Captive - Ich will nur dich - Sarah Rivens - E-Book
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Captive - Ich will nur dich E-Book

Sarah Rivens

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Beschreibung

Er hat sie verbannt. Nun will er sie zurück. Doch kann sie ihm verzeihen? — Die Wattpad-Sensation aus Frankreich: düster, verboten, leidenschaftlich!

Ein Jahr ist vergangen, seit Asher seine Gefangene Ella verbannt hat, um sie aus der Schusslinie zu bringen. Seitdem verfolgt ihn die Erinnerung an ihre blauen Augen. Der Boss des kriminellen Scott-Kartells ist jedoch viel zu stolz, um an ihre Tür zu klopfen. Bis ihre Welten unbeabsichtigt wieder aufeinanderprallen. Danach ist der Mafiaboss entschlossen, die Gefühle »seines Engels« neu zu entfachen … ohne zu begreifen, dass dies auch bedeutet, seine eigenen wiederzubeleben. Doch Ella ist kein Engel mehr. Sie hat Asher nicht verziehen und ist entschlossen, ihre gemeinsame Welt in Flammen zu setzen …

Die dramatische Dark-Romance-Reihe von Wattpad-Erfolgsautorin Sarah Rivens!
Band 1: Captive — Du gehörst mir
Band 2: Captive — Wir auf ewig
Band 3: Captive — Ich will nur dich
Spice-Level: 2 von 5

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Seitenzahl: 844

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Buch

Ein Jahr ist vergangen, seit Asher seine Gefangene Ella verbannt hat, um sie aus der Schusslinie zu bringen. Seitdem verfolgt ihn die Erinnerung an ihre blauen Augen. Der Boss des kriminellen Scott-Kartells ist jedoch viel zu stolz, um an ihre Tür zu klopfen. Bis ihre Welten unbeabsichtigt wieder aufeinanderprallen. Danach ist der Mafiaboss entschlossen, die Gefühle »seines Engels« neu zu entfachen … ohne zu begreifen, dass dies auch bedeutet, seine eigenen wiederzubeleben. Doch Ella ist kein Engel mehr. Sie hat Asher nicht verziehen und ist entschlossen, ihre gemeinsame Welt in Flammen zu setzen …

Autorin

Seit ihrer frühen Jugend liebt Sarah Rivens, die aus Algerien stammt, das Schreiben. Erst nur für sich, dann als Autorin auf der Plattform Wattpad, der sie 2019 unter dem Pseudonym theblurredgirl beitrat. Ihr Roman »Captive« um die gefährliche Liebe zwischen dem Mafiaboss Ash und seiner Gefangenen Ella wurde dort zum absoluten Sensationserfolg mit über 7 Millionen begeisterten Leser*innen. Sarah Rivens ist in den sozialen Netzwerken sehr aktiv und liebt den Austausch mit ihren Leser*innen. Heute teilt sie ihre Zeit zwischen dem Schreiben und dem Studium auf.

Die Dark-Romance-Reihe von Sarah Rivens bei Blanvalet:

Band 1: Captive – Du gehörst mir

Band 2: Captive – Wir auf ewig

Band 3: Captive – Ich will nur dich

SARAH RIVENS

CAPTIVE

Ich will nur dich

Roman

Aus dem Französischen von Bernd Stratthaus

Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel »Captive – Tome 2« bei Hachette Livre, Vanves.

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich

Copyright der Originalausgabe © 2023 by Hachette Livre

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2024 by Blanvalet, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: © Anke Koopmann | Designomicon

Umschlagmotive: Shutterstock.com (Siwakorn1933; ivan_kislitsin)

JA · Herstellung: sam

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-30908-4V002

www.blanvalet.de

Liebe Leser*innen,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.

Deshalb findet sich am Ende des Buchs eine Triggerwarnung.

Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch.

Wir wünschen allen das bestmögliche Leseerlebnis.

PROLOG

Ein Jahr …

Ein Jahr war seit jenem Nachmittag vergangen.

Seit jenem Abschied, der nie wirklich stattgefunden hatte.

Und aus welchem Grund? Aus Angst? Aus Gleichgültigkeit? Aus Unsicherheit?

Sie verstand es nicht. Niemand verstand es wirklich. Außer ihm.

Ihm, der sich so kalt gab, so distanziert, seinem gesamten Umfeld gegenüber so unmenschlich, der von den Dämonen seiner Vergangenheit heimgesucht wurde.

Nur er allein konnte dabei helfen, das knifflige Rätsel zu lösen, das er selbst darstellte.

Nur er allein konnte auf ihre Fragen eine Antwort geben, Fragen, die sie sich nun schon seit einem Jahr stellte.

Denn selbst der Umschlag, den er ihr bei ihrer Abreise hatte zukommen lassen, hatte ihr keine Antworten geliefert. Und sein Schweigen hatte sie zerstört.

Aber was, wenn sich dieser Abschied ein Jahr später in ein Wiedersehen verwandelte?

Ein Wiedersehen, das er allerdings seit einem Jahr Hunderte Male vermieden hatte. Er, der immer alles kontrollieren wollte … würde komplett die Kontrolle verlieren.

Ihr wisst schon, es kommt nie so, wie man es sich vorgestellt hat … und seine Entscheidungen würden sich bald gegen ihn wenden, zum größten Glück ihrer beider Dämonen … und seiner Feinde.

»Sie mussten nicht sterben, um einen Vorgeschmack auf die Hölle zu bekommen.«

ERSTES KAPITEL

Zwei … oder drei

ASHER

»Aufstehen!«, riss mich eine Stimme aus dem Schlaf.

Was für ein Albtraum … ein verfickter Albtraum.

Ein Stöhnen drang aus meinem Mund, und ich steckte in der Hoffnung den Kopf unters Kissen, diesen Lärm zu ersticken, der in mir verdammte Mordlust weckte.

»Na los! Wach auf!«

Mit noch immer geschlossenen Augen atmete ich zähneknirschend tief durch.

Ich bringe ihn um, dann ist die Sache ein für alle Mal erledigt.

»Die Ferien sind um!«

Ich spürte, wie meine Geduld in der Geschwindigkeit nachließ, wie die Minuten verstrichen, die ihm noch zum Leben blieben. Es war wirklich nicht die beste Art, aufzuwachen.

»Die Sonne steht schon am Himmel!«

Wenn du so weitermachst, landet meine Faust gleich in deinem Gesicht.

Ich zog mir die Decke über den Körper und brummte noch einmal. Er würde irgendwann müde werden. Es war nur eine Frage der Zeit.

So ist es, Kinder.

»Hey, Ash!«

Ich blieb weiter stumm. Wenn es etwas gab, was mich zum Explodieren bringen konnte, dann war es Bens furchtbar nervtötende Stimme vorm Aufstehen.

Ich bring ihn um.

»Außerdem hast du …«

»HÄLTSTDUJETZTENDLICHMALDIEKLAPPE?«, brüllte ich in meine Matratze hinein.

Ich brauch ’ne Kippe. Korrektur: zwei Kippen.

Aus dem Mund meines Cousins drang ein hämisches Lachen, er war ganz offensichtlich stolz auf seine Leistung. Ich nahm das Kissen weg, unter dem ich allmählich keine Luft mehr bekam, und schlug die Augen auf.

Da hatten wir den Salat. Ich war schlecht gelaunt und genervt. Das ist einfach perfekt, verflucht. Perfekt.

»Was für ein schöner Tag uns bevorsteht, oder, Ash?«, neckte er mich und verließ das Zimmer. »Okay, er ist wach, Hexe!«

Ich runzelte die Stirn. Kiara war also auch hier. Verdammt, ich brauche dringend eine Kippe.

Als dann das Lachen meiner Kindheitsfreundin von unten bis zu mir nach oben schallte, vergrub ich mich noch ein bisschen tiefer in die Federn. Ich war nicht in der Stimmung, sie zu sehen, noch viel weniger wollte ich sie gleich am Morgen mir mit diesem Thema in den Ohren liegen hören.

Seit einem Jahr immer dieselbe Leier.

Es war nun ein paar Monate her, dass alles beinahe wieder in Ordnung gekommen war. Ben hatte sich von seinen Verletzungen fast wieder erholt, und die Geschäfte liefen sehr gut. William und Isobel waren tot, ich hatte endlich meinen Vater gerächt. Alles wurde allmählich wieder wie früher.

Wenigstens fast.

»Asher!«

Ich spannte meine Kiefermuskeln heftig an. Normalerweise benutzte Kiara nie meinen vollen Vornamen, und ich hasste es, wenn sie es tat. Denn abgesehen von meinem Vater war sie die Einzige, die das tat.

Und als sie es getan hatte, hatte mich das auch nie gestört.

Ich schälte mich aus dem Bett, ohne auf ein weiteres Stöhnen zu verzichten und indem ich die Augen vor dem Licht zusammenkniff, und schlurfte ins Bad.

Dieses Haus war seit einem Jahr meine persönliche Hölle, eine Hölle, die ich mich zu verlassen weigerte. Denn es war die einzige Erinnerung an sie, die ich mir zu bewahren gestattete.

Ein Jahr.

Ein Jahr, in dem sie durch die Gemäuer meines Hauses spukte, meine Zimmer durchstreifte und sich in meinen Gedanken eingenistet hatte.

Ein Jahr, seit ich sie aus meinem Leben verbannt hatte, aus meiner Welt.

