt ihre Emotionen wider.
Sofort breitet sich das schlechte Gewissen in mir aus, denn ich bin der Grund, warum sie die Rolle damals nicht bekommen hat.
Ich mustere ihr Gesicht, um herauszufinden, ob sie mich erkennt. Zwar kennt sie meinen richtigen Namen nicht, aber man kann nie wissen.
Sie geht an mir vorbei und die Stufen des Wohnwagens hoch. »Ich habe gehört, Sie hätten ein Drehbuch?«, fragt sie knapp und schenkt mir lediglich einen flüchtigen Blick, während sie die Tür öffnet.
»Ja. Die Investorin liebt Ihre Arbeit und möchte, dass Sie die Hauptrolle übernehmen.« Ich will ihr folgen, doch da wird mir die Tür vor der Nase zugeknallt.
Was ist nur los mit dieser Familie?
»Payne!«, ruft sie.
»Mommy!«
Ich drehe den Knauf und stecke vorsichtig den Kopf hinein. Da der Junge nun über beide Ohren strahlt, hoffe ich mal, dass ich diesmal keine Gehirnerschütterung erleide.
»Wo ist Mary?«, fragt sie ihren Sohn und stellt ihre Tasche auf dem Fußboden ab. Payne schnappt sich ein Schwert und stürmt auf mich zu.
Ich greife ihm unter die Achseln und hebe ihn hoch, um seiner Klinge auszuweichen.
»Sie ist gegangen«, erwidert Payne, nachdem ich ihn abgesetzt habe. Er versucht weiterhin, mich mit seinem Plastikschwert zu erdolchen, während ich geschickt ausweiche.
»War das die Nanny?«, frage ich.
Sie funkelt mich böse an, ohne etwas zu erwidern.
Jetzt mal im Ernst. So benehmen sich eigentlich nur Filmdiven, die ihre besten Zeiten hinter sich haben und keine guten Rollen mehr ergattern.
»Lass mich raten.« Sie sieht Payne an, der nun unschuldig dreinblickt. »Was hast du angestellt?« Sie stemmt die Hände in die schmalen Hüften und schürzt die roten Lippen.
»Nichts.« Da rammt er mir das Schwert in den Bauch, und verdammt – das tut echt weh.
Ich jaule auf und krümme mich vor Schmerz.
»Tut mir leid.« Layla kommt auf mich zu und legt eine Hand auf meine Schulter. »Alles in Ordnung?«
»Max schnappt sich ihn als Nächstes«, brüllt Payne mit verstellter tiefer Stimme.
»Hör endlich auf mit diesem Max. Wir haben doch über die Sache mit dem unsichtbaren Monster gesprochen.« Sie nimmt die Hand von meiner Schulter und zerrt ihren Sohn den kurzen Korridor hinab. »Ich bin gleich wieder da.«
Jetzt sind sie im Hinterzimmer, aber ich kann dennoch jedes einzelne Wort verstehen. Sie schreibt ihm vor, wie er sich verhalten soll, während er ununterbrochen »Aber, Mom …« jammert.
Ein paar Minuten später kehrt sie ohne Payne zurück, der meiner Meinung nach ein echter Satansbraten ist.
»Tut mir schrecklich leid.« Seufzend bindet sie das kastanienbraune Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen und setzt sich neben mich auf das dünn gepolsterte Sofa. »Möchten Sie etwas trinken?« Sie will gerade aufstehen, doch ich lege eine Hand auf ihren Oberschenkel, um sie aufzuhalten.
Sie starrt auf meine Hand. Schnell ziehe ich sie weg und komme mir vor wie ein Freak. »Sorry.«
Sie sinkt zurück auf das wohl unbequemste Sofa aller Zeiten. »Ich hoffe stark, Sie gehören nicht zu den Ekelpaketen, die wollen, dass ich die Sexszenen mit ihnen auf ihrem Castingsofa probe.« Sie lacht, und der Klang hat beinahe etwas Melodisches. Aus mir unerfindlichen Gründen setzt mein Herz für ein paar Schläge aus.
