Pension Storchenglück - Marianne Carrera - E-Book

Pension Storchenglück E-Book

Marianne Carrera

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Beschreibung

Ungebetene Gäste und Bangen zwischen Hoffnung und Verrat …

Evas Traum von einer kleinen Pension ist zum Greifen nah. Mit Unterstützung der Familie steckt sie ihr ganzes Herzblut in den Umbau des alten Herrenhauses, das ihrem Bruder gehört. Ausgerechnet jetzt erfüllt sich der lang ersehnte Kinderwunsch mit Quentin, von dem sie sich erst kürzlich getrennt hat. Die erneute Annäherung zwischen den beiden stößt auf wenig Verständnis. Zu frisch sind die Erinnerungen an Quentins Machenschaften. Auch Cédric, der in der Pension arbeitet, ist Evas Ex ein Dorn im Auge. Als ein Gast die Existenz der Pension in Gefahr bringt, und die Gäste ausbleiben, droht Evas Traum endgültig zu platzen.
Ein Roman vor der Kulisse des südlichen Elsass, spannend und emotional.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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PENSION STORCHENGLÜCK– Band 2 der Glücksreihe – Marianne Carrera

Über die Autorin:

Marianne Carrera, Jahrgang 1967, stammt gebürtig aus Rheinland-Pfalz. Sie hat einen Abschluss als Wirtschaftsleiterin und medizinische Fachangestellte. Seit 1993 lebt sie mit ihrer Familie im Elsass, wo sie einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet und jahrelang Pferde und Ziegen hielt. Außerdem engagiert sie sich ehrenamtlich im Tierschutz. PENSION STORCHENGLÜCK ist Band 2, der dreiteiligen Glücksreihe, Mauchen Chapelle. Band 3, GÄRTNEREI GLÜCKSKLEE erscheint 2026.

Impressum 1. Auflage 2025 © Marianne Carrera – alle Rechte vorbehalten [email protected] www.mariannecarrera.com

Marianne Carrera c/o easy-shop Kathrin Mothes Schloßstraße 20 D – 06869 Coswig (Anhalt) Text: Marianne Carrera Lektorat: Ilka Sommer Korrektorat: Liane Lujić Covergestaltung: Kristin Pang unter Verwendung von shutterstock.com E-Book-Formatierung: Stefanie Scheurich unter Verwendung von freepik.com ISBN: 978-3-8194-1380-3 Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, sowie den Verkauf und die Weitergabe an Dritte.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Danksagung

Landmarks

Cover

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig. Dies gilt insbesondere auch für praktizierenden Personen und deren Machenschaften, in den von mir beschriebenen Kliniken und Krankenhäusern.

Kapitel 1

Der Test war eindeutig. Eva hatte lange mit sich gerungen, aber jetzt konnte sie die Tatsache nicht mehr leugnen. Sie brauchte frische Luft, schnappte sich den Anorak an der Garderobe und stürzte beim Anziehen aus dem Haus. Den Hof bedeckte eine zarte Schneeschicht, und er war menschenleer. Die Reitschüler richteten ihre Pferde in den warmen Boxen.

Fabien trat aus dem Stall und winkte zu ihr herüber. »Hey, Eva!«

»Nicht jetzt!« Ohne einen weiteren Blick auf ihren Bruder lief sie Richtung Gärtnerei, die sich an den Reitstall anschloss. Von dort ging ein kleiner Steg über den Mühlbach und führte in das angrenzende Wäldchen. Sie musste nachdenken. Allein. Nachdem die Regelblutung im Januar ausgeblieben war, hatte Eva jeden Gedanken an mögliche Ursachen erfolgreich verdrängt. Bis heute. Es war unwahrscheinlich, dass die Menstruation ohne ersichtlichen Grund aussetzte. Der Test mit den beiden roten Strichen steckte in Evas Hosentasche und brannte ein Loch in den Stoff. Sie hatte nachgerechnet. Das Ergebnis war ernüchternd. Als Vater kam nur einer infrage: ihr Exfreund, Dr. Quentin Meyer. Sie hatten sich kurz vor Weihnachten getrennt. Es gab viele Gründe, Schluss zu machen. Einer davon war Evas Kinderwunsch. Welch Ironie des Schicksals, dachte sie. Nach allem, was sich Quentin geleistet hatte, war dieser Mann der Letzte, den sie sich als Vater ihres Kindes wünschte. »Dieses Kind wird auf keinen Fall ein gemeinsames werden. Punkt!«, rief Eva aufgebracht in die kahle Krone einer mächtigen Eiche hinauf, aus der ein Eichelhäher aufflatterte. Sein heiseres Krächzen schallte warnend durch das Waldstück. Eva stapfte wütend weiter, bis ihr bewusst wurde, was die ausgesprochenen Worte bedeuteten. Abrupt stemmte sie die Füße in den Boden und blieb stehen. Du willst es behalten? Ausgerechnet sein Kind?, fragte sie sich. Es ist aber auch mein Kind. Tränen der Verzweiflung verschleierten ihren Blick. Schluchzend marschierte sie weiter. Am Wegrand ragte die Zwillingsbirke auf. Erneut blieb Eva stehen und streichelte über die dünne weiße Rinde. Sie mochte diesen Baum, der im unteren Teil zwei Stämme ausgebildet hatte und vor ein paar Jahren fast ausgeblutet wäre, wenn sie die Wunde, aus der Birkenwasser gezogen wurde, nicht sorgsam verschlossen hätte. Seither erzählte Eva der Birke ihre Sorgen. Auch jetzt schlang sie die Arme um den Stamm und legte die Wange an die glatte Rinde. »Du weißt, wie sehr ich mir ein Baby gewünscht hab. Und jetzt?« Als hätte ihr der Baum eine Antwort zugeflüstert, antwortete Eva: »Genau. Das Kind kann schließlich nichts dafür, dass der Vater so ein Armleuchter ist.« Sie stieß sich ab und bog in den Rundweg ein, der nach Hause führte. Es schwebten erneut Flocken vom Himmel. Fröstelnd zog sie den Kragen des Anoraks höher und vergrub die Fäuste in den Taschen. Sie würde sich Véronique anvertrauen, ihrer engsten Freundin, deren Rat sie sehr schätzte.

Wie so oft aßen alle gemeinsam im Gutshaus auf dem Reiterhof zu Abend, wo Eva für die beiden Brüder und Véronique gekocht hatte.

»Alles gut, Eva?«, fragte Luca, der die Gärtnerei des Vaters weiterführte. »Du bist vorhin so schnell an mir vorbeigelaufen, dass du mich nicht einmal bemerkt hast.«

»Mach dir nichts draus. Ist mir genauso ergangen«, sagte Fabien und musterte seine Schwester ebenso kritisch.

Eva verdrehte die Augen. »War keine böse Absicht. Mir ist da was durch den Kopf gegangen, über das ich nachdenken musste. Allein.« Eva suchte Véroniques Blick, die mit unverhohlener Neugier das Gespräch verfolgte und der Freundin mit einem beruhigenden Lidabschlag signalisierte, dass sie verstand.

Fabien entging das nicht. »Ich sehe, es ist so eine Frauensache.« Entwaffnend hob er die Hände. »Was für ein glücklicher Zufall, dass ich heute Abend mit Luca ins Kino gehe. Einem Mädelsabend steht also nichts im Weg. Und da ich mit einem dieser Mädels liiert bin, stehen die Chancen vielleicht gut, dass ich bald erfahre, um was es geht.«

»Träum weiter«, entrüstete sich Véronique. »Als ob ich jemals was, das mir anvertraut wurde, ausgeplaudert hätte.«

Eva legte beschwichtigend die Hand auf Véroniques Unterarm. »Das weiß ich doch. Lass dich nicht von Fabien provozieren. Ja. Ich möchte dir was erzählen, und der Kinobesuch der Männer kommt gelegen. Natürlich nur, wenn du nichts anderes vorhast.«

»Jetzt machst du mich neugierig. Wir haben schon lange keinen Abend mehr verbracht. Ich hätte auch noch das ein oder andere wegen der Pension mit dir zu besprechen.«

Eva versuchte, die spekulativen Blicke der Brüder zu ignorieren. Das Gefühl, auf ihrer Stirn stünde Ich bin schwanger, war beängstigend. Deshalb griff sie das Thema Pension dankbar auf. »Ich war geschockt, als ich das letzte Mal dort war. Das Herrenhaus in Mauchen ist nach der Entkernung nicht wiederzuerkennen. Es braucht schon viel Fantasie, sich den Umbau vorzustellen.«

»Ich hoffe, Pauline Sutter trifft nicht der Schlag, wenn wir sie demnächst mal mit auf die Baustelle nehmen«, warf Véronique ein.

