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Wer hätte gedacht, dass dieser Sommer das Leben von drei Menschen so grundlegend verändern würde? Giulia, die in einer Nacht- und Nebelaktion von ihrem Verlobten verlassen wurde; Donatella, die dem Leben schon lange nichts mehr abgewinnen konnte und Francesco, dem scheinbar nie wirkliches Glück widerfahren war. Eine zufällige Begegnung dieser Drei auf einem abgelegenen Olivengut in den Hügeln der Toskana sorgt dafür, dass nichts mehr in ihrem Leben so bleibt, wie es einmal war. Es scheint, als läge ein wirklicher Zauber in der Luft…
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Seitenzahl: 441
Veröffentlichungsjahr: 2020
Über die Autorin:
Nadine Bogner ist staatlich anerkannte Erzieherin und leitet eine Kindertagesstätte in ihrer Heimatstadt Bielefeld.
Darüber hinaus ist sie Autorin, Komponistin Hobby-Sängerin und Künstlerin. Schon als Kind hat sie phantasievolle Geschichten und Songs verfasst und ihr Talent im Laufe der Jahre ausgebaut.
Wer mehr erfahren möchte, kann die Autorin auf ihrer Homepage www.NadineBogner.de oder auf der Profilseite bei www.tredition.de besuchen.
Le brave persone sono come le stelle:
Non smettono mai di brillare
Gute Menschen sind wie Sterne:
Sie hören nie auf zu leuchten
Nadine Bogner
Casa Giulia
Ein Zauber in den Hügeln der Toskana
© 2020 Nadine Bogner
Umschlag, Illustration: Nadine Bogner
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7497-4130-4
Hardcover
978-3-7497-4131-1
e-Book
978-3-7497-4132-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 Verona ist erst der Anfang
Kapitel 2 Fahren oder bleiben?
Kapitel 3 Wie verzaubert
Kapitel 4 Eine gute Idee?
Kapitel 5 Schwer von Begriff?
Kapitel 6 Überraschungen
Kapitel 7 Wie ein Schneekönig
Kapitel 8 Ein unglaublicher Tag
Kapitel 9 Kein gemeinsames Morgen mehr…
Kapitel 10 Wer weiß, wofür es gut ist
Kapitel 11 Wieder komplett auf eigenen Füßen stehen
Kapitel 12 Alles anders
Kapitel 13 Was für eine Überraschung
Kapitel 14 Eine große Zumutung
Kapitel 15 Eine zweite Chance
Kapitel 16 Ein furchtbarer erster Tag
Kapitel 17 Vorfreude
Kapitel 18 Beschwingt und schwerelos
Kapitel 19 In Ordnung
Kapitel 20 Packen wir es an
Kapitel 21 Eine kleine Bedingung
Kapitel 22 Ein ausgezeichneter Name
Kapitel 23 Auf diese Weise geht es nicht
Kapitel 24 Neuigkeiten
Kapitel 25 Ich würde es herausfinden
Kapitel 26 Ein neues Kapitel
Kapitel 27 Ein schlechter Scherz?!
Kapitel 28 Noch eine Chance
Kapitel 29 Irritiert
Kapitel 30 Genau zur richtigen Zeit
Kapitel 31 Leere
Kapitel 32 Ein gebrochener Mann
Kapitel 33 Verabschiedung
Kapitel 34 Wiedergutmachen
Kapitel 35 Hiobsbotschaften
Kapitel 36 Alles auf Anfang
Kapitel 37 Menschlich
Kapitel 38 Nicht zu spät für ein glückliches Leben?
Kapitel 39 Das wird großartig
Kapitel 40 Doch nur ein Verlierer
Kapitel 41 Kein Happy End in Sicht
Kapitel 42 Was dieser Tag so alles mit sich bringen wird
Kapitel 43 Eine Frage, die seit Tagen in mir brannte
Kapitel 44 Niemals mehr zurücklassen
Kapitel 45 Auf den Zauber
Teil 1
Kapitel 1
Giulia
Verona ist erst der Anfang…
Irgendwie hatte ich mir diesen Ort schon ein wenig anders vorgestellt, romantischer vermutlich und nicht so Touristen-Überladen. Auf dem berühmten Balkon von Julia Capulet aus William Shakespeares „Romeo und Julia“ tummelten und quetschten sich die Frauen aus aller Welt und winkten ihren Liebsten zu, die das ganze Schauspiel mit einer Kamera oder dem Handy festhielten. Wohin man auch blickte, überall standen Menschen. Sie kritzelten etwas auf kleine Notizzettel, die sie anschließend an die, schon längst überfüllten, Steinmauern klebten oder schrieben ganze Briefe, die sie dann in den dafür vorgesehenen Postkasten warfen. Im Anschluss verschwanden dann die meisten der Touristen in den anliegenden Souvenirshops, in denen sie sich schnell noch irgendwelche Accessoires kauften, um belegen zu können, dass sie auch tatsächlich an diesem historischen Ort gewesen waren.
Doch ich stand einfach nur da, schaute mir das Spektakel an und wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen, denn eigentlich hätte ich jetzt mit Torben, meinem ehemaligen Verlobten, hier sein sollen. Der hatte jedoch zwei Wochen vor dieser Reise still und heimlich das Weite gesucht und mich ohne jede Vorwarnung sitzen gelassen. Stattdessen war nun meine beste Freundin Katrin an meiner Seite und versuchte, ein möglichst guter Ersatz für Torben zu sein.
„Komm, Süße“, hörte ich Katrin sagen, „ich denke, wir haben genug Romantik gesehen.“ Dabei zwinkerte sie mir zu und schob mich sanft Richtung Ausgang.
„Bist du soweit?“ hörte ich Torbens Stimme vor der Badezimmertür und schlüpfte dabei schnell in meine weißen Pumps. Die Uhr zeigte kurz nach halb Sieben am Abend und obwohl wir noch fast eine halbe Stunde Zeit hatten, bevor wir in dem gut acht Kilometer entfernten Restaurant sein mussten, hörte ich den leicht gereizten Unterton in Torbens Stimme. Ich wusste, dass er nichts mehr hasste, als unpünktlich zu sein, doch konnte ich schließlich auch nichts dafür, dass im Krankenhaus noch eine Notfallpatientin eingeliefert wurde, um die ich mich erst noch mit kümmern musste.
„Liebling, ich bin sofort soweit“, beruhigte ich ihn, strich noch einmal über mein türkisfarbenes Sommerkleid, das ich extra für diesen Abend gewählt hatte, weil ich wusste, dass es Torben besonders gut gefiel, und öffnete die Tür.
„Wow“, entfuhr es ihm. „Du siehst großartig aus, Schatz.“
„Danke, du aber auch.“ Und es stimmte. In der edlen Jeans, dem weißen Hemd und dem dunkelblauen Sakko darüber, sah Torben wirklich umwerfend aus. Dazu hatte er seine strohblonden Haare hoch gestylt, was ihm zusätzlich zu seiner ohnehin durchtrainierten Figur noch einen weiteren sportlichen Touch gab.
Während der Autofahrt sprachen wir kaum miteinander, hingen eher unseren eigenen Gedanken nach. Vermutlich, weil es jedes Mal, wenn unsere Familien aufeinander trafen, etwas unentspannt ablief. Schon als sich unsere Eltern das erste Mal vor gut fünf Jahren gegenüberstanden, um sich näher kennenzulernen, war kaum zu übersehen, dass sie sich nicht gerade besonders sympathisch waren. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie nicht hätten unterschiedlicher sein können. Während Torbens Familie sehr auf Etikette achtete und stets erwähnte, was für ein Glück ich doch hätte, einen so wundervollen Mann abbekommen zu haben, waren meine Eltern eher bodenständig und waren glücklich, wenn ich es war. So wurde bald jede Geburtstagsfeier, jedes Weihnachtsoder Osterfest zu einer Herausforderung für unser aller Nervenkostüm. Torbens Eltern liebten Themen wie Krankheitspolitik, Politik im Allgemeinen und Golf spielen, während meine Eltern von diesen Dingen einfach keine Ahnung hatten. Meine Mutter konnte hingegen stundenlang über die italienische Küche schwärmen, schließlich war sie eine waschechte Italienerin, die leidenschaftlich gerne kochte und backte. Und mein Vater liebte das Angeln, doch mit diesen Themen stießen sie bei Torbens Eltern auf Unverständnis und so bewegten wir uns Gesprächstechnisch stets auf einem Drahtseilakt, bei dem Torben und ich immer wieder versuchten, die Balance zu halten. Das war oft wirklich anstrengend, denn natürlich nahmen wir unsere Eltern auch jedes Mal voreinander in Schutz und hatten am Ende, wenn wir wieder unter uns waren, einen Streit, der manchmal tagelang anhielt. Doch heute würde es hoffentlich anders sein, denn heute ging es ausnahmsweise einfach mal um uns, um Torben und mich.