»Nein, nur die Kussszenen.« Ich verziehe keine Miene. Ihr Lachen verebbt, bis ich grinsend den Kopf schüttle.
Wieder legt sie mir eine Hand auf die Schulter. Ich schüttle sie nicht ab, denn es fühlt sich irgendwie schön an. Viel zu schön.
Sie steht auf und steuert mit schwingenden Hüften auf den Minikühlschrank zu.
Meine Güte, was für ein Arschloch ich doch bin. Jetzt stelle ich sie mir nackt vor. Als wäre ich tatsächlich nur daran sie interessiert, sie auf meinem Castingsofa zu vögeln, statt wertzuschätzen, welche Bereicherung sie für meinen Film darstellen kann.
»Wasser?«, fragt sie über ihre Schulter.
Ich schüttle den Kopf und bewundere ihren Hintern in der engen Yogahose.
»Mommy!« Die Tür des Hinterzimmers öffnet sich, und ihr Kopf schnellt herum.
Payne steht im Türrahmen und blickt missmutig drein.
»Geh wieder rein, Payne.« Sie deutet auf das Zimmer, und der Junge richtet den Blick auf mich. »Nope. Von mir bekommst du kein Mitleid mehr, junger Mann. Schon wieder eine Nanny weg. Du musst endlich lernen, dich zu benehmen.«
Seufzend dreht er sich um und schlägt die Tür hinter sich zu.
Layla lässt das Kinn auf die Brust sinken und atmet einmal tief durch. Doch als sie mich wieder ansieht, hat sie einen selbstbewussten Gesichtsausdruck aufgesetzt. »Reden wir über das Drehbuch.« Sie öffnet ihre Wasserflasche und setzt sich wieder zu mir auf das Sofa.
Ich warte noch ein paar Sekunden, bevor ich mit meinem Pitch loslege. »Es geht um ein Pärchen auf der Flucht. Gesetzlose.« Ich lege das Drehbuch auf das Polster zwischen uns. »Sie würden die Rolle der Melanie übernehmen.«
Sie greift nach dem Skript. Ihre Fingernägel sind perfekt manikürt und in einer schlichten Sandfarbe lackiert. Wahrscheinlich soll das Publikum nicht zu sehr auf ihre Hände achten. Nicht bei all den Vorzügen, die sie sonst noch zu bieten hat.
»Und wer soll«, kurz blättert sie durch das Buch, »Joseph spielen?«
»Wenn ich Ihnen sage, dass Ryan Gosling die Rolle übernimmt?«
Kurz starrt sich mich durchdringend an, bevor sie den Kopf schüttelt. »Nein, ich mag Eva. Ich finde, die beiden sind ein tolles Paar.« Sie schlägt das Buch zu und trinkt einen Schluck von ihrem Wasser. Verdammt. Jetzt fällt mir auf, dass sie sich eben im Hinterzimmer wohl den Lippenstift abgewischt hat, denn nun sind ihre Lippen rosa und feucht vom Wasser. Einfach zum Küssen. Und sehr ablenkend.
Reiß dich jetzt zusammen, Mann.
Ich räuspere mich. »Ein tolles Paar?«
»Ja, Sie wissen schon. In dieser Branche funktioniert so gut wie keine Beziehung. Aber ich glaube, die beiden könnten es tatsächlich schaffen.«
»Warum?«
Sie steht auf, und ich folge ihr, denn jetzt könnte ich durchaus ein kühles Wasser vertragen, um meine Körpertemperatur zu senken. Wie selbstverständlich öffnet sie den Kühlschrank und reicht mir eine Flasche.
»Danke.«
Sie nickt, öffnet dann einen Schrank, in dem sich lediglich eine Packung Cracker und Rosinen befinden. Anscheinend hat Payne den letzten Müsliriegel als Waffe zweckentfremdet.
»Sie wissen schon … Die Magie.« Sie nimmt eine kleine Schachtel mit Rosinen heraus und hält sie in die Höhe.
»Nein, danke.«
Sie zuckt mit den Schultern und öffnet die Packung.
