Camelot in Grunewald - Uwe Pörksen - E-Book

Camelot in Grunewald E-Book

Uwe Pörksen

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Beschreibung

Im 1981 gegründeten Wissenschaftskolleg zu Berlin trafen deutsche und ausländische Intellektuelle zu einem einzigartigen Projekt zusammen. Eine flirrende Atmosphäre. Die Zeit spielte mit. Westberlin lag damals als Insel, von einer Mauer umgeben, mitten in der DDR. Pörksen holt die Jahre zurück, in denen Wörter wie «Elite» und «Exzellenz», die heute zu Fahnenwörtern geworden sind (und allerdings meistens nur «Geld» bedeuten), noch für einen Skandal gut waren. Ein Blick in eine andere Welt. Da ist die herrlich schlagfertige Arroganz des Gründungsdirektors Peter Wapnewski, Gershom Scholem, Ivan Illich, Mazzino Montinari, Wolf Lepenies werden liebevoll porträtiert, ebenso der gelegentlich irrlichternde Jacob Taubes. Es gibt Diskussionen und Kräche. Der Leser spürt, dass die Zeit in der alten Villa in Grunewald auf jeden Fall eines war: intensiv.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Wallotstraße 19.Der repräsentative Sitz des Wissenschaftskollegs zu Berlin

UWE PÖRKSEN

Camelot in Grunewald

Szenen aus dem intellektuellen Lebender achtziger Jahre

 

 

 

 

 

 

 

C.H.BECK

Zum Buch

Im 1981 gegründeten Wissenschaftskolleg zu Berlin trafen deutsche und ausländische Intellektuelle zu einem einzigartigen Projekt zusammen. Eine flirrende Atmosphäre. Die Zeit spielte mit. Westberlin lag damals als Insel, von einer Mauer umgeben, mitten in der DDR. Pörksen holt die Jahre zurück, in denen Wörter wie «Elite» und «Exzellenz», die heute zu Fahnenwörtern geworden sind (und allerdings meistens nur «Geld» bedeuten), noch für einen Skandal gut waren.

Ein Blick in eine andere Welt. Da ist die herrlich schlagfertige Arroganz des Gründungsdirektors Peter Wapnewski, Gershom Scholem, Ivan Illich, Mazzino Montinari, Wolf Lepenies werden liebevoll porträtiert, ebenso der gelegentlich irrlichternde Jacob Taubes. Es gibt Diskussionen und Kräche. Der Leser spürt, dass die Zeit in der alten Villa in Grunewald auf jeden Fall eines war: intensiv.

Über den Autor

Uwe Pörksen war Professor für deutsche Sprache und Ältere Literatur an der Universität Freiburg. Einem breiten Publikum bekannt geworden sind seine sprachkritischen Bücher Plastikwörter und Die politische Zunge. Eine kurze Kritik der öffentlichen Rede.

Inhalt

I. TEILStapellauf bei Gegenwind

Die AnreiseAnkunft im Wissenschaftskolleg – Erste Begegnung mit Mazzino Montinari

Vorläufige EröffnungEmpfang der ersten Fellows – «Islands of Excellency» (Dror) – Erinnerung an Peter Wapnewski (Gedenkrede)

Erste TageZielnica auf dem Ku’damm – Die Bonner Friedensdemonstration – Erstes Gespräch mit Illich – Stadtrundfahrt

Gershom Scholem1981 beim Frühstück im Kolleg – 1978 bei Werner Kraft in Jerusalem

25. März 1978 – Jerusalem, Alfasi Street 31

Eröffnung des Wissenschaftskollegs zu Berlin 6. November 1981Gershom Scholem: Jüdische Kabbala und deutsche Aufklärung

Hans Egon HolthusenDas gespaltene Bewusstsein

Dietz BeringGeselliger Abend. – Bernhard Weiß oder der Name als Stigma – Benno Ohnesorg – Mazzino Montinari und Arturo Paoli

Zur Martinsgans bei Familie LepeniesWolf Lepenies – Das Drehbuch «Linné und Falun» (Lepenies und Hanns Zischler)

Mit Ivan Illich in der PreußenausstellungFriedrich Ohly – Freundschaft – Farías über Heidegger

NotizenIn und nach Berlin

Hartmut von HentigReformpädagogik – Hentigs «Laborschule» und Illichs «Deschooling Society» – Gründliche Veränderungen in Schule und wissenschaftlicher Pädagogik

