Cannabis - Eva Hoch - E-Book

Cannabis E-Book

Eva Hoch

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Beschreibung

Cannabis ist nun als Rauschdroge in Deutschland legal. Die Droge hat verschiedenste Effekte und kann bei Menschen ganz unterschiedlich wirken. Wie entsteht eine Abhängigkeit? Kann man beim ersten Konsum schon eine Psychose bekommen? Macht Cannabis dumm? Wie wirksam ist Cannabis als Arznei? Die Autoren liefern neueste Erkenntnisse zu Cannabis als Rauschmittel und Arznei. Sie klären über Cannabismythen auf. Dabei nehmen sie auch die Entwicklung in anderen Ländern in den Blick. Was können wir aus bereits gemachten Erfahrungen lernen? Welche Knackpunkte müssen im weiteren Legalisierungsprozess beachtet werden, damit die Freigabe der Droge gelingen kann? Viele Fragen sind noch offen. In diesem Buch finden Sie die Antworten.

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Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2024

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© 2024 LMV, ein Imprint der Langen Müller Verlag GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Sabine Schröder

Umschlagmotiv: Shutterstock.com: Roxana Gonzalez; Viacheslav Lopatin

Satz und Ebook-Konvertierung: VerlagsService Dietmar Schmitz, Erding

ISBN: 978-3-7844-8483-9

www.langenmueller.de

Inhalt

Vorwort

1. Cannabis, Cannabinoide und weitere Inhalte der Hanfpflanze

Die Pflanze Cannabis

Unterformen von Cannabispflanzen

Pflanzliche (Phyto-)Cannabinoide

Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC)

Steigender THC-Gehalt in Cannabisprodukten

Cannabidiol (CBD)

Terpene und Flavonoide

Der »Entourage-Effekt«

Andere pflanzliche Cannabinoide

Synthetische Cannabinoide

2. Die Entdeckung des körpereigenen Cannabissystems

Der Begründer der modernen Cannabisforschung

Einzelne Puzzleteile ergeben ein Ganzes

Wozu haben wir ein körpereigenes Cannabissystem?

Cannabis und das sich entwickelnde Gehirn

3. Cannabis zu Rauschzwecken

Verbreitung des Cannabiskonsums

Jahrtausende lange Nutzung von Cannabis

Von der Jugend- und Musikkultur bis zur Milliardenindustrie

Konsummotive

Wie wird Cannabis gebraucht?

Wie schnell wirkt Cannabis im Körper?

Nachweis von Cannabis in Urin, Blut und Haaren

Kurzfristige Folgen des Cannabiskonsums

Längerfristige Effekte auf den Körper

Längerfristige Folgen auf die Psyche

Welche Rolle spielt der Tabak?

Fahrtüchtigkeit und Verkehrsunfälle

Mehr THC – mehr unerwünschte Folgen?

4. Cannabiskonsumstörungen

Wenn Kiffen krank macht …

Schädlicher Gebrauch von Cannabis

Cannabisabhängigkeit

Das Cannabisentzugssyndrom

Wie entstehen Cannabiskonsumstörungen?

Gene und Umwelt

Abhängigkeit als gelerntes Verhalten

5. Cannabis als Medizin

Rechtliche Grundlagen

Einsatz von medizinischen Cannabisprodukten in Deutschland

Nachweis zur Wirksamkeit bei körperlichen Erkrankungen

Wirksamkeit bei psychischen Erkrankungen

Erfahrungen mit dem Einsatz von medizinischen Cannabisprodukten in Deutschland

Nebenwirkungen und Kontraindikationen

6. Alkohol, Tabak und Cannabis: Ein Risikovergleich

Cannabis und Tabak

Cannabis und Alkohol4

7. Prävention

Wie lassen sich Risiken verhindern?

Woran erkenne ich, dass mein Kind kifft?

Wie kann ich mit meinem Kind über Cannabis sprechen?

Welche Präventionsansätze gibt es in Europa?

Beispiele für wirksame Prävention

8. Behandlung von Cannabiskonsumstörungen

Welche Hilfe gibt es?

Frühintervention

Webbasierte Angebote

Psychotherapeutische Programme

Empfehlungen zum risikoarmen Konsum

9. Legalisierung, Regulierung oder Entkriminalisierung?

Begriffsklärungen

Legalisierung: Pro und Contra

Wie ist bisher in verschiedenen Ländern legalisiert worden?