Ich bedauerte meine Entscheidung nicht, es ging ihr besser, wenn sie weit weg von mir war. Weit weg von der Welt, die sie zerstört hatte. Und ich hielt mich an der Gewissheit fest, dass es ihr meinetwegen besser gehen würde.

Während mir in der Dusche das Wasser über die Haut rann, schloss ich die Augen. Erneut erschien dabei ihr Gesicht. Wie jeden Tag, seit einem Jahr.

Ein Jahr, in dem sie Kiara und diesem idiotischen Hund gefehlt hatte, den ich ihretwegen behalten hatte. Wegen der Macht, die sie über mich hatte.

Diese verfluchte Macht.

»Ich habe mich in dich verliebt.«

Dieser Satz lief in Dauerschleife in meinem Kopf ab, wie ein fernes Echo. Er hielt mich jede Nacht wach. Wie hatte sie nur solche Gefühle für mich entwickeln können?

Sie ist eine verdammte Selbstmörderin.

Ihre Dummheit hatte sie Dinge sagen lassen, die sie nicht wirklich meinte und von denen ich es ehrlicherweise auch bevorzugt hätte, sie nie von ihr zu hören. Nach all der Zeit, in der ich sie zurückgestoßen hatte, hatte ich das Gegenteil erreicht.

Wenigstens war ich mir sicher, dass sie mich nun hasste, weil ich sie entlassen hatte. Und das war auch besser so.

Sie konnte mich nicht lieben.

Sie durfte mich nicht lieben.

Ich atmete langsam aus und drehte das Wasser ab. Okay, du behältst deine Ruhe … und ignorierst sie einfach. Das ist alles, du ignorierst sie …

Ich zog mich an und stieg dann auf leisen Sohlen die Treppe hinunter, ich wollte meine Ruhe. Ich wollte einen Kaffee trinken, ohne dass einer von ihnen den Mund aufmachte. Denn andernfalls werde ich die betreffende Person aus einem Fenster im zweiten Stock schmeißen.

Ich seufzte erleichtert auf, als ich die Küche verwaist vorfand. Keine Spur von den beiden Idioten. Wahrscheinlich waren sie draußen. Sehr gut.

Doch als ich mir gerade meinen Kaffee machen wollte und mir dafür erst mal eine Kippe holte, verkrampfte ich mich. Von Weitem hörte ich eine Stimme, die mir vollkommen unerträglich war.

»Was bin ich gut gelaunt!«

Ich reagierte nicht auf die Provokationen meines Cousins und sah stattdessen meinem Kaffee dabei zu, wie er aus der Maschine rann, das beruhigte meine Nerven.

Ich muss dringend eine rauchen.

Ich steckte mir mit geschlossenen Augen die Kippe zwischen die Lippen. Endlich.

»Ash! Du bist wach!«

Kiara. Die verflixte Kiara.

»Nein«, brummte ich kurz angebunden.

Mit meiner Tasse in der Hand drehte ich mich zu ihnen um. Sie setzten sich auf die Barhocker, in ihren Augen glitzerte es aufgeregt, und sie trugen ein spitzbübisches Lächeln zur Schau, bei dem ich ein flaues Gefühl im Magen bekam.

Das war bei Weitem der schlimmste Morgen des Monats. Wenn nicht des Jahres.

Was gehen die mir auf den Sack.

»Gestern hab ich mit Ella telefoniert«, verkündete Kiara fröhlich. »Sie hatte deinen Namen schon vollkommen vergessen!«

Ich biss die Zähne zum sechsten Mal, seit ich aufgewacht war, zusammen. Kiara hatte die Gabe, mir auf die Nerven zu fallen, indem sie mir ständig das Thema unter die Nase rieb.

»Großartig«, erwiderte ich eisig.

Ich entsperrte mein Handy. Das bot mir eine deutlich bessere Gesellschaft als die beiden Fickfressen vor mir.

»Ach ja?«, fragte Ben. »Sag mal, Kiara, ist es inzwischen nicht ein Jahr her?«

»Ach, verdammt, haltet endlich den Mund!«, sagte ich in gleichgültigem Ton und ging ins Wohnzimmer hinüber.

Meine Tasse stellte ich auf dem Couchtisch ab, dann ließ ich mich aufs Sofa fallen, auf dem sie immer ihre Scheißsendungen geschaut hatte. Ich muss aufhören, alles mit ihr in Verbindung zu bringen. Es ist vorbei.

Ich atmete tief durch und schloss die Augen, dann spürte ich, wie sich das Sofapolster unter ihrem Gewicht senkte. Sie hingen an mir wie die Kletten.

Es ist ein verfickter Albtraum.

»Ich bring heute einen von euch um«, murmelte ich leise und blickte dann auf den Fernsehbildschirm.

»Erinnerst du dich nicht daran, dass du mir vor einem Jahr etwas versprochen hast?«, raunte Ben mir zu.

»Nein.«

Doch, natürlich.

»Du verkomplizierst dir gern das Leben, ich nicht«, gluckste Ben.

»Dann mach dich eben bereit, dieser Frau hinterherzulaufen. Ich würde wirklich nicht gern in deiner Haut stecken.«

Er wollte versuchen, Grace zurückzuerobern oder wenigstens mit ihr zu sprechen. Er war wirklich ein Idiot, der nicht nachdachte.

Aber okay, es war eben Ben. Man konnte von ihm nichts Besseres erwarten.

Sein Satz brachte mich zum Lachen.

Als Antwort darauf verschränkte er die Arme. »Wenn du eine Frau liebst und dann Scheiße baust, läufst du ihr eben nach.«

»Niemals. Ich laufe niemandem hinterher, das hatte ich nie nötig.« Mein Ego hielt das nicht aus.

»Nehmen wir mal an, dass du dich eines Tages …«

»Ein Tag, der weit weg in einem anderen Leben liegt«, unterbrach ich ihn, bevor er seinen verfluchten Satz beenden konnte.

»Dass du dich eines Tages in eine Frau verliebst und Scheiße baust und dir dessen bewusst bist«, fuhr mein Cousin unbeirrt fort.

Ich machte mich offen über seine Worte lustig. »Ich baue nie Scheiße«, sagte ich mit blasierter Miene.

»Würdest du dich dann nicht entschuldigen und versuchen, sie zurückzugewinnen?«

»Nein.« Absolut nicht. Keine Chance. »Asher Scott liebt nur Asher Scott. Und seine Kippen. Und Whisky«, erklärte ich.

Er lachte, dann lachte ich.

Nachdem ich mein Telefon auf den Tisch gelegt hatte, drehte ich mich schweigend zur Fensterfront in meinem Wohnzimmer um und erklärte ernster: »Ich habe keine Lust, jemand anderen als mich selbst zu lieben. Ich habe keine Lust mehr, mir um irgendwen Sorgen zu machen.«

Die einzige Person, die sich für mich interessierte – das hatte ich wenigstens geglaubt – , war diese Schlampe Jones gewesen. Und alles an unserer Beziehung war falsch gewesen.

»Was, wenn sich diese Person größere Sorgen um dich macht als du selbst?«

»Niemand macht sich um mich größere Sorgen als ich. Aber wenn das eines Tages doch passieren sollte«, spann ich sein bescheuertes Gedankenspiel weiter, »auch wenn das nie der Fall sein wird, und wenn ich dann dieser Person gegenüber Scheiße baue, gebe ich dir mein Wort, dass ich nicht versuchen werde, sie zurückzugewinnen.«

Als ich sah, wie sich Bens Lippen daraufhin zu einem immens breiten Lächeln verzogen, schloss ich: »Eines fernen Tages in einem anderen Leben, natürlich.«

Ich würde also nicht versuchen, sie zurückzugewinnen, nein.

Ich hatte es nicht vor. Ich hatte eine Entscheidung getroffen, und es gab keinen Grund dafür, von ihr abzurücken. Ich bereute nichts.

Und auch sie mussten sich mit diesem Gedanken abfinden.

»Dieser Idiot hat recht«, räumte Kiara ein, stand vom Sofa auf und trat hinter mich.

Als sie mir die Hände auf die Schultern legte, atmete ich geräuschvoll aus. Sie würde dumm sterben. Doch auch wenn ich spürte, wie sehr ich innerlich kochte, entgegnete ich nichts. Es ging die beiden nichts an. Es ging niemanden außer mir etwas an.

Ich ließ sie einfach weiterschnattern und konzentrierte mich stattdessen auf die Nachrichten, die mich allerdings auch nicht sonderlich interessierten. Trotzdem hörte ich bei Weitem lieber einem Kerl zu, der vorgab, sich um die Wirtschaft zu scheren, als Ben und Kiara.

Warum streiten sie sich eigentlich nicht miteinander?

»Ashy, du musst dich entscheiden«, erklärte Kiara und massierte meine Schultern.

Ich befreite mich aus ihrem Griff und stand auf.

»Wenn ich eine Entscheidung zu treffen habe, dann die, wen von euch beiden ich zuerst umbringe«, blaffte ich.

Als ich gerade aus dem Wohnzimmer stürmen wollte, hielt mich die Bemerkung meines hirnlosen Cousins zurück.

»Er ist so reizbar, weil es jetzt schon über 380 Tage her ist, seit er Ella gesehen hat …«

Ella.

Ich habe mich entschieden. Ben muss als Erster dran glauben.

Ich wirbelte herum, während er mit herausforderndem Blick aufstand und ein selbstgefälliges Lächeln aufsetzte, das ich ihm am liebsten mit der Faust aus dem Gesicht geprügelt hätte.