Pro und contraMagazin der FAZ am 4. Dezember 1981 – Debatte im Senat der FU. Jacob Taubes als Gegenstimme

Der 13. Dezember 1981Ausnahmezustand in Polen – Scholems Abschied

II. TEILUntiefen und Freie Fahrten

Gerard Labuda und Marian BiskupAusnahmezustand in Polen – Historie als Quellenforschung – Europäische Kulturgeschichte – Die vornationale Epoche – Rozwadowski

Andrzej Tomaszewski und Krzysztof ZielnicaFellowbilder – Polnische Aristokraten in Berlin – Alexander von Humboldt in Polen

Krzysztof Zielnica

Rudolf Prinz zur LippeDer Körper als Mitspieler – «Wissenschaft und Erfahrung»

Nietzsche lesenEchtheitsfragen – Nietzsche als Aufklärer – Arturo Paoli und die kommunistische Alternative – Montinaris Kolloquium

Smog

WissenschaftsgeschichteThomas S. Kuhn und Ludwik Fleck, Everett Mendelsohn und Helga Nowotny

WissenschaftsspracheVerbindung mit Hans-Martin Gauger – Sprache der Linguistik – Luther und die Einheitsübersetzung

Naturwissenschaftsgeschichte, Naturwissenschaftssprache

«König Artus in Dahlem»Spiegel-Redakteur Jörg R. Mettke über die Gelehrtenrunde des neuen Wissenschaftskollegs

Orientierungsverzicht der Naturwissenschaften?Streitgespräch Wolf Lepenies – Uwe Pörksen

Genus, Sexus oder die Geschichte der KnappheitIvan Illichs Kolloquium – Genus als historischer Faktor – Asymmetrische Komplementarität – Paradigma oder Paranoia?

Rudolf zur Lippe: Der gefühlte MangelHegel 1806 – Umweg und Kontrast fehlen – Sinnenbewusstsein

Ein Unfall in der DDR

Gershom Scholem(5. Dezember 1897 in Berlin – 21. Februar 1982 in Jerusalem)Walter Benjamin und Klees «Angelus Novus» – Sturm vom Paradies – Besuch bei Fanja Scholem

Illichs SeminarAztekische Verse – Gender-Fasching – Ivan auf dem Prüfstein

Der Systemanalytiker«Vorschlag nicht ablehnbar» – «Billiger als Krieg»

GründonnerstagVorblick und Rückblick – Bei Nettelbecks

III. TEILVerankert

Die Macht der Unauffälligen: Joachim NettelbeckDas Ganze

Gesine BottomleyDie Bibliothek

Monica WapnewskiDie schwere Entscheidung – Berlin kommt nicht mehr in Frage! – Die rosa Teppiche des Kollegs

Christiane KiesewetterDie Küche

Zweimal FriedenWaldbühne – Werner Kraft über Karl Kraus – Schweigen für den Frieden

Was will Illich?Illich bei den Grünen – Schlüsselwörter der Verknappung?

PW zu PfingstenTischszenen – Pfingstmontag mit Heinz Pö

Helga Nowotny: Wie männlich ist die Wissenschaft?Die männliche Wissenschaft als wissenschaftliches Thema – «Das Manifest der Pilgermütter»

Erzählte ErfahrungHartmut von Hentig

Illichs Verschwinden

Aufbruch: Freitag, der 30. Juli 1982Abschiedsreden – Holthusen und Wapnewski

ANHANG

Nachwort

Fellows des Wissenschaftskollegs zu Berlin 1981/82

Sonstige Personen

Abbildungsnachweis

Personenregister

I. TEILStapellauf bei Gegenwind

Die Anreise

Ankunft im Wissenschaftskolleg –Erste Begegnung mit Mazzino Montinari

Donnerstag, 15. Oktober 1981. – Gunhild und die Kinder verabschieden mich auf Bahnsteig 1 in Freiburg kurz, ehe ihre Schule anfängt. Sibylla weint und lehnt sich an mich, auch Gunhild weint. Bernhard ist blass. «Kann man in Berlin angeln?», fragt er. Erst auf der langen Bahnfahrt wird mir ganz bewusst, was das bedeutet: fast ein Jahr fern von «den Meinen».