»Ach was. Das glaub ich nicht.« Eva schüttelte den Kopf. »Sie war so froh, dass sie es an Fabien vererben konnte, und die Idee mit der Pension gefiel ihr auch. Sie weiß doch, dass das Veränderungen mit sich bringt.«

»Ihr werdet sehen. Wenn erst mal die Wände stehen und eine Einteilung zu erkennen ist, fällt die Vorstellung gleich leichter«, sagte Fabien, der die Bauaufsicht führte. »Das Wichtigste ist, dass die Firmen regelmäßig auf die Baustelle kommen. Mit der Eröffnung im Sommer wird es sonst eine knappe Nummer.«

Als sich die Tischrunde auflöste, räumte Eva die Küche auf und belud den Geschirrspüler. Zweifel keimten auf, das Geheimnis zu lüften. Sobald sie es Véronique anvertraut hatte, war es real. Trotz der Beweislage vom Nachmittag kämpfte Eva erneut damit, das Ergebnis als gegeben zu akzeptieren. Zum gefühlt hundertsten Mal zog sie den Test aus der Tasche, um sich zu vergewissern, dass er wirklich positiv anzeigte. Keine Änderung und die beiden Striche nicht zu leugnen.

Auf dem Weg zu ihrer Freundin fühlte sich Eva wieder bestärkt, das Richtige zu tun. Unter Best Friends gab es keine Geheimnisse. Außerdem drohte sie zu platzen, wenn sie sich nicht bald jemandem mitteilen würde.

Vor dem kleinen Haus an der Einfahrt zum Reiterhof, in dem Véronique mit Fabien vorläufig in der Ferienwohnung lebte, holte Eva tief Luft und klingelte. Sie wurde bereits erwartet.

»Salut!« Véronique umarmte sie herzlich. »Komm rein und leg ab.«

Es schneite leicht. Eva sah im Garderobenspiegel die Flöckchen, die auf ihrem blonden Haar glitzerten.

»Ich hab uns einen Rotwein aufgemacht.« Véronique kam mit der Flasche aus der Küche. »Setz dich und leg die Beine hoch.«

Dem kam Eva gern nach. »Das tut gut. Es war ein langer Tag in Ribeauvillé. Die Schicht im Hotel war der Horror. Seit ich die Kündigung für Ende April eingereicht hab, setzen sie mich wieder vermehrt als Springer ein. Heute Vormittag war ich erst im Frühstücksdienst eingeteilt, dann bin ich in der Wäscherei eingesprungen und hab danach einer neuen Kollegin beim Eindecken des Restaurants geholfen. Der Mittag-Service hat meinen Füßen den Rest gegeben.«

»Du Arme, bist eben eine geschätzte Spitzenkraft. Ich kann verstehen, dass deine Kündigung dort bitter aufstößt. Trotzdem ist es ein Schlag ins Gesicht, dich auf den letzten Metern so zu behandeln. Komm, trink einen Schluck und dann erzählst du mir, wo dich der Schuh sonst noch drückt.«

Eva hielt die Hand über ihr Glas. »Danke, keinen Wein. Hättest du für mich ein Wasser?«

»Wasser? – Ja, natürlich.« Véronique schenkte sich Wein ein, stellte die Flasche auf den Tisch und verschwand in der Küche. »Ich hab nur noch Medium. Ist das okay?«, rief sie.

»Ja. Keine Umstände.« Eva winkte ab, als Véronique mit Wasserglas und Karaffe zurückkam. Sie bediente sich und trank einen Schluck. Ihr Mund war trocken und die Zunge klebte am Gaumen.

Véronique musterte sie kritisch. »Du bist aber nicht krank oder so?«

»Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin schwanger.« Jetzt war es heraus. Einfach so. Ganz direkt und ohne Umschweife.

Véronique, die das Weinglas an den Mund geführt hatte, hielt inne. »Du bist was?«

Eva stellte sich vor, wie die Gedanken im Kopf der Freundin wirbelten. Je nachdem, in welche Richtung sie drifteten, zauberten sie die entsprechende Mimik auf Véroniques Gesicht. Von Überraschung über Entsetzen und Freude war alles dabei. Eva sagte nichts. Sie nahm erneut einen großen Schluck Wasser und ließ Véronique Zeit, die Information zu verdauen.

»Von wem?«, fragte Véronique leise und ihre Stimme zitterte.

Eva holte tief Luft. »Du liegst mit deiner Vermutung richtig. Quentin. Unser letztes Stelldichein Mitte Dezember, kurz vor der Trennung.«

»Seit wann weißt du es?«, fragte Véronique und nippte an ihrem Glas.

»Heute Nachmittag. Ich hab nach der Arbeit einen Test gemacht, weil die Monatsblutung bereits zum zweiten Mal überfällig ist. Typischer Fall von erfolgreicher Verdrängung.«

»Und? Ich meine, möchtest du das Baby? Du hast doch sicher schon über das Was wäre, wenn …,nachgedacht, oder?«, hakte Véronique nach.

»Ja und nein. Es ist etwas ganz anderes, wenn die Tatsache plötzlich unumstößlich im Raum steht. Ich hab mir so lange ein Kind gewünscht und es war, wie du weißt, ein großes Streitthema zwischen Quentin und mir. Anfangs dachte ich wirklich, es ginge ihm um die Karriere. Seine Beförderung zum Chefarzt stand kurz bevor. Aber im Nachhinein glaube ich, das war nur vorgeschoben.«

Véronique sagte nichts und schaute die Freundin abwartend an.

Eva richtete sich ein Stück auf und schlug ein Bein unter den Po. »Ich will mich nicht versündigen. Ein Abbruch birgt Risiken und mein Kinderwunsch ist ungebrochen. Natürlich hätte ich mir einen anderen Vater als Quentin gewünscht, aber ein solcher ist nicht in Sicht und das Kind kann ja nichts dafür. Der Gedanke, dass bei der Abtreibung was schiefgehen könnte und ich niemals mehr … Also: Ja, ich werde das Kind bekommen.«

Die Mundwinkel gingen zuckend nach oben, Véroniques Züge entspannten sich und explodierten in einem Strahlen, das bis zu den Ohren reichte. Sie sprang auf und umarmte Eva herzlich. »Glückwunsch«, raunte sie ihr ins Ohr. »Du hast so recht. Stoß das Glück nicht weg. Nimm an, was dir auf wundersame Weise geschenkt wurde. Und ich werde Patentante, das musst du mir versprechen, jetzt, wo ich doch keine Aussicht auf eigene Enkelkinder habe.« Der Schatten, der über Véroniques Gesicht huschte, war deutlich zu sehen. Sie hatte im letzten Jahr ihren Mann und Sohn bei einem Autounfall verloren. Die Flucht in eine neue Zukunft war der eigentliche Grund für ihren Aufenthalt im Elsass und dass sie sich kennengelernt hatten.

Eva drückte ihre Hand. »Das Kleine hat keine Oma mehr, und ich würde mich freuen, wenn du Patin und Großmutter sein könntest.«

»Liebend gern.« Véronique wischte sich eine Träne aus dem Auge. »Hast du vor, es ihm zu sagen?«

»Quentin?«, krächzte Eva. Sichtlich erschrocken schaute sie auf. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Da er ein gemeinsames Kind stets abgelehnt hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich nach unserer Trennung darüber freuen wird. Andererseits hatte er schon immer ein großes Ego und könnte giftig reagieren, wenn ich es ihm verschweige. Was meinst du?«

»Puh. Da ist guter Rat teuer.« Véronique drehte das Glas in der Hand. »Wobei, Rat ist ein super Stichwort. Du solltest dich über deine Rechte informieren, am besten bei einem kostenlosen Beratungsgespräch. Nur für den Fall, dass Dr. Quentin Meyer auf abstruse Ideen kommt.«

»Das ist eine gute Idee. So kann ich mich vorbereiten und siegessicher argumentieren. Danke, Véronique. Ich bin froh, dass es dich gibt und ich mit all meinen Sorgen zu dir kommen kann. Vergiss nie, dass ich auch für dich da bin.«

»Das hast du schon mehr als einmal bewiesen. Nicht jeder sammelt einen wildfremden Menschen in einer Bar auf und nimmt ihn mit nach Hause. Das werde ich dir nie vergessen, Eva. Wer hätte gedacht, dass wir sogar zu einer Familie zusammenwachsen?«

»Mein Versuch, dich mit einem meiner Brüder zu verkuppeln, hat prima funktioniert. Nur, dass du den Reitlehrer dem Gärtner vorziehst, hätte ich damals nicht gedacht.« Eva lachte laut auf. »Besonders bei deiner anfänglichen Aversion gegenüber Pferden.«