»Magie?«
Sie schürzt die Lippen und verdreht die Augen. »Männer« bemerkt sie kopfschüttelnd. »Die Magie, die eine Beziehung am Leben hält. Sie wissen doch, wie L. A. ist … Alle schlafen mit ihrem Co-Star und heiraten ihn dann. Und die meisten glauben tatsächlich, sie hätten die wahre Liebe gefunden. Doch dann folgt der nächste Film und damit auch der nächste Co-Star.«
»Dann schlafen Sie also nicht mit Ihrem Co-Star?« Ich setze mich auf die Sofakante, trinke mein Wasser und beobachte, wie sie sich in dem kleinen Raum umherbewegt, Spielsachen aufsammelt und sich dann aufrichtet.
»Das habe ich hinter mir. Hat mir zwei Abschiedsgeschenke eingebracht.« Sie wirft einen Blick auf das Hinterzimmer. »Ich will kein Risiko mehr eingehen.« Sie zieht die Nase kraus und schüttelt den Kopf.
»Dann wollen Sie also für den Rest Ihres Lebens enthaltsam bleiben?«, frage ich leise lachend.
Scheiße. Ich fasse es nicht, dass ich das gerade laut gesagt habe. Sehr professionell, du Arschloch.
Sie kramt gerade ein Spielzeug unterm Tisch hervor, hebt den Kopf und pustet sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. »Meine Hand und ein paar technische Geräte machen eh einen besseren Job.« Sie zuckt mit einer Schulter.
»Das kann unmöglich Ihr Ernst sein.« Ich lasse den Blick über ihren Körper schweifen. Dummer Schachzug. Ich hatte schon einen halben Ständer, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, und jetzt richtet er sich zu seiner vollen Größe auf. Meine Hose wird eng im Schritt, und ich versuche, meine Position zu verändern, um meine Erektion zu verstecken.
»Das meine ich verdammt ernst.« Bevor ich etwas erwidern kann, hebt sie eine Hand. »Nicht. Das habe ich schon eine Million Mal gehört.«
»Dass ich besser bin als Ihre Hand?« Ich lache.
Sie nicht. Sie zieht die Augenbrauen hoch. »Ganz genau.«
Ich kann einfach nicht anders, als arrogant zu grinsen. »Na schön. Dann behalte ich die Details zu meinen dreiundzwanzig Zentimetern eben für mich.«
Ihre Augen werden groß und richten sich instinktiv auf meinen Schritt. Als sie mir wieder ins Gesicht sieht, hebe ich eine Braue.
»Payne, du kannst jetzt wieder herauskommen«, ruft sie mit gepresster Stimme. Als hätte sie einen dicken Kloß im Hals.
Mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf kommt der Junge aus dem Hinterzimmer.
»Danke, dass Sie vorbeigekommen sind. Ich werde das Drehbuch diese Woche lesen und melde mich dann.«
Payne lehnt sich an die Küchentheke und mustert mich finster.
Scheiße, ich habe es vermasselt. »War nur ein Witz«, versichere ich ihr.
Sie lacht. »Das habe ich mir schon gedacht. Ich meine …« Sie reißt die Augen auf.
»Die dreiundzwanzig Zentimeter waren kein Witz.«
Sie errötet, und ihr Blick wandert hastig zu Payne.
Mist, das Kind. Ich bin es nicht gewohnt, unschuldige Ohren um mich zu haben.
Ich halte Payne meine Faust hin, doch als er mich einfach ignoriert, schiebe ich die Hand schnell in meine Hosentasche.
»Nun, diese Info brauche ich nicht, um zu entscheiden, ob ich die Rolle annehme oder nicht.« Sie legt die Hände auf meine Schultern und dreht mich zur Tür. »Einen schönen Abend noch, Mr. Rose.«
Da mir keine andere Wahl bleibt, drehe ich den Knauf. »Ich hoffe, schon bald von Ihnen zu hören, Miss Andrews.« Dann wende ich mich noch einmal um. »Hat mich gefreut, dich und dein Monster kennenzulernen, Payne.«
Er erwidert nichts.
