Camping mit Todesfolge - H.K. Anger - E-Book

Camping mit Todesfolge E-Book

H. K. Anger

4,5

Beschreibung

Mörderisches Lesevergnügen mit einem Schuss Romantik – nicht nur für den Campingstuhl. Mit dem Kauf eines Oldtimer-Wohnmobils erfüllen sich Kathrin und Peter einen Traum. Der zerbricht jäh, als Peter von einer Geschäftsreise nicht zurückkehrt und bald darauf für tot erklärt wird. Zum achten Hochzeitstag nach Peters Verschwinden begibt sich Kathrin auf Campingtour. Am ersten Morgen findet sie einen Strauß ihrer Lieblingsblumen auf der Motorhaube ihres Wohnmobils, am Tag darauf ein weiteres sehr persönliches Geschenk – in Kombination mit GPS-Koordinaten, die zu einem unbekannten Ziel führen. In Kathrin flammt Hoffnung auf: Ist Peter noch am Leben? Mit Humor und Beharrlichkeit begibt sie sich auf einen Roadtrip, der für sie lebensgefährlich werden soll.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 401

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,5 (2 Bewertungen)
1
1
0
0
0



Heike Kügler-Anger (oder H.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2021 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer unter Verwendung von iStockphoto.com/invincible_bulldog

Lektorat: Marit Obsen

E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-701-9

Camping Krimi

Originalausgabe

Unser Newsletter informiert Sie

regelmäßig über Neues von emons:

Kostenlos bestellen unter

1

»Würdest du mir bitte den Dreizehner-Schlüssel reichen?«

Routiniert griff Kathrin Schäfer in den Werkzeugkasten und holte den verlangten Ringschlüssel hervor. Wer wie Kathrin und Peter mit einem Oldtimer-Wohnmobil unterwegs war, kam nicht umhin, eine Passion fürs Schrauben zu haben. Denn irgendwo war immer eine locker. Vor allem bei ihnen im Kopf, wie viele ihrer Freunde hartnäckig behaupteten.

Nachdem Kathrin und Peter Schäfer den in die Jahre gekommenen Globetrotter A 522 von seinem tristen Dasein auf dem Abstellplatz eines windigen Gebrauchtwagenhändlers erlöst hatten, zeigten sich ihre Familie und die meisten ihrer Freunde entsetzt. Es hagelte Aussprüche wie »Konntet ihr euch nichts Besseres leisten?« oder »Seid ihr jetzt unter die Schrotthändler gegangen?«.

Doch Kathrin und Peter waren stolz auf ihre Errungenschaft. Sie liebten ihr neues Urlaubsvehikel, das ohne Hochglanz und technische Finesse auskam. Dafür versprach es solide Qualität, Beständigkeit und Langlebigkeit. Über die Tatsache, dass der Zahn der Zeit von innen und außen an dem beige lackierten Wohnmobil genagt hatte, sahen sie großzügig hinweg. Das bisschen Rost und die paar Kratzer jagten ihnen keinen Schrecken ein. Trotz ihrer Schreibtischjobs waren sie beide technisch begabt. Sie scheuten sich nicht, in die Hände zu spucken und tatkräftig anzupacken. Und sie planten, gemeinsam mit »Töfftöff«, wie sie ihr kleines Alkoven-Wohnmobil liebevoll nannten, alt zu werden.

»Hier«, sagte Kathrin und streckte den Arm mit dem Ringschlüssel aus.

Aber nichts passierte. Peter nahm ihr das Werkzeug nicht ab.

Ruckartig erwachte Kathrin aus einem Traum, der sie beinahe in jeder Nacht heimsuchte. Sie ließ den rechten Arm, den sie im Schlaf zur Zimmerdecke ausgestreckt hatte, zurück auf die Bettdecke fallen und strich sich seufzend eine Strähne ihres schulterlangen haselnussbraunen Haars aus der Stirn.

Hört das denn nie auf, fragte sie sich. Wird mich dieser Traum wie ein Fluch bis ans Ende meiner Tage verfolgen?

Peter war mittlerweile seit acht Jahren tot. Für immer von ihr gegangen. Er würde sich nie wieder mit ölverschmierten Händen die Nasenspitze reiben, bis diese schwarz glänzte. Ihr nie wieder sein verschmitztes Lächeln zuwerfen, bei dem ihr schon damals in der Schule die Knie gezittert hatten. Und sie konnte sich niemals wieder in seine tröstenden Arme flüchten, damit er ihr versicherte, dass sich alles zum Guten wenden würde. Denn nichts war mehr gut. Das Beste, was Kathrin in ihrem knapp fünfundvierzigjährigen Leben passiert war, hatte sich davongemacht. Ihr Mann war für immer verstummt und verschwunden. Und trotzdem reichte Kathrin ihm alle paar Nächte den Dreizehner-Ringschlüssel. Bis sie aufwachte und registrierte, dass ihr Unterbewusstsein ihr erneut einen bitterbösen Streich gespielt hatte.

Müde wandte sie den Kopf und sah auf den auf dem Nachttisch stehenden Wecker. Kurz vor halb fünf. Die Erfahrung hatte Kathrin gelehrt, dass nach dem Ringschlüsseltraum nicht mehr an Schlaf zu denken war. Draußen wurde es langsam hell, und im Garten zwitscherten schon die ersten Vögel. Sie schob die Bettdecke zur Seite, stand auf und streckte sich. Mit nackten Füßen tapste sie in die Küche, um sich einen Kaffee zu kochen. Während sie ihre Yogamatte ausrollte und den allmorgendlichen Sonnengruß absolvierte, blubberte das dunkle Gebräu in den oberen Teil des italienischen Espressokochers.

Peter hatte ihren Morgenkaffee stets mit dem Kaffeevollautomaten zubereitet. Doch das verchromte und kompliziert zu bedienende Gerät hatte kurz nach seinem Tod den Geist aufgegeben, so als wollte es nicht ohne seinen Herrn und Meister sein. Kathrin hatte den Vollautomaten nie ersetzt, sondern bereitete ihren Kaffee seither mit der gleichen Art Espressokocher zu, die sie im Wohnmobil verwendete. So steckte in jeder Tasse Kaffee, die sie im Alltag trank, ein Schlückchen Urlaubsflair.

Mit dem dampfenden Getränk in der Hand schlurfte Kathrin in ihr kleines Büro, das sie in dem Zimmer eingerichtet hatte, in dem Peter einst jeden Morgen vor der Arbeit trainiert hatte. Heute beherbergte der fast quadratische Raum statt Crosstrainer und Hanteln ihren Computer und die Patientenakten, die sie für ihre Tätigkeit als selbstständige Heilpraktikerin anlegte. Sie schlüpfte in die bordeauxrote Strickjacke, die sie am Vorabend über die Lehne ihres Bürostuhls geworfen hatte, nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse und widmete sich dem leidigen Bürokram. Ihr Steuerberater hatte die Einreichung der für die Steuererklärung notwendigen Unterlagen in den letzten vierzehn Tagen schon dreimal angemahnt.

Zwei Stunden später reckte sich Kathrin und griff nach dem Telefonhörer. Es war zwar erst kurz nach sieben, aber ihre Schwiegermutter war Frühaufsteherin. Entsprechend klingelte das Telefon am anderen Ende der Leitung nur zweimal, ehe Ruth Schäfer abnahm.

»Ich habe Brötchen geholt. Auch die, die du am liebsten magst. Kamen frisch aus dem Backofen. Wenn du dich beeilst, sind sie beim Aufschneiden noch warm.«

Kathrin lächelte. Ihre Schwiegermutter, eine rüstige Dreiundsiebzigjährige, ließ es sich nicht nehmen, jeden Morgen mit dem Fahrrad bis zur nächsten Bäckerei zu fahren. Wo sie für die halbe Straße, in der sie wohnte, die Frühstückseinkäufe tätigte. Doch heute hatte Kathrin andere Pläne, als bei ihrer Schwiegermutter vorbeizuschauen.