Cannabislegalisierung in Deutschland

10. Fakt oder Fake? 13 Cannabismythen

Mythos 1: Cannabis ist eine Einstiegsdroge

Mythos 2: Cannabis ist eine »weiche Droge«

Mythos 3: Cannabis macht nicht abhängig, oder?

Mythos 4: Schon beim ersten Cannabiszug kann man eine Psychose bekommen

Mythos 5: Cannabis löst psychische Störungen aus

Mythos 6: An Cannabis ist noch niemand gestorben

Mythos 7: Cannabis lässt die grauen Gehirnzellen wachsen

Mythos 8: Cannabinoide wirken genauso wie Psychopharmaka

Mythos 9: Cannabis heilt Krebs

Mythos 10: Cannabis ist ein potentes Schmerzmittel

Mythos 11: Cannabis hilft bei Menstruationsbeschwerden und Übelkeit in der Schwangerschaft

Mythos 12: CBD ist ein Placebo

Mythos 13: Cannabis hilft gegen Ängste und Depressionen

Nachwort

Quellen

Über die Autoren

Vorwort

Noch in dieser Legislaturperiode soll Cannabis für Erwachsene in Deutschland legal werden. Dieses zentrale gesellschaftliche Thema wird kontrovers diskutiert. Es hat potenziell weitreichende Folgen. Mehr Gesundheitsschutz, Jugendschutz und die Austrocknung des Schwarzmarktes sind die wesentlichen Gründe, warum die Bundesregierung das Gesetz initiiert hat. Doch dieser bedeutsame Schritt bringt auch große Herausforderungen mit sich. Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor einer Zunahme der Cannabisabhängigkeit und die Vereinten Nationen vor der Last für das Gesundheitssystem. Wird der Gebrauch der Substanz zunehmen? Werden mehr Menschen einen problematischen Konsum entwickeln? Werden mehr an Psychosen und anderen psychischen Störungen erkranken?

Viele Menschen fühlen sich unzureichend informiert. Im Dschungel der medialen Berichterstattung ist es schwierig, sich eine klare, faktenbasierte Meinung zu bilden. Ist Cannabis eine harmlose Freizeitdroge? Bereitet es weniger Probleme als die Volksdrogen Alkohol und Tabak? Oder ist es eine hochriskante Einstiegsdroge? Schwer kranke Patienten berichten über schmerzlindernde, appetitanregende oder entspannende Effekte von Cannabis. Es kann Linderung bei chronischen Erkrankungen bringen. Die Substanz Cannabis ist nicht einfach zu verstehen. Ihre Wirkung ist individuell, die Effekte können sehr vielfältig sein. Dazu kommt, dass sich das Feld rasant weiterentwickelt. Ständig gibt es neue Studien und Erkenntnisse! Es ist schwer, Schritt zu halten. Zusätzlich gibt es noch verschiedenste Player in dem Feld. Interessengruppen von Konsumierenden, Patienten, Industrie, Medizin, Pharmazie, Politik, Polizei und Rechtsprechung beharren auf ihrer eigenen Perspektive. Oft sind die Positionen verhärtet, der Ton scharf. Das wirkt irritierend.

Als Wissenschaftler befassen wir uns seit über zwei Jahrzehnten mit der Substanz Cannabis als Rauschdroge wie auch als Arznei. Als Psychotherapeutin bzw. Arzt haben wir mit vielen Menschen gearbeitet, die aufgrund ihres Cannabiskonsums gesundheitliche Probleme bekamen. In unserer Forschung gehen wir der Frage nach, wie und warum die Droge riskant werden kann. Spannende Fragen sind, wie man eine Abhängigkeit entwickeln kann und ob es so etwas wie einen risikoarmen Konsum gibt? Im Laufe unserer Tätigkeit haben wir auch festgestellt, dass sich immer mehr chronisch Kranke Cannabis zur Linderung ihrer Beschwerden wünschen. Deshalb gehen wir den Fragen nach: Wo hilft Cannabis als Arznei? Wie kann es eingesetzt werden? Sind auch Nebenwirkungen zu erwarten? Wo sind die Grenzen?

