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Turbulenzen rund um Verantwortung, Familie und Tierschutz … Lässig, locker, ungebunden und ein bisschen chaotisch: Das ist Bobby. Mit Einzug in das Schleusenhaus ändert sich ihr Leben schlagartig. Neben der Arbeit in der Tierarztpraxis und der Eröffnung einer kleinen Tierpension, verspricht sie drei Wochen auf ihr Patenkind Annika aufzupassen. Die Kleine hat ihre ganz eigenen Vorstellungen und Bobby wächst die Verantwortung schnell über den Kopf. Selbst ihr lockeres Verhältnis mit Serge leidet unter der Sechsjährigen. Eine feste Beziehung kommt für Bobby nicht infrage, aber dann wird ihr attraktiver Chef wieder Single. Er sorgt sich zunehmend um Bobby, die, nach einer entsetzlichen Entdeckung im Wald, auf eigene Faust ermittelt. Gibt es einen Zusammenhang mit den Giftköderanschlägen rund um die Tierarztpraxis …? Ein spannender Liebesroman vor der Kulisse des südlichen Elsass und der letzte Band der dreiteiligen Schleusenhausreihe.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
EIN FÜR IMMER ZUHAUSEBand 3 der Schleusenhausreihe Marianne Carrera
Über die Autorin:
Marianne Carrera, Jahrgang 1967, stammt gebürtig aus Rheinland-Pfalz. Sie hat einen Abschluss als Wirtschaftsleiterin und medizinische Fachangestellte. Seit 1993 lebt sie mit ihrer Familie im Elsass, wo sie einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet und jahrelang Pferde und Ziegen hielt. Außerdem engagiert sie sich ehrenamtlich im Tierschutz.EIN FÜR IMMER ZUHAUSE ist der dritte und letzte Band der dreiteiligen Schleusenhausreihe.
Impressum:1. Auflage 2023 © Marianne Carrera – alle Rechte vorbehalten [email protected] www.mariannecarrera.com
Marianne Carrera c/o Autorenglück.de Franz-Mehring-Str.15 01237 Dresden Text: Marianne Carrera Lektorat: Ilka Sommer Korrektorat: Ilka Sommer Covergestaltung: Kristin Pang unter Verwendung von shutterstock.com eBook-Formatierung: Stefanie Scheurich unter Verwendung von freepik.com ISBN: 9-783-757-955-274 Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, sowie den Verkauf und die Weitergabe an Dritte.
Schleusenhaus, jährliches Halloween-Treffen, 30 Jahre nach Marits Auszug
»Auf uns!« Bobby hob ihren Tonbecher.
»Auf das Schleusenhaus!«, rief Julia.
»Auf die Freundschaft!«, fügte Marit hinzu und trank vorsichtig einen Schluck. Vor ihnen auf dem Tisch stand ein Topf mit Glühwein, der seinem Namen alle Ehre machte.
Julia kräuselte die Nase, als ihr beim Trinken der alkoholgeschwängerte Dampf in die Stirn stieg. Sie erhob sich und legte im Kaminofen ein Stück Holz nach, der dem Wohnzimmer eine behagliche Wärme verlieh. »Es ist toll, dass du ausnahmslos zu unserem Jahrestreffen anreist, Marit!«
»Ich liebe es, mit euch in Erinnerungen zu schwelgen.« Marit seufzte theatralisch und prustete gleich darauf los. »Es kommt mir immer ein bisschen wie in diesem Spielfilm Die Feuerzangenbowle vor, auch wenn wir traditionell Glühwein trinken und noch nicht ganz so alt sind.« Sie nahm einen großen Schluck. »Magnus freut sich genauso auf die Treffen wie ich, seinen besten Kumpel Romulus wiederzusehen und deinen Mann, Bobby. Es ist schön, sie in geselliger Runde bei Julia zu Hause zu wissen, und ich denke, es geht dort ebenso feuchtfröhlich zu. Also seid versichert, solange Magnus und ich in einen Flieger krabbeln können, lassen wir uns das nicht entgehen.«
»Früher waren für mich Leute Ende fünfzig steinalt«, bemerkte Bobby.
»Schön, dass du das jetzt anders siehst, wo das halbe Jahrhundert bald an deiner Tür anklopft.« Marit warf Bobby einen belustigten Blick zu.
»Wie läuft es in Schweden, Marit?«, erkundigte sich Julia.
»Gut. Magnus ist überglücklich, dass unser Sohnemann Sven in seine Fußstapfen tritt und sich für den eigenen Betrieb entschieden hat.«
»Mich freut immer noch, dass Sven nach seinem Großvater benannt ist«, sagte Julia.
»Magnus hat sich auf die Fahne geschrieben, es besser als sein Vater zu machen«, erklärte Marit, »und das gelingt ihm ziemlich gut.«
»Und eure Älteste?«, fragte Bobby.
»Annika hat mit ihrem Kindheitswunsch Tierkrankenschwester zu werden, wie es in Schweden heißt, die richtige Entscheidung getroffen. Sie geht im Job voll auf. Keine Ahnung, Bobby, was du ihr damals in den Kopf gepflanzt hast, als sie die Ferien bei dir verbracht hat.«
Bobby füllte mit der Schöpfkelle die Becher der Freundinnen frisch auf. »Ich wasche meine Hände in Unschuld. Als Tiernärrin wirst du geboren, glaub mir, und Annika geht es da genau wie mir. – Ach Mädels! Die Zeiten im Schleusenhaus waren ganz schön turbulent, findet ihr nicht? Da kann jede von uns ein Lied singen, aber wenn ich an die Sommerferien, von denen Marit spricht, zurückdenke …«
Sechs Jahre nach Wiedereröffnung des Café Créma
Bobby balancierte das Blech mit dem Tiramisu auf dem linken Unterarm und bückte sich nach dem Rucksack, den sie im Flur der WG abgestellt hatte.
»Woahh!« Das Dessert geriet gefährlich in Schieflage und rutschte. Bobby riss den Arm hoch, um die wertvolle Fracht vor dem Absturz zu retten, aber das gab dem Blech nur den nötigen Schwung. Es schlitterte wie ein Bob auf dem gebohnerten Linoleum Richtung Tür, wo es mit solcher Wucht gestoppt wurde, dass der Kakao nur so staubte. Lassie, die mit erhobener Nase neben Bobby schnüffelte, ergriff die Chance beim Schopf und sprang der Leckerei nach, die zu ihrer Freude deutliche Spritzspuren an Boden und Eingang hinterlassen hatte.
»Scheiße! Lassie aus!« Bobby stolperte hinterher und riss das Objekt der Begierde gerade noch rechtzeitig in die Höhe, bevor sich die Hundeschnauze genüsslich darin versenken konnte. Ersatzweise leckte Lassie Boden und Tür sauber, was Bobby gerne zuließ, ersparte es doch das lästige Aufwischen. Sie begutachtete das Tiramisu, von dessen einst so schön bestäubter Oberfläche nicht viel übrig war. Sie eilte zurück in die Küche, in der, wie immer nach ihr, das pure Chaos herrschte. Mit dem Ellenbogen schob sie zwei Schüsseln zur Seite, um ein bisschen Platz für das Blech zu schaffen, strich die oberste Sahneschicht mit dem Teigschaber glatt und bepuderte sie erneut mit Kakao. »Na, fast wie neu!«, triumphierte Bobby. Mit einem letzten Blick auf das Durcheinander schulterte sie den Rucksack und nutzte beide Hände für den Transport der Nachspeise. »Auf geht’s, Lassie. Die anderen warten bestimmt schon!«
Das Blech auf dem Boden vor dem Beifahrersitz verstaut und Lassie sicher im Laderaum des Wagens, erreichte sie das Schleusenhaus ohne weitere Katastrophen, was angesichts der Straßenverhältnisse nicht selbstverständlich war. Anfang März ließ der Winter nochmals seine Muskeln spielen und eine Kaltfront hatte Schneegriesel gebracht, der stellenweise liegengeblieben war. Bobby fuhr den kleinen Parkplatz an, weil sie fürchtete, die glatte Auffahrt am späten Abend mit den Sommerreifen nicht mehr hochzukommen.
