Bürgerjournalismus im Web - Stefan Bosshart - E-Book

Bürgerjournalismus im Web E-Book

Stefan Bosshart

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Beschreibung

Ein großer Teil der öffentlich verfügbaren Kommunikation stammt mittlerweile nicht mehr von professionellen Kommunikatoren aus Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit, sondern von Laien, die über Weblogs, Soziale Netzwerke, Microblogging-Dienste wie "Twitter" u. a. eine Fülle an Inhalten verbreiten. Braucht es vor diesem Hintergrund den professionellen Journalismus überhaupt noch? Oder leistet "user generated content" dasselbe? Um dies zu beantworten, klärt die Arbeit zunächst grundlegend, welche Leistungen Journalismus erbringt und anhand welcher Merkmale er sich – auch im Internet – identifizieren lässt. Aus verschiedenen Theoriesträngen wird eine Reihe von Konstitutionsmerkmalen hergeleitet, worüber sich Journalismus abgrenzen lässt. Dessen Primärfunktion wird in der Vermittlung ausgemacht, die sich als überdauerndes Funktionsprinzip seit der Entstehung der ersten Zeitungen beobachten lässt. Im empirischen Teil nimmt die Arbeit mit "Wikinews" eine kollaborative Nachrichtenplattform von Laien in den Blick, die aufgrund ihres Leitbilds und ihrer Nutzungsregeln einen journalistischen Anspruch erhebt. Wie Inhaltsanalysen zeigen, erbringt "Wikinews" jedoch größtenteils nicht die Leistungen wie die Vergleichsberichterstattung professioneller Tageszeitungen. Die theoretischen Erkenntnisse und die empirischen Befunde der Arbeit deuten darauf hin, dass der in Massenmedien institutionalisierte, professionelle Journalismus auch im Internetzeitalter unverzichtbar bleibt.

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Seitenzahl: 650

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Forschungsfeld Kommunikation

Herausgegeben von Christoph Neuberger, Jörg Matthes und Gabriele Siegert

Seit mehr als zwei Jahrzehnten erscheinen in der Buchreihe »Forschungsfeld Kommunikation« wichtige Monografien der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft. Als thematisch offenes Forum gibt die renommierte Reihe Impulse für die Weiterentwicklung des Faches und Anregungen für die Diskussion zentraler Fragen. Viele der über 30 Bände sind Standardwerke geworden, die nicht nur im engen Kreis der Spezialisten auf reges Interesse gestoßen sind, sondern ein breites Publikum in Wissenschaft und Gesellschaft gefunden haben.

Auch in Zukunft will die Reihe diesem Anspruch gerecht werden: Der gegenwärtige Wandel von Kommunikation, Medien und Öffentlichkeit verändert auch die Kommunikationswissenschaft. Diesen Wandel wird die Reihe mit fundierten Analysen begleiten. Sie ist der Publikationsort für Ergebnisse empirischer Forschungsprojekte und theoretischer Entwürfe, ebenso wie für herausragende Dissertationen und Habilitationsschriften. Mit ihr verbindet sich ein Bekenntnis zur Monografie – jenseits der auf Schnelligkeit des Schreibens und Lesens getrimmten Kurzformen des wissenschaftlichen Publizierens. Sie will Wegmarken setzen, die von Bestand sind.

Die 1992 von Walter Hömberg (Eichstätt), Heinz Pürer (München), Ulrich Saxer (Zürich) und Roger Blum (Bern) begründete Reihe wird seit 2013 von Hannes Haas (Wien), Christoph Neuberger (München) und Gabriele Siegert (Zürich) herausgegeben. Für den 2014 verstorbenen Hannes Haas ist seit 2015 Jörg Matthes (Wien) Mitherausgeber der Reihe.

Inhaltsübersicht

Vorwort

Einleitung und Problemstellung

Leistungen des professionellen Journalismus

Bürgerjournalismus

Untersuchungsleitende Fragestellungen und Vorbemerkungen zur Empirie

Konzeption und Vorgehen der ersten Teilstudie (Themenfrequenzanalyse)

Ergebnisse der Themenfrequenzanalyse

Konzeption und Vorgehen der zweiten Teilstudie (Argumentationsanalyse)

Ergebnisse der Argumentationsanalyse

Kernbefunde und Grenzen beider Teilstudien

Zusammenfassung und Fazit

Abbildungen

Tabellen

Literatur

Anhang

Inhalt

Vorwort

Einleitung und Problemstellung

Leistungen des professionellen Journalismus

2.1 Systemtheoretische Journalismuskonzepte

2.2 Die Wesensmerkmale der ‚Zeitung‘ und des Journalismus nach Otto Groth

2.2.1 Periodizität

2.2.2 Universalität

2.2.3 Aktualität

2.2.4

Exkurs:

Interne Relevanz (Vollständigkeit)

2.2.5 Publizität

2.2.6 Vermittlung als Funktion der ‚Zeitung‘ und des Journalismus

2.3 Journalismus als konzentrierte Fremdvermittlung

2.3.1 Viergliedriges Rollenschema

2.3.2 Entwicklungsschritte gesellschaftlicher Kommunikation

2.4 Synthese: Konstitutionsmerkmale journalistischer Medienangebote

Bürgerjournalismus

3.1 Begriffsklärungen und Abgrenzungen

3.1.1 ‚Partizipativer Journalismus‘ und ‚public journalism‘

3.1.2 ‚Bürgerjournalismus‘

3.2 Entstehung eines ‚Bürgerjournalismus‘ im Web: Häufige Argumentationslinien

3.2.1 Technischer Medienwandel

3.2.2 Steigende Partizipation in verschiedenen Gesellschaftsbereichen

3.2.3 Kollektive Intelligenz

3.2.4 Ökonomische Einflüsse und Glaubwürdigkeitsverlust im traditionellen Journalismus

3.2.5 Zwischenfazit

3.3 Von der Alternativpresse zum Weblog: Formen der öffentlichen Laienkommunikation

3.3.1 Substitution, Komplementarität und Integration: Öffentliche Laienkommunikation und professioneller Journalismus

3.3.2 Ältere Formen öffentlicher Laienkommunikation

3.3.3 ‚Bürgerjournalistische‘ Angebote im Web

Untersuchungsleitende Fragestellungen und Vorbemerkungen zur Empirie

Konzeption und Vorgehen der ersten Teilstudie (Themenfrequenzanalyse)

5.1 Untersuchungskriterien und Anforderungen an das Forschungsdesign

5.2 Vergleichsberichterstattung

5.3 Untersuchungszeitraum und Stichprobe

5.4 Methode und Operationalisierung

5.4.1 Vorgelagerte Vermittlungsinstanzen

5.4.2 Aktualität und Periodizität

5.4.3 Vielfalt und Ausgewogenheit

5.4.4 Faktizität

5.4.5 Gesellschaftliche Relevanz

5.5 Qualität der Datenerhebung und Messgenauigkeit

5.5.1 Bemerkungen zur Reliabilität und Validität

5.5.2 Reliabilität und Durchführung der Themenfrequenzanalyse

Ergebnisse der Themenfrequenzanalyse

6.1 Vorgelagerte Vermittlungsinstanzen

6.2 Aktualität und Periodizität

6.3 Vielfalt, Ausgewogenheit und Faktizität

6.4 Gesellschaftliche Relevanz

Konzeption und Vorgehen der zweiten Teilstudie (Argumentationsanalyse)

7.1 Untersuchungskriterien und Anforderungen an das Forschungsdesign

7.2 Themenwahl:

Stuttgart 21

als kontroverses Thema von allgemeiner Bedeutung

7.3 Vergleichsberichterstattung

7.4 Untersuchungszeitraum und Stichprobe

7.5 Argumentationsanalyse: Das Nachzeichnen öffentlicher Kontroversen

7.5.1 Anwendungsbereich und allgemeines Vorgehen

7.5.2 Vorgehen am Beispiel von

Stuttgart 21

7.6 Operationalisierung

7.6.1 Vielfalt

7.6.2 Ausgewogenheit

7.6.3 Vollständigkeit

7.6.4 Quellentransparenz

7.6.5 Trennung von Nachricht und Kommentar

7.7 Reliabilität und Durchführung der Argumentationsanalyse

Ergebnisse der Argumentationsanalyse

8.1

Stuttgart 21:

Chronologie der Ereignisse

8.2 Vorbemerkungen zur Repräsentativität der Ergebnisse

8.3 Aspekte der Vielfalt und Ausgewogenheit

8.3.1 Ausgangspartner (Sprecher)

8.3.2 Konfliktdimensionen

8.3.3 Meinungsäusserungen zu

Stuttgart 21

8.3.4 Akteursbewertungen

8.3.5 Journalistische Darstellungsformen

8.4 Vollständigkeit

8.5 Transparenz der Primärquellen (Ausgangspartner)

8.6 Trennung von Nachricht und Kommentar

Kernbefunde und Grenzen beider Teilstudien

Zusammenfassung und Fazit

Abbildungen

Tabellen

Literatur

Anhang

Der Anhang kann auf

www.uvk.de

eingesehen werden, wenn der Buchtitel dort aufgerufen wird.

Tabellen zu den Ergebnissen

Erhebungsinstrumente

B.1 Codebuch der Themenfrequenzanalyse

B.2 Codebuch der Argumentationsanalyse zu

Stuttgart 21

Vorwort

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die überarbeitete Fassung meiner Dissertation, die im Frühjahr 2014 von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Fribourg (Schweiz) angenommen worden ist. Nach der mündlichen Verteidigung blieb sie – auch aufgrund beruflicher Veränderungen – zuerst einmal beharrlich auf meinem Schreibtisch liegen. Was innerlich bereits abgeschlossen ist, nimmt man eben nicht als Erstes wieder zur Hand. So verstrich einige Zeit bis zur vorliegenden Buchpublikation. Obschon punktuell aktualisiert, gibt die Arbeit mehrheitlich den Forschungsstand bis anfangs 2014 wieder. Darauf sei insbesondere verwiesen, weil sie mit dem ‚Bürgerjournalismus‘ im Web ein äusserst dynamisches Phänomen zum Gegenstand hat. Einschlägige Studien erscheinen in schneller Abfolge und im selben Takt, wie sich neue Plattformen und Webanwendungen verbreiten. An den Mechanismen der darüber vermittelten Kommunikation hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren freilich nicht Grundlegendes verändert.

Obwohl man eine Dissertation alleine schreibt, wirken daran (in)direkt sehr viele Menschen mit. Ihnen möchte ich meinen Dank aussprechen: Isabelle für die stetige Unterstützung, das Interesse und die Geduld, wenn ich mich wieder einmal zu undenklichen Zeiten an den Schreibtisch zurückziehen musste. Unsere unvergessliche Heirat fiel in die Zeit, in der auch diese Dissertation entstand. Meinen Eltern dafür, dass sie mich in allen Entscheidungen während meiner Ausbildung gestützt und beraten haben. Meiner Erstbetreuerin Philomen Schönhagen gebührt ein besonderer Dank in fachlicher Hinsicht. Meine Assistenzzeit bei ihr war lehrreich und die Betreuung vorbildlich, auch was die mir zur Verfügung gestellte Zeit für die Dissertation betrifft. Dem wissenschaftlichen Nachwuchs sind mehr solche Vorgesetzten zu wünschen. Meinem Zweitgutachter Klaus Beck danke ich für sein Interesse an der Arbeit und sein konstruktives Feedback. Mit Constanze, Silke und Dhiraj hatte ich gesprächsfreudige, kritische und unternehmungslustige Weggefährten während meiner Assistenzzeit, die ich nicht missen möchte.

