Bürgerbeteiligung - Stiftungen und Bürgerstiftungen -  - E-Book

Bürgerbeteiligung - Stiftungen und Bürgerstiftungen E-Book

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Beschreibung

Bürgerbeteiligung ist das neue Schlüsselwort im 21. Jahrhundert. Die Menschen wollen frühzeitig und aktiv in die Diskussionsprozesse und Entscheidungen gesellschaftspolitischer Ideen und Projekte eingebunden werden. Diesem Wunsch sollte in einer Demokratie von allen Seiten offen und konstruktiv begegnet werden. Für die Politik sind aktive Bürgerinnen und Bürger eine großartige Chance, Entscheidungen auf eine breitere und nachhaltige Basis zu stellen. Der E-Book-Reader "Bürgerbeteiligung - Stiftungen und Bürgerstiftungen" ergänzt die Schwerpunktausgabe "Bürgerbeteiligung" unseres Magazins change im Juni 2011. Im Mittelpunkt stehen das Thema Stiftungen und die neue Rolle der Bürgerstiftungen im 21. Jahrhundert. Bei den Beiträgen handelt es sich um Auszüge aus Büchern des Verlags Bertelsmann Stiftung.

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Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Inhaltsverzeichnis

TitelVorwortAuf dem Weg in die globale Zivilgesellschaft (Leseprobe)
Von lokalen Institutionen zu transnationalen Akteuren: Zur Verbreitung und Evolution des Konzepts der Bürgerstiftung
Copyright

Vorwort

Bürgerbeteiligung ist das neue Schlüsselwort im 21. Jahrhundert. Die Menschen wollen frühzeitig und aktiv in die Diskussionsprozesse und Entscheidungen gesellschaftspolitischer

Ideen und Projekte eingebunden werden. Diesem Wunsch sollte in einer Demokratie von allen

Seiten offen und konstruktiv begegnet werden. Für die Politik sind aktive Bürgerinnen und

Bürger eine großartige Chance, Entscheidungen auf eine breitere und nachhaltige Basis zu stellen.

Der E-Book-Reader „Bürgerbeteiligung – Stiftungen und Bürgerstiftungen“ ergänzt die

Schwerpunktausgabe „Bürgerbeteiligung“ unseres Magazins change im Juni 2011. Im

Mittelpunkt stehen das Thema Stiftungen und die neue Rolle der Bürgerstiftungen im 21.

Jahrhundert. Bei den Beiträgen handelt es sich um Auszüge aus Büchern des Verlags

Bertelsmann Stiftung. Weitere Informationen zu unseren Verlagsprodukten finden Sie unter

www.bertelsmann-stiftung.de/verlag.

Wir freuen uns über Ihr Interesse und wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Karin Schlautmann

Leiterin Kommunikationder Bertelsmann Stiftung

Auf dem Weg in die globale Zivilgesellschaft (Leseprobe)

Auszug aus:

Peter deCourcy Hero, Peter Walkenhorst (Hrsg.)

Auf dem Weg in die globale Zivilgesellschaft

Bürgerstiftungen im 21. Jahrhundert

Gütersloh 2009

ISBN 978-3-86793-008-6

© Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh

Von lokalen Institutionen zu transnationalen Akteuren: Zur Verbreitung und Evolution des Konzepts der Bürgerstiftung

Peter Walkenhorst

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das Konzept der Bürgerstiftung (Community Foundation) weltweit verbreitet. Bürgerstiftungen sind in vielen Ländern eine der am schnellsten wachsenden Stiftungsformen. Immer mehr Städte, Regionen und Metropolen in aller Welt greifen die Idee der Bürgerstiftung auf, um philanthropisches und zivilgesellschaftliches Engagement auf lokaler Ebene zu fördern. Das Konzept stammt aus Nordamerika. Inzwischen hat es sich jedoch wahrhaft international entwickelt. Viele Bürgerstiftungen arbeiten heute über nationale und kulturelle Grenzen hinweg zusammen, um Erfahrungen und Kenntnisse auszutauschen und gemeinsam neue Ideen, Konzepte und Strategien zu entwickeln. Eine steigende Zahl von Bürgerstiftungen, besonders in den Vereinigten Staaten, vergibt neuerdings ebenfalls Fördermittel im Ausland, da sich ihre Stifter immer mehr auch für Probleme jenseits ihres lokalen Gemeinwesens interessieren. Bürgerstiftungen sind ihrer Natur nach lokale Einrichtungen, durch ihr Engagement über nationale Grenzen hinaus aber zugleich ein herausragendes Beispiel für die zunehmende Internationalisierung philanthropischen Engagements.

Dieser Beitrag untersucht die globale Verbreitung von Bürgerstiftungen und fragt nach den Ursachen für das rasante Wachstum dieses Stiftungstyps im Hinblick auf die Gesamtzahl von Community Foundations wie auch hinsichtlich der von ihnen verwalteten Vermögenswerte. Darüber hinaus geht es um die Frage, inwieweit Globalisierungsprozesse die Arbeit von Bürgerstiftungen beeinflussen. Zu diesem Zweck werden zunächst die historische Entwicklung in internationaler Perspektive dargestellt und die Gründe für die weltweite Attraktivität dieser Stiftungsform herausgearbeitet. Anschließend werden die zunehmenden transnationalen Aktivitäten von Bürgerstiftungen betrachtet und ihre Bedeutung für die künftige Fortentwicklung dieser Form des philanthropischen Engagements diskutiert. Zuerst ist es jedoch erforderlich, genau zu definieren, was wir meinen, wenn wir von einer »Bürgerstiftung« sprechen.

Was ist eine Bürgerstiftung?

Das Bürgerstiftungskonzept ist einfach und kompliziert zugleich. Einfach gesagt, mobilisiert eine Bürgerstiftung innerhalb eines geografisch begrenzten Gemeinwesens Ressourcen zur Lösung der dort vorhandenen Probleme. Kompliziert wird es dadurch, dass diese Aufgabe in vielfältiger Form wahrgenommen werden kann (Feurt 1999: 24). Dies hat zu unzähligen Versuchen geführt, das Konzept zu definieren. Für die Zwecke dieses Buches ist es ausreichend, einige wesentliche Merkmale aufzuführen, durch die sich eine Bürgerstiftung von anderen gemeinnützigen Einrichtungen unterscheidet (Abbildung 1).

Abb. 1: Was ist eine Bürgerstiftung?

Quelle: eigene Darstellung

Diese Merkmale wurden von der Worldwide Initiatives for Grant-maker Support (WINGS) erarbeitet, einem globalen Netzwerk von Verbänden und Dachorganisationen, die Stiftungen unterstützen. Gemäß dieser Definition (WINGS 2005a: 5—6) sind Bürgerstiftungen philanthropische Organisationen, die

bestrebt sind, die Lebensqualität aller Menschen in einem bestimmten geografisch abgegrenzten Raum zu verbessern;nicht der Kontrolle oder dem Einfluss anderer Organisationen, Regierungen, Behörden oder einzelner Stifter unterliegen;von einem Vorstand geleitet werden, dessen Zusammensetzung repräsentativ ist für das Gemeinwesen, in dem die Bürgerstiftung tätig ist;Fördermittel an andere gemeinnützige Organisationen vergeben, um eine Vielzahl von Problemen auf lokaler Ebene anzugehen;bestrebt sind, ein Stiftungskapital aufzubauen, was zumeist durch das Einwerben von Zustiftungen geschieht, die von unterschiedlichsten Stiftern (Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen, staatlichen Einrichtungen sowie anderen Stiftungen oder gemeinnützigen Organisationen) stammen;Stifter und Spender darin unterstützen, ihre philanthropischen Ziele zu verwirklichen;sich aktiv am öffentlichen Leben des lokalen Gemeinwesens beteiligen und als Katalysatoren, Kooperationspartner oder Moderatoren dazu beitragen, Lösungen für wichtige Probleme zu entwickeln;hinsichtlich ihrer sämtlichen Tätigkeiten größtmögliche Transparenz praktizieren;der Öffentlichkeit gegenüber Rechenschaft ablegen, indem sie diese regelmäßig über ihre Ziele, Aktivitäten und Finanzen informieren.

Durch diese Funktionen und Merkmale unterscheidet sich eine Bürgerstiftung von anderen Stiftungen und gemeinnützigen Einrichtungen. Dabei gleichen sich Bürgerstiftungen natürlich nicht wie ein Ei dem anderen. Während auf einige Stiftungen die meisten der oben genannten Merkmale voll und ganz zutreffen, legen andere ihren Schwerpunkt auf einzelne Aspekte. Selbst in Ländern, in denen diese Stiftungen schon länger etabliert sind, bestehen hinsichtlich ihrer Organisations- und Führungsstruktur sowie der im Gemeinwesen übernommenen Rollen erhebliche Unterschiede. Mit der internationalen Verbreitung des Konzepts kam es folgerichtig zu zahlreichen Anpassungen an die jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten. Vor allem diese Flexibilität des Konzepts hat es Bürgerstiftungen in aller Welt ermöglicht, die Grundidee an die jeweiligen lokalen und nationalen Verhältnisse anzupassen (Feurt und Sacks 2001: 17).

Bürgerstiftungen als »Glokalisierung« philanthropischen Engagements

Über die Auswirkungen der Globalisierung auf Wirtschaft und Politik ist viel geschrieben worden. Weniger wissen wir hingegen darüber, wie sich die immer engere internationale Vernetzung wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Aktivitäten auf das philanthropische Engagement auswirkt. Soweit bisher zu beobachten, folgt jedoch dieses Engagement ebenso dem grundsätzlichen Muster der Globalisierung: Auch viele Stiftungen und Stifter haben ihre Fühler über nationale Grenzen hinweg ausgestreckt und sind zunehmend in transnationalen Aktivitäten engagiert. Obwohl die meisten Stiftungen wahrscheinlich aufgrund ihrer Satzung oder anderer Erwägungen ihr Augenmerk und ihre Tätigkeiten weiterhin primär auf das Inland richten werden, »ist ein grundlegender Trend hin zu verstärkten und größeren internationalen Aktivitäten vorhanden« (Anheier, Simmons und Winder 2007: 117).