»Hey, Bobby! Tiramisu? Ich hatte gehofft, dass du welches mitbringst!« Julia umarmte ihre Schwester an der Tür und nahm das Blech entgegen. »Geh hoch ins Wohnzimmer, die anderen sind bereits alle da!« Lassie drückte sich vorbei und erstürmte die Treppe, auf der ihr Annika entgegenkam. »Tante Bobby!« Enthusiastisch stürzte sie sich in die Arme ihrer Patentante.
Bobby stöhnte, als sich die Kinderhand in ihren linken Oberarm bohrte. »Hey, du Wildfang! Langsam, du wirfst mich ja um!« Sie setzte sich die Sechsjährige auf die rechte Hüfte, worauf diese das Ärmchen um Bobbys Hals legte.
»Tut dir was weh?«, fragte Annika.
Bobby bewunderte den Scharfsinn der Kleinen, der so schnell nichts entging. »Ein bisschen am Arm von einer Impfung, die ich bekommen habe«, beschwichtigte Bobby und erklomm ächzend die letzten Stufen. »Hast du zugenommen oder bist du schon wieder gewachsen?« Auf dem Flur setzte sie die Last ab und rieb sich das Kreuz.
Annika zog sie an der Hand weiter. »Mama, Bobby ist da und hat Tiramisu mitgebracht! Stimmt doch, oder?« Hoffnungsvolle Augen richteten sich auf Bobby.
»Kann schon sein«, erwiderte sie geheimnisvoll. »Hey, Marit!« Sie umarmte Annikas Mutter und nickte Magnus zu, der sich sein Töchterchen schulterte und Richtung Treppe trabte, wo sich Annika nochmals umdrehte.
»Wir haben dir was zu sagen, aber ich darf nix verraten. Hab's versprochen – aber du musst unbedingt Ja sagen!«, quiekte sie von oben herab.
»Willst du wohl still sein!«, tadelte Magnus. »Lass uns lieber mal nachsehen, ob Tante Julia in der Küche Hilfe braucht. Die Pizzen duften jedenfalls vielversprechend.«
»Ich komme mit«, sagte Marit.
Bobby begrüßte Romulus, nahm sich eine Handvoll Chips aus der Schale auf dem Couchtisch und ließ sich aufs Sofa fallen. »Neuigkeiten also – da bin ich ja gespannt. Dachte mir schon, dass diese Zusammenkunft einen bestimmten Grund hat.«
»Stimmt. Lange her, dass wir so ein Treffen hatten«, sagte er. »Das letzte Mal, als Marit kurz nach Eröffnung des Cafés mit Umbauplänen für das Schleusenhaus um die Ecke kam.«
»Ja, genau! Da war Marit noch in anderen Umständen«, rechnete Bobby nach. »Und was liegt diesmal an?«
»Du wirst es nicht glauben, aber selbst mich hat man bisher nicht eingeweiht«, beschwerte sich Romulus. »Dabei ist Magnus mein bester Kumpel.«
»Kommt ihr runter, essen?«, rief Julia aus dem Flur hinauf.
Romulus reichte Bobby die Hand und half ihr vom Sofa, wobei diese schmerzhaft das Gesicht verzog. »Was ist los?«
»Impfreaktion auf die gestrige Tetanus-Auffrischung. Der Arm ist ganz dick.«
»Zeig mal!« Romulus hielt immer noch ihre Hand und wollte den Ärmel hochschieben, aber Bobby entzog sich dieser fürsorglichen Geste.
»Halb so wild! Lass uns lieber runtergehen, bevor die anderen ohne uns anfangen.«
In der Küche war der große Tisch gedeckt und auf den Sets standen Teller mit den reich belegten Pizzen. Bobby steuerte zielstrebig ihren Platz an, der an der einzigen vegetarischen Variante zu erkennen war, während Lassie sich an Romulus wanzte, von dessen Teller es nach Salami duftete. »Wehe, es füttert jemand vom Tisch!«, warnte Bobby und ließ ihren Blick einen Moment länger auf Annika ruhen, die sich das Wurststück, das sie von der eigenen Pizza gepopelt hatte, mit Unschuldsmiene schnell selbst in den Mund steckte. Die Frauen erhoben die Rotweingläser, die Jungs prosteten sich mit ihren Bierflaschen zu.
Annika versenkte das Näschen im Trinkbecher. »Darf ich Tante Bobby jetzt fragen?«, bettelte sie und leckte sich mit der Zunge die Saftreste von der Oberlippe. Bobby trank selbst einen großen Schluck und zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch.
»Nein, Mäuschen«, stoppte Marit die Ungeduld ihrer Tochter, »zuerst müssen wir unsere Pläne verraten. Aber danach«, versprach sie.
»Was denn für Pläne?«, fragte Bobby.
»Jetzt sind wir aber wirklich gespannt«, sagte Romulus und biss in ein Stück Pizza.
»Okay – bereit?« Marit schaute in die Runde. Magnus nickte ihr aufmunternd zu. »Wir waren in den letzten Jahren recht häufig zu Besuch bei Magnus’ Mutter in Schweden …«
»Ja, bei Oma Ida!«, warf Annika ein und erntete einen liebevollen Blick von der Mutter.
»Genau, bei Oma Ida. Ihr wisst ja, wie sehr ich für die Mittsommerfeste schwärme, und das letzte Mal stand etwas in Aussicht, was sich jetzt als spruchreif erwiesen hat und nach einer kurzfristigen Entscheidung verlangte. Etwas, was unser Leben noch einmal von Grund auf ändern wird.«
»Marit, komm zu Potte und mach es nicht so spannend«, warf Bobby ungeduldig ein.
Marit räusperte sich und zog die Aufmerksamkeit wieder auf sich. Dann ließ sie die Bombe platzen: »Wir werden nach Linköping auswandern und ich werde dort ein Café übernehmen.«
Stille. »Wie jetzt?«, fragte Romulus und blickte seinen Kumpel und Arbeitskollegen Magnus an. »Auswandern? Wann denn?«
»Diesen Sommer noch«, sagte Magnus, »damit es im September mit Annikas Einschulung klappt.«
»Von mir aus muss gar nix klappen! Ich will nicht weg!«, warf Annika aufgeregt ein.
»Du hast es gewusst, oder?«, fragte Romulus an Julia gewandt, ohne auf Annikas Protest einzugehen. Er schaute seine Frau vorwurfsvoll an, die tatsächlich wenig überrascht schien.
»Ja, Marit hat mich eingeweiht. Sie ist schließlich meine beste Freundin und das Café Créma hier, war einst unsere gemeinsame Idee.«
»Julia kann nichts dafür«, sprang ihr Marit zur Seite. »Ich hatte sie um Stillschweigen gebeten, bis wir wussten, ob es mit dem neuen Geschäft klappt.«
»Und jetzt muss hier natürlich alles aufgelöst werden«, sagte Julia.
»Ja, wenn du es nicht doch vermieten und weiter betreiben möchtest. Es ist ja dein Haus und du weißt, wie dankbar ich bin, dass du es mir zur Verfügung gestellt hast. Ich hoffe, du bist mir wirklich nicht böse, dass ich es aufgeben will.«
»Nein, natürlich nicht«, beteuerte Julia. »Schweden stand ja schon einmal zur Debatte und ich habe es dir damals schon freigestellt, auch wenn ich dich wahnsinnig vermissen werde. Aber nun zu dir, Bobby. Du bist meine Schwester und ich kenne deinen Wunsch, irgendwann mal eine kleine Tierpension zu eröffnen.« Bobby, die gerade in ein Stück Pizza beißen wollte, legte das Dreieck auf ihrem Teller ab und horchte auf. »Na ja«, fuhr Julia fort, »irgendwann könnte jetzt sein. Wenn du das immer noch umsetzen möchtest, kannst du ins Schleusenhaus ziehen und dir diesen Traum erfüllen. Natürlich darfst du auch ohne Tierpension hier wohnen, jetzt wo es frei wird.«
Bobby, die selten sprachlos war, saß mit halb geöffnetem Mund am Tisch und starrte ihre Schwester an. »Kneif mich«, hauchte sie. »Dein Ernst?« Etwas zwickte sie am Arm und ließ sie aufkeuchen.
