Care-Arbeit räumlich denken - Barbara Zibell - E-Book

Care-Arbeit räumlich denken E-Book

Barbara Zibell

0,0
18,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Wie unsere Welt aussehen würde, wenn Frauen sie gestalten, mitgestalten würden und über Jahrhunderte gestaltet, mitgestaltet hätten, davon handelt dieser Band. Die Autorin nimmt das Jubiläumsjahr des Frauenstimmrechts 2021 zum Anlass, um feministische Utopien und Konzepte aus der Geschichte aufzugreifen und Visionen zu entwickeln, Bausteine für eine andere gesellschaftliche Architektur des Zusammenlebens. Sie will zum Weiterdenken anregen, auch über den engeren Fachkreis hinaus. Und sie will nicht zuletzt Lust und Hoffnung auf Zukunft machen. Dies angesichts und trotz – oder gerade wegen – der vielfältigen Krisen, die hinter uns liegen und die wir als Gesellschaft aktuell durchmachen, seien dies Öl-, Finanz-, Klima-, Corona- und viele andere -krisen, die die neoliberale Ökonomie erschüttern und den Ruf nach sozial-ökologischer Transformation laut erschallen lassen. Die These ist, dass Care und eine Haltung des “Caring” andere Formen des Zusammenlebens, des Wirtschaftens und Haushaltens, andere Formen des privaten, politischen wie unternehmerischen Handelns in dieser Welt hervorbringen. Und dass diese wiederum andere institutionelle, gebaute und räumliche Strukturen nach sich ziehen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 240

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Wie unsere Welt aussehen würde, wenn Frauen sie gestalten, mitgestalten würden und über die Jahrhunderte gestaltet, mitgestaltet hätten, davon handelt dieser Band. Dabei geht es weniger um den Kampf «Frauen gegen Männer» als vielmehr um die Überwindung des Patriarchats, mit seinen einseitigen Dominanzen und Präferenzen, die sich in vielfältigen Hierarchien und Symbolen, auch im gebauten Raum, widerspiegeln. Die These ist, dass Care und eine Haltung des «Caring» andere Formen des Zusammenlebens, des Wirtschaftens und Haushaltens, andere Formen des privaten, politischen wie unternehmerischen Handelns in dieser Welt hervorbringen. Und dass diese wiederum andere institutionelle, gebaute und räumliche Strukturen nach sich ziehen.

Die Autorin nimmt das Jubiläumsjahr des Frauenstimmrechts 2021 zum Anlass, um feministische Utopien und Konzepte aus der Geschichte aufzugreifen und Visionen zu entwickeln, Bausteine für eine andere gesellschaftliche Architektur des Zusammenlebens. Das Buch will Anstösse zum Weiterdenken liefern und Beiträge zu Diskussionen, auch über den engeren Fachdiskurs hinaus.

Barbara Zibell

Care-Arbeit räumlich denken

Feministische Perspektiven auf Planung und Entwicklung

genderwissen

eFeF-Verlag

gender wissen Bd. 16

Eine Publikationsreihe im eFeF-Verlag zur Förderung und Verbreitung von Studien aus dem Bereich der feministischen Wissenschaft und Gender Studies.

Der Verlag und die Autorin danken der Stiftung Interfeminas und der Stiftung zur Erforschung der Frauenarbeit für die Unterstützung.

© eFeF-Verlag Wettingen 2021, 1. Aufl. 2022, www.efefverlag.ch

Grafisches Konzept: Claudia Bernet

Layout, Satz: Sandra Walti, Aarau

Titelbild: Kraftwerk 1 Zwicky Süd, Dübendorf/ZH. Arch. Schneider Studer Primas

Foto Anna-Katharina Ris, Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk 1, Zürich 2019

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

ISBN 978-3-906199-31-3

«Es kann keine Stadt der Fürsorge geben ohne eine Kultur der Fürsorge, die von Frauen und Männern geteilt wird.»

Annalisa Marinelli, 2015

Für Frida und ihre Geschwister

Inhalt

Titel

Impressum

Vorwort

1Intro: Was will dieses Buch?

2Ausgangslage 2021: Wo stehen wir heute?

Die Krise der Reproduktionsarbeit

Von Hausarbeit über Reproduktionsarbeit zu «Care» – und wieder zurück?

Rückblick: Weichenstellungen

Die funktionelle Stadt

3Perspektiven feministischer Kritik

Versorgender vs. entsorgter Alltag

Wohnen ist Arbeiten ist Wohnen

Gebrauchswirtschaft und Raumstruktur oder: Die Ökonomie des Raumes

Feministische Utopien von gestern

Prinzipien des Vorsorgenden Wirtschaftens

Blick zurück nach vorn

4Vision 2071: Bausteine für Räume der Zukunft

Zukunftsvisionen

Im Mittelpunkt: die Sorge

Die Welt als Haushalt denken

Von der Bedeutung des Räumlichen

2071 Wir haben es geschafft

Räume zum Leben

Jedem Kind sein Dorf …

Jedem Menschen sein Quartier

Mobilität – ein menschliches Grundbedürfnis

Kurze Wege

Vernetzte Quartiere – Offene Landschaften

Raum für jede*n – Räume für alle

Gemeinschaft und Gesellschaft

Räume zum Wohnen – und Arbeiten?