Aarau, im Oktober 2016

Stefan Bosshart

„Eine funktionale Betrachtungsweise des Journalismus mahnt […] dort zur Langsamkeit, wo in wenig reflektierter Reaktion auf den (vermeintlich rasanten) Wandel der Medien- und Verbreitungstechnik immer neue ‚trendige‘ Journalismen vom publizistischen Fliessband fallen“ (Görke 2000: 443).

1 Einleitung und Problemstellung

Mit fortschreitender Digitalisierung hat sich in den letzten Jahren im Internet ein Kommunikationsraum erschlossen, in dem sich die Rollen zwischen Kommunikatoren, Vermittlern und Rezipienten zusehends aufzulösen scheinen. Öffentliche Kommunikation ist längst keine Domäne mehr, die weitgehend von professionellen Akteuren aus Journalismus, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit besetzt ist – im Gegenteil, ein grosser Teil der im Netz auffindbaren Inhalte und Kommunikate stammt von ‚Laien‘ – und dieser Begriff ist hier nicht pejorativ gemeint, sondern bringt lediglich zum Ausdruck, dass die entsprechenden Inhalte nicht das Produkt einer beruflichen Tätigkeit bzw. im Rahmen einer solchen entstanden sind. Für die Journalismusforschung, die sich bislang nahezu ausschliesslich mit professionellen Journalisten, deren Arbeit und Produkten beschäftigt hat, stellt dies eine Herausforderung dar, die es anzunehmen gilt. Drängender denn je stellt sich nämlich die Frage, wer im Netz überhaupt journalistische Leistungen erbringt. Sind es nach wie vor ausschliesslich die etablierten Massenmedien – Presse- und Rundfunkunternehmen mit ihren wichtigsten Produktionskräften, den professionell tätigen und redaktionell organisierten Journalisten? Oder sind es womöglich zunehmend auch ‚Bürgerjournalisten‘, die – z.B. als zufällige Zeugen eines Autounfalls oder Betroffene eines heftigen Unwetters – Ereignisse fotografisch via Smartphone festhalten, umgehend ins Netz stellen und die Öffentlichkeit darüber informieren? Oder interessierte Privatpersonen, die in ihrem Weblog die jüngsten politischen Ereignisse analysieren und kommentieren?

Es sind aber nicht nur der technische Medienwandel und die auf ein Minimum gesunkenen Publikationshürden im Internet, die ‚Bürgerjournalismus‘ mehr denn je als Konkurrenz für den professionellen Journalismus denkbar erscheinen lassen. Auch weil letzterer wirtschaftlich zunehmend schlechter ausgestattet ist – Stichworte sind Unternehmensfusionen und drastischer Stellenabbau als Folge des Abflusses von Werbegeldern zu branchenfremden Akteuren und schwindender Reichweiten v.a. unter dem jüngeren Publikum – muss ‚Bürgerjournalismus‘ zumindest theoretisch als eine Alternative in Betracht kommen, wie die Öffentlichkeit künftig ausreichend über das Zeitgeschehen orientiert werden könnte, sollten die Finanzierungsgrundlagen des professionellen Journalismus einmal nicht mehr vorhanden sein.

Die übergeordnete Fragestellung, worauf die vorliegende Arbeit eine Antwort zu geben versucht, lautet in diesem Zusammenhang, ob bestimmte von Laien erstellte Webangebote im Sinne eines eigenständigen ‚Bürgerjournalismus‘ dieselben Leistungen für die Gesellschaft zu erbringen vermögen wie der professionell ausgeübte, redaktionell organisierte Journalismus, diesen also konkurrieren und längerfristig gar substituieren könnten.1 In letzter Zeit wurde die Frage, ob im Internet funktionale Äquivalente zum professionell-redaktionellen Journalismus entstehen, in der Fachliteratur mehrfach aufgeworfen (vgl. Neuberger 2008a: 27; Neuberger/Quandt 2010: 70ff.; Schönhagen/Kopp 2007: 297), empirisch auf breiter Basis beantwortet ist sie bislang allerdings noch nicht. Mit Klaus Schönbach (2008) ist festzuhalten, dass wir „insgesamt erstaunlich wenig über die tatsächlichen Konsequenzen des Bürgerjournalismus für die Versorgung der Bevölkerung mit Nachrichten über öffentliche Angelegenheiten [wissen]“ (Schönbach 2008: 505).

Zu den in dieser Hinsicht gut erforschten Webanwendungen gehören Weblogs (vgl. u.a. Cenite et al. 2009; Neuberger et al. 2007; Papacharissi 2007; Schmidt et al. 2009), einige einschlägige Befunde liegen zudem zu Microblogging-Diensten wie Twitter (vgl. Neuberger et al. 2010) und sogenannten Social News-Diensten vor (vgl. Goode 2009; Pew Project for Excellence in Journalism 2007; Rölver/Alpar 2008). Insgesamt kommt diese Forschung zum Schluss, dass die erwähnten Webanwendungen im Privatgebrauch eher eine komplementäre Funktion für ihre Nutzer erfüllen statt eine ernst zu nehmende Konkurrenz für den professionellen Journalismus darzustellen. Der Grossteil der Blogger – selbst wenn es schwierig ist, hier von einer homogenen Klasse zu sprechen – lässt sich bspw. nicht von ‚journalistischen‘ Motiven leiten bzw. erhebt kaum den Anspruch, Journalismus zu betreiben. Mehr oder weniger stark unterscheiden sich demnach auch die typischerweise in Weblogs behandelten Inhalte von journalistischen Angeboten (vgl. dazu Kap. 3.3.3).

Vor diesem Hintergrund erstaunt es, dass bislang noch kaum jene von Laien erstellten Angebote im Netz in den Blick genommen worden sind, die explizit – etwa aufgrund ihres Leitbildes, der Benutzerregeln, aber auch des Rollenselbstverständnisses der aktiven Nutzerschaft – einen journalistischen Anspruch erheben. Dazu gehören kollaborativ erstellte Nachrichtenplattformen wie Wikinews, das im empirischen Teil der vorliegenden Studie hinsichtlich seines journalistischen Potenzials näher untersucht wird. Dieses Unterfangen setzt zunächst einen essenziellen theoretischen Schritt voraus: Soll im Rahmen eines Forschungsüberblicks und schliesslich im empirischen Teil dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden, inwiefern Laienangebote im Netz journalistische Leistungen erbringen, erscheint es unabdingbar, vorausgehend zu klären, was unter Journalismus überhaupt zu verstehen ist, d.h. welche Vermittlungs- und Orientierungsleistungen er erbringt und anhand welcher Merkmale er – gerade auch im Internet – identifiziert werden kann. Ein substanzieller Teil dieser Arbeit ist mithin der Journalismustheorie gewidmet.

Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: Im ersten Kapitel des theoretischen Teils (vgl. Kap. 2) wird das Fundament gelegt, um beurteilen zu können, ob Laienpublikationen im Internet Journalismus darstellen, indem dessen Funktion und Konstitutionsmerkmale bestimmt werden. Dafür wird aus unterschiedlichen Ansätzen der Journalismustheorie – namentlich systemtheoretischen Journalismuskonzepten (vgl. u.a. Blöbaum 1994; Görke 2000; Kohring 2000; Scholl/Weischenberg 1998), dem zeitungswissenschaftlichen Ansatz von Otto Groth (1928 u. 1960), der darauf aufbauenden Theorie der Sozialen Zeit-Kommunikation (vgl. u.a. Fürst et al. 2015; Schönhagen 2004; Schröter 1992; Wagner 1978a u. 1995) sowie der umfassenden Literatur zur Qualität im Journalismus (vgl. u.a. Arnold 2009; Bucher/Altmeppen 2003; Wyss 2002) – ein Katalog inhaltlich-funktionaler Kriterien hergeleitet, die es erlauben sollen, journalistische Medienangebote im Internet sowie in Presse, Radio und Fernsehen unabhängig von ihrem Verbreitungskanal und ihrer organisationalen Verfasstheit zu identifizieren. Der Fokus liegt dabei bewusst auf funktional-inhaltlichen und weniger formalen Merkmalen.

Im Zuge der theoretischen Auseinandersetzung mit Journalismus wird deutlich, dass es sich dabei um einen sehr voraussetzungsreichen Teilbereich öffentlicher Kommunikation handelt, der nicht mit dem blossen Veröffentlichen von Inhalten gleichgesetzt werden kann. Diese Arbeit plädiert deshalb für einen engen Journalismusbegriff und versucht den ‚Kern‘ journalistischer Medienangebote herauszuarbeiten – gerade auch, um wichtige Grenzen zu anderen Formen öffentlicher Kommunikation wie Public Relations und Werbung aufrecht zu erhalten und einer Begriffsverwässerung nicht Vorschub zu leisten. Infolgedessen wird der Begriff ‚Bürgerjournalismus‘ in dieser Arbeit konsequent in einfachen Anführungszeichen verwendet, weil nicht a priori unterstellt werden soll, dass es sich hier tatsächlich um Journalismus handelt. Entsprechend bezeichnete Angebote haben den empirischen Beweis dafür vorerst noch zu erbringen.2

Das näcshte Kapitel des theoretischen Teils führt an den ‚Bürgerjournalismus‘ als Untersuchungsgegenstand der Arbeit heran (vgl. Kap. 3). Zum einen wird hier wichtige Begriffsarbeit geleistet, indem der eigenständige ‚Bürgerjournalismus‘ von ähnlichen Konzepten wie dem ‚partizipativen Journalismus‘ und ‚public journalism‘ abgegrenzt und mittels einer Definition für die vorliegende Arbeit festgelegt wird (vgl. Kap. 3.1). Zum anderen werden kritisch die in der Literatur zu findenden Argumentationslinien diskutiert, weshalb sich im Internet überhaupt ein eigenständiger ‚Bürgerjournalismus‘ konstituieren könnte (vgl. Kap. 3.2).

Die bisherigen Teile der Arbeit werden anschliessend miteinander in Verbindung gebracht, indem anhand des Forschungsstands diskutiert wird, inwieweit Medienangebote von Laien die zuvor herausgearbeitete Funktion des Journalismus und dessen Konsitutionsmerkmale erfüllen (vgl. Kap. 3.3). Eingeleitet wird dieser Teil durch ein Kapitel zu den grundlegenden Beziehungsmustern zwischen öffentlicher Laienkommunikation und dem in Massenmedien institutionalisierten Journalismus (vgl. Kap. 3.3.1). Obschon sich das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit insbesondere auf ‚bürgerjournalistische‘ Angebote im Internet richtet, kommen als funktionale Äquivalente zum Journalismus im Prinzip auch Medienangebote von Laien ausserhalb des Netzes in Betracht. Deshalb wird im nächsten Schritt zuerst auf ‚ältere‘ Formen öffentlicher Laienkommunikation und ihr Verhältnis zum Journalismus und den Massenmedien eingegangen (vgl. Kap. 3.3.2). Sodann wird der Forschungsstand zu ‚journalismusnahen‘ Webangeboten von Laien dargestellt (unterschieden werden in erster Linie Weblogs, Microblogging-Dienste wie Twitter, Podcasts, Social News und Wikis), die umgangssprachlich, aber auch in der Fachliteratur mitunter als ‚Bürgerjournalismus‘ bzw. ‚citizen journalism‘ bezeichnet werden (vgl. Kap. 3.3.3).3

Im Rahmen dieses Forschungsüberblicks wird deutlich, dass im Netz am ehesten von Laienangeboten wie Wikinews journalistische Leistungen zu erwarten sind – einer vollständig von Laien betriebenen Nachrichtenplattform, die sich selbst als vollwertiges journalistisches Medienangebot versteht und an die eigenen Veröffentlichungen sehr hohe Qualitätsansprüche stellt. Die Forschungslücke, die bezüglich dieses weltweit in über dreissig Sprachversionen verfügbaren Nachrichtenwikis allerdings noch besteht, wird im empirischen Teil der vorliegenden Arbeit mit einem entsprechenden Forschungsprojekt geschlossen. Im Wesentlichen geht es hier darum zu überprüfen, inwiefern die im Theorieteil erarbeiteten Konstitutions- und Qualitätsmerkmale des Journalismus von der deutschsprachigen Version von Wikinews erfüllt werden (vgl. zu den einzelnen Forschungsfragen Kap. 4). Empirisch umgesetzt wird dies mittels zweier vergleichender quantitativer Inhaltsanalysen – einer Themenfrequenzanalyse zur Beschreibung der allgemeinen Themen-, Raum-, Zeit- und Relevanzstruktur der Plattform über ein Quartal hinweg (vgl. Kap. 5 und 6, zusammenfassend Kap. 9) sowie einer ereignisbezogenen Argumentationsanalyse zur ebenfalls dreimonatigen Berichterstattung über eine öffentliche Kontroverse von allgemeiner Bedeutung (Fallstudie zu Stuttgart 21) (vgl. Kap. 7 und 8, zusammenfassend Kap. 9). Eine Zusammenfassung der ganzen Arbeit resümiert die wichtigsten Erkenntnisse (vgl. Kap. 10).