Annika war um den Tisch herumgeschossen und Bobbys Wunsch nachgekommen. Natürlich treffsicher auf den geimpften Oberarm. »Und jetzt darf endlich ich«, sagte sie und hüpfte auf und ab. »Du musst nämlich auf mich aufpassen, wenn Mama und Papa in Schweden alles vorbereiten, dann darf ich nämlich noch hierbleiben! Bitte, sag ja!«, flehte Annika. Sie krabbelte auf Bobbys Schoß und schlang ihr die Arme um den Hals.
Bevor Bobby dem Dackelblick der Kleinen erlag und die Zusage über die Lippen rutschen konnte, wandte sie sich Marit zu. »Ich soll auf Annika aufpassen, während ihr hunderte Kilometer weg seid?«
»Tut mir leid, dass sie dich so überfallen hat. Aber es stimmt. Wir müssen in Schweden einiges organisieren und Annika würde die drei Wochen der Ferien gerne noch im Schleusenhaus verbringen. Na ja, und falls du sowieso hier einziehst, könnten wir ihr den Wunsch erfüllen. Natürlich nur, wenn du einverstanden bist.«
Bobby schaute erneut in flehende Dackelaugen, diesmal die der Mutter. »Ja – okay. Tja, ich denke …«
Was sie genau dachte, erfuhr niemand, denn in der Sekunde hatte Julia einen bedeutenden Einwand. »Und Annikas Großeltern? Ich meine, deine Mutter wird sich doch sicher darum reißen, ihr Enkelkind bei sich aufzunehmen, wenn es kurz darauf so weit wegzieht?«
»Nein!«, schrie Annika jetzt. »Ich will nicht zu Oma und Opa nach Freiburg! Ich will hierbleiben, bei dir, Tante Bobby! Bitte, bitte! Sag, ja!« Annika schmiegte sich wieder an ihre Patentante und Bobby spürte das kleine Herz an ihrer Brust, das aufgeregt pochte.
»Verstehe. Also gut, du Racker, wenn alle damit einverstanden sind – drei Wochen? Die vergehen sicher wie im Flug. Wir werden schon zurechtkommen, was?«
»Ja!«, schrie Annika, rutschte vom Schoß und sprang durch die Küche. »Und jetzt gibt's Tiramisu!«
»Erst wird aufgegessen, danach gibt's Nachtisch, und dann geht's ab ins Bett, Mademoiselle«, sagte Magnus, dessen Miene ausdrückte, dass er keinen Widerspruch duldete.
»Julia hat recht«, hakte nun Romulus bei Marit nach. »Wie haben denn deine Eltern reagiert?«
»Na ja. Papa denkt praktisch. Er meint, wenn wir uns noch mal verändern wollen, wäre jetzt der richtige Moment. Wir werden ja auch nicht jünger und mit Annikas Schulstart in der neuen Heimat passt das Timing perfekt. Und Mama – du kennst sie ja. Sie liebt die Kontrolle und dafür ist Schweden zu weit weg. Außerdem findet sie sechs Jahre der gemeinsamen Zeit mit Annika zu kurz, wo sie doch so lange auf ein Enkelkind warten musste. Wir werden wohl häufig zu Besuch kommen müssen, aber davon haben wir ja alle etwas.«
»Weiß deine Mutter schon, dass Annika lieber hier bei Bobby bleiben möchte?«
»Nein. Das muss ich ihr noch beibringen und ich fürchte, sie könnte hier öfter auftauchen, als Bobby lieb ist.«
Jenny, die heute Nachmittag allein in der Tierarztpraxis war, steckte das Telefon in die Ladestation zurück. »Dr. Wegart? Das war der Schradel-Hof. Eine der Ziegen lammt und hat offenbar Probleme. Sie sollen vorbeikommen.«
Dr. Wegart schaute auf die Uhr. »Gutes Timing! Kurz vor Sprechstundenende. Ich fahre gleich los. Machen Sie dann hier dicht?«
»Gerne, Chef.« Jenny ließ die Haare, die sie zum Pferdeschwanz gebunden hatte, durch die Hand gleiten und fuhr sich über die kurz rasierte linke Kopfhälfte. Die asymmetrische Frisur und die Tattoos gaben ihr ein verruchtes Aussehen, aber wer sie kannte wusste, wie zuverlässig sie war und wie liebevoll sie mit den Tieren und Kunden umging.
Dr. Wegart zückte das Handy. »Nathalie? Ich bin's, Tom.«
»Gut, dass du anrufst! Sei nachher ja pünktlich und bring auf dem Weg noch von der Bäckerei die Pains surprises mit!«
Oh, Mist! An die kleine Soiree in der Kanzlei hatte er gar nicht mehr gedacht. Wenn es bei der Ziege keine größeren Komplikationen gab, reichte es vielleicht noch für eine Dusche, was nach einem Besuch im Ziegenstall sicher angebracht war. Ein zusätzlicher Halt an der Bäckerei allerdings …
»Tom? Bist du noch dran? Nein, nicht dein Ernst – du hast es vergessen!«
»Was? Nein, aber in die Bäckerei schaffe ich es nicht mehr. Ich habe noch einen Besuch auswärts und muss jetzt gleich los.«
»Spinnst du! Heute? Ausgerechnet. Du glaubst gar nicht, wie ich das hasse! Nichts kann man planen. Immer kreuzt was bei dir dazwischen. Nie hast du pünktlich Feierabend und dann noch die Termine nach Praxisschluss. Wo musst du denn jetzt wieder hin?«
»Eine Ziegengeburt in Artzenheim. Meist braucht es nur ein wenig Hilfe und dauert vielleicht gar nicht lange.«
»Das ist natürlich wichtiger als unsere Einladung heute Abend! Nimm ja eine ausgiebige Dusche! Ziegen!«
Tom sah vor sich, wie Nathalie angewidert die Nase rümpfte. »Nathalie, ich werde pünktlich … Nathalie?« Aufgelegt. »Na toll!«
Jenny, die in der Anmeldung Zeuge des Gesprächs geworden war, schaute ihren Chef mitleidig an. In letzter Zeit hatte es häufiger solche Anrufe gegeben. Wie immer war die keifende Stimme seiner Partnerin deutlich zu hören gewesen. »Noch was vor?«
»Ich habe den Abend in der Kanzlei vergessen. Warum ausgerechnet ich die Bestellung in der Bäckerei abholen soll, ist mir schleierhaft. Nathalie hat heute frei, ich nicht.«
»Soll ich das für Sie erledigen? Um was handelt es sich denn? Kuchen?«
»Partybrote.«
»Kommen Sie. Ich fahr nachher schnell hin und stell es Ihnen hier vor die Tür. Die müssen ja nicht in die Kühlung.«
»Das ist wirklich nett von Ihnen, Jenny, aber ich will das nicht. Es geht mir gegen den Strich, dass sich Nathalie dauernd so aufspielt. Ich rufe ja auch nicht in der Kanzlei an.« Im Gegenteil, er war froh, wenn sie länger blieb und er seine Ruhe hatte. »Nein, Jenny. Auf gar keinen Fall. So weit kommt's noch!«
Auf dem Weg zu den Schradels ging ihm Nathalie nicht aus dem Kopf. In letzter Zeit fragte er sich häufiger, was ihn seit vier Jahren in dieser Beziehung hielt. Sie waren so unterschiedlich! Nathalie, die Möchtegern-Karriere-Frau, die alles dransetzte, schnell aufzusteigen, und er, der Landtierarzt. Vielleicht fanden sie gerade das anfangs so aufregend, aber nun kristallisierte sich mehr und mehr heraus, dass seiner Lebensgefährtin das Tier in seiner Berufsbezeichnung störte, vom Land einmal abgesehen. Dein Geld nimmt sie gerne, schalt er sich und es bewahrheitete sich, dass Geld nicht stank. Obwohl Nathalies Chef sie überall einführte und zu allen wichtigen Treffen mitnahm, zog sie bisher nur kleinere Fälle an Land. Das würde sich natürlich irgendwann ändern, aber zurzeit war er der Hauptverdiener, was Nathalie wurmte. Das ewige Gemecker wegen seiner Arbeitszeiten, den Notdiensten und die Eifersucht auf seine Assistentinnen, befeuerte Toms Entschluss, sich aus dieser toxischen Beziehung zu lösen. Wie sie das wohl aufnehmen würde? Du Narr! Vielleicht hat sie längst ein Verhältnis mit einem ihrer Anwaltskollegen! Eigenartig, der Gedanke berührte ihn überhaupt nicht.Tom hielt am Stoppschild, um in die Landstraße nach Artzenheim einzubiegen. Sein Blick fiel auf das Schleusenhaus in der Mulde gegenüber. Als er wieder anfuhr, sah er zwei Autos in der Einfahrt. Eines davon, gehörte Bobby, seiner zweiten Tierarzthelferin. Sie hätte sicher Freude daran, zu sehen, wie die Zicklein auf die Welt kamen und er würde sich freuen, sie an seiner Seite zu haben. In all den Jahren habe ich nie eine Helferin zu einem Hoftermin mitgenommen. Warum eigentlich nicht? Tom hing dem Gedanken einen Augenblick nach. Es stimmte: Die Bauern konnten auf seine Anweisungen hin selbst zupacken. Aber jetzt … Kurzentschlossen parkte er dahinter.