Als wir ankamen, warteten Torbens Eltern bereits auf der großen Terrasse des Restaurants, wo er im Vorfeld einen Tisch für uns reserviert hatte.
„Wie schön, dass ihr auch endlich kommt“, bemerkte Frau Kranz, Torbens Mutter, ein wenig schnippisch, obwohl wir noch gut in der Zeit lagen und ich spürte, wie unangenehm es Torben war, dass seine Eltern eher da gewesen waren als wir.
„Das ist meine Schuld“, erklärte ich freundlich. „Eben ist noch ein kleines Mädchen in die Klinik eingewiesen worden, das sich einen Arm gebrochen hat. Der Arzt hat daraufhin noch eine helfende Hand gebraucht.“
„Aber natürlich geht so etwas vor“, flötete Frau Kranz nun übertrieben verständnisvoll und hauchte mir ein Küsschen links und ein Küsschen rechts auf die Wange. Frau Kranz hieß mit Vornamen Marianne, doch auch nach den fünf Jahren, die wir uns jetzt kannten, legte sie immer noch Wert darauf, dass ich sie mit Nachnamen ansprach. Das gleiche galt natürlich auch für ihren Mann Wolfgang, Torbens Vater. Ich respektierte ihren Wunsch, auch, wenn ich es nach wie vor ziemlich seltsam fand. Zumal meine Eltern Torben bereits nach der zweiten Begegnung das Du angeboten hatten. Aber Menschen waren nun einmal unterschiedlich.
„Setzen wir uns doch“, schlug Torben vor und zeigte auf die festlich gedeckte Tafel, vor der wir standen. Die Uhr zeigte nun Punkt Sieben an und das Auto meiner Eltern bog auf den Parkplatz ein.
„Heute schaffen es tatsächlich mal alle pünktlich“, erhob Frau Kranz abermals das Wort, denn sie hatte den Wagen ebenfalls sofort entdeckt.
„Marianne, bitte“, sagte ihr Mann leise zu ihr, doch wie so oft, nahm sie ihn gar nicht ernst.
„Das war doch nur eine wunderbare Feststellung. Heute ist doch auch ein ganz besonderer Anlass.“ Bei diesem Satz klang ihre Stimme eher ernüchternd als freudvoll, doch ich hatte mir vorgenommen, solch unangebrachte Kommentare heute einfach mal im Raum stehen zu lassen.
„Guten Abend“, begrüßten uns meine Eltern und mein älterer Bruder Romeo mit seiner Frau Lisa.
„Guten Abend“, erwiderten wir alle wie auf Kommando. Torben erhob sich kurz von seinem Stuhl und bot meiner Familie Platz an. In dem Moment kam auch schon ein Kellner, sah meinen zukünftigen Verlobten prüfend an, verschwand wieder mit einem Lächeln, nachdem Torben ihm freudig zugenickt hatte und erschien nur eine Minute später erneut an unserem Tisch. Diesmal mit einem Tablett in der Hand, auf dem er feine Kristallgläser und eine Flasche Champagner balancierte.
„Stellen Sie es einfach ab“, sagte Torben. „Ich kümmere mich selbst darum.“
„Sehr wohl“, erwiderte der Kellner und trat höflich, nachdem er das Tablett abgestellt hatte, zwei Schritte zurück. „Darf ich denn schon den ersten kleinen Gang servieren?“
„Ja, bitte.“
Damit verschwand der Kellner und Torben erhob sich, um die Flasche zu öffnen und jedem von uns ein Glas mit prickelndem Champagner zu befüllen. Nachdem alle etwas zu trinken in den Händen hielten, hob Torben sein Glas in die Höhe und räusperte sich. Er wirkte plötzlich etwas nervös und unsicher, eine Art, die ich an ihm bisher noch nicht kennengelernt hatte. Im Gegenteil, Torben war das Selbstbewusstsein in Person, hatte immer einen passenden Spruch parat und ließ sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen. Während er mit der einen Hand sein Glas hielt, streckte er mir seine andere Hand entgegen und forderte mich so quasi auf, mich ebenfalls von meinem Stuhl zu erheben. Nun wurde auch ich etwas nervös, denn dieser Schritt, vor dem wir nun standen, war schon irgendwie wie ein Meilenstein.
„Liebe Julia“, begann Torben. Zum Leidwesen meiner Eltern hatte er es leider bis heute nicht verstanden, dass mein Name nicht Julia, sondern Giulia war. Mir machte es nicht so besonders viel aus, auch, wenn ich stolz darauf war, einen Namen zu haben, der in gewisser Weise meine Wurzeln verriet. Aber schließlich war es nur ein Name.
„Du weißt ja, warum wir heute alle hier zusammengekommen sind und ich hoffe, du willst mich immer noch heiraten, so, wie wir es beschlossen haben.“
„So, wie wir es beschlossen haben???“ schoss es mir durch den Kopf. Was sollte denn das jetzt? Auf einmal wurde mir glatt ein wenig schwindelig, obwohl ich noch nicht einmal an meinem Champagner genippt hatte. Sollte das tatsächlich mein Heiratsantrag sein?! In Filmen und in Büchern lief das aber anders ab, so viel war mal sicher. Und wo war überhaupt der Ring?
Torben musste meine leichte Irritation bemerkt haben, denn mit einem Ruck stellte er sein Glas auf den Tisch, ließ meine Hand los und kramte in seiner Hosentasche herum, aus der er nur Bruchteile von Sekunden später ein kleines Schmuckkästchen herausholte.
„Entschuldige“, lachte er verlegen. „Das ist mein erster Heiratsantrag…“ Mit diesen Worten öffnete er das Kästchen und nahm einen schlichten Silberring heraus, den er mir an den Finger meiner linken Hand stecken wollte. Leider war er viel zu klein. Torbens Nervosität wuchs bald ins Unermessliche, genauso wie meine Enttäuschung. Ich versuchte trotzdem, das Beste aus der Situation zu machen und forderte meinen zukünftigen Mann dazu auf, mir den Ring an den kleinen Finger zu stecken. Als er tatsächlich passte, atmete Torben erleichtert aus und sah mich freudestrahlend an. „Dann sind wir jetzt wohl verlobt.“
„Ja, unglaublich“, stammelte ich leise und ich spürte, wie ein Hauch von Enttäuschung in meiner Stimme mitklang, obwohl ich bemüht war, diese zu verbergen.
Unsere Familien klatschten peinlich berührt in die Hände und der Kellner brachte den ersten kleinen Gang, der aus Baguette und einem Krabbencocktail bestand.
„Ach, wie ich mich für euch freue“, ertönte die Stimme von Frau Kranz. „Dann darfst du ab heute auch Marianne zu mir sagen.“
„Das freut mich“, hörte ich mich sagen und stellte mit Erschrecken fest, dass diese Frau in nur wenigen Monaten tatsächlich meine Schwiegermutter sein würde.
Der weitere Abend verlief im Wesentlichen tatsächlich recht gesittet ab und es gab keine größeren Reibereien zwischen unseren Familien, was eigentlich ein Grund zur Freude gewesen wäre. Allerdings ertappte ich mich zwischendurch immer mal wieder dabei, mich irgendwie unglücklich zu fühlen, weil nicht einmal ein winzig kleiner Hauch von Romantik in Torbens Antrag gelegen hatte. Er hatte ja Recht, als er sagte, es sei sein erster Heiratsantrag und ich hatte bestimmt auch nichts Perfektes erwartet. Aber irgendwie fehlte mir etwas und ich hätte nicht einmal sagen können, was es wirklich gewesen war. Ich spürte nur, dass sich ein kleines Unbehagen in mir auszubreiten begann, von dem ich hoffte, es würde sich von alleine wieder verabschieden. Bestimmt, so sagte ich mir, würde ich die Situation am nächsten Tag bereits mit anderen Augen sehen und darüber lachen können. Schließlich war es immerhin ein Heiratsantrag, den man so schnell nicht vergessen würde. Und zumindest ein Highlight hatte es tatsächlich noch an diesem milden Juli-Abend gegeben.