1 Eine Analogie besteht hier zur in der Gesichte der Medien immer wieder geäusserten Auffassung, neuere Medien würden ältere ersetzen (vgl. Löffelholz 1997: 272; Löffelholz/Quandt 2003: 26). Dabei ist allerdings alles andere als klar, was jeweils unter einem „Medium“ zu verstehen ist. Teilweise sind damit lediglich einzelne technische Speichermedien oder Apparaturen gemeint, bei denen Substitutionseffekte auftreten: So wurde abgesehen vom nostalgischen Gebrauch aus Liebhaberei die Schallplatte fast gänzlich von der CD abgelöst (vgl. Löffelholz/Quandt 2003: 26), die ihrerseits angesichts digitaler Speicher- und Abspielmöglichkeiten ebenfalls bald der Vergangenheit angehören dürfte. Auch die Schreibmaschine hat im Laufe der Jahre dem PC Platz machen müssen (vgl. Dahl 1996: 76). Bei der hier erwähnten Fragestellung geht es aber, was den professionellen Journalismus betrifft, offensichtlich nicht um ein Medium im Sinne einer technischen Apparatur oder eines Datenträgers, sondern um nichts weniger als einen ganzen Funktionsbereich öffentlicher Kommunikation.

2 Der Autor ist sich des Dilemmas bewusst, dass die Verwendung eines Begriffs, mag sie auch durch entsprechende Zeichensetzung relativiert werden, nicht gerade dazu beiträgt, dessen Etablierung entgegenzuwirken. Weil sich ‚Bürgerjournalismus‘ (bzw. englisch ‚citizen journalism‘) sowohl umgangssprachlich als vages Konzept als auch in der Fachliteratur als Begriff schon etabliert hat, wird hier daran festgehalten, obschon es sich bei den damit bezeichneten Phänomenen wohl in den wenigsten Fällen um Journalismus handelt. Allein Google weist auf einfache Anfrage für den deutschen Begriff etwas über 25‘000, für den englischen gar über 400‘000 Treffer aus (Stand: März 2016).

3 Natürlich bedienen sich auch professionell tätige Journalisten während ihrer Arbeit dieser Webanwendungen. Darüber hinaus werden sie im Rahmen der zunehmenden Publikumsbeteiligung im professionellen Journalismus vermehrt in die Online-Auftritte der Massenmedien integriert. Hier geht es aber ausschliesslich um deren privaten Gebrauch (vgl. zur Abgrenzung Kap. 3.1).

2 Leistungen des professionellen Journalismus

Bisher wurde Journalismus in empirischen Studien meistens über die Strukturmerkmale der ‚Profession‘ (Journalismus wird hauptberuflich von fest angestellten oder freien Journalisten ausgeübt) und ‚Redaktion‘ (Journalismus findet sich in Medienorganisationen bzw. ist in einer bestimmten Weise redaktionell organisiert) identifiziert (vgl. z.B. Bonfadelli et al. 2011: 13; Marr et al. 2001: 52ff.; Weischenberg et al. 1993: 24; Weischenberg et al. 2006b: 347; vgl. im Überblick Malik 2011: 261ff.). So bestimmen etwa Weischenberg et al. (2006b) die Grundgesamtheit von Journalisten in Deutschland über die Tätigkeit für einen journalistischen Medienbetrieb sowie das Kriterium der Hauptberuflichkeit.4

Allerdings erscheint es fraglich, ob es sich bei den Merkmalen ‚Profession‘ und ‚Redaktion‘ tatsächlich um notwendige Merkmale des Journalismus bzw. journalistischer Leistungen im Allgemeinen handelt (vgl. Neuberger 2003: 132 u. 2008a: 19). In einer funktionalen Betrachtungsweise ist Journalismus allein sinnhaft abzugrenzen, und nicht etwa anhand des Status der Akteure, die ihn erstellen, oder der in einer bestimmten Art und Weise verfassten Medien, über die er verbreitet wird (vgl. Görke/Kohring 1996: 17ff.; Kohring 2000: 153 u. 162; Kohring 2005: 275). Gerade die jüngeren Entwicklungen im Internet und die Tatsache, dass hier im Prinzip auch Laien mit selbst erstellten und dem Anspruch nach ‚journalistischen‘ Inhalten eine grössere Öffentlichkeit erreichen können, legen die Frage nahe, ob im Netz nicht funktionale Äquivalente im Sinne eines sogenannten ‚Bürgerjournalismus‘ auftauchen, welcher nicht zwingend professionell betrieben und redaktionell organisiert zu sein braucht (vgl. vgl. Neuberger 2008a: 27; Neuberger/Quandt 2010: 70ff.). Diese Vorstellung einer Konkurrenz zwischen dem traditionellen Journalismus und quasi-journalistischen Laienpublikationen im Internet ist kommunikationswissenschaftlich von hoher Brisanz (vgl. Schönhagen/Kopp 2007). Von einer Konkurrenzsituation zwischen verschiedenen Medien bzw. Medienangeboten kann im Allgemeinen allerdings nur die Rede sein, wenn sie für Rezipienten und Gesamtgesellschaft substituierbare, d.h. gleichwertige Leistungen erbringen (vgl. Neuberger et al. 2007: 96). Aus diesem Grund ist zunächst theoretisch nach den Leistungen bzw. Funktionen des (professionellen) Journalismus zu fragen, um anschliessend und unter Berücksichtigung des bisherigen Forschungsstandes zu diskutieren, ob diese allenfalls auch vom sogenannten ‚Bürgerjournalismus‘ im Internet erbracht werden könnten.

In der Journalismustheorie operieren vor allem systemtheoretische Ansätze mit den Begriffen der ‚Leistung‘ und ‚Funktion‘, die dort zum festen theoretischen Inventar gehören. Im Gegensatz zu sogenannten handlungsorientierten oder sozialintegrativen Konzepten (vgl. dazu Löffelholz 2002: 44f. u. 47ff.) geht es der systemtheoretischen Journalismustheorie nicht um die Erklärung journalistischen Handelns (vgl. etwa Baum 1994; Bucher 2004) oder den Stellenwert und die Reproduktion redaktioneller Strukturen (vgl. z.B. Altmeppen 2000b; Wyss 2004), sondern hauptsächlich um die Funktion des Journalismus in der Gesellschaft.5 Nicht dessen Innenwelt, d.h. wer ihn erbringt, wie er organisiert ist und über welche Abläufe er zustande kommt, ist primär von Interesse, sondern was er für andere gesellschaftliche Teile bzw. die Gesamtgesellschaft leistet.

Aus diesem Grund sollen für die theoretische Fundierung der Fragestellung dieser Arbeit – zumindest vorerst – systemtheoretische Journalismuskonzepte nicht ausser Acht gelassen werden (vgl. Kap. 2.1). Dabei wird sich allerdings schnell zeigen, dass sich Journalismus anhand der in systemtheoretischen Arbeiten bisher entwickelten Kriterien kaum befriedigend erfassen lässt. Explizit handlungstheoretische Ansätze (vgl. z.B. Baum 1994; Bucher 2004) setzen sich umgekehrt gar nicht mit der Funktion des Journalismus in der Gesellschaft auseinander. In der Folge wird versucht, unter Rückgriff auf die von Otto Groth bereits 1928 herausgearbeiteten Wesensmerkmale der ‚Zeitung‘ bzw. des ‚Journalistischen‘ (vgl. Kap. 2.2) und das Prinzip der Kommunikationsvermittlung, das insbesondere in der Theorie der Sozialen Zeit-Kommunikation (vgl. Fürst et al. 2015: 330f.; Schönhagen 2004: 109ff.; Wagner 1980: 4ff.) einen hohen Stellenwert einnimmt (vgl. Kap. 2.3), einen Katalog verschiedener Kriterien zur Identifikation journalistischer Medienangebote zu erarbeiten (vgl. Kap. 2.4). Zu diesem Zweck wird auch die umfassende Literatur zur Qualität im Journalismus mit berücksichtigt, in der sich teils dieselben Kriterien wiederfinden.

2.1 Systemtheoretische Journalismuskonzepte

Systemtheoretisch argumentierende Journalismuskonzepte rekurrieren in der Regel auf die funktional-strukturalistische Systemtheorie von Niklas Luhmann.6 In seiner Theorie sozialer Systeme geht Luhmann von einer funktionalen Differenzierung der modernen Gesellschaft aus, in der sich im Hinblick auf die Lösung spezifischer Probleme verschiedene Teilsysteme (Funktionssysteme) wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Recht oder Religion ausgebildet haben, welche eine je andere exklusive Funktion für die Gesamtgesellschaft erfüllen (vgl. Kohring 2004: 188; Weber 2010: 194).7 Das Politiksystem bringt bspw. kollektiv bindende Entscheide hervor, das Wissenschaftssystem kognitiv überprüfte Erkenntnisse oder das Wirtschaftssystem Angebot und Nachfrage von Waren und Dienstleistungen zur Bedürfnisbefriedigung (vgl. als Übersicht Krallmann/Ziemann 2001: 340).

Während im Strukturfunktionalismus Parsons` die Strukturen eines Systems die Voraussetzung bilden, damit es überhaupt eine spezifische Funktion erbringen kann, ist die Argumentation im Äquivalenzfunktionalismus Luhmanns umgekehrt: Bestimmte gesellschaftliche Probleme werden von sozialen Systemen gelöst, indem diese spezifische Funktionen erbringen. Auf welche Art und Weise sie dies tun und welche Strukturen sie dafür ausbilden, ist nicht einmalig durch ihre jeweilige Funktion festgelegt (vgl. Jarren/Donges 2006: 45). Am Anfang stehen also gesellschaftliche Probleme, deren Lösung spezifische Funktionen voraussetzt, welche von verschiedenen sozialen Systemen erbracht werden. Ihre Struktur bilden diese Systeme sekundär, und sie können sie verändern (vgl. Rühl 1969b: 192f.).8 Funktionen sind in dieser Betrachtungsweise ein „Set möglicher Lösungen für bestimmte Probleme, die untereinander austauschbar sind und daher jeweils auch unterschiedlich ausfallen können“ (Jarren/Donges 2006: 44).9 Fasst man Journalismus in diesem Sinn als soziales System auf, das zur Lösung eines bestimmten gesellschaftlichen Problems zwar über eine bestimmte Funktion, aber prinzipiell über variable Strukturmerkmale verfügt, muss man mithin auch mit der Möglichkeit eines funktional äquivalenten sogenannten ‚Bürgerjournalismus‘ rechnen, der nicht zwingend über die Strukturmerkmale der ‚Profession‘ und ‚Redaktion‘ verfügt, anhand deren Journalismus traditionellerweise identifiziert wird.