Bobby nutzte ihren freien Nachmittag in der Tierarztpraxis, um Marit und Julia im Schleusenhaus beim Ausräumen des Cafés zu helfen. »Ich hoffe, Annika hat die Eier nicht abgezählt«, sagte sie und fischte sich ein Fondant-Ei aus dem Osterkörbchen, das in der Küche neben der Kaffeemaschine stand.
»Wenn sie so drauf ist wie du als Kind, würde ich nicht darauf wetten.« Julia füllte einen Putzeimer mit heißem Wasser und gab einen Schuss Spülmittel hinein.
Marit wuchtete einen Karton in die Diele und streckte den Kopf in die Küche. »Auf was wollt ihr wetten?«
»Bobby räubert Annikas Süßigkeiten und hofft, dass sie es nicht merkt«, klärte Julia auf.
Marit lachte. »Sie kennt jedes Ei mit Namen, aber ich denke, dass sie dir gerade alles verzeiht, weil sie im Sommer die drei Wochen hierbleiben darf. Dadurch bist du in der Gunst mächtig gestiegen.« Sie nahm Julia den Eimer ab. »Ich übernehme das Auswaschen der Vitrine. Wenn du magst, kannst du mit Bobby die Tische und Stühle abreiben.« Sie blickte kurz auf die Uhr. »Die werden am späten Nachmittag abgeholt.«
Bobby schaute sich im ehemaligen Café um. Die Zeit war im Flug vergangen. Es fühlte sich an, als hätten sie die Räumlichkeiten gerade erst eingerichtet. Die kleinen Schrammen an den Tischplatten und die Gebrauchsspuren auf den Polstern der Stühle straften diesen Eindruck Lüge. Insgesamt wirkte der Raum nackt, denn die Vorhänge waren bereits abgenommen. Da sie farblich mit der Inneneinrichtung harmonierten, hatte sie der Käufer des Inventars gleich mit erworben.
»Schon eine Idee, was du mit dem Raum vorhast?«, fragte Julia, die mit ihrer Schwester einen Tisch kippte und mit den Beinen nach oben auf einem anderen stapelte.
»Eine Ecke werde ich mir als Büro einrichten und den Rest für die Unterbringung der Kleintiere nutzen. Es gibt sicher jede Menge Leute, die ihre Vögel, Hamster und Kaninchen abgeben wollen und die möchte ich nicht im Freien einquartieren.«
»Du willst das im großen Stil aufziehen?«
»Nein, anfangs nur im sehr eingeschränkten Rahmen. Schließlich arbeite ich noch hauptberuflich in der Tierarztpraxis. Vielleicht ändert sich das irgendwann, wenn sich die Pension trägt. Übrigens: Ich glaube, bei meinem Chef kriselt es mächtig in der Beziehung. Seine Nathalie nervt gerade richtig. Ständig ruft sie an und will wissen, ob der Chef pünktlich ist und regt sich übertrieben auf, wenn nach der Arbeit in der Praxis noch Hausbesuche anstehen. Ich sage euch: Lange geht das nicht mehr gut. Vielleicht haben wir bald einen Single-Chef.« Bobby grinste verlegen.
»Wie kommst du darauf?«
»Es ist nicht zu übersehen, dass ihn diese Kontrolle nervt. Er verbringt jetzt außerhalb der Sprechzeiten noch mehr Zeit in der Praxis und hat es nach Feierabend nicht mehr so eilig. Früher hat er immer Berichte zum Diktieren mit nach Hause genommen. Jetzt bleibt er oft länger und erledigt das vor Ort.«
»Klingt, als wärst du darüber erfreut?« Julia musterte sie mit dem Blick der großen Schwester, was Bobby schon als Kind unangenehm war.
»Irgendwie tut mir Dr. Wegart leid. Nathalie war ein paarmal in der Praxis. Attraktiv, aber arrogant und bestimmend. So eine Art von Beziehung wünscht man echt niemandem. Immer diese Kontrolle. Das kann nicht gut gehen, wenn du mich fragst. Die passen sowas von überhaupt nicht zusammen! Obwohl: Dr. Wegart ist mit seinem trainierten Körper schon eine Sahneschnitte. Ein Mann zum Anlehnen, absolut. Und diese gütigen braunen Augen … Mit seiner freundlichen, korrekten Art hebt er sich krass von dieser Nathalie ab. Die scheint mit Tieren so gar nichts am Hut zu haben und sie wusste doch, dass er einen Beruf ausübt, wo man beim Feierabend-Gong nicht die Kelle fallen lassen kann.«
»Also bald ein attraktiver Mann auf Freiersfüßen?« Julia zwinkerte und Bobby fragte sich, warum ihr plötzlich so warm wurde. Sie öffnete eine Schiebetür zur Terrasse, was Protest auslöste, als ein kalter Windstoß durch den Raum fegte und die Zimmertür im Durchzug krachend ins Schloss fiel.
»Nur einen Moment frische Luft reinlassen«, murmelte Bobby, die aber unter den vernichtenden Blicken von Julia und Marit das Fenster wieder zuschob. »Lieber im Mief ersticken, was? Ihr Warmduscher!«
»Jedenfalls ist noch niemand erstunken«, sagte Julia und lachte.
Bobby öffnete die Tür zum Flur und fasste sich erschrocken an die Brust, als sie ihrem Chef gegenüberstand. Romulus, der direkt dahinter mit dem Werkzeugkasten auftauchte, trat an ihm vorbei und begrüßte Julia. Er hatte Magnus im Schlepptau, der sich jetzt an Bobby wandte.
»Wir haben Dr. Wegart mitgebracht. Er ist zeitgleich mit uns angekommen. Ich glaube, Mädels, ihr müsst auf Bobby verzichten. Der Doc braucht sie.«
Dr. Wegart nickte grüßend in die Runde. »Salut, zusammen.« Erwartungsvoll blickte er Bobby an. »Es gibt eine Ziegengeburt bei den Schradels. Ich könnte vielleicht Hilfe gebrauchen. Es wäre eine gute Gelegenheit, einmal dabei zu sein – und als ich jetzt hier vorbeifuhr, dachte ich, fragen schadet nicht. Natürlich nur, wenn es passt. Sie haben ja frei.«
Bobby, der eine Geburt bei Weitem mehr zusagte, als das Café auszuräumen, schaute flehend in die Runde.
»Na, geh schon!«, sagte Marit. »Wir haben jetzt männliche Unterstützung und ihr seid mit den Tischen fertig.«
Bobby strahlte und nickte Dr. Wegart zu. »Gut, dann mal los. Nein, Lassie – du bleibst hier!« Gerade habe ich noch an meinen Chef gedacht und schon steht er vor der Tür und lädt mich ein, auf einen Außentermin mitzukommen. Das ist fast schon telepathisch. Bobby grinste.