In diesem Buch wollen wir möglichst aktuell, objektiv und undogmatisch den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zu den Risiken und dem Potenzial von Cannabis zusammenfassen. Wir lassen auch immer wieder Menschen zu Wort kommen, die ihre unterschiedlichen Geschichten und persönlichen Erfahrungen mit uns teilen. Das Buch soll aufklären. Es wendet sich an Jugendliche, Eltern, Lehrer, Journalisten, Erzieher, Ärzte, Therapeuten, Betroffene und alle anderen, die sich informieren möchten und neugierig sind. Mögen viele Menschen davon profitieren.

Eva Hoch und Ulrich Preuss

im März 2024

1.Cannabis, Cannabinoide und weitere Inhalte der Hanfpflanze

Die Pflanze Cannabis

Warum erfährt Cannabis im 21. Jahrhundert eine nie da gewesene Aufmerksamkeit in Medien, Politik, Medizin und der Öffentlichkeit? Weed, Mary Jane, Reefer, Pot, Gras – es gibt viele umgangssprachliche Namen für die Hanfpflanze Cannabis sativa L. Sie ist eine der ältesten dem Menschen bekannten Pflanzen. Ihre Produkte werden schon seit Jahrtausenden zu religiösen, handwerklichen und medizinischen Zwecken verwendet.

Cannabis ist eine ausgesprochen vielseitig anwendbare Pflanze. Deshalb verwundert es nicht, dass der Hanf die wohl älteste Nutzpflanze des Menschen sein dürfte, die nicht (ausschließlich) der Ernährung dient. Cannabis wird als Nutzhanf für Stoffe und Industriefasern angebaut. Cannabissamen und die daraus gewonnenen Öle werden häufig als Nahrungsmittel und Gesundheitszusätze konsumiert, während Cannabisblüten sowohl zu medizinischen als auch zu Rauschzwecken verwendet werden. Sorten der Pflanze, die für Lebensmittel und Fasern gezüchtet werden, sind umgangssprachlich als Hanf bekannt, während Stämme, die für medizinische Zwecke angebaut werden, unter anderem als Marihuana bezeichnet werden.

Den ältesten archäologischen Beweis für die Verwendung von Cannabis lieferte ein 10 000 Jahre altes Hanfseil aus dem Stiel der Pflanze, welches in Taiwan gefunden wurde. Die Pflanze zählt mit ihrer euphorisierenden und entspannenden Wirkung auch zu den ältesten Rauschmitteln. Schriftliche Hinweise auf eine solche psychotrope (d. h. auf das Verhalten, Denken und Fühlen wirkende) und/oder therapeutische Nutzung von Cannabispräparaten (z. B. aus China, Indien, Ägypten) reichen teilweise über 4000 Jahre zurück.

Ursprünglich stammt die Hanfpflanze aus Zentralasien, ist aber heute in fast allen warmen und gemäßigten Zonen der Erde verbreitet. Die einjährige Pflanze bildet nur einen Stiel aus, der eine Höhe von bis zu fünf Metern erreichen kann. Die krautige Hanfpflanze ist diözisch (zweihäusig). Es treten männliche und weibliche Pflanzen auf, allerdings kommen auch »monözische Pflanzen« vor, bei denen sich weibliche und männliche Blüten entwickeln. Harz, Blüten und Samen können ausschließlich aus weiblichen Pflanzen gewonnen werden. Unter optimalen klimatischen Bedingungen (z. B. auf Jamaika) sind auch zwei, unter Gewächshausbedingungen auch mehrfache Ernten pro Jahr möglich.

Bekanntermaßen sind die grünen Blätter der Pflanze fingerförmig mit einem gezackten Rand. Die Zahl der Finger der Blätter variiert und ist unten am Stamm der Pflanze geringer als weiter oben. Die weiblichen Blüten sind traubenförmig angeordnet und am oberen Ende der Pflanze am dichtesten, während die männlichen Blüten in »Rispen« angeordnet sind. Männliche Pflanzen sind kleiner als weibliche. Große weibliche Pflanzen können, abhängig von der Art, bis zu mehreren Metern hoch werden. Die männlichen Pflanzen werden früher reif als die weiblichen und sterben nach der Blüte schnell ab. Die Befruchtung der weiblichen Blüten erfolgt über die Luft. Im Herbst sterben üblicherweise die weiblichen Pflanzen ab.