»Dachte ich mir doch, dass da eine Absicht dahinter lag. Gib zu, du hattest es satt, dass die beiden noch an deinem Rockzipfel hingen. Fabien glaubt übrigens, der Name Pension ist Programm, sobald wir in das renovierte Herrenhaus nach Mauchen gezogen sind. Von wegen, wie ein Gast bedient werden … Er wird sich wundern.« Véronique grinste und hob das Glas zu einem Toast. »Auf dich und das Baby.«

»Auf uns und das Baby.« Eva prostete mit ihrem Wasser zurück. »Ich kann es gar nicht erwarten, dass unsere Wohnungen im ersten Stock über der Pension fertig werden. Wie schön, dass Fabien und du meine Nachbarn werden.«

»Nachdem die Entkernung abgeschlossen ist, wird es zügig vorangehen«, tröstete Véronique. Ihr Blick war auf das Fenster gerichtet, aber sie schien nicht die Dunkelheit zu sehen. »Irgendwie ein bisschen schade. Das alte Flair im Haus hatte was. Allein die Tapetentür und dann die altertümliche Toilette, die man wie einen Thron besteigen konnte.«

Eva schüttelte sich. »Da wir eine familienfreundliche Pension und kein Gruselhotel planen, haben wir uns richtig entschieden. Glaub mir, die Leute erwarten ein gewisses Maß an Komfort, was ja nicht heißt, dass es nicht gemütlich sein kann. Neu planen ist auf jeden Fall einfacher und nicht so kostenintensiv wie umbauen. Es ist so schon teurer geworden als geplant. Gut, dass Pauline Sutter uns den Erlös aus dem Verkauf des Inventars überlassen hat. Sie ist so glücklich darüber, was wir mit ihrem Anwesen vorhaben und dass sie in Fabien einen Erben gefunden hat. Manchmal wache ich morgens auf und kann nicht glauben, dass mein Traum von einer Pension wahr wird. Und jetzt«, Eva schluckte, »kommt auch noch der Gedanke, Mama zu werden, dazu.«

»Vergiss nicht: Du bist nicht allein.« Véronique drückte Evas Hand. »Zusammen werden wir das Kind schon schaukeln.«

»Wenn du das sagst, bin ich gewillt, es sofort zu glauben. Vielen Dank für deinen Zuspruch, der meinen inneren Kritiker in die Flucht schlägt.« Eva gähnte und steckte Véronique an, die sich die Hand vor den Mund schlug. »Schon so spät? Die Männer kommen sicher gleich aus dem Kino.« Eva erhob sich und schlüpfte im Flur in die Jacke.

Véronique nahm die Freundin in den Arm. »Schlaf gut und mach dir keine Sorgen. Und Eva? Vielleicht solltest du nicht zu lange damit warten, es deinen Brüdern zu verraten. Sie wittern den Braten bereits. Bis dahin sei dir gewiss …« Sie zog den imaginären Reißverschluss über die Lippen.

»Ich danke dir – auch fürs Zuhören.« Eva trat vor die Tür. Es schneite nicht mehr, aber den Hof bedeckte eine Schicht Neuschnee, die im blassen Licht des Halbmondes reflektierte. Mit einem Kribbeln im Bauch sehnte sie den Frühling herbei.

Am nächsten Morgen erwachte Eva mit dem Gefühl, eine andere zu sein. Gewissermaßen stimmte das auch. Sie war wissentlich werdende Mutter. Vorsichtig streichelte sie über den Bauch, der sich enttäuschend normal anfühlte. Allein die Tatsache, dass darin ein Kind heranwuchs, verlieh ihm das gewisse Etwas. Eben noch beseelt, dachte sie an den Vater, was ihr augenblicklich das Lächeln aus dem Gesicht wischte. Nicht Vater, lediglich Erzeuger, korrigierte sich Eva. Quentin würde niemals Papa für das Kind sein. Es wird dich eines Tages danach fragen, warnte eine Stimme, und Eva schob diese Möglichkeit auf einen Tag X in die Zukunft. Es gab aber auch eine andere Variante: die der Ehrlichkeit von Anfang an, Quentin gegenüber und dem Kind. Sie kaute an diesem Gedanken herum, der dadurch immer zäher wurde. Véronique hatte recht. Sie musste zuerst ihre Brüder einweihen. Das gebot allein der Anstand in einer Familie. Danach würde sie sich bei einem Rechtsanwalt informieren und als Letztes darüber entscheiden, welche Auskünfte ihrem Ex-Freund zustanden.

Eva musste erst am Nachmittag zur Spätschicht ins Hotel. Sie bereitete für die Brüder und Véronique das Frühstück und genoss die lieb gewonnene Morgenroutine. Im Sommer würde sie mit der Freundin die kleine Pension eröffnen und spätestens dann war es mit den gemeinsamen Mahlzeiten hier im Gutshaus vorbei. Wir können uns ja gegenseitig zum Essen einladen, tröstete sich Eva. Sie beobachtete durch das Küchenfenster, wie Véronique mit Fabien aus dem Stall kam. Seit die beiden in der Ferienwohnung zusammengezogen waren, half sie ihm morgens beim Füttern der Pferde.

Eva folgte seinem Blick, der sich auf das Stalldach richtete. Dort saß ein Storch, legte den Kopf zurück und klapperte. Über ihm kreiste ein weiterer. Fabien zeigte zum Himmel.

Die Störche sind dieses Jahr zeitig zurück, dachte Eva.

»Oh, wie schön!«, hörte sie Véronique, die jetzt in den Flur trat. »Es hat sich einiges verändert. Neuerdings Störche statt einer Rabenkrähe. Gefällt dir das besser, chéri?«

»Solange du dich nicht beißen lässt.« Fabien betrat die Küche mit einem Grinsen, zog Véronique an sich und küsste sie auf den Mund. »Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, hätte ich gegen ein Baby nichts einzuwenden.«

»Das ist neu. Vielleicht hättest du dir dafür eine Jüngere suchen sollen. Es gibt Risiken. Forcieren würde ich es mit Anfang vierzig jedenfalls nicht. Enttäuscht?« Véronique suchte in Fabiens Gesicht nach einer ehrlichen Antwort, und Eva dachte an ihre bevorstehende Beichte.

»Ach was. Alles ist gut, so wie es ist. Ich liebe dich.« Fabien küsste sie erneut.

»Gut geschlafen, Eva?«, erkundigte sich Véronique.

»Danke. Wie ein Stein.« So ganz entsprach das nicht der Wahrheit, denn sie hatte sich lange den Kopf zerbrochen, wie sie ihren Brüdern beibringen sollte, dass sie in absehbarer Zeit Onkel wurden. Danach war sie tatsächlich in einen tiefen Schlaf gefallen und sich erst am Morgen wieder der neuen Situation bewusst geworden.

Luca, der wegen des gemeinsamen Frühstücks aus seiner Wohnung in Colmar hergefahren war, schneite in die Küche. »Über dem Hof kreist ein Storchenpaar«, rief er belustigt. »Nur als Warnung, Mädels.« Damit schlug er in die gleiche Kerbe wie der Bruder, und sein, wie immer herzliches Lachen erstarb, als er Evas versteinerte Miene sah.

Alle setzten sich an den Frühstückstisch und sie fasste sich ein Herz. »Es gibt Neuigkeiten.«

»Endlich. Aus Véronique war nicht das Geringste herauszukitzeln und ich bin neugierig, was ihr gestern Abend ausgeheckt habt.« Fabien goss sich Kaffee ein. »Geht es um die Pension? Wieder eine neue Schnapsidee, mit der ich mich rumschlagen muss?«

»Dann wird es sicher teuer«, wandte Luca ein und stützte das Kinn in die Hände. Alle Augen waren jetzt auf Eva gerichtet, die ihrer Freundin einen hilfesuchenden Blick zuwarf.

»Keine Spekulationen, bitte«, sprang ihr Véronique bei. »Hört einfach zu.« Sie nickte aufmunternd.

Evas Gedanken schlingerten wie die Fäden eines Wollknäuels, mit dem eine Katze spielt, und verknoteten sich zu einem heillosen Wirrwarr. Sie hatte sich alles so schön zurechtgelegt und jetzt brachte sie keinen vernünftigen Satz zusammen. Ein wenig verzweifelt breitete sie die Arme aus und atmete tief ein. Wie gestern bei Véronique knallte sie die Neuigkeit den Brüdern vor den Kopf. »Ich bekomme ein Baby.« Es war die Quintessenz. Nun lehnte sie sich erleichtert auf dem Stuhl zurück und beobachtete gleichermaßen angespannt die Reaktionen in den Gesichtern.