»Na dann.«
»Er ist nur müde«, entschuldigt sich Layla, die mich förmlich aus dem Wohnwagen schiebt. »Auf Wiedersehen.«
Ich drehe mich um, um mich zu verabschieden, doch die Tür ist bereits zu.
Layla glaubt wohl, ich hätte ihr nichts zu bieten. Dreiundzwanzig Zentimeter hin oder her.
LAYLA
Die Wohnwagentür fällt zu. Ich wünschte, ich könnte mir die Wasserflasche einfach über den Kopf schütten.
Vance Rose ist ein verdammt attraktiver Typ. Aber die findet man in L. A. an jeder Straßenecke. Manchmal stehen sie sogar in Gruppen zusammen, als stammten sie alle aus demselben Bienenstock oder so. Aber Vance Rose hat diese Grübchen, die mich ins Schwärmen bringen wie ein Schulmädchen. Am liebsten hätte ich die Finger in seinem Haar vergraben. Und diese große schlanke Statur. Ich hatte schon viel zu lange keinen Sex mehr. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
»Mom!«, brüllt Payne, obwohl ich direkt neben ihm stehe, und reißt mich aus meinem Tagtraum, in dem ich mir vorgestellt habe, was ich mit Vance anstellen würde, wenn ich keine Verantwortung trüge. Doch ich bin eine Mutter von zwei Kindern, die kurz vor der Scheidung steht.
»Ich muss den Nanny-Service anrufen, Schätzchen. Gibst du Mommy bitte ein wenig Privatsphäre und gehst wieder ins Zimmer?«
»Du hast gerade gesagt, ich kann herauskommen«, jammert er.
Stimmt, das habe ich. Warum noch mal? Meine Güte, ich glaube, ich verliere langsam den Verstand.
Ach ja, richtig. Als Vance seine dreiundzwanzig Zentimeter erwähnt hat, wäre ich fast auf allen Vieren auf ihn zugekrabbelt und hätte seine Hose geöffnet, um zu überprüfen, ob sein Schwanz genauso heiß ist wie er. Die Dürreperiode dauert nun schon ziemlich lange an, und wenn nicht bald jemand meinen schmalen Grasstreifen wässert, verwandelt er sich bestimmt in Ödland.
»Ich habe ganz vergessen, dass ich noch ein paar Telefonate führen muss. Danach holen wir Via ab und fahren nach Hause.«
Ich wuschle ihm durch das blonde Haar. Zwar schüttelt er den Kopf, hört aber dennoch auf mich und verschwindet schmollend im Schlafzimmer. Wenn ich doch nur wüsste, warum er einzig und allein auf mich hört. Das würde mein Problem größtenteils lösen. Zumindest, was mein Kind angeht.
Ich habe ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil er so viel Zeit in diesem Wohnwagen verbringt. Sein Dad ist ebenfalls unterwegs und dreht. Nicht, dass das überhaupt eine Rolle spielen würde. Mein zukünftiger Ex-Mann Carver würde sowieso keine Verantwortung übernehmen. Aber eigentlich sollte Payne draußen Rad fahren, mit Freunden spielen, in den Zoo gehen.
»Wie wäre es, wenn wir auf dem Heimweg bei Toys R Us vorbeigehen?«, rufe ich ihm hinterher, als er gerade dabei ist, die Tür zu schließen.
Als er herumwirbelt, strahlen seine Augen vor Freude.
Ja, ich versuche gerade, mein Kind zu bestechen.
»Juhu! Danke, Mom.« Er rennt auf mich zu und fällt mir mit solcher Wucht in die Arme, dass ich das Gleichgewicht verliere.
Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als die Liebe eines Kindes.
»Keine Ursache. Und jetzt gib mir ein paar Minuten, damit ich die Anrufe erledigen kann.«
Er nickt, rennt ins Zimmer und schließt die Tür.
Ich greife nach meinem Smartphone auf der Küchentheke und rufe den Nanny-Service an, den ich seit fast einem Jahr in Anspruch nehme.