Die Früchte des Hanfs, die Hanfsamen, sind Achänen, d. h. eine Sonderform einer Nuss, bei der Samenschale und Fruchtwand eng aufeinanderliegen. Die Pflanzen besitzen drüsenartige Gebilde (Trichome), die eine harzartige Absonderung produzieren. Darin befinden sich diverse Inhaltsstoffe. Man findet sie gehäuft an den Kelch- und Tragblättern der weiblichen Pflanzen und in der Regel in geringerer Zahl an männlichen. Es gibt aber auch Zuchtlinien, bei denen die männlichen Pflanzen die weiblichen bezüglich der Inhaltsstoffe übertreffen.

Unterformen von Cannabispflanzen

Botanisch gehört der Hanf, ebenso wie die Gattung Humulus (Hopfen), zu der Familie der Cannabaceae (Hanfgewächse). Über die Anzahl der Arten in der Gattung Cannabis wurde lange debattiert. Es werden häufig drei Unterarten genannt: Cannabis sativa, Cannabis indica und Cannabis ruderalis. Aktuell wird meist eine einzige vielfältige Art (Cannabis sativa L.) mit verschiedenen Variationen angenommen, manche Forscher plädieren aber auch für eine Unterteilung in zwei getrennte Arten (Cannabis sativa und Cannabis indica). Cannabis indica ist buschiger als Cannabis sativa. Eine Beschreibung der Art Cannabis ruderalis fand bereits in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts statt. In der Fachwelt gibt bis heute noch viel Diskussion um die Taxonomie von Indica, Sativa und Ruderalis. Mittlerweile werden auch viele verschiedene hybride Sorten gezüchtet. So wird von kommerziellen Herstellern versucht, bestimmte Eigenschaften und Wirkungsweisen zu erzeugen.

Pflanzliche (Phyto-)Cannabinoide

Bis zu 1000 Stoffe wurden bisher in der Cannabispflanze identifiziert, davon 500 verschiedene Chemikalien (z. B. stickstoffhaltige Verbindungen, Aminosäuren, Kohlenwasserstoffe, Zucker, Fettsäuren). Diese Stoffe sind nicht psychoaktiv. Sie haben also keinen Einfluss auf unser Denken, Verhalten oder unsere Stimmung. In der Hanfpflanze Cannabis sativa L. sind sehr viele verschiedene Cannabinoide enthalten. Über 140 wurden bisher identifiziert, die prominentesten sind das Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und das Cannabidiol (CBD) (Hoch, Friemel & Schneider, 2019). Sie kommen am häufigsten in dieser Pflanze vor.

Seltenere Cannabinoide sind Cannabigerol (CBG), Cannabichromen (CBC) und Tetrahydrocannabivarin (THCV). Sie sind bisher kaum erforscht. Deshalb ist ihre Wirkung auf den menschlichen Körper auch wenig bekannt. Das Verhältnis aller Cannabinoide zueinander variiert nach Alter der Probe, ihrer geografischen Herkunft und der Genetik der Pflanzensorte (Sativa, Indica oder Hybrid) bzw. Züchtung. Entsprechend unterschiedlich kann auch die Wirkung des Cannabis auf den menschlichen Körper ausfallen. Experten sprechen hier von einem »Cannabinoid-Profil«: der unterschiedlichen Zusammensetzung von THC, CBD, Terpenen und Flavonoiden sowie anderen Cannabinoiden in einem Produkt. In Deutschland sind derzeit über einhundert verschiedene Cannabisblüten mit unterschiedlichem Cannabinoid-Profil von der Bundesopiumstelle zur medizinischen Nutzung zugelassen.

Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC)

THC, der primäre psychoaktive Analyt, ist in den blühenden oder fruchtigen Spitzen, Blättern und im Harz enthalten. Die Vorstufe von THC in der Cannabispflanze ist die ∆9-Tetrahydrocannabinolsäure (THCAA). Sie enthält eine zusätzliche Carbonsäuregruppe, die beim Erhitzen oder bei Einwirkung von Luft oder Licht decarboxyliert (chemische Reaktion, bei der aus einem Molekül ein Kohlenstoffdioxid-Molekül abgespalten wird) und THC erzeugt. Ein weiterer Abbau zu diesen Elementen kann THC in CBN (Cannabinol) umwandeln, und die Einwirkung von Säure kann die Verbindung zu CBN oxidieren. CBN ist ein chemisches Abbauprodukt. Etwa 95 Prozent des THC in Cannabis ist eine Mischung aus Monocarbonsäuren, die beim Erhitzen leicht decarboxyliert werden (Hoch et al., 2019).