In den Vereinigten Staaten, dem Land, für das wir die besten Daten haben, stiegen die international vergebenen Fördermittel von Stiftungen in den 90er Jahren drastisch an (Ruffin 2003: 6—11). Nach diesem Jahrzehnt des rapiden Wachstums ging die grenzüberschreitende Mittelvergabe in den Jahren 2002 und 2003 aufgrund der Turbulenzen am Aktienmarkt und des schwierigeren Klimas für internationale Transaktionen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 leicht zurück. Die Fördermittel für internationale Belange steigerten sich jedoch schon in den folgenden beiden Jahren erneut auf ein Rekordhoch von 3,8 Mrd. US-Dollar im Jahr 2005. Und was vermutlich noch wichtiger ist: Die von US-Stiftungen für Auslandsaktivitäten vergebenen Fördermittel stiegen in den letzten Jahren viel schneller als die Fördermittel insgesamt, und zwar unabhängig von der Stiftungsform (Renz und Atienza 2006: 1—2).

Ein wichtiger, doch oft übersehener Aspekt der Globalisierung besteht darin, dass diese auch eine lokale Dimension hat. Häufig werden die Auswirkungen globaler Prozesse durch lokale Faktoren abgeschwächt oder sogar verändert. Ein Beispiel sind die Bemühungen global agierender Unternehmen, ihre Standardprodukte an bestimmte Märkte und kulturelle Gegebenheiten anzupassen, sie also zu lokalisieren. Sozialwissenschaftler haben für diese Anpassung internationaler Trends und Produkte an bestimmte Länder oder Kulturen den Begriff »Glokalisierung« geprägt — ein Neologismus aus »Globalisierung« und »Lokalisierung«. Der Begriff betont die Gleichzeitigkeit von universalisierenden und partikularisierenden Tendenzen bei Prozessen der Globalisierung sowie das Zusammenspiel globaler und lokaler Aspekte, die daher als zwei Seiten derselben Münze betrachtet werden können (Robertson 1995). In diesem Sinne kann die weltweite Ausbreitung des Bürgerstiftungskonzepts als die »Glokalisierung« philanthropischen Engagements interpretiert werden.

Bürgerstiftungen sind ein hervorragendes Beispiel für das Zusammenspiel globaler und lokaler Prozesse. Ihre Entwicklung während der vergangenen 20 Jahre ist durch zwei simultane Trends gekennzeichnet: zum einen die internationale Ausbreitung des Konzepts und seine Anpassung an die jeweiligen nationalen und lokalen Gegebenheiten; zum anderen wurden auch die Netzwerke und Aktivitäten von Bürgerstiftungen selbst immer internationaler (Ruffin 2003: 11—18). Letztlich ergänzen und durchdringen sich beide Prozesse wechselseitig. Zum besseren Verständnis sollen sie in den folgenden Abschnitten dieses Kapitels jedoch separat behandelt werden. Betrachten wir also zunächst die Geschichte und Ausbreitung des Konzepts der Bürgerstiftung.

Historische Ursprünge und frühe Entwicklung in den Vereinigten Staaten und Kanada

Kollektives philanthropisches Engagement auf lokaler Ebene ist kein neues Phänomen und auch keine Erfindung der westlichen Zivilisation. Die Idee einer Stiftung, die Ressourcen lokaler Stifter zur Lösung lokaler Probleme zusammenbringt, findet sich in vielen Kulturen weltweit. In der europäischen Tradition war das kollektive Stiften für lokale Zwecke bereits im Mittelalter bekannt (Smith und Borgmann 2001: 12—17). Die Motive, Praktiken und rechtlichen Rahmenbedingungen dieses philanthropischen Engagements haben sich zwar im Laufe der Jahrhunderte geändert, aber diese lange Tradition sollte bei der Beschäftigung mit den Bürgerstiftungen unserer Zeit nicht vergessen werden. Das Konzept der Bürgerstiftung, wie wir es heute kennen, ist jedoch jüngeren Ursprungs.

Die erste moderne Bürgerstiftung, die Cleveland Foundation, wurde am 2. Januar 1914 in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio auf Initiative des Bankiers Frederick Harris Goff gegründet. Als Verwalter zahlreicher großer Nachlässe wusste Goff aus eigener Erfahrung, wie schnell die Zwecke posthum errichteter Stiftungen obsolet werden konnten. Deshalb schlug er vor, mehrere Nachlässe in einer einzigen Stiftung zusammenzuführen und diese durch einen unabhängigen Vorstand verwalten zu lassen, der sich aus namhaften Bürgern zusammensetzte. Die Banken sollten weiterhin mit der Verwaltung der Fondsvermögen betraut sein, während der Vorstand für die Vergabe von Fördermitteln an lokale Einrichtungen und Initiativen verantwortlich war. Diese neue Stiftungsform würde Banken von der mühsamen Aufgabe der Fördermittelvergabe entlasten und gleichzeitig sicherstellen, dass diese Ressourcen auch künftig zur Lösung neuer Herausforderungen zur Verfügung stünden, selbst wenn der ursprüngliche Zweck einer Stiftung nicht mehr aktuell war (Tittle 1992: 24—33).

Goffs Idee stieß auf großen Anklang. Das in Cleveland begonnene Experiment fand rasch Nachahmer im Mittleren Westen und Nordosten der Vereinigten Staaten sowie in Kanada. Bereits 1915 entstanden in Chicago, Milwaukee, Detroit, Minneapolis und Boston Community Foundations. Die erste Bürgerstiftung Kanadas, die Winnipeg Foundation, wurde 1921 ins Leben gerufen (Hammack 1989: 25—32). Zwischen 1914 und 1924 wurden allein in den Vereinigten Staaten 26 dieser neuen Stiftungen gegründet — die meisten davon im Mittleren Westen. Das Bürgerstiftungskonzept war dabei nur eine von mehreren neuen Organisationsformen gemeinnützigen Engagements, die aus der als »Progressive Movement« bekannten politischsozialen Reformbewegung in den USA zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Zu den Idealen dieser Bewegung zählten die Säkularisierung philanthropischen Engagements und das Streben nach professionellen, unternehmensähnlichen Managementpraktiken sowohl in der öffentlichen Verwaltung als auch bei gemeinnützigen Einrichtungen. Es ist deshalb kein Zufall, dass Bürgerstiftungen zeitgleich mit der Gründung der ersten großen privaten Stiftungen aufkamen (Hall 1989: 181—190).

Die Große Depression in den 30er Jahren, als Ressourcen knapp waren und das Bankensystem vor dem Zusammenbruch stand, war auch für Bürgerstiftungen eine schwere Zeit. Die Weltwirtschaftskrise erschütterte zudem das Vertrauen in die Banken, weshalb die meisten Community Foundations nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Bürgerstiftungsbewegung wieder auflebte, nunmehr als gemeinnützige Gesellschaften (Charitable Corporations) errichtet wurden, sodass ihre Anlageentscheidungen vom Vorstand selbst — und nicht mehr von einer Treuhandbank — getroffen wurden (Hammack 1989: 32—35). Seit Ende der 40er Jahre stiegen die Zahl der Bürgerstiftungen und ihr Gesamtvermögen wieder kontinuierlich.

Eine rasante Zunahme dieses Stiftungstyps setzte jedoch erst in den 60er und 70er Jahren ein. Community Foundations wurden jetzt auch im Westen und Süden der Vereinigten Staaten errichtet. Zu dieser Entwicklung trug vor allem das Steuerreformgesetz von 1969 bei. Im Rahmen seiner Reformen wurde Bürgerstiftungen der steuerlich besonders begünstigte Status als »Public Charity« zuteil, wodurch sie gegenüber privaten Stiftungen (Private Foundations) erhebliche Vorteile erhielten. Hierzu gehören vor allem eine höhere steuerliche Abzugsfähigkeit für Spenden und Zustiftungen, die Befreiung von bestimmten Steuern und eine weniger strenge staatliche Aufsicht. Die zuvor nicht vorhandene Überprüfung der öffentlichen Unterstützung (»Public Support Test«), in deren Rahmen Bürgerstiftungen nachweisen müssen, dass mindestens ein Drittel ihrer Finanzmittel aus der allgemeinen Öffentlichkeit stammt, führte darüber hinaus zu verstärkten Anstrengungen auf dem Gebiet des strategischen Vermögensaufbaus und beim Einwerben von Zustiftungen (Hall 1989: 191—194).

Durch die rechtlichen Veränderungen, die 1969 verabschiedet wurden und Mitte der 70er Jahre Gesetzeskraft erlangten, kam es vorübergehend zu Unsicherheiten, die die Entwicklung von Bürgerstiftungen zunächst behinderten. Im Endeffekt förderte das Gesetz jedoch das Wachstum von Bürgerstiftungen in erheblichem Maße. Während der späten 70er und der 80er Jahre wuchs ihr Vermögen rasant an, das Konzept fasste im ganzen Land Fuß und wurde oftmals durch große private Stiftungen wie die Charles Stewart Mott Foundation oder die Ford Foundation unterstützt. Diese sahen in Bürgerstiftungen Partner für die Förderung philanthropischen Engagements bzw. die Durchführung gezielter Programme auf lokaler Ebene (Hammack 1989: 39—47).

Das wachsende Interesse von Stiftern an lokalem Engagement war zudem Ausdruck einer veränderten politischen Kultur. Vietnamkrieg, Watergate-Skandal und die stetig wachsende Einflussnahme der US-Bundesregierung auf das Leben der Einzelnen hatten das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Staat und seine Fähigkeit, für soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit zu sorgen, erschüttert. Wie ein Beobachter anmerkt, »wirkte sich die Desillusionierung gegenüber Staat und Regierung auch auf das Stiftungswesen aus. In der öffentlichen Meinung waren die großen, privaten Stiftungen eng mit den in Misskredit geratenen staatlichen Sozialprogrammen und der Außenpolitik verbunden. Zwar glaubten die Amerikaner weiterhin an Sinn und Zweck philanthropischen Engagements als solchem, aber sie wandten sich verstärkt konkreten, greifbareren Formen der gemeinnützigen Tätigkeit zu, insbesondere solchen mit lokaler Wirkung« (Hall 1989: 195).

Dieser allgemeine Trend wurde durch die in den 80er Jahren erfolgten massiven Kürzungen staatlicher Ausgaben für kommunale Aufgaben und soziale Dienste weiter verstärkt. Vor dem Hintergrund sinkender staatlicher Haushaltsmittel interessierten sich immer mehr Stifter, Unternehmen und Stiftungen für die Möglichkeit, öffentliche Aufgaben und Güter mithilfe einer Bürgerstiftung zu verwirklichen. Als Folge dieser Entwicklung gab es 1989 in den Vereinigten Staaten mindestens 282 Bürgerstiftungen (einschließlich der 1985 gegründeten Puerto Rico Community Foundation) mit einem Gesamtvermögen von etwa 6 Mrd. US-Dollar (Renz, Mandler und Treiber 1997: 25, 53).

