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Ein mysteriöser Fund und ein Familiengeheimnis, aus längst vergangener Zeit … Marits Traum vom eigenen Café hat sich erfüllt. Das Glück scheint perfekt, bis Umbaupläne sie vor neue Herausforderungen stellen und Baggerarbeiten einen schrecklichen Fund zutage fördern. Bizarre Träume suchen Marit heim. Ausgerechnet jetzt ist ihr Freund Magnus in Schweden, wo er um das Leben seines Vaters bangt. Die Trennung stellt die Beziehung auf eine harte Probe und Magnus ahnt nicht, dass Marit ihm etwas verschweigt. Als sie beschließt Magnus einzuweihen, geschieht ein furchtbares Unglück … Ein spannender Liebesroman mit einem Hauch Mystik, vor der Kulisse des südlichen Elsass.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Café Créma Band 2 der Schleusenhaus-Reihe Marianne Carrera
Über die Autorin:
Marianne Carrera, Jahrgang 1967, stammt gebürtig aus Rheinland-Pfalz. Sie hat einen Abschluss als Wirtschaftsleiterin und medizinische Fachangestellte. Seit 1993 lebt sie mit ihrer Familie im Elsass, wo sie einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet und jahrelang Pferde und Ziegen hielt. Außerdem engagiert sie sich ehrenamtlich im Tierschutz. Café Créma ist der zweite Band der dreiteiligen Schleusenhausreihe.
Impressum:1. Auflage 2023 © Marianne Carrera - alle Rechte vorbehalten [email protected] www.mariannecarrera.com
Marianne Carrera c/o Autorenglück.de Franz-Mehring-Str.15 01237 Dresden Text: Marianne Carrera Lektorat: Ilka Sommer Korrektorat: Ilka Sommer Covergestaltung: Kristin Pang unter Verwendung von shutterstock.com eBook-Formatierung: Stefanie Scheurich unter Verwendung von shutterstock.com, freepik.com Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Marit stand zufrieden an der Terrassentür. Alle Tische in ihrem kleinen Café waren besetzt. Am Holzzaun, der das Gartencafé vom Fahrradweg am Kanal trennte, wiegte sich üppig Sonnenhut im lauen Wind und das ovale Schild schaukelte an seinen Ketten über dem Eingang. Café Créma. Stolz ließ Marit ihren Blick über den geschwungenen Schriftzug gleiten. Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass sich ihr sehnlichster Wunsch von einem eigenen Café erfüllt hatte. Vor einem Jahr hatte ihre beste Freundin Julia das Schleusenhaus im Elsass geerbt und es ihr großzügigerweise als Location für das Café zur Verfügung gestellt. Es war ein großer Schritt für Marit, die sichere Stelle in der Freiburger Großbäckerei zu kündigen, sich selbständig zu machen und mit Julia nach Frankreich auszuwandern.
Das ungeduldige Rufen einer Dame riss Marit aus ihren Erinnerungen. »Bedienung? Hallo! Denken Sie noch an meinen Cappuccino?«
Marit kniff die Augen zusammen und beobachtete Cindy kritisch, die sie erst kürzlich als Servicekraft eingestellt hatte. Cindy blickte genervt über die Schulter. Ohne zu antworten, stellte sie den Teller mit Kuchen an den Nachbartisch. Marit wollte gerade eingreifen, als eine Bewegung im hinteren Bereich der Tische ihre Aufmerksamkeit erregte. Dort fuchtelte eine Frau wild mit dem Arm. Ihr konzentrierter Blick folgte der Bedienung, um im richtigen Moment Kontakt aufnehmen zu können, was ihr aber nicht gelang. Cindy schenkte den Gästen keine Beachtung. Gerade hob die Frau erneut die Hand und reckte den Hals, als ein älterer Herr ein paar Tische weiter auf den scheinbaren Gruß reagierte und diesen freundlich erwiderte. Ein Kleinkind am Nachbartisch fühlte sich ebenso angesprochen, sprang auf und winkte fröhlich hüpfend zurück. Peinlich berührt ließ die Dame ihren Arm wieder sinken.
All das spielte sich in wenigen Augenblicken ab, reichte aber aus, um Marits Puls auf hundertachtzig zu treiben. Sie spürte die wachsende Ungeduld, die sich unter den Gästen ausbreitete. An Cindy schien das alles abzuprallen, oder bekam sie tatsächlich nichts davon mit? Die Szenen stoisch ignorierend, steuerte sie die Küche an.
Eine ältere Dame am vorderen Tisch ergriff die Gelegenheit beim Schopf und packte Cindys Arm, als sie an ihr vorbeikam. »Fräulein, kann ich bitte zahlen?«, zischelte sie, lächelte breit und schob mit der Zunge ihr Gebiss zurück an den Platz.
Sichtlich überrumpelt, stellte Cindy ihr Tablett am Tisch ab und zückte den Bestellblock. »Ein Stück Erdbeerkuchen mit Schlagsahne und ein Kännchen Kaffee, sechs Euro achtzig, bitte.«
Die Dame wedelte mit einem Zehneuroschein. »Machen Sie sieben.«
Cindy zupfte das Papiergeld aus den faltigen Fingern und legte das Wechselgeld auf den Tisch. Der grimmige Zug um die Lippen zeigte deutlich, was sie von zwanzig Cent Trinkgeld hielt. Sie schnappte sich das Tablett und rauschte ohne ein Dankeschön oder Auf Wiedersehen an Marit vorbei, die ihr wutschnaubend folgte.
»Sag mal, spinnst du? Siehst du nicht, dass die Leute wie Fluglotsen um dich herumfuchteln? Du schläfst beim Arbeiten fast ein! Reiß dich zusammen und leg einen Zahn zu! Das muss alles schneller gehen! Die Bestellungen warten hier schon eine halbe Ewigkeit auf dich. Ich war drauf und dran, die Kuchen selbst rauszutragen. Du brauchst dich nicht wundern, wenn du kein Trinkgeld bekommst.«
»Desolé. Aber ich habe auch nur zwei Hände.« Nonchalant hielt sie Selbige in die Höhe und drehte sie nach allen Seiten, bevor sie endlich ihr Tablett belud und unter der Last nach draußen schwankte.
Marit war kurz vorm Platzen. Das Café lief gut und war mit seinen acht Außentischen für eine versierte Servicekraft problemlos zu managen. Kundenzufriedenheit war das A und O. Nicht nur hinsichtlich der Produktqualität, sondern ebenso, was den Service anging. Genau hier lag das Problem. Von versiert konnte man bei Cindy beim besten Willen nicht sprechen.
Alexandre saß an einem der Tische im Schatten und streckte seine langen Beine darunter aus. Er hatte sich am Morgen in Strasbourg auf den Drahtesel geschwungen und war mit unbegrenztem Ziel dem nördlichen Abschnitt des Rhein-Rhone-Kanals gefolgt. Es war seine Art Stress abzubauen, der zum Ende des Studiums hin rapide zunahm. Als er die Hinweistafel auf das Café Créma entdeckte, lief ihm bei den Gedanken an Kaffee und Kuchen das Wasser im Mund zusammen. Spontan beschloss er, dort seine Tour zu beenden. Während er auf seine Bestellung wartete, vertrieb er sich die Zeit mit Zeichnen. Auf einem Block skizzierte er das ansprechende Ambiente des Cafés. Er zeichnete die Vierer- und Zweiertische aus dunklem Holz mit den gelben Sonnenschirmen und die Holzstühle, auf denen farblich passende Stuhlkissen lagen. Die kleinen Vasen mit Sonnenhut griffen das Gelb auf den Tischen nochmals auf, was er ganz entzückend fand. Schade, dass er seine Buntstifte nicht dabeihatte. Wenn nur endlich seine Bestellung käme! Die reinste Schlaftablette, dachte er und schüttelte über so wenig Enthusiasmus im Job den Kopf. Er selbst hatte zu Beginn seines Studiums gekellnert, und es juckte ihn geradezu in den Fingern, mit anzupacken. Er seufzte, als schließlich die Kellnerin auf ihn zukam.