Essbare Landschaften

Schule als Ankerpunkt im Quartier

Der Boden gehört allen …

5Transformation gestalten – aber wie?

Quellen

Abbildungsnachweis

Vorwort

Dieses Buch entstand im Kontext der Aktivitäten zum Jubiläumsjahr des Frauenstimmrechts 2021 in der Schweiz. Die Vorbereitungen begannen im Jahr 2019, Monate vor der Coronakrise, bevor von einer Pandemie überhaupt nur eine Ahnung war. Covid-19 wurde somit zu einer weiteren, irgendwie aber sehr passenden Referenz. Denn die Frage nach der Sorge – um uns, unsere Umwelt, unsere Zukunft, unsere Kinder und Enkelkinder – wurde damit noch einmal zugespitzt.

Wenn Frauen die Schweiz gestalten – so lautete zum Zeitpunkt der ersten Überlegungen für einen Beitrag kreativer Frauen zu diesem Jubiläumsjahr das Motto auf der Website der créatrices.ch, einem Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Leistungen von Frauen in Umwelt- und Lebensgestaltung sichtbar zu machen. Es sollte zum Motto werden für das gemeinsame Projekt auf dem Münsterhof in Zürich: FrauMünsterhof21.

Ich war beteiligt seit den ersten Workshops zur Projektentwicklung im 2019 und in der Folge aktiv in einer Arbeitsgruppe, die sich nach dem Neujahrsapéro 2020 im Zürcher Schiffbau als AG Vision konstituierte. Denn dass wir im Jahr 2021 den Blick nicht nur zurück, sondern vor allem auch nach vorn werfen würden, gehört(e) zum Selbstverständnis unserer Zunft.

Das Gesamtbild einer Vision 2071 zu entwerfen, erschien uns als Gruppe ein (zu) grosser Anspruch. Wir versuchten, Bestandteile unserer Zukunftsbilder in ein gemeinsames Manifest zu giessen. Daraus entstand am Ende ein Manifluid, das Raum für immer neue Ergänzungen und Veränderungen zuliess. Und so auf breitere Füsse gestellt werden und dem permanenten Wandel Rechnung tragen sollte.

Mein persönliches Anliegen war es jedoch, die Ideen und Konzepte für eine andere Welt, die mich seit Jahren – als diplomierte Raumplanerin, als Hochschullehrerin und als feministisch orientierte Weltbürgerin – begleiten, für einmal in einen Zusammenhang zu stellen und niederzuschreiben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wenn Frauen Zukunft gestalten – so lautete der Titel des Buches nach den ersten Abstimmungen mit dem eFeF-Verlag. Denn die Verlegerin war davon überzeugt, dass dies nicht nur ein Buch für Schweizer Leser*innen sei, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum von Interesse sein könnte.

Und nachdem sie tiefer in die Inhalte eingestiegen war, kam sie zu der Überzeugung, dass dies zudem nicht nur ein Buch für Frauen sei, sondern unbedingt auch für Männer. So haben wir den Titel ein weiteres Mal transformiert. Denn die Geschlechterverhältnisse, die unsere Strukturen bis heute prägen, können nicht nur einseitig von Frauen oder Feministinnen verändert werden. Es braucht dazu auch (feministisch gesinnte) Männer. Es braucht Frauen* und Männer*, um Herrschaftsverhältnisse zuungunsten einer Hälfte der Bevölkerung in Frage zu stellen und für eine andere Welt einzutreten.

Ich bedanke mich an dieser Stelle bei allen, Frauen* und Männern*, die zur Entstehung dieses Buches direkt und indirekt beigetragen haben. Das sind zuerst alle Wegbegleiter*innen, im professionellen wie im familiären Umfeld, die mich immer wieder besonders motivieren, weil auch sie daran glauben, dass Visionen wichtig sind, um Zukunft zu gestalten. Im Kontext des créatrices Projektes waren dies die Mitglieder der AG Vision: Sabine Deringer, Stefi Spinas, Nina Scherer, Olympia Georgoudaki, Corinne Holtz und Katarina Lang. Wichtige Diskussionen über «Gott und die Welt» habe ich mit meinem Sohn, Julius Natrup, geführt. Immer wieder anregend und immer wieder erhellend. Mein Mann und Lebensgefährte, Wilhelm Natrup, hat erste Textentwürfe kritisch hinterfragt und geerdet. Und nicht zuletzt die Verlegerin, Doris Stump, hat mit ihren guten Fragen und ihrem Stirnrunzeln während der Entstehung des finalen Textes dazu beigetragen, die Gedanken zu schärfen und das Gesagte zu präzisieren.