Lese im «Schüdderump», wie der Erzähler diesen schauderhaften Pestkarren eingehend besichtigt, mit dem man noch im 17. Jahrhundert die Pesttoten in eine Grube schüttete. – Im Abteil sitzt eine dem Roman entlaufene vornehme alte Dame, die mit hartem ostdeutschen Akzent sagt: «Das ist mein Platz. Und wohin, meine Herren, soll ich meine Tasche legen? Jeder hat doch seinen Platz für sein Gepäck, ich habe meine Koffer aufgegeben! Es zieht, ich bin ja so empfindlich!» Ich denke, wie liebenswürdig Raabe sie durch das Gestrüpp der Worte inszeniert hätte.

Vor etwas mehr als einem Jahr, noch während der Ferien an der Ostsee, erhielt ich die Voranfrage: «Diesen Brief schreibe ich in der Absicht, mich zu vergewissern, ob Sie in näherer Zukunft interessiert sein könnten, für die Dauer eines Jahres dem Wissenschaftskolleg zu Berlin als ‹Fellow› anzugehören und hier zu arbeiten. Sie haben keine andere Aufgabe, als die Sie sich selbst stellen.»

Von einem Gebäude am Halensee war die Rede …

Ich hatte mich angemeldet, und man wollte mich abholen; es ist aber niemand da. Ein Taxi fährt mich zur Wallotstraße. Das Haus ist nur teilweise beleuchtet; beim Klingeln meldet sich keiner. Ich finde heraus, dass man mit der Hand durch die Pforte langen kann, öffne, gehe zur Haustür. Der Garten ist teilweise noch Baustelle. An der Tür hängt, mit Tesafilm befestigt, ein Schild: «VORSICHT!» – Ich gehe mit den schweren Koffern die Straße zurück zu einer Telefonzelle; da meldet sich Frau Schwarz, läuft mir kurz darauf entgegen. Herr Montinari steht draußen und nimmt gegen Widerspruch meinen unmäßig schweren Bücherkoffer: «Eine Manie! Die Unmengen Bücher, die wir überall hinschleppen!»

Der holzgetäfelte Eingang. Im oberen Stockwerk treffe ich Joachim Nettelbeck. Ich hatte seinen Namen schon gelesen und war sehr neugierig. Kein Zweifel, er war es. Schmal, nicht groß, elegant gekleidet wie seinerzeit. Der junge Sekretär des Kollegs.

«Waren Sie einmal in Louisenlund?», frage ich. Er stockt. «Ja», sagt er, «da habe ich mein Abitur hinter mich gebracht.»

«Und ich meine Referendarzeit», sage ich. «Erinnern Sie sich? Wir haben uns kaum gekannt, aber ich habe einmal länger mit Ihnen gesprochen, habe Sie ausgefragt nach den Regeln und Gesetzen in dieser Schule. Ich schrieb damals meine Assessorenarbeit über das Landerziehungsheim.»

Er erinnerte sich nicht. «Meinen Sie vielleicht meinen Bruder Uwe?» Wir reden noch etwas über den ‹Alten›, den Leiter dieser Schule.

Dann steigen wir im Haus herum, finden ein vorläufiges Zimmer für mich. Es ist kahl, schwarz und weiß, noch unvollständig möbliert. Eine Wand mit drei breiten Fenstern sieht auf den Garten. Schöne Proportion. Lange Vorhänge. – «Alles noch provisorisch, unvollständig.»

Abends nimmt Thea Schwarz mich mit zu «Schulz», einer Pfälzer Stube, Nähe Adenauerplatz. Sie ist sehr offen, wir unterhalten uns recht persönlich. Wohltuend, hier jetzt zu sitzen mit dieser erfrischenden jungen Frau, die ihr badisches Heimatdorf Rust bei Lahr verlassen hat und seit sechs Jahren in Berlin lebt. Hier könne sie Rentnerin werden. Zuhause staunen die Verwandten und Nachbarn: «Noch nicht verheiratet? Hast wenigstens einen Schatz? Bist lesbisch?» – «Sag mal, woher kennt Ihr das Wort?»

Die Einrichtung des Kolleghauses, der Umzug und Einzug – so wie jetzt gehe es schon seit Monaten. «Wir sitzen mitten im Chaos, zwischen lauter Terminen. Die supervornehmen Ideen der einrichtenden Architektin, die zuerst viel zu viel ausgegeben hat», sagt sie. «Unten steht ein Halbmondsitz mit Holzgitter als Lehne: ‹Ein Beichtstuhl?›, haben die Arbeiter gefragt. Er kostete viereinhalbtausend Mark! Völlig sinnlos! Sogar die Kleiderbügel sollten etwas Besonderes sein und sind deshalb noch nicht da. – Vor abends um zwölf bin ich nicht zuhause.»

