Carl Maria von Weber in seiner Zeit - Christoph Schwandt - E-Book

Carl Maria von Weber in seiner Zeit E-Book

Christoph Schwandt

4,8

Beschreibung

Er komponierte den Freischütz, der vielen als deutsche Nationaloper gilt. Webers Oberon war wiederum für lange Jahre die erfolgreichste englische Oper. Sein Männerchor Lützows wilde Jagd machte ihn zum musikalischen Symbol eines antifranzösischen Nationalismus, dabei schrieb der Komponist, der zuvor napoleontreuen deutschen Höfen diente, erst viel später als andere "patriotische" Lieder. Sein brillantes Klavierstück Aufforderung zum Tanz wurde sehr bekannt, es ist aber nur eine von vielen großartigen Instrumentalkompositionen Carl Maria von Webers. Er war auch einer der wichtigsten Operndirigenten und Musiktheater-Manager seiner Zeit, ein virtuoser Pianist - und er schrieb über sein Metier auch heute noch lesenswerte Texte. Das späte 19. Jahrhundert schuf sich ein Bild von ihm, das viele Generationen beeinflusste. Es war aber vor allem eine Projektion des kulturellen Klimas im 1871 gegründeten Deutschen Reich. Dieses Buch stellt Carl Maria von Weber in seiner eigenen Zeit vor und berücksichtigt dabei Forschungsergebnisse, die bisher noch nicht in biografischem Kontext vorgestellt wurden. Mit einem Vorwort von Jürgen Flimm.

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Carl Maria von Weber (nach einer Zeichnung von Carl Christian Vogel), Lithografie von Carl August Schwerdtgeburth

Christoph Schwandt

Carl Maria von Weber in seiner Zeit

Eine Biografie

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Bestellnummer SDP 73

ISBN 978-3-7957-8620-5

© 2014 Schott Music GmbH & Co. KG, Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Als Printausgabe erschienen unter der Bestellnummer ED 21540

© 2014 Schott Music GmbH & Co. KG, Mainz

www.schott-music.com

www.schott-buch.de

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlags. Hinweis zu § 52a UrhG: Weder das Werk noch seine Teile dürfen ohne eine solche Einwilligung kopiert und in ein Netzwerk gestellt werden. Das gilt auch für Intranets von Schulen oder sonstigen Bildungseinrichtungen.

 

 

»Ballmann hatte eine tiefe Vorliebe für Weber, die er sich selbst dann nicht hätte erklären können, wenn er es versucht hätte. Ballmann, der nicht das war, was man musikalisch gebildet nennt, nicht Notenlesen und kein Instrument spielen konnte und keinerlei theoretische Kenntnisse besaß, hatte oft bemerkt, daß er Webers Musik schon auf den ersten Ton von der Musik anderer Komponisten unterscheiden konnte.«

Herbert Rosendorfer, Ballmanns Leiden

Inhalt

Vorwort

Deutschlandreise – Eutin … Wien … Breslau …

Franzosenzeit – Stuttgart … Frankfurt … München …

Zwischen den Kriegen – Berlin … Gotha … Prag …

Musik nach der Schlacht – Caroline, Kampf und Sieg

Mit Degen und Dreispitz – Bei Hofe in Dresden

»Selten hat eine Composition so schnelle Allgemeinheit gewonnen« – Der Freischütz in Berlin

»Das Weib ist wirklich ein Scheusal« – Euryanthe in Wien

»Over the dark blue waters« – Tod in London

Anmerkungen

Auswahlbibliografie

Verzeichnis der erwähnten Werke

Personenregister

Abbildungsnachweis

Dank

Wie deutsch ist Herr von Weber?