Im Weiteren danke ich allen, die mir bei der Suche nach adäquaten Illustrationen zu diesem Buch behilflich waren. Denn Visionen, das heisst: in Bezug auf Zukünftiges entworfene Bilder, bedürfen mehr als der Darstellung in Worten, um nachvollziehbar zu werden. Auch wenn es schwierig ist, Zukunft abzubilden. Ich habe mich darauf beschränkt, meine Bausteine zu einer räumlichen Vision mit Bildern zu illustrieren, die zeigen, wo die Zukunft, die ich meine, heute schon beginnt. Und um einen Anknüpfungspunkt zu schaffen für alle, die Lust haben, diesen Faden aufzugreifen, hier und heute schon mit- und weiter zu denken. Für eine bessere Zukunft. Für diese Erde, unsere Welt. Für uns.

Auf einige Eigenheiten im Schreibstil möchte ich die Leser*innen im Vorfeld der Lektüre gern hinweisen:

Zum einen verwende ich die Begriffe «Frauen» und «Männer» einmal mit Sternchen «*», einmal ohne. Das ist dem jeweiligen Kontext geschuldet, auch in historischer Hinsicht. Vor allem den Entwicklungen in jüngerer Zeit soll damit Rechnung getragen werden. Es gibt immer mehr Männer, die als Feministen die Anliegen der Frauen nach Sichtbarkeit und reeller Chancengleichheit unterstützen. Das sind im Allgemeinen jene, die sich von den klassischen Zuschreibungen, wie und was Frauen und Männer zu sein, zu tun und zu lassen haben, distanzieren und sich ihren eigenen Vorstellungen gemäss entfalten. Und dies ebenso den Frauen zugestehen. Egal, ob dies die sexuelle Orientierung oder die Entscheidung für die Art und Weise der Lebensführung betrifft. Dies macht es den Frauen, die sich von den klassischen Zuschreibungen befreien wollen, leichter, ihren Weg zu gehen und ein partnerschaftliches Leben mit Männern zu führen. Wenn dieser Trend in der Aussage transportiert werden soll, wird dies in der Schreibweise mit «*» zum Ausdruck gebracht.

Zum anderen verwende ich Anführungszeichen häufig da, wo Begriffe mit Inhalten verbunden werden, die nicht (mehr) meinem Verständnis entsprechen. So setze ich Anführungszeichen immer dann, wenn ich ein Wort, einen Begriff in Frage stellen, darauf aufmerksam machen möchte, dass man ihn auch ganz anders verstehen könnte. Und damit näher an einer anderen Zukunft wäre, als der, die sich abzeichnet, wenn wir so weitermachen, weiterdenken, weiterreden und weiterschreiben wie bisher. Wörter, deren Bedeutung in der gängigen Konnotation, so wie wir sie im Allgemeinen verwenden, zu kurz greift.

Beispiele für solche Wörter, Begriffe und Konzepte sind die «Familie», «Wohnen» und «Arbeiten», «Normalität» und «neue Normalität» oder auch «Kultur» und «Natur». Selten meine ich damit (nur) das, was gemeinhin darunter verstanden wird. Beim Verwenden von Wörtern sehe ich gewissermassen immer auch die Genese eines Begriffes, aber auch die Möglichkeitsräume, die in den abstrakten Begriffen, mit denen wir die Welt ja nur unzureichend beschreiben können, zumindest potentiell enthalten sind.

Bei der «Familie» zum Beispiel denke ich in aller Regel nicht nur an die zwei Generationen umfassende Kleinfamilie, an die wir uns im Zuge des 20. Jahrhunderts gewöhnt haben, auch nicht an einen eingeschränkten Familienbegriff im Sinne einer verwandtschaftlichen Zugehörigkeit, die sich allein über die biologische Herkunft, die Abstammung definiert. Unter den Familienbegriff subsummiere ich auch alle Konstrukte aus nahen und nächsten Beziehungen, die als soziale Familien oder Wahlfamilien bezeichnet werden können. Das kann eine Haus- oder Wohngemeinschaft sein, aus Partner*innen, Freund*innen oder anderen zugewandten sozialen Orten zusammengesetzt. Das ist aber auch das ganze Beziehungsnetz aus Verbundenheiten und Verlässlichkeiten, in das wir als Individuen eingebettet sind, ohne dass wir mit all diesen Menschen, die uns verbunden sind, unbedingt unter einem Dach zusammen wohnen.

«Familienhaushalte» bestehen immer aus mehreren, mindestens aber zwei Generationen. Sie bestehen aus allen Menschen, die sich eine Kochstelle teilen. Ein Herdfeuer. In seiner ursprünglichen Bedeutung, die uns mit unseren Vorfahren verbindet: Feuer- oder Kochstelle eines Lagerplatzes oder eines Zeltes. Und mit künftigen Generationen, die sich immer wieder und immer wieder anders um einen gemeinsamen Herd versammeln werden, um Essen und Geschichte(n) zu teilen.

Genauso ist es mit den vielen anderen Wörtern, Begriffen und Konzepten, über die ich hier und in diesem Buch nachdenke. Begriffe, die immer auch ganz anders gedacht werden können, als dies hier und heute in aller Regel der Fall ist.

