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Im November 1980 war der vierjährige Carsten für acht Tage im Klinikum Berlin-Buch. Dort befand sich der Hauptsitz des Zentralen Medizinischen Dienstes der Staatssicherheit. Danach trug er einen Kopfverband und hat jahrelang stark gestottert. Was haben die mit mir gemacht? Diese Frage lässt ihn bis heute nicht zur Ruhe kommen. Er musste immer wieder in diese Klinik und sieht Fotos und Videos von sich, die für ihn befremdlich sind. Kurz vor seinem 9. Geburtstag attestierte ihm eine Jugendärztin, dass er "sport- und lagerfähig" war. 1987, im Alter von 11,5 Jahren, bestätigte ihm dieselbe Ärztin eine "Berufstauglichkeit". Warum diese absurden Attestierungen für ein Kind? Offensichtlich wurde die Eignung für eine Laufbahn beim Geheimdienst festgestellt, denn nur die Staatssicherheit rekrutierte Kinder in diesem Alter. Wurde Carsten militärmedizinisch auf diese "Verwendung" vorbereitet und welche Rolle spielten dabei seine Eltern? Waren es seine leiblichen Eltern oder hatten diese Personen einen Pflege- und Erziehungsauftrag der Staatssicherheit? Wir suchten nach Antworten auf diese Fragen und trafen auf Ablehnung, Ignoranz und aggressive Widerstände.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2026
tredition.com
Heidrun Budde
Carsten
Ein erwachsenes Kind auf der Suche nach der Wahrheit
©2026 Dr. Heidrun Budde
ISBN Softcover: 978-3-384-74569-9
ISBN Hardcover: 978-3-384-74570-5
ISBN E-Book: 978-3-384-74571-2
Druck und Distribution im Auftrag:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne schriftliche Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Kontakt zur Autorin über E-Mail: [email protected] oder Nordstraße 2 18107 Elmenhorst
Für Carsten, der den Mut hatte, nach der Wahrheit zu suchen.
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
Vorwort
Unser erster Kontakt
Die Zeit des Wartens
Ein dicker Brief kommt an
Stasi-Krankenhaus Berlin-Buch
Starkes Stottern
Offizielle Version
Carstens soziale Kontakte
Der Umgang der Mutter mit Carsten
Vater von Carsten
Verbindungen der Eltern zur Staatssicherheit
Ehe der Eltern
Tante Karin – Schwester des Vaters
Carstens Verhältnis zu den Eltern
Die offenen Fragen
Die Geburtsanzeige
Sowjetisch-deutsches Untergrundsystem
Personalbeschaffung für das U-System
Rekrutierung von Kindern
Der Kampf um die Kopie aus dem Geburtenbuch
Geburtenbuch des Krankenhauses
Treffer
Fiktive Identitäten der Staatssicherheit
Carstens Sozialversicherungsausweis
Carstens Zweifel an einer Rekrutierung
Carstens Fotoalbum
Ein Telefonat mit einer Tante
Stiefvater Fabian
Carsten im Krankenhaus Berlin-Buch
Stasi-Krankenhaus Berlin-Buch
Missbrauch der Medizin, der erschüttert
Der brisante Standort Teupitz
Das Jahr 1987
Bürgermeister von Schwarzruh
Das Jahr 1987 im U-System
DNA-Abgleich
Eine Nachricht wie ein „Keulenschlag“
Nachwort
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Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
Vorwort
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Vorwort
Es hat alles keinen Zweck! Meine Stimmung war am Tiefpunkt. Jahrelang saß ich in den Archiven, habe mit betroffenen Eltern gesprochen, Kontakte zu Insidern gesucht, noch vorhandene Belege gesichert und veröffentlicht, doch alles war vergeblich. Die offiziellen Aufarbeitungsbehörden, deren Aufgabe es ist, den Opfern des DDR-Unrechts zu helfen, greifen die von mir aufgeworfenen Fragen und Widersprüche einfach nicht auf. Sie behaupten gebetsmühlenartig, dass es keine wissenschaftliche Arbeit zum vorgetäuschten Kindstod in der DDR gibt. Ich habe den Eindruck, dass es eine verordnete Ignoranz ist, die sich da zeigt.