Steigender THC-Gehalt in Cannabisprodukten

Die Potenz (Stärke) von Cannabis hat im Laufe der Jahre zugenommen. Vor dem Jahr 2000 lag die THC-Konzentration in Straßen-Cannabis bei 4 Prozent oder weniger. Seitdem hat sich die THC-Konzentration in Cannabis jedoch kontinuierlich erhöht. Im Jahr 2021 lag laut Europäischer Drogenbeobachtungsstelle der durchschnittliche THC-Gehalt von Cannabisharz in der EU bei 20 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie der von Cannabiskraut (9,5 Prozent). Allerdings können die Proben beider Formen der Droge erheblich variieren. In den USA sind hochpotente Produkte wie Dabs oder Vape-Pens mit THC-Gehalt von 70 Prozent und mehr verfügbar. Diese Trends in den letzten zehn Jahren deuten darauf hin, dass zunehmend schädlichere Cannabis-Produkte verfügbar werden (Elsohly et al., 2021). Sogenannte »Cannabis-Potenzüberwachungsprogramme« gibt es u. a. in den USA, den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Italien.

Fallbeispiel Stefan (40 Jahre)

»Ich bin schon eine lange Zeit beim Kiffen dabei. Angefangen habe ich 1988. Ich würde sagen, heutzutage läuft das Kiffen nicht mehr ganz so glimpflich ab. Das THC ist heute viel stärker als früher. Ich merke das daran, dass ich weniger Cannabis in meinem Joint brauche, dass ich geringer dosiere. Die Pflanze hat sich durch Genmanipulation verändert. Dann hast du im Cannabis noch Beimischungen. Gerade bei der Blüte selber ist vieles dran, was du nicht willst, zum Beispiel Haarspray. Beim Hasch ist es so, da weißt du gar nicht, was du bekommst. Manchmal erwischst du was, was dermaßen knallt. Das will ich ja gar nicht unbedingt. Du solltest schon vorsichtig sein. You never know!«

Cannabidiol (CBD)

Ein Cappuccino, Kaugummis oder Gummibärchen mit CBD? Was es in Amerika schon seit Längerem gibt, ist jetzt auch bei uns erhältlich. CBD-Nahrungsmittel werden damit beworben, dass sie beispielsweise das Wohlbefinden steigern sollen. Die Europäische Kommission hat sie in den »Novel Food Katalog« aufgenommen, da sie vor dem Jahr 1997 nicht nennenswert verzehrt wurden. Alle Produkte, die Cannabinoide enthalten, werden als neuartig beurteilt und bedürfen einer Zulassung nach der Novel-Food-Verordnung.

Forschungsarbeiten konzentrierten sich in jüngerer Zeit vermehrt um das zweithäufigste natürliche pflanzliche Cannabidiol (CBD). Während früher die Züchtung von Cannabis auf die Erhöhung des THC-Gehalts abzielte, wurden in letzter Zeit gezielt Sorten mit hohem CBD-Gehalt gezüchtet. Welche Wirkungen hat es auf den menschlichen Körper? Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation erzeugt CBD keine berauschende und belohnende Wirkung. Es macht auch nicht abhängig. In sehr hohen CBD-Dosen kann es aber wohl doch zu einer Intoxikation (Vergiftung) kommen. Teilnehmende an einer experimentellen Studie (Solowij et al., 2019) in Australien beschrieben einen dissoziativen Zustand, nachdem sie hohe Dosen von vaporisiertem CBD inhaliert hatten. Auch kann es zu einer Belastung der Leber kommen, da CBD über die Leber verstoffwechselt wird.

Cannabidiol wird vom Menschen in der Regel gut vertragen. Es können bei einer Nutzung dennoch unerwünschte Wirkungen (z. B. Übelkeit und Durchfall) und Wechselwirkungen mit anderen Drogen auftreten. Seine fruchtschädigende Wirkung in hohen Dosen ist nicht abschließend geklärt. Da CBD über die Placenta den Fötus erreichen und auch in der Muttermilch enthalten sein kann, wird von CBD-Konsum in der Schwangerschaft und Stillzeit abgeraten.