»Wenn Sie sich auf die andere Seite setzen, sind Sie näher bei Ihren Füßen«, bemerkte sie mit einem Blick auf seine Nikes, die unter dem Tisch hervorragten.
Erschrocken zog Alexandre sein Fahrgestell ein, und sie stellte das Gedeck vor ihm ab. Das hat sie jetzt nicht wirklich zu mir gesagt! Grimmig zog er die Augenbrauen zusammen, kurz davor, eine Erwiderung von sich zu geben. Dann aber fiel sein Blick auf das bombastische Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Als er wieder aufblickte, war die Bedienung bereits weitergegangen. Alexandre seufzte. Genüsslich schob er sich eine Gabel voll in den Mund. Augenblicklich lösten sich alle Gedanken an die lange Wartezeit in Luft auf. Er gab sich restlos den Gaumenfreuden auf seinem Teller hin. Belustigt nahm er den gehaltvollen Kirschwasseranteil wahr und verstand, warum bei manchen Torten auf der Karte explizit auf eine mögliche alkoholfreie Variante hingewiesen wurde. Während er sich genießerisch einer dieser beschwipsten Kirschen widmete, die er im Mund hin und her rollte, malte er sich aus, mit dem Rad in eine Kontrolle zu geraten. Es war denkbar, seine Fahrerlaubnis zu verlieren, wenn man alkoholisiert auf dem Zweirad unterwegs war. So viel ist nun auch wieder nicht drin,beruhigte er sich und musste bei der weiteren Vorstellung dieser Szenerie grinsen. Haben Sie getrunken? – Aber nein, Herr Wachtmeister, ich war nur Kuchen essen. Kennen Sie das Café Créma? Die Bäckerin ist eine Künstlerin – nur der Service lässt zu wünschen übrig. Er grinste erneut. Zufrieden lehnte sich Alexandre zurück. Er nahm einen Schluck Kaffee, trennte ein Blatt Papier aus seinem Zeichenblock und machte sich einen Spaß daraus, die mürrische Bedienung mit ihrem verkniffenen Mund und den hängenden Augenlidern zu karikieren. Er merkte nicht, dass es um ihn herum immer finsterer wurde. Erst als der Wind auffrischte und an den Sonnenschirmen zerrte, blickte er erstaunt nach oben. Dunkle Wolken zogen vom Kaiserstuhl heran und verdeckten die Sonne, die bis vor wenigen Minuten heiß vom Himmel gebrannt hatte. Am Nachbartisch kippte eine Vase um und das Wasser ergoss sich auf das weiße Tischtuch. Der erste Blitz zuckte am Firmament, gefolgt von einem gewaltigen Donnerschlag, welcher der gemütlichen Atmosphäre augenblicklich ein Ende setzte.
Unter den Gästen brach Tumult aus. Hastig packten alle ihre Sachen zusammen, unschlüssig, ob sie den Kuchen, auf den sie so lange gewartet hatten, den Naturgewalten überlassen sollten. Viele erkannten erst jetzt, dass es sich um ein reines Gartencafé handelte. Diejenigen, die ihre Bestellung gar nicht erhalten hatten oder noch beim Essen waren, machten ihrem Unmut lauthals Luft. Hastig verschwanden letzte Bissen im Mund oder ganze Stücke zwischen Servietten, während die Servicekraft endlich aus ihrer Lethargie erwachte und eilig versuchte abzukassieren. Einzig der ältere Herr hatte die Ruhe weg. Unter seinem aufgespannten Regenschirm aß er ohne Hast seinen Kuchen zu Ende.
Alexandre stopfte seinen Block in den Rucksack, half, die Schirme zu schließen und mit Klettband zusammenzubinden. Eine junge Frau in Bäckerkluft kam aus dem Haus und eilte der Bedienung zu Hilfe. Die Gäste flüchteten Schutz suchend zu ihren Autos oder der kleinen Unterführung unterhalb der Straße. Alexandre schnappte sich ein Servierbrett, sammelte das Geschirr ein und trug es in die Küche. Die Konditorin nahm ihm das Tablett, auf das er zuletzt die Vasen gepackt hatte, mit einem Lächeln ab. Alexandre zog die tropfenden Tischdecken, die über seinem Arm hingen, herunter und legte sie auf die Spüle.
»Vielen herzlichen Dank für Ihre Hilfe«, keuchte die Frau ganz außer Atem. »Was für ein Wolkenbruch!« Entsetzt riss sie die Augen auf. »Oh mein Gott! Sie sind ja total durchnässt, Herr …«
»Klein. Alexandre Klein. Aber Alexandre reicht vollkommen aus.« Er streckte ihr die Hand hin.
»Marit Schuller. Aber Marit reicht.« Sie schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln. »Mir gehört das Café.«
»Trifft sich gut. Ich muss noch zahlen.« Alexandre angelte nach seinem Rucksack.
»Kommt überhaupt nicht infrage!«, wehrte Marit ab.
»Doch, doch. Ihr Kuchen ist jeden Cent wert.«
»Nein, um Gottes willen, lassen Sie stecken, Alexandre! Sie haben mir wirklich sehr geholfen. Meine Servicekraft war völlig überfordert. Nehmen Sie es als kleines Dankeschön an.«
Wie aufs Stichwort betrat Cindy die Küche, der das Wasser aus den Haaren tropfte, in der Hand eine durchnässte Bleistiftzeichnung. »Jetzt schau sich das einer an!«, rief sie und klatschte das Papier auf die Theke. »So eine Frechheit!« Wie zur Betonung ihrer Entrüstung erhellte ein Blitz die Küche und ein Donnerschlag ließ die Gläser in der Vitrine erzittern. Das Gewitter war jetzt direkt über ihnen und der Regen prasselte wie Gewehrkugeln gegen die Fenster.
Alexandre erkannte sein Werk sofort und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Gut getroffen«, sagte Marit, die überhaupt nicht grinste und deren Augen Funken sprühten. »Genau so kommst du bei den Gästen an. Ich hätte es mit Worten nicht besser ausdrücken können.« Cindy stand mit geöffnetem Mund vor ihrer Chefin und Alexandre genoss den Augenblick. Er hatte nichts gegen einen Disput, wenn er nicht gerade im Mittelpunkt stand. »Du bist langsam, unaufmerksam und unfreundlich«, setzte Marit nach. »Ich habe dich beobachtet. Die Probezeit ist hiermit beendet. Du brauchst morgen nicht wiederzukommen.«
Cindy presste die Lippen aufeinander. Ihre Augen glichen Schlitzen. Empört riss sie sich die Schürze herunter und knallte die Geldbörse auf den Tresen. Ohne ein weiteres Wort machte sie auf dem Absatz kehrt und verließ die Küche.