Mir wurde klar, dass ich gegen diese Übermacht keine Chance hatte und wollte einen Schlussstrich ziehen. Für mich ist offensichtlich, dass man in diesem Deutschland kein Interesse an einer gründlichen Aufarbeitung hat. Mit jedem Jahr wird die DDR immer schöner und nur wenige Täter von damals wurden zur Rechenschaft gezogen. Sie können heute ihre Lügen weiterverbreiten, wohl wissend, wie schwer es ist, den Gegenbeweis zu erbringen. Das offenbare Ziel einiger Kräfte ist es, einen neuen Sozialismus zu etablieren und dafür müssen die Bürger den letzten katastrophalen Menschenversuch vergessen.
In dieser gedrückten Stimmung erreichte mich die E-Mail-Nachricht meiner Nachfolgerin an der Universität. Sie leitete mir den Kontaktversuch von Carsten mit herzlichen Grüßen weiter. Carsten heißt eigentlich anders. Doch er möchte seinen Namen nicht veröffentlichen und jeder, der seine nachfolgende Geschichte liest, wird verstehen, warum das so ist.1
Er suchte den Kontakt zu mir, weil er meinen Aufsatz „Medizin im Dienste der Staatssicherheit“ gelesen hatte, in dem ich auf die „Sonderstation“ des Stasi-Krankenhauses Berlin-Buch eingehe. Carsten teilte mir mit, dass er dort als vierjähriges Kind eingeliefert wurde und bis heute nicht weiß, was mit ihm gemacht wurde. Seine Eltern seien damals extra nach Berlin-Buch umgezogen, um ihn immer wieder dort hinzuschaffen.
Mein Forschergeist war augenblicklich wieder hellwach. Genau auf so einen Kontakt hatte ich immer gehofft. Bisher waren es zahlreiche Eltern, mit denen ich erfolglos nach ihren Kindern suchte. Doch hier war ein erwachsenes Kind, das mir umgekehrte Nachforschungen ermöglichte. Gemeinsam mit Carsten begann eine spannende Suche, auf die ich die Leser mitnehmen möchte.
1 Alle Namen der Familienangehörigen wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte verfremdet. Auch sein Geburtsort wurde mit Schwarzruh fiktiv verändert, um die von Carsten gewünschte absolute Anonymität zu gewährleisten. Der Ablauf des Geschehens ist authentisch.
Unser erster Kontakt
Am 27. Oktober 2024 schrieb Carsten diese E-Mail-Nachricht: „… Ich möchte mich kurz vorstellen. Mein Name ist Carsten, geboren am 07. Mai 1976 in Schwarzruh, in der ehemaligen DDR. Meine ,Eltern‘ sind Jürgen … und Irene … Ich bin auf Sie aufmerksam geworden, weil ich im Internet gesehen habe, dass Sie sich dem Stasikrankenhaus Berlin-Buch und den Machenschaften des MfS der ehemaligen DDR widmen. 1979 sind meine ,Eltern‘ nach Berlin-Buch gezogen und 1980 bin ich in das Stasikrankenhaus in Buch eingeliefert worden. Ich habe noch einige vage Erinnerungen daran. In meiner Erinnerung sehe ich Menschen mit grünem Kittel und grüner Mundschutzmaske, die mir Tabletten und Spritzen gegeben haben. Bisher glaubt mir niemand meine ganze Geschichte und ich würde gerne mit einem Menschen darüber sprechen wollen, was meine Erlebnisse von damals waren, auch die Zeiten nach dem Krankenhausaufenthalt und was ich herausgefunden habe. Möglicherweise kann ich Licht in das Dunkel der Aussage von Herrn Wolfgang B. bringen, was er damit meint , … bevor die Sonne ihre Bahn ändert, sollen die Menschen so leiden wie es Wolfgang B. getan hat … denn er kämpfte ganz allein gegen die Blödheit der Menschen und wurde auf das grausamste gefoltert wie esnicht einmal in der Hölle sein wird, denn die ist dagegen harmlos.‘
Wenn meine Zeilen Sie erreichen sollten, dann würde ich Sie bitten, mich zu kontaktieren, um Ihnen die ganze Wahrheit über meine Erfahrungen in Bezug auf das MfS und dem Stasikrankenhaus mitteilen zu können. … Bitte setzen Sie sich mit mir in Verbindung. Meine Kontaktdaten sind …“
Das war ein Hilferuf. In meinem Kopf „ratterte“ es. Ist Carsten ein gestohlenes, angeblich „verstorbenes“ Kind, das im Stasikrankenhaus auf eine bestimmte „Verwendung“ vorbereitet wurde? Was hat man dort mit ihm gemacht? Warum setzte er das Wort Eltern in Anführungsstriche? Hatte er Zweifel daran, bei seinen leiblichen Eltern aufgewachsen zu sein?