CBD werden viele positive Eigenschaften zugeschrieben, z. B. eine angstlösende, entzündungshemmende, neuroprotektive (Schutz der Nervenzellen), antidepressive, hungerhemmende, die Kognition (Wahrnehmen und Erkennen) fördernde und antipsychotische Wirkung. In den USA und Europa ist CBD als Medikament zur Vorbeugung seltener, schwerer therapieresistenter Anfallsleiden bei Kindern zugelassen worden. Für die meisten therapeutischen Anwendungen fehlen die Wirksamkeitsbelege. Die Datenlage könnte sich jedoch mittelfristig ändern, da derzeit international noch viele laufende Studien die Effektivität von CBD testen (Hoch, Friemel & Schneider, 2019).

Terpene und Flavonoide

In der Hanfpflanze ist zusätzlich zu den Cannabinoiden noch eine Vielzahl von Nicht-Cannabinoiden enthalten, z. B. Terpene und Flavonoide. Terpene sind flüchtige organische Substanzen, die in Pflanzen enthalten sind. Wir kennen sie auch als Bestandteile von ätherischen Ölen. Sie tragen zu dem ganz eigenen, typischen Geruch und Geschmack einer Pflanze bei. Dadurch helfen sie einerseits, Insekten zur Bestäubung der Blüte anzulocken, oder andererseits, die Pflanze vor Schädlingen oder Krankheiten zu schützen.

In der Hanfpflanze sind sehr viele verschiedene Terpene gefunden worden. Sie erzeugen den für Cannabis typischen süßlich, erdig-würzigen Geruch. Terpene des Cannabis sind auch in anderen Pflanzen nachzuweisen. Das Terpen Limonen ist in Zitronen, Orangen, Grapefruits, Pfefferminze, Rosmarin und Wacholder enthalten. Das Terpen α-Pinen lässt uns an den Duft von Pinien erinnern. Es findet sich aber auch in Kräutern wie Basilikum, Dill, Petersilie und Rosmarin.

Flavonoide sind eine in der Natur weitverbreitete Gruppe von Stoffen, die zu den Polyphenolen zählt. Sie prägen Geschmack und Farbe einer Pflanze und sind besonders häufig in Blüten, Blättern und Schalen enthalten. Ihre Aufgabe ist es, die Pflanze vor schädigenden Umwelteinflüssen zu schützen. Über 6000 Flavonoide sind bisher identifiziert worden. In Cannabis sind etwa 60 eigene Flavonoide (sogenannte Cannaflavine) identifiziert worden.

Insgesamt sind die Wirkungen von Terpenen und Flavonoiden im Zusammenspiel mit den Cannabinoiden noch nicht gut wissenschaftlich untersucht worden. Ein großer Einfluss auf die Rauscherfahrung und therapeutische Wirksamkeit wird schon jetzt von der Cannabisindustrie behauptet.

Der »Entourage-Effekt«

Der Cannabisforscher Raphael Mechulam vermutete, dass die vielfältigen natürlichen chemischen Verbindungen in der Cannabispflanze die Wirkung der Cannabinoide verändern. Er bezeichnete dies als »Entourage-Effekt«. Seit dem Aufkommen des Begriffs ist eine Diskussion über seine pharmakologische Grundlage und Bedeutung im Gange.

Befürworter behaupten, der »Entourage-Effekt« sei der Grund dafür, dass Patienten bessere Wirkung bei sogenannten Vollspektrumprodukten oder Vollpflanzenpräparaten, die das gesamte Spektrum der in Cannabis enthaltenen Wirkstoffe enthalten, spüren (Christensen et al., 2023). Kritiker bezweifeln die höhere Wirksamkeit. Sie behaupten, der Begriff werde von der Cannabisindustrie in erster Linie zu Marketingzwecken verwendet. Ob die Gruppe von Chemikalien innerhalb der Cannabispflanze effektiver ist als die isolierte Verwendung einzelner Chemikalien, bleibt zu belegen. Es existieren einige präklinische und klinische Studien mit einfacher Methodik und widersprüchlichen Ergebnissen. Klinische Aussagen stützen sich überwiegend auf anekdotische Belege und Anwendungsbeobachtungen. Die Forschung zu diesem Thema steckt noch in den Kinderschuhen (Russo, 2011).