Sie stieg in den weißen Nissan Patrol, in dem es stets ein bisschen nach Klinik roch. »Danke, für das Angebot, mitzukommen. Ich dachte immer, Geburten bei Ziegen sind völlig unproblematisch? Schließlich kommen die Kleinen oft innerhalb der Herde allein zur Welt.«
»Stimmt, aber so ungewöhnlich sind Komplikationen nicht«, erklärte Dr. Wegart. »Nur rechnet man in einer großen Herde mit solchen Verlusten. Oftmals kommt man aber auch beim Füttern oder Umtreiben noch rechtzeitig zu Hilfe. Steißlagen sind die häufigste Ursache, wenn es klemmt. Ich bin mir fast sicher, dass auch heute eines falsch herum liegt.«
Bobby stieg bei den Schradels aus und bekam gleich die volle Breitseite Bock ab, dessen unverkennbare Duftwolke jetzt im Frühjahr über dem gesamten Hof hing. Sie packte die Tasche vom Rücksitz und stiefelte Richtung Stall, als sie Dr. Wegart hinter sich hörte, in dessen Stimme Panik mitschwang.
»Stopp! Bobby, kommen Sie zurück! Wir …« Aber da sah sie es schon selbst, während der strenge Geruch ihr fast die Nasenschleimhaut verätzte. Mit gesenktem Kopf die nach hinten gewölbten Hörner, wie ein Rammbock zum Stoß bereit, galoppierte der Ziegenbock auf sie zu. Gleichzeitig sah sie aus den Augenwinkeln ihren Chef, der nun seitlich an ihr vorbeiraste und sich auf das Tier warf, das daraufhin zur Seite kippte. Geschickt fasste er den Angreifer am Ohr, sprang auf und fixierte ihn am gedrehten Horn am Boden.
Monsieur Schradel, der das Auto gehört hatte, kam angelaufen und nahm sich seines Zuchtbocks an. »Esküse1, vielmassig«, beteuerte er im typischen Dialekt. »Den Sepp habe ich vorhin aus dem Stall gelassen, damit wir drin mehr Ruhe haben und dann ganz vergessen! Tut mir wirklich leid!« Er zog ein Seil durch das Halsband und führte den Unhold ab, der jetzt lammfromm neben ihm her trabte.
Dr. Wegart wischte sich den Dreck von Hose und Shirt. »Ich hätte Sie warnen müssen. Der läuft hier öfter frei herum, ist besser als jeder Wachhund. Alles in Ordnung?«
»Das wollte ich gerade Sie fragen. Wow – das war wirklich eine Meisterleistung und Rettung in letzter Sekunde. Ich sah mich schon im hohen Bogen durch die Luft fliegen. In Filmen mag das ja ganz lustig sein, aber so Face to Face …« Bobby schluckte und spürte, wie im Nachhinein die Knie weich wurden.
Dr. Wegart, dem Bobbys plötzliche Schwäche aufgefallen sein musste, fasste sie stützend unter dem Arm. »Hey, hey. Jetzt aber nicht umkippen. Es ist ja nichts passiert. Ruhig durchatmen! So ist es gut. Schauen Sie mich an!«
Er fixierte ihre Augen und Bobby versank einen Augenblick in dem dunklen Braun, was ihre Knie allerdings nicht stabilisierte. Sie spürte die Welle, die sich kribbelnd über ihren Körper bewegte und im Bauch einen kitzelnden Wirbel hervorrief. Wie sollte sie bitte unter diesem Blick ruhig atmen?
»Geht's wieder?«
Bobby nickte. »Danke. Lassen Sie uns nach der werdenden Mutter schauen.« Aus dem Stall erklang ein wehleidiges »Mäh«!
»Das ist unsere Fanny.« Der Bauer war zurück. »Es geht irgendwie nicht weiter.«
»Ist das die mit den Mehrlingsgeburten?«, fragte Dr. Wegart.
»Ja.« Monsieur Schradel nickte. »Meistens drei Zicklein, aber es waren auch schon vier.«
Dr. Wegart öffnete die Boxentür und bewegte sich langsam auf die Ziege zu, die ihn mit geweiteten Augen ansah. Er kniete sich ins frische Stroh und streichelte über den Hals. »Na, wo klemmt's? Bobby, Sie können sich da an die Seite setzen. Wir müssen warten, bis es richtig losgeht. Manche Muttertiere halten bewusst zurück, wenn Fremde in der Nähe sind.«
Die Ziege schien nicht daran interessiert, die Sache länger hinauszuzögern, denn jetzt stöhnte sie unter einer Wehe auf und streckte dabei ihre Hinterläufe krampfhaft nach hinten weg. Bobby betrachtete die Geburtsqualen mit gemischten Gefühlen. Noch ein Argument, keine Kinder zu kriegen, dachte sie, obwohl es sich hier um eine Ziege handelte. Im Grunde waren die Abläufe bei allen Säugern gleich. Gleich schlimm, setzte Bobby in Gedanken hinzu.
Plötzlich rappelte sich Fanny auf und senkte zum Pressen das Hinterteil wie zum Urinieren in eine Art Hocke, was sie auch tat, aber die Flüssigkeit enthielt Schleim und Blut. Die Fruchtblase hatte sich geöffnet. »Da sind kleine Klauen zu sehen!«, rief Bobby aufgeregt.
Dr. Wegart robbte auf Knien näher heran. »Ja, das dachte ich mir. Es kommt mit den Hinterläufen zuerst.« Die Ziege stöhnte erneut. Mit der nächsten Presswehe zog ihr Chef vorsichtig an den beiden Füßchen, was das Muttertier mit einem schmerzhaften Schrei quittierte, der Bobby durch Mark und Bein ging.
»Es hängt fest, vielleicht am Beckenknochen.«
»Und jetzt?«, fragte Bobby, die Fanny beobachtete, wie sie unruhig im Kreis lief und erneut aufstöhnte.
»Halten Sie sie am Halsband fest. Ich will versuchen, ob ich das Kleine ein Stück drehen und dran vorbei bugsieren kann.«
Leise auf das Tier einsprechend, näherte sich Bobby, griff den Lederriemen und streichelte beruhigend den Hals. Mit gemischten Gefühlen beobachtete sie Dr. Wegart, der hinter der Ziege kniete, die Hände desinfizierte und dann behutsam in den Geburtskanal eindrang. Fanny versuchte, nach vorn auszuweichen, aber das ließ Bobby nicht zu. »Stillhalten, Kleine. Wir wollen dir nur helfen. Ganz ruhig.« Das war leicht gesagt. Die Ziege drängte erneut vorwärts und krümmte unter einem markerschütternden Schrei den Rücken.
»Es ist zu eng. Ich komme mit beiden Händen nicht hinein.«
»Darf ich es mal versuchen?«, fragte Bobby. »Meine Hände sind kleiner. Sie müssen mir aber genau sagen, was ich tun soll.«
Dr. Wegart sah sie abwägend an. »Sie haben recht. Einen Versuch ist es wert. An sich gibt es nicht viel zu beachten. Lassen Sie sich Zeit, vielleicht kommt noch eine Presswehe. In dem Moment ist der Eingang weiter. Tasten Sie an den Hinterbeinen entlang, man spürt den Hüftknochen. Dann drücken Sie das Lamm ein wenig zusammen und versuchen es unter einer geringen Drehung ein kleines Stück nach vorne zu ziehen. Nicht zu viel. Wenn es nicht mehr hakt, sollte der Geburtsvorgang natürlich weitergehen. Bereit?«
Bobby nickte und konzentrierte sich ganz auf die Aufgabe. Lass mich dir helfen, flehte sie in Gedanken. Vorsichtig dehnte sie die Öffnung. Es ging leichter als gedacht und der Ziege schien es jetzt weniger auszumachen. Wie geheißen, tastete sich Bobby vor und stieß an eine harte Stelle. »Ich glaube ich bin am Knochen«, keuchte sie angespannt.
»Versuchen Sie, das Hinterteil des Lamms zu umfassen und …« Die Ziege gab sich einer Presswehe hin und schrie auf.
Bobby schloss die Augen und nutzte den Moment, um das Lamm an der Engstelle vorbei zu manövrieren. Sie hatte keine Ahnung, ob es gelungen war, sie handelte rein nach Gefühl. Mit einem hoffnungsvollen Blick auf Dr. Wegart, der ihr aufmunternd zunickte, ließ sie die Hände herausgleiten. Nun war es wieder an Fanny, die sich im Kreis drehte und dann ins Stroh fiel. Der Bauch hob und senkte sich unter ihren pumpenden Atemstößen. Den Hals überstreckt, ergab sie sich der nächsten Presswehe. »Schauen Sie – da!« Bobby zeigte aufgeregt auf die kleinen Klauen, die nun tatsächlich ein paar Zentimeter herausragten.