Egal wie, der Mann brauchte meine Hilfe. Schon seine erste Nachricht zeigte mir, wie intensiv er sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzte. Wichtig war für mich, dass er diese Nachforschungen selbst wollte.
Allerdings war mir von Anfang an klar, dass es für ihn ein schwieriger Weg werden konnte. Was, wenn sich herausstellen sollte, dass sein ganzes, fast 50jähriges Leben auf einer Lüge basierte? Wie würde Carsten damit umgehen? Wir kannten uns nicht persönlich. Ich musste mich behutsam und Schritt für Schritt seiner Geschichte nähern.
Am 29. Oktober 2024 antwortete ich ihm: „… Ihre Anfrage hat mich erreicht. Ich habe das aufmerksam gelesen und Ihre Erlebnisse im Stasi-Krankenhaus Berlin-Buch sind für mich sehr interessant. Im veröffentlichten Aufsatz, auf den Sie sich beziehen, weise ich auf diese ominöse ,Sonderstation‘ in Berlin-Buch hin und ich frage mich, was dort gemacht wurde - Menschenexperimente, Folter und alles unter dem Deckmantel einer ,medizinischen Behandlung‘? Vielleicht kennen Sie das Buch von Dr. Hans Ulrich Gresch ,Hypnose, Bewusstseinskontrolle, Manipulation‘ von 2018. Er beschreibt sehr genau, wie man in Amerika an Kindern herumexperimentiert hat. Ich halte es durchaus für möglich, dass so etwas auch in der DDR gemacht wurde, aber ohne Beweise darf man das nicht behaupten. Deshalb wäre Ihr Bericht so wichtig. Sie setzen das Wort ,Eltern‘ in Anführungsstriche. Haben Sie die Vermutung, dass Sie nicht bei Ihren leiblichen Eltern aufgewachsen zu sein? Sie sollten Ihre Geburtsanzeige beim Standesamt Schwarzruh anfordern. Bitte nicht mit der Geburtsurkunde verwechseln. Das Krankenhaus musste zunächst eine Geburtsanzeige an das Standesamt abgeben. Da steht drin, wann Sie geboren wurden und wie groß und schwer Sie waren. Danach erfolgte der Registereintrag ins Geburtsregister von Schwarzruh und aus diesem Register wurde dann die Geburtsurkunde erstellt.
Ich würde mich gerne mit Ihnen austauschen. Wie wollen wir es handhaben? Für mich sind schriftliche Auskünfte immer sehr hilfreich, weil ich das dann jederzeit noch einmal nachlesen kann. Wenn Sie es nicht online schicken wollen, können Sie mir das auch per Post zusenden. Gerne würde ich Ihnen mein Buch ,Kindesentzug‘ schenken, das ich letztes Jahr veröffentlicht habe, wenn Sie es möchten.“ Einen Tag später, am 30. Oktober 2024, antwortete Carsten euphorisch: „… Sie können sich kaum vorstellen, wie sehr ich mich über Ihre Antwort gefreut habe. Vielen lieben Dank für Ihre Zeilen und ja, sehr gerne nehme ich Ihr Geschenk das Buch ,Kindesentzug‘ an. Auch, wenn das Thema nicht schön und schon gar nicht einfach ist, aber wir müssen auch die unangenehmen Themen im Leben ansprechen, damit in Zukunft so etwas nicht mehr passieren kann und die Gesellschaft richtige Wege gehen kann. Dieses Thema ist unfassbar groß und tangiert leider Bereiche, wo das erstmal gar nicht vermutet wird. … Dass die Stasi damals viel Leid und Not den Menschen und gerade den Kindern angetan hat, ist kaum zu verzeihen. Bitte geben Sie mir etwas Zeit, um Ihnen eine fundierte Antwort über dieses Stasi-Krankenhaus und meine Geschichte geben zu können. Diese Sache mit der Stasi ist so komplex, dass ich, weil es gerade so groß ist, einfach etwas mehr Zeit benötige. Bitte haben Sie noch etwas Geduld, doch ich arbeite dran …“
Die Zeit des Wartens
Carsten wollte mir seine Geschichte nicht per Mail zukommen lassen. Deshalb schickte ich ihm mein Buch „Kindesentzug“ mit dem Hinweis, dass er mir alles per Post zuschicken und sich ruhig Zeit lassen könne.