Luca verbrannte sich die Zunge am heißen Kaffee und Fabien schnappte ein paarmal hintereinander nach Luft. Relativ zeitgleich brachen die gleichen Fragen wie am Vorabend über Eva herein, diesmal aufgeregt und wild durcheinander.

Sie hob die Hand und setzte dem Aufruhr ein Ende. »Stopp. Der Vater ist Quentin, es gibt also keinen neuen Freund, von dem ihr nichts wisst. Nein, es war nicht gewollt, denn wir hatten verhütet. Also nehmt euch in Acht. Unverhofft kommt oft.« Eva grinste. Sie konnte es nicht lassen, den Brüdern gute Ratschläge zu erteilen. Macht der Gewohnheit. »Ich werde mir eine Rechtsberatung bei einem Anwalt einholen, bevor ich entscheide, ob ich Quentin über die Vaterschaft in Kenntnis setze. Und last but not least: Ihr werdet Onkel. Herzlichen Glückwunsch!«

Fabien und Luca sprangen auf und umarmten die Schwester.

»Ich weiß doch, wie sehr du dir ein Kind wünschst und freue mich für dich – okay, dass es ausgerechnet von Quentin ist …« Fabien machte ein betretenes Gesicht. »Aber hey, bei der Durchsetzungskraft, die du an den Tag legst, haben seine Gene nicht die geringste Chance.«

»Außerdem werden Kinder durch ihr Umfeld geprägt«, warf Luca ein, »und das könnte nicht besser sein, oder?« Er blickte in die Runde und erntete zustimmende Blicke.

Nachdem es alle wussten, spürte Eva deutlich Erleichterung. Wovor habe ich mich gefürchtet?, fragte sie sich. Die Brüder standen zu ihr und freuten sich. Und das Beste: Quentin spielte überhaupt keine Rolle. Blut ist dicker als Wasser. Und auf ihre Familie konnte sie zählen.

Kapitel 2

Nach dem Frühstück fuhr Eva mit ihrem Bruder und Véronique zur Baustelle. Das alte Herrenhaus, das Madame Sutter Fabien überschrieben hatte, befand sich in Mauchen, nur ein paar Minuten vom Reiterhof entfernt. Der idyllische Weiler zählte nur wenige Einwohner. Eva parkte ihren quietschgelben Twingo in der Hofeinfahrt und musterte ihren Bruder. »Ich denke nicht oft daran, aber wenn ich vor dem Anwesen stehe, kann ich es immer noch nicht glauben, dass Gauthier Sutter dein leiblicher Vater war.«

Fabien nickte zustimmend. »Geht mir genauso. Es will mir nicht in den Kopf, dass Mutter ein Verhältnis mit ihm hatte. Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, hat mich immer begleitet. Mir ist eine ordentliche Last von den Schultern genommen, seitdem ich Bescheid weiß.«

»Es ist wichtig, seine Wurzeln zu kennen, um sich selbst einordnen zu können«, stimmte Véronique zu. »Oft sind es Kleinigkeiten, die sich wie Puzzlestücke aus einer anderen Packung, nicht einfügen lassen, und dann beginnst du zu grübeln oder zu zweifeln.«

Eva hatte sich bei der Freundin untergehakt und lief die Auffahrt entlang. Die Worte hallten wie ein Echo in ihrem Kopf. Es ist wichtig, seine Wurzeln zu kennen … Ihr Kind würde irgendwann nach dem Vater fragen und sie würde nicht lügen. Sollte es früher oder später zu einer Kontaktaufnahme kommen, war es für die Beteiligten einfacher, wenn alle über die Situation Bescheid wussten.

Neben den Stufen zur Eingangstür befand sich die Verschalung für die Rollstuhlrampe. Oben zog Fabien den Schlüssel hervor und öffnete. Es war Sonntag und im Haus ungewohnt still. Kein Hämmern, keine kreischende Säge oder dröhnende Bohrmaschine. In der Eingangshalle, von der die Treppe in die Etage darüber führte, hallte seine Stimme wider. »Wollt ihr erst hoch in unsere künftige Wohnetage oder sollen wir unten die Zimmeraufteilung besprechen?«

»Erst nach oben«, bat Véronique. »Ich bin neugierig, ob ich mir unser Nest bereits vorstellen kann. Was meinst du, Eva? Es wird ja auch dein neues Zuhause.«

»Unbedingt«, stimmte Eva zu. »Hast du die Pläne hier, Fabien?«

»Ja, auf jeder Etage hängt eine Kopie für die Bauleitung.«

Auf dem Treppenabsatz lag fingerdick Staub und Dreck. Neben Durchbrüchen standen nur noch die tragenden Wände. Fetzen der abgelösten Tapeten lagen am Boden und das Linoleum war herausgerissen. Im ehemaligen Bad konnte man nur noch erahnen, wo einst die Fliesen hingen.

»Da die Aufteilung der Zimmer unten identisch war, wird es dort ähnlich aussehen?«, schlussfolgerte Véronique an Fabien gewandt.

»Ja, in etwa. Kommt weiter.«

»Wow.« Eva schaute sich um. »Jetzt erscheint es mir noch weitläufiger. Das ist ja riesig!«

»Lass dich nicht täuschen, Schwesterherz. Wenn die Zimmer abgeteilt sind, erscheint es nicht mehr ganz so groß.« Fabien steuerte einen Klapptisch an, der im einstigen Wohnzimmer stand. »Hier, schaut. Ich zeige euch, wie der Architekt es sich gedacht hat.« Fabien bügelte den zerknitterten Plan mit der Hand glatt und zeigte auf den Eingang. »Vorne wird es zwei Türen geben, eine in unsere Wohnung, chérie, und die andere in Evas Reich. Die Trennlinie läuft knapp mittig, in Verlängerung dieser Wohnzimmerwand. Damit ist dein Wohnbereich, Eva, geringfügig kleiner, aber selbst für eine Familie mit Kind hast du ausreichend Platz.«

»Kann man bei der Zimmeraufteilung noch mitreden oder ist das bereits festgelegt?«, fragte Eva.

»Das würde mich auch interessieren«, pflichtete Véronique bei.

»Keine Panik, Mesdames1. Einzig Küche und Bad werden mittig liegen, weil wir da bei der Installation der Wasserrohre von einer Wand profitieren, in der die Leitungen von unten heraufgezogen werden. Im Pensionsbereich vereinfacht das die Planung der Küche. Die Gästezimmer erhalten sowieso alle ein Badezimmer. Bei den anderen Räumen könnt ihr hier oben noch Wünsche äußern oder dem Vorschlag des Architekten zustimmen. Seht her.« Fabien zog einen weiteren Plan hervor und pustete den Staub weg. »Am geräumigsten ist das Wohnzimmer, dann folgen das Ess- und ein Kinderzimmer, ein Büro und hier, wo wir stehen, Küche, Gäste-WC, Bad und das Schlafzimmer. Auf deiner Seite, Eva, ist es spiegelverkehrt angeordnet, mit der Ausnahme, dass es kein gesondertes Esszimmer gibt. Dafür gibt es zusätzlich einen kleinen Balkon, hinten zum Garten hinaus. Na, was meinen die Damen?« In Fabiens Augen glänzte Stolz.

»Also, was mich betrifft, gibt es nichts auszusetzen.« Véronique zeigte auf den Plan. »Das Kinderzimmer ist praktisch, wenn wir für dich babysitten, Eva. Und einen Balkon brauche ich nicht, weil ich sowieso viel Zeit im Garten verbringen werde.«

Eva fuhr mit dem Finger über ihren imaginären Teil der Wohnung. »Du hast recht. Die Größenverhältnisse sind gut gewählt und je nach Bedarf kann man das Interieur beliebig tauschen.« Sie zog ihr Smartphone aus der Tasche und fotografierte den Plan ab. »Ich lass es sacken und schau dann noch mal drüber«, sagte sie. »Und jetzt bin ich auf die Pensionspläne gespannt. Lasst uns runtergehen.«

Während Eva im Wohnbereich recht gelassen wirkte, spürte sie bei der Einrichtung der Pension die Nervosität. Kaum lag der Plan auf dem Tisch, beugte sie die Nase darüber und nahm fast den gesamten Platz ein.

Véronique stupste Fabien an und grinste. Sie traten einen Schritt zur Seite und ließen Eva den Vortritt.

»Oh, entschuldigt.« Eva hob den Kopf, das Gesicht gerötet. »Ich wollte euch nicht verdrängen. Bitte schön. Ich muss sowieso mit der Einteilung im Kopf über die Fläche gehen.« Sie überließ den beiden den Plan und schritt durch die Etage. Es knirschte unter den Schuhen, wo Sand und Steinchen vom Abbruch lagen.