Das heisst: Ich gehe gern an die Wurzel. Radikal im Sinne des lateinischen radix, radices. Den Haltungen wie den Wörtern, Begriffen und Konzepten. Ich weiss zwar, dass ich mich dabei immer wieder der Gefahr aussetze, nicht (mehr) verstanden zu werden. Wie der alte Mann in einer der Kindergeschichten Peter Bichsel’s «Ein Tisch ist ein Tisch», der sich eines Tages – angesichts des Stillstands in seinem Leben, des Mangels an Veränderung – entscheidet, jeden Tag ein Wort, eine Bezeichnung der Gegenstände um sich herum, durch ein anderes zu ersetzen. Leider vergass er, die anderen Leute mitzunehmen. Und so blieb er am Ende unverstanden und einsam zurück.

Das kann es selbstverständlich nicht sein. Mir geht es mit diesem Buch darum, ein anderes Denken zu initiieren. Eine Diskussion über althergebrachte Begriffe und Konzepte anzustossen. Oder meine Stimme im Konzert entsprechender Diskurse ertönen zu lassen. Und die Gedanken mit anderen zu teilen. Nur wenn wir bereit sind, das Überkommene, das vermeintlich Selbstverständliche auch anders zu denken, immer wieder neu, dann birgt Radikalität die Chance, die Welt anders sehen zu können, andere Räume zu entwerfen, das Träumen nicht zu verlernen. Sich Ziele zu setzen, die unerreichbar scheinen, aber die Lebensenergie zum Schwingen bringen.

Wörter und abstrakte Begriffe sind vor allem Konstruktionen, die – sofern wir den Mut haben, sie zu reflektieren, zu de-konstruieren und immer wieder neu zusammen zu setzen – Welten eröffnen können. Welten, die uns die Möglichkeit bieten, andere Zusammenhänge zu erkennen, weiter zu denken und neu zu gestalten.

Thalwil / ZH, im Sommer 2021

1 Intro: Was will dieses Buch?

2021 ist ein wichtiges Jubiläumsjahr. Die Schweiz feiert 50 Jahre Frauenstimm- und -wahlrecht, das in der Schweiz durch eine eidgenössische Abstimmung der seinerzeit ausschliesslich männlichen Stimmbürger am 7. Februar 1971 eingeführt wurde.

Seit der Französischen Revolution 1789 hatten Frauen- und Bürgerrechtsbewegungen in Europa den Weg für die Einführung des Frauenwahlrechts und der Gleichberechtigung von Männern und Frauen geebnet. Das erste europäische Land, das das Frauenwahlrecht umsetzte, war Finnland 1906, gefolgt von Österreich 1918, Deutschland und den Niederlanden 1919, Grossbritannien 1928, Spanien 1931, Frankreich 1944, Griechenland 1952 und erst 1971 – auf nationaler Ebene – der Schweiz.

Die Schweiz war somit eines der letzten europäischen Länder, welche ihrer weiblichen Bevölkerung die politischen Bürgerrechte zugestanden, doch sie war das erste Land, in dem dies durch eine von Frauen und einigen Männern heftig erkämpfte und endlich erfolgreiche Volksabstimmung – notabene: des männlichen Teils der Bevölkerung – erreicht wurde. Die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz ist also letztlich den Männern – genauer: den männlichen Stimmberechtigten, den Stimmbürgern – zu verdanken …

1971 bis 2021, 50 Jahre Frauenstimmrecht – eine Erfolgsgeschichte? Schweizerfrauen nehmen das Jubiläumsjahr zum Anlass, um diese und andere Fragen rund um das Frauenstimmrecht aufzuwerfen, zu reflektieren und zu diskutieren. Dem Verein CH2021, gegründet am Frauenstreiktag vom 14. Juni 2018 von namhaften Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, geht es darum, die Gleichstellung zu feiern und zu fördern. CH2021 bietet eine Plattform, um die ganze Schweiz über das Jubiläum zu informieren, Aktivitäten zu präsentieren und den Dialog zum Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Demokratie anzuregen.

Publikationen zur Aufarbeitung der Geschichte (z.B. Rohner, Schäppi 2020; Schmid 2020) und zur Erhöhung der öffentlichen Aufmerksamkeit für unbeachtete Perspektiven (Jost, Kronenberg 2020) sind Bestandteil der Jubiläumsaktivitäten. Bilanz ziehen ist wichtig und unerlässlich. Zur Vergewisserung über das Erreichte und zur Nachjustierung gesetzter Ziele, als Ausgangsbedingung für neue politische Forderungen und weitere Schritte auf dem Weg zu einer partnerschaftlichen Gesellschaft. Es braucht überdies aber auch Visionen für das Zusammenleben in der Zukunft, Vorstellungen über eine Welt, in der die Entscheidungsmacht und die Einflussnahme auf die Zuordnung und Verfügbarkeit über Raum und Räume gerecht verteilt ist, auch zwischen den Geschlechtern.

Architekt*innen und Planer*innen sind es, die den Blick professionell in die Zukunft richten. Beim Entwerfen schauen sie nach vorn, sind mit Welten beschäftigt, die noch nicht sind, durch ihren Beitrag aber werden, auch anders werden können. Sie sind mit Utopien und Visionen neuer Welten, anderer Lebensräume beschäftigt. Für sie ist der Blick zurück und der Blick auf das Derzeitige regelmässig die Ausgangsbedingung für den Blick nach vorn.