»Kannst du denn wirklich nicht die Klappe halten?« Ich funkelte ihn böse an und trat auf ihn zu.

Kiara stellte sich zwischen uns.

»Das reicht. Ash, meinst du nicht, dass es an der Zeit wäre, sie wiederzusehen? Sie fehlt uns auch, weißt du …«

»Mir fehlt sie nicht«, blaffte ich und stieß sie beiseite. »Sie ist mir scheißegal.«

Stimmt nicht.

Mein Cousin und meine Freundin wechselten einen Blick, dann prusteten sie vor Lachen los. Mein Zorn machte daraufhin Genervtheit Platz. Da sie dazu entschlossen waren, dieses Scheißspielchen weiterzuspielen, würden sie es ohne mich tun müssen.

»Wenn sie euch fehlt, steht euch ein Jet zur Verfügung, um sie zu besuchen.«

»Wir wollen aber, dass du sie besuchst«, entgegnete Kiara und zeigte mit dem Finger auf mich, »denn wir waren seit Williams Tod alle schon bei ihr.«

»Alle – außer dir.«

Ben untermalte seinen Satz mit einem anklagenden Blick. Ich wollte es nicht zugeben, aber sie hatten ausnahmsweise recht. Ich war der Einzige, der sie nicht besucht hatte, obwohl Manhattan seit Williams Tod mein liebstes Reiseziel geworden war.

Jede Woche für eine Nacht.

Es war mir nie gelungen, aus dem Auto zu steigen und an ihre Tür zu klopfen, obwohl ich wusste, wo und in welchem Stockwerk sie wohnte. Ben hatte sich entschieden, ihr eine Wohnung in einem der Häuser unserer Familie zu geben, was ich anfangs nicht gewusst hatte. Ich wollte nicht, dass er mir ihren Aufenthaltsort verriet, denn ich wusste, wie meine Reaktion darauf ausgefallen wäre. Ich wusste, wie gern ich sie besucht hätte.

Und genau das tue ich nun jedes Wochenende.

Während Ben im Koma gelegen und die Falle überlebt hatte, die ich William gestellt hatte, hatte ich Los Angeles nicht verlassen können, auch wenn ich große Lust gehabt hatte, nach New York zu fliegen. Als sich sein Gesundheitszustand dann allmählich wieder gebessert hatte, war ich in ein Flugzeug Richtung Manhattan gestiegen.

Aber dort angekommen, blieb ich einfach im Auto sitzen und schaute bis zum Morgengrauen zu ihren Fenstern hinauf. Nur ein einziges Mal hatte ich sie auf dem Balkon gesehen. Aber zu diesem Zeitpunkt bewohnte ich gerade die Wohnung über der ihren.

Und ich hatte ihr eine Zigarettenkippe auf den Kopf geschnippt, um sie an die gute alte Zeit zu erinnern. Das war sehr lustig … Ja, ich langweilte mich.

Sie hatte nie herausgefunden, dass ich es war. Und das war auch besser so.

Ich hatte zum ersten Mal Angst, und das hinderte mich tatsächlich daran, sie zu treffen. Sogar furchtbare Angst. Mir war klar, dass sie böse auf mich war. Ich wusste, dass mich der Umschlag, den ich ihr durch Carl hatte zukommen lassen, verwundbar machte. Und das hasste ich.

Es war ein Gefühl, das zu fühlen ich mich einfach nicht durchringen konnte.

Schutzlos, das war ich, so fühlte ich mich, wenn es um sie ging.

»Es ist wirklich nicht so toll, sie die ganze Nacht über aus deinem Auto heraus zu beobachten«, bemerkte Ben, der genau wusste, wohin ich jedes Wochenende verschwand. »Es ist ein ziemlich psychopathisches Verhalten …«

Sein Satz entlockte mir ein Lächeln, das ich umgehend überspielte.

Psychopath. So nannte mich diese Verrückte. Im Adressbuch auf ihrem Telefon hatte sie mir diesen absurden Namen verpasst.

Jeden Tag fragte ich mich, wie sie mich nach all dem, was ich ihr angetan hatte, noch ertragen konnte. Wie sie sich in mich hatte verlieben können.

Obwohl ich sie die ganze Zeit hatte leiden lassen, weil ich dachte, so meinen Schmerz erleichtern zu können. Das funktionierte aber nicht.

»Kumpel, du musst dich entscheiden«, sagte Kiara nun ernster. »Schlussendlich hast du doch nichts zu verlieren.«

Doch, ich habe alles Mögliche zu verlieren. Zum Beispiel meinen Stolz, weil ich nämlich weiß, dass sie mich zum Teufel jagen würde.

»Worauf wartest du denn noch?«, legte mein Cousin nach.

»Wer sagt euch denn, dass ich sie überhaupt wiedersehen will?«, fragte ich mit einem Stirnrunzeln und verschränkten Armen.

»Du hast nie das Gegenteil gesagt«, erwiderte Kiara in hinterhältigem Tonfall.

Ich verdrehte die Augen, entgegnete aber nichts. Sie hatte recht. Sie hatten beide recht. Verdammt, ich hasse es, das zuzugeben.

Als ich spürte, wie etwas sich an meinem Bein rieb, senkte ich den Blick. Der blöde Köter, Tate. Oder Idiot, für seine Freunde.

Ob er ihr fehlte? Wahrscheinlich schon.

»Vor ungefähr einer Woche habe ich Ash im Schlaf reden hören.« Ben lachte. »Ellas Name kam immer wieder auf …«

Ich schnappte mir den erstbesten Gegenstand, der mir zwischen die Finger kam, und warf ihn nach meinem Cousin, der darüber erneut lachte, während ich ihm einen vernichtenden Blick zuwarf.

»Fick dich ins Knie. Sie ist mir vollkommen egal, kapierst du das?«

Als Kiara nun ihrerseits zu lachen begann, wurde meine Wut nur umso größer. Warum verstehen sie sich nur so supergut, wenn es darum geht, sich über mich lustig zu machen?

Ich machte kehrt, um endlich diesen beiden Kaspern zu entkommen, wurde aber durch die Stimme meiner Freundin zurückgehalten.

»Ich … weiß etwas, was ihr nicht wisst …«

Angesichts ihres verschmitzten Tons zog ich eine Augenbraue hoch. Was erzählte sie denn da schon wieder? Meine Neugier zwang mich, stehen zu bleiben und ihr zuzuhören. Sie würde von ihr sprechen.

»Vor dem Hintergrund, dass Ash sich anderen Dingen zugewandt hat, gibt es ja keinen Grund mehr, es für mich zu behalten, oder?«

Ich sah sie über die Schulter hinweg an und setzte eine gleichgültige Miene auf, aber ihr Lächeln sprach Bände. Und das beunruhigte mich.

»Ich weiß nämlich, dass Ella … einen Verehrer hat …«

Mir stockte der Atem. Kurz schloss ich die Augen, dann drehte ich mich noch einmal zu ihnen um und zog beide Brauen hoch.

Wie bitte? Einen … was?

Mein Blut begann in den Adern zu kochen, und ich spürte, wie meine Besitzansprüche sich regten. Was sollte das heißen, einen Verehrer?

Ich beobachtete Kiara, um sicherzugehen, dass sie nicht flunkerte. Das Glitzern in ihren Augen bestätigte mir allerdings, dass sie die Wahrheit sagte.

Eine Wahrheit, die auch ich zur Kenntnis nehmen sollte, wenn es nach ihr ging.

Sie war zu aufgeregt dafür, als dass es sich dabei um eine Lüge hätte handeln können.

Ein Verehrer … Es wird wohl Zeit, jemanden von dieser Erde zu tilgen.

»Dir ist sie ja vollkommen egal, Ash, oder?«

Es war mir natürlich überhaupt nicht egal. Und das nervte mich.

Wer ist dieser Hampelmann?

»Ist mir egal«, log ich und sah zu meinem Cousin, der von Kiaras Neuigkeit vollkommen überrumpelt schien.

Nein … sie lügt. Andernfalls hätte sie es Ben vorher schon gesagt.

»Wer ist es denn?«, fragte mein Cousin.

Ihr gemeines Lächeln ging mir auf die Nerven. Sie genoss unsere sprachlose Reaktion. Rede, verdammt!

Die Sekunden zogen sich unendlich hin. Mein Fuß zuckte nervös, so ungeduldig war ich darauf, zu erfahren, wer der glückliche Auserwählte war, den ich bald würde umlegen müssen.

»Ihr Nachbar«, rief meine Kindheitsfreundin und sah mich dabei an. »Er schickt ihr fast täglich Blumen.«

Ich schloss die Augen. Eine Welle der Eifersucht rollte über mich hinweg. Blumen.

Scheiße, ich zwinge ihn dazu, sein eigenes Grab zu schaufeln, und dann dekoriere ich es mit seinen eigenen Blumen.

»Seit wann?« Ich konnte die Frage nicht zurückhalten.

»Ist Mr Scott etwa eifersüchtig?«, spottete sie.

Ich verzog das Gesicht. Innerlich malte ich mir bereits mehrere Arten aus, wie ich diesen Idioten fertigmachen konnte, den ich noch gar nicht kannte.

»Ich kann mir Ella besser mit Ash als mit ihrem Nachbarn vorstellen«, schmunzelte Ben.

Ich schnaubte spöttisch. Mit ihrem Nachbarn?

Er kommt nie mit ihr zusammen. Nicht, solange ich am Leben bin.