Obschon soziale Systeme in systemtheoretischer Betrachtung also nicht über fixe Strukturmerkmale verfügen, besitzen sie eine Identität, die sich aus der Differenz zu ihrer jeweiligen Umwelt ergibt (vgl. Weber 2010: 192). Zudem wird mittels eines binären Codes entschieden, was vom System als relevant gesetzt und verarbeitet werden kann und was nicht, d.h. „welche Operationen zum System gehören und welche Operationen in der Umwelt des Systems ablaufen“ (Luhmann 1996: 36). Im Wissenschaftssystem werden bspw. alle Kommunikationen nach den Werten ‚wahr‘ und ‚nicht wahr‘, im Wirtschaftssystem nach den Werten ‚haben‘ und ‚nicht haben‘ codiert – alles, was sich dieser jeweils auf eine bestimmte Dimension (‚Wahrheit‘, ‚Geld‘) fixierten Unterscheidung nicht fügt, gehört zur externen Umwelt des Systems (vgl. Weber 2010: 195).10

In Luhmanns Konzeption sind soziale Systeme operationell geschlossen, d.h. sie können von der Umwelt nicht direkt beeinflusst, sondern ggf. nur irritiert werden11, sie sind weiter selbstreferentiell, d.h. ihre Elemente beziehen sich permanent auf andere Elemente des Systems, und sie sind autopoietisch, d.h. sie reproduzieren sich selbst (vgl. Krallmann/Ziemann 2001: 314f.; Weber 2010: 191). Eine Besonderheit – später auch als ein blinder Fleck der Systemtheorie kritisiert (vgl. Wendelin 2008: 351) – ist nun die Tatsache, dass soziale Systeme nach Luhmann weder aus Personen oder Menschen, noch aus Handlungen oder Entscheidungen bestehen, sondern einzig und allein aus Kommunikationen, an die weitere Kommunikationen anschliessen (vgl. Weber 2010: 195). Das Fehlen eines handelnden Subjekts macht die Systemtheorie Luhmannscher Prägung deshalb ungeeignet, Akteurs-Konstellationen im engeren Sinne zu untersuchen (vgl. ebd.: 194).

Was die theoretische Behandlung des Journalismus betrifft, wird die Systemtheorie vielfach als „Mainstream der Journalismusforschung“ (Löffelholz et al. 2004: 181) verstanden, erstaunlicherweise trotz der Kritik, die dem Paradigma inzwischen im Fach auch entgegengebracht worden ist (vgl. z.B. Haller 2004a: 141ff.; Hohlfeld 2003: 102ff.; Kunczik/Zipfel 2005: 82 u. 84; Pöttker 2001: 61; Weber 2010: 200ff.; Wendelin 2008: 351 u. 353). Die Vorschläge zur systemtheoretischen Modellierung des Journalismus gehen dabei weit auseinander, sowohl hinsichtlich seiner Verortung – er wird teils als selbständiges soziales System, teils aber auch als ‚Leistungssystem‘ oder ‚Programm‘ eines anderen übergeordneten Systems (wie z.B. der Massenmedien, der Publizistik oder der Öffentlichkeit) verstanden – als auch der Bestimmung seiner Primärfunktion für die Gesellschaft sowie seiner Leitdifferenz (binärer Code).

Luhmann selbst ist von einem „System der Massenmedien“ (Luhmann 1996: 36 u. 49) ausgegangen, welches er in die drei ‚Programmbereiche‘ Nachrichten und Berichte, Werbung und Unterhaltung unterteilt (vgl. ebd.: 51). Die Operationsweise der Massenmedien (binärer Code) führt er auf die Unterscheidung von ‚Information‘ und ‚Nicht-Information‘ zurück (vgl. ebd.: 36ff.). Dieser Vorschlag wurde später kritisch bis ablehnend aufgenommen, weil damit die drei genannten und offensichtlich unterschiedlichen Kommunikationsbereiche (Informationsjournalismus, Werbung, Unterhaltung) über dieselbe Leitdifferenz identifiziert werden. So ist die Motivation für die Veröffentlichung und rezipientenseitige Wahrnehmung von Werbeanzeigen wohl eine andere als bspw. von politischer Berichterstattung (vgl. Kohring 2004: 192). Auch ist das Konzept der Information als Leitcode grundsätzlich viel zu allgemein, denn Information ist Bestandteil jeglicher Kommunikation (vgl. Görke 1999: 259; Kohring 2004: 192), mithin auch jedes Systems, das theoriegemäss allein aus Kommunikationen besteht (vgl. Weber 2010: 195).

Weiter versteht Luhmann die Massenmedien als „Einrichtungen […], die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen“ (Luhmann 1996: 10, Hervorhebung S. B.). Dazu gehörten etwa Bücher, Zeitschriften und Zeitungen im Gegensatz zu Theateraufführungen, Ausstellungen oder Konzerten (vgl. ebd.: 11). Entsprechend habe für die Ausdifferenzierung eines Systems der Massenmedien „die ausschlaggebende Errungenschaft in der Erfindung von Verbreitungstechnologien gelegen“ (ebd.: 33). Die technologische Verbreitungsart wird somit zum Kriterium der Zugehörigkeit zum System der Massenmedien und mithin des Journalismus, der Werbung und Unterhaltung (vgl. Kohring 2004: 193). Gleichzeitig postuliert Luhmann jedoch in seiner Theorie sozialer Systeme, diese seien allein sinnhaft abzugrenzen (vgl. Luhmann 1971a: 11f.).12 Die Funktion des sozialen Systems der ‚Massenmedien‘ sieht Luhmann schliesslich im „Dirigieren der Selbstbeobachtung des Gesellschaftssystems“ (Luhmann 1996: 173), d.h. in der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung der Gesellschaft (vgl. Weber 2010: 195). Das trifft wohl in erster Linie auf Journalismus zu, aber weniger auf die ebenfalls systemzugehörige Werbung und Unterhaltung (vgl. Scholl/Weischenberg 1998: 70). Die hier angesprochenen Inkonsistenzen mögen nicht zuletzt darin begründet liegen, dass es Luhmann bei der Ausarbeitung seiner Theorie sozialer Systeme nie primär um die Beschreibung der Massenmedien oder des Journalismus gegangen ist (vgl. Kohring 2004: 193).

Die spezifisch systemtheoretische Journalismustheorie begann vielmehr bereits 1969 mit Manfred Rühls Publikation Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System. Akteurszentrierte Ansätze wie die Gatekeeper-Forschung kritisierend, wandte sich Rühl „gegen die individualistische Tradition der deutschen Journalismusforschung“ (Löffelholz 2004: 53) und entwarf eine Alternative, indem er die Redaktion als organisiertes soziales Handlungssystem konzipierte. Anders als die spätere Systemtheorie Luhmanns macht er also die Handlung – und nicht die Kommunikation – zum Letztelement seiner Betrachtung (vgl. Rühl 1969b: 195; Weber 2010: 197).13 Dabei versteht Rühl journalistisches Handeln aber nicht als von der Individualität und publizistischen Begabung des einzelnen Journalisten abhängig, wie es etwa in der Phase des ‚schriftstellerischen Journalismus‘ räsonierender Gelehrter der Aufklärungszeit typischerweise der Fall war (vgl. Baumert 1928: 35ff.), sondern als in höchstem Mass von den formellen und informellen Regeln und Erwartungen des redaktionellen Umfelds bestimmt, in dem es abläuft (vgl. Rühl 1989: 260). In den Massenmedien industriell hochentwickelter Gesellschaften erfolge journalistisches Handeln „nicht nur durch einige Nachrichten sammelnde, redigierende und schreibende Redakteure, sondern […] vielmehr als durchrationalisierter Produktionsprozess in einer nicht minder rationalisierten und differenzierten Organisation“ (Rühl 1969a: 13).14

Die Primärfunktion eines solchen „organisatorischen Journalismus“ (Rühl 1989: 253) bringt Rühl schliesslich auf die vielzitierte, aber auch kritisierte Formel der „Herstellung und Bereitstellung von Themen zur öffentlichen Kommunikation“ (Rühl 1980: 323). Wie Scholl und Weischenberg (1998) richtig feststellen, ist diese Funktionsumschreibung aber viel zu allgemein und kaum operabel, darüber hinaus lässt sich ein solchermassen bestimmter Journalismus kaum von (professioneller) Öffentlichkeitsarbeit abgrenzen, bei der es auch immer um das Setzen öffentlich wahrnehmbarer Themen geht (vgl. Scholl/Weischenberg 1998: 74), wenngleich dafür andere Interessen handlungsleitend sind (s. dazu weiter unten).

Derselbe Kritikpunkt lässt sich auch dem über zwanzig Jahre später vorgelegten systemtheoretischen Konzept Marcinkowskis (1993) entgegenbringen. Marcinkowski versteht Journalismus als Subsystem – und zwar einziges – des übergeordneten Funktionssystems ‚Publizistik‘, das sich über den binären Code ‚veröffentlicht‘ vs. ‚nicht veröffentlicht‘ (bzw. Publizität/Nicht-Publizität) laufend selbst reproduziere (vgl. Marcinkowski 1993: 65). Da Journalismus nach derselben Leitdifferenz wie das Muttersystem operieren muss, lässt er sich so allerdings kaum von anderen Formen der Veröffentlichung abgrenzen. Denn folgt man Marcinkowskis Vorschlag, fallen unter das Muttersystem der Publizistik sowohl nicht-periodische Medien wie Bücher und Filme als auch Öffentlichkeitsarbeit, sofern diese mit organisationseigenen Medien an die Öffentlichkeit gelangt (vgl. Scholl/Weischenberg 1998: 65). Im Zeitalter des Internets müsste man die Web-Präsenz eines Unternehmens genauso dazu zählen wie ein privat betriebenes Weblog, womit jemand seine letzte Urlaubsreise öffentlich mit Fotos dokumentiert. Das ‚Veröffentlichen‘ an sich hat also höchst unterschiedliche Ursachen und Zwecke, weshalb es nicht einsichtig erscheint, es zum Leitcode eines sinnhaft abzugrenzenden sozialen Systems zu erheben. Die Funktion der Publizistik sieht Marcinkowski schliesslich in der Selbst- und Fremdbeobachtung gesellschaftlicher Teilsysteme: „Alle Funktionssysteme der Gesellschaft beobachten sich selbst und andere Beobachter in ihrer Umwelt im Spiegel publizistischer Selbstbeobachtungskommunikation“ (Marcinkowski 1993: 148). Die Nähe zur Funktion, wie sie Luhmann seinem System der ‚Massenmedien‘ zuschreibt, ist hier unverkennbar (s. dazu weiter oben).

Kurz nach Marcinkowski veröffentlicht Bernd Blöbaum (1994) seine Dissertation Journalismus als soziales System. Blöbaum ist bisher der einzige Autor, der dem Journalismus den Status eines eigenen Funktionssystems zuspricht. Statt unterhalb des Journalismussystems weitere Leistungssysteme auszumachen, unterscheidet er lediglich ‚Leistungsrollen‘ (Journalisten) und ‚Publikumsrollen‘ (Rezipienten) (vgl. Blöbaum 1994: 289). Die Mediennutzung interpretiert er als aktiven Entscheid des Publikums zur Teilnahme am journalistischen System, denn „in der Publikumsrolle kann der Rezipient entscheiden, ob er sich in das System einschaltet oder nicht“ (Blöbaum 1994: 291). Wenn Journalisten und Publikum demselben System zugeordnet werden, verwischt allerdings die analytische Trennung zwischen Aussagenproduktion und -rezeption (vgl. Scholl/Weischenberg 1998: 72).