Die historische, aber auch die gegenwärtige Struktur der Gesellschaft, mit ihren Wertvorstellungen und Selbstverständlichkeiten, Arbeitsteilungen und Hierarchien manifestiert sich im Raum, im gebauten Raum. Der gebaute Raum ist Abbild der jeweiligen Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Wer über Land, Boden und Geld verfügt, hat die Definitions- und Gestaltungsmacht, kann sich – auch über die eigene Lebenszeit hinaus – auf Dauer in den Raum einschreiben. Die anderen müssen sich in den gegebenen Strukturen einrichten, bleiben unsichtbar, werden vergessen.

In tausenden von Jahren waren es weit überwiegend Männer, die sich mit ihren Taten, Worten und Bauten in die Geschichtsbücher und in den Raum eingeschrieben haben. Wenige Schriften sind überliefert (de Pizan, 1405; Woolf 1928), in denen Frauen ihrem Wunsch nach Sichtbarkeit und Gestaltungsmacht Ausdruck verliehen haben. Nur selten konnten sie sich – wie die Beginen entlang des Rheins im Hochmittelalter – mit ihren Bauten über Jahrhunderte unvergessen machen und so auch die Erinnerung an andere Lebensformen, ausserhalb von Ehe und Familie, bewahren. Die Konzepte und Visionen der sogenannten «utopischen Feministinnen» des 19. Jahrhunderts mussten durch das wissenschaftliche Werk der Architekturhistorikerin Dolores Hayden The Grand Domestic Revolution (1981) erst ausgegraben werden, um einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden zu können. Und wer weiss, wieviel Unentdecktes und Unerhörtes noch unter der Oberfläche schlummert. Das Frauenstimm- und -wahlrecht ist ein Symbol für die Beteiligung der Frauen an Entscheidungen über die Zukunft. Die Stimme steht dafür, gehört zu werden, sich Gehör verschaffen zu können, mitreden, mitwirken, mitgestalten zu dürfen. Damit steht und fällt letztlich auch die Sichtbarkeit, die Anerkennung und die Überlieferung der eigenen Arbeit und der eigenen Werke.

Immer wieder bedarf es Kraftanstrengungen – meist von Frauen, mehr und mehr auch unterstützt von feministisch gesinnten Männern – um Frauengeschichte(n) zu sichern, wie im Fall des Gosteli-Archivs der schweizerischen Frauenbewegung. Oder auch, um Bauten von Frauen, wie das legendäre Saffa-Haus der ersten selbständigen Schweizer Architektin Lux Guyer, zu retten. Das 1928 an der ersten Schweizerischen Ausstellung für Frauen-Arbeit (Saffa) in Bern vorgestellte Fertighaus aus Holz wurde erst nach langen Kämpfen 2006 in Stäfa wiederaufgebaut und sorgfältig restauriert. Diese Lux Guyer hat nicht in erster Linie Schlösser gebaut oder repräsentative Bauten entworfen, sondern Wohnbauten – um «durch Architektur einer Neudefinition der Familie und der gesellschaftlichen Rolle der Frau zuzuarbeiten» (Claus, Huber, Schnitter, 2009: 6).

So erscheint es mehr als nahe liegend, dass sich in den Reigen der Jubiläumsaktivitäten zum Frauenstimmrecht 2021 nicht nur Historikerinnen, Juristinnen und Politikerinnen oder Filmemacherinnen einmischen, sondern auch Architektinnen und Planerinnen, Umweltgestalterinnen im weitesten Sinne. Da ist zuerst der Verein «créatrices.ch» und mit ihm «Lares – Verein für gender- und alltagsgerechtes Planen und Bauen» oder das Netzwerk «Frau und SIA» im Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein. Als Mitglied all dieser Netzwerke war ich selbst auch beteiligt an den Aktivitäten, die von Frauen und Feminist*innen aus planenden und entwerfenden, bauenden und gestaltenden Disziplinen erdacht und vorbereitet wurden.

«Blick zurück nach vorn» ist dabei zum Motto der créatrices.ch und all der vielen Netzwerke geworden, die die Jubiläumsaktivitäten aus ihrer spezifischen fachlichen Perspektive unterstützen und begleiten. Es geht darum, Zukunft zu gestalten, gesellschaftliche Zukunft, und die Räume, in denen diese Zukunft stattfinden kann. Dazu braucht es Visionen, auch räumliche Visionen, die aufzeigen, wie eine andere Welt aussieht, in der eine partnerschaftlich orientierte und sozial gerechte Gesellschaft leben kann und leben will.

Dieses Buch will das Jubiläumsjahr 2021 zum Anlass nehmen, um feministische Utopien aufzugreifen und Visionen zu entwickeln, Bausteine für eine andere gesellschaftliche Architektur des Zusammenlebens. Es will Anstösse zum Weiterdenken liefern und Beiträge zu Diskussionen, auch über den engeren Fachdiskurs hinaus. Und es will nicht zuletzt Lust und Hoffnung auf Zukunft machen. Dies angesichts und trotz – oder gerade wegen – der vielfältigen Krisen, die hinter uns liegen und die wir als Gesellschaft aktuell durchmachen, seien dies Öl-, Finanz-, Klima-, Corona- und viele andere -krisen, die die neoliberale Ökonomie erschüttern und den Ruf nach sozial-ökologischer Transformation laut erschallen lassen.