»Was für ein Verhältnis haben sie denn zueinander?«, hakte Ben nach.

»Er flirtet oft mit ihr und …«

»Haben sie sich schon geküsst?«, fiel ich ihr ins Wort.

Angesichts ihres spöttischen Blicks spürte ich, wie mein Zorn sich um eine weitere Nuance steigerte. Sie würde mir nichts verraten.

Ich explodiere gleich.

Jemand wollte meinen Engel. Jemand, der sehr bald seine Ahnen wiedersehen würde.

»Haben sie schon miteinander geschlafen?«, fragte Ben, und ich sah ihn böse an.

»Nein«, antwortete ich mit Kiara gemeinsam.

Verdammt, ich bringe ihn um.

»Vielleicht ist sie diesmal an den Richtigen geraten …«

Ich verkrampfte mich, und mir stockte das Blut in den Adern, als ich Kiaras Satz hörte. Sie wollte mich zu einer Reaktion zwingen. Ich ließ mir allerdings nichts anmerken. Leidenschaftslos und distanziert. Das war mein größtes Talent.

Ben verkündete, dass er bald zu Grace aufbrechen müsse, sodass ich dann mit dieser Teufelin allein wäre, die auch unter dem Namen Kiara Smith bekannt war.

»Du reagierst ja gar nicht«, sagte sie zu mir und durchbrach die Mauer aus Eis, die ich um mich errichtet hatte.

»Ich habe dir nichts zu sagen.«

»Na gut, in diesem Fall«, sagte sie und kam ein bisschen näher, »wird es dir wohl nichts ausmachen, dass sie mit ihm zusammenkommt?«

Meine Muskeln verkrampften sich, und ich fixierte die gegenüberliegende Wand. Sie mit ihm zusammenkommen lassen? Sie macht wohl Witze.

»Entspann dich, Ashy. Deine Adern treten immer so stark hervor, wenn du die Fäuste ballst«, bemerkte sie spöttisch. »Du musst gar nichts sagen. Ich sehe es mit meinen eigenen Augen. Sie lässt dich nicht kalt.«

»Und ob«, knirschte ich, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Nein.

»Oh nein … aber du willst es weder dir eingestehen noch es ihr sagen.«

Ich spürte, wie sie hinter mich trat und die Sprache auf ein Thema brachte, das ich um jeden Preis vermeiden wollte.

»Du kannst abends zu Hause sitzen, Whisky schlürfen, durchs Fenster ihres Zimmers starren und darauf warten, dass sie zu dir zurückkommt, ohne dass du auch nur die geringste Anstrengung unternimmst«, flüsterte sie mir zu und legte mir die Hand auf die Schulter. »Aber eines Abends ist sie dann in ihrem neuen Schlafzimmer, schläft mit ihm und denkt nicht mal drüber nach, zu dir zurückzukehren.«

Ich schloss die Augen, um ihre Worte zu absorbieren, die mich mit der Wucht eines wütenden Boxhiebs trafen. Mist. Ich explodiere gleich.

Die Vorstellung von ihr mit einem anderen Mann im selben Bett entfesselte meine Wut und traf mich ins Mark.

»Also, entscheide dich, Scott: Entweder du holst sie dir zurück, oder du lässt sie gehen.«

Ohne meine Antwort abzuwarten, öffnete sie die Eingangstür, schlug sie hinter sich wieder zu und ließ mich mit meinen mörderischen Gedanken allein.

Allein mit ihr.

»Scheiße!«, brüllte ich wütend.

2 Uhr.

Ich saß auf ihrem Bett, der Sack Flöhe war neben mir eingeschlafen. Seine Anwesenheit nervte mich. Alles nervte mich seit heute früh.

Ihr Nachbar.

Ihr Scheißnachbar. Was wollte er von ihr? Blumen? Dieser Idiot schickte ihr Blumen?

Wer macht so was denn noch?

Mit einem Glas Whisky in der Hand betrachtete ich den dunklen Himmel durch das Fenster ihres Schlafzimmers.

Kiaras letzte Worte fielen mir wieder ein: »Aber eines Abends ist sie dann in ihrem neuen Schlafzimmer, schläft mit ihm …«

Meine Kiefermuskulatur spannte sich heftig an, als mein masochistischer Geist sich die Szene ausmalte: sie in den Armen eines anderen. Während sie ihn ansah, wie sie mich angesehen hatte. Er würde sie vor Wonne stöhnen lassen, eine Wonne, die ich ihr eigentlich verschaffen wollte. Sein Mund auf ihrem schönen Hals, der Hals, dem ich zusetzen und den ich mit meinen Lippen bedecken wollte. Dann auf ihren Lippen, die ich küssen wollte, bis ich keine Luft mehr bekam.

Ich werde einen Mord begehen. Und ich werde verdammt noch mal glücklich sein, wenn es vorbei ist.

Ein Schmerz riss mich aus meinen Gedanken. Ich hatte das Glas in meiner Hand zerdrückt.

Fluchend stand ich auf. Ich blutete, und der Alkohol brannte in der Schnittwunde an meiner Handfläche.

»Das hat mir gerade noch gefehlt«, knurrte ich und ging ins Bad, um Verbandszeug zu holen.

Ich säuberte die Wunde und klebte mir ein Pflaster drauf. Mein Blick blieb an meiner Verletzung hängen … Alles erinnerte mich an sie. Ich hob den Kopf und sah auf mein Spiegelbild. Und in diesem Moment hasste ich mich. Ich hasste mich für all das, was ich ihr angetan hatte.

Ich verstand jetzt Ben, wenn er mir sagte, dass er sich selbst wegen Bella verabscheute. Ich war am selben Punkt angekommen. Ich hasste mich. Sie hasste mich. Wahrscheinlich hatte sie den Umschlag weggeworfen, ohne den Inhalt zu lesen. Aber sie musste das lesen. Es war nötig. Der Gedanke, dass sie mich verabscheute, während sie den Blick ihrer blauen Augen auf einen anderen richtete, machte mich vollkommen krank.

Ich ging wieder in ihr Zimmer zurück, wo der Hund am Alkohol auf dem Boden schnüffelte. Sie fehlte ihm bestimmt.

Mein Telefon auf ihrem Bett vibrierte, sodass ich gezwungen war, den Blick zu senken und auf das Display zu schauen. Ich seufzte erschöpft, bevor ich abnahm und die Augen schloss.

Dann hörte ich die Frauenstimme, die mir am unerträglichsten war.

»Hast du es erledigt?«, fragte ich und streckte mich auf dem Rücken aus. »Um ehrlich zu sein, hast du keine Wahl, Heather.«

»Guten Abend, Besitzer, ich hoffe, es geht dir gut. Mir geht es ganz ausgezeichnet!«

ZWEITES KAPITEL

Zusatztherapie

ELLA

Manhattan, 15 Uhr.

»Um ehrlich zu sein … glaube ich, dass Sie recht haben. Mein Körper … ich habe so etwas wie einen Überlebensinstinkt gespürt. Sobald es losgegangen ist, habe ich einfach die Augen zugemacht und an nichts mehr gedacht. Ich war dazu gar nicht in der Lage«, antwortete ich auf seine Fragen. »Im Lauf der Monate habe ich gelernt, die Sekunden zu zählen, um mich zu beruhigen, um mir zu versichern, dass alles gut enden werde … und um irgendwann von dort fortzukommen.«

Ich saß auf dem blauen Ledersofa meines Therapeuten, zu dem ich zwei- bis dreimal die Woche ging. Ich kam jetzt seit fast sieben Monaten zu Paul. Er war mir von Cole, meinem Arzt, empfohlen worden. Letzterer besuchte mich oft, um meinen Gesundheitszustand zu überprüfen. Er hatte mir geraten, wegen meiner nächtlichen Angstzustände einen Termin bei seinem Freund zu machen, was ich allerdings erst fünf Monate nach meinem Umzug in die Tat umgesetzt hatte und auch dann nur auf Kiaras Drängen hin. Sogar aus der Ferne machte sie sich noch Sorgen um mich.

»Und in all den Jahren habe ich zwar überlebt, aber mein Körper gehörte mir nicht mehr. Ich gehörte mir selbst nicht mehr, sondern ihm«, erklärte ich meinem etwa fünfzigjährigen Therapeuten, der neben mir auf einem Stuhl mit Samtpolster saß. »Ich gehörte ihnen. Ich war wie eine Puppe, ein Roboter, dem man befahl, was er zu tun hatte. Ich … ich war leer.«

Heute drehte sich das Gespräch um meine Traumata und ihre Verbindung zu meinen Panikattacken, die beim Aufwachen immer besonders heftig waren.

Seit einem Jahr war alles anders. Ich hatte keine Kontrolle mehr über irgendetwas. Besonders nicht über meinen Geist.

»Als ich mein neues Leben begonnen habe, nach John, da, glaube ich … steckte ich noch in einem Teufelskreis, ohne wirklich darin zu stecken …«

»Was meinst du damit?«, fragte Paul mich leise.

Ich seufzte.

Er fragte mich ständig nach Einzelheiten, um meine Ängste zu erforschen, obwohl ich nicht zu den Menschen gehörte, die viel redeten. Ich hörte viel lieber zu. Aber diese Sitzungen halfen mir dabei, meine Verletzungen zu akzeptieren und mich meinen Traumata zu stellen … allein.

»Ich glaube, ich habe mir erlaubt zu heilen, dank des neuen Atems, der mir eingehaucht worden war. Ich konnte ein mehr oder weniger ›normales‹ Leben beginnen … weit weg von John.«

Ich lachte gekünstelt. Ich machte mich über meine eigene Naivität lustig.