Als binären Code der Operationen im System ‚Journalismus‘ identifiziert Blöbaum die Unterscheidung zwischen Information und Nicht-Information (vgl. Blöbaum 1994: 273), also jene Leitdifferenz, die Luhmann in seinem Konzept dem System ‚Massenmedien‘ zuordnet. Folglich lässt sich dagegen dieselbe Kritik vorbringen: Information ist ein viel zu unspezifisches Konzept, als dass es die eindeutige Identifizierung der Kommunikationen eines bestimmten Systems erlauben würde, da jedes System Informationen verarbeitet (vgl. Kohring 2004: 192; Scholl/Weischenberg 1998: 73).

Als Primärfunktion des Journalismus erachtet Blöbaum schliesslich die „aktuelle Selektion und Vermittlung von Informationen zur öffentlichen Kommunikation“ (Blöbaum 1994: 261). Die Vermittlung sei dabei abzugrenzen von blosser Übermittlung, denn Ereignisse würden „ausgewählt, verdichtet und in einen Kontext gesetzt“ (ebd.: 267). Diese spezifischen Vermittlungsleistungen hätten sich im Zeitverlauf langsam aus der blossen Übermittlung von Ereignissen herausgebildet: „In der Entstehungsphase von Journalismus werden Begebenheiten zuerst so übermittelt, wie sie die Druckereien erreichen. Eine Bearbeitung findet kaum statt. Erst als sich im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung die Kommunikation verdichtet und der beobachtbare Ereignisraum grösser wird, erst als mit dem Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft die Informationsbedürfnisse eines bürgerlichen Publikums wachsen, entsteht ein Kontext, der Vermittlungsleistungen notwendig macht. Informationen müssen ausgewählt werden angesichts der begrenzten Ressourcen von Zeit und Raum. Diese Selektion markiert den Übergang von Übermittlung zur Vermittlung“ (ebd.). Als Auswahl aus prinzipiell unendlich vielen Kommunikationen ist die ‚Selektion‘ Blöbaum zufolge „gewissermassen die Kernoperation des journalistischen Systems“ (ebd.).

Was die Vermittlungsaspekte der Selektion, aber auch der Bearbeitung betrifft, so stimmt das der vorliegenden Arbeit zugrunde liegende Journalismusverständnis mit der von Blöbaum vertretenen Auffassung zu einem guten Teil überein. So werden in Kap. 2.3.2 die redaktionellen Vermittlungsleistungen des Journalismus sinngemäss in Selektions- und Konzentrationsleistungen aufgeteilt, also ebenfalls in die Operationen des Auswählens und Bearbeitens. Doch reduziert man die Funktion des Journalismus wie von Blöbaum vorgeschlagen auf die „aktuelle Selektion und Vermittlung von Informationen zur öffentlichen Kommunikation“ (ebd.: 261), bleiben erhebliche Abgrenzungsprobleme gegenüber Public Relations bzw. Öffentlichkeit bestehen, die ebenfalls Informationen bzw. Themen selektieren und vermitteln – oft sogar mit erstaunlichem Erfolg. Auch diese Funktionsumschreibung bleibt also unbefriedigend.

In späteren Ansätzen bestimmen Görke (1999, 2000 u. 2004) und Kohring (1997, 2004, 2005 u. 2006) das massgebende System wiederum anders. Beide gehen von einem übergeordneten Funktionssystem ‚Öffentlichkeit‘ aus, als dessen wichtigstes ‚Leistungssystem‘ sie den Journalismus identifizieren.15 Gemäss Kohring sei mit der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft zwar eine Effizienzsteigerung verbunden, doch erhöhe sich dadurch auch die Inkompatibilität der verschiedenen Teilsysteme untereinander (vgl. Kohring 2004: 196). Zwischen ihnen entstünden so komplexe gegenseitige Abhängigkeits- und Beeinflussungsverhältnisse (vgl. ebd.). Hier ist etwa an das vielschichtige Beziehungsgeflecht zwischen Politik und Wirtschaft oder zwischen Politik und Medien zu denken. In einer komplexen Welt sei jedes System genötigt, „sich Erwartungen über seine Umwelt auszubilden, auf deren Grundlagen es sein spezifisches Handeln planen kann“ (ebd.). Dazu bedürfe es einer ständigen Umweltbeobachtung der anderen Teilsysteme. Da ein einzelnes System überfordert sei, diese Aufgabe selbst zu übernehmen, habe sich ein eigenes Funktionssystem der ‚Öffentlichkeit‘ herausgebildet, dessen Funktion in der „Generierung und Kommunikation von Beobachtungen über die Interdependenz, d.h. die wechselseitigen Abhängigkeits- und Ergänzungsverhältnisse einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft“ (Kohring 1997: 248) bestehe. Journalismus sei nicht das einzige, aber das wichtigste Leistungssystem der Öffentlichkeit (vgl. Kohring 2004: 196). Den binären Leitcode, nach welchem Öffentlichkeit und mithin Journalismus operieren, sieht Kohring in der Unterscheidung zwischen ‚mehrsystemzugehörig‘ und ‚nicht-mehrsystemzugehörig‘ (vgl. ebd.: 165 u. 2006: 168f.). Öffentlichkeit und Journalismus kommunizieren demzufolge „stets über Ereignisse, die über den Bereich hinaus, in dem sie passiert sind, Bedeutung erlangen könnten. Über ein Ereignis wird also nicht schon deshalb berichtet oder erzählt, weil es in einem System stattfindet, sondern weil es in mindestens einem zusätzlichen System, idealerweise (aus journalistischer Sicht) in möglichst vielen Resonanz auslösen, also Erwartungshaltungen verändern könnte“ (Kohring 2006: 169). Ereignisse wie das Kruzifix-Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts von 1995, worin das obligatorische Aufhängen von Kruzifixen, wie es etwa die Bayerische Volksschulordnung vorgesehen hatte, für verfassungswidrig erklärt wurde, tangierten bspw. nicht nur das Rechtssystem, sondern auch das Religionssystem und das politische System und seien insofern für den Journalismus besonders interessant (vgl. zu diesem Beispiel Kohring 2005: 269).

Unterhalb des Leitcodes spezifiziert Kohring zudem Regeln bzw. ‚Programme‘, welche die Zuordnung von Mehrsystemzughörigkeit zu bestimmten Beobachtungen ermöglichen sollen. Zum einen sei dies Relevanz, da im Journalismus generell Ereignisse bevorzugt würden, „die etablierten Umwelterwartungen eines Kommunikationssystems zuwiderlaufen“, zum anderen Neuigkeit, „da bevorzugt Neuigkeiten zur Änderung von Umwelterwartungen führen“ (Kohring 2006: 173). Der Wert einer Beobachtung für den Journalismus bemisst sich nach Kohring insgesamt „an ihrer Potenz, in möglichst vielen Kommunikationssystemen als Ereignis behandelt werden zu können oder/und in einem System möglichst hoch bewertete und strukturell fest verankerte Umwelterwartungen zu irritieren“ (Kohring 2006: 173; Hervorh. S.B.). Hier greifen also mindestens zwei verschiedene Dimensionen ineinander: Mehrsystemzugehörigkeit (Vielfalt) einerseits und Relevanz – und somit indirekt Neuigkeit – andererseits, womit sich natürlich auch die Frage nach deren Priorisierung stellt: Werden im Journalismus eher solche Themen bevorzugt, die in einem einzelnen oder in wenigen Systemen hoch relevant sind, oder eher jene, die zwar in zahlreichen Systemen anschlussfähig, jeweils aber nur wenig relevant sind? Zudem setzt die Entscheidung, ‚Mehrsystemzugehörigkeit‘ zum generalisierten Kommunikationsmedium bzw. Leitcode für den Journalismus zu erheben, vorgängig eine analytische Unterscheidung sozialer Systeme (wie Politik, Wissenschaft, Kultur, Religion etc.) voraus, deren Anzahl theoretisch unterschiedlich ausfallen kann. Davon muss dann allerdings auch jedes Urteil über die ‚Mehrsystemzugehörigkeit‘ der vom Journalismus beobachteten Ereignisse abhängen.

Auch Görke fasst den Journalismus als Leistungssystem der Öffentlichkeit auf. Er beschreibt ihn als „autonome[n] Beobachter von Weltgeschehen“ (Görke 2002: 73) und „Metronom der Weltgesellschaft“ (ebd.: 74), der vor allem eine Synchronisationsfunktion für die Gesamtgesellschaft erfülle (vgl. ebd.). Als Leitcode dient Görke dementsprechend die Unterscheidung zwischen ‚aktuell‘ und ‚nicht aktuell‘ in temporalem Sinn (vgl. ebd.). Offen bleibt bei beiden Ansätzen, welches denn noch weitere mögliche Leistungssysteme der Öffentlichkeit sind und worin sich diese unterscheiden.16

In Anlehnung an Kohring (1997, 2004, 2005 u. 2006) führt Wyss (2011) in einem neueren systemtheoretisch orientierten Beitrag den Begriff der ‚Mehrsystemrelevanz‘ als Leitdifferenz des Journalismus ein. Journalismus kommuniziert demnach „dann, wenn ein Kommunikationsangebot aus der Perspektive von mehr als einem gesellschaftlichen Funktionssystem als relevant erscheint und in mehreren Systemen zugleich Resonanz bzw. Anschlusskommunikation erzeugt“ (Wyss 2011: 34). Inhaltlich geht Wyss insofern über Kohrings Ansatz hinaus, als er aus der Leitdifferenz der ‚Mehrsystemrelevanz‘ „qualitative Standards für die Leistungsfähigkeit des Journalismus und insbesondere von Qualitätsmedien“ ableitet (ebd.: 36). Von den hierzu angeführten Qualitätsstandards lassen sich allerdings nur ‚Relevanz‘ und ‚Vielfalt‘ offensichtlich auf den gewählten Leitcode der ‚Mehrsystemrelevanz‘ zurückführen. ‚Unabhängigkeit‘ bzw. ‚Autonomie‘ (vgl. ebd.) stellt indessen ein generelles Merkmal sozialer Systeme dar und im Falle der weiter genannten Kriterien wie ‚Faktizität‘ bzw. ‚Richtigkeit‘, ‚Glaubwürdigkeit‘ sowie ‚Transparenz‘ (vgl. ebd.: 37) erscheint eine direkte Herleitung aus der postulierten Leitdifferenz kaum möglich zu sein.

Schliesslich sei noch auf das systemtheoretisch fundierte Journalismusverständnis von Weischenberg und Scholl verwiesen. Wie Blöbaum fassen beide Autoren den Journalismus als eigenständiges soziales System – und nicht etwa als Leistungssystem der Öffentlichkeit (vgl. Görke und Kohring) bzw. der Publizistik (vgl. Marcinkowski) oder als Programmbereich der Massenmedien (vgl. Luhmann) – auf (vgl. Scholl/Weischenberg 1998: 16; Weischenberg et al. 2006b: 346). Und wie Görke und Kohring identifizieren sie Aktualität als Leitdifferenz des Journalismus, allerdings unterteilen sie diese in eine zeitliche (im Sinne von Neuigkeit), eine sachliche (im Sinne einer Orientierung an Faktizität im Gegensatz zur Potenzialität bzw. zum Entwurf möglicher Wirklichkeitsentwürfe) sowie eine soziale (im Sinne von Relevanz für ein grösstmögliches Publikum) Dimension (vgl. Scholl/Weischenberg 1998: 75). Journalistische Inhalte sind demnach an Neuigkeitswert, Faktizität und Relevanz gebunden (vgl. ebd.: 78).17 Mit dieser Merkmalstrias geben die Autoren aber offensichtlich auch den ursprünglichen Anspruch der funktional-strukturalistischen Systemtheorie auf, die Leitdifferenz von sozialen Systemen mittels eines binären Codes zu bestimmen.