Jetzt konnte Dr. Wegart weiterhelfen. Bei jeder neuen Wehe half er ein Stück mit. Auf einmal bäumte sich die Ziege auf und das Zicklein flutschte mit einem Platsch ins Stroh.
Bobby sah fasziniert auf das Kleine, das klatschnass neben ihr lag.
»Chapeau. Das haben Sie wirklich toll gemacht! So, jetzt ordentlich mit Stroh abreiben und ruhig kräftig massieren«, forderte sie der Tierarzt auf, der die restliche Haut der Fruchtblase vom glitschigen Körper zog. Während Bobby das Lamm trocken rubbelte, wurde das Muttertier schon wieder unruhig und scharrte mit den Vorderhufen. Kurz darauf presste es erneut und diesmal kam das Köpfchen zuerst, das auf den beiden Vorderfüßen lag. Die Ziege legte sich auf die Seite und stöhnte laut unter der Anstrengung. Drei Presswehen später waren die Schultern durch den Geburtskanal getreten. Dr. Wegart nickte Bobby aufmunternd zu, die das Zicklein hinter den Vorderbeinen fasste und beim nächsten Pressen vorsichtig herauszog. Die Augen aufgerissen, nichts ahnend, wo es gelandet war, lag es neben dem Geschwisterchen, das bereits den Kopf hob.
Zärtlich entfernte Bobby den Schleim, der um das Mäulchen hing, das jetzt nach Luft schnappte. Niemals würde sie diesen besonderen Moment vergessen.
Die frisch gebackene Ziegenmutter war aufgestanden und beschnupperte die beiden Kinder. Mit ihrer rauen Zunge leckte sie abwechselnd über das Fell des Neugeborenen und den Erstling, der sich interessiert umschaute.
»Fehlt nicht noch eins?«, fragte Bobby, die das zweite Zicklein mit Stroh abrieb.
»Ja, wenn sie ihrer Drillingsserie treu bleibt, müsste noch eines unterwegs sein. Es ist nicht unüblich, dass sie sich dazwischen eine Pause gönnt, bis sich das nächste in den Geburtskanal schiebt. Wenn nicht, kommt die Nachgeburt und wir wissen Bescheid.«
»Sind sie nicht herzallerliebst? Danke, dass Sie mich mitgenommen haben. Das hätte ich um nichts in der Welt verpassen wollen.« Bobby konnte mit dem Grinsen gar nicht mehr aufhören.
Das dritte und letzte Baby kam etwas später und ohne Probleme. Die Nachgeburt ließ nicht lange auf sich warten. Bobby staunte nicht schlecht, als das Muttertier diese unter Schmatzen verschlang. Sie wusste zwar, dass es sich um einen in der Natur lebensnotwendigen Akt handelte, um keine Fressfeinde anzulocken, aber es live und in Farbe zu sehen, war doch etwas anderes, besonders wenn man selbst Vegetarierin war.
Der Bauer, der die ganze Zeit schweigend an der Boxentür gestanden hatte, holte eine Mistgabel, entfernte das nasse Stroh und streute frisch auf. Die drei Zicklein versuchten, auf die wackligen Beine zu kommen, was sich anhand der Koordination der vier langen Gliedmaßen schwierig gestaltete. Als die Mutter erneut mit der Körperpflege begann und seitlich über die Flanken leckte, fiel eins nach dem anderen wieder ins Stroh. Vom Hunger getrieben, ließen sie sich aber nicht entmutigen.
»Sie dürfen gern ein bisschen stützen«, ermunterte Dr. Wegart.
Behutsam stellte Bobby eines der Zicklein auf, das instinktiv suchend, forsch an den Bauch der Mutter stupste. Eine Hand unter dem Bäuchlein, in dem das kleine Herz wummerte, hielt sie es vor das prall gefüllte Euter und hob die Spitze der Zitze an das Mäulchen. Die Nase kräuselte sich und nach ein paar missglückten Versuchen gelang es dem Kleinen zuzupacken. Unter schmatzenden Sauggeräuschen nuckelte es gierig. Bobby griff sich ein weiteres Zicklein und zeigte ihm die Milchquelle auf der anderen Seite der Mutter, bis auch dieses zu saugen begann. Erschöpft ließ sich das erste ins Stroh fallen und Bobby sorgte dafür, dass das dritte zum Trinken kam.
»Wie machen Sie es?«, richtete sich Dr. Wegart an den Bauern. »Lassen sie alle drei bei der Mutter oder ziehen Sie eines mit der Flasche auf?«
Monsieur Schradel rieb sich über das Kinn, was auf den Stoppeln ein kratzendes Geräusch hervorrief. »Sie kommen mir alle gleichermaßen kräftig vor. Ich denke, ich kann sie bei der Mutter lassen, was meinen Sie?«
»Es ist kein Schwächling dabei. Stimmt. Anfangs wird es auf jeden Fall in Ordnung gehen, denn es ist wichtig, dass alle drei vom Kolostrum, also der Erstmilch abbekommen. Kann sein, dass Sie später zufüttern müssen. Geben Sie acht, dass alle trinken und sich nicht eines unterbuttern lässt.«
»Darum kümmere ich mich!«, rief eine Kinderstimme, und ein kleiner Wirbelwind mit braunen Zöpfen kam um die Ecke gesaust.
»Hallo, Bettie«, grüßte Dr. Wegart. »Na, was sagst du?«
»Oh! Die sind wunderschön!« Das Mädchen betrat die Box und fiel neben Bobby auf die Knie, um die Kleinen zu streicheln. »Was haben wir denn da?« Bettie hob das Schwänzchen eines der Zicklein und schaute genau hin. »Du bist ein Mädchen: Hallo, Hanni. Und du?« Wieder beugte sie sich vor. »Toll, du bist Nanni.«
Bobby staunte über die Kleine, die so selbstverständlich eine Bestandsaufnahme machte. Sie selbst hatte gar nicht daran gedacht, nach den Geschlechtern zu sehen. »Und die Nummer drei?«, fragte sie Bettie.
»Haben wir gleich: Dieser Brummer hier ist ein Böcklein. Tja, Papa. Einer ist eben immer dabei und der hier sieht aus wie ein …« Sie überlegte und kicherte: »Herkules.«
Der Bauer ließ ein bellendes Lachen hören und wandte sich an den Tierarzt. »Also auf jeden Fall eine Kastration vormerken, Doc.«
Bobby erhob sich ächzend aus dem Stroh und rieb sich die Knie. Dr. Wegart hielt ihr die Boxentür auf. »Auch nicht mehr die Jüngste, was? Kommen Sie! Da vorne ist ein Wasserhahn, da können wir uns die Hände waschen.«
Betties Vater fuhr die Schubkarre nach draußen und kam mit dem Ziegenbock zurück, der die Nachbarbox bewohnte. Er blickte Bobby schelmisch an. Ich krieg dich noch, meinte sie in den Kulleraugen zu lesen. In der Box stellte er sich mit den Vorderbeinen an der Wand an und bestaunte die junge Familie über die Kante. Mit einem fröhlichen Meckern und einer schlackernden Oberlippe gab er seiner Freude Ausdruck.
Dr. Wegart reichte Bobby das Handtuch und warf einen letzten Blick auf die Ziege. »Jetzt lass sie ein wenig ausruhen, Bettie. Du kannst ja später noch einmal nach ihnen schauen.«
Bettie, die sich gar nicht trennen konnte, streichelte Hanni und Nanni ein letztes Mal über den Kopf und drückte Fanny einen Kuss auf die Nase. »Hast du gut gemacht.«
Dr. Wegart brachte Bobby ans Schleusenhaus zurück. Im Auto blickte sie ihren Chef an. »Danke fürs Mitnehmen. Möchten Sie noch kurz mit reinkommen, was trinken vielleicht?«
Dr. Wegart schaute auf die Uhr am Radio und zuckte zusammen. »Schon so spät? Nein, danke, aber ich muss mich sputen. Wir sind eingeladen und ich bin wirklich spät dran.«
»Verstehe. Kein Problem! Sie müssen sich ja noch frisch machen. Hier drin fällt es nicht auf, aber ich denke, dass wir stark nach Ziegenstall riechen. Ich weiß ja nicht, wo es hingeht, aber dafür werden die wenigsten Verständnis haben.« Bobby lachte.