»Und?«, fragte Fabien, der ihr mit Véronique folgte. »Hast du es dir so vorgestellt?«

»Nein, aber ich bin angetan. Wirklich. Die Frühstücksküche und den Speiseraum mittig anzulegen, ist genial. Ich liebe diesen Mittelpunkt, an dem sich alle treffen können. Was fehlt, ist ein gesichertes Spielzimmer.«

»Ein was?«, fragte Fabien.

»Ein gesichertes Spielzimmer«, wiederholte Eva. »Es wird eine familienfreundliche Pension, deshalb müssen wir auch an die Eltern denken, die sich erholen wollen. Erholung beginnt mit Ausschlafen. Daher ist es gut, wenn die Kleinen, die meist früher wach werden, sich irgendwo beschäftigen können. Und dafür eignet sich am besten ein sicheres Spielzimmer, praktischerweise mit einem DVD-Recorder und Fernseher. Selbstverständlich ist das nur ein Angebot, das wir leisten. Die Verantwortung bei Nutzung bleibt bei den Eltern.«

»Verstehe.« Fabien zog sein Smartphone hervor und tippte eifrig in die Notiz-App. »Dann sollte das Kinderspielzimmer nicht gerade an ein Gästezimmer grenzen, oder?«

»Das wird sich nicht einrichten lassen, aber vielleicht sollten wir die Lautstärke an den Geräten voreinstellen?«, warf Véronique ein. »In den Zimmern wird es Flachbildschirme geben. Wir sollten überlegen, welche Abos wir anbieten, um eine Vielzahl an Programmen gewährleisten zu können, insbesondere für Kinderserien.«

»Den Disney-Channel zum Beispiel«, schlug Fabien vor. »Oder Streamingdienste.«

»Sehr gut«, lobte Eva. »Wie gesagt, der Innenbereich der Pension sollte nur für Gäste zugänglich sein, aber darüber muss ich erst noch nachdenken. Das wird nicht so einfach.«

»Und wenn wir den Eingang zur Pension mit einem Code zum Eintippen sichern?«, schlug Véronique vor.

»Oder einer Karte«, fügte Fabien an.

»Mit Karten ist das so eine Sache«, wandte Eva ein. »Wenn die ein Gast verliert, hat jeder, der sie findet, auf ewig Zutritt. Oder wir müssen ständig die Karten austauschen, und das betrifft dann jedes Mal alle Gäste.«

»Den Code kann man auch weitergeben«, gab Fabien zu bedenken.

»Stimmt, aber das wäre dann mit Absicht und wird hoffentlich niemand tun, denn es geht ja um die Sicherheit der Kinder. Das Verlieren der Karte geschieht meist aus Schusseligkeit.«

»Okay, Tür-Zahlen-Code und Spielzimmer«, murmelte Fabien und ergänzte die Liste.

Eva zog die Jacke enger um sich. »Ich hab gesehen, was mich interessiert. Alles Weitere können wir auch im Warmen besprechen. Oder wollt ihr noch was schauen?«

»Von mir aus können wir gehen«, sagte Véronique.

Fabien blickte auf die Uhr. »Gut. Fahrt schon mal vor.« »Ich hab noch eine Begehung mit dem Elektriker. Er müsste jeden Moment kommen.«

»Am Sonntag? Wie hast du das bewerkstelligt?«, fragte Eva.

»Er ist die ganze nächste Woche auf einer anderen Baustelle und will die Instruktionen an die Arbeiter morgen früh noch weitergeben«, erklärte Fabien. »Ich geh danach die paar Schritte bis zum Hof zu Fuß.«

Als Eva mit Véronique die Stufen in die Einfahrt hinunterstieg, hielt ein weißer Kastenwagen mit der Aufschrift: FCEC, die Abkürzung für einen ellenlangen Firmennamen, der mit L’Electricité Générale begann. »Pünktlich. Sehr schön. Sollen wir nicht doch auf Fabien warten?«

»Wer weiß, wie lang die Besprechung geht«, sagte Véronique. »Du siehst ganz verfroren aus. Lass uns ins Warme gehen, bevor du dich erkältest. Außerdem müssen wir uns um das Mittagessen kümmern. Weißt du was? Ich helfe dir. Es lohnt nicht mehr, zurück in die Gärtnerei zu gehen. Ich hab Luca versprochen, die Setzlinge zu gießen, aber das kann ich auch noch später tun.«

»Möchtest du wirklich weiterhin in der Gärtnerei arbeiten?«, fragte Eva. »Schließlich habt ihr mit dem Ausbau der Wohnungen hier einiges an der Backe. Fabien ist sicher froh, wenn du ihm mehr zur Hand gehst, und ich nehm dich mit der Planung der Pension zusätzlich mit Beschlag.«

»Ich war und bin für den Job in der Gärtnerei immer noch dankbar«, erklärte Véronique. »Außerdem übernimmt Luca bereits wieder einen Großteil an Arbeit. Ich bin so froh, dass sein Kreuzbeinbruch nach dem Reitunfall gut ausheilt.« Vorsichtshalber klopfte Véronique mit den Knöcheln an ihren Kopf. »Das kleine Einkommen tut meinem Konto gut, und solange Luca mich braucht und bezahlen kann, bin ich wirklich gern dort.«

»Gut, dann lass uns überlegen, was wir in den sonntäglichen Kochtopf werfen.«

In der Küche dampfte es aus vier Töpfen, als laute Stimmen die beiden Männer ankündigten.

»Ihr seid mir übers Jahr närrisch genug, da braucht’s keine Fastnacht«, sagte Fabien und knuffte seinen Bruder in die Seite, der mit ihm in die Küche stolperte.

»Mmh, das riecht lecker. Was habt ihr gekocht?« Zielstrebig marschierte Fabien auf den Herd zu und hob einen der Topfdeckel. »Oh verflixt!« Scheppernd ließ er ihn auf den Topf zurückfallen und blies sich auf die Finger.

»Kleine Sünden straft Gott gleich«, bemerkte Eva mit einem Grinsen und schnappte sich die Topflappen. »Es gibt Rollbraten mit Gemüse und Spätzle. Luca, stell bitte noch Gläser und was zu Trinken auf den Tisch. Es kann gleich losgehen.«

Véronique griff besorgt nach Fabiens Hand. »Zeig mal.« Sie hauchte einen Kuss auf die Finger und nahm ihren Freund in die Arme. »Pass besser auf dich auf, chéri«, murmelte sie ihm ins Ohr. »Wir brauchen jede deiner Hände.« Sie zwinkerte und hielt Eva die Schüssel hin, in die sie die grünen Bohnen schaufelte.

»Hab ich das richtig verstanden?«, fragte Eva nach. »Ihr plant, zum Fasching zu gehen?«

»Nicht ihr – Luca«, stellte Fabien klar.

»Na und? Ich bin auch kein Fan von Saalsitzung und Humba tätärä, aber die alemannische Fastnacht im Grenzgebiet hat es mir angetan«, verteidigte sich Luca.

»Die mit den Hexen und gruseligen Masken?«, fragte Eva und schüttelte sich.

»Genau die«, stimmte Véronique zu. »Jede hat ihre Geschichte oder entspringt einem Brauchtum. Das macht sie so interessant. Wir sind früher gern ins Elztal zum Fackelumzug der Schuttig gefahren. Die dürfen die Masken in der Öffentlichkeit gar nicht abnehmen und keiner weiß, wer druntersteckt. Auch weil Sprechen verboten ist. Nur Brummen ist erlaubt, was zu den wilden Gestalten gut passt.«

»Das würde ich nicht aushalten«, sagte Luca. »So ein Tag oder Abend ist doch lang.«

»Es gibt spezielle Hinterräume in den Gasthäusern. Dort sind sie unter sich, machen Pause und können auch was trinken«, erklärte Véronique. Sie gab den Suchbegriff in ihr Smartphone ein und zeigte ein Bild der Schuttig herum.

»Was haben die denn da an ihrem Stock?«, erkundigte sich Eva.