Freitag, 16. Oktober 1981. – Heute Abend findet die vorläufige Eröffnung statt. Mittags treffe ich in einem spanischen Lokal, wo der Ku’damm anfängt, Herrn Montinari, und es kommt sofort zu einer Unterhaltung. Er erzählt von seiner Arbeit in Weimar, dem Weimar in der DDR, das für mich Westler lange Zeit nur eine ferne Stadt des frühen 19. Jahrhunderts gewesen ist. Er hat dort Jahre in Nietzsches Nachlass verbracht.

Ich sage ihm, dass ich ihn einmal dort gesehen habe, im Jahr 1973. Ich saß damals an dem Thema «Erkenntnis und Sprache in Goethes naturwissenschaftlichen Schriften» und hatte den Antrag gestellt, in Goethes naturwissenschaftlichem Nachlass zu arbeiten. Das war zu allgemein und wurde abgelehnt. Da gab mir Dorothea Kuhn, die abwechselnd in Marbach und Weimar lebte und Goethes Naturwissenschaftliche Schriften herausgab, den Rat, ich solle beantragen, in Riemers Nachlass zu arbeiten. Friedrich Wilhelm Riemer war lange Jahre der Zerberus in Goethes Vorzimmer und sein Berater und Zuträger in sprachlichen Fragen. Der Antrag wurde bewilligt. Nach sechs Wochen konnte ich reisen.

«Ja, sechs Wochen waren die Regel.»

«Es gab 23 ungeordnete Kästen Riemer, eingestaubt. Riemer wurde unser Tor zu Weimar. Meine Frau fand noch einen Ballen Riemer in Jena.»

Montinari lachte. «Und damals haben Sie mich gesehen?»

«Sehr kurz. Ich saß im Goethe- und Schiller-Archiv neben der Bibliothekarin Frau Clauss an ihrem Schreibtisch. Sie half mir, die unleserlichsten, oft sehr interessanten Notizen des ‹ollen mauligen Riemer mit der furchtbaren Klaue› zu entziffern, da standen Sie auf einmal in der Tür, in voller Lebensgröße, und haben etwas mit ihr besprochen. Unser Italiener, sagte sie. Als Ausländer hat er Zugang zum Nietzsche-Nachlass.»

«Nicht nur als Ausländer», sagte er. «Ich war auch Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, was allerdings etwas anderes ist als hier; aus einem Jahr wurden viele Jahre, dazu tendiert es bei mir. Mit meinem Lehrer Colli habe ich die Nietzsche-Ausgabe gemacht, die hier jetzt in 14 Taschenbuchbänden zu haben ist. Kennen Sie die?»

«Ich habe sie zum Geburtstag bekommen.»

Er sah mich strahlend an.

«Sie haben, als ich in Weimar war, im Nietzsche-Haus gewohnt, nicht wahr?»

«Das wissen Sie auch?»

«Ich habe das Haus auf dem Stadtplan gesucht und fand es nicht, fragte die Assistentin des Generaldirektors der NFG (der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten), warum es nicht drinstehe. – ‹Das ist so›, sagte sie. Aber sie könne mir die Räume zeigen, sie wohne im Nietzsche-Haus, Humboldtstraße 36. Nur dürfe ich in Weimar nicht darüber sprechen. Ich habe sie dort besucht. Ein Schild ‹NFG-Wohnheim› stand im Vorgarten. Sie zeigte mir das große untere Zimmer mit silbergrau bezogenen Stühlen und langem Tisch, auf dem Flügel stand eine Nietzsche-Büste, bei der ich mich fragte: Bahnwärter oder Philosoph?»

«Das Konferenzzimmer des ‹VEB-Goethe!›, wie dort die Mitarbeiter sagen», lachte Montinari. Er habe in Weimar geheiratet, seine Frau sei Weimarerin.

Wir brachen auf.

«Wie war Ihre Fischsuppe?»