»Da könnten Sie recht haben. Und Bobby, nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe. Das war eine prima Leistung.«
»Sehr gerne.« Sie stieg aus und winkte ihrem Chef zum Abschied zu.
Tom sah ihr einen Augenblick nach. Wie recht sie hatte! Verständnis brachte Nathalie ihm am allerwenigsten entgegen. Nicht für die Arbeit, nicht für seine Empathie Tieren gegenüber und schon gar nicht für seine Bedürfnisse. Mit Bobby hätte er, so wie er war, überall hingehen können. Sie hätten einfach darüber gelacht. Wie er diese ungezwungene und leichte Art der Zweisamkeit vermisste! In diesem Moment stand seine Zukunft klar vor seinem inneren Auge. Und Nathalie würde nicht mehr darin vorkommen.
Auf dem Smartphone kam eine Meldung rein. Bobby war längst im Schleusenhaus verschwunden. Er riss sich von seinen Zukunftsplänen los und las: »Habe die Pains surprises doch abgeholt. Sie stehen im Flur vor der Praxis im Korb. Nicht sauer sein und einen schönen Feierabend. Jenny.«
Nein, er war nicht böse, nicht auf seine vorausschauende Sprechstundenhilfe, aber die Tatsache, dass sich bereits Außenstehende verpflichtet fühlten, helfend einzugreifen, bestärkte Tom in seinem Entschluss, sich von Nathalie zu trennen. Und zwar noch heute.
Bobby saß auf dem Bett in der WG und blickte auf ihre Füße. Auf dem rechten Socken stand Mittwoch, auf dem linken Sonntag. Ein Geschenk und kläglicher Versuch ihrer Mutter, Ordnung in das Sockenchaos zu bringen. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe! Unterschiedliche Socken zu tragen war einfacher als die ewige Suche, und fast schon Bobbys Markenzeichen. Zugegeben, die Farbmischungen waren manchmal skurril, aber zu Jeans war alles möglich. Unmöglich dagegen gestaltete sich der Versuch, ihre Reisetasche zu schließen. Beim Einzug in die WG, ging sie jedenfalls noch zu. Bobby kaufte an Kleidung nur, was sie brauchte und dann meist secondhand. Ihre Schwester war genau das Gegenteil, und obwohl sie lange nicht mehr so oft shoppte wie früher, hegte Julia immer noch ein Faible dafür. Unwirsch blickte Bobby auf die herausquellenden Kleidungsstücke. Kurzerhand schüttelte sie den Inhalt aufs Bett. Ohne zu zögern, sortierte sie zwei Hosen, drei Pullis und eine nagelneue Jacke aus, die ihr Jenny vor Kurzem in Colmar aufgeschwatzt hatte. Dann stopfte sie den Rest zurück und startete einen zweiten Versuch. Besser, dachte Bobby zufrieden. Die Aktion hatte sie ins Schwitzen gebracht. Für Ende Juni war es bereits ziemlich heiß. Kurzerhand streifte sie die Socken wieder ab, steckte sie in die Taschen ihrer Jeans und schlüpfte in die Sneaker. Den Trekkingrucksack hatte sie bereits gestern Abend gepackt. Mit Schwung wuchtete sie sich einen Riemen über die Schulter. An der Zimmertür schaute sie ein letztes Mal zurück und nickte Lassie zu, die unter dem leergeräumten Schreibtisch lag und sofort aufsprang.
»Bobby?« Benjamin erschien im Rahmen der Küchentür und warf sich lässig das Geschirrhandtuch über die Schulter. »Fertig gepackt?«
Sie stellte ihr Gepäck im Flur ab und trat näher. »Klar. Wollte euch gerade helfen«, log sie ungeniert. »Sieht ja wild aus hier!«
»Das kannst du laut sagen. Man soll nicht glauben, dass Jenny und ich bereits seit einer halben Stunde aufräumen. War aber auch ’ne geile Abschiedsparty gestern.«
»Ich bin ja nicht so für Überraschungen«, gab Bobby zu, »aber die ist euch echt gelungen. Selbst Serge hat dichtgehalten! Wo steckt der eigentlich?«
»Der hat sich gekonnt vor der Arbeit verdrückt. Angeblich sein sonntägliches Joggen. Was das angeht, passt ihr hervorragend zusammen.«
»Wieso? Bin doch da!«, rief eine Stimme vom Flureingang.
Benjamin warf das Handtuch, das Serge geschickt auffing. »Hier, abtrocknen! Ich bring den Müll runter.«
»Gleich. Ich spring noch schnell unter die Dusche.« Serge verschwand im Bad.
Bobby griff ebenso nach einem Geschirrtuch und ergab sich in ihr Schicksal, als ihr Blick auf den Inhalt der Mülltüte fiel. »Stopp! Benjamin, komm mal zurück! Nicht dein Ernst, oder?« Sie legte das Tuch beiseite und fasste ihren Mitbewohner am Arm. Missbilligend schaute sie in den Sack und zog eine Wodkaflasche hervor. »Schon mal was von Altglas gehört?«
Benjamin verzog das Gesicht. »Dann lass die hier. Ich laufe jetzt wegen der einen nicht bis zu den Containern.«
Bobby stellte die Flasche neben der Spüle in die Ecke, griff sich erneut Tuch und einen Teller. Sie wandte sich an Jenny. »Ich hab mich von ein paar Klamotten getrennt. Nimm dir, was du magst. Die Jacke, die dir so gefällt, ist auch dabei. Der Rest kann in die Sammlung.«
»Die grüne Bomberjacke? Bist du dir sicher?« Jenny hielt inne, ihre Lippen bebten ein wenig in Erwartung der Zusage.
»Klar. Ich hab sie kein einziges Mal getragen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie dir von Anfang an besser gefallen hat als mir. Also, viel Spaß damit.«
»Bist ein Schatz. Dafür lass ich dich auch gehen. Ich weiß doch, dass du gerne ins Schleusenhaus möchtest. Ab mit dir! Ich schaff das hier mit Serge allein. Wir sehen uns Dienstag in der Praxis.«
»Cool, danke.« Bobby freute sich, dem Aufräumen entfliehen zu dürfen und ihre Freundin strahlte, weil sie nun Zeit mit Serge verbringen konnte. Bobby wusste, dass Jenny ein Auge auf ihn geworfen hatte und dass nur der Freundinnen-Ehrenkodex mehr verbot. Bobby hätte es nicht gestört, da die Beziehung zu Serge rein körperlicher Natur war. Sie konnte nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob sie als Einzige sein Bett teilte. Sie würde das Leben in der WG vermissen, von nun an war sie ganz allein für ihr Chaos zuständig.