»Aufgeblasene Schweinsblasen, sogenannte Saubladere. Véronique lachte über Evas angewidertes Gesicht. »Sie gehen nicht zimperlich damit um. Normalerweise schlagen sie damit auf den Asphalt, aber wenn sie sich provoziert fühlen, bekommen das manchmal auch die männlichen Besucher zu spüren. Der Witz liegt darin, dass man sich oft von einer harmlosen Frau schlagen lässt oder sich gar fürchtet.«

»Das ist das Phänomen der Verkleidung«, sagte jetzt Luca. »Irgendwann sieht man nur noch die Gestalt im Häs – oder wie das heißt. Sie wird real und man vergisst, dass sie einen Menschen, wie du und ich, verbirgt.«

»Häs nennt man das Narrenkleid, das ist richtig, aber bei den Schuttig spricht man vom Anzug«, erklärte Véronique. »Übrigens, die Menschen darunter sind nicht immer harmlos. Schwarze Schafe gibt es überall, auch in der Fasnet. Deshalb ist eine Nummern-Plakette Pflicht, damit man bei einer Anzeige den Träger ausmachen kann.«

»Wie gruselig«, Eva füllte die Teller, die man ihr entgegenhielt. »Gut, dass wir in bester Begleitung sein werden. Ich bin nämlich dafür, gemeinsam hinzugehen. Was meinst du, Véronique?«

»Von mir aus gern. Es ist wirklich ein sehenswertes Spektakel und Fastnacht ist dieses Jahr spät. Bis dorthin kannst du dich bestimmt mit dem Gedanken anfreunden.« Sie warf einen bittenden Blick in Richtung Fabien.

Dieser gab sich geschlagen und hob die Arme. »Wie es aussieht, bin ich, drei gegen einen, überstimmt. Und jetzt lasst uns essen.«

»Stimmt. Bon appétit«, sagte Luca und strahlte über beide Ohren.

Kapitel 3

Fabien schwang sich hinter das Lenkrad seines SUV und drehte sich zu Eva um, die mit Luca auf der Rückbank saß. »Ihr habt Glück, dass man sich als Besucher für diese Veranstaltung nicht verkleiden muss. Sonst wär ich definitiv raus.«

»Ich denke, dass dich keine zehn Pferde nach Mainz oder Köln zum Straßenkarneval bringen?« Véronique schaute ihn mit Unschuldsmiene auf dem Beifahrersitz an.

»Da hast du ausnahmsweise recht, chérie«, säuselte Fabien und programmierte das Navi. »Wobei, wenn du die Gardisten auf ihren Pferden ansprichst, die haben schon was …«, gab er zu und setzte einen träumerischen Blick auf. »Aber wenn man es richtig sieht, tragen die Uniform und keine lächerliche Verkleidung. Ich bin beim Zappen mal auf einem deutschen Sender gelandet, der so einen Umzug übertragen hat«, fügte er erklärend hinzu.

»Setz einen Narren aufs Pferd und schon ist die Fastnacht salonfähig.« Eva knuffte ihren Bruder von hinten gegen den Oberarm.

»Pferde veredeln eben alles«, sagte Fabien und startete den Motor.

Anfang März lag noch ein wenig Schnee und wo sich kein Salz mehr auf der Straße befand, glitzerte der Belag verdächtig. Fabien passte die Geschwindigkeit an und nach knapp einer Stunde hatten sie ihr Ziel erreicht. Vor einem großen Parkplatz am Ortsrand von Elzach stauten sich die Fahrzeuge, und die Seitenränder an der Landstraße waren zugestellt. Aus Rücksicht auf seinen erst kürzlich verletzten Bruder versuchte er sein Glück weiter vorn am Ortseingang.

»Langsam!«, rief Véronique aufgeregt und reckte sich auf dem Sitz. »Ich glaub, da fährt einer raus!«

Fabien hielt und setzte den Blinker. Geschickt manövrierte er den Wagen in die winzige Lücke. »Ups. Ich hätte euch erst aussteigen lassen sollen«, meinte er mit Blick auf die Frauen, die beide auf der rechten Seite saßen.

Eva schaute skeptisch aus dem Seitenfenster. »Ich kann bei der Dunkelheit nichts erkennen.«

»Vielleicht rutscht ihr besser rüber und steigt auf meiner Seite aus, bevor ich euch aus dem Graben fischen muss«, schlug Fabien vor.

Nachdem sich alle aus dem Auto geschält hatten, schlüpften sie in die warmen Jacken. Eva, die schnell fror, zog sich eine lila Pudelmütze über die Ohren, holte tief Luft und hängte sich bei Véronique ein.

»Bereit?«, fragte diese mit einem Grinsen. »Dann auf ins Getümmel! Und Jungs«, Véronique legte flehend die Handflächen aneinander. »Lasst euch nicht provozieren. Sie sind in der Überzahl.«

Es dauerte nicht lange, bis sie auf die ersten Schuttig trafen, die in den Straßen des Örtchens herumtollten. Eva klammerte sich fester an den Arm der Freundin und starrte auf den mit Schneckenhäusern besetzten Strohhut in der Form eines gedrehten Dreispitzes, an dessen Enden rote Wollbollen prangten. Teufelshörner entsprangen der Maske auf der Stirn, und unter der großen Nase waren die Zähne gebleckt. Der Anzug aus roten Filzzotteln, das grüne Larventuch und die weißen Handschuhe zeigten kein Stückchen Haut. Einer der drei großen Gestalten schwang bedrohlich den gedrehten Ochsenziemer2 mit der riesigen Schweinsblase und ließ diese mit einem Knall auf die Straße niedersausen.

»Du darfst keine Angst zeigen«, murmelte Véronique, als sich einer aus der Dreiergruppe löste und sich brummend an ihre Seite drückte. Dem Träger haftete ein muffiger Geruch an, den das Kostüm verströmte, gemischt mit einer Prise Schweiß. »Na, du bist aber ein Süßer«, gurrte Véronique und kraulte, wen auch immer die Maske verbarg, das hölzerne Kinn. »Verrätst du mir deinen Namen?« Sie versuchte sich in einem koketten Augenaufschlag und hoffte, dass Fabien die Ruhe bewahrte.

Die beiden anderen Schuttig beobachteten den Kameraden, der sich unter Véroniques Hand wie eine Katze wand und laut brummte. Das »Heinrich« kam leise knurrend und löste in der Gruppe der Fastnachter Heiterkeit aus, die sich in wildem Gejohle ausdrückte.

»Das ist aber ein schöner Name«, kommentierte Véronique. »Am besten wir verraten ihn nicht weiter.« Mit einem betont fröhlichen »Viel Spaß euch dreien«, zog sie Eva unauffällig mit, froh, dass man sie gehen ließ.

»Was war das denn?«, knurrte Fabien durch zusammengebissene Zähne und hakte sich auf Véroniques anderer Seite ein.

»Reg dich bloß nicht auf.« Sie bedachte ihren Freund mit einem warnenden Blick. »Die warten nur auf Widerstand, um mit den Besuchern Schabernack zu treiben, und ich dachte mir, du möchtest nicht, dass sie mich quer durch den Ort schleppen, während sie dich mit den Schweinsblasen bearbeiten.«

»Du meinst doch nicht allen Ernstes, dass ich das zugelassen hätte?« Das verächtliche Schnauben verriet seine Empörung.

»Oh doch, aber du bist mit dieser Ansicht nicht allein. Viele wurden eines Besseren belehrt, und darauf hab ich heute Abend keine Lust, allein wegen meiner schwangeren Freundin und deinem angeschlagenen Bruder. Oder bist du mit deinem angeknacksten Rücken scharf auf diese Kabbeleien, Luca?« Etwas ungeduldig blickte Véronique in die Runde.

»Nicht wirklich«, gab Luca zu und Eva schüttelte den Kopf.

»Gut. Vergesst nicht: Es ist Fastnacht und alle wollen ihren Spaß. Und meist bleibt es dabei, auch wenn es hier ein bisschen rauer zugeht. Ihr braucht also keine Angst zu haben. Man muss sich nicht alles gefallen lassen, aber in der Regel kommt man am besten durch, wenn man mitspielt und nicht unnötig provoziert.« Die letzten Worte richtete Véronique speziell an Fabien, der »ich bin kein Fan von diesem närrischen Treiben« murmelte, aber nicht widersprach.

»Ich glaube, wir sollten uns einen Platz am Straßenrand suchen«, lenkte Luca ab. »Die Leute stellen sich bereits auf.«

Sie standen eng gedrängt am Rand, und es dauerte geraume Zeit, bis die Klänge des traditionellen Elzacher Narrenmarsches zu hören waren, gespielt von der ersten Musikkapelle, die vornweg zog.

»Was für ein Kontrast zu den wilden Gesellen«, stellte Eva fest und bewunderte die hoch aufragenden bunten Spitzhüte, welche die Musiker zu weißen Hemden mit farbigen Kringeln am Saum trugen. Der Rhythmus des Marsches lud zum Hüpfen ein, und sie spürte, wie die Menge um sie herum im Takt mitschwang. Die Stimmung änderte sich schlagartig, als sich Fackeln, in der Dunkelheit wie in Geisterhänden schwebend, die enge Straße herunterbewegten.

Fabien drückte Véroniques Hand fester. Ein nicht enden wollender Strom von roten Gewändern kam auf sie zu. Die Masse an Schuttig tanzte im wilden Takt zum Marsch und ließ die Schweinsblasen auf die nasse Straße niedersausen. Manch eine war dem Treiben bereits zum Opfer gefallen und hing schlaff am Ochsenziemer herunter.