Vorläufige Eröffnung

Empfang der ersten Fellows – «Islands of Excellency» (Dror) –Erinnerung an Peter Wapnewski (Gedenkrede)

Abends um sechs stehen wir im lockeren Halbkreis im großen Gesprächszimmer. Peter Wapnewski begrüßt James S. Coleman aus Chicago, Michal Ginsburg aus Evanston, Hartmut von Hentig aus Bielefeld, Hans Egon Holthusen aus München, Ivan Illich aus Cuernavaca und Göttingen, Mazzino Montinari aus Florenz, Helga Nowotny aus Wien, Uwe Pörksen aus Freiburg und dann Krzysztof Zielnica aus Wrocław. Drei seiner polnischen Kollegen haben bisher Einreiseschwierigkeiten. Hans-Martin Gauger und Dietz Bering haben noch Pflichten in Freiburg und Köln. Der Gründungsrektor sagt:

«Nur mit einer Demutsgebärde werden wir Ihnen in den nächsten 14 Tagen gegenübertreten, weil alles noch so provisorisch ist. So viele haben bei der Herstellung und Einrichtung des Hauses ihr Wort gebrochen. Das Kolleg ist in seiner Fortexistenz noch nicht auf drei Jahre gesichert. Gershom Scholem, der greiseste und jugendlichste von uns allen, wird heute Abend später kommen, vorerst hält ihn sein Temperament in der FU, der Freien Universität, bei einem Vortrag über Wilamowitz. Er wird sprechen bei der feierlichen Eröffnung am 6. November. Die Selbstdarstellung ist nötig, das Institut wird infrage gestellt und auch angefeindet.

Aber hin zu dem, worüber wir uns zu freuen haben! Es ist geglückt. 18 Fellows werden ein Jahr lang zusammen leben, arbeiten. Sie haben keine andere Verpflichtung als die, die Sie selbst wählen, keine Pflicht zu einer bestimmten Leistung. Es gibt keine Evaluation. Wir erwarten die Selbstverpflichtung, an der Mittagsmahlzeit teilzunehmen. Mittwochs soll es abwechselnd öffentliche Vorträge geben.»

Abends kommen noch Gäste. Es gibt ein Buffet. Frau Wapnewski erscheint und gibt uns die Hand.

Ich höre Frau Nowotny und Wolf Lepenies zu und schrecke zusammen, weil hinter ihnen ein kleiner Büchertisch auftaucht mit lauter einschlägigen Werken, die ich nicht kenne.

Gershom Scholem, der seine Ohren mit aufgesperrter Hand vergrößert, spricht mit einem Gast, von dem er gerade gehört hat, Gnosis im Judentum – wie Scholem annehme – gebe es nicht. Scholem zieht vom Leder; wenn er bei der Tagung in Messina dabei gewesen wäre, hätte es eine Reihe Skandälchen gegeben. Er habe nicht den richtigen Begriff von Gnosis? – dann hätten Harnack und Bauer ihn auch nicht gehabt. Ein Streit um Worte sei das Ganze, nicht um Sachen. Ja, er werde kommen, wenn man ihn zu einem Seminar wolle, aber ein Gespräch darüber, davon verspreche er sich nichts. Sein Gesprächspartner ist ganz still geworden.

Ich gehe zu Scholem und nenne meinen Namen, er bestellt mir Grüße von Werner und Erna Kraft aus Jerusalem. «Auch ich soll Sie grüßen von Werner Kraft», sage ich, «er hat mir geschrieben, ich würde Sie hier treffen.» – «Ich war am vergangenen Sabbath in der Alfasi Street 31», sagt er. «Wenn ich erfahren möchte, was sich in Deutschland tut, gehe ich in Jerusalem zu Krafts.»

Hans Egon Holthusen ist neben seiner Frau ein Riese. «Sie haben etwas Unschuldiges», sagt er zu mir. «Hans Castorp im ‹Zauberberg›?» – «Eher Joachim Ziemßen», sagt mit dunkler, rauchiger Stimme seine kleine Frau. Sie meint Castorps Vetter, den etwas abrupten, redlichen Mann aus dem Flachland, der dorthin zurückgeht und den Beruf des Soldaten ergreift.

«Wer ist denn der Herr da drüben im schmalen schwarzen Anzug?», fragt sie. Hans Egon sagt es ihr.

«Das ist Ivan Illich? Der Mann sieht ja fantastisch aus!», bricht es aus ihr hervor.

Ein langer Abend. Der Halbmond mit der durchbrochenen Holzlehne, den die Arbeiter als Beichtstuhl infrage stellten, erweist sich als hochgradig brauchbar. Gershom Scholem sitzt auf ihm, links und rechts neben ihm knien Ivan Illich und Hartmut von Hentig. Sie führen zu dritt in Augenhöhe ein offenbar vergnügliches Gespräch.