Inzwischen versuchte ich, aus den wenige Informationen einen gedanklichen Zusammenhang herzustellen, um die offenen Fragen abzuleiten. Ein Kind von vier Jahren kommt in das Krankenhaus der Staatssicherheit. Die Eltern ziehen extra in die Nähe, um es immer wieder dort hinzuschaffen.
Carsten könnte eine schwere Krankheit haben, die behandelt wurde. Waren seine Eltern vielleicht privilegierte SED-Funktionäre? Es gibt den Hinweis, dass auf dieser „Sonderstation“ angeblich die Familienangehörigen der Parteibonzen behandelt wurden.
Fakt ist, dass nur Ausgewählte in dieses Krankenhaus des Geheimdienstes kamen. Carsten zitierte in seiner ersten Nachricht allerdings aus meinem Aufsatz über die „Sonderstation“ in Berlin-Buch den Abschnitt, der vermuten lässt, dass es dort Folter und Menschenversuche unter dem Deckmantel der „medizinischen Behandlung“ gegeben haben könnte.
Die überlieferten schriftlichen Aussagen des Wolfgang B., der offensichtlich in diesem Krankenhaus war, beinhalten auch den Satz:
„Denn so wie sich die Menschen den Kindern gegenüber verhalten, verhält sich kein Tier gegenüber seinen Jungen. Kein Mensch kann leben ohne die Liebe und Geborgenheit der Eltern und das haben Wissenschaftler aus der BRD erkannt“.2
In mir reifte der Verdacht, dass Carsten ein gestohlenes Kind sein könnte, an dem medizinische Experimente vorgenommen wurden, was ich allerdings zu Beginn unseres Austausches nicht thematisierte, um ihn nicht zu überfordern.
Doch egal, in welche Richtung sich die Nachforschungen entwickeln würden. Auf jeden Fall kann die Geschichte um diesen Jungen etwas Licht ins Dunkel bringen. Also wartete ich auf seine Post.
2 Budde, Heidrun: Medizin im Dienste der Staatssicherheit, in: Deutschland Archiv, 30.4.2015, Link: http://www.bpb.de/205841
Ein dicker Brief kommt an
Carsten schickte mir einen großen Brief und beim Öffnen war mir klar, dass ich hier die mühevolle Arbeit von Wochen vorfand. Ein handgeschriebener Text vom 26. Dezember 2024 von zwei Seiten war vorangestellt und maschineschriftlich waren 13 eng beschriebene Seiten hinzugefügt.
Ich konnte in seinem handschriftlichen Brief lesen: „Mir ist es nicht leichtgefallen, all diese Dinge & Geschehnisse niederzuschreiben. Jedes Mal, wenn ich den Brief Korrektur gelesen habe, dann sind mir verborgene Erlebnisse wieder eingefallen. Darum habe ich so lange gebraucht, bis ich dachte, dass ich fertig bin und Sie die Geschichte von mir wirklich verstehen. … Ich habe Ihnen noch ein Bild von mir mit beigelegt, damit Sie auch sehen, wer Ihnen schreibt & einige Postkarten von meiner verstorbenen Großmutter … Sie war in meiner Kindheit der einzige Mensch, wo ich liebevolle Werte aus dem Leben vermittelt bekommen habe. … Beim Schreiben von den Geschehnissen musste ich oft Abstand davon nehmen, weil sich in mir Verzweiflung ausbreitete. Aber ich brauche jemanden, wo ich über alles sprechen kann und bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir die Möglichkeit geben, dass ich mich jemanden mitteilen kann.“
Den beigefügten 13 Seiten langen Bericht las ich mehrfach, um mich in Carsten hineinzuversetzen. Ich zitiere seine Aussagen hier thematisch geordnet:
Stasi-Krankenhaus Berlin-Buch