Auf Véroniques Anraten standen sie nicht in erster Reihe. Sie freute sich, dass nun auch Fabien die Begeisterung für dieses Spektakel packte. Um nichts zu verpassen, reckte er den Kopf. Mit einem unverkennbaren »Plopp« traf ihn eine Schweinsblase an der Wange und hinterließ eine Dreckspur quer über dem Gesicht. Völlig perplex schnappte er nach Atem und rieb sich die Backe. Ein Angriff auf Eva, deren lila Mütze sich plötzlich von den Haaren erhob und an einer hölzernen Streckschere3 durch die Luft schwebte, lenkte ihn von einer unbedachten Reaktion ab. Etliche Meter weiter pflückte sie ein aufmerksamer Zuschauer ab und gab sie unter Lachen über die Köpfe der Menschen die Straße hinauf, sodass Eva sie tatsächlich wiedererlangte.

»Das war wirklich beeindruckend«, schwärmte sie, als die letzten Schuttig vorbeigezogen waren und sich die Menschenmassen dem Schwanz des Zuges anschlossen. »Lasst uns noch in eine Schenke gehen, bevor wir heimfahren. Ihr könnt alle was trinken, ich fahre euch«, bot Eva an.

»Super Idee. Ich glaub, Fabien könnte was vertragen.« Zärtlich fuhr Véronique ihm über die Wange. »Brennt es arg?«

Fabien schüttelte den Kopf. »Ach was. Nicht der Rede wert«, wiegelte er ab. »Schaut mal die Kneipe da vorn am Eck. Ich höre Musik und glaub, da kann man sogar tanzen.«

»Du kannst tanzen?«, fragte Véronique überrascht. Darüber hatten sie noch nie gesprochen, und eine Gelegenheit hatte sich seither nicht ergeben.

»Selbstverständlich. Wir waren alle in der Tanzschule. Du etwa nicht?«, fragte Luca.

»Doch, aber nicht in meiner Jugend. Ich habe das mit Bernd später nachgeholt.« Sie spürte bei der Erinnerung einen kleinen Stich im Herzen. »Und heute würde ich es gerne mit dir ausprobieren, chéri.«

Alle Wirtshäuser füllten sich in Windeseile und auf dem Weg zur Eckkneipe kam ihnen ein Schuttig entgegen, der ein Mädchen hinter sich herzog, das vor Lachen quiekte, gefolgt von einer Gruppe Jugendlicher, die die Verfolgung aufgenommen hatten. Kurz vor Véronique und ihren Begleitern stutzte er, ließ seine Beute los. Ehe jemand reagieren konnte, schnappte er sich Véronique, warf sie sich über die Schulter und machte kehrt. Samt seinen Kumpanen rannte er Richtung Eckkneipe die Straße entlang.

»Bleib bei Eva!«, schrie Fabien seinem Bruder zu und nahm sofort die Verfolgung auf, gelangte aber nicht an den Unhold, der von seinen Mittätern abgeschirmt wurde.

Véronique, die anfangs schrie, war still und krallte die Hand in das Kostüm des Schuttig.

»Lass sie sofort los!«, schrie Fabien aufgebracht und versuchte, an den anderen beiden vorbeizukommen, die schwungvoll ihre Schweinsblasen herumwirbelten. Es gelang ihm, sich unter einem Arm zu ducken und näher an Véronique heranzukommen. Fabien traute seinen Ohren nicht: Véronique lachte unter Keuchen. Der Schuttig blieb stehen und setzte Véronique ab.

Fabien holte aus, aber Véronique griff ihn am Arm. »Alles gut, Fabien. Keine Sorge. Ich kenne ihn. Es ist Chris«, erklärte Véronique atemlos.

»Mir egal, wie der heißt«, knurrte Fabien und fixierte die beiden Kumpanen, die jetzt lammfromm daneben standen.

»Nein, Fabien, es ist Chris. Ich kenne ihn gut. Lasst uns wie geplant in die Kneipe gehen. Dort kann ich ihn euch vorstellen.«

Luca war mit Eva nähergetreten und lauschte der Unterhaltung.

Véronique zog Fabien, der sie verständnislos ansah, sich aber langsam beruhigte, weiter. »Manche fordern solch ein Gerangel mit Absicht heraus und haben ihren Spaß, aber meistens steckt ein Bekannter oder Freund dahinter.«

Fabien schüttelte fassungslos den Kopf.

In der Wirtschaft drängten sich die Leute. Nur auf der Tanzfläche gab es noch Luft, wo sich nur wenige Mutige tummelten. Dafür hatte sich am Ausschank eine mehrreihige Schlange gebildet.

Luca ergriff die Initiative. »Auf geht’s, Fabien. Wir holen die Getränke. Apfelsaftschorle, Eva?«

Sie nickte. »Wir bleiben hier, damit ihr uns in dem Gedränge wiederfindet.«

Der DJ spielte »Komm hol das Lasso raus« und der ganze Saal grölte mit und schwang an besagter Stelle die Hand über dem Kopf.

Fabien ließ die Frauen ungern allein, aber er schien einzusehen, dass man hier nicht mit weiteren Übergriffen rechnen musste.

»Véronique?«, brüllte es in ihr Ohr und sie fuhr herum.

»Chris! Das ist wirklich ein Zufall! Sind die anderen auch dabei?«

»Nur Michael mit seiner Angetrauten. Die beiden stehen bei den Getränken an.« Er steckte zwei Finger in den Mund und ein greller Pfiff ertönte, der sogar über die Musik zu hören war. Außer dem ehemaligen Junggesellen drehte sich gefühlt der halbe Saal um, Fabien eingeschlossen. Chris fuchtelte mit dem Arm, bevor er auf Véronique zeigte.

Der Freund samt Fabien winkten zurück, und Véronique wandte sich an Eva, die mit unverhohlener Neugier auf eine Erklärung wartete.

»Erinnerst du dich an den Junggesellenabschied, von dem ich dir erzählt hab? Mit dem ich durch Freiburg gezogen bin, bevor es mich ins Elsass verschlagen hat?«

»Ja, klar. Du meinst …« Eva blickte mit einem Grinsen abwechselnd zu ihrer Freundin und dem jungen Mann.

»Genau. Das ist einer der Truppe, Chris von damals und von heute. Ich muss sagen, ohne Anzug gefällst du mir besser«, erklärte Véronique. »Der da drüben war der Bräutigam. Seine Frau kenne ich selbst noch nicht.«

»Das gibt’s ja nicht!«, rief Michael schon von Weitem und trat mit der jungen Frau, die ein Hemdglunker4 trug, auf sie zu. »Das nenn ich Zufall! Wie geht’s dir? – Meine Frau Selina«, stellte er die langhaarige Brünette vor. »Selina, das ist Véronique, die wir auf dem Junggesellenabschied kennengelernt haben. Ich habe dir doch von der Wiwili-Brücke erzählt.«

»Hey, toll, dich persönlich kennenzulernen. Du bist auf einigen Fotos verewigt. Muss ein heißer Abend gewesen sein.« Sie zog am Strohhalm, der in einem Cocktailglas mit einem orangeroten Getränk steckte. »Habt ihr noch nichts zu trinken?«

»Doch, schon auf dem Weg.« Fabien trat mit Luca zu der Gruppe und drückte den Frauen die Gläser in die Hand. »Man kann dich wirklich keine zehn Minuten allein lassen, chéri. Möchtest du uns nicht vorstellen?«

»Tja, also: Das ist Chris«, sagte Véronique und schaute Fabien flehend an.

»Sorry, ich hab sie gleich wiedererkannt und konnte ja nicht ahnen, dass du ihr Freund bist. Wobei ich zugeben muss, dass ich sie mir wahrscheinlich trotzdem gekrallt hätte.«

»Schwamm drüber«, sagte Fabien, der sich Gott sei Dank nicht als Spielverderber aufspielte.

Nachdem alle miteinander bekannt waren und die Musik ein Walzer-Medley anstimmte, zog Fabien Véronique auf die Tanzfläche. »Komm, das ist zum Einstieg geradezu perfekt.«

Véronique genoss den ersten Tanz mit Fabien, der sie elegant über die Fläche manövrierte. »Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein«, keuchte Véronique, der es von den Walzerdrehungen schwindelte.