Als ich im Januar 2013 der Einladung des Rektors Luca Giuliani folgte, meine Erinnerungen an den ersten Jahrgang des Wissenschaftskollegs zu Papier zu bringen, wurden die Anfänge doppelt lebendig. Der Gründungsrektor Peter Wapnewski war gestorben und wurde am 15. Januar 2013 auf dem Bergfriedhof beigesetzt.

Der Friedhof ist ein hügeliges Waldgelände, verschneit, die Kapelle fast ganz besetzt, obwohl nur der engste Kreis eingeladen wurde. Ein schöner Raum, golden und vielfarbig mit einem Engel im Torbogen und einem Spruch darüber – kaum zu lesen. Der Verstorbene hat seit Langem bestimmt, was geschehen soll. Es ist so verhalten wie sprechend:

Ein Streichquartett spielt aus Mozarts «Dissonanzen-Quartett» den zweiten Satz, das Andante cantabile. Nike Wagner liest Bert Brecht, «Die Liebenden». Die Freunde Eberhard Lämmert, Wolf Lepenies und Norbert Miller lesen Nietzsches Gedicht «Die Sonne sinkt», Alexander Lernet-Holenias «Die Weissagung des Teiresias» und Christine Lavant, «Das Perlhuhn».

Danach vom Band: Charles Ives, «The unanswered question for Trumpet, Flute Quartet and Strings», eine Aufnahme Leonard Bernsteins.

Die Freunde Conrad Wiedemann, Peter Raue und Peter Stolzenberg lesen von Rudolf Alexander Schröder «Die Ballade vom Wandersmann» und sein Gedicht «Lasst’s mich immer leiser sagen», zuletzt Robert Walsers «Ich wanderte und wandre noch» – auf der Anzeige hatte gestanden:

«Er zeigte weinend auf sein Herz

Und ging, heißt es vom armen Mann.»

Zum Schluss: Beethovens Streichquartett in a-Moll, op. 132, der dritte Satz. «Heilige Danksagung eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart.» – Stille.

Der Sarg wurde ohne ein Wort in die Erde gesenkt.

Auf der Gedenkfeier des Kollegs am 28. Januar 2013, zu der Luca Giuliani eingeladen hatte, sprach Wolf Lepenies über die Prägung dieser in Deutschland neuen Einrichtung durch ihren Gründungsrektor Peter Wapnewski und beleuchtete die Impulse, die weitergewirkt hatten. Ich war gebeten worden, den ersten Jahrgang aus dem Blickwinkel eines damaligen Fellows zu schildern, begann mit Wapnewskis Begrüßungsrede («Nur mit einer Demutsgebärde …») und fuhr fort:

«Die damalige Auswahl der Fellows war weitgehend Wapnewskis Vorschlag und lässt Richtungen erkennen, Schwerpunkte einer Agenda, die sich als haltbar erwiesen haben. Es ist in der Tat merkwürdig, dass fast ein Viertel der Fellows Polen waren – und wirkt wie eine Vorwegnahme der Zukunft. Die Polen rückten in jenen Monaten eng zusammen – im Dezember 1981 begann die Jaruzelski-Diktatur. Alle vier waren Historiker, und sie unterschieden sich deutlich von den Westlern: Zur Geschichtswissenschaft gehörte für sie eine grundsätzlich andere Methode und ihr stärkster Impuls war ein anderer. Auch sonst fielen sie gelegentlich aus dem Rahmen. Marian Biskup erzählte mir damals, er habe gerade den Brief eines Freundes erhalten, der sich heftig gegen die neue Entwicklung in Polen wandte. Darunter stand von anderer Hand: ‹Ich bin mit dem Brief vollinhaltlich einverstanden – der Zensor.›

Die zweite größere Gruppe kam aus Israel, waren Israelis, die Berlin (wie Scholem in den zwanziger Jahren), Wien (wie Dror in den dreißiger Jahren) verlassen hatten. Ivan Illich war der Sohn einer Wiener Jüdin, Michal Ginsburg in Israel geboren. Dietz Bering war eingeladen, weil er das bekannt gewordene Buch ‹Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes› geschrieben hatte und sich mit dem Namen als Stigma und Ausgrenzung zu beschäftigen begann. ‹Isidor …›

Einige von uns wussten, wie entschieden Scholem dem ‹Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch› widersprochen hat, wie er so gar nicht davon überzeugt war, dass es jemals eine deutsch-jüdische Symbiose gegeben habe. Sein Eröffnungsvortrag am 6. November 1981 ließ erkennen, was er meinte. Genau dies – das Bild Israels und dann auch das des Islam, von dort her gesehen und von hier aus – wurde ein konstantes, erweitertes Thema des Kollegs.