Wie irreführend ist die lange gehegte Anschauung, dass nie ein »deutscherer Musiker« gelebt habe als Carl Maria von Weber! Sie kommt von Richard Wagner, der beim zweiten Begräbnis Webers 1844 in Dresden diese Behauptung wagte, und war der lautstarke Beginn eines nachhaltigen Missverstehens nicht nur der »deutschen« Romantik, sondern auch dieses Künstlers, der gewiss ein Deutscher war, wie man es zu seiner eigenen Zeit verstand, aber kein Nationalist. Man kannte keine Staatsangehörigkeit und keinen Nationalstaat. Man war Untertan des Herrschers eines oft winzig kleinen Ländchens, und Deutschland lag dort, wo Menschen Deutsch sprachen, auch an Orten, wo viele eine andere Muttersprache hatten. Weber fand seinerzeit nichts dabei, das Prager Ständetheater fleißig zum besten Opernhaus in Deutschland machen zu wollen – vorwiegend mit französischen Opern von Berton, Boieldieu, Catel, Cherubini, Dalayrac, Gaveaux, Grétry, Isouard, Méhul und seinem späteren Berliner Konkurrenten Spontini. Selbstverständlich lernte Weber zur Ausübung seines Berufs in Prag Tschechisch; er konnte Französisch und Italienisch, und an seinem frühen Lebensabend vervollkommnete er seine Englischkenntnisse. Für seinen wunderbaren Oberon ließ er sich mit Haut und Haaren auf die Bedingungen des Londoner Theaters ein und schuf das für lange Zeit bedeutendste englische Musiktheaterwerk! In London starb er auch, an damals unheilbarer Tuberkulose.

Viel später, im wilhelminischen restaurativen Deutschland wurde versucht, Oberon, das aktionsreiche »Fairy-tale« englischer Tradition, zu einer »romantischen Oper« in deutscher Sprache zu verdrehen, welch imperialistische Geste! Dieser Romantiker betrieb zu seiner Zeit wohl eher das Gegenteil des deutschen »Tümelns«. Er war ein echter Europäer wie viele seiner Kollegen. Aber nicht ohne Widerspruch, wie auch?

In seiner Zeit erlebte er das Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, nannte aber trotzdem noch Franz I. von Österreich »seinen Kaiser«! Wenn aus nationalen Männerkehlen später »Lützows wilde verwegene Jagd« erklang, war das Webers Vertonung eines Gedichts von Theodor Körner, geschrieben zu den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Webers »Jagd« war aber bloßer Nachhall, er komponierte sie erst nach der Völkerschlacht zu Leipzig. Nationalistische Motive unterstellte ihm allen voran sein Sohn Max Maria, der Jahrzehnte nach dem Tod des Vaters eine erste Biografie schrieb. Dass Carl Maria von Weber im Jahre 1807 sein Geld für einige Zeit als Sekretär eines napoleonischen Offiziers verdient hatte, verschwieg seine Familie, wenn sie denn davon gewusst hat. Dies ist nur eins von vielen neuen und überraschenden biografischen Details, die von den an der neuen Weber-Gesamtausgabe beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in den letzten Jahren gefunden wurden. Christoph Schwandt stellt in seinem Buch den großen Zusammenhang und neue Perspektiven dar.

Wie man mit dem vermeintlichen »Deutschen« auf der Bühne am besten umgeht, hat Achim Freyer in seiner umwerfenden Stuttgarter Inszenierung des Freischütz, vielleicht eine der schönsten Opern überhaupt, gezeigt. Mit Witz, Ironie und viel Humor blitzte dieser großartige Stoff wieder auf. So erschien der unvergleichliche Carl Maria von Weber in neuem Glanz, ganz ohne dieses dumme deutsche Nationalgedöns.

 

Jürgen Flimm

Brief Webers an den Verlag Schott in Mainz vom 4. September 1825

Eutin

Deutschlandreise – Eutin … Wien … Breslau …

Ob am Samstag oder Sonntag, weiß man nicht. Am vorletzten November-Wochenende des Jahres 1786 jedenfalls wurde im oberen Stockwerk eines Fachwerkhauses, das vor den Toren der Stadt Eutin an der Straße, die nach Lübeck führte, lag, ein Knabe geboren. Er war das erste Kind seiner 22-jährigen Mutter Genovefa; der Vater war schon 52 Jahre alt und in Eutin als »Stadt-, Land und Amtsmusicus« angestellt. Genovefa hätte Franz Anton von Webers Tochter sein können. Maria Eva Anna, sein ältestes Kind aus einer ersten Ehe, war schon 26 Jahre alt. Zwei ebenfalls erwachsene Söhne und eine weitere Tochter waren bereits in der Musik- und Theaterwelt künstlerisch tätig. Vier weitere Mädchen und ein Junge waren früh verstorben. Franz Anton von Weber war erst vor ein paar Monaten wieder nach Eutin gekommen. Er kam von Wien, wo er die Sängerin Genovefa Brenner kennengelernt und im Sommer 1785 geheiratet hatte. Einer der Trauzeugen war der Schauspieler Joseph Lange gewesen. Seine Frau Aloisia, eine Jugendliebe Mozarts und angesehene Opernsängerin, war die Nichte des reifen Bräutigams, der ein Jahr lang Witwer gewesen war. Wo Tochter Maria Eva Anna im November 1786 lebte, als ihr Vater und die junge Stiefmutter ihr erstes gemeinsames Kind bekamen, ist nicht bekannt; vielleicht führte sie, die früher wohl auch einmal gesungen hatte, ein bürgerliches Leben außerhalb der Weberschen Theater-Großfamilie, die alle Kinder mal mehr, mal weniger zusammenhielt.