Die Primärfunktion des Journalismus sehen Scholl und Weischenberg darin, „aktuelle [d.h. eben neue, faktische und relevante, Anmerkung S. B.] Themen aus den diversen Systemen (der Umwelt) zu sammeln, auszuwählen, zu bearbeiten und dann diesen sozialen Systemen (der Umwelt) als Medienangebote zur Verfügung zu stellen“ (ebd.).18 Einerseits stellt sich hier aber die Frage, was denn ein ‚Thema‘ genau ist. Soll damit ein einzelnes Ereignis gemeint sein, worüber in Tageszeitungen berichtet wird, bspw. die Entlassung von 270 Angestellten durch einen Konzern infolge der Schliessung eines Werkstandorts? Oder gilt vielmehr erst die gedankliche Zusammenfassung mehrerer ähnlicher Ereignisse zu einem Bedeutungskomplex als Thema (vgl. z.B. Fretwurst 2008: 9 u. 109; Rössler 2005: 122f.), im gegebenen Beispiel also etwa die Zunahme der Arbeitslosigkeit seit Jahresbeginn? Meistens sind es ohnehin, zumal der Journalismus auf Quellen angewiesen ist, die Äusserungen gesellschaftlicher Akteure im Sinne von Stellungnahmen, Begründungen, Ankündigungen, Prognosen etc., worauf Journalisten zurückgreifen und die sie vermitteln (im obigen Beispiel z.B.: Auskünfte des Firmensprechers des betreffenden Konzerns, Stellungnahme der Arbeitervertretung der Belegschaft des von der Schliessung bedrohten Werks etc.). Handelt es sich bei solchen vom Journalismus typischerweise vermittelten Kommunikaten also auch um ‚Themen‘?19 Die Definitionen von Scholl und Weischenberg lassen diese Fragen unbeantwortet. Die Tatsache, dass im Journalismus ganz wesentlich die Äusserungen Dritter wiedergegeben bzw. vermittelt werden und dass aus der Abfolge solcher aufeinander bezogener Äusserungen über die Zeit hinweg ein öffentlich wahrnehmbarer Dialog entsteht, darf jedoch bei der Bestimmung journalistischer Leistungen nicht ignoriert werden (vgl. dazu auch Kap. 3.3). Andererseits enthält die obige Funktionsbeschreibung von Scholl und Weischenberg keine explizite Abgrenzung des Journalismus von Public Relations, die zweifellos wichtig wäre. Allerdings sprechen die Autoren diesen Punkt, wenn auch nicht in aller Deutlichkeit, etwas später noch an. So ermögliche der Journalismus insgesamt „die Selbstbeobachtung der Gesellschaft […], indem er Systeme in seiner Umwelt fremdbeobachtet“ (Scholl/Weischenberg 1998.: 77, Hervorhebung S. B.). Entscheidend dabei sei nun „nicht die Tatsache, dass sich die Gesellschaft im Spiegel der Massenmedien selbst beobachtet, sondern die Qualität dieser Selbstbeobachtung“ (ebd., Hervorhebung S. B.). Denn sie komme im Journalismus über die unabhängige Fremddarstellung gesellschaftlicher Teilsysteme zustande, während Öffentlichkeitsarbeit stets Selbstdarstellung betreibe und somit Partikularinteressen verfolge (vgl. ebd.).20

Damit ist ein (weiterer) wesentlicher Aspekt zumindest angedeutet, der das spezifische Funktionsprinzip des Journalismus kennzeichnet und deshalb bei der Bestimmung journalistischer Leistungen keinesfalls ausser Acht gelassen werden darf: Die Unparteilichkeit bzw. Neutralität journalistischer Aussagenvermittlung gegenüber den Einzelinteressen gesellschaftlicher Teile bzw. Akteursgruppen (vgl. Schönhagen 1999: 267f. u. 284f. sowie näher Kap. 2.3.2).21 Auf denselben Punkt zielt übrigens auch Altmeppen (2000a) ab, wenn er die ursprünglich von Rühl geprägte und von Weischenberg und Scholl wieder aufgegriffene Funktionsbeschreibung des Journalismus dahingehend modifiziert, Journalismus als „autonome Herstellung und Bereitstellung von Themen zu öffentlichen Kommunikation“ und umgekehrt Öffentlichkeitsarbeit als „interessengeleitete Herstellung und Bereitstellung von Themen zur Anschlusskommunikation“ (Altmeppen 2000a: 133; Hervorhebung S. B.) zu identifizieren. Nimmt man diese Unterscheidung hinzu, so scheint von den bisher diskutierten systemtheoretischen Funktionsbeschreibungen diejenige von Scholl und Weischenberg offenbar am fruchtbarsten zu sein, denn sie lässt sich, wenn auch noch nicht hinreichend, etwa über die genannten Kriterien der Neuigkeit, Faktizität und Relevanz am ehesten operationalisieren und für empirische Forschung nutzbar machen (vgl. auch Haller 2004a: 147).

Gesamthaft dürften die obigen Ausführungen gezeigt haben, dass systemtheoretische Journalismuskonzepte ihre Schwächen besitzen. Als ‚Supertheorie‘ kennzeichnet die Systemtheorie ein sehr hoher Abstraktionsgrad. Damit einher geht die Unmöglichkeit ihrer direkten empirischen Überprüfung (vgl. Hohlfeld 2003: 120; Scholl/Weischenberg 1998: 147).22 So fruchtbar das funktional-strukturalistische Systemdenken für die Beschreibung sozialer Systeme sein mag, für die Journalismustheorie sind seine Grenzen kaum zu übersehen, wie es Neverla (1998) knapp auf den Punkt bringt: „das Fehlen eines handelnden Subjekts, die Empirieferne, das Defizit jeglicher normativer Ausrichtung“ (Neverla 1998: 293, vgl. auch Wendelin 2008: 353). Vor allem der Ausschluss des Subjekts aus der theoretischen Betrachtung erweist sich als zu radikal, sind doch im Journalismus auf letzter Ebene immer Journalisten als handelnde Subjekte produktiv bzw. vermittelnd tätig (vgl. Hohlfeld 2003: 106; Neuberger 2004: 287). Gleichzeitig schliesst das keineswegs aus, Journalismus gesamthaft im Hinblick auf seine gesellschaftliche Funktion zu betrachten bzw. ihm eine solche zuzuweisen.

Ein weiterer Kritikpunkt an systemtheoretischer Journalismustheorie ist ihre meist fehlende historische Perspektive23, welche die Leistungen des professionellen Journalismus entstehungsgeschichtlich zu erklären vermöchte (vgl. im Gegensatz dazu die in den nächsten Kapiteln vorgestellte Auffassung). Journalismus wird damit „aus seinem historisch gewachsenen Sinnzusammenhang herausgerissen“ (Haller 2004a: 143). Da die Systemtheorie vor allem bestehende Verhältnisse beschreibt, kann ihr aus einem normativontologischen sowie kritisch-dialektischen Theorieverständnis auch entgegenhalten werden, mit dem vorhandenen theoretischen Instrumentarium gesellschaftlichen Wandel nicht erklären zu können. Als affirmative, konservative Theorie rechtfertigt sie vielmehr den Ist-Zustand (vgl. Weber 2010: 201).24 Theoretisch stellt sich auch die Frage, ob sich Journalismus gemäss der Logik funktional-strukturalistischer Systemtheorie überhaupt in einem strikt zweiwertigen Schema erfassen, d.h. über einen binären Code eindeutig festlegen lässt (vgl. Haller 2004a: 145). Angemessener erscheint es, journalistische Inhalte anhand mehrerer konstitutiver Merkmale bzw. Dimensionen zu identifizieren.25

Darüber hinaus lässt sich Journalismus strikt systemtheoretisch gedacht nicht nur mit Mühe von anderen Systemen wie Public Relations abgrenzen, sondern graduell auch keine Unterscheidung zwischen ‚besserem‘ und ‚schlechterem‘ Journalismus vornehmen, denn entweder werden Kommunikationen zum System gezählt oder nicht. Schliesslich leuchtet nicht ein, mit welcher Begründung Journalismus als operationell geschlossenes, autopoietisches System modelliert werden soll, vergegenwärtigt man sich den Kontext des umgebenden Mediensystems mit seinen ideologischen, politischen, rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen, in die der Journalismus eingebettet ist (vgl. Haller 2004a: 144).26

Aus all diesen Gründen folgt diese Arbeit nicht einer im engeren Sinn systemtheoretischen Argumentation. Gleichwohl erscheinen bestimmte Kriterien, die v.a. von Scholl und Weischenberg in ihrem weiter oben erwähnten systemtheoretischen Ansatz herausgearbeitet wurden, als durchaus sinnvolle, wenn auch nicht hinreichende Merkmale zur Identifikation journalistischer Medienangebote. Dazu zählt zum einen Faktizität. Journalismus bezieht sich auf die intersubjektiv erfahrbare Ereignisrealität bzw. ‚Welt‘ und grenzt sich so von überwiegend fiktionalen Medienangeboten wie bspw. Spielfilmen, Romanen oder Werken der bildenden Kunst ab (vgl. Scholl 1997: 473ff.; Scholl/Weischenberg 1998: 75ff.; Weischenberg et al. 2006b: 346f.). Zum anderen nimmt sich Journalismus jener Ereignisse und Themen an, die Neuigkeitswert bzw. (zeitliche) Aktualität besitzen und grenzt sich so von nichtaktueller Publizistik bzw. Literatur ab (vgl. ebd.). Schliesslich greift er nicht beliebige Ereignisse und Themen aus der Privat- oder Intimsphäre von Bürgern auf – bei Prominenten geschieht dies durchaus, insbesondere im Boulevardjournalismus und aufgrund eines erhöhten Interesses der Allgemeinheit27 –, sondern er selektiert grösstenteils Geschehnisse und Zustände von öffentlicher Bedeutung bzw. gesellschaftlicher Relevanz, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie (potenziell) eine Vielzahl von Personen betreffen (vgl. ebd.).28

Über diese drei für den Journalismus charakteristischen Merkmale besteht ein breiter Konsens unter mehreren Autoren (vgl. z.B. Beck 2010a: 140; Haller 2004a: 135ff. u. 2004b: 81; Hohlfeld 2003: 123 u. 128; Meier 2007: 13; Wyss et al. 2005: 306).

Dass sich Journalismus dennoch nicht hinreichend über diese Merkmale identifizieren lässt, sollen die nächsten Kapitel 2.2 und 2.3 veranschaulichen. Schon angesprochen wurde das Prinzip der Kommunikationsvermittlung, dem Journalismus in weiten Teilen zu folgen scheint. Ebenfalls erwähnt wurde die Unparteilichkeit bzw. Neutralität solcher Vermittlung, die eine nicht einseitige bzw. partikulare Interessenverfolgung wie etwa der Public Relations erst garantiert. Die bisher vorgestellten systemtheoretischen Funktionsumschreibungen sprechen überdies nur implizit an, dass Journalismus grundsätzlich eine Vielfalt von Aussagen, Meinungen und Themen aus allen gesellschaftlichen Teilbereichen vermittelt, inhaltlich-thematisch und bezüglich der wiedergegebenen Akteure und Meinungen also universell orientiert ist.29

2.2 Die Wesensmerkmale der ‚Zeitung‘ und des Journalismus nach Otto Groth

Zeitungen lassen sich Otto Groth zufolge durch die Wesensmerkmale Periodizität, Universalität, Aktualität und Publizität charakterisieren. Diese vier Kriterien hatte der Zeitungswissenschaftler Groth, der durch seine jahrelange journalistische Tätigkeit bei der Frankfurter Zeitung einen sehr engen Bezug zur Praxis hatte30, bereits in seinem zwischen 1928 und 1930 erschienenen enzyklopädischen Vierbänder Die Zeitung: Ein System der Zeitungskunde (Journalistik) als Kennzeichen journalistischer Medienangebote herausgearbeitet.31 Drei Jahrzehnte später – dazwischen lag der Zweite Weltkrieg – stellte er sie nochmals in seinem monumentalen Hauptwerk, der siebenbändigen zeitungswissenschaftlichen Gesamtdarstellung Die unerkannte Kulturmacht: Grundlegung der Zeitungswissenschaft (Periodik) in grösserem Zusammenhang dar.32 In diesem Hauptwerk bemühte er sich um eine konsistente Bestimmung der Zeitungswissenschaft als eigener Disziplin, etwa in Abgrenzung zur Soziologie, Sozialpsychologie, Literaturwissenschaft und den Wirtschaftswissenschaften (vgl. Groth 1960: 50-54, 56, 62, 84).