Nach dem Dessert, es gab eine leicht aufgeschäumte Joghurtcreme an geeisten Himbeeren, erhob sich überraschend mein Vater und überreichte mir und Torben einen roten Briefumschlag.
„Was ist das?“ fragte ich neugierig.
„Na, schaut halt rein“, meinte meine Mutter und grinste dabei wie ein Honigkuchenpferd. Also öffnete Torben das Kuvert und zog einen Brief und zwei Opern-Karten heraus.
„Oh, eine Reise“, bemerkte er nüchtern.
„Eine Reise?“ schaltete ich mich aufgeregt ein. „Wohin denn?“
„Nach Verona, Liebes“, sagte meine Mutter. „In die Stadt der Liebenden. Dorthin, wo dein Vater und ich uns kennengelernt haben.“
„Ihr habt euch in Verona kennengelernt?“ ertönte nun Mariannes Stimme und überschlug sich dabei fast vor übertriebener Heiterkeit.
„Ja“, nickte meine Mutter. „Wir sind uns an einem wunderschönen Sommerabend in der Arena über den Weg gelaufen. Beide wollten wir uns das Stück „Romeo und Julia“ ansehen. Ich war mit einer Freundin dort und Richard mit einer Reisegruppe. Beim Einlass stand Richard hinter mir und trat mir während eines Gedrängels unsanft so heftig auf den Fuß, dass ich bald meinte, Sterne zu sehen. Weißt du noch, Caro mio?“ Dabei sah sie meinen Vater so verliebt an, dass ich eine kleine Gänsehaut bekam. Immerhin waren meine Eltern bereits fast vierzig Jahre verheiratet und trotzdem leuchteten die Augen meiner Mutter noch immer wie bei einem verliebten Teenager.
„Ja, Schatz, daran erinnere ich mich, als wäre es erst gestern gewesen.“ Dabei zwinkerte er ihr zu und gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange.
„Ach, wie romantisch“, säuselte Marianne. „Deshalb heißen eure Kinder Romeo und Julia. Wie einfallsreich.“
„Giulia“, verbesserte nun mein Vater.
„Wie?“ Marianne verstand nicht.
„Unsere Tochter heißt Giulia. Und ja, wir fanden es romantisch, unsere Kinder nach den zwei Liebenden zu benennen.“ Einen Moment lang herrschte Schweigen am Tisch, doch dann fand Marianne als erste ihre Sprache wieder und wand sich an Torben und mich. „Für wie lange ist denn die Reise?“ Torben sah auf den Brief mit der Hotelbuchung. „Für zwei Tage.“
„Na, das lohnt sich ja gar nicht.“
„Marianne“, zischte Wolfgang daraufhin wieder einmal, dabei klang seine Stimme diesmal peinlich berührt.
„Ich mein ja nur“, entgegnete sie ihm, sagte aber diesmal tatsächlich nichts weiter dazu.
„Also ich finde es ganz wundervoll“, rief ich begeistert und freute mich ehrlich riesig, denn nach Verona wollte ich immer schon einmal fahren. „Was sagst du dazu, Schatz?“
„Ja, das ist eine schöne Idee. Vielen Dank.“ Seine Stimme klang ein wenig unbeteiligt, doch war Torben auch keinesfalls der Mensch, der sein Herz frei auf der Zunge trug. Etwas einfach so geschenkt zu bekommen, war ihm immer etwas fremd gewesen, denn in seiner Familie musste man sich alles stets hart erarbeiten, da gab es nichts geschenkt.
„Wann fahren wir denn?“ wollte ich nun wissen.
„Wir haben das Hotel für das erste August-Wochenende gebucht und die Opernkarten für den Samstag. Solltet ihr da nicht können, ist das kein Problem, dann können wir einfach alles umbuchen.“ Mein Vater hatte natürlich an alles gedacht und zum Dank drückte ich ihm einen Schmatzer auf die Wange.
Torben musste am nächsten Tag noch in seinen Dienstplan schauen und stellte fest, dass auch er an diesem Wochenende frei hatte und so stand unserer Fahrt nach Verona nichts mehr im Wege.
Die Wochen vergingen wie im Flug und ich konnte es kaum erwarten, zwei romantische Tage mit Torben zu verbringen. Zumal wir uns seit unserer Verlobungsfeier kaum gesehen hatten, da unsere Dienste in dem Klinikum, in dem wir beide arbeiteten, selten übereinstimmten. Hatte ich Nachtschicht, so war Torben zur Frühschicht eingeteilt oder umgekehrt. Das war zwar nichts Neues für uns, aber irgendwie hatte ich ein wenig gehofft, mehr Zeit mit meinem künftigen Ehemann verbringen zu können. Vielleicht auch, weil das merkwürdige Gefühl, das ich seit dem Antrag mit mir rumtrug, einfach nicht weichen wollte. In ruhigen Minuten betrachtete ich immer wieder den silbernen Ring an meinem kleinen Finger, strich sanft darüber und wartete darauf, dass sich innerlich die Freude einstellen würde, die ich insgeheim erhoffte, doch da war nichts. Verlobt zu sein fühlte sich nicht anders an als zuvor. Aber vielleicht war das auch normal, denn schließlich waren Torben und ich nach wie vor dieselben Menschen, lebten bereits seit vier Jahren zusammen in einer wunderschönen, großen Wohnung und hatten auch schon eine Gemeinschaftskasse. Es war also alles ohnehin bereits sehr Eheähnlich und mit diesen Gedanken beruhigte ich mich dann auch immer wieder.
Das funktionierte tatsächlich jedes Mal erstaunlich gut, doch es kam der Tag, an dem ich schmerzhaft feststellen musste, dass man lieber auf sein Bauchgefühl hören und ihm auf den Grund gehen sollte.
„Ich fahre jetzt in die Klinik“, verabschiedete sich Torben an dem Mittwoch-Abend, in der Woche unserer Reise, von mir und drückte mir einen Kuss auf die Stirn.
„Tschüss, Schatz. Wir sehen uns morgen früh. Ich fange ein wenig später zu arbeiten an, damit ich in Ruhe unsere Koffer packen kann. Schließlich ist es Freitag schon so weit.“ Freudestrahlend drückte ich Torben noch einen Schmatzer auf den Mund und schloss die Wohnungstür hinter ihm zu, zu der ich ihn noch begleitet hatte. Dabei umwehte mich sein, nach Sandelholz duftendes Aftershave, von dem er für meinen Geschmack immer einen kleinen Hauch zu viel auflegte und das noch Stunden später in allen Räumen präsent war.
Anschließend nahm ich schnell eine kalte Dusche und ging ins Bett. Eigentlich hatte ich noch vor, meinen Roman, den ich vor einigen Tagen begonnen hatte, weiter zu lesen, doch schon nach den ersten Sätzen fielen mir die Augen zu und ich schlief tief und fest durch bis zum nächsten Morgen.
Als ich aufwachte, fiel mein Blick als erstes auf ein zusammen gefaltetes Blatt Papier, das auf meinem Nachttisch lag und das dort definitiv am Abend zuvor noch nicht gelegen hatte. War Torben etwa schon zu Hause und hatte mir eine Guten-Morgen-Nachricht geschrieben? Früher hatte er das öfter getan und war anschließend zum Bäcker gegangen und hatte frische Brötchen geholt. Gespannt nahm ich den Zettel und faltete ihn auseinander. Noch etwas verschlafen las ich die Zeilen:
„Guten Morgen Giulia,
es tut mir wirklich leid, aber ich kann nicht mit dir nach Verona fahren. Ich kann dich auch nicht heiraten. Mir ist das gerade einfach alles zu viel und ich brauche Zeit zum Nachdenken. Während du in Italien bist (du solltest auf jeden Fall fahren!), hole ich meine Sachen aus der Wohnung und ziehe zunächst einmal in ein Hotel.