»Ich werde zu unserem Hochzeitstag nach Rotenburg fahren«, verkündete sie.

»Denkst du wirklich, das ist eine gute Idee?« In Ruth Schäfers Stimme schwang Skepsis mit.

»Wahrscheinlich nicht«, gab Kathrin zu. Doch sie würde ihre Entscheidung nicht rückgängig machen. Ihr angeborener Dickkopf ließ ihr keine Wahl.

»Du weißt, was das letzte Mal passiert ist«, warnte ihre Schwiegermutter.

»Ja.« Kathrins Brustraum zog sich schmerzhaft zusammen. Sie schluckte schwer. »In diesem Jahr wird es anders sein«, behauptete sie. Auch, um sich selbst Mut zuzusprechen.

Ruth Schäfer schwieg einen Moment. »Ich nehme an, dass ich dich von dieser dummen Idee nicht mehr abbringen kann?«

»Nein, kannst du nicht.«

»Nun, dann pass auf dich auf«, sagte Ruth Schäfer. »Und wenn es so schlimm wird wie beim letzten Mal … Du weißt, dass du mich jederzeit anrufen kannst. Sogar in der Nacht.«

»Hab dich lieb«, murmelte Kathrin dankbar.

»Ich möchte dich nicht auch noch verlieren«, sagte Ruth Schäfer leise.

»Das wirst du nicht«, versprach Kathrin und legte auf.

Ruth Schäfers Blick fiel auf die Brötchentüte, aus der sich ein verführerischer Duft in der Küche verbreitete. Dennoch war ihr die Lust auf ein ausgiebiges Frühstück vergangen. Durch das Küchenfenster schaute sie hinaus in den kleinen Garten, den sie trotz ihres Alters tipptopp in Schuss hielt. Auf ihrer Stirn hatten sich tiefe Sorgenfalten gebildet.

»Das ist jetzt nicht dein Ernst!«, polterte Lothar Jäger.

Kathrin spießte ein Rucolablättchen auf die Zinken ihrer Gabel und schob es lustlos auf dem Teller herum. Lothar hatte sie zum Abendessen in seine Darmstädter Altbauwohnung über der Apotheke eingeladen. Schon beim Ablegen ihrer Jacke waren Kathrin Bedenken gekommen, ob die Annahme seiner Einladung eine kluge Idee gewesen war. Lothar steckte mitten in einem Selbstfindungstrip. Pünktlich um null Uhr eins am Neujahrstag hatten ihn gute Vorsätze in Sachen gesunde Ernährung, Lebensstil und Weltanschauung befallen, deren Umsetzung sich danach geradezu explosionsartig in seinem Leben ausgebreitet hatte. Der Apotheker mit dem Ansatz zu Hängebäckchen und Hüftgold meditierte seither nicht nur morgens und abends und rezitierte dabei Zuversichtsmantras, er setzte obendrein auf Grünzeug statt auf Kohlenhydrate. Kathrin beäugte das kulinarische Ensemble auf Lothars modernem Küchentisch, auf der Suche nach dem Brotkorb. Vergeblich. Es gab kein Brot, um die Salatsoße aufzutunken. Sie unterdrückte ein Seufzen und überlegte fieberhaft, ob sich in ihrer heimischen Tiefkühltruhe noch eine Packung Schokoladeneis befand. Cremiges Schokoeis mit zwei Sorten Schokochips und Karamelltopping. Ein süßes kulinarisches Trostpflaster, das sie nach dem Heimkommen im Bett zu vertilgen gedachte. Bis es so weit wäre, wollte sie ein höflicher Gast sein und steckte sich das Rucolablättchen in den Mund. Sie kam sich vor wie eine grasende Kuh.

»Das ist nicht gesund, was du machst«, sagte Lothar verärgert.

Kathrin fuhr schuldbewusst zusammen. War Lothar etwa imstande, Gedanken zu lesen? »Nun, einmal wird es wohl erlaubt sein, oder?«, murmelte sie ausweichend.

»Wieso einmal? Seit Jahren pilgerst du jeden Mai dorthin. Und wie schlecht es dir dabei immer geht, hast du mir selbst erzählt.« Er blickte sie über den Rand seines mit stillem Mineralwasser gefüllten Glases hinweg tadelnd an.

Ach so, darum geht es, dachte Kathrin und war sich nicht sicher, ob sie erleichtert oder besorgt sein sollte.

»Irgendwann muss mit dem Unsinn doch mal Schluss sein.« Lothars Stimme hatte an Schärfe zugenommen.

»Bitte versuch, mich zu verstehen.« Kathrin warf ihrem Gastgeber einen eindringlichen Blick zu. »Es ist meine Art, Abschied zu nehmen.«

»Rede keinen Blödsinn.« Er attackierte eine Kirschtomate mit dem Messer. Die setzte sich standhaft zur Wehr, platzte auf und bekleckerte sein hellgraues Hemd. Mit einer Stoffserviette rieb er auf dem Fleck herum, wodurch er ihn nur noch tiefer ins Gewebe einarbeitete. Fluchend legte Lothar die Serviette zur Seite. »Ich sage dir, wie es ist: Du hängst in einer Dauerabschiedsschleife fest.«

Kathrin deponierte ihre Gabel neben dem Teller und hob ihre Hand zum Schwur. »Es wird das letzte Mal sein«, beteuerte sie. Dabei war ihr klar, dass sie dieses Versprechen nicht halten würde.

»Wenn du schon Urlaub hast: Warum verbringen wir ihn nicht zusammen?«, schlug Lothar vor. »Ich könnte uns ein schnuckeliges Wellnesshotel an der Ostsee buchen.« Er taxierte sie mit seinen kleinen grauen Augen. »Damit du auf andere Gedanken kommst«, fügte er hinzu.

»Ach, ich weiß nicht.« Kathrin zupfte verlegen an ihrer Serviette herum. »Ich möchte deine Pläne nicht durchkreuzen. Das mit dem Urlaub war ja mehr so eine Spontanidee.«

Stimmt nicht, widersprach eine besserwisserische Stimme in ihrem Inneren. Du hattest die freien Tage zwar nicht direkt eingeplant. Aber wie kommt es, dass just für diesen Zeitraum gähnende Leere in deinem Terminkalender herrscht? Nicht ein einziger Behandlungstermin war darin zu finden. Ein Zufall etwa?

Kathrin senkte den Blick, damit Lothar ihr die Notlüge nicht an den Augen ablas.

»Ach was, ein paar Tage Auszeit würden mir ebenfalls guttun«, entgegnete Lothar und schob seinen Teller zur Seite. »Ich regele das gleich Montagfrüh. Frau Meyer wird mich sicher gern in der Apotheke vertreten. Sie freut sich immer, wenn sie die Chefin spielen darf.« Er stand auf, um den Nachtisch aus dem Kühlschrank zu holen. Ein Chia-Erdbeer-Rohkost-Pudding, den er anstatt mit einem ordentlichen Klecks Sahne mit ein paar frischen Minzblättern garniert hatte. Kathrin aß einen Löffel davon und hatte trotz der etwas schleimigen Konsistenz Mühe, die Melange die Speiseröhre hinunter und in ihren Magen zu befördern.

Lothar tippte bereits eifrig auf seinem Handy herum. »Hm, das hört sich vielversprechend an«, meinte er nach ein paar Minuten und warf Kathrin ein siegessicheres Lächeln zu. »Was hältst du von einem Viersternehotel in Scharbeutz? Panoramasauna, Detox-Massage und ein eigener Strandabschnitt. Dazu feinste Biogerichte vom Büfett. In den Bewertungen steht, dass der Souschef ein wahrhaftiger Rohkost-Guru ist. Ich bin mir sicher, dass es dir dort gefallen wird.«

Kathrin biss sich auf die Innenseite ihrer Unterlippe, um keine Grimasse zu ziehen und Lothar dadurch zu verletzen. Was für andere Touristen das Urlaubsparadies schlechthin bedeutete, hatte sie noch nie in Versuchung geführt.