Alexandre konnte Marits Reaktion nachvollziehen, aber ihr schien erst jetzt klar zu werden, was das für sie bedeutete. Resigniert atmete sie aus. »Oje. Nun stehe ich ohne Servicekraft da.«
»Das war nicht meine Absicht«, sagte Alexandre nun doch zerknirscht und nahm vorsichtig die Zeichnung vom Tisch.
»Die ist von Ihnen?« Marits Lippen umspielte ein Lächeln. »Wirklich fabelhaft getroffen.« Sie nickte ihm anerkennend zu, was ihn freute. »Machen Sie sich keine Gedanken«, fuhr sie fort. »Es ist die richtige Entscheidung. Sie haben ja sicher selbst gesehen, wie ungeeignet sie ist. Unzufriedene Kunden sind das Ende eines jeden Unternehmens. Und davon gab es heute leider jede Menge.« Marit seufzte.
»Und dann noch die plötzliche Gewitterzelle.« Alexandre schüttelte missbilligend den Kopf. »Da müssen Sie sich bald etwas einfallen lassen.«
»Sie haben vollkommen recht«, stimmte Marit zu. »Es war vermessen, sich auf das beständig trockene Wetter zu verlassen.«
Die plötzliche Stille fiel sofort auf. Der Regen hatte aufgehört und die Sonne kam bereits wieder zum Vorschein. Alexandre trat mit Marit an die Terrassentür und atmete tief ein. Er liebte den typisch süßlichen Geruch, den die Pflanzen nach einem Sommerregen verströmten. Der Garten dampfte. Es erinnerte ihn an seine Kindheit, als er barfuß durch die warmen Pfützen gelaufen war. Heute würde er mit dem Rad die Wasserlachen durchfurchen. »Ich mach mich dann auf den Weg. Kommen Sie jetzt alleine zurecht?«
»Auf jeden Fall. Ich denke nicht, dass heute erneut mit einem größeren Ansturm an Gästen zu rechnen ist.«
»Vielen Dank für die Einladung. Ihr Kuchen ist großartig. Gerne komme ich wieder, um die anderen Sorten zu probieren.«
»Ich habe zu danken, dass Sie uns so selbstlos unter die Arme gegriffen haben. Das findet man heutzutage selten.«
Alexandre schulterte seinen Rucksack, drehte sich in der Tür noch einmal um und winkte der kleinen Konditorin ein letztes Mal freundlich zu.
Magnus freute sich wie jeden Abend, wenn er von der Arbeit in der Schreinerei ins Schleusenhaus zurückkehrte. »Du siehst fertig aus, chérie! War viel los heute?« Er nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Dann zog er Marit in den Arm und küsste sie leidenschaftlich.
Marit registrierte amüsiert die Reihenfolge seiner Vorgehensweise und gab sich seinen Zuwendungen hin. »Das kannst du laut sagen, aber ich will nicht klagen. Im Gegenteil, ich bin heilfroh, dass das Café so gut läuft.« Sie nahm ihm die Flasche aus der Hand und trank selbst einen großen Schluck. »Wer schneller hätte laufen können, ist Cindy, diese Transuse. Ich habe sie entlassen.« Marit gab ihm das Bier zurück, schritt ins Wohnzimmer und ließ sich aufs Sofa fallen. Der Fernsehapparat ging an und das Kinderlied eines Fruchtgummi-Spots plärrte durchs Zimmer. Mit einem strengen Blick auf ihren Freund zog sie die Fernbedienung, unter sich hervor und schaltete das Gerät wieder ab. »Auf Gummibärchen hätte ich jetzt auch Appetit. Die haben so was Tröstliches.«
»Okay. Damit kann ich leider nicht dienen, aber trösten kann ich auch.« Er setzte sich neben sie und zog ihren Kopf an seine Schulter. »War die Entlassung nicht ein wenig voreilig? Ich meine, ist eine langsame Bedienung nicht besser als gar keine? Oder hast du schon Ersatz?« Magnus warf ihr einen fragenden Blick zu.
»Ersatz für was?« Marit hörte die Stimme ihrer besten Freundin Julia, die jetzt gefolgt von Romulus eintrat. Die beiden hatten im Herbst letzten Jahres geheiratet. Er balancierte einen Stapel Pizzakartons auf dem Arm. Mit dem Ellenbogen schob er auf dem Couchtisch das Durcheinander an Zeitschriften beiseite, um sie abstellen zu können.
»Sie hat ihre Servicekraft gefeuert«, setzte Magnus die Ankömmlinge in Kenntnis und erhob sich, um seinen Kumpel gebührend zu begrüßen.
»Julia, sie war untragbar«, verteidigte sich Marit, sprang auf und stöhnte in Erinnerung an den Nachmittag. Sie umarmte ihre Freundin herzlich. »Die Leute mussten eine Ewigkeit auf ihre Bestellungen warten und dann war sie auch noch pampig zu den Gästen. Jemand hat sie gezeichnet. Moment.« Sie zog aus der Gesäßtasche ihrer Jeans ein zerknautschtes Stück Papier hervor, das die typische pappmascheeartige Konsistenz hatte, die ein durchnässtes und wieder getrocknetes Zeichenpapier mit sich brachte. Mit beiden Händen strich sie es notdürftig glatt. Die Zeichnung war etwas verblast, aber immer noch zu erkennen. »Sie hat es draußen auf einem der Tische gefunden und sich darüber aufgeregt.«
»Eindeutig Cindy, wie sie leibt und lebt«, sagte Romulus und reichte die Skizze an Julia weiter.
Diese pfiff durch die Zähne. »Da ist aber jemand begabt.«
»Und hilfsbereit dazu!«, ergänzte Marit. »Als uns das Unwetter überraschte, ist er ohne Zögern eingesprungen, hat die Schirme gesichert und beim Abräumen geholfen. Er war meine Rettung, ehrlich.«
»Unwetter?«, fragte Julia.
»Ja, gruselig. Die Gewitterzelle hatte sich direkt über uns aufgebaut und dann aus heiterem Himmel entladen. Kurz, aber heftig genug, um alle Gäste in die Flucht zu schlagen. Wir haben ja bereits bei Eröffnung im Frühjahr darüber gesprochen, dass es keine Möglichkeit gibt, im Trockenen zu sitzen. Und genau das Thema ist jetzt wieder aktuell! Ich brauche eine Lösung für solche Fälle wie heute.« Sie angelte nach einem Pizzakarton. »Aber lasst uns erst essen, bevor die hier kalt werden.«
Ein ungeduldiges Bellen erklang von draußen und kündigte Julias Schwester Bobby an. Kaum fiel die Haustür ins Schloss, stürmte die Australian-Shepherd-Hündin in das Wohnzimmer, um die illustre Runde zu begrüßen. Romulus riss seinen Karton hoch, bevor Lassie sich bedienen konnte.
»Hallo, zusammen! Gibt’s was zu besprechen? Sieht mir ganz nach einem Meeting aus.«
»Lass das, du gieriger Hund!«, schimpfte Marit und wandte sich seitlich ab, um ihr Stück Pizza vor Lassies schnüffelnder Schnauze zu schützen.
»Aus!« Bobby sprach ein Machtwort und Lassie warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf die Thunfischpizza, bevor sie sich grummelnd neben Bobby einrollte. Mindestens so sehnsüchtig wie ihre Hündin ließ Bobby nun die Augen über den Tisch schweifen.