Für Groth stand die ‚Zeitung‘ für mehr als bloss ein Presseerzeugnis, das mit Druckerschwärze und Papier hergestellt wird. Vielmehr sah er in ihr die idealtypische Erscheinung des Journalismus. Dementsprechend galt sein Interesse nicht vorübergehenden Einzelerscheinungen, sondern der ‚Zeitung‘ als dauerhaftem zeitungswissenschaftlichen Gegenstand: „Durch einen gemeinsamen Sinn und gemeinsame Merkmale sind alle einzelnen realen Zeitungen und Zeitschriften, so mannigfach sie sich in Form und Inhalt, Werden und Schicksal unter den Einwirkungen ihrer Produzenten und Konsumenten […] gestalten, miteinander verbunden, haben sie ein gemeinsames ‚Wesen‘, unterstehen sie einer gemeinsamen ‚Idee‘“ (Groth 1960: 64). Unter dem ‚Wesen‘ versteht Groth in Anlehnung an Otto W. Haseloff den „Inbegriff jener Merkmale, die die Gemeinsamkeit und Eigenart einer Klasse von Objekten konstituieren“ (ebd.). Er zieht dabei eine Parallele zur ‚Idee‘ bei Platon (vgl. ebd.) und zum ‚Idealtypus‘ bei Max Weber (vgl. ebd.: 78f.).33

Die vier Wesensmerkmale Periodizität, Universalität, Aktualität und Publizität können sowohl in den Dimensionen Form und Inhalt als auch in den Dimensionen Raum und Zeit verortet werden: Bei Publizität (öffentliches Erscheinen) und Periodizität (regelmässiges Erscheinen) handelt es sich um Merkmale der Form, da sie primär die Erscheinungsweise der ‚Zeitung‘ betreffen. Bei Aktualität (Gegenwartsbezug) und Universalität (inhaltliche Vielfalt) handelt es sich demgegenüber um inhaltliche Dimensionen. Sie haben unmittelbar mit dem Stoff der ‚Zeitung‘, also mit den journalistischen Medieninhalten zu tun. Die vier Merkmale lassen sich aber auch anders gruppieren. Publizität und Universalität können als Raumbegriffe verstanden werden, da sie im weitesten Sinne mit Ausdehnung bzw. Abdeckung zu tun haben, während Periodizität und Aktualität Zeitbegriffe darstellen, da sie formal oder inhaltlich mit dem Faktor Zeit in Zusammenhang stehen.

Zwischen den vier Wesensmerkmalen bestehen funktionale Zusammenhänge unterschiedlicher Art. So ist bspw. das regelmässige Erscheinen (Periodizität) eine Voraussetzung dafür, dass die ‚Zeitung‘ universell und aktuell sein kann. Erweitert sich das Universum der von der ‚Zeitung‘ abgedeckten Themen und Meinungen (Universalität), wird auch eine höhere Publizität (Abnehmerkreis, Erscheinungsgebiet) möglich. Die inhaltliche Universalität wird entscheidend durch den Fokus auf die Gegenwart (Aktualität) eingegrenzt. Auf diese hier äusserst knapp skizzierten Relationen soll jeweils bei den einzelnen Wesensmerkmalen noch näher eingegangen werden. Dabei sollen einerseits Bezüge zu jenem Teil der neueren Fachliteratur hergestellt werden, in dem diesen Kriterien ebenfalls ein hoher Stellenwert zukommt – dies ist insbesondere in der umfangreichen Literatur zur Qualität im Journalismus bzw. zur Programmqualität von Radio und Fernsehen der Fall. Wo es sich sachlich anbietet, soll andererseits auch diskutiert werden, inwiefern sich die Groth‘schen Wesensmerkmale auf den Journalismus im Internet übertragen lassen.

Im Folgenden soll zuerst auf die vier Wesensmerkmale der ‚Zeitung‘ als Identifikationsmerkmale journalistischer Medienangebote eingegangen werden. Sie werden dabei in derselben Reihenfolge wie ursprünglich bei Groth (1960) diskutiert (vgl. Kap. 2.2.1 bis 2.2.5). In einem zweiten Schritt wird Groths spezifisches Verständnis vom Wesen und der Funktion der ‚Zeitung‘ erläutert (vgl. Kap. 2.2.6).34 Das Prinzip der Vermittlung, das hier bereits als funktionaler Kern des Journalismus angelegt ist, wird in Kap. 2.3 weiter ausgeführt.

2.2.1 Periodizität

Als erstes Wesensmerkmal der ‚Zeitung‘ nennt Groth ihr wiederkehrendes Erscheinen, das er als Periodizität bezeichnet (vgl. Groth 1960: 106). Aufgrund dieses formalen Kriteriums unterscheidet sich die ‚Zeitung‘ von anderen, nicht-periodischen Publikationen wie etwa Büchern, Neuen Zeitungen oder Flugschriften (vgl. ebd.). Das der Periodizität inhärente Ideal ist Groth zufolge die „höchstmögliche Kürze der Perioden, die möglichst rasche Aufeinanderfolge des Wiedererscheinens“ (ebd.: 114). Periodizität bedeute hingegen nicht, dass die ‚Zeitung‘ in strenger Regelmässigkeit, in exakt gleichen Zeitintervallen erscheine: „Würden wir die Bedingung der strengen und unbedingten Gleichheit der Wiederkehr in die Begriffsbestimmung aufnehmen, so würden wir ein akzidentelles Moment zum Wesensmerkmal machen“ (ebd.: 115). Damit richtet sich Groth etwa gegen das Bemühen einiger Zeitungsverlage seiner Zeit, ihre Blätter minutengenau beim Leser auszuliefern (vgl. ebd.: 114).

Die Periodizität im Sinne des wiederkehrenden Erscheinens ist bei der Presse, z.B. bei Tageszeitungen, die täglich neu am Kiosk aufliegen oder in die Briefkästen geliefert werden, besonders augenfällig. Auch Zeitschriften besitzen Periodizität, doch ist sie bei ihnen weniger ausgeprägt – sie erscheinen z.B. nur monatlich.35 Periodizität ist auch ein Merkmal der Berichterstattung in anderen Mediengattungen, etwa der regelmässig und zur gleichen Zeit ausgestrahlten TV- oder Radionachrichten. Während bei traditionellen Massenmedien die Publikationszeitpunkte allerdings an fixe Perioden gebunden sind, ist dies im Internetjournalismus nicht mehr der Fall. Statt dass hier Nachrichten gebündelt als Teil einer von der Redaktion getroffenen Auswahl von Beiträgen (‚Ausgabe‘) in festen Zeitintervallen publiziert werden, können Online-Beiträge prinzipiell zu jeder Tageszeit veröffentlicht werden – zumindest während der Arbeitszeiten von Redaktionen. Grundsätzlich sind Internet-Redaktionen viel freier, den Publikationstermin von Beiträgen einzeln zu bestimmen. Nicht selten werden die Web-Auftritte von Nachrichtenmedien mehrmals täglich aktualisiert.

Groths Überlegungen erweisen sich hier als erstaunlich aktuell. Denn mit der Feststellung, journalistische Inhalte würden zwar wiederkehrend bzw. fortlaufend veröffentlicht, dies habe aber nicht in exakt gleichen Zeitabständen zu erfolgen, hat er im Grunde die Publikationspraxis im gegenwärtigen Internetjournalismus antizipiert. Die von der Vertriebslogik der Presse noch vorgegebene Bindung an starre Publikationszeitpunkte ist hier einer zeitlich variablen Aktualisierung des Internetauftritts gewichen. Insgesamt entscheidend dürfte aber sein – und dies entspricht der Auffassung Groths von Periodizität –, dass über die Websites von Massenmedien regelmässig bzw. fortlaufend neue Inhalte veröffentlicht werden. Insofern stellt Periodizität die Kontinuität der Berichterstattung sicher. Weniger wichtig sind hingegen starre Zeitintervalle zwischen aufeinander folgenden Veröffentlichungen. Online-Medien haben demzufolge als periodisch zu gelten, wenn sie ihre Websites fortlaufend aktualisieren bzw. mit einer bestimmten Kontinuität neue Inhalte veröffentlichen. Messen lässt sich Periodizität dann daran, inwiefern Nachrichtenanbieter innerhalb bestimmter Perioden (z.B. Tage, Wochen) neue Beiträge veröffentlichen.

Die Bedeutung der Periodizität liegt Groth zufolge darin, „dass ohne sie die Idee der Zeitung, universell und aktuell zu sein, überhaupt nicht ausführbar wäre“ (Groth 1960: 119). Denn allein dank ihres wiederkehrenden Erscheinens vermag die ‚Zeitung‘ „ihres universellen Stoffes Herr zu werden, das ununterbrochen fortlaufende aktuelle Geschehen festzuhalten“ (ebd.). Die Regelmässigkeit von Veröffentlichungen ist mithin eine Voraussetzung deren Universalität und Aktualität, zwei weiteren Wesensmerkmalen der ‚Zeitung‘ (s. unten).36 Dass die Periodizität ferner einen wesentlichen Einfluss auf die Produktionsbedingungen im Journalismus ausübt, entgeht Groth nicht. Sie beherrsche „den ganzen Aufbau der Unternehmung und ihres Produktionsapparates“ (Groth 1960: 120), d.h. Aspekte wie den Zeitpunkt, die Intensität und Verteilung der Arbeitsleistungen oder die Zahl, Zusammensetzung und Inanspruchnahme von Maschinen (vgl. ebd.). Durch die Periodizität würden ferner die Aufmachung, der Stil, die Länge der Artikel sowie die Wahl des Stoffes bestimmt, werde sogar „die ganze Denk-, Betrachtungs-, Arbeits-, ja Lebensweise des Journalisten eigenartig geprägt“ (ebd.). Groth hat diese Einflüsse noch weitgehend ohne Wertung beschrieben, aber seine Wortwahl lässt dennoch auf das Problembewusstsein schliessen, dass sich permanenter Publikationsdruck negativ auf die Qualität journalistischer Inhalte auswirken kann. Im Online-Journalismus wird dies besonders als Herausforderung angesehen, da hier im Vergleich zum traditionellen Journalismus unter erhöhtem Zeitdruck gearbeitet wird (vgl. Neuberger/Quandt 2010: 64; Schmitz Weiss/Higgins Joyce 2009: 598).