Sieben Jahre zuvor hatte sich Franz Anton von Weber zum ersten Mal in Eutin niedergelassen. Als frisch bestallter fürstbischöflicher Kapellmeister, voll Hoffnung auf beruflichen Erfolg und künstlerische Anerkennung. Nun sah er in der kleinen Stadt mit Schloss am See viel bescheideneren, eher musikantischen als musikalischen Aufgaben entgegen. Aber jetzt war eine junge Frau zu ernähren, und er wurde zum neunten Mal Vater. Also fand er sich damit ab, vorerst.

Als gebürtiger Österreicher war Franz Anton selbstverständlich römisch-katholisch. Ebenso Genovefa, sie stammte aus dem heutigen Marktoberdorf im Allgäu, dessen Landesherr der Fürstbischof von Augsburg war. Die Taufe des am 18. oder 19. November 1786 zur Welt gekommenen Knaben war ein Problem: Der Fürstbischof nämlich, der bis vor kurzem persönlich im Eutiner Schloss residiert hatte, war Protestant! Peter Friedrich Ludwig aus dem Hause Schleswig-Holstein-Gottorf war außerdem designierter Herzog und bereits amtierender Administrator von Oldenburg. Als er 1785 Fürstbischof des vormaligen Hochstifts Lübeck geworden war (zu dem die gleichnamige Stadt nicht gehörte) hatte er beschlossen, seine Residenz von Eutin in jene weit größere Stadt zu verlegen, die nicht zu verwechseln ist mit dem gleichnamigen Städtchen in Ostholstein: Oldenburg im Herzogtum Oldenburg lag 250 Kilometer entfernt von Eutin. Auch dies war ein Grund dafür, dass in der Eutiner Neben-Residenz nun an der höfischen Kultur gespart wurde. Die kleine Eutiner Hofkapelle hatte allerdings schon sein Vorgänger aufgelöst, wodurch ihr enttäuschter Kapellmeister Franz Anton von Weber 1781 sein Amt verlor, wenn auch mit Anspruch auf eine Altersversorgung, was der Grund für seine gelegentliche und nun vermeintlich längere Wiederkehr war.

Der Vater: Franz Anton von Weber (1734-1812)

Die Mutter: Genovefa von Weber (1764-1798)