»Miss Andrews«, meldet sich die Firmenchefin Constance – kein gutes Zeichen.
»Hi, Constance. Mary hat Payne einfach bei einem Fremden zurückgelassen. Einem Mann.« In meiner Stimme schwingt Wut mit, die durchaus berechtigt ist, aber ich versuche dennoch, sie in Schach zu halten, denn ich bin nun mal von Constance abhängig.
»Sie hat mich angerufen. Das tut mir schrecklich leid, Miss Andrews. Ich habe sie umgehend entlassen.«
Meine Kampfeslust versiegt augenblicklich, denn unseretwegen mussten schon mehrere Köpfe rollen. Ich muss mich jetzt auf die Lösung meines Problems konzentrieren.
»Sehr gut. Constance, ich stecke gerade mitten in den Dreharbeiten. Ich brauche für mindestens drei weitere Wochen jemanden.«
Ich höre, wie sie laut ausatmet. »Miss Andrews …«
»Ich weiß. Wir hatten schon einige Nannys, aber Payne hat versprochen, sich ab jetzt zu benehmen.« Ich setze mich aufs Sofa und streiche mit dem Daumen über den Buchrücken des Skripts. Bisher wurde ich nur für wenige Hauptrollen angefragt, und die Angebote, die ich bekommen habe, waren unterirdisch. Normalerweise hätte mein Agent dieses Buch nicht einmal erwähnt, da noch nie jemand etwas von Vance Rose gehört hat, aber Jagger Kale hat angerufen und gefragt, ob sich der Autor mit mir persönlich treffen könne. Hätte Jagger diesen Anruf nicht getätigt, wären wir uns nie begegnet. Er ist nicht dafür bekannt, für Projekte zu kämpfen, die nicht erfolgversprechend sind, daher habe ich zugestimmt.
»Miss Andrews, ich habe niemanden mehr übrig.«
»Gar niemanden?«, frage ich ungläubig. Es gibt doch bestimmt eine verantwortungsbewusste Schulabsolventin, die dringend einen Job braucht? Oder eine Mutter, deren Kind nun aus dem Haus ist und die dringend ihren Tag füllen muss?
»Niemanden. Alle meine Mitarbeiterinnen waren schon bei Ihnen. Im Sommer bewerben sich bestimmt neue, aber bis dahin kann ich Ihnen leider nicht helfen.« Sie klingt, als täte es ihr aufrichtig leid, aber vielleicht lügt sie auch.
»Ich bin verzweifelt. Ich bezahle auch gern mehr.«
»Miss Andrews, es geht nicht ums Geld. Und auch nicht darum, dass Payne eines unserer … lebendigeren Kinder ist.«
Süß, dass sie Payne als »lebendig« bezeichnet. Er ist viel eher die moderne Version von Dennis the Menace. Wenn ich doch nur seinen Mr. Wilson finden könnte …
»Wir haben im Moment einfach nicht genügend Personal. Es tut mir wirklich leid.«
Ich lasse die Schultern hängen und starre auf die Schlafzimmertür. Das Beste, was mir im Leben je passiert ist, ist gleichzeitig das Schlimmste, was meiner Karriere passieren konnte. Das ist die bittere Wahrheit, aber so ist das, wenn man im Showbusiness arbeitet und der Vater der Kinder seine Karriere nicht zurückschraubt.
»Danke, Constance. Ich lasse mir etwas einfallen, aber bitte setzen Sie mich für die nächste verfügbare Nanny auf die Liste.«
»Aber natürlich, Miss Andrews. Sie sind die Erste, die ich anrufe.«
»Wirklich?«, hake ich nach.
»Ja, Miss Andrews.«
»Sie rufen mich als Erstes an?«
»Ja, als eine der Ersten. Leider sind Sie nicht meine einzige Kundin.«
Und ich dachte, das Gespräch würde ganz okay laufen. Jetzt weiß ich, dass mich diese Frau nie wieder anrufen wird. Wahrscheinlich stehe ich auf der Liste der Ersten ganz hinten.