»Oh, tut mir leid, Bobby. Wenn ich gewusst hätte, dass du früher kommst, hätten wir dir eine Pizza mitbestellt.«
»Nein, alles gut.« Bobby schluckte. »Ich bin auch gleich wieder weg. Meine aufmerksame Arbeitskollegin hat in der heutigen Zeitung die Anzeige einer WG entdeckt, die zwei neue Mitbewohner suchen. Ihre Wohnung wird ihr zu teuer und wir haben beschlossen, die Bude mal anzusehen. Ist ja kein Dauerzustand, dass ich hier bei euch Turteltäubchen hause.« Sie warf Marit einen bedauernden Blick zu. »Wenn sie was taugt, seid ihr mich und Lassie bald los.« Anzüglich zwinkerte sie in Richtung Magnus.
»Bobby, ich weiß, dass morgen dein freier Tag in der Tierarztpraxis ist, aber könntest du vielleicht trotzdem am Nachmittag bei mir im Café einspringen?«
»Sie hat Cindy gefeuert«, nuschelte Magnus mit vollem Mund.
Bobby grinste. »Oh – ja dann! Klar helfe ich dir aus. Aber jetzt muss ich mich umziehen. Drückt mir die Daumen, dass die WG-Typen Hundefreunde sind. Denn das ist Bedingung!« Lassie ließ ein leises Wuff verlauten und trottete Bobby schwanzwedelnd hinterher.
»Zurück zum Wetterproblem«, erinnerte Marit die anderen. »Was haltet ihr davon, die Terrasse zum Garten hin, zu erweitern und dort einen überdachten Bereich einzurichten? Natürlich nur, wenn du einverstanden bist, Julia. Es ist immer noch dein Haus.«
Romulus rieb sich nachdenklich mit zwei Fingern über die Stirn. »Du musst bei den Umbauarbeiten so planen, dass alles rückbaubar ist. Dann brauchst du keine langwierigen Genehmigungen zu beantragen. Also am besten mit Holz arbeiten und da kenne ich eine gute Schreinerei.«
»Spricht der Holzwurm«, neckte Julia.
»Hast du schon mal daran gedacht, Küche und Wohnzimmer zu tauschen?«, fragte Romulus.
»Oder besser die Küche als Backstube zu belassen und in der Wohnstube die Kuchentheke samt Kaffeemaschine aufzustellen«, regte Magnus an.
»Und einen Innenraum zu gestalten!«, griff Romulus die Idee auf.
»Dann hättest du sogar Platz für ein paar Tische und könntest auch im Winter Gäste bewirten«, fügte Julia begeistert hinzu.
Marit strahlte. »Das ist eine super Idee!« Sie konnte sich das richtig gut vorstellen. In Gedanken schlenderte sie durch das Schleusenhaus, das im Erdgeschoss über Küche, Wohnzimmer und Bad verfügte, während sich oben zwei Schlafzimmer und eine ehemalige Rumpelkammer befanden, die sie als Büro nutzte. »Vor allem blieben die Kosten überschaubar, da die Anschlüsse in der Küche nicht verlegt werden müssen. Ihr seid klasse! Ich wusste, dass mich der Austausch mit euch weiterbringt.« Dankbar schaute sie in die Runde.
»Ich stimme dir in allem zu, aber unterschätze die Umbauarbeiten trotzdem nicht«, gab Magnus zu bedenken. »Mit einer Großbaustelle im Außenbereich und der Umgestaltung hier im Haus, wirst du das Café mindestens zweieinhalb Monate zumachen müssen.«
»Das heißt, ich habe erneut Kosten und bis auf die Außerhaus-Lieferungen einen enormen Verdienstausfall.« Marit ließ den Kopf hängen. »Und nach so kurzer Zeit wieder zu schließen, ist keine gute Werbung. Typisch ich«, jammerte sie, »aber dieser heiße und trockene Sommer hat mich vergessen lassen, dass es auch wieder anders werden könnte. Und eine Lösung muss unbedingt her!«
»Immerhin weißt du jetzt, dass deine Idee vom Café funktioniert und von den Leuten hier angenommen wird«, tröstete Julia und legte einen Arm um ihre Freundin. »Es macht doch mehr Sinn zu expandieren, wenn man Erfolg hat, als im Vorhinein alles auf eine Karte zu setzen.«
»Natürlich kommt der Umbau erst im Herbst infrage, damit dir die restliche Sommersaison nicht verloren geht«, warf Romulus ein. »Musst halt darauf hoffen, dass dir Petrus ab jetzt wieder hold bleibt. Ohne Umbau müsstest du im Oktober sowieso schließen. Warum also nicht den Umbau auf die Herbst-, Winterzeit legen?«
»Falls du das umsetzen willst, würde ich auch eine Anzeige schalten, aus welcher die Neuerungen ersichtlich werden. So können sich die Leute ein Bild von den Vorteilen des Umbaus machen und erfahren, dass es zukünftig auch bei schlechtem Wetter möglich ist, dein Café zu besuchen«, schlug Julia vor. »Ich denke da an kleine Broschüren, auf denen das Endergebnis zu sehen ist.«
»Das sind zusätzliche Kosten«, gab Magnus zu bedenken.
»Eine Skizzenzeichnung in Schwarz-Weiß würde reichen. Und ich habe schon eine Idee, wen wir da fragen könnten.« Marit hielt die Zeichnung hoch, die auf dem Tisch lag. »Alexandre Klein. Er müsste doch auf Social Media zu finden sein?« Sie zog ihr Handy aus der Tasche und gab den Namen in die Suchleiste. »Oje. Jede Menge Alexandre, aber kein Bild, das auf unseren zutrifft. Wie schade!«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nicht auf Social Media ist, aber vielleicht nicht unter seinem richtigen Namen. – Eine Vorankündigung macht aber auf alle Fälle Sinn«, gab Romulus zu.
»Ist dir klar, dass wir dann kein Wohnzimmer mehr haben?«, fragte jetzt Magnus. »Also, mir geht das alles zu schnell.«
Marit strich Magnus über seine Igelfrisur. »Wenn wir schon umbauen, sollten wir uns das Obergeschoss genauer ansehen. Vielleicht kann man dort bei geschickter Planung was deichseln. Unten das Geschäft und darüber die Wohnräume.« Marit zeichnete mit verträumtem Blick die beiden Etagen übereinander in die Luft.
»Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass deine Idee bereits beschlossene Sache ist?« Magnus schaute seine Lebensgefährtin mit gerunzelter Stirn an. »Ich bin skeptisch, aber will dir nicht im Weg stehen. Wenn du magst, können wir das Wohnzimmer probeweise nach oben verlegen. Sollte Bobby ausziehen, ist das gut umzusetzen. Dann siehst du gleich, ob es eine Option ist oder nicht.«
Julia angelte sich das letzte Stück Pizza aus Romulus’ Karton, während dieser sich und seinem Kumpel ein frisches Bier aus dem Kühlschrank besorgte. »Wenn die Gäste sehen, dass du das Problem erkannt hast und so schnell wie möglich etwas ändern möchtest, werden sie dir das Fiasko heute nachsehen.«
Romulus reichte das Bier an Magnus und ließ sich wieder neben Julia aufs Sofa fallen. Enttäuscht blickte er auf den leeren Karton. »Du bist aber nicht schwanger, oder?«, neckte er seine Frau, die ihrem Mann einen Puffer in die Seite gab.