Bürgerstiftungen entwickelten sich auch in Kanada. Nach der Gründung der Winnipeg Foundation 1921 erlebte diese Stiftungsform während der nächsten Jahrzehnte ein langsames, aber stetiges Wachstum. Die zweite Bürgerstiftung wurde 1936 in Victoria (British Columbia) errichtet. Der Höhepunkt dieser Ära war die Gründung der Vancouver Foundation im Jahr 1943, die zur größten Stiftung Kanadas werden sollte. Ebenso wie in den Vereinigten Staaten war in Kanada in den späten 70er Jahren eine dynamische Entwicklung zu beobachten, als Bürgerstiftungen in Toronto, Ottawa, Calgary und Edmonton sowie in zahlreichen kleineren Kommunen gegründet wurden. Ende der 80er Jahre gab es in Kanada 35 Bürgerstiftungen mit einem Stiftungsvermögen von insgesamt 500 Mio. CN-Dollar (Sacks 2000: 12).

Während das Bürgerstiftungskonzept in den Vereinigten Staaten und Kanada an Dynamik gewann, wurde es auch auf der anderen Seite des Atlantiks bekannt. Die erste Bürgerstiftung außerhalb Nordamerikas, der Dacorum Community Trust, wurde 1976 in Großbritannien gegründet, gefolgt von der Community Foundation for Northern Ireland (ursprünglich Northern Ireland Voluntary Trust) im Jahr 1979. In den 80er Jahren entstand dort eine Reihe weiterer Bürgerstiftungen. Die politische und wirtschaftliche Situation Großbritanniens in dieser Zeit ähnelte in vielerlei Hinsicht der in den Vereinigten Staaten. Die Regierung beschnitt aktiv und gezielt Kompetenzen und Finanzen der Kommunen, die traditionell die wichtigste Finanzierungsquelle für gemeinnützige Organisationen darstellten. Diese hatten zunehmend Schwierigkeiten, Fördermittel von kommunalen Stellen einzuwerben und suchten daher nach neuen finanziellen Ressourcen.

Der Anstoß für die Entwicklung von Bürgerstiftungen kam von der Charities Aid Foundation (CAF), die zusammen mit der Regierung die Verwaltungs- und Anlaufkosten für sechs Pilotstiftungen übernahm (Humphreys 1999: 40—42). Im Jahr 1991 gab es bereits 15 Bürgerstiftungen, die einen landesweiten Dachverband gründeten — das heutige Community Foundation Network (CFN). Außer in Großbritannien fasste das Konzept mit der Gründung der Victorian Community Foundation 1983 auch in Australien Fuß. Bis in die 90er Jahre hinein wurden hier allerdings keine weiteren Bürgerstiftungen gegründet.

Insgesamt existierten somit 75 Jahre nach Erfindung dieses Konzepts in der angloamerikanischen Welt etwa 340 Bürgerstiftungen — die meisten davon in den Vereinigten Staaten. Nicht einmal zwei Jahrzehnte später sind Bürgerstiftungen in nahezu 50 Ländern und auf jedem Kontinent anzutreffen, ihre Zahl hat sich nahezu vervierfacht, und das Stiftungsvermögen vieler Community Foundations in den Vereinigten Staaten und Kanada ist über alle Erwartungen hinaus angestiegen. Diese dynamische Entwicklung, die weiter anhält, verdient eine genauere Betrachtung.

Wachstum und weltweite Verbreitung zur Jahrtausendwende

Das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts markiert einen Wendepunkt. Dieser Zeitraum war durch zwei unterschiedliche Entwicklungen gekennzeichnet: das sprunghafte Wachstum von Bürgerstiftungen in Nordamerika (hinsichtlich der Zahl der Stiftungen wie auch des Stiftungsvermögens) und die globale Verbreitung dieser Stiftungsform. Obwohl die genaue Zahl weltweit wegen der komplexen Definition und der Existenz zahlreicher Hybridformen schwer zu bestimmen ist, ergab eine Zählung des Verfassers im Frühjahr 2008 mindestens 1.334 Bürgerstiftungen in 47 Ländern, die den oben genannten WINGS-CF-Merkmalen entsprechen (Abbildung 2). Wie lassen sich dieses außerordentliche Wachstum und die Globalisierung des Bürgerstiftungskonzepts erklären? Obwohl die Entwicklung von Bürgerstiftungen auf spezifische Herausforderungen in verschiedenen Ländern zurückzuführen ist und durch die jeweiligen philanthropischen Traditionen sowie unterschiedliche wirtschaftliche und politische Gegebenheiten angestoßen wurde, lassen sich gleichwohl mehrere globale Trends erkennen, die die Entwicklung von Bürgerstiftungen in vielen Teilen der Welt befördert haben.

Nach dem Ende des Kalten Krieges war in zahlreichen Ländern ein außerordentliches Wachstum von gemeinnützigen Organisationen zu beobachten, und zwar nicht nur in Mittel- und Osteuropa und den Nachfolgestaaten der früheren Sowjetunion, sondern auch in Nordamerika, Westeuropa, Australien, Asien, Afrika und Lateinamerika. Diese sprunghafte Zunahme von Organisationen des gemeinnützigen oder Dritten Sektors in buchstäblich allen Teilen der Welt ist als »Associational Revolution« bezeichnet worden. In Mittel- und Osteuropa sowie in Russland wurde diese Entwicklung durch den Niedergang des Sozialismus hervorgerufen. In vielen Ländern des industrialisierten Nordens wurde sie begünstigt durch die zunehmenden Zweifel an der Fähigkeit des modernen Wohlfahrtsstaats, die sozialen Probleme dieser Gesellschaften zu lösen.

In zahlreichen Ländern der südlichen Hemisphäre wiederum trug die allgemeine Enttäuschung über den mangelnden Fortschritt der staatlichen Entwicklungspolitik zur Expansion der organisierten Bürgergesellschaft bei. Darüber hinaus wurde die Entwicklung des Dritten Sektors durch das rasante Wirtschaftswachstum und den Aufstieg einer gebildeten urbanen Mittelklasse in vielen Teilen der Welt gefördert (Salamon 1994). Bürgerstiftungen sind Teil dieser globalen »Associational Revolution«, und in vielen Ländern waren sie beim Aufbau oder der Wiederentdeckung der Bürgergesellschaft federführend.

Die globale »Associational Revolution« korrespondierte mit einem enormen Wachstum philanthropischen Engagements. Ebenso wie der gemeinnützige Sektor wuchsen Anzahl, Umfang und Bedeutung von Stiftungen in vielen Teilen der Welt in den vergangenen 20 Jahren ganz erheblich. Genaue Angaben zum Wachstum von Stiftungen in internationaler Perspektive sind nicht möglich, weil es keine um fassenden Statistiken gibt. Dennoch ist überzeugend belegt, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts »mehr Stiftungen mehr Vermögenswerte in mehr Ländern halten, als dies jemals zuvor der Fall war« (Anheier, Simmons und Winder 2007: 117). Diese Entwicklung ist auf den langen Zeitraum politischer Stabilität und wirtschaftlicher Hochkonjunktur seit 1945 zurückzuführen, die in den Industrienationen sowie in vielen Schwellenländern einen bis dahin nicht gekannten privaten Wohlstand geschaffen haben. Darüber hinaus ist in solchen Ländern, für die Daten vorliegen, zu beobachten, dass während der 80er und 90er Jahre mehr Stiftungen ins Leben gerufen wurden als während der vorangegangenen 30 Jahre. Dies bedeutet, dass die heutige Stiftungswelt im Grunde ein Produkt der Nachkriegszeit im Allgemeinen und der vergangenen 30 Jahre im Besonderen ist (Anheier 2007: 3—9; Anheier und Toepler 1999: 3—6).

Abb. 2: Bürgerstiftungen weltweit 2007

Quellen: Centro Mexicano para la Filantropia, Community Foundation Network, Community Foundations of Canada, European Foundation Centre, Foundation Center, Global Fund for Community Foundations, Philanthropy Australia, Third Sector Foundation of Turkey, Transatlantic Community Foundation Network, World Bank, Worldwide Initiatives for Grantmaker Support

Abb. 3: Bürgerstiftungen weltweit 2007

Diese internationalen Trends verdeutlichen, dass die Entwicklung von Bürgerstiftungen Teil eines viel umfassenderen Prozesses ist und deshalb nicht isoliert betrachtet werden darf. Bürgerstiftungen bilden nur einen kleinen Teil des Stiftungssektors und einen noch kleineren Teil des gemeinnützigen Sektors insgesamt. Aber obwohl die Zunahme der zivilgesellschaftlichen Organisationen und das stärkere philanthropische Engagement ein günstiges Klima für die Entwicklung von Bürgerstiftungen geschaffen haben, können diese allgemeinen Trends nicht erklären, warum gerade diese Stiftungsform in so vielen, zum Teil sehr unterschiedlichen Ländern Fuß fassen konnte — in Deutschland, der Slowakei, Polen, Bulgarien, Italien, Russland und Mexiko, um nur einige zu nennen. Um die weltweite Anziehungskraft des Konzepts zu verstehen, müssen wir deshalb die Herausforderungen, mit denen Bürgerstiftungen in verschiedenen Ländern konfrontiert sind, genauer in den Blick nehmen.

Renaissance philanthropischen Engagements und Aufbau der Bürgergesellschaft in Mittel- und Osteuropa

Durch den Zusammenbruch des Kommunismus und die Errichtung neuer demokratischer Staaten in Mittel- und Osteuropa konnten dort dynamische Bürgergesellschaften entstehen, die in den nahezu 50 Jahren zuvor durch das kommunistische Regime praktisch vernichtet worden waren. Vor diesem Hintergrund weitgehend vergessener philanthropischer Traditionen galt das Bürgerstiftungskonzept dort als ein Novum. Die erste Bürgerstiftung in Kontinentaleuropa wurde 1994 in der slowakischen Stadt Banská Bystrica gegründet. Sie entstand im Rahmen der Teilnahme der Stadt am Projekt »Healthy Cities« der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Im Jahr 1992 richtete der örtliche Rotary Club zur Unterstützung dieses Projekts eine Förderstiftung ein, die zunächst der Kommune unterstand. Während einer Reise in den US-Bundesstaat Michigan entdeckte eines der Vorstandsmitglieder das Bürgerstiftungskonzept und formte die Organisation daraufhin in die erste Bürgerstiftung der Slowakei um. Die zweite Bürgerstiftung wurde 1996 in Prešov errichtet (Sacks 2000: 25). Heute gibt es zwölf Bürgerstiftungen, deren Einzugsgebiet rund 40 Prozent der Slowakei und etwa 1,5 Mio. Menschen, also 35 Prozent der Bevölkerung des Landes umfasst.