Wie er es so oft getan hatte.

»Mein Fehler war, den Rest meines Herzens in die Hände eines anderen Menschen zu legen und mir dafür einen Mann ausgesucht zu haben, der noch kaputter als ich selbst war … während ich zugleich dachte, dass er mir helfen könnte.«

Alles war seine Schuld.

»Weil du dich bei ihm in Sicherheit gefühlt hast?«, fragte mein Therapeut.

»Ja«, erwiderte ich leise und schloss die Augen. »Ich wusste, dass ich wegen John zahlreiche Traumata davongetragen hatte, nur kannte ich sie noch nicht alle. Sie hatten noch nicht die Gelegenheit gehabt, alle an die Oberfläche zu treten.«

Ich richtete mich auf, während sich Paul meine Antworten notierte.

»Jetzt bin ich allein, und ich habe sämtliche Facetten gesehen.«

»Weil du dich nicht mehr sicher fühlst?«, fragte er mich.

Ich nickte. Ich hatte noch nie allein gelebt, war noch nie ganz auf mich allein gestellt einer mir unbekannten Stadt ausgeliefert gewesen. Hatte noch nie in der Masse aufgehen und hoffen müssen, dass niemand mich bemerkte. Dass niemand den Panzer durchdrang, den ich mir seit meiner Ankunft hier zugelegt hatte.

»Ich habe mich nie sicher gefühlt, außer bei ihm«, erwiderte ich achselzuckend.

»Hast du das wirklich gefühlt oder es dir nur eingeredet?«

Ich sah ihn an, ohne eine Antwort auf diese Frage zu wissen. Trotz allem war es für mich real gewesen.

»Ich habe es gefühlt«, sagte ich schließlich. »Auch bei ihm hatte ich zwar Albträume … aber keine so heftigen Angstattacken mehr, wenn ich zu mir kam.«

»Glaubst du, es liegt an diesem Mangel an Sicherheit, dass du das Bedürfnis verspürst, immer alle Türen und Fenster zu überprüfen?«

Ich nickte, bei dieser Antwort war ich mir sicher. In dieser riesigen Stadt mit mehreren Millionen Einwohnern hatte ich eine Angststörung entwickelt, und das aus gutem Grund: Allein in einer überfüllten Stadt zu leben, ohne sich sicher zu fühlen, war wirklich nicht der beste Aspekt meines neuen Lebens.

Ich hatte mich daran gewöhnt, mich mit jemandem zusammen in einem Haus aufzuhalten. Mit ihm.

Dieses Gefühl der Sicherheit war zusammen mit seinen grauen Augen verschwunden, die ich seither nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Hier in New York überprüfte ich wenigstens sechsmal, dass die Wohnungstür auch wirklich verriegelt war, dass die Fenster geschlossen und die Vorhänge zugezogen waren. Es machte mich krank.

Und all das war seine Schuld.

»Als du gestern aus deinem Albtraum aufgewacht bist, hattest du da die gleiche Panikattacke?«

Ich nickte erneut. Es war dasselbe. Immer und immer wieder.

»Machst du, was ich dir geraten habe?«, fragte er und fixierte mich mit seinem durchdringenden Blick.

Auch daraufhin nickte ich. Die Atemübungen halfen mir, mich während meiner Attacken zu beruhigen, aber ich brauchte Zeit, um die Kontrolle wiederzugewinnen, weil mein Körper mir nicht mehr gehorchte.

»Also, sag mir, Ella … Heute haben wir keinen regulären Termin. Ist heute vielleicht ein besonderer Tag?«

Er schloss sein Notizbuch, sah mir direkt in die Augen und setzte ein Lächeln auf, das ich erwiderte.

»Ich wollte nicht allein zu Hause bleiben«, gab ich beinahe verlegen zu. »Na ja … heute ist mein Geburtstag …«

Bei diesen Worten schnürte sich mir die Kehle zusammen, und mein Blick verschleierte sich. Der letzte Mensch, der mir zum Geburtstag gratuliert hatte, war meine Tante gewesen. Ich musste neun Jahre alt gewesen sein … oder sieben.

Das ist arm-se-lig.

»Nun, herzlichen Glückwunsch! Wissen deine Freunde denn, dass du Geburtstag hast?«

Ich schüttelte den Kopf. Niemand wusste Bescheid. Auch letztes Jahr hatte ich nichts gesagt. Früher hatte dieser Tag bestenfalls mir gehört, schlimmstenfalls war er einer wie die anderen gewesen, ein Tag, der ein weiteres Jahr ununterbrochenen Misserfolgs abschloss.

»Aber sind sie dich denn in letzter Zeit besuchen gekommen?«

»Ja«, antwortete ich mit einem albernen Lächeln. »Ally ist letzten Monat hier gewesen und hat zwei Tage bei mir gewohnt.«

»Und wie hast du dich gefühlt, als sie da war?«

»Ich war glücklich. Wenn sie hier sind, fühle ich mich wieder wie zu Hause.«

Wenn ich allein war, betrachtete ich meine Wohnung als nicht viel mehr als eine Ansammlung von Wänden und Fenstern, einen Platz zum Schlafen, an dem ich mich den Blicken entziehen konnte, die ich ein wenig zu sehr auf mir lasten fühlte. Aber sobald Ben, Kiara oder Ally da waren … hatte ich den Eindruck, zu Hause in Kalifornien zu sein.

»Was bedeutet ein Zuhause denn für dich, Ella?«

Ich sah ihn einen Moment lang an, obwohl ich sofort eine Antwort parat hatte. Mein ganzes Leben war ich von Haus zu Haus gezogen, ohne mich jedoch zu Hause fühlen zu können. Bis zu dem Tag, an dem ich endlich dieses Zuhause gefunden hatte.

»Da, wo die Menschen sind, die man liebt und die uns Sicherheit geben. In Wahrheit ist ein Zuhause für mich … ein Gefühl.«

Wenn Kiara, Ally oder Ben bei mir waren, egal wo, hatte ich immer das Gefühl, zu Hause zu sein. Denn letztendlich ist ein leeres Haus kein Zuhause.

Er nickte lächelnd. Dann schob er sich die Brille hoch und räusperte sich.

»Und dieser Ash?«

»A… Asher«, verbesserte ich und spürte, wie sich meine Kehle erneut zusammenzog. »Ich nenne ihn Asher. Die anderen nennen ihn Ash, aber ich bevorzuge Asher. Nein … nie. Er ist noch nie hier gewesen.«

»Willst du mir vielleicht von ihm erzählen? Du wolltest bisher fast nichts über ihn sagen … Gibt es dafür einen Grund?«

Ich wandte den Blick ab und sah auf das Aquarium, in dem seit Monaten dieselben Fische schwammen. Davor waren darin nur Pflanzen gewesen.

»Hat er dir wehgetan?«

»Nein«, erwiderte ich rasch. »Wenigstens … nicht wie die anderen.«

»Warum hasst du ihn dann?«

Weil er schrecklich gewesen ist. So schrecklich.

»Weil es alles ist, was ich noch tun kann«, sagte ich und betrachtete die Fische. »Ich kann nicht mit ihm sprechen, ich kann mich nicht mit ihm treffen, ich kann ihm nicht antworten.«

»Warum denn? Wer hat dir das verboten?«

Ich atmete leise aus. »Das war auch ich.«

»Und warum verbietest du dir, mit ihm zu sprechen?«, fragte er mich mit einem leichten Stirnrunzeln.

Ich spielte mit meinen Fingern. Mein Fuß zitterte nervös, je näher wir einem weiteren sensiblen Thema kamen.

Asher.

»Weil er es nicht verdient. Er … Er hat mich einfach gehen lassen. Als einzige Erklärung hat er mir einen Umschlag mit Papieren in die Hand gedrückt.«

»Mit Papieren?«

»Ja«, seufzte ich und sah die schwarze Tinte wieder vor meinen Augen. »Er schreibt sich Dinge in Heften auf, notiert sich seine Gedanken wie in einem Tagebuch. Es ist ein Klischee, aber er tut das, um anderen nicht ausgeliefert zu sein.«

Als ich die Augen aufschlug, sah ich, wie mein Therapeut langsam nickte.

»Er vertraut sich nicht gern anderen an?«

»Nicht ganz«, erwiderte ich und zuckte mit den Schultern. »Er hat mir die Seiten überlassen, auf denen er ein paar Dinge aufgeschrieben hat, die mich betreffen. Von dem Moment an, in dem ich bei ihm eingetroffen bin, bis zu dem Zeitpunkt, wo er entschieden hat, dass ich aus seinem Leben wieder verschwinden muss. Zu meiner eigenen Sicherheit.«

Mit einem Blick ermunterte er mich, weiterzusprechen und das Unvermeidliche nicht auszulassen.

»Ich … Ich habe ihn seit einem Jahr nicht mehr gesehen, obwohl ich alle in seinem engen Umfeld getroffen habe.«

Mir schnürte sich erneut die Kehle zusammen. Ich hasste es, zu wissen, dass er sich entschieden hatte, mich nicht zu besuchen und mich noch nicht einmal anzurufen. Mich zu vergessen, als ob ich nie irgendeine Bedeutung für ihn gehabt hätte.

Ich war nur eine Gefangene.

Kiara hatte recht: Er verdiente weder meine Tränen noch meine Gefühle.

Er war an allem schuld.