Wie unsere Welt aussehen würde, wenn Frauen sie gestalten, mitgestalten würden und über die Jahrhunderte gestaltet, mitgestaltet hätten, davon handelt dieses Buch. Es umfasst aber noch mehr: Denn die Welt ist komplexer und komplizierter geworden. Es geht weniger um den Kampf «Frauen gegen Männer» als vielmehr um die Überwindung des Patriarchats, mit seinen einseitigen Dominanzen und Präferenzen, die sich in vielfältigen Hierarchien und Symbolen, auch im gebauten Raum, widerspiegeln. In die Strukturen eingeschrieben sind. Und unter denen Männer wie Frauen leiden. Es geht darum, Perspektiven von Frauen, aber auch von feministisch gesinnten Männern, für einmal in einem Band zusammen zu stellen, um sie für neue räumliche Visionen nutzbar zu machen. Baulich-räumliche Visionen ebenso wie sozialräumliche. Denn andere Formen des Zusammenlebens, des Wirtschaftens und Haushaltens, eine Haltung des Caring , die Verantwortung übernimmt für das Überleben und Wohlbefinden von Mensch, Tier und Umwelt, bringt auch andere Formen des Handelns, des politischen wie unternehmerischen Handelns, in dieser Welt hervor. Und diese haben wiederum andere institutionelle, gebaute und räumliche Strukturen zur Folge.

Es geht also darum, die ungehörten und «unerhörten» Perspektiven von Frauen in der jüngeren Geschichte, feministische Perspektiven auch von Männern, in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen, um letztlich Geschlechterverhältnisse neu zu gestalten. Und die Gesellschaft damit in die Lage zu versetzen, existierende Krisen zu bewältigen. Es geht um die Betrachtung und Überwindung der einseitigen Strukturen, die Männer in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden aufgebaut, entwickelt und geprägt haben. Es geht um die strukturelle, nicht die biologische oder biologistische Gender-Dimension: Wer tut was in dieser Gesellschaft? Wer ist wofür zuständig und verantwortlich? Welches sind die vorherrschenden Werte und warum? Wofür gibt es Geld, wofür nicht? Und damit um die Frage, wie wir leben wollen, was wir eigentlich brauchen und was uns wirklich reich macht.

Möge dieser Band auf fruchtbaren Boden fallen und mit seinen Ideen zur Gestaltung der Zukunft seinen Beitrag dazu leisten, dass diese Welt lebenswerter und gerechter, gesünder und nachhaltiger wird.

2 Ausgangslage 2021: Wo stehen wir heute?

2021 ist nicht nur ein Jubiläums-, sondern auch ein Krisenjahr. Zumindest ist derzeit nicht absehbar, wann die aktuelle Coronakrise überstanden sein wird, welche neuen Krisen daraus entstehen.

Die Pandemie als existentielle Krise betrifft die Menschen in ihrem Kern: Es geht um die Gesundheit, das nackte Überleben. Sie geniesst daher im politischen Raum höchste Priorität – wirtschaftliche Konsequenzen werden in Kauf genommen, zumindest solange das existierende Wirtschaftssystem nicht in seinen Grundfesten erschüttert wird. Bestehende Krisen wie die Klimakrise werden demgegenüber vernachlässigt, obwohl bereits vor Corona nicht zuletzt mit der öffentlichkeitswirksamen Fridays for Future Bewegung sehr deutlich wurde, dass hier kein Aufschub geduldet werden kann.

Ein solcher Umgang mit Krisen hat – nicht erst in der neoliberalen Form des Kapitalismus – System. So beantwortete bereits Karl Marx seine Frage «Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen?» im kommunistischen Manifest von 1848: «Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.» (MEW 4/468, zit. nach: Haug 2014: 241)

Seit das Frauenstimmrecht in der Schweiz eingeführt wurde, hat das kapitalistische Wirtschaftssystem weltweit verschiedene Krisen erlebt und diese immer wieder vermeintlich erfolgreich systemimmanent gelöst:

— die Energiekrise, markiert durch die beiden Ölkrisen 1973 und 1979 – mit der Folge verstärkter Abhängigkeiten von den Erdölländern statt Abkehr von fossilen Energiequellen, mehr Wachstum statt gerechter Verteilung;

— die Integrationskrise in Folge des Zusammenbruchs der vormals existierenden Diktaturen in Mittelosteuropa seit 1989 – mit der Folge von Transformationsprozessen, Wirtschaftsmigration, aber auch der Bestätigung der neoliberalen Wachstumsideologie;

— die Sicherheitskrise 2001, ausgelöst durch den Terroranschlag auf das World Trade Center in New York, eine grundlegende Erschütterung der westlichen Welt nach den vergleichsweise friedlichen 1990er Jahren – Folge: vermehrter Fremdenhass, Abgrenzung, Abschottung; Flughafenkontrollen;

— die Finanzkrise 2008, ausgelöst durch das Platzen der Immobilienblase in den USA, grosse internationale Immobilienkonzerne («Heuschrecken») als Teil des Problems – mit der Folge stärkerer Staatsverschuldung und Austeritätspolitik zulasten einzelner Länder, insbesondere Griechenland, Italien, Spanien;