„In der Sonderstation wurde schon damals nicht nur in den menschlichen Hormonhaushalt gezielt eingegriffen, es wurden auch Versuche durchgeführt, wo durch manipulierte Gensequenzen bei Menschen, vor allem bei Kindern, Experimente gemacht worden sind, denn die Auswirkungen dieser künstlichen Genveränderungen bei heranwachsenden Leben war das, worauf das Militär und die Pharmaindustrie ihren Focus hatte und womit viel Geld verdient werden kann. Zum Leidwesen der Menschen, an denen die Versuche durchgeführt worden sind und auch gemacht werden. … Ich habe Ihnen schon in meiner ersten E-Mail davon berichtet, dass ich einige Fetzen von Erinnerungen habe und heute noch vom Stasi-Krankenhaus weiß. Dazu gehört auch, dass ich mir selbst die Frage auf der Liege im KH stellte, warum ich so viele Tabletten und Spritzen bekomme und ich im Krankenbett nur auf den Flur gestellt werde. Was wollen die Leute mit mir machen? Angst war ein vorherrschendes Gefühl in mir, da ich auch ohne einen vertrauten Menschen von mir dort gewesen bin. Die einzigen Menschen, an die ich mich erinnern kann, sind die in grün gekleideten und vermummten Ärzte, die zu mir gekommen sind. In meiner Erinnerung waren es höchstens zwei Menschen und oft nur eine oder einer bei mir. An meine Eltern und an die Fahrt dorthin bzw. zurück habe ich keine Erinnerung. … Was wurde mit mir gemacht? Ich wäre bereit, mein Blut zu geben und mich daraufhin untersuchen zu lassen, aber wo? Wie kann ich herausfinden, was mit mir gemacht worden ist? Es ist so, dass, wenn ich in vergangener Zeit mal bei Ärzten gewesen bin und mein Blut untersucht werden musste, dann kam es auch vor, dass die Hausärztin ihre Brille abgenommen hat und mich verstörend fragte: ,Sagen Sie mal Herr …, nehmen Sie irgendwelche Fetthemmer zu sich?‘ Ich wusste nicht mal, dass es so etwas gibt und wenn ich nachgefragt habe warum, dann kam die Antwort: ,Ihr Cholesterin-Wert ist unter 60 und die meisten schaffen es nicht mal unter 200.‘ Um dahingehend Antworten zu bekommen, wäre ich bereit, mein Blut literweise zur Verfügung zu stellen, damit das Ganze mal untersucht wird. Aber ich weiß leider nicht, zu wem ich damit gehen könnte und wer denn so etwas überhaupt macht.“
„Irgendwas haben die mit mir in diesem Stasi-KH gemacht und ich kenne auch Videos und Bilder von mir, wo ich mich selbst einfach nicht wiedererkenne und mich selbst eher als befremdlich empfinde.“
„Meine Mutter habe ich vor einigen Jahren, nachdem ich so viel herausgefunden habe, damit konfrontiert und sie hatte zunächst alles abgestritten. Wo ich ihr zu verstehen gegeben hatte, dass es 2 Kinderfotos von mir mit Kopfverband aus der Kindergartenzeit gibt und sie kurz nach der Wende 1990/91 ihr 3. Mann, also mein 2. Stiefvater aus dem Westen mit uns im Auto an dem Krankenhaus vorbeigefahren ist, immer halbstolz und angeberisch sagte: ,In diesem Krankenhaus bist du gewesen. Wollen wir ihn fragen?‘ Ihre Antwort war kurz: ,Lass mich mit dem Scheiß in Ruhe!‘“
Starkes Stottern
„In der Zeit wo sich das Gehirn ausbildete und strukturiert hat, habe ich in der Entwicklung durch den damit verbundenen Schock der Behandlung im Stasi-Krankenhaus, genau in dieser heranwachsenden und bildenden Phase im Leben stark gestottert. Im Alter von vier Jahren (nach dem Einliefern in das Stasi-Krankenhaus) bis zum Alter von 13-14 Jahren habe ich stark gestottert, dass ich oft nicht über den ersten Buchstaben hinausgekommen bin und war in der Kindheit oft und lange von meiner Mutter in der Wohnung mich selbst überlassen und eingesperrt worden, so dass das Training einfach fehlte. Auch hatte sie mich selten mitgenommen und dann nur, wenn es unbedingt sein musste …“
Offizielle Version