»Wenn du Schwangerschaft und gerne essen in Zusammenhang stellst, bin ich sozusagen dauerschwanger«, sagte Marit und lachte. »Meine Bekannte ist in anderen Umständen und leidet eher unter Übelkeit. Und wenn ich an die anfallenden Kosten denke, wird mir auch schlecht. Mein Polster an Rücklagen ist nämlich so gut wie aufgebraucht.«
Bobby verbrachte die Nacht bei ihrer Arbeitskollegin Jenny, mit der sie auf ihren Erfolg anstieß. Die Vorstellung in der WG war nach Plan gelaufen und die Parteien hatten sich auf Anhieb gut verstanden. Als Bobby gegen Mittag ins Café kam, fand sie das Haus verlassen vor. Sie vermutete, dass Marit die bestellten Kuchen auslieferte.
Bobby war frisch geduscht und für den Service zurechtgemacht, als Marit eintrudelte. Das Wetter machte dem Jahrhundertsommer wieder alle Ehre und der Radweg, der am Kanal und dem Schleusenhaus entlangführte, war regelrecht bevölkert. Das Café füllte sich schnell und es blieb nicht viel Zeit zum Plaudern. Dieser Nachmittag verlief ohne Zwischenfälle und die Besucher genossen die Torten wie auch den Sonnenschein.
»Ich danke dir, Bobby«, sagte Marit aus tiefstem Herzen, als die letzten Gäste abkassiert waren und sich das Café leerte.
»Keine Ursache, hat Spaß gemacht.«
»Jemanden wie dich zu finden, wäre meine Rettung. Aber erzähl, wie ist es denn gestern gelaufen?«
Bobby fasste den gestrigen Abend in wenigen Worten zusammen. »Die zwei Jungs sind echt coole Typen und Lassie haben sie schon in ihr Herz geschlossen. Na ja, zumindest können sie mit Hunden umgehen«, ruderte Bobby zurück. »Natürlich hatten sie nicht mit einem Haustier gerechnet und müssen das noch mit der Hausverwaltung abklären. Wenn das klappt, bist du mich auf den nächsten Ersten los!«
»Nicht, dass ich das herbeisehnen würde«, versicherte Marit, »aber dein Auszug kommt genau zur richtigen Zeit. Ich habe letzte Nacht kein Auge zugemacht und beschlossen, den Umbau durchzuziehen. Es macht keinen Sinn, die Sache rauszuzögern. Ohne Überdachung hat das Café keine Zukunft und eine kurzzeitige Schließung ist das kleinere Übel. Es wäre klasse, wenn das mit der WG klappt! Sobald hier der Umbau beginnt, würde es ohnehin zu eng für uns drei werden.« Marit zwinkerte Bobby zu. »Dann drücke ich mal für alle Beteiligten die Daumen!«
»Wie lange wird die Schließung dauern?«, fragte Bobby und schaufelte sich das letzte Stück Orangentorte auf einen Teller.
»Magnus meint, mindestens zweieinhalb Monate, aber man weiß ja, wie das mit Baufirmen ist. Besser, man rechnet einen Puffer ein. Das reißt natürlich ein Mordsloch in die Kasse und dagegen stehen jede Menge Ausgaben, die auf mich zukommen.«
»Stimmt. Der Verdienstausfall ist scheiße.«
»Danke, für diese glasklare Zusammenfassung.«
»Immer gerne.« Bobby grinste. »Hast du schon gehört, dass die Bäckerei in Jebsheim zumacht?«
»Was? Nein! Der Laden von der alten Frau Sebert?« Marit schaute bestürzt. »Ist sie krank? Oder – oh Gott, hoffentlich nicht wegen mir?«
»Iwo«, beruhigte sie Bobby, »die alte Lady nimmt ihren wohlverdienten Ruhestand. So steht es jedenfalls auf dem Schild am Laden. Wusstest du, dass sie schon über siebzig ist?«
»Nein! Aber woher weißt du das alles, Bobby?«
»Sie war mit ihrem Wellensittich bei uns in der Praxis und da haben wir ein bisschen geplaudert. Scheinbar gibt es in der Familie keinen, den das Geschäft interessiert. Es ist immer traurig, wenn so ein Traditionsbetrieb schließt.«
»Gibt es keinen außerfamiliären Nachfolger?«, fragte Marit.
»Es ist ihr zu anstrengend, jemanden zu suchen, der ihren Anforderungen genügt und mit dem sie sich im Nachhinein rumschlagen muss, sagt sie und ich kann es verstehen.«
»Ja schon traurig. Immerhin haben viele Leute dort regelmäßig ihr Brot geholt.«
»Heute bist du echt schwer von Begriff! Mensch, Marit! Wäre das nicht deine Chance?«
»Was meinst du?«
»Na, die Möglichkeit, eine etablierte Filiale zu übernehmen! Seit ihr Mann nicht mehr lebt, wird das Brot angeliefert und deine Kuchen wären doch die ideale Ergänzung, meinst du nicht? Heißt, du könntest während des Umbaus hier im Schleusenhaus, dort direkt verkaufen und damit für deine Backkünste werben. Später stellst du eine Verkäuferin ein, die den Laden bedient. Die Bäckerei mit ihrem festen Kundenstamm besteht weiter und du hast einen zweiten Absatzmarkt im Ort«, führte Bobby aufgeregt aus.
»Du bist genial!« Dankbar fiel Marit ihr um den Hals und Tränen der Rührung standen in ihren Augen. Sie war sofort Feuer und Flamme. »Ich bin gespannt, was die anderen von der Idee halten. Ach was! Sie werden begeistert sein! Und dann müssen wir nur noch Frau Sebert überzeugen. Magnus kann ich es gleich heute Abend erzählen. Wir gehen nämlich essen.«
»Uhh! McDonald’s?« Bobby lachte.
»Nein. – Melichkann.«
»Ernsthaft? Magnus führt dich in die Melichkann aus? Mitten in der Woche?« Bobby pfiff den Hochzeitsmarsch an. »Hat das was zu bedeuten?«
»Keine Ahnung. Das kam ganz spontan. Er hat mich heute Vormittag angerufen. Ich hatte schon ähnliche Gedanken, aber vielleicht will er mir einfach nur eine Freude machen? Egal – und wer bin ich, dass ich eine Einladung zum Essen ausschlage, Mittwoch hin oder her. Jedenfalls kann ich es gar nicht erwarten, ihm von deiner Idee zu berichten.«
Im Flur waren Schritte zu hören und das bekannte Klirren, wenn der Autoschlüssel in der Keramikschale landete. Magnus betrat die Küche. »Was möchtest du mir erzählen, chérie?« Er küsste Marit zur Begrüßung auf den Mund. »Salut, Bobby!«
Bobby nickte zum Gruß. »Ich bin dann mal weg. Komm Lassie, wir gehen laufen.«
Marit wartete, bis die vor Begeisterung laut bellende Hündin samt Frauchen durch die Haustüre verschwunden war. »Bobby ist vorhin mit tollen Neuigkeiten aufgeschlagen«, erklärte Marit. »Ich wollte es dir erst heute Abend erzählen, aber ich platze bis dorthin.«
»Okay. Was habt ihr denn jetzt wieder ausgeheckt?« Magnus ging ins Wohnzimmer und Marit folgte.