Im Jahr 2003 gründeten diese Bürgerstiftungen einen Dachverband, der sehr erfolgreich darin ist, Fördermittel von landesweit tätigen Unternehmen für Bürgerstiftungen zu akquirieren (TCFN 2007: 45—47). Slowakische Bürgerstiftungen arbeiten unter schwierigen Bedingungen. Sie operieren in einem Umfeld, das gekennzeichnet ist durch begrenzte Ressourcen, ungünstige rechtliche und steuerliche Regelungen und das Fehlen einer Tradition philanthropischen Engagements. Sie sind deshalb vor allem damit beschäftigt, Stifter und Spender über ihre Möglichkeiten zu informieren und Freiwillige in ihrem Gemeinwesen zu mobilisieren. Diese Arbeit trägt jedoch erste Früchte: Spendenfreudigkeit und Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen, auch wenn es sicher noch lange dauern wird, bis diese neue Mentalität fest im Bewusstsein der Menschen verankert ist.

In der Tschechischen Republik vollzog sich eine ähnliche Entwicklung. Dort wurde 1997 in Ústí nad Labem die erste Bürgerstiftung gegründet; 2004 änderte sie ihren Namen in Bürgerstiftung der Euroregion Elbe/Labe. Ursprünglich war diese Stiftung mit dem Zweck errichtet worden, sich um die Bedürfnisse Behinderter zu kümmern. Im Laufe der Zeit erweiterte sie jedoch ihre Vision und Zielsetzung. Bis 2007 entstanden in Tschechien vier Bürgerstiftungen sowie 20 lokale und regionale Stiftungen, die sich jeweils auf bestimmte Teilbereiche konzentrieren (z. B. Umweltschutz, Gesundheitswesen). Ein Dachverband tschechischer Bürgerstiftungen existiert seit 2006. In den vergangenen Jahren haben sich zudem die rechtlichen und steuerlichen Bedingungen für Stiftungen verbessert. Auch multinationale Unternehmen sowie kleinere, mittelständische Unternehmen werden sich zunehmend ihrer sozialen Verantwortung auf lokaler Ebene bewusst. Im August 2006 kamen erstmals tschechische und slowakische Vertreter von Bürgerstiftungen zusammen, um die Möglichkeiten einer bilateralen Zusammenarbeit zu erörtern (TCFN 2007: 25—26).

In Polen wurde das Konzept der Bürgerstiftung von der Academy for the Development of Philanthropy in Poland (ADPP) eingeführt. Die beiden ersten Bürgerstiftungen entstanden 1998 mithilfe der ADPP in Bystrzyca Klodzka und Lidzbark Warmiñski. Ihnen folgten in den nächsten beiden Jahren weitere zehn Bürgerstiftungen. Diese zwölf Stiftungen gründeten 2001 das Netzwerk polnischer Bürgerstiftungen mit dem Ziel, das Konzept und die Erfolge ihrer Mitglieder auf nationaler Ebene bekannt zu machen. Außerdem fungiert das Netzwerk als Partner mehrerer nationaler Förderprogramme, die von privaten Stiftungen oder Unternehmen durchgeführt werden. Ende 2007 umfasste es 20 Bürgerstiftungen in allen Teilen des Landes.

Die meisten polnischen Bürgerstiftungen sind in ländlichen Gebieten oder kleinen bis mittelgroßen Städten tätig. Stipendien für Mittel- und Oberschüler bilden einen Schwerpunkt ihrer Arbeit. Einige Bürgerstiftungen führen eigene Initiativen durch, wie zum Beispiel Programme für Senioren oder generationenübergreifende Projekte. Dabei beziehen die meisten Bürgerstiftungen ihre finanziellen Mittel allerdings noch immer überwiegend von nationalen und internationalen Geldgebern. Nur wenige haben nachhaltige Beziehungen zu lokalen Stiftern und Spendern aufgebaut. Genau hierin besteht ihre größte Herausforderung für die Zukunft (TCFN 2007: 37—39).

Ähnlich wie in Polen geht auch die Entwicklung von Bürgerstiftungen in Bulgarien auf die Initiative zivilgesellschaftlicher Entwicklungsorganisationen und internationaler Geldgeber zurück. In den Jahren 1997 und 1998 initiierte die Charles Stewart Mott Foundation ein »Challenge Grant«-Programm, um den lokal tätigen Open Society Clubs einen Anreiz zur Umwandlung in Bürgerstiftungen zu geben. Diese Organisationen waren Anfang und Mitte der 90er Jahre mit Unterstützung der Open Society Foundation von George Soros ins Leben gerufen worden, um zivilgesellschaftliches Engagement auf kommunaler Ebene zu fördern. Einigen dieser Clubs gelang es, kurzfristig Mittel aus lokalen Quellen einzuwerben, die jedoch nach Ablauf des »Challenge Grant«-Programms schnell versiegten. Der zweite Anlauf zur Errichtung von Bürgerstiftungen wurde von der Civil Society Development Foundation (CSDF) in Sofia unternommen, die mehrere Seminare und Gespräche am Runden Tisch organisierte, um das Stiftungskonzept zu diskutieren. Diese Initiative führte zur Gründung von drei lokal tätigen Stiftungen, deren Hauptzweck allerdings nicht im Aufbau eines Stiftungsvermögens bestand, sondern darin, öffentliche Mittel der Kommune an Nichtregierungsorganisationen zu verteilen und Spenden externer Geldgeber zu verwalten. Obwohl diese Stiftungen nicht unbeträchtliche Fördermittel verteilten, entwickelten sie keine nennenswerten eigenen Fundraising-Kapazitäten.

Im Oktober 2001 startete Counterpart International einen dritten Versuch, das Bürgerstiftungskonzepts in Bulgarien einzuführen. Im Gegensatz zu den ersten beiden Initiativen bot das von der United States Agency for International Development (USAID) finanzierte Programm zusätzlich zu einer Anschubfinanzierung für lokale Gruppen auch regelmäßgie, intensive Schulungen an. Als Ergebnis dieser Bemühungen wurden 2007 zehn rechtsfähige Bürgerstiftungen gegründet. Die meisten dieser Stiftungen unterstützen zivilgesellschaftliche Aktivitäten und initiieren lokale Bürgerforen oder andere Beteiligungsformen. Bereits 2005 gründeten bulgarische Bürgerstiftungen ihre eigene Dachorganisation zum Wissens- und Erfahrungsaustausch sowie als Ansprechpartnerin für die Regierung und andere Geldgeber auf nationaler Ebene (Pisankaneva 2007: 14—21).

Obwohl Bürgerstiftungen in Bulgarien die Solidarität in ihren Gemeinwesen nachhaltig gestärkt und besonders Menschen mit mittlerem oder sogar niedrigem Einkommen dazu inspiriert haben, sich an der Lösung von Problemen zu beteiligen, die sie selbst betreffen, hat bisher noch keine dieser Stiftungen mit dem Aufbau eines Stiftungsvermögens begonnen. Ihre zentrale Herausforderung besteht mithin darin, die finanzielle und organisatorische Nachhaltigkeit ihrer Tätigkeit sicherzustellen. Da das Konzept des Stiftungsvermögens (Endowment ) nicht zur rechtlichen Definition einer Stiftung in Bulgarien gehört, ist es für Bürgerstiftungen schwierig, ihren Spendern die Vorteile dieses Modells zu erklären. Daher prüfen einige Bürgerstiftungen gegenwärtig Alternativen zum Aufbau eines Stiftungsvermögens, die ihr Fortbestehen sichern sollen. Einige haben beispielsweise Formen der wirtschaftlichen Betätigung entwickelt, die mit den Zielen der Stiftung im Einklang stehen und zugleich ein Einkommen generieren, das ihre Verwaltungskosten deckt. Trotz ihrer bescheidenen finanziellen Mittel konnten bulgarische Bürgerstiftungen so einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel in ihrem Land leisten.

Wie die Entwicklung in der Slowakei, der Tschechischen Republik, Polen und Bulgarien zeigt, entstanden Bürgerstiftungen in Mittel- und Osteuropa im Rahmen der gesellschaftlichen Transformation nach der Umstellung des wirtschaftlichen und politischen Systems im Jahr 1989. Internationale Stiftungen und zivilgesellschaftliche Entwicklungsorganisationen spielten hierbei eine wichtige Rolle und haben entscheidend dazu beigetragen, das Konzept in der Region bekannt zu machen. Oftmals waren Bürgerstiftungen die ersten gemeinnützigen Organisationen in ihrem Gemeinwesen, weshalb sie häufig Aufgaben übernehmen mussten, die über ihren eigentlichen Zweck — die Mittelbeschaffung für zivilgesellschaftliche Initiativen — hinausgingen. Die Mitteleinwerbung von lokalen Stiftern und Spendern war (und ist) immer damit verbunden, diesen die Bedeutung philanthropischen Engagements und den Nutzen von intermediären Organisationen zu erklären.

Ein weiterer wichtiger Beitrag der Bürgerstiftungen bestand in der Wiederbelebung des ehrenamtlichen, zivilgesellschaftlichen Engagements, das während der sozialistischen Ära völlig in Misskredit geraten war. Indem sie sektorenübergreifende Partnerschaften förderten, die Beteiligung der Zivilgesellschaft stärkten und Dienstleistungen für Stifter anboten, trugen Bürgerstiftungen in Mittel- und Osteuropa so zur Renaissance philanthropischen Engagements in dieser Region bei und förderten den sozialen Zusammenhalt in ihren lokalen Gemeinwesen (Pisankaneva 2007: 109—111).