Was die deutsche Hälfte der Fellows betrifft, so war vermutlich ein Gedanke bei der Auswahl, dass die vor allem an Literatur Interessierten oder die Sprachwissenschaftler oder auch die auf dem Feld der Sozialsysteme und Schule, Arbeit und der Geschlechterrollen Forschenden sich häufig treffen und zusammenarbeiten würden. Das war nicht der Fall. Sie gingen andere Wege, man gluckte anders zusammen, es bildeten sich unerwartete Freundschaften.

Meine Erfahrung war, dass die Kollegen, die nicht vom Fach sind, die nützlicheren, weiterführenden Fragen stellen, einen eher etwas sehen lassen, was man nicht sieht, und auf die allgemeine oder auch öffentliche Seite der Sache aufmerksam machen, mit der man sich befasst. Je entfernter der Frager, umso lebhafter sprangen die Funken.

Den ersten Mittwochsvortrag hielt Yehezkel Dror im Clubzimmer der Fellows, als Einziger auf Englisch und nach meiner Erinnerung ohne Gäste aus der Stadt. Er war nicht nur in Israel, sondern weltweit ein bekannter Politikberater. Sein Thema hieß ‹Islands of Excellency›. Es gibt keine guten Ideen, sagte er, indem er auffällig zu Illich hinübersah. Seine Frage war: Wie wird eine Systemtransformation möglich? Er gebrauchte den Ausdruck ‹selektiver Radikalismus›. Wie ist es möglich, einen selektiven Radikalismus ins Werk zu setzen, der bereit ist, eine kleine Anzahl von Schlüsselfaktoren der Entwicklung in der Wurzel zu verändern und sie in einem langfristigen Transformationsvorgang einzubauen? Eine Strategie könnte sein, ‹Islands of Excellency› zu schaffen, erstklassige kleine Einheiten, die das Modell einer solchen Transformation mit der Autorität der Exzellenz entwickeln und in die Politik einspeisen. Es war der von heute her gesehen vielleicht aktuellste Vortrag, formulierte allerdings das Wissenschaftskolleg um in ein politisches Instrument. – Er sagte: ‹Neue Tabus der Angst oder sogar des Abscheus vor dem Begriff der Elite dürfen solche notwendigen Inseln und Enklaven der Exzellenzen nicht bremsen.›

Das bezog sich auf den Gegenwind, den Peter Wapnewskis mehrfach und in wechselnder Form vorgetragene These herausgefordert hatte: Die seit den sechziger Jahren entstandene Massenuniversität sei nicht mehr in der Lage, freie Forschung zu ermöglichen. – Man kann sich heute den Aufruhr, den das Wort Elite erzeugte, kaum mehr vorstellen. Der Rektor wurde zu einer Debatte in die Rostlaube der FU eingeladen, vorgeladen, man musste ihn überreden, hinzugehen. Es entstand eine Debatte, der Wapnewski in einer Weise gewachsen war, die erklärte, warum man ihn gewählt hatte, um das Kolleg in der Öffentlichkeit zu verankern und es durchzusetzen. Er verbesserte zunehmend sein zunächst altmodisches Rüstzeug.

Zu einer zweiten sachlich und sprachlich durchgefeilten Rede und gründlichen Auseinandersetzung mit Angehörigen der Universität und der Stadt kam es im Aspen Institute des Amerikaners Shepard Stone. Sie war intensiv vorbereitet und hinterließ Eindruck. Ein höflicher, aus der Schweiz stammender Botanikprofessor der FU unterstützte das Kolleg. ‹Wir Biologen wissen: wenn eine neue Art sich einnischen will, muss sie eine Spezialität entwickeln, eine erkennbare Andersartigkeit. Die Besonderheit erzeugt Widerstand, aber nur so behauptet sie sich.›

Ein nächstes heikles Thema wurde die Auswahl der Fellows. Man hatte vereinbart, die Einladung von Berlinern auszuschließen. Ein angesehenes Mitglied der FU erklärte, er könne aus dem Stegreif zwanzig Mitglieder der Berliner Freien Universität nennen, die als Fellows des Wissenschaftskollegs nicht weniger infrage kämen. Niemand wollte das bezweifeln.