»Ich weiß. Aber könnte gut sein, dass ich ein bisschen verzweifelter bin als die anderen.«
Sie lacht – und ich finde, dass es nun hohl und empathielos klingt.
»Ich verspreche Ihnen, Miss Andrews, dass ich Ihre Nummer auf der Kurzwahltaste eingespeichert habe.« Bestimmt aus mehreren Gründen.
»Danke, Constance.«
»Selbstverständlich, Miss Andrews. Ich drücke die Daumen, dass Sie schnell jemand Neues finden. Ich melde mich dann.«
Wir legen auf, und ich lasse den Kopf nach hinten auf das harte Polster sinken.
Verdammt. Wo zur Hölle soll ich jetzt eine Nanny finden?
***
Bei Toys R Us geht es wie immer chaotisch zu. In jeder Regalreihe tummeln sich quengelnde Kinder, und die Eltern sehen alle aus, als würden sie gleich die Nerven verlieren.
»Aber nicht zu lange«, erinnere ich Payne, während er durch die Reihen hüpft und auf den Spielbereich zusteuert.
Wir biegen um die Ecke. Schnurstracks eilt er auf die Zeltburg zu. Da ich schon viel zu lange auf den Beinen bin, lasse ich mich auf den Thron plumpsen und stütze den Kopf in die Hand.
»Ich bin hier der Ritter«, reißt mich Paynes Stimme aus meinem komatösen Zustand.
»Payne.« Ich schenke ihm einen warnenden Blick und sehe hinüber zu dem Vater, der seine Aufmerksamkeit nun auf das Zelt in der Mitte der Spielecke gerichtet hat. Normalerweise kann ich mich immer für eine Weile entspannen, bevor er sich mit den anderen Kindern darüber zu streiten beginnt, wem die Ritterburg gehört.
Ist mein Sohn zu verwöhnt? Auf jeden Fall.
Ist es meine Schuld? Wahrscheinlich.
Darauf bin ich nicht stolz.
»Du kannst das Schwert nicht haben. Es gehört mir«, dringt Paynes fiese Stimme aus dem Zelt. Der Vater steckt den Kopf hinein, um sein Kind herauszuholen.
»Tut mir leid.« Ich springe auf. »Payne, Schätzchen, Zeit zu gehen.«
Der Mann hält seinen Sohn an der Hand. Er ist fast doppelt so groß wie Payne. Mein Kind kennt einfach keine Angst.
»Ist schon in Ordnung. Wir sind schon seit einer ganzen Weile hier.« Der Vater grinst schief und lässt den Blick über meinen Körper schweifen, bevor er mir wieder in die Augen sieht.
Eins. Zwei. Drei.
Er lehnt sich zu mir. »Sind Sie Layla Andrews?«, flüstert er. Wenigstens gehört er nicht zu den Leuten, die anfangen zu kreischen und sofort ihr Smartphone zücken.
»Ja, bin ich«, erwidere ich freundlich, damit er nicht der Presse erzählt, wie ungezogen Layla Andrews Sohn ist.
»Das habe ich mir schon gedacht.«
Der Junge windet sich aus seinem Griff und stürmt zurück ins Zelt.
NEEEIIIN.
»Ich bin Zeke Donner.« Er streckt mir seine Hand entgegen, und ich schüttle sie geistesabwesend, denn ich stelle mir gerade vor, was Payne mit seinem Sohn da drin alles anstellen könnte.
»Hallo.«
»Tut mir leid, dass ich das sage, aber Sie sind in echt noch viel schöner als in den ganzen Zeitschriften.« Seine grünen Augen funkeln. Auch wenn ich nicht auf der Suche nach der Liebe bin, scheint er ganz in Ordnung zu sein. Ein ganz normaler Typ in Jeans und T-Shirt, der sich um sein Kind kümmert. Ich finde es sexy, wenn ein Mann Verantwortung übernimmt.
»Ja, nun, irgendwie werde ich immer abgelichtet, wenn mir der Kaffee und die Donuts ausgegangen sind.« Ich lache.