Ähnliche Funktionen übernehmen Bürgerstiftungen im Baltikum und in Russland. In Estland, Lettland und Litauen entstanden die ersten Bürgerstiftungen gegen Ende des 20. Jahrhunderts im Rahmen der Konsolidierung von Demokratie und Zivilgesellschaft. Ihre Entwicklung wurde durch den Baltic-American Partnership Fund (BAPF) gefördert, der 1998 von der United States Agency for International Development (USAID) und dem Open Society Institute (OSI) errichtet wurde. Alle Bürgerstiftungen im Baltikum stecken noch in den Kinderschuhen und haben Schwierigkeiten, ihre Verwaltungskosten zu decken. Gleichzeitig ist es ihnen jedoch gelungen, lokale Ressourcen zu mobilisieren und das Vertrauen in gemeinnütziges Engagement wiederherzustellen. In Russland entstand die erste Bürgerstiftung 1998 in der Stadt Togliatti. In kurzer Zeit avancierte die Bürgerstiftung Togliatti zum Vorbild für eine landesweite Bewegung, die Ende 2007 bereits 27 Bürgerstiftungen zählte. Diese Bewegung wurde maßgeblich von der Charities Aid Foundation Russia unterstützt, dem wichtigsten Förderer des Bürgerstiftungskonzepts in Russland. Im Jahr 2003 entstand eine Dachorganisation, um den Bürgerstiftungen landesweit mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen und den Erfahrungsaustausch zwischen den einzelnen Stiftungen zu intensivieren.

Generell sind die rechtlichen und steuerlichen sowie die allgemeinen politischen Rahmenbedingungen in Russland der Entwicklung von Bürgerstiftungen eher abträglich. Ebenso wie die Bürgerstiftungen in Mittel- und Osteuropa müssen russische Bürgerstiftungen hart arbeiten, um Vertrauen bei ihren Stakeholdern zu gewinnen und die Leistungsfähigkeit ihrer Organisationen zu steigern. Trotz dieser Herausforderungen und Beschränkungen konnten sie jedoch erfolgreiche sektorübergreifende Partnerschaften zwischen Unternehmen, staatlichen Stellen und Nichtregierungsorganisationen auf lokaler Ebene schaffen und haben somit bei der Wiederbelebung philanthropischen und zivilgesellschaftlichen Engagements in Russland bereits eine wichtige Rolle gespielt.

Förderung des Stiftungsgedankens und Angebote für neue Stiftertypen in Westeuropa

In Großbritannien entstanden die ersten Bürgerstiftungen in den 80er Jahren. Aber erst im darauffolgenden Jahrzehnt konnte sich das Konzept fest etablieren. Mit Unterstützung des 1991 gegründeten Community Foundation Network (CFN — ursprünglich Association of Community Trusts and Foundations) expandierten Bürgerstiftungen in allen Teilen des Landes. 2007 gab es 55 Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von mehr als 141 Mio. Pfund, wobei sich der Tätigkeitsbereich meistens auf eine Grafschaft (»County«) erstreckt. Allein im Jahr 2006 schütteten Bürgerstiftungen Fördermittel von mehr als 70 Mio. Pfund aus und waren damit nach dem Staat die größte Finanzierungsquelle für gemeinnützige Organisationen und ehrenamtliche Initiativen auf lokaler Ebene. Die 1988 gegründete Community Foundation serving Tyne & Wear and Northumberland in Newcastle ist die größte Bürgerstiftung Europas. Noch bedeutsamer ist die Tatsache, dass über 95 Prozent der Bevölkerung Englands, Schottlands, Wales’ und Nordirlands Zugang zu einer Bürgerstiftung haben (TCFN 2007: 49).

In den Anfängen kamen die meisten Zuwendungen von Unternehmen. Heute dagegen werden Bürgerstiftungen auch von Privatpersonen, staatlichen Stellen, anderen Stiftungen und der staatlichen Lotterie unterstützt. Viele Stiftungen decken ihre Verwaltungskosten jedoch weiterhin überwiegend durch staatliche Zuschüsse. Diese Mittel sind Teil eines staatlichen Förderprogramms, in dessen Rahmen Bürgerstiftungen staatliche Gelder an benachteiligte Kommunen weiterleiten. Da dieses Regierungsprogramm nach und nach ausläuft, müssen Bürgerstiftungen mit einem nur geringen Stiftungsvermögen ihre Fundraising-Aktivitäten verstärken, um die ausbleibenden staatlichen Mittel aus anderen Quellen zu kompensieren. Vor diesem Hintergrund hat eine 2007 veröffentlichte Studie über die Zukunft von Bürgerstiftungen in Großbritannien argumentiert, dass diese in den kommenden Jahren stärker wachsen müssten, um den Status finanzieller Nachhaltigkeit zu erlangen. »Vergleichsweise wenige britische Bürgerstiftungen haben bislang ein hinreichend großes Stiftungskapital, um finanziell nachhaltig zu operieren oder ihre größte Wirkung entfalten zu können. Sie sind noch keine ausgereiften Organisationen, weshalb sie in den kommenden 20 Jahren viel schneller werden wachsen müssen, um sich in schwierigeren Zeiten behaupten zu können« (Hepburn 2007: 7).

Die Aussichten für dieses angestrebte Wachstum sind vielversprechend, wenngleich wohl nicht für alle Bürgerstiftungen. Finanzanalysten gehen davon aus, dass die Zahl der Personen, die über ein »mittleres Vermögen« verfügen, stark zunehmen wird und dass diese Gruppe künftig der wichtigste Stiftertyp für Bürgerstiftungen sein wird. Allerdings wird sich dieser Wohlstand in einigen Kommunen stärker konzentrieren als in anderen. Daher werden Bürgerstiftungen in weniger wohlhabenden Gegenden enger kooperieren oder sogar fusionieren müssen, um ihre Verwaltungskosten auf ein Minimum zu beschränken (TCFN 2007: 52). Dieses Problem ist, wie ein Blick auf andere europäische Länder zeigt, keineswegs auf Bürgerstiftungen in Großbritannien beschränkt.

Auch in Deutschland sind in den vergangenen zehn Jahren überall im Land Bürgerstiftungen entstanden. Vor 1996 war das Bürgerstiftungskonzept hier so gut wie unbekannt, obwohl kommunale Stiftungen und ehrenamtliches Engagement auf lokaler Ebene, insbesondere im Zusammenhang mit kirchlichen Einrichtungen, eine lange Tradition haben. Die erste deutsche Bürgerstiftung wurde auf Initiative des Unternehmers Reinhard Mohn und der Bertelsmann Stiftung im Dezember 1996 in Gütersloh gegründet (Walkenhorst 2004: 77). Im Dezember 1997 entstand in Hannover die zweite rechtsfähige Bürgerstiftung. Seither hat die Bewegung erheblich an Dynamik gewonnen. Ende 2007 gab es bereits über 170 Bürgerstiftungen, und viele weitere sind im Entstehen begriffen. Diese Entwicklung wurde durch die Bertelsmann Stiftung und andere private Stiftungen gefördert, die einzelnen Bürgerstiftungen in der Anfangsphase administrative und technische Hilfe zuteil werden ließen. Außerdem organisierten sie Möglichkeiten für den Austausch von Wissen und Erfahrungen auf nationaler und internationaler Ebene und gründeten ein Kompetenzzentrum für Bürgerstiftungen, die »Initiative Bürgerstiftungen« (IBS), die seit 2008 als Projekt des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen weitergeführt wird (Walkenhorst 2004: 80—83).

Im Vergleich zur angloamerikanischen Welt schenken viele deutsche Bürgerstiftungen der Entwicklung und Umsetzung eigener, operativer Projekte deutlich mehr Aufmerksamkeit und setzen hierfür auch einen größeren Teil ihrer Ressourcen ein. Gemessen an ihrem Vermögen sind die meisten deutschen Bürgerstiftungen jedoch nach wie vor ziemlich klein. Nur wenige haben bezahlte Mitarbeiter, viele sind vollständig auf Ehrenamtliche angewiesen. Da das Stiftungsvermögen der meisten Bürgerstiftungen gering ist, fallen auch die hieraus erzielten Erträge niedrig aus, sodass ein erheblicher Teil der jährlichen Betriebskosten durch spezielle Fundraising-Aktivitäten gesichert werden muss. Finanzielle Nachhaltigkeit und Organisationsentwicklung sind daher gegenwärtig die größten Herausforderungen für deutsche Bürgerstiftungen.

Trotzdem haben Bürgerstiftungen in Deutschland eine aussichtsreiche Zukunft. Ihr Wachstum ist Teil eines allgemeinen Stiftungsbooms — ein Ergebnis der politischen Stabilität und wirtschaftlichen Prosperität seit 1945, die einen in der deutschen Geschichte beispiellosen privaten Wohlstand ermöglicht haben. Hinzu kommen der demographische Wandel sowie der anhaltende Vermögenstransfer zwischen den Generationen, der sich unter anderem in der hohen Zahl von Stiftungsneugründungen manifestiert. Bürgerstiftungen befinden sich in einer strategisch günstigen Position, um von diesen Entwicklungen zu profitieren.

Das Wachstum des Stiftungssektors in Deutschland wird außerdem durch ein Umdenken in der Wohlfahrtspflege und die Entwicklung neuer Formen von öffentlich-privaten Partnerschaften gefördert. Weil die Verantwortung staatlicher Stellen für die Finanzierung und Durchführung von sozialen Dienstleistungen immer häufiger entweder auf kommerzielle Unternehmen oder gemeinnützige Organisationen übertragen wird, werden die traditionellen Rollen von Staat, Wirtschaft und gemeinnützigem Sektor neu verhandelt und neue Formen öffentlich-privater Partnerschaften diskutiert. Aus dieser Suche nach einer neuen Balance zwischen staatlichem und gemeinnützigem Sektor ergeben sich für Bürgerstiftungen neue Chancen, ihre Wirkungskreise über die lokale oder regionale Ebene hinaus auszudehnen. Allerdings müssen sie hierzu ähnlich wie ihre britischen Kollegen noch deutlich mehr Energie darauf verwenden, ihr Stiftungskapital zu vergrößern und ihre Kapazitäten auszubauen (TCFN 2007: 27—29).