Bitte sei nicht böse auf mich. Du bist eine wundervolle Frau und du hast einen besseren Mann verdient als mich.
Mach`s gut
Torben
P.S. Wir werden uns vor deiner Abfahrt auch nicht mehr sehen, da ich schon in einem Hotel eingecheckt habe. Ich denke, das ist besser so.“
„Was?!“ rief ich voller Entsetzen und fühlte mich innerlich so leer, als hätte man mir gerade alles Leben von einer auf die nächste Minute ausgesaugt. Doch trotz aller Leere, Trauer und Wut, die mich anschließend, nachdem ich den Brief weitere zwei Male gelesen hatte, packten, war da noch ein anderes Gefühl. Zunächst wollte ich es mir nicht eingestehen, doch das, was ich zusätzlich spürte, war eine absolut tiefe Erleichterung.
„Wie gut, dass du so spontan Zeit hattest, mich zu begleiten“, sagte ich zu Katrin und nahm einen großen Schluck von dem köstlichen Eiscafé, den wir in der Hitze der aufsteigenden Mittagshitze bestellt hatten.
„Na hör mal“, erwiderte sie. „Wie könnte ich eine solche Einladung zu einem so großartigen Kurzurlaub ausschlagen?!“
Beide mussten wir für einen Moment lang schmunzeln, doch dann wurde Katrin wieder ernster. „Aber jetzt sag mal, was ist denn zwischen Torben und dir passiert, dass plötzlich alles aus ist?“
Diese Frage hatte ich mir selber bestimmt tausende Male gestellt seit ich den Zettel gelesen hatte. „Ich weiß es nicht“, antwortete ich also wahrheitsgemäß und zuckte mit den Achseln.
„Du willst mir also tatsächlich sagen, dass dieser Schuft dich wirklich einfach so hat sitzen lassen?! Und du hast nichts bemerkt, das darauf hingedeutet hätte?“
„Naja, bemerkt wäre vielleicht zu viel gesagt. Es war eher so, dass ich seit unserer Verlobung so ein merkwürdiges Gefühl in mir hatte, das ich einfach nicht einzuordnen wusste.“
„Kein Wunder“, lachte Katrin nun ein wenig bitter auf. „Also bei so einem Heiratsantrag hätte ich sicherlich auch ein komisches Bauchgefühl gehabt. Das, was du mir erzählt hast, klang gar gruselig.“
Ich wusste, dass Katrin Torben von Anfang an nicht wirklich leiden konnte, weil sie ihn für einen oberflächlichen, arroganten Schnösel hielt. Das hatte sie mir einmal während einer Weinprobe, die wir beide gemacht hatten, gesagt. Aber sie respektierte unsere Beziehung, auch wenn sie mir immer mal wieder deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass so ein Mann wie Torben gar nicht zu mir passte. „Du brauchst etwas fürs Herz“, hatte sie immer wieder gesagt und weil sie es stets nur gut mit mir meinte, konnte ich ihr auch nie böse sein, wenn sie mir ihre Gedanken diesbezüglich hin und wieder mitteilte.
„Aber weißt du, was das Schlimmste an der ganzen Sache ist?“ flüsterte ich ihr zu.
„Nein. Was denn?“
„Das ich gar nicht wirklich unglücklich darüber bin. Ganz im Gegenteil, irgendwie fühle ich mich sehr erleichtert.“ Ich hatte tatsächlich nicht eine Träne der Traurigkeit vergossen bisher. Geweint hatte ich eher vor Wut. Wut auf Torben und Wut auf mich. Aber Trauer hatte ich keine verspürt.
„Dann ist es doch gut, dass es noch vor eurer Hochzeit passiert ist. Und wer weiß, wofür es gut ist.“
„Ja, wer weiß, wofür es gut ist.“
„Jetzt aber mal etwas anderes, Giulia“, begann Katrin. „Du hast doch Familie hier in Italien, richtig?“
„Ja, meine Großtante, also die Schwester meiner verstorbenen Nonna wohnt irgendwo in der Nähe von Florenz. Warum fragst du?“
„Nun“, strahlte sie mich an. „Ich dachte, wenn wir schon einmal hier sind, könnten wir doch unseren Aufenthalt in Italien ein wenig verlängern. Und wenn du hier jemanden kennst, kommen wir vielleicht etwas günstiger dabei weg.“
Katrins Idee gefiel mir auf Anhieb. An so eine Option hatte ich zuvor noch gar nicht gedacht. Wahrscheinlich schon alleine deshalb nicht, weil ich meine Großtante Donatella gar nicht kannte und weil meine Mutter nicht besonders gerne über sie sprach.
„Also“, bohrte Katrin nach. „Was sagst du?“
„Naja, wenn ich es mir recht überlege, finde ich durchaus, dass wir unsere Zeit hier noch ein wenig verlängern sollten, zumal ich noch zwei Wochen Urlaub habe. Und meine Großtante wollte ich eigentlich auch schon immer mal kennenlernen.“
„Prima. Dann ist Verona erst der Anfang“ strahlte Katrin und war sichtlich glücklich, dass unser spontaner gemeinsamer Italien-Trip noch nicht am kommenden Tag enden würde. „Vielleicht sollten wir deine Großtante dann vorher einmal anrufen und fragen, ob sie überhaupt zu Hause ist. Ansonsten schauen wir mal, wo wir noch ein hübsches Hotel in der umliegenden Umgebung finden.“
Kapitel 2
Giulia
Fahren oder bleiben?
Wie ich es erwartet hatte, war meine Mutter nicht besonders glücklich gewesen, als ich sie kurzentschlossen angerufen hatte, um sie zu bitten, uns bei Tante Donatella anzumelden. „Das ist keine gute Idee, Giulia“, hatte sie gesagt. „Tante Donatella ist Besuch gegenüber nicht gerade sehr aufgeschlossen, schon gar nicht, wenn es sich dabei auch noch um die eigene Familie handelt.“
„Ach Mamma“, hatte ich daraufhin erwidert, „wenn ich doch schon einmal bei ihr in der Nähe bin, dann würde ich sie auch gerne endlich einmal kennenlernen. So schlimm, wie du immer behauptet hast, kann sie doch gar nicht sein.“
Am Ende willigte meine Mutter dann tatsächlich ein, bei Tante Donatella anzurufen, um ihr unseren Besuch anzukündigen und so verließen wir am Sonntag-Morgen das nette kleine Hotel in Verona, um weiter Richtung Toskana zu reisen.
Katrin und ich waren mit dem Zug nach Italien gefahren, weil niemand von uns die weite Strecke mit dem Auto zurücklegen wollte. Torben wäre das egal gewesen. Er liebte Auto fahren und wäre den Weg in eins durchgebrettert. Doch mit dem Zug war es zum einen wirklich entspannt und zum anderen begegnete man auch dem einen oder anderen interessanten Menschen.
Von Verona aus besorgten wir uns ein Ticket nach Florenz, wo wir uns für den restlichen Weg ein Taxi nehmen wollten. Leider hatten weder Katrin noch ich darauf geachtet, dass Florenz zwei Bahnhöfe hat und natürlich stiegen wir prompt an der Haltestelle aus, die recht abgelegen lag und wo es eher schwierig war, ein Taxi zu bekommen. Doch wir hatten Glück, denn gerade, als wir mit unseren Koffern das Bahnhofsinnere verließen, stand tatsächlich ein einziger freier Wagen vor dem Eingang. Der Fahrer sah zwar nicht sonderlich vertrauenserweckend aus, doch eine wirkliche andere Alternative gab es nicht. Also sprach ich den Mann, der mit seiner kompakten Figur an einen nordischen Seefahrer erinnerte, an und hielt ihm die Adresse von Tante Donatella entgegen, die ich mir am Abend zuvor notiert hatte.
„Wie viel wird die Fahrt ungefähr kosten?“ fragte ich, denn ich hatte keine Ahnung, wie viele Kilometer es bis zu dem kleinen Ort waren, in den wir nun fahren wollten.
„Das weiß ich nicht“, antwortete er nur knapp und hievte unsere Koffer ins Auto.
„Und wie viele Kilometer sind es bis dahin?“ Ich dachte, wenn ich zumindest das wüsste, könnte ich mir den Preis in etwa selbst ausrechnen.