Mit einem schmerzhaft durch ihren Körper pulsierenden Sehnen erinnerte sie sich an die Wohnmobilreisen, die sie und Peter in Skandinavien unternommen hatten. An die vielen Nächte, die sie allein am Ufer eines Sees verbrachten, wo sie sich unter dem Sternenhimmel liebten und den Sonnenaufgang über dem See aus dem Alkovenfenster ihres Wohnmobils bestaunten. Oder an die Abende, an denen sie in den bayerischen Alpen am Lagerfeuer gesessen und Zukunftspläne geschmiedet hatten. Pläne, die sich mit Peters Tod allesamt in Schall und Rauch aufgelöst hatten.

Kathrin rieb sich mit den Händen über die Unterarme, auf denen sich Gänsehaut gebildet hatte. »Ich bin müde«, sagte sie. »Es ist besser, wenn ich heimfahre.«

»Und unser Urlaub?« Lothar warf ihr einen flehentlichen Blick zu.

Kathrin hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. »Ich melde mich morgen«, versprach sie.

Die Nacht war erstaunlich warm für Anfang Mai. Über dem Schornstein von Kathrins Siedlungshaus hing die Mondsichel auf halb acht. So als ob der zunehmende Mond eine feuchtfröhliche Party geschmissen hätte und jetzt nicht mehr in der Lage war, geradeaus zu scheinen. Kathrin warf die Autoschlüssel in die Keramikschale auf dem halbhohen Regal im Flur und ging in die Küche, um die Tiefkühltruhe nach dem ersehnten Schokoeis abzusuchen. Ihr Blick fiel auf die Butterdose, die sie auf der Küchenanrichte hatte stehen lassen und deren Inhalt inzwischen weich geworden war. Sie stellte sie in den Kühlschrank, wo sie die geöffnete Flasche Chardonnay entdeckte. Kurzerhand schnappte sich Kathrin die Flasche und ein Glas. Im Flur nahm sie den Wohnmobilschlüssel aus der Keramikschale und eilte hinaus ins Freie.

Das Wohnmobil stand unter dem Carport, den Peter eigens dafür gebaut hatte. Kathrin öffnete die Fahrertür und schwang sich auf den Sitz. Den Schlüssel steckte sie nicht ins Zündschloss, sondern warf ihn demonstrativ auf das Armaturenbrett. Sollte ein übereifriger Polizist zu später Stunde hier eine Kontrollrunde drehen, müsste sie sich nicht auf eine langwierige Diskussion wegen Alkohols am Steuer einlassen. Sie streifte ihre Schuhe ab, schob den Sitz ein Stück zurück, damit das Lenkrad sie nicht einengte, und legte die Füße auf das Armaturenbrett. Dann füllte sie ihr Glas, hob es wie zum Trinkspruch in die Höhe und trank einen Schluck. Mit der Hand tätschelte sie den Beifahrersitz. »Ach, wenn ich dich nicht hätte, Töfftöff«, erklärte sie mit einem wehmütigen Lächeln.

Die Luft im Wohnmobil war wohlig warm, und der Geruch beschwor lieb gewonnene Erinnerungen herauf. Kathrin nahm einen weiteren Schluck vom Chardonnay. Dabei stieß sie mit dem Ellbogen versehentlich den nicht wieder festgeschraubten Verschluss von der Flasche und bückte sich, um ihn aufzuheben. Aus dem Fußraum blitzte ihr etwas Weißes entgegen.

Kathrin angelte nach dem karierten Zettel. War sie beim letzten Reinemachen so nachlässig vorgegangen, dass ihr der Papierfetzen durch die Lappen gegangen war? Sie kniff die Augen zusammen, um im Halbdunkel besser zu sehen. Auf dem Stück Papier waren handschriftlich einige Worte vermerkt, die Kathrin nicht lesen konnte. Das änderte sich auch nicht, als sie danach griff und die Wörter nun direkt vor Augen hatte. Sie waren in einer Sprache verfasst, die Kathrin nicht beherrschte. Wegen der Kringel über den As vermutete sie, dass es sich um eine skandinavische Sprachvariante handelte. Die Notizen stammten nicht von ihr, das war nicht ihre Handschrift. Aber wer hatte den Zettel geschrieben? Und warum war er hier so plötzlich aufgetaucht? Kathrin war ratlos. Und ein wenig beunruhigt. Sie knüllte das Stück Papier zusammen und steckte es in ihre Hosentasche, um es im Haus wegzuwerfen. Bevor sie morgen oder übermorgen losfuhr, war mal wieder eine größere Reinigungsaktion fällig, bei der sie mit der Staubsaugerdüse durch alle Ritzen fahren würde. Außerdem durfte sie nicht vergessen, das Navigationssystem mit einem Saugnapf an der Frontscheibe zu befestigen. Das Gerät war einer der wenigen Kompromisse, die Kathrin und Peter im Hinblick auf moderne Wohnmobiltechnik eingegangen waren. Zudem ersetzte ihr das Gerät als nunmehr Alleinreisende den kartenlesenden Beifahrer. Sie befingerte prüfend das dazugehörige USB-Kabel, das aus der Steckdose unterhalb der beiden Lüftungsschlitze baumelte, und stutzte.

Das Handschuhfach stand einen Spalt breit offen. Was ungewöhnlich war, weil Kathrin beim Abstellen des Wohnmobils im Carport stets peinlich genau darauf achtete, dass alle Schränke, Schubladen und Fächer verschlossen waren. Wenn von außen niemand etwas Begehrenswertes sah, so redete sie sich ein, würde auch niemand einbrechen. Sie wollte Dieben oder anderen zwielichtigen Gestalten keinen Anlass geben, Töfftöffs Inneres genauer zu untersuchen. Versuchsweise drückte sie gegen die Klappe, um festzustellen, ob der Verschlussmechanismus hakte. Mit einem leisen Klacken rastete sie ein. Kathrin betätigte den Hebel, um das Fach erneut zu öffnen. Auch das funktionierte einwandfrei. Aus der Seitenablage der Fahrertür kramte sie eine kleine LED-Taschenlampe hervor, mit der sie in das Innere des Handschuhfaches leuchtete. Auf den ersten Blick fehlte nichts. Und doch schienen die Bedienungsanleitung, das Kartenmaterial, der Eiskratzer und die Einweghandschuhe, die sie beim Tanken benutzte, nicht so platziert zu sein, wie sie es seit Jahren handhabte. Eine Tüte mit Fruchtbonbons, die Kathrin stets links im Fach deponierte, um sich beim Fahren mit der rechten Hand bedienen zu können, lag in der Mitte. Ein paar der in weißes Zellophan gehüllten Bonbons waren aus der Tüte gekullert und hatten sich im gesamten Handschuhfach verteilt.

Die Reste des Chardonnays, die Kathrin auf der Zunge lagen, nahmen mit einem Mal einen bitter-sauren Geschmack an. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihr breit. Das Schloss an der Fahrertür war ordnungsgemäß verriegelt gewesen. Die Beifahrertür, Aufbautür und alle Fenster wiesen, wie Kathrin bei einem schnellen Check feststellte, keinerlei Beschädigungen auf und waren ebenfalls verschlossen. Dennoch gab es keinen Zweifel: Jemand war im Inneren des Wohnmobils gewesen, hatte das Handschuhfach durchwühlt und dabei den Zettel verloren.

Aber wer? Und vor allem warum?

Nachdenklich starrte Kathrin durch die Frontscheibe in die mondbeschienene Mainacht hinaus.

2

Oh nein, nicht schon wieder. Astrid Lund unterdrückte ein Seufzen und begann, ihr rechtes Ohrläppchen zwischen Daumen und Zeigefinger zu kneten. Eine unbewusste Angewohnheit, die sie immer dann überfiel, wenn sie nervös war. Sie spielte kurz mit dem Gedanken, einen Gang zur Toilette vorzutäuschen und schleunigst das Weite zu suchen. Doch das konnte sie ihrer Freundin Liv nicht antun. Schon gar nicht heute, an deren Geburtstag und dem Grund, weswegen sie diese Megaparty in einem der angesagtesten Stockholmer Restaurants schmiss.