Sein Blick fällt auf meinen Mund, doch er stimmt nicht in mein Lachen mit ein. »Das klingt jetzt vielleicht verrückt, aber wie wäre es mit Abendessen?« Er wirft einen Blick auf seine Armbanduhr, und der Ärmel seines Shirts rutscht ein wenig hoch. »Mein Sohn wird sich schon bald auf den Boden werfen.« Ihm entweicht ein tiefes leises Lachen. Bevor ich höflich ablehnen kann, stürmen die beiden Jungs aus dem Zelt.
Zekes Sohn hält das Schwert in einer Hand, in der anderen ein Schild. Wenigstens ist er jetzt halbwegs geschützt.
»Los, gehen wir ins Quartier des Königs«, schlägt Payne vor, und ich beäuge den Vater, der hoffnungsvoll dreinblickt.
»Ins Quartier des Königs?« Der andere Junge lässt die Schultern hängen. »Ich will aber in die Spielecke. Ins Bällebad.« Seine grünen Augen, die denen seines Vaters so sehr ähneln, blicken flehend drein, als wollte er sagen: Bitte zwing mich nicht, ins Quartier des Königs zu gehen.
Zeke tätschelt seinem Sohn den Kopf. »Wir gehen morgen ins Bällebad.«
Der Junge brennt Payne mit seinem Blick förmlich Löcher in den Schädel. Schützend lege ich die Hände auf seinen Kopf – für den Fall, dass der Junge tatsächlich irgendwelche Superkräfte besitzt.
Japp, ich bin schon viel zu lange im Filmgeschäft.
»Nach euch.« Zeke bedeutet uns mit einer Handbewegung voranzugehen.
Während Payne voraushüpft, warte ich, bis Zeke zu mir aufgeschlossen hat. »Ich lehne nur ungern ab, aber ich habe eine Million Dinge zu erledigen.«
Er schiebt die Hände in die Hosentaschen. »Miles, geh doch schon mal vor, okay?« Nachdem er seinen Sohn ein wenig angeschoben hat, rennt er Payne schließlich hinterher. Wenige Sekunden später spielen die beiden ein Videospiel.
»Vielleicht könnten wir ja …«, fahre ich fort, während ich Payne im Blick behalte.
Als sich Zekes Hand auf meinen Arm legt, erstarre ich. Ich bin es nicht mehr gewohnt, die raue Hand eines Manns auf meiner Haut zu spüren.
»Tut mir leid.« Schnell zieht er sie zurück, und ich kann endlich wieder atmen. Es war eine nette Geste, keine gruselige. Ich sollte ihm deshalb jetzt kein schlechtes Gefühl geben.
Ich bin eine erwachsene Frau. Ich darf mit Männern ausgehen. Und Zeke scheint nett zu sein. Warum sollte ich nicht mit ihm essen gehen? Die Kinder können zusammen spielen, und ich kann endlich mal ein vernünftiges Gespräch führen und in Ruhe essen. Das Drehbuch kann sicherlich noch bis morgen warten.
»Nein, mir tut es leid. Abendessen klingt super.« Ich lächle breiter als gewöhnlich, um die kalte Schulter wiedergutzumachen, die ich ihm gerade gezeigt habe.
»Kein Grund, sich zu entschuldigen. Keine Ahnung, was ich angestellt habe, um Ihre Meinung zu ändern, aber ich bin froh, dass Sie es getan haben.« Neben den Kindern bleibt er stehen.
»Komm, Payne«, sage ich. Kurz wirft er einen Blick über die Schulter, bevor er sich wieder dem Videospiel widmet.
»Miles, lass uns gehen. Pizza.« Zekes Stimme ist zwar leise, aber dennoch autoritär.
Miles legt den Controller auf die Spielekonsole und geht zu seinem Dad.
»Payne«, säusele ich, und er blickt erneut über seine Schulter. Erst als ich die Augen aufreiße, gehorcht er und kommt ebenfalls zu mir. Immer muss er seine Grenzen ausreizen.