»Fehlt er dir denn?«

Sehr.

»Das verdient er nicht«, entgegnete ich, was meinen Selbsthass nur noch verstärkte.

»Du hast nicht auf meine Frage geantwortet«, bemerkte mein Therapeut leise.

»Ja …«

Natürlich fehlte er mir. Denn meine Gefühle waren ja nie verschwunden, ganz im Gegenteil. Jeden Tag brachten sie mich innerlich ein bisschen mehr um. Jeden Tag erinnerten sie mich daran, dass er mich vergessen hatte und mir nichts weiter als seine Worte blieben.

Die Worte, die ich vor einem Jahr gern gehört hätte.

»Du hattest Albträume, als du mit ihm zusammen warst, richtig?«

Es stimmte, dass ich schlecht geträumt hatte, als ich bei ihm war. Daraufhin hatte er mich bedroht, also hatten die Albträume allmählich nachgelassen, aus Angst, von ihm sonst erwürgt zu werden. Doch diese Angst hatte sich letzten Endes in etwas anderes verwandelt: in ein Gefühl der Sicherheit, das mich vollständig umgab, sobald er zur Tür hereinkam.

So vieles war passiert. So viel.

Ich fasste es meinem Therapeuten gegenüber zusammen.

»Kannst du mir mehr über diese Seiten erzählen?«

»Er berichtet darin einfach nur, was er über mich denkt«, entgegnete ich leise. »Ich habe also das Privileg, den Grund für einige seiner Handlungsweisen zu kennen.«

Mein Sarkasmus veranlasste meinen Therapeuten zu einem Lächeln, und er forderte mich mit einer Geste zum Weitersprechen auf. Doch mir fehlte die Lust dazu.

»Es hat ja keinen Sinn, ich muss mit meinem Leben weitermachen.« Ich wollte einfach nicht über ihn sprechen.

»Du hast mir schon von deinem Nachbarn erzählt …«

»Ja«, erwiderte ich und schüttelte frustriert den Kopf, »aber er ist nicht derjenige, mit dem ich weitermachen könnte … Wir sind sehr verschieden …«

Ein Nachbar, der meinte, mich verführen zu können, der mir aber eher auf die Nerven ging als alles andere.

Weil er nicht er ist.

»Er … Er ist sehr nett, aber … ich fühle mich in seiner Gegenwart nicht wohl«, gab ich leise zu. »Ich fühle mich nicht wie ich selbst …«

»Das solltest du ihm vielleicht sagen«, schlug er mir vor. »Wenn du dich in jemandes Gegenwart nicht wohlfühlst, ist es besser, Grenzen zu setzen.«

»Ich weiß, aber … ich schaffe es nicht. Ich bin noch nie gut darin gewesen, Grenzen zu setzen.«

Er hatte sie zerstört.

»Reden wir gerade immer noch von deinem Nachbarn?«

Ich musste lächeln. Natürlich nicht. Mein Nachbar war niemand, der mich je übermäßig beschäftigt hatte. Ein anderer nahm viel mehr Platz in meinen Gedanken ein.

»Hast du nie darüber nachgedacht, nach Kalifornien zurückzugehen?«, fragte mich Paul. »Wenn du das wolltest, was würde dich daran hindern?«

Ich sah ihn an und suchte nach einer Antwort. Er hatte recht. Was hinderte mich eigentlich daran, nach Los Angeles zurückzukehren?

Du hast dort kein Dach über dem Kopf. Er wird dich umbringen, oder schlimmer noch, er wird dich vollständig ignorieren. Du könntest auch gekidnappt werden …

»Manhattan bietet mir ein neues Leben. Nach Los Angeles zurückzukehren, wäre ein Rückschritt«, erklärte ich in selbstbewusstem Ton. »Und ich will nach vorn sehen, ich will ein neues Leben beginnen.«

»Er soll also nicht mehr Teil deines Lebens sein?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte ihn nicht mehr um mich, ich wollte ihn nicht mehr lieben. Ich verabscheute mich dafür, dass ich es noch immer tat, selbst nach einem Jahr. Trotz allem, was er getan hatte.

Er war wie ein Gehirntumor und brachte mich um, ohne mich anzurühren, ohne mit mir zu sprechen, ohne mich überhaupt nur zu beachten.

Als ob ich nie existiert hätte.

Er war an allem schuld.

22 Uhr.

14. Januar.

Sie sieht Isobel ähnlich … aber sie wirkt naiver. Sie hat ein Babyface. Und ich hasse Kinder.

Ich frage mich, wie alt sie ist. Sie sieht jünger aus als ich …

Ich war eingeknickt. Schon wieder las ich seine Notizen. Wieder von Anfang an.

Er hatte mich gebrochen.

Während ich einen Bissen von dem Kuchen aß, den ich mir für meine kleine Geburtstagsfeier mit mir selbst gekauft hatte, schluckte ich die Tränen herunter. Die Worte auf diesen Seiten spukten mir noch immer im Kopf herum.

Ich wusste, dass ich mir selbst wehtat, indem ich sie immer und immer wieder las, aber sie waren alles, was mir von ihm geblieben war. Und heute brauchte ich ihn besonders, um nicht in Einsamkeit zu ertrinken.

»Alles Gute zum Geburtstag, Ella …«

Sie ist jetzt die zweite Nacht bei mir, sie hat Albträume. Wie ich selbst.

Sie hat mich nicht aufgeweckt, wie ich es ihr weisgemacht habe. Nein, ich bin im Wohnzimmer auf- und abgegangen, als ich sie plötzlich schreien hörte.

Sie hat Albträume …

Auf den Seiten, die er aus seinem Notizheft gerissen hatte, waren einige Passagen unterstrichen, in denen es um ihn ging. Passagen, die mir einige seiner Geheimnisse enthüllten.

Ich wusste, dass er nicht viel schlief, und jetzt verstand ich auch den Grund dafür. Wie ich selbst, wurde auch er von furchtbaren Albträumen gequält. Als wir einmal im selben Zimmer geschlafen hatten, hatte er einen gehabt, aber ich glaubte nicht, dass ihm das häufig passierte. Wenigstens nicht so oft wie mir. Doch welche Dämonen quälten ihn?

Die Nacht, in der er diese Worte aufgeschrieben hatte, war die erste gewesen, in der er mich überhaupt angesprochen hatte. Er hatte mir ein Glas Wasser ins Gesicht gekippt, um mich aufzuwecken.

Sie sind unerträglich. Ich würde sie am liebsten umbringen, weil er mich gezwungen hat, sie aufzunehmen. Verdammter Rick! Diese Gefangene ist noch zurückgebliebener, als ich dachte. Aber ich kann es nicht bestreiten, sie ist sehr schön.

Ella. Ella Collins …

Ich konnte seine raue Stimme hören, wenn ich diese Worte las, er war die ganze Zeit in meinem Kopf. Und das hasste ich.

Ich wischte mir eine Träne ab, die mir langsam über die Wange lief. Ich entschloss mich, nicht mehr weiterzulesen, ich kannte sowieso schon alles auswendig, so oft hatte ich die Seiten gelesen. Ich schnaufte beim Aufstehen. Vor dem Zähneputzen würde ich noch einmal die Eingangstür und die Fenster überprüfen.

Ich fixierte mein Spiegelbild. Es war leer. Kein Leuchten, kein Leben.

Dieses Gefühl nagte an mir. Ich fühlte mich nutzlos. Und ich war es auch. Ich existierte nicht.

Ich hatte diese Leere noch nie so stark gefühlt wie an den Feiertagen am Jahresende. Während alle ihre Familie, ihre Liebsten besuchten, während ich mit meinem Fernseher alleine blieb. So, wie es immer gewesen ist.

Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass er nichts von mir wissen wollte? Er hatte schließlich seine Familie und seine Freunde. Seine Freunde, die in der Folge auch zu meinen geworden waren.

Er hatte mir seine Schwester vorgestellt … Na ja, in diesem Moment hatte er keine große Wahl gehabt. Aber wem hatte ich ihn vorgestellt? Niemandem.

Denn ich hatte niemanden.

Ich spürte einen Kloß im Hals. Ich ertrug die Stille nicht. Mein Verstand war nicht geschwätzig genug, um sie auszufüllen.

Ich eilte zum Fernseher und schaltete ihn ein. Ohne ihn konnte ich nicht einschlafen. Das Geräusch beruhigte mich, und Stille machte mir Angst, weil meine Gedanken mich quälten.

Er wird jemand anderen finden. Jemanden, der seiner Liebe würdig ist. Jemanden, den er haben will.

»Sie wird dir ihre Eltern vorstellen, wie alle es tun … Du schlägst ihr dann vor, bei dir einzuziehen, und niemand wird dich dazu zwingen …«

Anders als es bei mir gewesen war.

Er wird sie wollen.

Ich schluchzte auf und schüttelte den Kopf. Nein. Ich musste aufhören, an ihn zu denken. Daran, wie er sein Leben ohne mich weiterleben würde. An die Tatsache, dass ich nur ihn in meinem Leben haben wollte, während er sich eine andere aussuchte, mit der er seines teilte.

Wer will schon eine Frau, die von wer weiß wie vielen Männern vergewaltigt worden ist? Ich widere ihn an. Ich widere mich ja selbst an.

Mein Atem ging stoßweise, so sehr musste ich schluchzen. Es war mein Ritual geworden: über mein Scheißleben zu weinen und mir bewusst zu machen, dass derjenige, den ich für meinen Retter gehalten hatte, mich hatte fallen lassen.