Italien ist ein weiteres Beispiel für die Anpassungsfähigkeit des Konzepts. Hier wurde die Entwicklung von Bürgerstiftungen durch die Mailänder Cariplo-Stiftung angestoßen. Bei der Fondazione Cariplo handelt es sich um eine private Stiftung, die durch die Privatisierung der einstmals größten Sparkasse der Welt, der Cassa di Risparmio delle Provincie Lombarde, entstand. Die Privatisierung war eine Konsequenz der Bankenreform in Italien Anfang der 90er Jahre. Diese Reform zwang Sparkassen, die sich bis dahin im Besitz der Kommunen befanden, ihre gemeinnützigen Aktivitäten von ihrer unternehmerischen Tätigkeit zu trennen, und führte zur Errichtung zahlreicher Bankenstiftungen, die zum Verkauf ihrer Bankanteile verpflichtet waren. Im Rahmen dieser Reform wurde von vielen Sparkassenstiftungen zugleich erwartet, dass sie ihr Kapital zum Wohl der lokalen Gemeinwesen verwendeten, denen sie ihr Vermögen ursprünglich zu verdanken hatten. In diesem Zusammenhang erschien einigen Sparkassenstiftungen die Schaffung von Bürgerstiftungen als ein ideales Instrument, dieser Verpflichtung gerecht zu werden (Sacks 2000: 22—23).

Aus diesem Grund entschied sich die Cariplo-Stiftung dafür, das Bürgerstiftungskonzept in der Lombardei zu fördern. Ihr Ziel war der Aufbau eines Netzwerkes von lokalen Partnern, um die Beziehungen zu den Kommunen zu verbessern und eine effizientere Verteilung von Fördergeldern zu gewährleisten. Darüber hinaus hoffte die Mailänder Stiftung, durch die Entwicklung von Dienstleistungen für Spender, Stifter und Freiwillige eine neue Kultur bürgerschaftlichen Engagements zu befördern. Im Februar 1999 entstand die erste italienische Bürgerstiftung in Lecco und die zweite im Dezember 1999 in Como. Innerhalb weniger Jahre wurden (mit Ausnahme der Stadt Mailand) in jedem Bezirk der Lombardei Bürgerstiftungen errichtet.

Die Cariplo-Stiftung stattete die neu gegründeten Bürgerstiftungen mit finanziellen Ressourcen sowohl für das Stiftungsvermögen als auch für die Fördermittelvergabe aus und ließ ihnen technische Hilfe zuteil werden. Neu gegründeten Bürgerstiftungen wurde ein »Challenge Grant« für das Stiftungsvermögen in Höhe von 10 Mio. Euro im Verhältnis von 2 : 1 angeboten (d. h. für jeden eingeworbenen Euro erhielt die Bürgerstiftung zwei Euro) sowie ein »Challenge Grant« für die Fördermittelvergabe in Höhe von 100.000 Euro im Verhältnis 1 : 1. Im Jahr 2001 begann Cariplo auch damit, eigene Projekte in lokalen Gemeinwesen an Bürgerstiftungen auszugliedern. Dies hat dazu geführt, dass Bürgerstiftungen in der Lombardei heute zusätzlich zu ihren eigenen Aktivitäten jährlich mehr als 11 Mio. Euro an Fördermitteln vergeben, die ursprünglich von der Cariplo-Stiftung stammen (TCFN 2007: 31—32).

Die Vorgehensweise der Cariplo-Stiftung wurde, wenn auch in geringerem Umfang, von der Fondazione di Venezia — der Sparkassenstiftung von Venedig — übernommen, die sich an der Errichtung zweier Bürgerstiftungen in der Provinz Venedig beteiligte. Darüber hinaus kooperierte die Compagnia di San Paolo, eine private Stiftung mit Sitz in Turin, bei der Errichtung der Verbania Bürgerstiftung im Jahr 2006 mit der Cariplo-Stiftung. Heute gibt es in Italien 22 Bürgerstiftungen, von denen 15 von der Cariplo-Stiftung eingerichtet wurden. Alle diese Stiftungen befinden sich in Norditalien. Im Jahr 2006 konnten die von der Cariplo-Stiftung errichteten und unterstützten Stiftungen Zuwendungen in Höhe von insgesamt mehr als 11 Mio. Euro einwerben, wobei die Gelder von Cariplo nicht mitgezählt sind. Das Stiftungsvermögen aller Bürgerstiftungen zusammen erreichte 160 Mio. Euro, wovon allerdings lediglich ein Viertel lokal aufgebracht wurde.

Trotz dieser positiven Entwicklung sind noch nicht alle Schwierigkeiten überwunden. Die rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen für gemeinnützige Stiftungen in Italien sind kompliziert und undurchsichtig. Manchmal ist unklar, ob es Stiftungen gestattet ist, ein bestimmtes Projekt zu finanzieren. Des Weiteren müssen viele der von der Cariplo-Stiftung gegründeten Bürgerstiftungen noch eine größere Unabhängigkeit erlangen. Wegen ihrer engen Verbindungen zu Cariplo werden sie von vielen Beobachtern als Tochterorganisationen der Mailänder Stiftung angesehen. Ebenso wie die meisten Bürgerstiftungen in Europa versuchen italienische Bürgerstiftungen, ihre Verwaltungskosten so niedrig wie möglich zu halten. Um als Organisation nachhaltig wachsen zu können, müssen auch sie jedoch lernen, verstärkt in ihre Infrastruktur und ihr Personal zu investieren. Ungeachtet dieser Schwierigkeiten bestehen für die weitere Entwicklung von Bürgerstiftungen in Italien gute Aussichten. So haben sich beispielsweise mehrere Sparkassenstiftungen zusammengetan, um für den Mezzogiorno (den südlich von Rom gelegenen Teil Italiens) eine neue große Stiftung ins Leben zu rufen, die unter anderem das philanthropische und bürgerschaftliche Engagement in dieser benachteiligten Region fördern soll. Es ist möglich, dass diese neue Initiative zur Errichtung zahlreicher Bürgerstiftungen führt und den Bekanntheitsgrad dieser Stiftungsform weiter steigern wird (TCFN 2007: 32—34).

Wie die Beispiele Großbritanniens, Deutschlands und Italiens zeigen, sind Bürgerstiftungen in Westeuropa inzwischen eine etablierte Stiftungsform. Sie sind ein wichtiges Instrument zur Förderung philanthropischen Engagements — vor allem unter Stiftern mit mittlerem Vermögen. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es Bürgerstiftungen. In Irland wurde 2000 die Community Foundation for Ireland als landesweite Bürgerstiftung gegründet. In Belgien entstanden seit 2002 mit Unterstützung der in Brüssel ansässigen König-Baudouin-Stiftung zwei Bürgerstiftungen. In den Niederlanden, Spanien, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie der Türkei gibt es ebenfalls erste Versuche mit dem Bürgerstiftungskonzept.

Ungeachtet dieses außerordentlichen Wachstums in den vergangenen zehn Jahren bleibt die finanzielle und organisatorische Nachhaltigkeit die zentrale Herausforderung für Bürgerstiftungen in Europa. Die allermeisten von ihnen befinden sich noch in der Aufbauphase, die vielleicht am treffendsten als »Überlebensphase« bezeichnet werden kann. Sofern es ihnen nicht gelingt, in dieser schwierigen Übergangsphase die ursprüngliche Motivation aufrechtzuerhalten und beizeiten ein substanzielles Stiftungsvermögen aufzubauen, könnte dies zu Frustration und möglicherweise sogar zum Scheitern der Stiftung führen. Denn: »Zur Geschichte der Bürgerstiftungen gehören auch Beispiele von Organisationen, die mit großem Enthusiasmus und heroischen Ambitionen gegründet wurden, ihre Ziele jedoch nicht erreichen konnten und eingingen« (TCFN 2002: 3, 12—13).

Donor-advised Funds und der Wettbewerb mit Finanzdienstleistern in Nordamerika

Während das Bürgerstiftungskonzept in Europa erste Wurzeln schlug, entwickelten sich Community Foundations in den Vereinigten Staaten und in Kanada — im Hinblick auf ihre Zahl und ihr Vermögen — geradezu explosionsartig. Innerhalb von weniger als 20 Jahren verdoppelte sich die Gesamtzahl der Bürgerstiftungen in den Vereinigten Staaten, und ihr Vermögen erreichte zuvor nicht gekannte Ausmaße. In Kanada hat sich seit 1990 die Anzahl der Bürgerstiftungen mehr als vervierfacht, und auch hier wuchsen die Stiftungsvermögen exponentiell. Dieses Wachstum wurde vor allem durch die zunehmende Beliebtheit zweckgebundener Zustiftungen (Donor-advised Funds) ermöglicht, die Stiftern ein größeres Mitspracherecht bei der Vergabe der Fördermittel einräumen. Solche Donor-advised Funds boten einige Bürgerstiftungen schon seit den späten 70er Jahren an, doch erst eine neue Generation von Stiftern, die Wert auf eine aktive Mitgestaltung ihres philanthropischen Engagements legte, machte sie zu einem der begehrtesten Stiftungsinstrumente. Seither konzentrieren Bürgerstiftungen ihre Bemühungen verstärkt auf lebende Stifter, denen sie verschiedene Möglichkeiten einer zweckgebundenen Zustiftung anbieten.

Der sprunghafte Anstieg der Zahl von Bürgerstiftungen profitierte außerdem von dem beständig wachsenden privaten Wohlstand und dem Vermögenstransfer zwischen den Generationen, die durch den Wirtschaftsboom der 90er Jahre weiter angeheizt wurden. Dieser Wohlstand schuf, wie ein Beobachter anmerkte, »jedoch nicht nur neue Stiftungen, sondern beförderte zugleich die Erkenntnis, dass philanthropisches Engagement ein Geschäft ist und ein potenziell rentabler Markt für Finanzdienstleistungsunternehmen« (Bernholz, Fulton und Kasper 2005: 6). Die Lancierung des Fidelity Charitable Gift Fund im Jahr 1991 markiert deshalb einen Wendepunkt in der Geschichte der amerikanischen Bürgerstiftungen. Von diesem Moment an mussten sich Community Foundations mit einer starken Konkurrenz durch gemeinnützige Investmentfonds (Charitable Gift Funds) auseinandersetzen, und zwar in einem Bereich, den viele von ihnen als ihr Kerngeschäft ansahen: der Bereitstellung von Investitionsmöglichkeiten und Dienstleistungen für Stifter.

Viele Bürgerstiftungen reagierten auf diese neue Konkurrenz mit einer Verbesserung ihrer betrieblichen Abläufe und Transaktionseffizienz. Letztlich führte der verschärfte Wettbewerb so zu einer Stärkung der Bürgerstiftungen, obwohl nicht alle die steigenden Ansprüche in Bezug auf ihre organisatorische Effizienz erfüllen konnten. Durch das neue Wettbewerbsdenken wurde auch die Ausarbeitung der National Standards for U.S. Community Foundations beschleunigt, die Ende 2000 vom Council on Foundations (COF) verabschiedet wurden. Sie dienen dem Nachweis von Transparenz und verantwortlicher Geschäftsführung und helfen bei der Ausarbeitung tragfähiger Richtlinien und Verfahren der Rechenschaftslegung. Nicht zuletzt wurden sie auch dazu entwickelt, Bürgerstiftungen gegenüber anderen gemeinnützigen Einrichtungen zu profilieren (COF 2000).