„Keine Ahnung“, kam wieder nur als Antwort und ich gab es auf. Katrin und ich stiegen ein und waren gespannt, wo die Reise nun hinging. Im Radio lief irgendwelche italienische Musik, der wir lauschten. Eine Konversation war dem Taxifahrer ohnehin nicht zu entlocken. Sein Gesicht war ganz rot und aufgequollen, so, als hätte er eine lange und feuchtfröhliche Nacht hinter sich. Ich hätte mich gerne einfach entspannt zurückgelehnt, doch war ich zum einen viel zu aufgeregt vor dem Zusammentreffen mit Tante Donatella und zum anderen beunruhigte mich das Taxameter, das unaufhaltsam in die Höhe schnellte.
Wir verließen Florenz und fuhren zunächst durch ein Industriegebiet, ehe wir in eine sehr abgelegene Region kamen. In dieser Einöde ging es durch gefühlt unendlich viele gewundene Gassen einen Hügel hinauf. Der Taxifahrer hatte zum Schluss richtige Probleme, die Strecke mit dem Wagen zu schaffen, weil es so steil war. Am Ende des Hügels hielt er auf einem kleinen abgelegenen Parkplatz und grinste mich an. „So, da wären wir.“
„Wirklich?“ fragte ich ein wenig skeptisch, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass hier, inmitten des Nirgendwo irgendein Mensch wohnen könnte. Noch ein wenig oberhalb des Parkplatzes lag zwar ein riesiges Anwesen, das aus mehreren Gebäuden bestand, doch sah es alles andere als bewohnt aus.
„Sind Sie wirklich sicher, dass dies die Adresse ist, die ich Ihnen gegeben habe?“ hakte ich noch einmal vorsichtig nach. „Ja, da bin ich mir sicher“, lachte er nun und zeigte auf das Taxameter, das fast ganze fünfzig Euro anzeigte. Nachdem ich die Summe bezahlt hatte, stiegen wir aus und der Taxifahrer holte unser Gepäck aus dem Kofferraum. „Viel Spaß“, grinste er und stieg sichtlich amüsiert in seinen Wagen ein, um winkend davonzufahren.
„Das sieht ein bisschen seltsam aus“, stellte Katrin mit ernüchternder Stimme fest.
Ich war ein wenig zu geschockt, um etwas darauf zu erwidern, denn sie hatte absolut Recht. So hatte ich mir Tante Donatellas Wohnlage nun wirklich nicht vorgestellt.
„Komm“, meinte Katrin dann ein wenig enthusiastischer. „Wir gucken einfach mal, ob wir irgendjemanden dort oben antreffen.“
Also gingen wir das kleine, aber sehr steile Stückchen Hügel zu dem ersten Hauseingang hinauf. Unsere schweren Koffer zogen wir dabei mühsam hinter uns her. Die Mittagssonne schien erbarmungslos vom strahlend blauen Himmel und ich sehnte mich nach einer eisgekühlten Cola. Sobald wir unsere Koffer ausgepackt und Tante Donatella kennengelernt hatten, beschloss ich innerlich, würden wir irgendwo ein Restaurant aufsuchen, wo ich mein ersehntes, eisgekühltes Getränk bekäme.
„Ich glaube, wir haben Glück“, hörte ich Katrin sagen, die etwa drei Meter vor mir ging. „Da steht die Haustür einen Spalt weit offen und es scheint jemand drinnen zu sein.“
„Na, dann wird das vermutlich meine Großtante sein“, freute ich mich und spürte gleichzeitig eine leichte Nervosität in mir aufsteigen. Langsam näherten wir uns dem Haus, das vom Gemäuer her ein wenig Burgähnlich aussah. Auch die angrenzenden Häuser, die alle zu dem Grundstück gehörten, erinnerten an mittelalterliche Bauten. In früheren Zeiten war das hier bestimmt mal ein prächtiges Anwesen gewesen, doch gerade sah dies alles einfach nur unglaublich verkommen aus und wirkte nicht besonders einladend.
Einen Moment lang standen Katrin und ich mit unseren Koffern unentschlossen vor dem Haus und trauten uns nicht, an der Tür zu klopfen. Doch wollten wir hier draußen schließlich keine Wurzeln schlagen. Deshalb nahm ich all meinen Mut zusammen, ging zum Eingang und klopfte an. Nur einen Augenblick später steckte ein älterer Herr, so um die sechzig Jahre alt, seinen Kopf heraus.
„Buongiorno“, begrüßte er uns. „Was kann ich für Sie tun?“
„Buongiorno“, entgegnete ich ihm, „Ich bin Giulia Mayer, die Großnichte von Donatella Fratelli. Sie wohnt doch hier, oder?“
Der Mann blickte mich nun ein wenig skeptisch an. „Ja, Donatella wohnt hier. Aber sagen Sie, weiß sie, dass Sie sie besuchen kommen?“
„Meine Mutter hat ihr Bescheid gesagt“, antwortete ich ihm nun. „Also, ja, sie weiß, dass wir kommen.“
Aus seiner Hosentasche zog der ältere Herr nun ein Smartphone hervor und wählte eine Nummer. „Kleinen Moment“, sagte er, hielt sich das Telefon an sein Ohr und wartete geduldig, bis sich jemand am anderen Ende der Leitung meldete.
„Ciao, Donatella, meine Liebe“, säuselte er bald in den Hörer. „Hier sind zwei entzückende Damen, die dich besuchen wollen.“
Während Tante Donatella irgendetwas antwortete, was ich akustisch nicht verstehen konnte, nickte der Mann immer nur mit dem Kopf, ohne zunächst etwas zu erwidern. Dann sagte er schließlich „Ja, verstehe. Ich kümmere mich darum.“
Er legte auf und sah mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte. „Signora Mayer, Ihre Tante sagt, Sie können eine der freien Wohnungen auf dem Grundstück nutzen und ein paar Tage bleiben. Ich werde sie Ihnen gleich zeigen und Ihnen einen Schlüssel geben.“ An dieser Stelle hielt er kurz inne und räusperte sich. „Allerdings“, setzte er nun mit einem merkwürdigen Unterton an. „möchte Donatella Sie nicht sehen.“
Ungläubig starrte ich ihn an. Ja, meine Mutter hatte immer wieder berichtet, wie eigenartig ihre Tante, meine Großtante, wäre, aber dass sie mich gar nicht kennenlernen wollte, wo ich nun schon einmal hier war, konnte ich kaum fassen. Der ältere Herr schien mir anzusehen, wie enttäuscht ich war, denn er legte mir väterlich seine rechte Hand auf die Schulter und schenkte mir ein warmes Lächeln. „Nehmen Sie es nicht persönlich“, meinte er nun, „Donatella ist Menschen nicht mehr gewohnt. Sie hatte schon Jahrelang keinen Besuch mehr hier oben. Geben Sie ihr ein wenig Zeit, vielleicht überlegt sie es sich ja doch noch einmal anders.“
Wie mechanisch nickte ich ihm nur zu. Innerlich spürte ich, wie meine Enttäuschung einer gewissen Wut wich. Wut über die Reaktion meiner Großtante, aber auch Wut über mich, die ich doch tatsächlich gedacht hatte, ich wäre hier sicherlich herzlich willkommen, trotz der vielen Vorwarnungen meiner Mutter. Naivität war wohl wirklich mein zweiter Vorname, wie mein Bruder Romeo zuweilen behauptete, wenn ich wiedermal ausschließlich das Gute in allem und jedem sah, wo andere nur das Negative sehen konnten.
„Kommen Sie“, hörte ich den älteren Herren in meine Gedanken hinein sprechen. „ich zeige Ihnen, wo Sie wohnen können.“ Er ging den Hügel wieder ein paar Meter hinunter und öffnete ein großes, schweres Eisentor, durch das wir hindurch gingen. Über einen unebenen Kiesweg holperten wir mit unseren Koffern auf einen kleinen Hauseingang zu. Ringsherum wucherte das Unkraut und hier und da standen ein verrosteter Stuhl, alte, kaputte Tontöpfe und anderer Unrat, der längst auf den Sperrmüll gehört hätte.
Während er die Tür zur Wohnung aufschloss und uns hineinbat, stellte er sich vor. „Ich bin übrigens Alberto. Und wenn Sie irgendetwas brauchen, sagen Sie mir einfach Bescheid.“
„Danke, das ist lieb“, entgegnete ich ihm. „Ich heiße Giulia und das ist meine Freundin Katrin.“
„È un piacere conoscervi“, antwortete er und nickte uns freundlich zu.