2.2.2 Universalität

Als zweites Wesensmerkmal der ‚Zeitung‘ identifiziert Groth ihre Universalität (vgl. Groth 1960: 121). Im Gegensatz zur Periodizität handelt sich dabei nicht um ein formales Merkmal, sondern um eine inhaltliche Dimension. Universalität meint die inhaltliche Vielfalt des Stoffs, den die Berichterstattung abdeckt: „Mit ihrer Universalität umspannt die Zeitung alle ‚Gebiete‘ der Natur, Gesellschaft und Kultur“ (Groth 1960: 134). Was immer „die Aufmerksamkeit, das Interesse, die Teilnahme erregen […] kann, ist damit in den möglichen Inhalt der Zeitung einbezogen: politische und wirtschaftliche, künstlerische und wissenschaftliche, sittliche und religiöse, öffentliche und private, unterhaltende und belehrende, theoretische und praktische Gegenstände, die Schönheiten und die Schrecklichkeiten der Natur, was dem Körper und was dem Geist des Menschen dient, all das ist Zeitungsstoff“ (ebd.). Zu diesem Stoff gehören Groth zufolge „ausser den ‚Tatsachen‘ auch die Meinungen und Vorstellungen, Absichten und Zwecke, Ideen und Werte der ‚Anderen‘, der Individuen wie der Kollektiva“ (ebd.: 126). Mit anderen Worten unterscheidet Groth bei der inhaltlichen Vielfalt mehrere Aspekte – sie bezieht sich nicht bloss auf Themen oder Gegenstände, worüber breit berichtet werden soll, sondern ebenso auf die als Quellen oder Berichterstattungsobjekte einbezogenen Akteure, deren Meinungen, Wertvorstellungen und Absichten. Je mehr unterschiedliche Themen und Akteure einschliesslich ihrer Meinungen die ‚Zeitung‘ aufnimmt, desto universeller ist sie.

In enger Verbindung mit der Universalität steht die Frage nach Ausgewogenheit, d.h. dem ‚richtigen‘ Verhältnis hinsichtlich der Vielfalt von Zeitungsinhalten. Von der Notwendigkeit einer inhaltlich ausgewogenen Berichterstattung ist Groth zwar überzeugt: „Das ideale Verhältnis wäre das der quantitativen Gleichheit der ‚Gegen-Stände‘ und der dargebotenen Zeitungsgüter“ (Groth 1960: 135; Hervorh. i.O.). Skeptisch jedoch bezeichnet er gleichzeitig die Realisierung von Ausgewogenheit als „Ideal, an dem die Wirklichkeit […] sehr beträchtliche Abstriche macht“ (ebd.).37

Die Universalität bzw. Vielfalt hat ferner ihre Grenzen: „So gewaltige Massen Stoff die Zeitung aus allen Bereichen natürlichen und geistigen Seins und Werdens täglich mit sich führt, einiges ist ihr von vornherein durch ihre Natur verschlossen“ (Groth 1960: 138). Begrenzungen ergeben sich zum einen gegen ‚innen‘, zum anderen gegen ‚aussen‘. Die innere Grenze zieht Groth bei der Intimsphäre des Menschen, seinem Gefühls- und Innenleben: „Die Eigenwelt muss der Zeitung heilig sein; hier hat ihre Universalität eine grundsätzlich unübersteigbare Schranke“ (ebd.; Hervorh. i.O). Zur Eigenwelt gehöre „das innerste Erleben des Ich in Beziehung auf sich selbst“ (ebd.), gehörten die Sehnsüchte, Wünsche, Gedanken und Erzeugnisse der Phantasie (vgl. ebd.). Die äussere Grenze, so Groth weiter, werde demgegenüber durch das für den Menschen Indifferente markiert. Innerhalb dieser Grenzen liege alles, „was irgendwie in den Gesichtskreis der Leser, in ihren Lebensbereich fällt, sie angeht, berührt, Beziehungen zu ihnen hat […]. Was aber ausserhalb dieses Umkreises ist, was den Lesern ‚fernliegt‘, das kann auch nicht in die Universalität der Zeitung einbezogen werden“ (ebd.: 140). Mit dem ‚Fernliegenden‘ meint Groth also nicht eine physikalisch-räumliche Entfernung: „Eine Sonnen- oder Mondfinsternis, das Auftauchen eines Kometen sind [räumlich gesehen; Erg. S.B.] sehr ‚fernliegende‘ Ereignisse, aber beschäftigen viele, erregten in früher Zeit die Menschen ungeheuer“ (ebd.: 141). Insgesamt schränkt Groth die Universalität also entscheidend durch das Kriterium der Relevanz ein.38

Schliesslich reduziert Groth die Bedeutung der Universalität nicht nur auf die Informations- und Orientierungsfunktion der ‚Zeitung‘, sondern schreibt ihr eine sozialintegrative Kraft zu. Dank der Universalität vermöge die ‚Zeitung‘ „den Menschen in seine Gesamtheiten einzugliedern und in ihnen zu erhalten“ (Groth 1960: 168). Als „hervorragendes sozifizierendes Instrument“ sei sie „die nie ruhende Gegenspielerin sozialer Verbindung gegen die Abschliessung der einzelnen, gegen die Atomisierung unserer Gesellschaft“ (ebd., Hervorh. i.O.). Denn sie gebe uns „Kunde von den zahllosen Beziehungen, in denen wir bewusst oder unbewusst zu unseren Mitmenschen stehen, von den mancherlei Kreisen, denen ein jeder durch Geburt, Wahl oder Zwang angehört, von den sozialen Abhängigkeiten, denen wir mit und ohne unseren Willen unterworfen sind“ (ebd.). Gerade in ihrer Universalität liege mithin die „gemeinschaftsbildende Wirkung“ (ebd.) der ‚Zeitung‘ begründet. Dieser Befund entspricht offensichtlich der in der Literatur breit geteilten Auffassung, dass Massenmedien im Allgemeinen eine Integrationsfunktion besitzen, indem sie durch die Bereitstellung eines gemeinsamen Themenkanons und die Vermittlung von geteilten Normen und Werten den Zusammenhalt der Gesellschaft fördern (vgl. Vlasic 2004: 50ff. u. 79).39

In der neueren Fachliteratur ist statt von Universalität eher von Vielfalt die Rede, womit inhaltlich aber das Gleiche gemeint ist. Insbesondere in der Debatte um Programmqualität bzw. Qualität im Journalismus nimmt das Vielfaltsprinzip einen zentralen Stellenwert ein. Vielfalt gilt unbestrittenermassen als eines der wichtigsten Kriterien journalistischer Qualität.40 Begründet wird ihre eminente Bedeutung im Mediensystem meistens mit demokratietheoretischen Überlegungen. Gemäss den seit der Aufklärung und dem Kampf um die Menschenrechte zentralen Grundwerten von Freiheit und Gleichheit soll jedermann in einer auch komplex strukturierten Gesellschaft die Möglichkeit haben, sich umfassend zu informieren, um am sozialen, politischen und ökonomischen Leben teilzunehmen (vgl. McQuail 1992: 63ff. u. 144ff.; Hermes 2006: 41; Schatz/Schulz 1992: 691). Da sich in der demokratischen Gesellschaft heterogene, häufig gegensätzliche Meinungen und Interessen gegenüberstehen, die prinzipiell gleichberechtigt sind und zwischen denen ein Ausgleich geschaffen werden muss, sollen – vermittelt über die Massenmedien – prinzipiell alle Themen, Akteure und Meinungen Zugang zur Öffentlichkeit erhalten (vgl. Rager/Weber 1992: 357).41

Auch aus Sicht des einzelnen Staatsbürgers stellt ein vielfältiges Medienangebot eine der Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie dar, „da die freie politische Meinungsbildung des Einzelnen entscheidend davon geprägt wird, in welchem Masse er Zugang zu den vielfältigen Interessen und Meinungen im demokratischen Diskurs hat“ (Maurer 2005: 93).

Während das Vielfaltspostulat für Radio und Fernsehen und deren Internetangebote in der Rundfunkgesetzgebung verankert ist42, existieren für die privatwirtschaftlich organisierte und am marktwirtschaftlichen Wettbewerb orientierte Presse keine entsprechenden Rechtsnormen (vgl. Wyss 2002: 124). Es erstaunt daher nicht, dass es sich bei einem namhaften Teil der empirischen Studien, die sich in irgendeiner Weise mit Vielfalt beschäftigen, um Auftragsarbeiten zur Überprüfung der Qualität von Rundfunkangeboten handelt. Zahlreich sind etwa die durch die Einführung des dualen Rundfunks Mitte der 1980er Jahren in Deutschland ausgelösten Studien zum Vergleich der Programmqualität von privatem und öffentlich-rechtlichem Fernsehen (vgl. u.a. Bruns/Marcinkowski 1997; Brosius/Zubayr 1996; Krüger 1985; Pfetsch 1996; Weiss/Trebbe 1994). Auf die Ergebnisse dieser Studien soll hier nicht näher eingegangen werden. Festzuhalten ist allerdings, dass sich im fachwissenschaftlichen Qualitätsdiskurs hinsichtlich des Vielfaltskriteriums einige Aspekte wieder finden, die mit Groths Überlegungen zur Universalität erstaunlich eng übereinstimmen.

Einigkeit besteht in der Literatur etwa darüber, dass Vielfalt ein mehrdimensionales Qualitätskriterium mit verschiedenen Bezugsebenen ist. Allein schon auf der inhaltlichen Ebene von Medienangeboten lassen sich verschiedene Vielfaltsaspekte verorten. So unterscheiden etwa Schatz und Schulz (1992) in ihrem vielbeachteten Vorschlag zur Messung der Qualität von Fernsehprogrammen grundsätzlich zwischen Meinungs- und Informationsvielfalt, wobei sie letztere weiter in die Vielfalt der Lebensbereiche, der geografischen Räume, der kulturellen bzw. ethnischen Gruppen, der Akteure sowie der Themen unterteilen (vgl. Schatz/Schulz 1992: 69). Während bei Schatz und Schulz nicht ganz klar ist, ob sich diese Aspekte ausschliesslich auf die Objekte der Berichterstattung beziehen, führen andere Autoren auch explizit die Vielfalt der Quellen an, die direkt oder indirekt zitiert in der Berichterstattung zu Wort kommen (vgl. Hagen 1995b: 126; Schönhagen 1998: 272). Groths Verständnis von Universalität ist – wie weiter oben dargelegt worden ist – nicht minder umfassend.

In der neueren Literatur zur Qualität im Journalismus werden neben der inhaltlichen Ebene vor allem im Bezug auf TV- und Radioprogramme noch weitere Bezugsebenen der Vielfalt diskutiert. Die strukturelle Vielfalt bezieht sich etwa auf verschiedene Programmstrukturen bzw. -funktionen (z.B. Bildung, Information, Unterhaltung, Beratung), die im Falle von Radio und Fernsehen vom Gesetzgeber vorgeschrieben werden (vgl. Schatz/ Schulz 1992: 693; Stark 2008: 199 u. 201). Wie weiter oben zu sehen war, hat auch Groth bei der Universalität den „belehrenden“ genauso wie „unterhaltenden“ Stoff im Auge. Selbst die Ratgeberfunktion spricht er an, wenn er „praktische Gegenstände“ sowie alles, „was dem Körper und was dem Geist des Menschen dient“ (Groth 1960.: 134), als legitimen Inhalt der ‚Zeitung‘ versteht. Anders als in der neueren Qualitätsliteratur finden sich bei Groth indessen kaum Hinweise auf formale Vielfalt, womit ein möglichst breites Spektrum von Präsentationsformen bzw. journalistischen Darstellungsformen sowie Gestaltungs- und Stilmitteln gemeint ist (vgl. Fahr 2001: 16 u. 2006: 304). Da Groth bei der Bestimmung der Wesensmerkmale der ‚Zeitung‘ nicht das ganze Mediensystem im Blick hatte, schliesst sein Universalitätsbegriff auch nicht die Unterscheidung zwischen interner (Binnenpluralismus) und externer