Er würde etwas Besseres als mich finden. Und das würde auch nicht schwer werden.

»Warum hast du zugelassen, dass ich mich in dich verliebt habe …?«

Ich hasste ihn. Hasste ihn für sein Schweigen. Für seine Gleichgültigkeit.

Warum hatte er mir diesen Umschlag gegeben?

Warum, wenn er mir gleichzeitig verbot, noch einmal mit ihm zu sprechen? Warum hatte er mir von sich nichts weiter als ein paar Blätter Papier hinterlassen? Diese Worte zu lesen, die ich so gern aus seinem Mund gehört hätte, war eine andauernde Qual.

Eine Qual, die ich mir mit Freude selbst zufügte. Seine Worte hielten meine Gefühle für ihn auf die am toxischsten mögliche Weise aufrecht, die es gab.

Aber ich konnte mich davon nicht abhalten.

Ich konnte nicht mit ihm sprechen, er hatte meine Nummer blockiert. Er hatte mich daran gehindert, wieder in sein Leben zu treten. Als ob ich das Schlimmste wäre, was ihm je passiert war.

Während er für mich sowohl das Beste als auch das Schlimmste repräsentierte.

Ich hasste ihn. Ich hasste ihn so sehr. Und ich hasste meine Gefühle für ihn.

»Ich hasse es, dich zu lieben …«

DRITTES KAPITEL

Nachbar

ASHER

Los Angeles, 20 Uhr.

»Und was magst du lieber? Ich auf jeden Fall Katzen.«

»Ich mag es am liebsten, wenn du den Mund hältst«, blaffte ich, ohne meine neue Gefangene auch nur anzusehen.

Heather war gestern Abend von ihrer Mission zurückgekehrt, und verdammt, sie hatte mir wirklich überhaupt nicht gefehlt. Ihre Fragen, die sie alle direkt von irgendeiner beschissenen Webseite hatte, gingen mir nach allen Regeln der Kunst auf den Sack. Und das war nur der Anfang.

Ich hatte sie vor ein paar Monaten erst kennengelernt. Heather wollte für mich arbeiten, aber Kiara hatte mir verboten, sie einzustellen, und behauptet, dass ich nach Ella keine weiteren Gefangenen mehr haben sollte.

Was mich nur dazu veranlasst hatte, es doch zu tun.

Und ich bedaure meine Entscheidung jeden Tag, sobald sie den Mund aufmacht.

»Wenn du eine Sache tun wolltest, bevor du stirbst, was wäre das?«

»Dir eine Kugel in den Kopf jagen. Das wäre wirklich großartig.«

»Wie reizend.« Sie seufzte.

Kaum zu glauben, dass ich Ellas Anwesenheit gehasst habe …

Ich entschloss mich, ihr nicht zu antworten, genau wie ich es mit Ben machte. Früher oder später würde sie schon die Klappe halten. Ein leises Seufzen drang mir über die Lippen, als ich endlich mit den verdammten Unterschriften fertig war, mit denen ich mir die Finger wundgeschrieben hatte.

Ich rieb mir die Augen. Die Müdigkeit machte sich allmählich bemerkbar, und ich brauchte eine Zigarette.

»Ich fahre ein paar Tage weg«, informierte ich sie und spürte ihren Blick auf mir.

Ich war entschlossen, mir das zurückzuholen, was mir gehörte. Es stand außer Frage, dass es anders war. Dieser Kerl wird sie nie mehr zu Gesicht bekommen.

»Wo fährst du denn hin?«, traute sie sich, mich zu fragen.

»Geht dich nichts an«, antwortete ich eisig und nahm mir eine Zigarette.

»Mein ehemaliger Besitzer war aber nicht so ein Geheimniskrämer …«

Ein böses Lachen kam mir über die Lippen. Die hatte Nerven!

»Die Tür steht weit offen, Heather. Dein Vertrag liegt hier in meiner Schublade, du kannst ihn jederzeit aufkündigen«, erinnerte ich sie und atmete das Nikotin ein, nach dem ich süchtig war. »Ich brauche dich nicht, und wag es ja nicht, dir das Gegenteil einzubilden.«

Sie schluckte, erwiderte aber nichts. Ich lachte auf.

Mein Engel wäre schlagfertiger gewesen. Heather macht es mir zu einfach.

Ich seufzte auf, als ich hörte, wie sich die Eingangstür öffnete. Zwei Möglichkeiten: Entweder war es Kiara oder Ben. Keine der beiden Möglichkeiten gefiel mir besonders.

»Kumpel, Kumpel, Kumpel!«

Ben. Natürlich.

Gestresst raste er in mein Büro, als ob er gerade eine Verfolgungsjagd hinter sich hätte. Umgehend runzelte ich die Stirn. Was war hier los?

»Ich hab mich bei mir zu Hause ausgesperrt«, erklärte er mir außer Atem. »Hast du einen Zweitschlüssel?«

Ich schnaubte genervt. Es wunderte mich nicht einmal.

»Der ist bei deiner Freundin«, sagte ich achselzuckend.

Er schlug sich gegen die Stirn und nickte Heather kurz zu, als er sie bemerkte. Er hatte sie nicht wirklich in sein Herz geschlossen.

»Wann müssen wir los?«, fragte er mich dann in besorgtem Tonfall.

»Sobald Ally von ihrer Mission zurück ist«, verkündete ich und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. »Wenn du dein Gepäck nicht hast, ist das nicht mein Problem. Fahr zu Grace.«

Ben schnaubte noch einmal, bevor er mein Büro wieder verließ, die Treppe hinunterstürmte und schließlich die Eingangstür hinter sich zuknallte.

»Sollen wir Abendessen machen?«, fragte Heather mich.

»Nein, ich habe keinen Hunger.«

Sie verdrehte die Augen und streichelte den Sack Flöhe, der auf dem Sofa in meinem Büro schlief.

»Hat sie ihn gewollt?«, fragte sie mich mit der Stimme, die mir seit einer Stunde auf die Eier ging. »Oder du?«

Ich muss wohl träumen.

»Hat dir denn nie irgendwer beigebracht, dass du dich nicht in Dinge einmischen sollst, die dich nichts angehen?«, blaffte ich und stand auf. »Ich verbiete dir, mir Fragen über sie zu stellen, verstanden?«

Heather machte ein verärgertes Gesicht. Für jemanden, der sie überhaupt nicht kannte, stellte sie mir recht viele Fragen über meinen Engel. Sogar Kiara hielt sich damit zurück, sie zu erwähnen, sobald Heather anwesend war. Diese gehörte nämlich zu den Leuten, die gern an verbotenen Orten herumschnüffelten, und das Thema »Ella« gehörte zu den verbotensten überhaupt.

»Was, wenn wir zusammen ausgehen und … uns amüsieren«, flüsterte die Gefangene und kam näher. »Wie letztes Mal …«

Sie schlang mir die Arme um den Hals, und ich verzog das Gesicht. Vor ein paar Tagen hatte ich sie gevögelt, aber der einzige Grund dafür war die Wut gewesen, die sich den Tag über in mir aufgestaut hatte. Ich brauchte noch andere Methoden als das Boxen und die Zigaretten, um mich zu beruhigen.

»Es war so gut …«

Als ihre Lippen meine berührten, sah ich in Gedanken nur ihre blauen Augen.

Verflucht, nicht schon wieder.

»Hau ab!«, herrschte ich sie an.

Heathers Augen, die anfänglich vor Erregung geglänzt hatten, musterten mich nun voller Unverständnis. Ihre Iriden wirkten im Vergleich zu denen meines Engels blass.

Ihre Augen … meine Schwäche.

Ich schob sie von mir weg und verließ wutschnaubend mein Büro. Warum dachte ich noch immer an sie, verdammt?

Sie spukte in meinem Kopf herum, und das nervte mich. Sie nervte mich. Sie war ein Fluch, von dem ich mich nicht befreien konnte.

Ich stieg die Treppe hinunter, betrat mein Schlafzimmer und schloss die Tür hinter mir ab. Erneut liefen Szenen in meinem Kopf ab. Hier hatte ich sie geküsst. Dort hatten wir zusammen geschlafen.

Mein Bett verlangte nach ihr, und ich konnte noch immer ihre weichen Lippen auf meinen spüren. Mein Körper wollte sie haben. Ich wollte sie. Und ich war unfähig, sie mir mit jemand anderem vorzustellen. Vor allem nicht mit ihrem Scheißnachbarn.

Mein Blick fiel auf meine vor einigen Stunden gepackte Reisetasche. Ich würde einen kleinen Ausflug nach Manhattan unternehmen. Es stand außer Frage, dass ich sie mir abjagen lassen würde.

»Vielleicht ist sie diesmal an den Richtigen geraten …«

»Fick dich ins Knie, Kiara«, maulte ich, als ich mich an ihre Worte erinnerte.

Ich konnte nicht einfach Däumchen drehend zusehen, wie irgendein Idiot sie anmachte. Andererseits hatte ich überhaupt keine Lust, dass sie herausfand, dass mir das etwas ausmachte, aus Angst, dass sie sich für das rächen würde, was ich ihr angetan hatte. Denn mir war klar, sie würde mich kleinkriegen.

Mir war bewusst, dass sie eine Entschuldigung erwarten würde, aber mein Ego war zu groß, als dass ich mich vor ihrer Tür auf die Knie werfen oder ihr nachlaufen würde, damit sie mir verzieh, sie so kategorisch zurückgewiesen und ihr dann den Laufpass gegeben zu haben. Ihr den Eindruck vermittelt zu haben, dass alles falsch und sie bedeutungslos war.