Schnell schien Alberto an Katrins Blick zu bemerken, dass sie kein einziges Wort verstanden hatte und wiederholte noch einmal auf Englisch, dass er sich freute, uns kennenzulernen. Diesmal lächelte Katrin erleichtert, denn Englisch verstand sie ausgezeichnet.
Gerade, als wir mit unseren Koffern die Türschwelle, die sich etwa dreißig Zentimeter vom Boden abhob, überqueren wollten, tauchte ein weiterer Italiener hinter uns auf, der mir zunächst meinen schweren Koffer aus der Hand nahm und ihn in das Innere der Wohnung hievte und anschließend ebenfalls Katrins Gepäck ohne großartige Mühe hineintrug.
„Ciao“, lächelte er mich mit einem Zigarillo zwischen seinen Lippen an. „Ich bin Francesco.“
„Giulia“, erwiderte ich und war fasziniert von seinen tief braunen Augen, die mich eine gefühlte Ewigkeit fixierten. Er sah aus, wie man sich einen typisch arbeitenden Italiener im Sommer vorstellte. Braun gebrannte Haut, zerschlissene Jeans und ein eng anliegendes Muskelshirt, das seine Arbeiterfigur noch besonders gut zur Geltung brachte. Wie die meisten Südländer hatte er dunkelbraunes Haar, das bereits an der einen oder anderen Stelle von, wie ich fand, attraktiven Silberfäden durchzogen war, die verrieten, dass er keine Zwanzig mehr war. Eher schätzte ich ihn auf Anfang Fünfzig. „Habt ihr euch verlaufen?“ fragte er und seine leicht rauchige Stimme klang ein wenig amüsiert.
„Nein“, entgegnete ich, „ich wollte meine Großtante besuchen.“
„Ihre Großtante?“
„Ja, Donatella.“
„Donatella hat Verwandte?!“ Er sah mich mit großen, ungläubig dreinblickenden Augen an. „Ich arbeite jetzt seit einem Jahr hier und habe noch nie eine Menschenseele hier gesehen.“
„Francesco“, ertönte nun Albertos Stimme. „Das geht dich gar nichts an.“
„Schon gut“, sagte er und hob seine Hände für einen kurzen Augenblick entwaffnend nach oben. „Ich meinte ja nur.“ Dann sah er mich wieder mit seinen unglaublich braunen Augen an. „Wie lange werden Sie bleiben?“
„Wir hatten an eine Woche gedacht.“ Bei diesem Satz zog sich plötzlich mein Magen zusammen, denn mir war gerade gar nicht mehr danach, auch nur eine einzige Nacht hier zu bleiben. Hier, in diesem Nirgendwo, wo wir nicht erwünscht waren und wo es aussah, als hätte seit dem Mittelalter niemand mehr dieses Anwesen bewohnt.
„Kommen Sie, ich zeige Ihnen erst einmal alles“, sagte Alberto und nickte Katrin und mir ermunternd zu. Der erste Raum, den wir mit dem Überqueren der Türschwelle betreten hatten, war die Küche. Sie war recht spartanisch eingerichtet, doch schien alles da zu sein, was man normalerweise in einer Küche brauchte. Durch einen dunklen Gang ging es in ein Esszimmer, das mit schweren Möbeln ausgestattet war. An einer langen Holztafel standen wuchtige Stühle, ebenfalls aus massivem Holz. Niemals hätte ich mich freiwillig zum Essen hierher begeben, so düster wirkte alles. Weiter ging es in ein Schlafzimmer, das mit einem Bett, einem Sofa und einer Kommode ausgestattet war. Anschließend führte Alberto uns in einen großen Salon, in dem man ohne weiteres Walzer hätte tanzen können, so riesig war er. Zudem war der Fußboden, wie in allen anderen Räumen, aus purem Marmor und glänzte tadellos.
An den Seitenwänden standen drei Couches, von denen man aus der Entfernung gesehen, meinen konnte, sie wären aus einem Märchenschloss entsprungen. Bei näherer Betrachtung und einer Sitzprobe stellte sich jedoch schnell heraus, dass sie alles andere als Märchenhaft waren. Die Bezüge waren völlig zerfranst und ausgeblichen und die Sitzqualität ließ mehr als zu wünschen übrig. Aber es gab eine riesige Fensterfront, die eine große Überraschung offenbarte. Auf der geräumigen und einladenden Terrasse befand sich ein wundervoller Swimmingpool, der sogar randvoll mit Wasser befüllt war und geradezu dazu einlud, sofort hineinzusteigen. Mich erstaunte, dass dieser Teil des Grundstücks so außerordentlich gut gepflegt war, wo der Rest des Anwesens, zumindest meinen ersten Beobachtungen zur Folge, eher einem Urwald glich. Aber diese Terrasse war tatsächlich ein kleines Paradies. Obendrein hatte man von hier oben aus einen unglaublichen Ausblick. Wo man auch hinsah, überall standen Olivenbäume in Hülle und Fülle. Selbst das Industriegebiet, durch das wir hindurchgefahren waren, als uns der Taxifahrer hierher gebracht hatte, hatte von diesem Hügel aus gesehen, etwas ganz besonderes.
„Das ist mal ein toller Ausblick, stimmt`s?“, meinte Francesco, der uns ebenfalls bei der Wohnungsbesichtigung begleitete.
Katrin und ich stimmten wie aus einem Munde zu und waren scheinbar beide erleichtert, dass es zumindest etwas gab, das uns hier gefiel.
Über eine Wendeltreppe im Salon gelangte man in ein weiteres Schlafzimmer und neben der Treppe befand sich noch ein kleines Bad mit einer Dusche. Es war ebenfalls recht einfach eingerichtet, aber zumindest hatte es fließendes Wasser und Strom.
„Wie sind Sie eigentlich hierhergekommen?“, wollte Francesco wissen, als wir alles besichtigt hatten. „Ich habe gar kein Auto auf dem Parkplatz gesehen.“
„Wir sind mit dem Zug und mit dem Taxi gekommen.“
Wieder einmal sah er mich aus großen Augen ungläubig an. „Aber Sie haben sich einen Wagen gemietet?“
„Nein“, gab ich zurück, denn ich hatte schließlich keine Ahnung gehabt, in was für einer Einöde Tante Donatella wohnte. „Aber es gibt bestimmt einen Supermarkt hier in der Nähe“, meinte ich zuversichtlich und dachte dabei daran, dass wir keinerlei Lebensmittel bei uns hatten und dringend etwas einkaufen mussten.
„Etwa vier Kilometer von hier“, antwortete er mir. Im Normalfall wären vier Kilometer zu Fuß kein Problem gewesen, aber wie sollten wir all die Lebensmittel hier herauf tragen? Und das auch noch bei der Hitze.
„Aber ein Restaurant, wo Katrin und ich gleich eine Kleinigkeit essen können wird es doch in dieser Ecke geben?“ fragte ich nun hoffnungsvoll, denn ich spürte, wie mein Magen zu knurren begann.
Sowohl Francesco als auch Alberto schüttelten die Köpfe und ich konnte nicht fassen, dass man so hier leben konnte. Es sah nicht nur aus wie im Mittelalter, es war auch so.
„Aber ich fahre gleich zur Arbeit“, meinte Alberto ein wenig aufmunternd, „und könnte Sie beide mitnehmen und am Einkaufszentrum absetzen. Dort machen Sie Ihre Besorgungen und ich hole Sie in etwa vier Stunden wieder ab.“
Das wurde ja immer schöner. Was sollten wir denn vier Stunden lang in einem Einkaufszentrum?! Andererseits war das Angebot besser als nichts, denn wir hatten nicht einmal eine Flasche Wasser bei dieser Hitze mitgenommen. Ich warf einen Blick zu Katrin, der ebenfalls alle Farbe aus dem Gesicht gewichen war. So hatten wir uns unseren weiteren Italien-Urlaub nun wirklich nicht vorgestellt.