Hier wurde aber eine vielleicht weitsichtige Grundregel des Kollegs erkennbar: Nirgends sind Rivalitäten erbitterter als in der unmittelbaren Umgebung.

Man meinte aber auch die objektiven Kriterien der Auswahl. Es gebe doch z.B. den Quotation Index. Von dem halte er in diesem Zusammenhang gar nichts, war Wapnewskis Antwort. Objektivität? Er habe doch Berater, die Vorschläge würden besprochen. Er selbst habe einen ausgeprägten Sinn für Qualität.

Es muss ein gelegentlich zweifelhaftes Vergnügen gewesen sein, für diese Einrichtung geradezustehen, die Peter Glotz angeregt und Peter Wapnewski ganz zu seiner Sache gemacht hatte. Eberhard Diepgen, damals noch nicht der Bürgermeister der Stadt, sondern im Kulturbereich wirksam, verkündete, Berlin habe jetzt auch ein Sanatorium für alternde Wissenschaftler.

Wenn die Frage ist, wie diese Anfangszeit aussah, ist es unausweichlich, von den Spiel- und Stilregeln zu sprechen, die zunächst weitgehend von Peter Wapnewski ausgingen oder von ihm vertreten wurden. – Die einzige Selbstverpflichtung nämlich, zum Mittagessen zu erscheinen, war nicht unumstritten.

Es ist keine Legende, dass wir – ohne unsere Partner – am langen gemeinsamen Tisch saßen und Peter Wapnewski präsidierte. Aber es ist ein Gespinst, dass wir dabei, wie ich noch vor ein paar Tagen gehört habe, ein gemeinsames Gewand trugen, eine Tracht. Wir saßen da weder als Mönche noch als Gralsritter. Es gab auch keine Lesung an der Tafel, eher ein schnelles Hin und Her. Der Rektor hatte gerade am Bahnhof Zoo einen Gast abgeholt. Auf dem Rücksitz lag Flauberts ‹Madame Bovary›. Der Gast sagte: ‹Ach, Sie beschäftigen sich auch gerade …› – ‹Das liest bei uns der Fahrer›, sagte Wapnewski.

Ich erinnere mich an die Märztage, als die Illich-Gruppe, der ich angehörte, ihren Gender-Fasching feierte. Es gab zunächst ein Seminar mit dem Thema ‹Genus›, dem historischen Verhältnis der Geschlechter, aber der Historiker Kuchenbuch hatte sein Saxophon mitgebracht, führte eine Polonaise durchs ganze Haus an und Wapnewski ging mit, tanzte mit, obwohl er sich zunächst geärgert hatte, weil die Tagung nicht einmal angemeldet worden war.

Ein guter Teil seiner Durchsetzungsfähigkeit beruhte auf seinem Sprachwitz. Ein Mann der Form und in Fragen der Kleidung sehr irritierbar. Bekümmert sah er auf die nachlässigen Kleidersitten der nachwachsenden Generation und brachte es auf die gequälte Formel: ‹Bei jedem Anlass Adidas›.

Wenn von Peter Wapnewski die Rede ist, kann man seinen Hauptberuf nicht übergehen. Er war in seinem Fach, der deutschen Dichtung des Mittelalters, bekannt und gelesen, nicht in dem Grad wie sein nächster Freund Joachim Bumke, aber sein Buch über Wolfram von Eschenbachs ‹Parzival›, seine Darstellung Hartmanns von Aue, seine Studien zu den Liebesliedern des Mittelalters, der erotisch erregenden Tagelieder Wolframs, gehörten zum Lesekanon und haben viele für die Literatur des Mittelalters gewonnen. Seine Heidelberger Vorlesungen waren berühmt. Im Kolleg sagte er sehr bald: ‹Wer einmal die Droge Vorlesung genossen hat, kann sie nicht mehr absetzen›, und meldete sich bei der FU, um hier wieder Vorlesungen zu halten. Seine Übersetzung der politischen und der Liebeslieder Walthers von der Vogelweide, genau kommentiert, gewann eine breite Öffentlichkeit. Rühmkorfs Buch ‹Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich› ist von ihm inspiriert.