»Wusstest du, dass die alte Frau Sebert ihre Bäckerei aufgeben will? Sie geht in Rente und möchte sich nicht nach einem Nachfolger umschauen.«
»Jetzt sag bloß nicht, dass du dich für den Laden interessierst? Hast du im Lotto gewonnen? Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie verkaufen will.«
»Doch nicht kaufen!« Entrüstet schaute Marit in Magnus’ kritisches Gesicht. »Nur mieten! Solange wir hier umbauen, kann ich dort weiterhin meine Kuchen anbieten«, wiederholte sie Bobbys Worte. »Wäre das nicht fantastisch? Und nebenbei das bisschen Brot verkaufen, das schaffe ich mit links. Schließlich habe ich in einer Bäckerei gelernt.« Erwartungsvoll schaute Marit Magnus an, der gar keine Begeisterung zeigen wollte. »Was ist los? Überschlag dich nur nicht vor Enthusiasmus!«
»Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Du hast mit dem Café und dem Bestellservice so viel an der Backe. Jetzt kommt der Umbau dazu, der ist besonders in finanzieller Hinsicht eine weitere Belastung.«
»Aber gerade deshalb wäre es doch schön, eine feste Einnahmequelle zu haben!« Marit spürte, wie sich Enttäuschung breitmachte und die anfängliche Freude dämpfte.
»Ich habe Angst, dass du dich übernimmst. Du bist ja nicht nur die Verkäuferin, sondern auch die Konditorin. – Ich weiß nicht. Schlaf noch mal drüber und entscheide nicht überstürzt. Außerdem muss Frau Sebert der ganzen Sache erst noch zustimmen. Und wie du sagst: Sie sucht keine Nachfolgerin.«
Stöhnend ließ sich Marit in den Schaukelstuhl fallen und wippte ein paar Mal hin und her, bevor sie sich genervt wieder hochstemmte. »Mann, Magnus! Warum denkst du immer so negativ? Bobbys Idee ist einfach genial. Sie birgt so viele Vorteile. Ein bisschen mehr Zuspruch wäre schöner, als alles gleich als gescheitert abzutun. Einen Versuch ist es doch wert, nein?«
»Marit – du weißt, dass ich dich unterstütze. Ich werfe nur einen Blick hinter deine Traumkulisse, wäge ab und betrachte das Ganze etwas sachlicher.«
»Typisch Mann eben.« Marit zog eine Schnute.
»Komm her! Ich meine es doch nur gut und will nicht, dass du dich übernimmst.«
»Ich weiß, aber ich bin ja nicht allein! Du bist ja auch noch da.« Marit seufzte und küsste Magnus versöhnlich, der sie voll Sorge anschaute. »Und du hast ja recht. Ich sollte die erste Welle der Begeisterung ein bisschen abebben lassen, aber was anderes – Bobby zieht tatsächlich in diese WG, heißt: Wir können mit dem Wohnzimmer nach oben umziehen.«
Magnus lächelte sie kurz an, bevor er sie erneut küsste. »Du bist unverbesserlich«, nuschelte er an ihren Lippen.
Am Nachmittag informierte Marit Julia über ihre Pläne mit der Bäckerei. Auch sie stärkte ihr den Rücken. Alle, außer Magnus, waren von der Idee mit der Filiale begeistert. Es wäre die perfekte Lösung, um während der Umbauarbeiten finanziell keinen Totalausfall zu erleiden. Marits Kuchen und Torten blieben für die Kunden verfügbar und damit im Gedächtnis. Die teure Kaffeemaschine konnte sie auch in der Bäckerei aufstellen und vielleicht sogar ein, zwei Stehtische platzieren. Wenn die Arbeiten im Café Créma abgeschlossen waren, würde der Laden laufen und sie könnte sich anschließend ganz ihrer Haupttätigkeit, als Konditorin im Café, widmen. Es war an der Zeit, den nächsten Schritt zu tun.
Mit einem Kribbeln im Magen griff sie zum Telefon, um Frau Sebert anzurufen. Während sie dem Tuten lauschte, trommelte sie mit den Fingerkuppen auf dem Notizblock, der auf dem Tischchen im Flur lag.
»Oui, Sebert.«
Marit holte tief Luft. »Schuller.« Sie fasste ihr Anliegen kurz zusammen und Frau Sebert blockte augenblicklich ab, als sie hörte, dass es um die geplante Aufgabe der Bäckerei ging.
»Nein, ich bin nicht an einer Weiterführung interessiert. Ich habe mir bewusst nicht die Mühe gemacht, einen Nachfolger zu suchen. Der Schritt, den Laden zu schließen, ist wohlüberlegt und ich bin auf eine Weitervermietung nicht angewiesen.«
Marit fürchtete schon, dass das Gespräch damit beendet wäre. »Einen Moment noch, Frau Sebert. Ich führe doch das Café Créma im Schleusenhaus und ...«
»Ach, Sie sind das?«
Hörte sie Neugier in der Stimme?Dann war das vielleicht die letzte Chance auf den Zug aufzuspringen. »Genau, das bin ich. Und darum geht es. Wie es aussieht, werde ich für einen Umbau kurzfristig schließen müssen. Ich suche dringend einen Laden, in dem ich mein Geschäft mit den Torten aufrechterhalten kann.« Marit schluckte, das war anfangs nicht der Plan gewesen, aber jetzt ließ sie der Gedanke nicht mehr los. »Gerne würde ich mich mit Ihnen bei einer Tasse Kaffee darüber unterhalten. Darf ich Sie dazu in mein Café einladen?«
»Ich gehe nicht mehr oft auf Besuchstour. Es ist mir angenehmer, wenn die Leute zu mir kommen, aber wie bereits gesagt …«
»Vielen Dank! Wie nett. Ich kenne ja noch nicht so viele Leute im Ort und es würde mich sehr freuen. Wann wäre es Ihnen denn recht?« Marit erkannte an der Pause, die jetzt entstand und in der ihr Herz hämmerte, dass sie ihre Gesprächspartnerin überrumpelt hatte.
»Freitag – dreizehn Uhr, vielleicht?«, klang es zögerlich an Marits Ohr.
»Gerne! Ich freue mich. Nochmals vielen Dank.« Puh – Marit war über die Wende am Ende des Telefonats erleichtert. Sie wusste um den Vorteil eines persönlichen Gesprächs und wollte diese Chance nutzen. Jetzt galt es, die Dame mit allen Mitteln zu überzeugen, dass es die richtige Entscheidung wäre, genau ihr den Laden zu vermieten.