„Ja, danke“, kam es wie mechanisch über meine Lippen, „wir fahren gerne mit.“
„Dann treffen wir uns in fünf Minuten auf dem Parkplatz, wenn es Ihnen recht ist.“
Katrin und ich nickten und begleiteten beide Männer zurück zur Haustür, wo noch unsere Koffer standen. Katrin hatte ihr Gepäck bereits genommen und meinte, sie würde gerne das obere Schlafzimmer nehmen, wenn ich nichts dagegen hätte. Mir war es egal gewesen und so verfrachtete Katrin ihren Koffer in die obere Etage. Bevor ich meine Sachen in das andere Schlafzimmer bringen konnte, klopfte es noch einmal an der offenen Tür, vor der Francesco nun mit einer großen Flasche Wasser stand. „Bitte schön“, sagte er und reichte mir das eisgekühlte Getränk. „Wenn ich es richtig gesehen habe, haben Sie nichts zu trinken bei sich.“
„Vielen Dank. Das stimmt. Wir haben tatsächlich nichts bei uns.“
„Aber jetzt können Sie ja erstmal ein bisschen was einkaufen. Und wenn Sie nochmal etwas brauchen, lassen Sie es mich wissen, ich kann Sie auch fahren.“
„Das ist ein sehr nettes Angebot“, strahlte ich ihn an und war begeistert von seiner charmanten Art. „Wir können uns übrigens gerne duzen“, entfuhr es mir. Dabei streckte ich Francesco meine Hand entgegen. Natürlich wusste ich, dass es normalerweise üblich war, dass einem der Ältere das Du anbot, doch irgendwie kam es einfach so über meine Lippen. Francesco lächelte mich glücklich an und nickte. „Gerne.“
Katrin kam zu uns in die Küche. „Ich denke, wir sollten los.“
So gingen wir zwei zum Parkplatz, wo Alberto bereits in seinem Wagen auf uns wartete, während Francesco wieder in den Untiefen des zumeist verwilderten Gartens verschwand.
„Ich hole Sie dann gegen fünfzehn Uhr hier wieder ab“, verabschiedete sich Alberto am Supermarkt-Parkplatz von uns.
„Danke“, erwiderte ich und schloss die Autotür hinter mir zu.
„Na, dann wollen wir mal“, meinte Katrin und bewegte sich auf den Eingang des Marktes zu. Die Sonne schien unsäglich vom strahlend blauen Himmel und die kühle Luft, die uns vom Inneren des Einkaufszentrums entgegen strömte, war eine richtige Wohltat. Trotzdem fühlte ich mich gerade irgendwie unwohl. Ein bisschen wie ein hilfloses Kind, das man einfach irgendwo ausgesetzt hatte und das nun seine Eltern suchte.
Katrin und ich sprachen zunächst kein Wort miteinander, waren in unsere jeweiligen eigenen Gedanken versunken und ich hatte keine Ahnung, wie es ihr so ging. Ich jedenfalls überlegte ernsthaft, wie lange ich es an diesem komischen Ort aushalten würde. Wenn mir jetzt jemand angeboten hätte, mich direkt zurück nach Deutschland zu fahren, ich hätte keine Minute lang gezögert und mich sofort auf den Heimweg begeben. Doch natürlich bestand dieses Angebot nicht und ich überlegte krampfhaft, welche Möglichkeit es noch geben könnte, unseren Urlaub irgendwie zu retten.
Das Einkaufszentrum war relativ groß und hatte außer dem normalen Supermarkt einige kleine Geschäfte zu bieten, von denen ich jedoch irgendwie keinerlei Notiz nahm. Im Hintergrund dudelte seichte Kaufhausmusik und die Menschen strömten einfach so an uns vorbei, während ich mich nach meinem Zuhause sehnte. Und da war das nächste Problem, denn eigentlich hatte ich kein Zuhause mehr, denn in Torbens und meiner gemeinsamen Wohnung wollte ich auf keinen Fall bleiben. Lieber zog ich erst einmal wieder bei meinen Eltern ein und suchte mir etwas Neues. Ich spürte, wie Tränen in mir aufzusteigen begannen und atmete ein paar Mal tief ein und aus, damit Katrin nicht bemerkte, wie schlecht ich mich gerade fühlte. Wir hatten uns auf einer Bank niedergelassen und hingen eine Zeit lang weiterhin beide unseren Gedanken nach, ohne uns gegenseitig daran teilhaben zu lassen. Zwischendurch blickte ich immer wieder auf meine Uhr, die ganz offensichtlich kaputt sein musste, da sie sich kaum weiter vorwärts bewegte. Mein Magen, der zuvor noch so hungrig war, war verstummt und selbst, wenn mir jetzt jemand etwas zu Essen angeboten hätte, hätte ich keinen Bissen mehr hinunter bekommen. In meinem Kopf kreiste ständig nur noch die Frage umher, ob wir tatsächlich wieder fahren oder doch noch bleiben sollten?!
Kapitel 3
Francesco
Wie verzaubert
Die Mittagssonne machte mir heute mehr zu schaffen, als an allen anderen Tagen, obwohl es nicht heißer war als sonst. Aber mir rann schon alleine beim Gedanken an die Arbeit der Schweiß von der Stirn. Oder waren es vielleicht doch eher die Gedanken an die unglaubliche Begegnung, die ich vor wenigen Minuten hatte? Mit so etwas Zauberhaftem hatte ich heute ganz bestimmt nicht gerechnet. Und wenn ich es mir genau überlegte, rechnete ich auch gar nicht mehr damit, dass das Leben mir überhaupt noch mal etwas so Wundervolles zu bieten hatte. Wenn ich alleine nur schon wieder an den Beginn dieses Tages dachte, wurde mir übel und ich fragte mich bald stündlich, ob andere Menschen auch ständig vom Pech verfolgt wurden.
„Kannst du endlich mal diesen scheiß Wecker ausschalten“, war der erste Satz, den meine Frau Roberta mir am frühen Morgen um die Ohren haute. Es war gerade mal fünf Uhr dreißig und ich wollte einfach nur noch zwei Minuten liegen bleiben und Ruhe tanken, ehe mich die Hektik meines Alltags wieder fest im Griff haben würde. Roberta hatte natürlich leicht reden, schließlich konnte es ihr egal sein, wann sie aufstand, denn einen Job hatte sie nicht. Sie war der festen Meinung, dass sich eine Frau nach ihrer Hochzeit ausschließlich um Haus und Garten kümmern sollte, das wäre schließlich genug Arbeit. Hätten wir gemeinsame Kinder gehabt, um die sie sich hätte kümmern müssen, hätte ich ihre Denkweise sicherlich auch noch verstanden, aber die hatten wir nun einmal nicht. „Hörst du schlecht?“, keifte sie weiter und riss mir die Decke vom Körper, ehe sie sich genüsslich auf die andere Seite drehte und weiter schlief, während ich meinen müden Körper aus dem Bett hievte. Natürlich nachdem ich den Wecker ausgeschaltet hatte.
Während ich meine Jeans und das braune Muskelshirt anzog, betrachtete ich Roberta, die laut vor sich hin schnarchte. Wie hatte ich diese Frau bloß heiraten können, fragte ich mich immer wieder.
Vor vier Jahren hatten wir uns das Ja-Wort gegeben und das auch nur, damit ich wieder jemanden an meiner Seite hatte, nachdem Emilie mich und unsere drei Jungs am Silvesterabend 2011 verlassen hatte. Sie hatte angeblich urplötzlich das Bedürfnis gehabt, mit einem anderen Mann eine Familie zu gründen und reichte die Scheidung ein. Mich traf es damals wie ein Schlag mit dem Holzhammer, denn ich war immer der Meinung gewesen, dass wir eine gute Ehe führten. Während ich auf den Baustellen in Florenz Geld verdiente, kümmerte sich Emilie, so wie es Robertas klassische Vorstellung war, um die Kinder und schmiss den Haushalt. Ich war zufrieden mit unserem Leben, aber Emilie anscheinend nicht. Als sie weg war, hatte ich gar nicht vor, wieder zu heiraten, denn für mich war immer klar, dass ich im Leben nur einmal vor den Traualtar treten und dann mit dieser Frau bis zu meinem oder ihrem Tod zusammen leben würde. Doch meine Familie sah das anders. „Du kannst nicht alleine bleiben.“, sagte mein Vater immer wieder. „Wie sieht das aus, wenn ein Mann ohne Frau dasteht? Es ist schon peinlich genug, dass ein Puccini von seiner eigenen Ehefrau verlassen wird. Aber dann auch noch alleine zu bleiben ist vollkommen inakzeptabel.“
Und wie es der Zufall so wollte, zog nur wenige Monate nach der Scheidung ein älteres Ehepaar mit seiner erwachsenen Tochter in das Nachbarhaus meiner Eltern. Also arrangierte mein Vater kurzerhand eine Willkommensfeier, auf der Roberta, die Tochter des älteren Ehepaars, und ich uns kennenlernten. Roberta war ebenfalls frisch geschieden, allerdings hatte nicht, wie in meinem Fall, sie ihren Mann verlassen, sondern ihr Mann sie. Da es in Italien zum Teil noch immer eine Schande war, geschieden zu werden, zogen Robertas Eltern mit ihrer Tochter kurzerhand von Pisa nach Florenz, um dem Gerede der Leute zu entgehen. Wir trafen uns nach unserem ersten Kennenlernen ein paar Mal, gingen zusammen ins Kino und machten Ausflüge in den Park mit meinen Jungs. Fünf Monate später standen wir vor dem Traualtar und gaben uns das Eheversprechen.