Liv schien eine Ahnung zu haben, dass Astrid kurz davor war, sich zu verdrücken. Sie zog den schlaksigen Mittvierziger mit der runden Nickelbrille und dem rapide zurückweichenden Haaransatz, den sie ganz offensichtlich als neue Bekanntschaft für Astrid auserkoren hatte, energisch hinter sich her.

»Hej, das ist Daniel«, sagte sie mit einem breiten Grinsen und bugsierte ihn vor sich her, bis er direkt vor Astrid zum Stehen kam. »Ihr habt euch bestimmt viel zu erzählen. Daniel arbeitet auch im Krankenhaus.« Sie zwinkerte Astrid zu und war im nächsten Moment schon wieder in der Menge ihrer Gäste verschwunden.

Astrid konnte Daniel ansehen, dass er sich ebenfalls mit Fluchtgedanken trug. Was sie ihm nicht übel nahm. Liv, die seit sieben Jahren in einer glücklichen Beziehung lebte, hatte die Absicht, diesen Zustand der vermeintlichen Glückseligkeit ebenso für Astrid herbeizuführen, jedoch mit katastrophalen Resultaten. Keiner der Kandidaten, die Liv bisher für Astrid angeschleppt hatte, war auf ein Wiedersehen aus gewesen. Mit den meisten hatte sie nicht einmal Telefonnummern ausgetauscht. Daniel, der jetzt schweigend vor ihr stand und dessen Adamsapfel sich vom trockenen Schlucken auf und ab bewegte, würde da keine Ausnahme sein.

Astrid ließ von ihrem Ohrläppchen ab, das inzwischen rot glühte. »Hej«, sagte sie. »Tut mir leid, dass Liv da etwas voreilig war.«

»Inwiefern?« Daniel warf ihr einen verunsicherten Blick zu.

»Nun ja.« Astrids Finger bewegten sich wieder in Richtung ihres Ohrläppchens. »Ich weiß nicht, was Liv dir erzählt hat. Aber ich kann dir versichern, dass ich heute Abend gut allein klarkomme.«

Daniel war sichtlich erleichtert. »Ich glaube, ich sehe da drüben einen Bekannten«, brachte er hastig hervor. »Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich kurz zu ihm rübergehe und Hallo sage?«

Astrid zwang sich, ihr Lächeln aufrechtzuerhalten. »Nein, geh nur«, erwiderte sie. »Livs Feier hat ja gerade erst angefangen. Der Abend ist noch jung.«

»Also, wir sehen uns!« Daniel drehte sich auf dem Absatz um und hastete davon.

Astrid machte sich keine Illusionen. Ihr war klar, dass sie Daniel nicht wiedersehen würde. Sie strich mit beiden Händen über ihr Kleid, das um ihre breiten Hüften etwas spannte, und schlenderte zum Bartresen, um sich ein Bier zu holen.

Liv hatte sich angesichts ihres dreiunddreißigsten Geburtstages nicht lumpen lassen und ein mit typischen schwedischen Delikatessen bestücktes Büfett sowie eine kleine Bar aufgebaut. Letztere war, wie bei solchen Feierlichkeiten üblich, stark frequentiert, sodass Astrid sich eine Weile gedulden musste, bis sie endlich die Lasche von ihrer Dose Export ziehen konnte. Das Bier war kühl und süffig. Während sie trank, lockerten sich Astrids verkrampfte Schultern, und sie fasste einen Entschluss: Sie würde sich gleich am Büfett bedienen, zum Essen ein zweites Bier trinken und im Anschluss daran den Bus nach Södermalm, wo sie ein kleines Apartment bewohnte, nehmen. Im Gegensatz zu Livs übrigen Gästen konnte sich Astrid den Luxus, am Sonntag auszuschlafen, nicht leisten. Sie musste spätestens um fünf wieder aus den Federn, denn ihre Schicht am »Karolinska Universitetssjukhuset«, dem Stockholmer Universitätskrankenhaus, begann frühmorgens um sechs. Doch Astrid beschwerte sich nicht. Sie liebte ihren Beruf. Eine gefragte Krankenschwester zu sein bot ihr all das, was sie in ihrem Privatleben vermisste: Anerkennung, Abwechslung, Freude, menschliche Wärme und soziale Kontakte. Ohne ihren Job wäre Astrid total verloren. Deshalb gönnte sie sich nur wenige Auszeiten vom Klinikalltag. Dazu gehörte, dass sie im Frühjahr und im Herbst den kleinen Wohnwagen ihrer Eltern hinter ihren Volvo 740 spannte und damit für zwei Wochen in die Natur fuhr. In ein paar Tagen würde es wieder so weit sein.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und riss sie aus ihren Gedanken.

»Hej, Astrid, du siehst so nachdenklich aus.«

Sie drehte sich um und verzog den Mund zu einem erfreuten Lächeln. »Hej, Ines! Schön, dass du auch hier bist!«

»Ich hatte gehofft, dich hier zu treffen.«

Astrid nickte. »Ich auch. Wir haben uns schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.«

Ines, mit der Astrid von der sechsten Klasse bis zum Abitur in den Kernfachkursen die Schulbank gedrückt hatte, warf einen sehnsüchtigen Blick auf Astrids Bierdose. »Komm, lass uns die Gelegenheit nutzen, mal wieder ausgiebig zu quatschen. Aber zuerst muss ich was trinken. Ich komme fast um vor Durst.«

Astrid bemerkte, dass auf der Terrasse ein Tisch frei war. »Hol dir an der Bar ein Bier«, schlug sie vor. »Ich reserviere uns schon mal den Platz dort, und dann setzen wir uns gemütlich zusammen.«

»Bin gleich wieder zurück«, versprach Ines.

»Ah, das tat gut!« Ines hatte die erste Dose Leichtbier in nur wenigen Schlucken geleert. »Ich war vorhin noch joggen und habe meinen Flüssigkeitshaushalt wohl nicht genügend aufgefüllt«, entschuldigte sie sich.

Astrid schaute auf ihre stämmigen Beine und meinte: »Vielleicht sollte ich auch mit dem Joggen anfangen.«

»Du gehst an den Wochenenden doch regelmäßig in den Schären wandern, oder?« Ines nahm eine mit eingelegtem Hering belegte Brotscheibe von ihrem Teller und biss hinein.

»Ja schon.« Astrid merkte, wie ihr Magen beim Anblick der Köstlichkeiten, die sich Ines auf den Teller geschaufelt hatte, zu knurren anfing. »Aber wahrscheinlich hat Wandern nicht die gleiche Wirkung wie Joggen.«

»Ich brauche das Joggen als Ausgleich zu meinem Job. In der Bank die ganze Zeit nur am Computer zu sitzen und Zahlen auf dem Bildschirm von links nach rechts zu schubsen, ist auf die Dauer nicht gesund.«

»Nein, das ist es nicht.«

»Du bist auf der Station ständig auf den Beinen«, stellte Ines fest und häufte Kartoffelsalat auf ihre Gabel. »Da darfst du es abends ein bisschen ruhiger angehen lassen.«

So ruhig, dass ich manchmal das Gefühl habe, gar nicht mehr am Leben zu sein, dachte Astrid. Sie verkniff sich den bitteren Kommentar. »Es ist halt, wie es ist. Ich muss mich damit abfinden, dass ich Pappas und nicht Mammas Gene abbekommen habe. Selbst Joggen wird mir nicht dabei helfen, auf dem Catwalk alle Blicke auf mich zu ziehen.«

»Du meinst, wie deine Schwester?«

Astrids Blick wanderte durch den Garten, wo kleine Solarleuchten an Büschen und Bäumen angebracht waren. Nach Einbruch der Dunkelheit würden sie wie Glühwürmchen leuchten und für eine magische Atmosphäre sorgen. Aber zu dem Zeitpunkt musste Astrid schon im Bett liegen. Allein. Um für den nächsten Arbeitstag fit zu sein. »Ja, Svenja«, murmelte sie. Ihre mit weiblichen Vorzügen gesegnete große Schwester. Von der ein kurzes Fingerschnippen genügte, damit ihr die Männer zu Füßen lagen. Zu der alle aufsahen und die von allen verehrt wurde. Weil sie ihr wahres Naturell nicht kannten.