Als Ergebnis dieser Bemühungen avancierten Bürgerstiftungen zu einer der am schnellsten wachsenden Stiftungsformen in den Vereinigten Staaten. Laut einer jährlich vom Foundation Center durchgeführten Erhebung existierten in den USA im Jahr 2007 mindestens 717 Community Foundations. Die von ihnen vergebenen Fördermittel stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent auf einen neuen Rekordwert von 4,1 Mrd. US-Dollar. Diese Steigerungsrate übertraf die von privaten Stiftungen und Unternehmensstiftungen bei Weitem. Obwohl Bürgerstiftungen nur ein Prozent aller US-Stiftungen ausmachen, stammen fast neun Prozent der insgesamt vergebenen Fördermittel von ihnen (inflationsbereinigt haben sich die von Bürgerstiftungen ausgeschütteten Fördermittel seit 1990 fast verfünffacht). Im Jahr 2005 erreichten die von US-Bürgerstiftungen gehaltenen Vermögenswerte mit 49,9 Mrd. US-Dollar ebenfalls eine neue Rekordhöhe (Foundation Center 2008: 1, 4).

So eindrucksvoll diese Zahlen sind, ergeben sie gleichwohl nur ein unvollständiges Bild. Wie aus einer im September 2007 von der James Irvine Foundation und den Foundation Strategy Group Social Impact Advisors veröffentlichten Studie hervorgeht, »sind mehr als 50 Prozent der Bürgerstiftungen in den USA jünger als zehn Jahre« und »zwei Drittel haben ein Vermögen von weniger als 25 Mio. USD« (Nico, Graves und Hanleybrown 2007: 4). Das bedeutet, dass trotz der beeindruckenden Erfolgsgeschichten vieler einzelner Stiftungen eine erhebliche Zahl von Community Foundations in den USA ebenso wie die Mehrzahl der Bürgerstiftungen in anderen Ländern weiterhin damit ringt, sich zu finanziell nachhaltig arbeitenden Organisationen zu entwickeln.

Andererseits wurde dadurch, dass viele Bürgerstiftungen ihr Management verbesserten, professionelle Marketing-Strategien einsetzten und so erfolgreich neue Zuwendungen — vor allem zweckgebundene Zustiftungen (Donor-advised Funds) — einwarben, der Vermögenszuwachs zum wichtigsten Erfolgsmaßstab ihrer Arbeit. Diese Tendenz veranlasste Kritiker zu der Behauptung, zahlreiche Bürgerstiftungen seien de facto zu gemeinnützigen Banken für wohlhabende Privatpersonen geworden, die ihr eigentliches Anliegen — die Bekämpfung von Problemen in ihrem Gemeinwesen — aus den Augen verloren hätten. So mahnte beispielsweise Emmett Carson, CEO und President der Silicon Valley Community Foundation (und langjähriger President und CEO der Minneapolis Foundation), in vielen seiner Reden und Veröffentlichungen, Bürgerstiftungen sollten nicht nur als gemeinnützige Banken agieren, sondern sich aktiv für gesellschaftlichen Wandel einsetzen (Carson 2005).

Auch eine viel beachtete, 2005 veröffentlichte Studie zur Zukunft der amerikanischen Bürgerstiftungen kam zu dem Schluss, dass diese sich ihrer Existenzberechtigung berauben würden, wenn sie ihren Erfolg weiterhin primär nach der Größe ihres Vermögens bemäßen. Angesichts des Konkurrenzdrucks von Finanzdienstleistungsunternehmen und neuen Technologien, die sofortige und direkte Kontakte zwischen Stiftern und gemeinnützigen Organisationen ermöglichen, riet die Studie den Bürgerstiftungen, ihr Hauptaugenmerk nicht auf die Vermögensverwaltung und Dienstleistungen für Stifter zu legen, sondern auf ihre Expertise und Führungsstärke (Leadership) innerhalb des lokalen Gemeinwesens (Bernholz, Fulton und Kasper 2005).

Diese Empfehlungen scheinen inzwischen Gehör zu finden. Immer mehr Bürgerstiftungen in den USA überdenken ihre Zielsetzung, Vision und ihre Werte und versuchen, Community Leadership zu einem zentralen Bestandteil ihrer Tätigkeit zu machen. Die Herbstkonferenz des Council on Foundation für Bürgerstiftungen in San Francisco 2007 widmete sich vor allem diesem Aspekt. Sowohl im Motto der Konferenz, »Eureka! Learn, Lead, and Grow«, als auch in den verschiedenen Tagungsbeiträgen war ein Wandel in der inhaltlichen Ausrichtung solcher Veranstaltungen zu erkennen: weg von der Beschäftigung mit Grundlagen und Details von Vermögensaufbau und der Vergabe von Fördermitteln und hin zur Notwendigkeit einer stärkeren Beteiligung von Bürgerstiftungen an Entscheidungsprozessen im öffentlichen Bereich. Auf der Konferenz wurden buchstäblich alle Aspekte der Arbeit von Bürgerstiftungen behandelt. Das Thema Community Leadership war jedoch allgegenwärtig. Es bleibt abzuwarten, ob dieser neue Diskurs auch praktische Ergebnisse zeitigen wird. Auf der diskursiven Ebene jedenfalls wurde eindeutig Neuland betreten.

In Kanada waren Bürgerstiftungen immer schon stark auf den Aufbau stabiler und solidarischer Gemeinwesen ausgerichtet. Für sie blieb der Vermögensaufbau stets Mittel zum Zweck und wurde nie zum eigentlichen Ziel. Ebenso wie in den USA war auch in Kanada in den 90er Jahren eine sprunghafte Zunahme an Bürgerstiftungen zu beobachten. Innerhalb von nur 15 Jahren wuchs der Sektor von knapp drei Dutzend über das ganze Land verteilten Stiftungen zu einer landesweiten Bewegung. Zwischen 1992 und 2007 erhöhte sich die Zahl der Bürgerstiftungen von 35 auf 155. Heute gibt es in allen Provinzen und den Nordwestlichen Territorien Kanadas Bürgerstiftungen, deren Einzugsgebiet 89 Prozent der Gesamtbevölkerung erfasst. Im Jahr 2006 hatten sie ein Gesamtvermögen von etwa 3 Mrd. CN-Dollar und vergaben Fördermittel in Höhe von mehr als 135 Mio. CN-Dollar. Zusammengenommen zählen sie zu den größten Fördereinrichtungen des Landes. Pro Kopf gibt es in Kanada mehr Bürgerstiftungen als in den Vereinigten Staaten, und kanadische Community Foundations spielen lokal, regional und national eine verhältnismäßig wichtigere Rolle als ihre amerikanischen Pendants (TCFN 2007: 21—22).

Im Jahr 1992 schufen kanadische Bürgerstiftungen ihr eigenes Netzwerk, Community Foundations of Canada (CFC), das sowohl das Wachstum der Bewegung als auch deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit entscheidend gefördert hat. CFC initiierte zudem verschiedene Gemeinschaftsprojekte von Bürgerstiftungen auf regionaler und nationaler Ebene. Unterstützt von CFC, haben Bürgerstiftungen damit begonnen, in wichtigen Fragen wie Umweltschutz, Zuwanderung und Armutsbekämpfung zusammenzuarbeiten. Ausgehend von den Erfahrungen der Toronto Community Foundation, riefen mehrere Bürgerstiftungen 2006 das Projekt »Vital Signs« ins Leben. Dieses landesweit durchgeführte Indikatorenprojekt erfasst jährlich Kennzahlen zur Vitalität von Kommunen. »Vital Signs« liefert dabei nicht nur wichtige Indexzahlen zur Lebensqualität in kanadischen Kommunen, sondern ist auch ein hervorragendes Marketing-Instrument für Bürgerstiftungen in der Kommunikation mit unterschiedlichen Stakeholdern (TCFN 2007: 22—23). Seit 2009 koordiniert CFC darüber hinaus das Transatlantic Community Foundation Network (TCFN), das von der Bertelsmann Stiftung initiiert und aufgebaut wurde.

Die Entwicklung von Bürgerstiftungen in Lateinamerika, Australien, Asien und Afrika

In Lateinamerika ist Mexiko zu einem Zentrum der Bürgerstiftungsbewegung geworden. Die erste mexikanische Bürgerstiftung wurde 1995 in Oaxaca mit Unterstützung des Centro Mexicano para la Filantropía (CEMEFI) und von US-Stiftungen errichtet. Im Jahr 2002 bildeten Bürgerstiftungen unter dem Dach von CEMEFI einen eigenen Arbeitskreis, um das Konzept zu fördern und die Weiterentwicklung der bestehenden Stiftungen zu unterstützen. Im selben Jahr wurde auch die U.S.-Mexico Border Philanthropy Partnership errichtet. Diese Initiative wird durch das Synergos Institute geleitet und bringt 21 Bürgerstiftungen auf beiden Seiten der US-mexikanischen Grenze zusammen, um den Wissensaustausch zu fördern und grenzüberschreitende Kooperationen anzuregen.

Im Jahr 2007 existierten in Mexiko rund zwei Dutzend Bürgerstiftungen. Einige erhalten finanzielle Unterstützung durch internationale Geldgeber. Die meisten sind jedoch auf Zuwendungen von Unternehmen und lokalen staatlichen Stellen angewiesen, wobei diese Mittel meist nicht in den Aufbau des Stiftungsvermögens fließen, sondern direkt als Fördermittel weitergeleitet werden. Gegenwärtig sind Unternehmen die wichtigsten Partner von Bürgerstiftungen und stehen deshalb auch im Mittelpunkt ihrer Strategie für künftiges Wachstum (TCFN 2007: 35—36). Neben Mexiko fassen Bürgerstiftungen ebenfalls in der Karibik und in Brasilien Fuß. Darüber hinaus besteht in Argentinien und Uruguay ein Interesse an dieser Stiftungsform.