— die Flüchtlingskrise 2015, auch Migrations- oder Asylkrise, aufgrund mangelnder Einigung über die Aufnahme der Flüchtlinge – mit der Folge, dass an den Aussengrenzen der EU ausgedehnte Flüchtlingslager wie in Moria auf Lesbos entstehen, die den betroffenen Menschen und ihren Familien keinen Ausweg bieten;

— die Klimakrise 2018/19: verstärktes gesellschaftliches Bewusstsein, ausgelöst durch die Schulstreiks der jungen Schwedin Greta Thunberg, angesichts des fortschreitenden Klimawandels und der unzureichenden Massnahmen der Staaten dieser Welt im Hinblick auf die gesteckten politischen Ziele;

— die Coronakrise 2020: Ein Virus erschüttert die Menschheit und mit ihr alle menschgemachten Systeme – mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft und Arbeit, Detailhandel und Immobilienmärkte, Gastronomie und Hotellerie, Tourismus und Mobilität, Kunst und Kultur.

Die Frequenz der Krisen hat – trotz aller Lösungsversuche der etablierten Systeme – in den letzten Jahrzehnten eher zugenommen, eine Krise jagt die andere, gleichzeitig überlagern und bedingen sich die Krisen auch untereinander. Eine wirklich nachhaltige Lösung ist nicht in Sicht.

Die Relevanz der Systeme

Im Zuge der Coronakrise, insbesondere im ersten Lockdown der Pandemie, war viel von der «Systemrelevanz» die Rede. Das Corona-Virus hat die existentielle Bedeutung der Pflege- und Gesundheitsberufe für das Funktionieren unserer Gesellschaft in den Fokus gerückt. Auf einmal wurde über einen Wirtschaftsbereich gesprochen, der nach gängiger Auffassung sonst einfach da ist, im Hintergrund funktioniert und seine Rolle in der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit erfüllt. Aber wieso eigentlich Systemrelevanz? Was ist da relevant? Und für welches System?

Unsere komplexe Welt heute ist aus vielen Systemen und Teilsystemen zusammengesetzt, die vielfach nebeneinanderher existieren, ihr Eigenleben führen oder zumindest zu führen scheinen:

— Ging es um das System vor der Corona-Krise, war meist die sogenannte «Wirtschaft» gemeint – mit ihren Produktionsbedingungen und Effizienzkriterien, Aktienkursen und Gewinnausschüttungen. Im Zentrum standen Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit, Wachstumsdenken und Profitorientierung.

— Sicherheitssysteme gerieten in Folge terroristischer Angriffe und wachsender Flüchtlingsströme in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit und lösten erhöhte Investitionen aus – in Polizeiapparate, Grenzwachen, Militär, die letztlich aber eher dem Schutz der Landesgrenzen dienten als einem tatsächlich erhöhten Sicherheitsgefühl für die Menschen in öffentlichen Räumen.

— Die Klimakrise schliesslich hat das System Umwelt (wieder) in den Fokus gerückt – aber so lange uns Menschen das Wasser nicht bis zum Hals steht, wir auf dieser Erde nicht alle miteinander ertrinken oder verbrennen, scheinen Massnahmen gegen die Erderwärmung immer wieder aufschiebbar zu sein.

Jetzt geht es auf einmal ums nackte Überleben, das Virus bedroht uns und unsere Gesundheit, unser Leben ganz unmittelbar. Nichts scheint derzeit mehr zu interessieren als Reproduktionszahlen und Ansteckungsraten, Pflegebetten in Krankenhäusern, Maskenpflicht und Ausgangssperren, Impfstoffe und Risikogruppen. Mit allen Mitteln wird dieses Virus bekämpft – namentlich um Leben zu retten, auch wenn das am Ende bedeutet, an Schläuchen auf der Intensivstation einsam zu sterben, nur begleitet von in Plastik eingehüllten Pflegepersonen und Ärzt*innen. Und auch wenn das bedeutet, die Wirtschaft zu ruinieren, Gastronomie und Kleinkunst lahmzulegen, das Überleben grundlegender kultureller Errungenschaften des öffentlichen Lebens aufs Spiel zu setzen.

Worum geht es? Um ein möglichst langes Leben – und das um jeden Preis? Um möglichst viele gesunde Arbeitskräfte für «die Wirtschaft»? Oder um ein möglichst würdevolles Leben, das die menschliche Existenz, in ihren vielfältigen Erscheinungsformen und Lebensäusserungen, prinzipiell achtet und anerkennt, am Ende aber auch um ein würdevolles Sterben, begleitet von zugewandten Menschen und Angehörigen?

Bisher umfasste der Bereich der Gesundheits- und Pflegedienstleistungen «all das, was sich in einem profitorientierten System ‹nicht rentiert›» (Stitz 2020: 88). Nun rückt dieser Bereich in den Vordergrund, weil er die existentielle Grundlage dafür liefert, dass Menschen möglichst nicht erkranken beziehungsweise schnellstmöglich wieder genesen, um die Systeme nicht übermässig zu belasten oder an ihren Arbeitsplätzen zu fehlen, wo doch Wertschöpfung und Wachstum generiert werden sollen.