Wie so oft am Sonntag, ging Tom in der Praxis die Abrechnung durch. Eine Amsel flog zwitschernd am Fenster vorbei. Den Blick in den Garten gerichtet, schaute er ihr nach. Seine Gedanken schweiften ab. Er dachte wieder an Bobby und ihren gemeinsamen Einsatz im Ziegenstall. Wie lange war es her, seit sie mit dieser Streunerkatze das erste Mal in der Tierarztpraxis aufgetaucht war? Acht oder neun Jahre bestimmt, und er hatte keinen Tag bereut, sie damals als Auszubildende eingestellt zu haben. Heute zog sie ins Schleusenhaus, das ihrer Schwester gehört. Er war ein paarmal mit Nathalie dort gewesen, als es das Café Créma noch gab. Nathalie! Es war nur eine Frage der Zeit, wann er einen Schlussstrich ziehen und sie verlassen würde. Sein Vorsatz, es gestern endlich zu tun, wurde durch den Streit nach der ätzenden Soirée in der Anwaltspraxis befeuert, als das Thema wieder auf seine Arbeit kam. Mit den Arbeitszeiten eines Tierarztes verhielt es sich wie mit allen sozialen Dienstleistungen. Als Arzt war man immer im Einsatz, da machte es keinen Unterschied, dass es um Tiere ging. Auf Verständnis war er bei seiner Lebensgefährtin damit nicht gestoßen. Er war sich nicht einmal sicher, ob sie Tiere überhaupt mochte. Ihre Kontroll- und Eifersucht machten ihn wahnsinnig. Anfangs war ihm das gar nicht aufgefallen, aber mit den Jahren war es schlimmer geworden. Trotzdem hatte Nathalie es bisher immer geschafft, ihn um den Finger zu wickeln. Schluss zu machen, war die beste Entscheidung. Drei Monate ist das jetzt schon her, dachte Tom. Im Streit war die Trennung leichtgefallen und erst beim Packen war ihm bewusst geworden, welch kleinen Teil, seine Habseligkeiten im Haus mit Nathalie ausgemacht hatten. Es war eine freundliche Fügung des Schicksals, dass Tom seither das Appartement eines Freundes nutzen durfte, der an Ostern für ein halbes Jahr ins Ausland gegangen war. Heute würde Tom endlich in eine eigene Wohnung ziehen. Wieder dachte er an Bobby. Sie ist so anders als Nathalie, liebt ihre Arbeit und ist selbst in der Freizeit stets einsatzbereit, wenn es um die geliebten Vierbeiner geht. Tom schmunzelte in Gedanken an die Szenen bei den Schradels. Spontan hatte er damals am Schleusenhaus gehalten und gefragt, ob sie zur Ziegengeburt mitkäme. Was ihn dazu getrieben hatte, wusste er selbst nicht, aber es war definitiv die richtige Entscheidung gewesen. Bobby hatte ihn nicht enttäuscht und erstklassig assistiert. Mit ihr spielte die Länge eines Arbeitstages keine Rolle. Mit Bobby … Das Smartphone vibrierte. In Gedanken noch bei seiner Helferin hielt er es ans Ohr. »Oui?«
»Ich bin‘s.«
»Nathalie?« Tom atmete ein. Wenn man an den Teufel denkt. Er räusperte sich. »Ja?«
»Hängst du wieder in der Praxis? Hätte ich mir ja denken können!«
»Salut, Nathalie, was …«
»Kann mir auch egal sein«, fiel sie ins Wort. »Von mir aus kannst du da einziehen – wenn wir jetzt nicht verabredet wären.«
Tom fühlte sich ertappt. Fuck! Er hatte selbst vorgeschlagen, sich heute noch einmal mit Nathalie zu treffen, um zu klären, wie er aus dem gemeinsamen Mietvertrag herauskam. »Desolé, das habe ich total verschwitzt!«
»Wie immer! Deswegen rufe ich an. Also, beweg deinen Hintern hierher! Ich hab noch anderes zu tun! Bis gleich.«
Über Bobbys und den eigenen Umzug hatte er den Termin mit der Ex glatt vergessen! Sollte er sich Gedanken machen? Den Schlüssel zu seinem neuen Zuhause hatte er auch noch nicht. Momentan standen seine Sachen hier im Pausenraum. Die Wohnung über der Tierarztpraxis war erst vor zwei Wochen freigeworden und er hatte sofort sein Interesse bekundet. Tom fuhr den Praxiscomputer herunter.
Den Weg zu Nathalie verband er mit einem Stopp beim Vermieter, der ihm den Schlüssel für sein neues Heim überreichte. Die Finger in der Hosentasche wie um ein Amulett geschlossen, betrat er die Höhle der Löwin ein letztes Mal.
Zwei Stunden später war es geschafft. Tom hatte sein Zeug nach dem Treffen mit Nathalie nach oben geschleppt und ließ sich mit einem elsässischen Aperitif in den Sessel seiner neuen möblierten Bleibe fallen. Direkt über der Praxis sparte er sich den Arbeitsweg durch die Stadt. Nun war alles geregelt. Er hob sein Amer Picon, das sich im dunklen Bildschirm des nagelneuen Flachbildschirms spiegelte und prostete sich selbst zu: »Auf mein neues Zuhause!« Tom lachte über Nathalies sarkastische Bemerkung am Telefon, ob er nicht in der Praxis einziehen wolle. Sie hatte keine Ahnung, dass sie damit ins Schwarze getroffen hatte. Die Wohnung war ein Glücksgriff.
Am Tor zum Schleusenhaus sprang Bobby aus dem Auto und schnappte sich die Reisetasche vom Beifahrersitz. Den Rucksack würde sie später holen. Im Kofferraum machte sich Lassie jaulend bemerkbar, die es nicht erwarten konnte, endlich herauszukönnen.
»Ja, doch. Ich komme ja schon.« Kaum hatte Bobby die Heckklappe einen Spalt geöffnet, zwängte sich der Australian-Shepherd durch die Öffnung und stürmte die Einfahrt zum Haus hinunter, vor dessen Haustür die kleine Annika stand, die Ärmchen weit ausgebreitet.
»Lassie!«, rief sie mit heller Stimme und ging in die Hocke. Die Hündin stoppte nur kurz und riss sie rücklings zu Boden. Das quietschende Lachen des Kindes mischte sich mit Lassies freudigem Jaulen, die ihr das Gesicht ableckte.
Marit trat aus dem Haus und sah ihre Tochter streng an. »Annika! Steh sofort auf und wasch dir das Gesicht. Wer weiß, wo Lassie überall rumgeschnüffelt hat.«
Magnus, der hinter Marit auftauchte, fasste sie an den Schultern und lachte. »Wer weiß, wo Annika vorher ihre Nase reingesteckt hat.«
»Dreck macht Speck.« Bobby, die dazu kam, stellte die Tasche ab und stimmte in das Lachen ein. Dass ihr Patenkind so gut mit Tieren umgehen konnte, gefiel ihr.
Marit warf den beiden Verbündeten einen entrüsteten Blick zu, zog Annika vom Boden hoch und wischte mit energischen Strichen den Sand von deren Rückseite. »Nachher kommen Opa und Oma. Jetzt guck, wie schmutzig dein Kleid ist, und du willst doch hübsch ausschauen.«
»Will ich gar nicht!«, rief Annika, machte sich los und sprang Lassie hinterher, die jetzt am Kanal entlang schnüffelte.
Marit wollte etwas erwidern, aber Bobby legte ihr die Hand auf die Schulter. »Lass mal. Ich schau nach der Kleinen.« Sie spürte die Anspannung, die aufgrund der geplanten Reise nach Schweden nicht verwunderlich war.
»Na gut«, seufzte Marit resigniert und wandte sich an ihre bessere Hälfte. »Komm mit nach oben und hilf mir mit den Koffern. Und nimm gleich Bobbys Tasche mit, wo ihr euch doch so gut versteht.«
Bobby hielt nach Annika Ausschau, die samt Hündin verschwunden war. Sie stieß einen Pfiff aus, worauf Lassie augenblicklich die Treppe aus dem Garten heraufschoss, der sich hinter dem Schleusenhaus erstreckte. Wenigstens eine, die hört, dachte sie und grinste. Hoffentlich war sie der kleinen Kröte gewachsen, auf die sie die kommenden drei Wochen aufpassen sollte. »Annika?«
Der rote Lockenkopf tauchte unmittelbar hinter der Hündin auf. »Tante Bobby, ich …« Der Satz endete abrupt, als Annika über die letzte Stufe stolperte und der Länge nach hinschlug. Der kleine Strauß Wildblumen flog aus der Kinderhand und blieb verstreut auf dem Weg liegen. Tapfer rappelte sie sich auf. Den Mund zu einer Schnute verzogen, die Zähne zusammengebissen, kämpfte sie mit den Tränen. Auf der Schürfwunde am linken Knie klebten Steinchen und Blutströpfchen quollen hervor.
»Halb so schlimm«, entfuhr es Bobby, die Annika spontan auf den Arm nahm, bevor Lassie mit der Schnauze die Wunde inspizieren konnte. Es ist sehr wohl schlimm, dachte Bobby, die sich gut daran erinnerte, wie sich ein aufgeschlagenes Knie anfühlte. »Wow, du bist wirklich schwer«, bemerkte sie keuchend, während die Kleine schluchzte und Bobbys Hals umklammerte. »Komm, wir gehen ans Auto und ich schau mir das an, bevor es deine Mama sieht.