Auch in Australien war in den vergangenen Jahren, vor allem in ländlichen Gebieten, ein erhebliches Wachstum an Bürgerstiftungen zu beobachten. Im Jahr 2000 machte Philanthropy Australia, der nationale Dachverband von Stiftungen, die Unterstützung von Bürgerstiftungen zu einem seiner wichtigsten Ziele. In der Folge stieg ihre Zahl von drei im Jahr 1997 auf 17 im Jahr 2003 und weiter auf 28 im Jahr 2007. In Neuseeland, wo die erste Bürgerstiftung vor über zehn Jahren errichtet wurde, gewann diese Form philanthropischen Engagements ebenfalls zunehmend an Beliebtheit. 2007 gab es dort sieben Bürgerstiftungen, von denen die meisten auf der Nordinsel beheimatet sind (WINGS 2005a: 14—15, 34—35).

In Asien wird das Bürgerstiftungskonzept derzeit in mehreren Ländern erprobt, allen voran in Indien, Thailand und auf den Philippinen. Trotz des zunehmenden Interesses lokaler, nationaler und internationaler Geldgeber konnte die Entwicklung von Bürgerstiftungen in diesen Ländern jedoch noch keine große Dynamik entfalten. In Indien fördern private Stiftungen und Dachorganisationen die Idee. Das Centre for Advancement of Philanthropy in Mumbai, das schon 1991 zur Errichtung des Bombay Community Public Trust beitrug, hat weiterhin Interesse an Bürgerstiftungen. In letzter Zeit hat auch die Nand and Jeet Khemka Foundation mit Unterstützung der Bertelsmann Stiftung begonnen, die Realisierbarkeit von Bürgerstiftungen in verschiedenen Regionen Indiens zu untersuchen. Außerdem hat das Sampradaan Indian Center for Philanthropy eine Initiative zur Errichtung von Bürgerstiftungen in ländlichen Gebieten gestartet. Bürgerstiftungen wurden auch in Thailand und auf den Philippinen gegründet, wo nationale und internationale Förderorganisationen das Konzept unterstützen. Darüber hinaus gibt es mindestens zwei Bürgerstiftungen in Japan und eine in Südkorea.

In Subsahara-Afrika sind die meisten Bürgerstiftungen oder bürgerstiftungsähnliche Organisationen in den späten 90er Jahren entstanden. Derzeit gibt es Bürgerstiftungen in Südafrika, Ghana, Kenia, Tansania und Zimbabwe. Die Situation in den südlich der Sahara gelegenen afrikanischen Ländern unterliegt ständigem Wandel. Trotz des anhaltenden Interesses seitens lokaler Akteure und internationaler Geldgeber ist die Errichtung von Bürgerstiftungen auf zahlreiche kulturelle und sozioökonomische Widerstände gestoßen. In Südafrika, wo die ersten Bürgerstiftungen von der Charles Stewart Mott Foundation unterstützt wurden, ist diese Form am weitesten entwickelt. Die Uthungulu Community Foundation, die erste, im Jahr 1997 gegründete Bürgerstiftung Südafrikas, und die 1998 entstandene Greater Rustenberg Community Foundation fördern das Konzept national und international und beraten Organisationen und Kommunen, die nach einem tragfähigen Entwicklungsmodell suchen (WINGS 2005a: 13, 32—34).

Wie aus dieser kurzen Reise um die Welt zu ersehen, expandieren Bürgerstiftungen auf allen Kontinenten, und zwar in Industriestaaten ebenso wie in Schwellen- und Entwicklungsländern. Sie werden dabei nicht nur wegen ihrer finanziellen Ressourcen geschätzt, sondern auch aufgrund ihres aktiven Engagements in zentralen Fragen in ihren jeweiligen Kommunen. Die Geschichte von Bürgerstiftungen in internationaler Perspektive zeigt zugleich, dass sich das Konzept problemlos an unterschiedliche gesellschaftliche Gegebenheiten, Kulturen und Traditionen anpassen lässt. Diese Flexibilität ist die größte Stärke des Konzepts. Bürgerstiftungen sind dynamische Institutionen, die sich immer wieder neu erfinden, um sich neuen Herausforderungen zu stellen und neue Chancen zu nutzen.

Noch ist nicht abzusehen, ob die weltweite Verbreitung des Konzepts überall zu nachhaltig arbeitenden, langlebigen Organisationen führen wird. In vielen Regionen stecken Bürgerstiftungen noch in den Kinderschuhen, und die meisten Stiftungen außerhalb Nordamerikas haben noch immer damit zu kämpfen, eine effiziente Organisationsstruktur aufzubauen. Und dennoch: Bürgerstiftungen befinden sich in einer strategischen Position, die es ihnen erlaubt, die Fortentwicklung des Stiftungswesens sowie der Bürgergesellschaft insgesamt sowohl lokal als auch global zu fördern.

Von lokalen Einrichtungen zu transnationalen Akteuren

Die globale Verbreitung des Bürgerstiftungskonzepts in den letzten Jahrzehnten stellt eine bemerkenswerte Entwicklung dar. Nicht weniger eindrucksvoll ist jedoch die zunehmende Internationalisierung der Arbeit von Bürgerstiftungen. Ihrer Definition nach sind Bürgerstiftungen Organisationen, deren Aktivitäten sich auf einen bestimmten geografisch begrenzten Raum erstrecken — eine Stadt, einen Landkreis oder eine Region. So erscheint es zunächst paradox, dass immer mehr dieser lokalen Institutionen auch international tätig werden. Die Globalisierung ist jedoch keine Einbahnstraße. Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien, niedrige Flugpreise sowie die Verbreitung des Englischen als Lingua franca internationaler Kommunikation ermöglichen heute die schnelle Verbreitung von Ideen praktisch über den gesamten Globus. In der Folge zeichnet sich ein starker und weiter zunehmender Trend zu grenzüberschreitenden Aktivitäten auch von Bürgerstiftungen ab.

Gefördert wurde diese Entwicklung durch zahlreiche Gelegenheiten zum internationalen Erfahrungsaustausch zwischen Bürgerstiftungen, die von privaten Stiftungen und anderen institutionellen Geldgebern organisiert wurden. Inzwischen entstehen Bürgerstiftungen in aller Welt nicht mehr isoliert, sondern haben Zugriff auf vielfältige Ressourcen aller Art. Arbeitskontakte bestehen nicht nur zwischen Bürgerstiftungen innerhalb eines Landes, sondern auch zwischen Stiftungen in verschiedenen Ländern. Zusätzlich beschleunigt wird dieser Trend durch das wachsende Interesse vieler Stifter an der Förderung internationaler Belange. Die Zahl derjenigen Stifter, die sich in ihrem lokalen Gemeinwesen engagieren, gleichzeitig aber auch an Projekten im Ausland interessiert sind, nimmt beständig zu. Und diese Stifter erwarten, dass ihre Bürgerstiftung sie auch bei ihren internationalen Aktivitäten unterstützt. Aufgrund dieser Entwicklung haben zahlreiche Bürgerstiftungen bereits ihre Satzung geändert oder ergänzt, um grenzübergreifende Transaktionen vornehmen zu können.

Ein gutes Beispiel für diese zunehmende internationale Vernetzung liefert die Entstehungsgeschichte der ersten türkischen Bürgerstiftung, die im August 2007 errichtet wurde. Ihre Geschichte beginnt nämlich nicht in der Türkei, sondern in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona. Am Anfang war ein Stifter: Haldun Tashman, ein erfolgreicher Geschäftsmann türkisch-amerikanischer Abstammung und Stifter der Arizona Community Foundation (ACF), bei der er einen Donor-advised Fund eingerichtet hatte. Die Zusammenarbeit mit der ACF überzeugte ihn so sehr vom Nutzen des Bürgerstiftungskonzepts, dass er sich entschloss, dieses auch in der Türkei bekannt zu machen. Er wandte sich an Steve Mittenthal, den damaligen President und CEO der ACF und Mitglied im Transatlantic Community Foundation Network (TCFN). Mithilfe des TCFN und anderer Kontakte konnte er an die türkische Organisation Türkiye Üçüncü Sektör Vakfy (TÜSEV) herantreten und diese davon überzeugen, gemeinsam mit Haldun Tashman die Gründung von Bürgerstiftungen in der Türkei voranzutreiben.

TÜSEV ist ein Netzwerk von über 100 türkischen Stiftungen und gemeinnützigen Organisationen, das 1993 gegründet wurde, um die Entwicklung zivilgesellschaftlicher Organisationen zu unterstützen und die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Dritten Sektor zu verbessern. Im Jahr 2006 verfasste Filiz Bikmen, die Geschäftsführerin von TÜSEV, im Rahmen ihres Aufenthalts am Center on Philanthropy and Civil Society Studies an der City University of New York eine Studie zur globalen Entwicklung von Bürgerstiftungen und dem Nutzen dieser Stiftungsform für die Türkei (Bikmen 2006).

Auf der Grundlage dieses Berichts veranstaltete TÜSEV im Oktober 2006 eine Konferenz in Istanbul, bei der die Realisierbarkeit von Bürgerstiftungen in der Türkei mit Regierungsvertretern sowie Persönlichkeiten aus der Wirtschaft und dem Dritten Sektor erörtert wurde. Nach der Konferenz gründete TÜSEV die Social Investment Initiative (mit Unterstützung des Tashman Fund, der Charities Aid Foundation und des Global Fund for Community Foundations) zur Förderung des Bürgerstiftungskonzepts und anderer innovativer Ansätze philanthropischen Engagements. Im Rahmen dieser Initiative unterstützte TÜSEV die Errichtung der ersten türkischen Bürgerstiftung in Bolu, dem Heimatort von Haldun Tashman, rund 250 Kilometer östlich von Istanbul. Die Gründung der ersten Bürgerstiftung im August 2007 gilt vielen Experten als Meilenstein in der Entwicklung des gemeinnützigen Sektors in der Türkei (TÜSEV 2007).

Die Entstehungsgeschichte der Bürgerstiftung in Bolu zeigt, wie sehr die Welt für Bürgerstiftungen und viele ihrer Stifter zu einem »globalen Dorf« schrumpft. Dank neuer Kommunikationstechnologien

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbiografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Reihe change | reader

Band Bürgerbeteiligung – Stiftungen und Bürgerstiftungen

E-Book zum Magazin change Ausgabe 2/2011

© 2011 E-Book-Ausgabe

Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh

Verantwortlich: Christiane Raffel

Umschlaggestaltung: Bertelsmann Stiftung

Umschlagabbildung: Thomas Kunsch

eISBN 9783867933483

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