Auf einmal wurde offenkundig, was lange unsichtbar war, im Gesamtsystem zu lange einfach funktionieren musste – und zuletzt wie ein Wirtschaftsbetrieb nach Effizienzkriterien geführt wurde: die Versorgungsarbeit oder auch Care. Care, das sind im Sinne feministischer Ökonominnen alle ver-, vor- und fürsorgenden Arbeiten (Knobloch 2013), ob bezahlt oder unbezahlt (Madörin 2019, s.a. WiDe 2020). Care – das ist die Hinwendung zu den Bedürfnissen des Lebendigen, eine immer noch gleichermassen vergeschlechtlichte wie vernachlässigte Sphäre des Gesellschaftlichen (Paula-Irene Villa 2020). Relevant waren diese Arbeiten zwar schon immer ; sie wurden im Kontext eines Systems, das nur nach Erwerbskriterien quantifiziert, jedoch schlichtweg übersehen, relevant im falschen System.

Je nachdem, welche Werte wir anstreben, fällt die Antwort auf die Frage nach der Systemrelevanz anders aus. Fakt ist bis heute: Es sind überwiegend Frauen, die die neu als systemrelevant erkannte, absolut notwendige Arbeit leisten – prekär, oft unsichtbar, gering bezahlt oder gar unentlohnt (Stitz 2020).

In der Coronakrise wurde deutlich, dass Gesundheit und Pflege im Grunde nicht einfach nur systemrelevant, also relevant für die Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Systems, sondern existentiell, lebens- und überlebensnotwendig sind. Aber nicht nur die Pflege schwer und schwerst kranker oder die Betreuung alter und betagter Menschen. Sondern auch die Pflege und Versorgung von Kindern und Angehörigen im Homeoffice incl. Homeschooling. In zum Teil engen und unzureichenden Wohnverhältnissen, die nicht darauf ein- und ausgerichtet sind, auch der Bildungs- und Erwerbsarbeit ihren adäquaten Platz einzuräumen. Und damit wurden die Augen vieler geöffnet für die Tatsache, dass die meist von Frauen geleistete Care-Arbeit die eigentlich tragende Säule im System ist. Nicht nur im unmittelbaren Lebensalltag der Menschen. Sondern auch im Gesamtsystem, das Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft, die Menschheit in ihrer Verantwortung für die Zukunft der Erde als Lebensraum, für jetzige und künftige Generationen, umfasst und zusammenhält.

Es wurde vielleicht auch deutlich, dass auf vieles verzichtet werden könnte, was die Industrialisierung und seit den 1970er Jahren die neoliberale Ökonomie an Waren und Konsumgütern produziert und auf den Markt geworfen haben. Deutlich, dass nicht grenzenloser Konsum auf Kosten natürlicher und menschlicher Ressourcen, nicht grenzenlose Individualisierung uns wirklich reich und glücklich machen, sondern dass es letztlich um das Leben, um die Einbindung in ein Beziehungsnetz, um das gute Leben geht. Oder gehen sollte.

Unsere Welt wurde insofern vom Kopf wieder auf die Füsse gestellt. Zumindest sehen viele jetzt, dass die Welt eigentlich vom Kopf wieder auf die Füsse gestellt werden müsste, sollte, könnte … Denn was wirklich wichtig ist, zum Leben, zum Überleben, ist für einmal wieder an die erste Stelle gerückt, auch wenn der Profit von einigen Wenigen dadurch noch nicht in Frage gestellt wird.

Wirtschaften und Bewirtschaften – wie und wozu?

Wenn es darum geht, das Leben für alle auf dieser Erde so lebenswert und würdevoll wie möglich zu gestalten, dann steht im Mittelpunkt der Mensch – der Mensch als biologisches und als soziales Wesen, mit seinen Beziehungen zur natürlichen und zur menschgemachten Umwelt und in seiner Verantwortung für das Überleben der Erde und der kommenden Generationen. Dann geht es darum, «die Wirtschaft» nicht als abstraktes Konstrukt oder rein am Erwerb und am Profit orientiertes Kapitalverwertungssystem zu betrachten, sondern Arbeit(en) und Wirtschaft(en) NEU zu denken, um so die Welt vom Kopf wieder auf die Füsse zu stellen.

«Unsere Welt neu denken» – hierzu hat die deutsche Ökonomin Maja Göpel mit ihrem gleichnamigen Buch im Jahr 2020 eingeladen. Wenn wir als Menschen leben und als Menschheit weiterleben, überleben wollen, so Göpel, dann können wir nicht weitermachen wie bisher. Wenn wir als Menschen leben und als Menschheit weiterleben, überleben wollen, dann geht es nicht nur darum, die Welt neu zu denken. Sondern endlich auch anders zu handeln. Dieser Gedanke ist nicht neu in der jüngeren Geschichte:

— Bereits zu Beginn der 1970er Jahre hatte die US-amerikanische Umweltwissenschaftlerin Donella Meadows zusammen mit ihrem Ehemann, dem