Marit entschloss sich, bei einem kleinen Spaziergang darüber nachzudenken. Am Kanal herrschte reger Radler-Betrieb, deshalb überquerte sie die Straße und schlug den Wirtschaftsweg Richtung Marckolsheim ein. Auf den Feldern stand der Mais hoch und ragte Marit, die nur einen Meter sechzig maß, ein gutes Stück über den Kopf. Dazwischen gab es Flächen, auf denen zum Trocknen der letzte Schnitt Heu lag und in der Herbstsonne einen würzigen Duft verströmte. Marit hörte den spitzen Schrei eines Raubvogels und blickte an den stahlblauen Himmel. Ein Rotmilanpärchen zog elegant seine Schwünge und schraubte sich dabei immer höher. Die rostbraunen Greifvögel, die gut an den markant gegabelten Schwanzfedern zu erkennen waren, nutzten die oberen Luftschichten geschickt. Eben noch fast greifbar, zogen sie bereits wenige Sekunden später ihre Kreise in luftigen Sphären und waren nurmehr als kleine Punkte schwer auszumachen. Marits Gedanken schweiften mit den Vögeln ab. Sie war müde. Hatte Magnus recht? Mutete sie sich mit all den neuen Ideen zu viel zu? Auf dem angrenzenden Feld lagen bereits ein paar gepresste Heurollen. Marit steuerte einen an und setzte sich mit dem Rücken auf die schattige Seite. Sie zupfte einen Halm ab und kaute nachdenklich darauf herum. Wenn, wenn, wenn! Nein, sie wusste genau, was sie wollte, und sie würde es schaffen! Frau Sebert lag viel am wohlverdienten Ruhestand und den sollte sie auch bekommen. Marit war sich aber sicher, dass ihr genauso viel an der selbst gegründeten Bäckerei lag. Es musste doch möglich sein, der alten Dame die Sache schmackhaft zu machen.
»Kannst du mir bitte mit dem Reißverschluss helfen?« Marit verrenkte sich im Schlafzimmer vor dem Standspiegel vergeblich den linken Arm auf dem Rücken.
»Aber gerne, ma chérie.« Magnus trat hinter sie und hauchte auf den winzigen Leberfleck im Nacken einen Kuss, der Marit wohlig erschauern ließ. Statt das kleine Schwarze zu schließen, das ihre Rundungen optimal in Szene setzte, schob er seine kühle Hand von hinten in das Kleid. Sie schmiegte sich perfekt um die linke Brust, unter der ein rhythmischer Herzschlag zu tasten war, der jetzt einen Zahn zulegte. Mit dem anderen Arm zog er sie zu sich herum. Streichelnd glitten seine Lippen über ihre, bevor er an der Unterlippe zu knabbern begann und sich der Mund leicht öffnete. Ihre Zungen tanzten leidenschaftlich umeinander und Marit spürte, wie die Knie weich und das Höschen feucht wurden. Wollten sie nicht essen gehen?Zu spät! Die erste Welle der Lust überrollte sie bereits. Bevor sie sich gar nicht mehr auf den Beinen halten konnte, schob Magnus sie aufs Bett, wo er sich um besagtes Höschen kümmerte und sie dann jegliche Gedanken an Kleider oder Restaurantbesuche vergessen ließ.
»Wir sollten uns jetzt richten.« Magnus grinste Marit belustigt an, die erschöpft in seinen Armen lag.
»Ach, nein? Tatsächlich? Ich meine, dich vor geraumer Zeit gebeten zu haben, das Kleid zu schließen.«
»Ach, du warst das? Gut, dann werde ich dieser Aufforderung schleunigst nachkommen.« Er half ihr hoch, packte sie unter den Kniekehlen und stellte sie vor dem Bett auf die Füße. Marits Knie fühlten sich immer noch wie Pudding an. Mit einem Ratsch zog er das hochgerutschte Kleid über den Po herunter und den Reißverschluss nach oben. »Erledigt. Ich habe einen Bärenhunger.«
»Dann sollten wir vielleicht lieber Burger essen gehen und kein feines Restaurant besuchen? Hört sich für mich eher nach dem Wunsch auf ein deftiges Männeressen an.«
»Mag sein, aber egal: Heute muss es die Melichkann sein.«
Marit hatte keine Ahnung, welcher Anlass dieses gehobene Restaurant rechtfertigte, es sei denn, er wollte ihr einen Antrag machen, was sie aufgrund ihres kurzen Zusammenseins fast für ein wenig verfrüht hielt. Dennoch löste der Gedanke ein Kribbeln in der Magengegend aus. Romulus hatte Julia in der Melichkann gefragt, ob sie seine Frau werden will. Und viel Zeit hatten sich die beiden auch nicht seit dem ersten Kennenlernen gelassen. Es könnte also durchaus sein ...
Magnus parkte am Place St. Martin direkt vor dem Rathaus. Der Brunnen plätscherte leise vor sich hin und Marit sah ein bisschen wehmütig zum verlassenen Storchennest auf dem Gemeindehaus. Das Storchenpaar hatte sich mit seiner Brut bereits auf den Weg in den Süden gemacht. Sie hoffte inständig, dass die beiden unbeschadet im Frühjahr wiederkehren würden. Aufgrund widriger Umstände gelang dies nur zehn Prozent der Vögel, die in Afrika überwinterten, wie sie kürzlich einem Artikel entnehmen konnte.
»Wollen wir?« Galant hielt Magnus die Tür zum Restaurant auf und riss Marit aus ihren tristen Überlegungen. Wie in Frankreich üblich wurden sie sogleich empfangen und an ihren Platz geführt. Die Dekoration nahm Bezug auf die örtliche Milchviehwirtschaft und der Gastraum war stilvoll eingerichtet. Es hieß, dass es im Ort früher mehr Milchkühe als Einwohner gegeben hatte. Die Chefin der Melichkann persönlich schleppte eine Staffelei an ihren Tisch, auf der eine große Schiefertafel mit den Empfehlungen des Abends stand, die sie nun zügig vortrug. Marits Augen klebten wie Karamellbonbons an den dahinter aufgeführten Preisen. Zwei Speise- und Getränkekarten wurden zusätzlich gereicht und dann ließ man sie in Ruhe die Menükarte inspizieren. Sie entschieden sich für ein Drei-Gänge-Menü.
Marit versuchte noch immer, in Magnus’ Gesicht einen Hinweis für den Anlass dieses feudalen Abends zu finden. Doch ihr Freund hielt sich bedeckt und machte keinerlei Anstalten, damit herauszurücken. Einzig das Knibbeln an der Nagelhaut ließ auf eine gewisse Nervosität schließen. Nachdem sie die Magret de Canard aux Quetches genossen hatten und die Teller des Hauptgangs abgeräumt waren, schien er endlich zur Sache zu kommen. Er griff auf dem Tisch nach Marits Hand und drückte sie liebevoll. In Erinnerung an die zuvor ausgetauschten Zärtlichkeiten rieselte ein angenehmer Schauer über ihren Rücken. Erwartungsvoll hing sie an seinen Lippen.
»Da es nicht unbedingt oft vorkommt, dass ich dich in ein Restaurant dieser Art ausführe, ahnst du sicher schon, dass es einen wichtigen Grund dafür gibt.«
Marits Herz klopfte schneller und ein feierliches Gefühl breitete sich in ihr aus, das durch den Genuss des gehaltvollen Rotweins verstärkt wurde. In Erwartung seiner Worte flutete Wärme ihre Brust. Warum schaut er nur so betrübt dabei aus der Wäsche? Hat er etwa Angst vor einem Korb?
»Ich habe heute Morgen einen Anruf von meiner Mutter aus Schweden erhalten. Vater hatte einen schweren Unfall in der Schreinerei. Sein Arm ist in die Säge geraten. Es hat ihn schlimm erwischt. Er liegt im Krankenhaus. Na ja. Alle sind in Aufruhr, wie du dir denken kannst. Vater kann auf unbestimmte Zeit nicht arbeiten und Mutter ist mit dem Betrieb völlig überfordert. Sie musste sich nie darum kümmern. Jetzt hat sie mich um Hilfe gebeten. Ich werde zu Hause gebraucht und muss zurück nach Schweden.«
Marits Herz, das gerade noch galoppiert war, setzte einen Moment aus. »Es ist ein Abschiedsessen«, krächzte sie, um Fassung bemüht. »Was heißt: Du musst zurück? Für immer? Es ist aus?« Zur Hölle! Damit hatte sie nicht gerechnet. Wie in Zeitlupe zog sie die Hand weg und ließ sie in ihren Schoss fallen.