»Die Fotos würde ich jedenfalls gern sehen«, sagte Fabien und verzog den Mund zu einem Grinsen, das sich zu einer schmerzhaften Grimasse veränderte, als er mit einem anderen Paar zusammenstieß, das sich in einer Linksdrehung versuchte. Er gab ein zischendes Geräusch von sich und hüpfte abwechselnd auf einem Fuß. »Solche Schuhe gehören verboten«, keuchte er. »Dagegen ist ein Huftritt geradezu harmlos. Pause, bitte!« Fabien steuerte den Rand der Tanzfläche an. »Heute haben es alle auf mich abgesehen.«

»Komm mit da rüber. Ich schau es mir an«, bot Véronique an.

»Nein. Lass mal. Ist eh nicht mehr zu ändern. Mach kein Aufsehen.« Fabien winkte ab. »Schau mal, unsere Truppe hat einen Tisch ergattert. Wir können uns setzen.« Mit einem unterdrückten Seufzen ließ er sich auf den Holzstuhl fallen, der verdächtig knarzte.

»Ein Tisch? Wie habt ihr das denn angestellt?«, fragte Véronique bewundernd.

»Perfekt, oder?«, fragte Chris. »Aber jetzt erzähl mal. Wie hat dein Morgen danach ausgesehen? Du weißt schon. Ich erinnere mich vage, dass du dich auf eine Bank am Busbahnhof gelegt hast und nicht zum Weitergehen zu bewegen warst. Du hast beteuert, dich einen Moment auszuruhen und dann nach Hause zu gehen. Wir hatten lange ein schlechtes Gewissen, weil wir dich dort zurückgelassen haben. Umso mehr freut es mich, dich so überraschend und guter Dinge wiederzutreffen.«

Véronique dachte nicht gerne an jenen Abend und noch weniger an den Morgen danach zurück. Trotzdem fasste sie grob zusammen, wie sich ihr Leben im Elsass wieder zum Positiven gewandelt hatte.

»Coole Geschichte. Mir scheint, du hast nach wie vor ein Faible für Abenteuer. Und du sagst, du hast eine Gärtnerei?«, wandte er sich an Luca.

»Oui.« Luca versuchte, sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Wenn es gar nicht mehr weiterging, wurde Véronique um Hilfe gebeten, die unermüdlich in der Runde dolmetschte und vor allem Chris’ Witze übersetzen musste, die er unablässig erzählte.

Eva schüttelte sich vor Lachen und hielt sich den Bauch. »Wie kannst du dir die nur alle merken? Ich habe jetzt schon den Vorletzten wieder vergessen.«

»Wenn der Junggesellenabschied nur halb so lustig war, hattet ihr bestimmt jede Menge Spaß«, warf Fabien ein. Er grinste Véronique an, der prompt die Hitze ins Gesicht schoss.

»Manchmal ist es besser, sich nicht so genau erinnern zu können.« Véronique tätschelte Fabiens Hand. »Ich bin nicht scharf drauf, den Filmriss zu kitten. Niemals hätte ich gedacht, dass wir uns wiedersehen«, sagte sie an Chris gewandt.

Die Musik machte eine kurze Pause. »Wir eröffnen diesen Sommer eine Pension im Elsass«, plauderte Eva aus. »Familienfreundlich in jeder Hinsicht, ob mit Kindern oder noch in der Planung, wenn ihr versteht.« Dieser Gedanke schien ihr gerade erst gekommen zu sein, denn ihre Augen leuchteten.

»Das ist es, oder?«, hakte Véronique sofort nach. »Die Bestimmung deiner Pension, der Kernpunkt, der sie von den anderen Hotels absetzt. Ich denke, dazu fällt uns jede Menge ein.«

»Du hast es sofort verstanden.« Evas Blick zeigte Dankbarkeit. »Das schätze ich so sehr an unserer Freundschaft. Wir surfen stets auf der gleichen Wellenlänge.«

»Es war ein toller Abend, findet ihr nicht?« Eva hielt vor der Ferienwohnung, um Fabien und Véronique aussteigen zu lassen.

»Auf jeden Fall«, schwärmte Luca. »Sowas gibt es hier einfach nicht, und dass ihr alle mitgekommen seid, war toll. Wir haben schon so lange nichts mehr gemeinsam unternommen.«

Fabien enthielt sich einer Meinung.

»Ich nehme an, du übernachtest hier am Hof, Luca?« Es war eine rhetorische Frage von Eva. »Dann sehen wir uns später wie immer beim Frühstück. Schlaft gut«, fügte sie an und fuhr mit Luca vor zum Haus. Sie musterte ihren Bruder, der mit einem seligen Ausdruck neben ihr auf dem Beifahrersitz thronte. »Hab ich irgendwas verpasst?«

»Wie?« Luca fuhr zu ihr herum und wuschelte sich durch die braunen Locken.

»Ziemlich weit weg. Deine Gedanken«, meine ich. Eva hielt vor dem Gutshaus und öffnete den Gurt, der sich schnarrend aufrollte. »Kenn ich sie?«

»Nein, und ich auch nicht.« Luca grinste. »Was du dir manchmal einbildest.« Er schnaubte verächtlich und stieg aus.

»Du wirst dein Herz doch nicht an diese Selina verloren haben?« Sie zog eine Augenbraue hoch. Eva entging die leichte Röte auf seinen Wangen nicht. Luca murmelte irgendwas von Chris, das Eva nicht verstand.

Sein Atem trieb in kleinen Wölkchen vor ihm her, als er fluchtartig die Stufen zur Haustür hinaufstieg.

Als Eva ins Haus trat, war er bereits auf seinem Zimmer. Unter der Tür sah sie noch Licht und überlegte kurz, ob sie klopfen und eintreten soll. Es war spät. Es hatte Zeit bis morgen. In Gedanken an die lustige Runde in der Kneipe betrat sie ihr eigenes Zimmer und erinnerte daran, den Schwerpunkt der Pension auf Familienfreundlichkeit zu legen. Auf Kinder und die Erwachsenen, die sich sehnlichst welche wünschten. Eingekuschelt in die Bettdecke spann sie die Idee weiter, bis ihr die Augen zufielen.

Kapitel 4

Eva stand mit Véronique im vorderen Gartenbereich, auf der Rückseite der zukünftigen Pension, und sog wohlig die milde Frühlingsluft ein. »Der März ist mir der liebste Monat«, schwärmte sie. »Man hat die Sonne so lange vermisst und freut sich über jeden einzelnen Strahl.«

»Der Winter hatte uns auch hart im Griff«, stimmte Véronique zu. »Ich dachte schon, es wird nie anders, aber wie du siehst: Gut Ding braucht Weile. Luca kommt übrigens nachher rüber. Wir wollen die Gartenanlage planen.«

»Wenn ich euch irgendwie behilflich sein kann, einfach sagen.« Eva schaute dem ersten Zitronenfalter nach, der in einem Bogen um sie herumflog und sich dann Richtung Brunnen davonmachte.

»Mach langsam.« Véronique blickte Eva liebevoll an. »Das Kleine wird es dir danken.«

Eva rieb sich über den Bauch und grinste, weil sie das jetzt unbewusst häufiger tat. Außerdem steckte etwas in ihrer Hosentasche, das sie Véronique zeigen wollte. »Schau mal.«

Véronique machte große Augen und schnappte sich das kleine Stück Papier. »Ein Ultraschallbild.«

»Ja, das erste Porträt.« Stolz schaute Eva der Freundin über die Schulter. »Ich kann es gar nicht erwarten, bis ich was spüre. So als Bestätigung, dass da tatsächlich etwas heranwächst. Bei der nächsten gynäkologischen Untersuchung wird wieder eins gemacht. Ich bin ganz aufgeregt, wie viel man dann schon sieht.«

Véronique erinnerte sich an die Schwangerschaft mit Martin. Das war siebzehn Jahre her und trotzdem kam es ihr vor, als wäre es gestern gewesen.

Eva bemerkte den Schatten über dem Gesicht der Freundin. »Du denkst an deinen Sohn.« Tröstend drückte sie ihre Hand. »Wenn du magst, erzähl mir von deiner Mutterschaft und Geburt. Es interessiert mich. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie sich das anfühlt. Seit ich weiß, dass ich schwanger bin, also das Kind da drin ist, muss ich immer dran denken, dass es auch irgendwann wieder raus will, und das macht mir Angst.«

»Das ist ganz normal. Komm, wir setzen uns da vorn auf die Bank«, schlug Véronique vor. »Jede Frau erlebt die Geburt anders. Ja, es tut weh und ich kann nicht behaupten, dass der Schmerz vergessen war, wie es immer heißt, als ich mein Baby im Arm hielt. Aber eins kann ich bestätigen. Das Gefühl ist unbeschreiblich.« Und sein Kind im Alter von fünfzehn Jahren zu verlieren, war der größte Schmerz überhaupt, fügte sie in Gedanken hinzu.

»Du warst eine gute Mutter, Véronique.«

---ENDE DER LESEPROBE---