»Hast du eigentlich mal wieder was von ihr gehört?« Ines öffnete die zweite Dose Leichtbier und sah Astrid über den Dosenrand hinweg fragend an.

Astrid schüttelte den Kopf. »Nein, nicht wirklich. Anfänglich hat mir von ihren Bekannten ab und zu jemand berichtet, dass er glaubt, sie gesehen zu haben. Aber nach einer Weile hat das aufgehört.«

Ines wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen, um den Bierschaum zu entfernen. »Und deine Eltern, haben die auch keinen Kontakt mehr?«

»Nein.«

»Wie kommen sie damit klar?«

Astrid stieß hörbar den Atem aus. »Was meinst du, wie das ist, wenn völlig unerwartet das goldene Kind, dein Sonnenschein, dein Ein und Alles, aus deinem Leben verschwindet?«

»So schlimm?«, fragte Ines mitfühlend.

»Schlimmer.« Astrid wünschte sich urplötzlich, sich vorhin an der Bar kein Leichtbier bestellt zu haben, sondern einen doppelten Aquavit. »Als Svenja ohne Vorwarnung von einem Tag auf den anderen verschwand, haben meine Eltern die Welt nicht mehr verstanden. Aber sie hofften, dass Svenja bald wiederauftauchen würde. Dass sie sich nur eine kleine Auszeit von allem nehmen wollte.«

»War sie denn so gestresst?«

»Keine Ahnung.« Astrid tippte mit dem Zeigefinger auf einen Tropfen Kondenswasser, der an der kalten Bierdose herabgeronnen und auf der glatten Kunststoffoberfläche des Tisches gelandet war. Gedankenverloren verwirbelte sie ihn zu feuchten Kreisen, die nach innen immer kleiner wurden. »Wegen der Sache mit Jon war bei uns Funkstille.«

»Na klar. Kann ich verstehen«, pflichtete Ines ihr bei.

Astrid hatte den Kontakt abgebrochen, doch die Schuld daran trug Svenja ganz allein. Sie besaß weder Anstand noch Gewissen. Ohne mit ihren langen, vollen Wimpern zu zucken, nahm sie sich alles, was sie begehrte. Sie schreckte nicht einmal davor zurück, ihrer acht Jahre jüngeren Schwester den Verlobten auszuspannen. Astrid war es seither nie wieder gelungen, einen Mann so für sich einzunehmen, dass er sich auf eine engere Beziehung mit ihr einließ.

»Svenja und ich standen uns schon lange nicht mehr nahe genug, um zu wissen, wie es der anderen ging. Ich hörte allerdings, dass es in den Jahren vor ihrem Verschwinden beruflich nicht mehr richtig gut für sie lief.«

»Selbst goldene Kinder bekommen früher oder später Stirnfalten und Krähenfüße«, stellte Ines fest.

»Gegen die blutjunge Konkurrenz, die nach ihr auf die Laufstege drängte, hatte sie mit Mitte dreißig keine Chance mehr«, sagte Astrid. »Aber sie war wohl noch ganz gut mit Präsentationsfotos für Kataloge im Geschäft, und den einen oder anderen Werbespot hat sie auch gedreht.«

»Dann gab es also keinen offensichtlichen Grund, warum sie damals so mir nichts, dir nichts von der Bildfläche verschwand?«, stellte Ines verwundert fest.

»Irgendeinen Grund muss es gegeben haben.« Astrid ließ von dem Wassertropfen ab. »Sonst wäre sie ja noch hier in Stockholm.«

»Glaubst du, dass ihr was passiert ist?« Ines war anzusehen, dass sie sich die Frage nicht zum ersten Mal stellte. Bei Svenjas Verschwinden vor inzwischen mehr als acht Jahren war sie nicht in der Stadt gewesen. Die Übernahme einer kleinen Bankfiliale hatte sie für längere Zeit nach Lappland verschlagen. Und so wusste sie nichts über die Details oder die Umstände, mit denen Astrid und ihre Eltern sich herumschlagen mussten.

»Genau das war die Sorge meiner Eltern«, sagte Astrid. »Deshalb haben sie die Polizei informiert und darauf gedrängt, dass man sich der Sache annahm. Das Ergebnis war überaus irritierend. Es wies nichts auf ein Verbrechen hin. Svenjas Wohnung war gekündigt und komplett leer geräumt. Ihr Auto hatte sie, wie ein gemeinsamer Freund uns erzählte, schon Wochen zuvor verkauft. Sogar die Steuererklärung hatte sie erledigt.«

»Ja, das ist in der Tat seltsam«, stimmte Ines ihr zu.

»Mein Pappa hat daraufhin alle Auftraggeber von Svenja, die ihm bekannt waren, persönlich abgeklappert. Niemand wusste was. Ich habe ihm zuliebe in sämtlichen Krankenhäusern nachgefragt, ob sie eine Patientin aufgenommen haben, auf die Svenjas Beschreibung passt. Bis hoch nach Kiruna habe ich rumtelefoniert. Aber nichts. Svenja war wie vom Erdboden verschluckt. Bis heute.«

»Seltsam«, wiederholte Ines.

»Ja, das ist es.« Astrid nickte zustimmend. »Gerade deswegen können meine Eltern es nicht verkraften.«

»Es ist bestimmt nicht leicht, damit umzugehen.«

»Meine Mamma ist nach Svenjas Verschwinden in eine tiefe Depression gefallen. Sie hat in den letzten acht Jahren kaum einen Bissen runterbekommen. Jetzt ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Pappa und ich haben sie nicht trösten, sie während all der Zeit nicht aus ihrem dunklen Loch der Verzweiflung holen können. Ich schätze, sie wird über den Verlust ihres Goldmädchens nie hinwegkommen.« In Astrids Stimme schwang Bitterkeit mit.

»Hm.« Ines rollte die leere Bierdose nachdenklich zwischen ihren Handflächen. »Du wirst mich bestimmt gleich für verrückt erklären.«

Astrid lachte amüsiert auf. »Das ist doch nichts Neues. Du warst schon immer ein total verrücktes Huhn!«

»Touché«, entgegnete Ines grinsend. »Und trotzdem habe ich es zur stellvertretenden Filialleiterin gebracht.«

»Und? Wann bist du ganz oben, an der Spitze?«

»Ach, ich weiß gar nicht, ob ich das will«, gestand Ines. »Mir reichen die Verantwortung und das Arbeitspensum schon jetzt. Außerdem müsste ich in der Position über Stunden nur am Computer hocken. Momentan kann ich wenigstens ab und zu durch die Filiale laufen und einen Blick auf die Leute werfen.« Ines schwieg für ein paar Sekunden. Dann berührte sie kurz Astrids Unterarm. »Letzte Woche ist mir dabei etwas aufgefallen.«

»Nämlich?«

»Da war diese Frau«, begann Ines zögerlich. »Sie war so etwa einen Meter achtzig groß. Hatte hellblondes, leicht gelocktes Haar, das ihr in Wellen über die Schultern fiel. Dazu eine perfekt geformte Nase und einen breiten, sinnlichen Mund. Außerdem war sie schlank, gertenschlank.«

Astrid schluckte, weil sich ein dicker Kloß in ihrem Hals festgesetzt hatte.

»Ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen, das war natürlich gealtert. Aber sie war schön. Immer noch schön wie ein Model.«

Astrid schaute Ines mit weit aufgerissenen Augen an. »Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass es … dass diese Frau Svenja gewesen sein könnte?«

»Wenn ich es nur wüsste! Ehe ich mich aus meiner Schockstarre befreien konnte, war sie durch die Drehtür verschwunden.«

»Hat sie mit jemandem geredet? Einem deiner Kollegen ihren Namen genannt? Ihren Ausweis gezeigt? Eine Unterschrift oder sonst was hinterlassen?« Auf Astrids runden Wangen erblühten vor Aufregung rote Flecken.