„Denk daran, den Müll mit raus zu nehmen“, murmelte Roberta mir noch unfreundlich im Halbschlaf hinterher, als ich die Schlafzimmertür hinter mir zuzog. Es war wirklich unglaublich: selbst während sie schlief, fielen ihr immer wieder Dinge ein, die ich noch zu erledigen hatte. War sie die Hausfrau oder ich?! Ich war wütend, aber natürlich nahm ich den Müll mit raus, denn täte ich es nicht, wäre das erste, was mich am Abend, wenn ich nach Hause käme, erwarten würde, eine gehörige Standpauke und darauf konnte ich wirklich gut verzichten. Roberta konnte unglaublich ausfallend und laut werden, obwohl sie nur eine kleine, zarte Person war, der man dies nicht ansatzweise zutraute. Manchmal wurde sie so wütend, dass sie mit Gegenständen um sich schmiss, dass es nur so knallte. Kein Wunder, dass ihr erster Mann sie verlassen hatte. Diese Stärke besaß ich jedoch irgendwie nicht, denn eine Ehe gab man nicht auf, wenn man sich erst einmal dafür entschieden hatte. Schließlich hieß es ja auch immer In guten, wie in schlechten Zeiten. Allerdings fragte ich mich, wann bei uns endlich mal die guten Zeiten anbrechen würden.
Während ich meinen düsteren Gedanken nachhing, klingelte mein Handy. Es war natürlich mein mittlerer Sohn Jona. „Pronto“, meldete ich mich und hörte mir an, was er wollte, obwohl ich es im Grunde genommen bereits wusste, denn es war stets dasselbe. „Sì, ich komme gleich, aber gib mir noch zehn Minuten, ich muss noch die Hunde füttern.“ Ein wenig genervt legte ich auf, denn nun schaffte ich es nicht einmal mehr, wenigstens noch eine Tasse Espresso zu trinken, da ich Jona zur Universität nach Florenz fahren musste. Er wohnte nur ein paar Häuserblocks von uns entfernt und verpasste regelmäßig den Bus. Da ich wollte, dass er sein Studium erfolgreich beendete, war es mir natürlich wichtig, dass er pünktlich zu seinen Seminarkursen erschien und so fuhr ich ihn in solchen Situationen stets mit dem Wagen.
Im Schnelldurchlauf fütterte ich noch unsere fünf Welpen, schnappte mir den Müll und schmiss den Motor meines bereits recht alten Jeeps an. Es war erst kurz nach sechs Uhr, als ich mit Jona Richtung Florenz fuhr, doch die Straßen waren bereits völlig verstopft und ich hoffte, ich schaffte es noch pünktlich bis um Sieben auf Donatellas Anwesen zu sein. Die alte Dame duldete keine Unpünktlichkeit und zog erbarmungslos eine Menge vom Lohn ab, wenn es einmal später wurde. Auch, wenn Arbeiten nicht hundertprozentig so ausgeführt wurden, wie sie sich das vorstellte, gab es weniger Geld und es war häufig so, dass sie nicht zufrieden mit mir war. Dabei war ich mir stets sicher, meinen Job mehr als gewissenhaft zu erfüllen.
„Holst du mich später wieder ab?“ fragte Jona beim Verlassen des Wagens. Es war eher eine rhetorische Frage, denn ich sammelte ihn fast täglich am späten Abend wieder mit ein, wenn ich Luca, meinen jüngsten Sohn von seiner Arbeitsstelle in einem Restaurant in der Nähe von Florenz abholte. Er war gerade neunzehn Jahre alt und verdiente sich neben der Ausbildung zum Mechaniker noch etwas Geld als Kellner dazu, um sich irgendwann ein eigenes Auto leisten zu können. „Certo, bis später.“
Nervös schaute ich während der Fahrt immer wieder auf die Uhr und war mir sicher, dass ich es nicht schaffen würde, um sieben bei der Arbeit zu sein. Und natürlich behielt ich Recht, denn als ich ankam, war es bereits fünf Minuten später.
„Du bist zu spät“, ertönte auch sogleich Donatellas schrebbelige Stimme, als sie mich am Eingangstor mit ihrer Liste der Dinge, die ich an diesem Tag zu erledigen hatte, empfing.“ „Entschuldigen Sie“, setzte ich zu einer Erklärung an, die sie jedoch nicht hören wollte.
„Dann wirst du heute eben länger hier sein“, sagte sie mit gereiztem Unterton und drückte mir ihre Liste in die Hand. „Wenn du nachher fertig bist, will ich mir ansehen, ob du heute in der Lage warst, die Dinge ordentlich zu erledigen. Du weißt, wenn es nicht so ist, werde ich dir weniger bezahlen.“
Wie konnte ein Mensch nur so kühl und herzlos sein?! Seit einem Jahr arbeitete ich hier auf dem Anwesen und nicht ein einziges Mal hatte es auch nur ein nettes Wort oder gar ein Lob aus Donatellas Mund gegeben. Hätte ich nicht dringend einen Job gebraucht, hätte ich sicherlich niemals hier angefangen, aber auf dem Arbeitsmarkt sah es derzeit so schlecht aus, dass ich nicht wählerisch sein konnte. Natürlich hatte ich zwischendurch versucht, etwas anderes zu bekommen, aber für einen Mann in meinem Alter gab es scheinbar nichts mehr.
„Wir treffen uns heute Abend um sieben hier am Tor.“ Mit diesen Worten drehte Donatella sich um, stützte sich auf ihren Stock und ging zurück Richtung Haus. Ich fuhr meinen Wagen auf das hintere Gelände und entschied mich dazu, zunächst den kaputten Zaun auf der Ostseite zu reparieren. Manchmal wusste ich gar nicht, wozu ich mir überhaupt all die Mühe machen sollte, denn das komplette Grundstück war so verkommen, dass ich alleine gar nicht darüber Herr werden konnte. Donatella hatte neben einigen Gebäuden und einem riesigen Garten noch eine unglaublich große Fläche mit etwa dreihundert Olivenbäumen und hätte eine Menge daraus machen können, doch interessierte sie sich nicht dafür. Ich hatte ihr, als ich bei ihr anfing, vorgeschlagen, mich um den passenden Beschnitt und die Ernte zu kümmern, woraufhin sie mich aus schmalen Augen streng anblickte. „Was du hier tun kannst, dass sage ich dir dann schon. Ich brauche keine guten Ratschläge und meine Bäume lass mal schön in Ruhe.“
So verfaulten die reifen Früchte im Herbst und die Zweige wucherten in den kommenden Monaten weiter kreuz und quer, sodass die Aussicht auf eine ertragreiche nächste Ernte ohnehin schlecht stand. Es war eine Schande, denn wenn einem schon so eine wundervolle Pracht zur Verfügung stand, sollte man sich auch angemessen darum kümmern. So ging man meines Erachtens nicht mit den Geschenken der Natur um. Doch was verstand ich scheinbar schon davon?! Für Donatella war ich einfach nur ein dummer kleiner Arbeiter, der froh sein konnte, mit seinen zweiundfünfzig Jahren überhaupt noch einen Job zu bekommen.