Andere pflanzliche Cannabinoide

Phytocannabinoide (pflanzliche Cannabinoide) sind nicht nur auf die Cannabispflanze beschränkt. Cannabinoide und cannabinoidähnliche Verbindungen wurden in mehr als zwanzig Pflanzen nachgewiesen, darunter Karotten, Echinacea, schwarzer Pfeffer und einige Pilzarten.

Synthetische Cannabinoide

Schon in den 1940er-Jahren wurden in den USA die ersten Cannabinoide im Labor vom Chemiker Roger Adams und seinen Kollegen erstmals hergestellt. Später tat dies auch eine Forschungsgruppe um Raphael Mechoulam in Israel. Die synthetischen Cannabinoide wurden einerseits zu Forschungszwecken entwickelt, andererseits aber auch als Arznei (z. B. bei Schmerzen). Der große Unterschied zwischen pflanzlichem und synthetisch hergestelltem THC ist, dass die meisten synthetischen Cannabinoide nur am CB1-Rezeptor im Gehirn andocken. Sie tun dies viel stärker und haben eine deutlich höhere Wirkungspotenz.

Synthetische Cannabinoide zählen zu den neuen psychoaktiven Substanzen. Sie erschienen erstmalig 2005 auf dem europäischen Markt. Damals waren sie ein noch unbekannter Zusatz in der Räuchermischung »Spice«. Sie werden heutzutage in illegalen Laboren synthetisiert, auf getrocknete Kräutermischungen gesprüht und als legale Cannabis-Alternative meist im Internet unter verschiedenen Handelsnamen verkauft. Die typische Intoxikations-(Vergiftungs-)Symptomatik hat kein schweres klinisches Bild. Es klingt meist innerhalb weniger Stunden wieder ab. Ihr Konsum kann zu schweren Intoxikationen, schneller Toleranz- sowie Abhängigkeitsentwicklung führen. Dennoch gibt es auch schwere Rauschverläufe mit Krampfanfällen, akutem Nierenversagen, Herzinfarkt, Psychosen, notfallärztlichen Behandlungen bis zu Todesfällen.

2.Die Entdeckung des körpereigenen Cannabissystems

Der Begründer der modernen Cannabisforschung

Ein Mann wird im Zusammenhang mit der Erforschung der Substanz Cannabis und dem endogenen Cannabissystem besonders gewürdigt, in Cannabis-Kreisen wird er sogar regelrecht verehrt als »Vater des THC«: Raphael Mechoulam, ein israelischer Wissenschaftler, hat bis dato sicherlich am stärksten zu unserem Verständnis der Cannabinoide und des endogenen Cannabissystems beigetragen.

Raphael Mechoulam wurde 1930 in Sofia, Bulgarien, geboren. Sein Vater war Chef des jüdischen Krankenhauses. Aufgrund der Repressalien der Nationalsozialisten versuchte er, als Arzt auf dem Land weiterzupraktizieren. Trotz Flucht mit der Familie über den Balkan wurde er schließlich doch im Konzentrationslager interniert. Nach dem Holocaust emigrierte die Familie 1949 nach Israel. Mechoulam studierte Biochemie an der Hebrew University of Jerusalem und promovierte am Weizmann-Institut für Wissenschaften. Dort begann er in den frühen 1960er-Jahren seine Forschung an den Cannabinoiden Cannabidiol (CBD) und Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) (Adams et al., 1940a, b). In den 1990er-Jahren entdeckte er mit Kollegen die wichtigsten körpereigenen Cannabinoide Anandamid und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG).

Mechoulam verstand schon früh die Bedeutsamkeit dieses hochkomplexen biochemischen Systems für die menschliche physiologische Physiologie. Dem preisgekrönten Wissenschaftler gelang es, die israelische Wirtschaft von der Zukunft des Cannabis zu überzeugen. Israelische Firmen sind an mehr als 80 Prozent aller weltweiten Cannabis-Patente beteiligt. Der hochproduktive Raphael Mechoulam starb im Jahr 2022 in Israel. Er war bis zuletzt von den unbeantworteten Fragen des endocannabinoiden Systems fasziniert. In einem Interview zitierte er Rilke: »Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge zieh’n. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.« (https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/wissenschaftsgeschichte-der-pionier-der-cannabis-forschung-1.3783646)