»Der Kollege, der sie bedient hat, erzählte mir, dass sie Kronen in Euro umgetauscht hätte. Für die Fähre nach Deutschland.«

»Hat sie das gesagt? Aber wieso Deutschland? Und wo genau da? Hat sie erwähnt, was sie vorhat?« Astrid war laut geworden, ihre Stimme überschlug sich. Ein paar der umstehenden Gäste drehten sich zu ihnen um und musterten sie konsterniert.

Ines griff beruhigend nach ihrer Hand. »Ich weiß es nicht. Der Kollege hat wirklich nur sehr kurz mit ihr gesprochen. Tut mir leid! Ehrlich.«

Astrid atmete tief durch und ließ den Kopf hängen.

»Womöglich habe ich mich auch geirrt«, sagte Ines leise. »So gut kannte ich deine Schwester ja nicht. Die Frau war übrigens nicht allein.«

»Nein?« Astrids Kopf ruckte wieder hoch.

»Da war dieser komische Mann.«

»Wieso komisch?«

Ines war anzusehen, dass das Gespräch einen Punkt erreicht hatte, der ihr unangenehm war. Sie bedauerte anscheinend, das heikle Thema angesprochen zu haben. »Ist nur so ein Gefühl von mir«, versuchte sie abzuwiegeln. »Ich habe dir ja gesagt, dass du mich für verrückt halten wirst.«

»Nein, das tue ich nicht«, beeilte sich Astrid zu sagen. »Was war mit diesem Mann?«

Ines beäugte unschlüssig die leere Bierdose. Dann räusperte sie sich. »Diese Woche war es für Anfang Mai doch ungewöhnlich warm, oder?«

Astrid nickte.

»Aber dieser Mann, der trug einen dicken Schal um den Hals. Und so eine graue Filzkappe auf dem Kopf, deren Schirm er tief in die Stirn gezogen hatte.« Ines setzte ein schiefes Lächeln auf. »Ich habe mich zuerst gefragt, ob das nicht ein verkappter Bankräuber ist. Der gleich seine Waffe zückt und ›Hände hoch!‹ ruft. Aber natürlich ist nichts dergleichen geschehen.«

»Sondern?«, hakte Astrid nach.

»Der Mann hat für einen Moment den Kopf gehoben, und da habe ich die Narben gesehen.«

»Welche Narben?«

»Ein Geflecht aus Narben, das sich von unterhalb des rechten Auges bis zum rechten Mundwinkel zog. Wahrscheinlich ist auch ein Teil des Halses vernarbt. Aber das konnte ich wegen des Schals nicht erkennen.«

Astrid lief ein kalter Schauder den Rücken hinunter. »Hört sich gruselig an.«

»Ja«, stimmte Ines ihr zu. »Mir war der Typ irgendwie nicht geheuer.«

»Warum gibt Svenja sich mit so einem wie dem ab? Wenn ich an ihre früheren Begleiter denke, zu der Zeit, als wir noch miteinander in Kontakt standen … Das waren alles gut aussehende Kerle, manche von ihnen ebenfalls Models. So ein Narbengesicht passt überhaupt nicht in ihr Beuteschema.«

»Nun ja, wenn es so ist, wie wir vermuten, haben sich die Umstände für Svenja drastisch verändert. Vielleicht kann sie es sich nicht mehr leisten, wählerisch zu sein.«

»Willst du damit sagen«, Astrid schaute die Freundin verdutzt an, »dass Svenja sich finanziell von ihm aushalten lässt?«

»Ich halte es jedenfalls nicht für ausgeschlossen. Aber das sind bloß Spekulationen. Es kann auch alles ganz anders sein.«

»Stimmt.« Astrid kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. »Hat der Mann etwas zu deinem Kollegen gesagt?«, fragte sie einen Moment später.

»Nein.«

»Mist.«

»Aber mein Kollege hat mitbekommen, dass Svenja und der Mann sich beim Anstehen unterhalten haben. Er meinte, sie hätten wohl Deutsch oder Niederländisch miteinander gesprochen.«

Astrid begann, mit den Fingern ihrer rechten Hand auf der Tischplatte einen nervösen Rhythmus zu trommeln. »Wieso Deutschland? Was zum Teufel will Svenja in Deutschland?«

Ines zuckte hilflos mit den Achseln. »Das musst du sie schon selbst fragen. Wenn sie es überhaupt war. Wie gesagt, es ist möglich, dass ich mich getäuscht habe.«

Astrid nahm die Hand vom Tisch und legte sie in ihren Schoß. Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet. Ines, die ihr direkt gegenübersaß, nahm sie gar nicht mehr wahr. Was sie gehört hatte, beunruhigte und verwirrte sie gleichermaßen.

»Astrid?«, fragte Ines nach ihr endlos erscheinenden zwei, drei Minuten. »Alles in Ordnung mit dir?«

Astrid zuckte zusammen. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und räusperte sich. »Wärest du so lieb, mir von der Bar einen Schnaps zu holen?«

Sofort stand Ines auf. Als sie zum Tisch zurückkehrte, saß Astrid aufrecht auf dem Stuhl. Ihr Gesicht drückte grimmige Entschlossenheit aus.

»Hier!« Ines reichte ihr ein fast zur Hälfte mit Aquavit gefülltes Wasserglas. Astrid griff danach und leerte es in einem Zug. Dann schüttelte sie sich und sog tief die Luft ein.

Sie hatte eine Entscheidung getroffen.

»Ich fahre übernächste Woche nach Deutschland«, verkündete sie. »Und glaub mir, diesmal werde ich Svenja finden!« Koste es, was es wolle, fügte sie im Stillen hinzu.

Denn selbst nach mehr als einem Jahrzehnt hatte Astrid nichts vergessen oder vergeben.

Sie wollte Rache. Endlich Rache.

3

Nach dem Einchecken auf dem Campingplatz in Rotenburg an der Fulda schlenderte Kathrin zu Fuß über das Gelände, um sich in aller Ruhe einen Überblick über die verfügbaren Parzellen zu verschaffen. Jetzt, Anfang Mai, war der direkt am Fluss gelegene Platz nur zu einem Drittel belegt. Kathrin hatte quasi die freie Auswahl. Zielstrebig marschierte sie bis ans westliche Ende des Geländes, wo sich zwischen einer Haselnusshecke und einer Kopfweide ein lauschiges Areal am Wasser erstreckte. Kathrins Herz machte einen Sprung. »Ihre« Parzelle, auf der sie unvergessliche Tage und Nächte mit Peter verbracht hatte, war frei. Sie schien nur auf sie zu warten. Ohne zu zögern, schritt sie ans Ufer, bis sie mit der Vorderkappe ihrer blauen Sportschuhe beinahe das Wasser berührte. Die Fulda floss träge dahin. Als sich ein breiter Sonnenstrahl durch die dichte Wolkendecke kämpfte, schillerte die Flussoberfläche smaragdgrün. Kathrin bückte sich, hob einen flachen, runden Kiesel auf und ließ ihn über das Wasser hüpfen. Fünfmal tanzte der Kiesel auf der Wasseroberfläche, ehe er mit einem leisen Platschen unterging. Nicht schlecht, dachte sie. Aber auch nicht wirklich gut. Peter hätte es geschafft, dass der Stein bis zum anderen Ufer hüpfte. Er war ein wahrer Meister im Steineflitschen gewesen.

Sie richtete den Blick gen Himmel. »Ich vermisse dich«, flüsterte sie. »Bist du da oben? Oder wo sonst?«

Sie lauschte, doch Peter oder das Universum oder wer immer ihr hätte antworten können blieb stumm. Die Lücke zwischen den Wolken schloss sich wieder, und ein frischer Wind kam auf. Kathrin fröstelte in ihrem dünnen T-Shirt und den Shorts. Sie eilte zurück zum Eingang, um mit Töfftöff die gewählte Parzelle zu beziehen.