Denn ich wollte, dass sie genau das fühlte. Ich wollte, dass sie genug litt, um mich dafür zu hassen. Denn ich verdiente weder ihre Liebe noch sie.

Warum lässt du sie dann nicht gehen? Weil das meine Kräfte übersteigt.

Sie zog mich an wie ein verfluchter Magnet, und ich schaffte es nicht, mich von ihr zu lösen.

Ich bin scheißtoxisch. Bin es immer gewesen.

Dieser Gedanke ärgerte mich. Stirnrunzelnd zog ich eine Kippe aus dem halb leeren Päckchen. Mit geschlossenen Augen atmete ich das Nikotin ein. Die Zigarette beruhigte mich und flüsterte mir hinterlistig ein, mein einziger Ausweg aus der Wut zu sein, die ich ansonsten nicht zu kanalisieren vermochte.

Wie beim letzten Mal.

Sie hätte nie diese Seite meiner Persönlichkeit kennenlernen dürfen, und doch … Obwohl sie vollkommen verängstigt gewesen war, war sie geblieben. Als ob ich ihr etwas bedeuten würde.

Sie hatte nur Mitleid mit dir, das ist alles.

Bei diesem Gedanken biss ich die Zähne zusammen. Sie schaffte es, mit meinen Gedanken zu spielen, ohne hier zu sein, und mich stundenlang wach zu halten. Mein Hirn zu erschöpfen, das sich Szenarien ausdachte, die sich wahrscheinlich nie ereignen würden. Ganz bestimmt nicht.

Auch wenn sie das Einzige war, was ich bereute, sowie die Quelle meiner Schwermut, würde ich nicht zu ihr zurückkehren. Sie verdiente dieses Leben nicht, es war zu gefährlich.

Aber du weigerst dich zugleich, sie als Teil des Lebens eines anderen zu akzeptieren.

Das auch.

Am nächsten Tag. Manhattan, 9 Uhr.

»Wie lautet dein Plan?«, fragte mich Ben.

Ich wusste tatsächlich nicht, was ich wollte, noch, was ich tun sollte, um sie auseinanderzubringen. Ich ballte die Fäuste, wenn ich mir vorstellte, wie sie sich in ihrer Wohnung miteinander unterhielten.

Ich verarbeite ihn zu Kleinholz.

»Warum willst du sie denn nicht in Ruhe lassen?«

»Weil sie mir gehört«, erklärte ich und ignorierte sein schelmisches Grinsen. »Und wenn ich herausfinde, dass er sie auch nur angerührt hat, musst du unsere Leute rufen, damit sie seine Leiche abtransportieren.«

»Hast du schon eine Idee, wie du ihn umbringen willst?«, fragte mich Ben und trat ans Fenster unserer Wohnung. »Ich glaube nämlich, dass jemand bei ihr ist …«

Mein Herz setzte kurz aus und begann dann, in einer Geschwindigkeit zu schlagen, die es nur selten erreichte. Ich sprang auf und sah rot.

Dieser Idiot wird ganz schnell in der Hölle landen.

Ich trat neben Ben, biss heftig die Zähne aufeinander, und mein Blick verfinsterte sich, als ich einen Kerl mit einer Kappe auf ihrem Balkon entdeckte.

Sie gehört mir, verdammt.

»Geh nach unten!«, befahl ich Ben. »Geh sofort nach unten, und bring ihn dazu, dass er ihre Wohnung verlässt.«

»Aber du … «

»SOFORT!«, brüllte ich, ohne mich zurückhalten zu können. »Wenn ich es mache, bringe ich ihn um.«

Ich konnte die Augen nicht von ihr abwenden. Sie hatte eine gewisse Distanz zwischen sich und dem Kerl gewahrt. Glücklicherweise.

Ben würde eingreifen. Ben musste eingreifen.

Ich trat vom Fenster weg, fuhr mir mit der Hand übers Gesicht und atmete schwer aus. Ohne mich beherrschen zu können, schlug ich mit der Faust gegen die Wand neben mir.

Schmerz, um die Wut deutlicher hervortreten zu lassen.

Ein Wutschrei drang aus meiner Kehle, während ich mir die Haare raufte.

Scheiße, er hat kein Recht dazu.

Mein Handy auf dem Tisch vibrierte. Ich trat näher, um den Namen auf dem Display lesen zu können. »Tante Gemma.« Meine Hand begann zu zittern.

Warum rief mich Bens Mutter an?

»Guten Tag, Ash«, begrüßte sie mich fröhlich.

»Hallo«, schnaubte ich und betrachtete meine vom Schlag geröteten Knöchel. Ich schloss die Augen und atmete geräuschvoll aus, um mich wieder zu beruhigen.

»Du hast das wegen nächster Woche nicht vergessen, oder?«

»Ich kann nichts vergessen, wenn ich nicht weiß, wovon du redest«, entgegnete ich in sarkastischem Ton.

Sie seufzte. »Wir organisieren einen Abend in Gedenken an deinen Onkel. In einigen Tagen ist sein Geburtstag … Er hat es geliebt, wenn wir uns alle versammelt haben. Und da du nicht zu seinem Begräbnis gekommen bist, habe ich …«

Rick. Es war nun fast ein Jahr her, dass er uns verlassen hatte. Vor einem Jahr hatte er sich wegen der Dinge das Leben genommen, die wir bei meinem Vater gefunden hatten: Beweise dafür, dass er der leibliche Vater von meinem Erzfeind William war und von Anfang an mit ihm unter einer Decke gesteckt hatte. Er war in den Mord an seinem eigenen Bruder verwickelt und hatte jahrelang dessen Frau gevögelt.

Es war das Mindeste, dass ich nicht zu seinem Begräbnis gegangen bin, nach all der Scheiße, die er fabriziert hat.

Nächste Woche wäre er 58 Jahre alt geworden.

»Mal sehen«, brummte ich und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf.

»Deine Anwesenheit würde uns sehr viel bedeuten, weißt du …«

Aber ja, natürlich. Ich bin ja auch nur eure Einkommensquelle, ihr Vollidioten.

»In Ordnung, in Ordnung, okay«, erwiderte ich rasch und ging auf und ab.

Ich wollte sie zum Schweigen bringen, mir war ihr beschissener Abend scheißegal. Ich wollte nur, dass sich der Kerl da unten aus ihrer Wohnung verzog. Denn, verdammte Scheiße, ich zerquetsche ihn an ihrer Tür und schmeiße ihn dann vom Balkon.

»Danke, dass …«

Nachdem ich einfach aufgelegt hatte, betrachtete ich mit schmerzverzerrtem Gesicht meine verletzte Hand. Ich verabscheute die Gewalt, die mein Zorn über mich hatte. Sobald er in mir aufkam, konnte ich mich nicht mehr zusammenreißen.

Ihr war es allerdings gelungen, ihn zu vertreiben.

In jener Nacht, als ich kurz davorgestanden hatte, mich an ihr zu vergreifen, um mal wieder meinen Schmerz zu lindern, hatte mein Zorn ihr Angst gemacht. Ergriffen von einer Panikattacke, hatte sie zu zittern begonnen. Sie konnte weder mit mir sprechen noch mich ansehen.

Und als ich dann ihrem Blick begegnet war … als ich ihre Angst gesehen hatte … hatte sich etwas verändert. Ohne mir dessen bewusst zu werden, hatte ich mich beruhigt.

Du ängstigst sie. Du machst sie kaputt. Sie verdient nicht, das durchmachen zu müssen.

Das zweite Mal war an dem Abend gewesen, als diese Söldner-Arschlöcher gekommen waren, um mich umzulegen. In jener Nacht hatte sie eine weitere Facette meiner Persönlichkeit kennengelernt. Meinen Selbsthass. Ich hatte beide kaltblütig umgebracht, während ich unfähig war, denjenigen zu töten, der es wirklich verdiente, eigenhändig von mir umgebracht zu werden. William.

Zu wissen, dass er am Leben war, hatte mich krank gemacht, und jeder Mord, den ich beging, wandte sich daraufhin gegen mich, weil er mich stets an die Tatsache erinnerte, dass es mir nicht gelungen war, ihn zu töten.

In jener Nacht hatte ich sie so sehr gebraucht, wie ich noch nie jemanden gebraucht hatte. Ich hatte mich an ihr festhalten müssen wie an einem Ankerpunkt, um nicht im Zorn zu versinken. Ich hatte sie spüren müssen, um mich zu beruhigen und meinen Hass zu vertreiben. Auf mich hatte sie denselben Effekt gehabt wie meine Zigaretten.

»Kumpel, ich rede mit dir!«

Ben schnippte mit den Fingern vor meinem Gesicht, und ich kehrte wieder in die Realität zurück.

»Was?«

»Ich bin nicht reingegangen«, verkündete Ben mit entschuldigendem Blick. »Es ist nur ein Handwerker … glaube ich.«

Glaubt er?

Ich stürmte zum Aufzug, mein Cousin war mir dicht auf den Fersen.

Ben war sich nicht mal sicher, ob es ein Scheißhandwerker war. Also kam es nicht infrage, dass dieser Clown auch nur eine Sekunde länger bei ihr blieb. Ich drückte auf den Knopf zu ihrer Etage, ohne auf Bens Protest zu achten. Meine Gedanken dröhnten zu laut, um ihn zu hören.