»Um Gottes willen, nein! Nicht für immer! Keine Trennung im Sinne von Aus – aber eben eine räumliche Trennung auf Zeit, leider.«
»Wie lange?«, fragte Marit leise, obwohl sie die Antwort ahnte.
»Ich weiß es nicht. Wie gesagt: Mein Vater führt eine Schreinerei, nichts Großes, aber doch zwei Mitarbeiter und ein Lehrling. Mutter ist jeden Tag bei ihm in der Klinik und jemand muss sich ums Geschäft kümmern. Wir müssen sehen, wie es weitergeht, ob es überhaupt weitergeht.«
»Wann?« Marit knetete unter dem Tisch ihre feuchten Hände auf der weißen Leinenserviette.
»Mein Flug geht morgen um elf.«
Das Dessert, bestehend aus schokolierten Birnen, wurde serviert. Es war still am Tisch. Die leise geführten Gespräche an den Nachbartischen kamen Marit unnatürlich laut vor. In Gedanken versunken und ohne jeglichen Genuss verzehrte sie die Süßspeise. Natürlich musste Magnus zu seinem Vater. Sicherlich machte er sich große Sorgen, das würde ihr genauso gehen! Trotzdem konnte sie ihre Trauer um den plötzlichen Abschied nicht verbergen, auch, wenn sie sich selbst egoistisch schalt. Sie versuchte, ein verständnisvolles Lächeln aufzusetzen, nicht sicher, ob ihr das tatsächlich gelang, und griff nun ihrerseits nach seiner Hand. »Es tut mir leid, Magnus. Ehrlich. Natürlich musst du zu deiner Familie. Aber ich vermisse dich jetzt schon.«
»Komm doch mit! Ich hätte mehr Ruhe, alles zu klären, wenn ich dich an meiner Seite hätte.«
»Du weißt, dass das nicht geht. Ich habe das Café gerade erst zum Laufen gebracht und werde bald für den Umbau schließen müssen. Vielleicht ergibt sich sogar die Chance, den Laden hier im Ort anzumieten. Ich kann jetzt nicht weg.« Bei der Andeutung, die Bäckerei von Frau Sebert zu mieten, wurden Magnus’ Augen dunkel. Es war deutlich zu sehen, dass er das noch immer für keine gute Idee hielt, und jetzt verstand Marit auch warum. Er würde sie mit allem hier allein lassen. Nicht gerade beruhigend, aber es weckte ihren Kampfgeist. Sie ließ das Thema fallen, zumal sie noch auf die Zusage wartete. »Was ist eigentlich mit deiner Arbeit hier? Dein Chef war sicher begeistert! Erst Romulus letztes Jahr, der sich für Julia als Nierenspender geopfert hat, und jetzt du, der den heimischen Betrieb retten muss! Oder hast du gekündigt?«
»Nein, nein.« Magnus trank einen Schluck Wein. »Wir haben uns auf unbezahlten Urlaub geeinigt. Er bekommt Ersatz von einer Zeitarbeitsfirma. Natürlich kann ich auch nicht in die Zukunft blicken.« Er drehte das Glas mit der roten Flüssigkeit in der Hand, als könne er dort eine Antwort finden. »Marit? Wenn alle Stricke reißen … könntest du dir vorstellen, deinen Traum von einem Café in Schweden zu leben? Ich würde dich unterstützen und bei deinem Talent, was Torten angeht, könntest du dort bestimmt groß rauskommen.«
»Was?« Marit schüttelte heftig den Kopf. »Magnus, nicht. Das wäre doch Wahnsinn! Was wird denn aus Julias Schleusenhaus, das sie mir ohne Vorbehalte zur Verfügung gestellt hat? Außerdem kann ich kein Wort Schwedisch, wie stellst du dir das vor? Abgesehen davon, dass das alles sehr überstürzt kommt.«
»Marit, dann komm wenigstens vorläufig mit! Bitte! Ich möchte dich nicht, wer weiß wie lange, hier zurücklassen.« Magnus klang jetzt genauso verzweifelt, wie sie sich fühlte. Ein kleiner Blutstropfen quoll aus der eingerissenen Haut am Daumen, den er schnell wegwischte.
Marit konnte seinen traurigen Blick kaum ertragen, denn auch ihr war der Gedanke unerträglich, ihn auf unbestimmte Zeit ziehen zu lassen. Aber wie stellte er sich das vor? Was war mit dem Leben, das sie sich gerade aufbaute. Sie waren seit einem Jahr zusammen, über Verlobung oder Heirat hatten sie nie gesprochen. Ehrlich gesagt, hatte sie keinen Schimmer, wie er dazu stand. Sollte sie jetzt alles für eine ungewisse Zukunft aufs Spiel setzen? »Lass gut sein, Magnus. Geh nach Schweden und schau erst mal, wie dramatisch die Lage tatsächlich ist. Vielleicht lässt sich das Ganze schneller klären, als du denkst. Ich wünsche dir von Herzen, dass dein Vater wieder auf die Beine kommt.«
Die bedrückte Stimmung am Tisch blieb der Servicekraft nicht verborgen. »War alles zu Ihrer Zufriedenheit?«, fragte sie mit bangem Blick auf die finsteren Mienen. Magnus beteuerte, dass das Essen hervorragend war, was aufgrund seines gequälten Gesichtsausdrucks nicht überzeugte. Marit nickte stumm, unfähig ihre Mundwinkel nur einen Millimeter für ein Lächeln zu heben.
Sie hatten sich die ganze Nacht geliebt, als gäbe es kein Morgen, weshalb sich gewisse Stellen zwischen Marits Beinen wund anfühlten. Aber das war nichts im Vergleich zu ihrem aufgeriebenen Herzen. Im Gegenteil: Die Nachwirkungen des Liebesakts würden sie an Magnus erinnern, wenn er nicht mehr da wäre. »Ich möchte nicht, dass du gehst!« Sie wusste, wie töricht das aufgrund der unabänderlichen Tatsache klang. »Mir ist schon den ganzen Morgen übel bei dem Gedanken, wie lange wir uns nicht sehen werden. Versprich mir, dass du dich beeilst.« Sie wusste, wie unfair es war, ihrem Freund so zuzusetzen und den Abschied damit schwerer zu machen, als er ohnehin war.
»Komm mal her.« Magnus zog sie zum wiederholten Mal in seine Arme und küsste sie. Auch ihm fiel die Trennung sichtlich schwer. »Wir müssen jetzt vernünftig sein. Ich habe keine Wahl, als nach Hause zu fliegen. Meine Mutter braucht mich jetzt, nicht nur in der Firma. Du würdest doch auch nicht anders handeln, das weiß ich.«
»Natürlich nicht. Trotzdem tut es so verdammt weh. Jetzt schon, obwohl du noch gar nicht in dem scheiß Flieger sitzt.« Marit kämpfte mit den Tränen.
»Lass uns fahren. Es hat keinen Sinn, es länger hinauszuzögern, das macht es nur noch schwerer.«