Als sie ihren CEE-Stecker in die nächstgelegene Stromsäule steckte, um während ihres Aufenthaltes mit Energie versorgt zu werden, streifte etwas Feuchtes und Kaltes Kathrins nackte Wade. Mit einem Quieken schnellte sie herum und blickte direkt in zwei braune Hundeaugen, in denen sie ein verschmitztes Grinsen zu entdecken glaubte.

Kathrin setzte ebenfalls ein Lächeln auf. »Du hast gewonnen«, sagte sie zu dem schwarz-braun-weißen Beagle. »Ich habe mich erschrocken.«

Begeistertes Schwanzwedeln war die Antwort, wobei die weiße Schwanzspitze des Beagles bebte.

Kathrin beugte sich hinunter und tätschelte die hellbraunen Schlappohren des Hundes. »Na, du bist ja ein ganz Fröhlicher!«

Der Schwanz bewegte sich so schnell von rechts nach links, dass Kathrin beim Zusehen beinahe schwindelig wurde.

Ein Pfiff schallte über den Campingplatz. Der Beagle hielt kurz inne, setzte seine Schwanzwedelorgie dann aber in gleichbleibender Intensität fort.

»Leo! Hierher! Komm sofort hierher!« Die Stimme klang genervt.

Der Beagle reagierte nicht.

»Ich glaube, es könnte für dich gleich Ärger geben«, warnte Kathrin den Hund. Der stellte das Wedeln ein, setzte sich auf seine Hinterbeine und schaute sie flehentlich an. Kathrin erlag dem Charme des Komikers auf vier Beinen sofort. »Du willst, dass ich dich beschütze?«

»Wuff«, machte der Beagle.

Ein großer, hagerer Mann in Jeans, hellgrauem T-Shirt und dunkler Softshelljacke näherte sich ihnen schnellen Schrittes. In der erhobenen Hand hielt er eine Lederleine. Der Beagle stand auf und schmiegte seine rechte Flanke an Kathrins Wade. Er zitterte wie Espenlaub. Mitleid und Ärger durchfluteten Kathrin. Beabsichtigte der Typ etwa, seinen Hund zu schlagen? Das würde sie verhindern!

»Stopp! Tun Sie ihm nichts«, rief Kathrin und legte ihre Hand schützend auf den Kopf des Hundes.

Der Mann stoppte jäh und sah sie verdutzt an.

»Er hat mich nur begrüßt. Dafür dürfen Sie ihn nicht bestrafen.«

Der Mann sah das anscheinend anders. »Mischen Sie sich nicht in meine Angelegenheiten ein!«, herrschte er Kathrin an.

Die reckte kampfeslustig das Kinn. »In Ihre nicht, aber in die des Hundes. Wenn Sie ihn schlagen, machen Sie sich strafbar.«

»Reden Sie keinen Quatsch«, polterte der Mann und beugte sich zu dem Hund hinunter. »Ich will ihn doch nur an die Leine nehmen.«

Er machte Anstalten, die Leine am Edelstahlring des Hundehalsbandes zu befestigen. Doch ehe er den Karabinerhaken einklinken konnte, sprang der Beagle auf. Er warf seinem Herrchen einen triumphierenden Blick zu und galoppierte auf dem kurz gehaltenen Gras des Campingplatzes in Richtung der Sanitäranlagen davon.

»Leo!« Die Stimme des Mannes überschlug sich vor Zorn. Der Beagle setzte seine Erkundungstour unbeeindruckt fort. Fluchend fuhr sich der Mann mit der Hand durch das kurz geschnittene Haar, das die gleiche Farbe wie die Ohren des Hundes aufwies. »Dieses verflixte Mistvieh. Das macht er immer mit mir.«

»Haben Sie es schon mal mit einer Hundeschule versucht?« Kathrin konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Kein Bedarf«, brummte der Mann. »Leo ist der Hund meiner Schwester. Ich passe nur auf ihn auf, solange sie im Krankenhaus ist.«

»Na, da haben Sie im Urlaub ja zumindest eine Aufgabe«, stellte Kathrin ironisch fest und wollte gehen.

»Urlaub.« Der Mann lachte bitter auf. »Schön, wenn man sich den leisten kann. Doch ausschlafen, ausspannen, einfach mal fünfe gerade sein lassen – das ist mir gerade nicht vergönnt. Und dann habe ich wegen des Autounfalls meiner Schwester auch noch dieses ungezogene Hundetier an der Backe. Was für ein Schlamassel! Der Köter treibt mich echt in den Wahnsinn.«

»Leo ist kein Köter«, wollte Kathrin protestieren, kam aber nicht mehr dazu.

»Stopp! Bleib verdammt noch mal endlich stehen!«, brüllte er und rannte ohne ein Wort des Abschiedes hinter dem Beagle her.

Sie schüttelte missbilligend den Kopf. Was für ein Kotzbrocken. Hoffentlich lief ihr der Typ jetzt nicht ständig über den Weg. Auf eine so rüde Gesellschaft wie die seine konnte sie gern verzichten.

Tagsüber hatte sich Kathrin zu beschäftigen gewusst. Nachdem sie Töfftöff mit Strom und Frischwasser versorgt hatte, war sie zwei Stunden lang in den Fuldaauen herumgestreift. Hatte ein Weißstorchpaar in seinem Nistkorb entdeckt und die Hinweistafeln über das, was in den renaturierten Auen so kreuchte und fleuchte, studiert. Dann hatte sie in ihrer Bordküche einen griechischen Bauernsalat mit reichlich Fetakäse zubereitet und eine Flasche Rotwein geöffnet. Deren Pegel war inzwischen um die Hälfte gesunken, was Kathrin unter normalen Umständen die notwendige Bettschwere verschafft hätte. Doch sie kam nicht zur Ruhe. Die Gedanken, die sie während des Tages durch ihren Aktionismus resolut in Schach gehalten hatte, nisteten sich in ihrem Kopf ein und gewannen dabei unaufhörlich an Kraft. Manche stachen Kathrin wie spitze Nadeln ins Gehirn. Bohrten sich als qualvolle Schuldgefühle in ihr tiefstes Inneres. Dort, wo es am meisten wehtat. Im verzweifelten Versuch, dem Erinnerungsschmerz zu entgehen, rieb sich Kathrin mit beiden Händen kräftig die Kopfhaut. Bis die unter ihren Fingern zu prickeln begann, als würde sie in Flammen stehen. Doch die unbeantworteten Fragen blieben, standen wie unüberwindbare Gebirge im Raum: Warum hatte sie nichts geahnt? Warum keinen Vorwand gesucht, um Peters letzte Geschäftsreise zu verhindern? Und was wäre gewesen, wenn sie ihre Projekte für ein paar Tage hätte ruhen lassen, um Peter zu begleiten? Wenn sie kostbare Lebenszeit mit ihm verbracht hätte? Anstatt nur auf sich selbst fokussiert und jetzt für immer von ihm getrennt zu sein?

Die Antwort auf diese Fragen war stets dieselbe. Sie war selbstsüchtig gewesen. Vor acht Jahren hatte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Darmstadt über Wochen im Dauerstress gestanden. Wenn sie abends von der Uni heimkam, lag Peter bereits im Bett und schlief. Und wenn sie morgens aufstand, war er schon in seinem Büro in Frankfurt. Selbst an den Wochenenden hatten sie kaum zwei, drei Stunden miteinander verbracht und weder an ihrer Beziehung, die das erste Mal deutliche Risse zeigte, noch an Töfftöff gearbeitet. An dem Morgen, an dem Peter zu seiner letzten Reise aufgebrochen war, hatte er ihr zum Abschied einen Kuss auf die Stirn gehaucht. Kathrin war so erschöpft gewesen, dass sie nicht einmal die Augen öffnete. Er war gegangen, ohne dass sie sich von ihm verabschiedet hatte.

Kathrin ballte die rechte Hand zur Faust und schlug sich damit wiederholt gegen ihre Stirn.

Warum, warum, warum, hallte es durch ihren Kopf.