Einen katholischen Geistlichen, der den Sohn der Webers hätte taufen können, gab es weit und breit nicht: Auch wenn die Maxime »cuius regio eius religio« schon lange nicht mehr überall und uneingeschränkt galt, und Friedrich der Große, der drei Monate vor der Geburt des kleinen Weber gestorben war, in Preußen jeden nach seiner Façon hatte selig werden lassen, war das Bekenntnis des Landesherrn noch immer richtungsweisend. Und in dem aus mehreren nicht zusammenhängenden Teilgebieten bestehenden Fürstbistum Lübeck war man eben evangelisch; man hatte die Reformation mitgemacht und dennoch die tradierte Staatsform beibehalten. Also taufte in der Eutiner Hofkapelle am 20. November 1786 der protestantische Hofprediger Georg Heinrich Albert Ukert den katholischen Knaben auf den Namen Carl Friedrich Ernst von Weber. Anders als der Tag der Geburt ist dieses Datum ganz gewiss. Gewiss ist auch, dass Franz Antons Jüngster wie schon seine beiden großen Söhne, die im katholischen Hildesheim getauft worden waren, als letzten von mehreren Vornamen den Namen Maria hätte bekommen sollen. Doch das konnte man von Hofprediger Ukert, der der Nachwelt als Luther-Biograf bekannt werden sollte, natürlich nicht verlangen. Es gab zwar noch kein Namensrecht, aber auf die sonderbare Idee, einen Knaben in einem protestantischen Gotteshaus auf den Namen Maria taufen lassen zu wollen, wäre niemand gekommen. Wenigstens stand zur Genugtuung des Vaters das Adelsprädikat unbeanstandet im Eutiner Kirchenbuch. Ob zu Recht, war sozusagen eine Glaubensfrage – und Franz Anton Weber versicherte stets glaubwürdig, von Adel zu sein, schließlich konnte er ein »von Webersches Wappen« vorweisen. Das war links gelb und rechts blau, auf der einen Seite war ein nach innen blickendes Halbmondgesicht, auf der anderen ein edelweißförmiger Stern. So unübersichtlich wie die Landkarte dessen, was sich Heiliges Römisches Reich deutscher Nation nannte, so schwer war es damals, fern von deren Heimat echte Edelleute von Hochstaplern zu unterscheiden. Falsche Freiherrn und Komtessen waren nicht selten, und es gab noch keinen Behördenstaat, der Klarheit hätte schaffen können. Bei Künstlern nahm man es ohnehin nicht so genau.

Franz Anton Weber aus Zell im Wiesental berief sich auf einen gewissen Johann Baptist Baron von Weber aus dem Niederösterreichischen, wenn er auf seinen Adel angesprochen wurde. Verwandt mit ihm war er mitnichten. Sein heraldisches Kennzeichen hatte er wahrscheinlich in Siebmachers Wappenbuch von 1605 gefunden. Immerhin hatten diese Wappen-Webers Latifundien im schwäbischen Krumbach gehabt, sodass die Verwandtschaft nicht so weit hergeholt aussah; glücklicherweise waren sie aber auch längst ausgestorben. Obwohl sein Bruder Franz Fridolin, dessen Tochter Constanze seit 1782 Wolfgang Amadé Mozarts Frau war, und auch die vielen anderen in der Öffentlichkeit künstlerisch wirkenden Webers aus Zell im Wiesental, die bekanntermaßen mit Franz Anton verwandt waren, sich schlicht Weber ohne »von« nannten, drückte man allerorten ein Auge zu. Denn beweisen konnte man nichts, und auf vielen Dokumenten – wie nun auch im Eutiner Kirchenbuch – stand ja schwarz auf weiß zu lesen: »von Weber«.

Der Pate: Landgraf Carl von Hessen-Kassel (1744-1836)

Wer keine Verwandtschaft am Ort hatte, legte besonderen Wert auf namhafte Paten. Für den Täufling Carl Friedrich Ernst fanden sich Ulrike Friederike Wilhelmine, die 65-jährige Witwe des Fürstbischof-Herzogs Friedrich August (der die Eutiner Hofkapelle aufgelöst hatte), und Carl von Hessen-Kassel, ein Sohn ihres Cousins, des unlängst verstorbenen Kasseler Landgrafen. Katholisch waren beide nicht. Der 41-jährige »nicht regierende Landgraf« Carl von Hessen-Kassel amtierte als Statthalter der dänischen Krone zu Schleswig und zu Holstein, zu dem das ostholsteinische Eutin allerdings nicht gehörte. Die dänische Königin war seine Tante, während er wiederum der Onkel des englischen Königs Georg III. war. Er war auch eine führende Figur der norddeutschen und dänischen Freimaurerei. Von dieser prominenten Patenschaft sollte der neue Erdenbürger im Laufe seines Lebens häufiger profitieren. Beim Taufgottesdienst für den Musikantenspross ließen sich die adligen Hessen allerdings durch rangniedere Hofleute vertreten. – Wäre es dem Kindsvater nicht in erster Linie um das gesellschaftliche Drumherum mit Hofprediger und Aristokratie gegangen, sondern bloß um die Aufnahme seines Sohns in den Schoß der römischen Kirche, hätte er es einfacher haben können: Nach der katholischen Lehre ist da, wo kein geweihter Priester zur Verfügung steht, die Taufe durch eine beliebige Person möglich.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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