Ein Geräusch von draußen ließ sie zusammenzucken. Kathrin spitzte die Ohren. Da war es wieder: ein leises Knarren oder Knarzen. Sie löschte die kleine Leselampe, die sie über der gemütlichen hinteren Sitzgruppe angebracht hatte, und blieb mucksmäuschenstill sitzen.

War da jemand? Schlich jemand um ihr Wohnmobil?

Kathrins Puls beschleunigte sich. Sie stand auf und schaute zuerst durch die kleine Scheibe über der Küchenzeile und danach durch die große Frontscheibe. Der Mond blitzte zwischen den Wolken hervor und warf silbernes Licht auf den Campingplatz. War da ein Schatten, der zwischen den Bäumen weghuschte? Für eine gefühlte Ewigkeit starrte Kathrin konzentriert in die Dunkelheit, ohne etwas Ungewöhnliches zu entdecken. Sie rieb sich die Augen, die vor Anstrengung brannten, und kehrte zurück zur Sitzgruppe, wo sie das Licht wieder einschaltete und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

Sah sie jetzt schon Gespenster? Fing sie an, sich Dinge einzubilden, die gar nicht existierten? Ihre Ohren schienen ihr einen Streich gespielt zu haben. Andererseits: Der Zettel unter dem Bremspedal und das geöffnete, durchwühlte Handschuhfach waren real und ganz sicher kein Konstrukt ihrer Phantasie gewesen. Beim Packen des Wohnmobils war Kathrin zwar weiter nichts Besorgniserregendes aufgefallen, aber das ungute Gefühl war geblieben. Es hatte sie auf der Fahrt hierher begleitet.

Womöglich hat Lothar doch recht, dachte sie. Es ist auf die Dauer schädlich, wenn man die Vergangenheit nicht Vergangenheit sein lässt.

Es war höchste Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. Nach acht Jahren endlich zu akzeptieren, dass sie nie herausfinden würde, was mit Peter geschehen war. Die ständige Grübelei und die Schuldgefühle, die wie ein Mantra in ihrem Kopf rotierten, mussten ein Ende haben. Genau wie ihre alljährliche persönliche Gedenkfahrt nach Rotenburg. Sich immer wieder den Stachel selbst ins Fleisch zu stoßen, war Selbstmord auf Raten.

Mit Schaudern erinnerte sich Kathrin daran, in welchem Zustand sie im vergangenen Mai aus Rotenburg zurückgekehrt war. Obwohl sie sich stets rühmte, eine Frau zu sein, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand, hatte sie selbigen in den Wochen nach ihrer Rückkehr komplett verloren. Sie war nicht mehr in der Lage gewesen, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn zu essen, zu schlafen oder zu arbeiten. Bis ihre Schwiegermutter es mit schier unendlicher Geduld und Zuwendung geschafft hatte, sie aus dem schwarzen Loch zu ziehen.

Ein zweites Mal passiert mir das nicht, schwor sich Kathrin und stellte das benutzte Glas in die kleine Edelstahlspüle.

Morgen würde sie ein allerletztes Mal zum Rotenburger »Pilzchen« auf dem Höberück hinauflaufen. An dem als übermannshoher Fliegenpilz gestalteten Aussichtspunkt hatte Peter vor einundzwanzig Jahren um ihre Hand angehalten. Obwohl sie zu dem Zeitpunkt schon eine ganze Weile zusammenwohnten, war der Antrag für Kathrin aus heiterem Himmel gekommen. Unter Freudentränen hatte sie ihn angenommen, und zwölf Monate später hatten sie am gleichen Tag eine große Hochzeit gefeiert. Morgen wären sie zwanzig Jahre verheiratet.

Kathrin schluckte den Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, energisch hinunter. Schluss jetzt mit den Grübeleien! Es war höchste Zeit, sich bettfertig zu machen.

Normalerweise beendete Kathrin jeden Abend auf dem Campingplatz, indem sie noch mal zum Wasser lief und ein paar Minuten auf die Fulda schaute. Nach den seltsamen Geräuschen, die sie draußen vernommen hatte, fehlte ihr dazu heute der Mut. Sie überprüfte, ob Fahrer- und Beifahrertür sowie die Tür zum Wohnbereich verriegelt waren. Auch die Fenster hielt sie, bis auf die Alkovenfenster, die man von außen nur mit einer hohen Leiter erreichen konnte, verschlossen. Sie brauchte lange, bis sie endlich einschlief.

Am nächsten Morgen wurde Kathrin wach, als ein Wohnmobil auf die Parzelle neben ihr fuhr und das dazugehörige Ehepaar lautstark diskutierte, ob der Ausblick auf den Fluss ihren Ansprüchen genügte oder nicht. Ersteres schien der Fall zu sein, weil der Motor erstarb und Kathrin hörte, wie die Sonnenmarkise ausgefahren wurde. Sie sah auf den kleinen Wecker, den sie mit doppelseitigem Klettband an der Wand über ihrem Kopfkissen befestigt hatte. Viertel vor zehn! Kathrin schnellte hoch und hätte sich um ein Haar den Kopf an der niedrigen Alkovendecke gestoßen. Himmelherrgott! So lange hatte sie seit Ewigkeiten nicht geschlafen. Rasch kletterte sie die schmale Alkovenleiter hinunter, über die sie ihren Schlafbereich erreichte, und schlurfte in das kleine Heckbad. Nach dem Toilettengang schlüpfte sie in Jeans und T-Shirt, schnappte sich ihr Handtuch, ihre Badelatschen und den Kulturbeutel, um in den Sanitäranlagen des Campingplatzes unter die Dusche zu springen. Ihr Badspiegel hatte ihr gezeigt, dass die Nacht nicht ohne Spuren geblieben war. Ihr Haar trotzte dem Gesetz der Schwerkraft, und ihre rechte Wange zierten Kissenfalten. In diesem Zustand wollte Kathrin niemandem gegenübertreten.

»Morgen«, murmelte Kathrin beim Verlassen ihres Wohnmobils und spurtete los, um in Richtung der Sanitäranlagen zu verschwinden.

»Morgen«, gab ihr Nachbar, der gerade einen Tisch und Stühle aus seiner Heckgarage hervorzog, gut gelaunt zurück. »Haben wir nicht Glück mit dem Wetterchen?«

Kathrin sah zum Himmel, an dem sich die Wolken der letzten Tage verzogen hatten. »Sieht so aus«, nuschelte sie.

»Heute ist bestimmt ein wichtiger Tag für Sie«, fuhr der Mann redselig fort.

Kathrin zuckte zusammen. Woher weiß er das, fragte sie sich. War sie dem Mann schon einmal auf einem anderen Platz begegnet? Sie musterte den Rentner mit dem schütteren grauen Haupthaar und dem Wohlstandsbäuchlein, das sich über den Bund seiner Jeans drängte. Nein, sie war sich sicher, den Mann noch nie zuvor gesehen zu haben.

»Nun ja, wie man es nimmt«, erwiderte Kathrin ausweichend und machte einen Schritt vorwärts. »Ich gehe dann mal. Die Duschen warten auf mich.«

Der Rentner ließ sich nicht beirren. »War bestimmt schon früh unterwegs, Ihr Mann.«

Kathrin stoppte abrupt. »Mein Mann? Wieso mein Mann?«

»Na, deswegen!« Er wies mit der Hand auf Kathrins Motorhaube.

Kathrin erstarrte.

Ihr Wohnmobilnachbar klopfte sich amüsiert auf die Schenkel. »Mein lieber Scholli. Die Überraschung ist Ihrem Mann aber gelungen. Ihr Ausdruck eben!«, sagte er und kicherte. »Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten. Aber ganz ehrlich … Da sind Ihnen doch glatt sämtliche Gesichtszüge ins Rutschen gekommen.«

Kathrin merkte, wie ihre Knie weich wurden. Ihr Wohnmobil, von dessen Motorhaube sie den Blick nicht abzuwenden vermochte, fing an, wie ein Karussell um sich selbst zu kreisen.

»Ist Ihnen nicht gut?«, rief der Mann alarmiert.