Wo der Weizen blüht - Nadine Bogner - E-Book
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Wo der Weizen blüht E-Book

Nadine Bogner

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Beschreibung

Nach dem Tod ihrer Großmutter Anna tritt Alexandra deren Nachfolge an der Spitze des Familienunternehmens an, das jedoch kurz vor dem Ruin steht. Alexandra ist fest entschlossen, ihr Erbe zu erhalten. Ein Brief ihrer Großmutter und eine alte Holzkiste mit Annas Erinnerungen aus ihrer Jugend jedoch geben Alexandra Rätsel auf: Hat die kühle Geschäftsfrau Anna das Familienunternehmen absichtlich ins Verderben geführt? Alexandra begibt sich auf Spurensuche und stößt auf ein siebzig Jahre altes Geheimnis, das auch ihr eigenes Leben für immer verändern könnte.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

9. KAPITEL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

21. KAPITEL

22. KAPITEL

1943

23. KAPITEL

24. KAPITEL

25. KAPITEL

26. KAPITEL

27. KAPITEL

28. KAPITEL

29. KAPITEL

30. KAPITEL

31. KAPITEL

32. KAPITEL

33. KAPITEL

Impressum

Nadine Bogner

Wo der Weizen blüht

Roman

Denk an mich – ich will zum Vater geh’n!

Denk an Dich – ich will Dich wiederseh’n!

1. KAPITEL

2008

Der Winter ist eine mächtige Jahreszeit: Er lässt Lippen farblos und Glieder taub werden, begräbt ganze Straßenzüge unter seinen weißen Schneedecken. Er weckt in mir den tiefen Wunsch, mich in einer warmen, schützenden Höhle zu verkriechen und nie wieder hervorzukommen.

Der Winter passt zu einem Tag wie diesem.

Kronberg steht in geschwungenen Lettern auf dem hellen Grabstein aus Marmor, und darunter: Claussen. Ich hefte meinen Blick auf die Buchstaben, während der dunkle Sarg langsam in das wieder geöffnete Grab hinabgelassen wird.

Meine Großmutter mochte den Winter nicht. Ihre Liebe galt dem Sommer mit seinen farbenprächtigen Wiesenblumen, von denen immer ein üppiger, zart duftender Strauß auf dem Sekretär in ihrem Schlafzimmer stand. Ihr letzter Weg hätte durch ein Blumenmeer führen sollen, nicht durch trüben Nieselregen an einem klirrend kalten Februartag.

Einige der wenigen Trauergäste reiben sich fröstelnd die behandschuhten Hände, andere vergraben sie tief in den Manteltaschen, während der Priester das Vaterunser spricht. Ihre Wangen und Nasen sind gerötet.

Die unspektakuläre Beisetzung im kleinen Kreis passt nicht zu meiner Großmutter. Zeit ihres Lebens stand sie stets im Mittelpunkt des Geschehens und immer hatte es den Anschein, als würde die Welt sich ausschließlich um sie drehen. Für diesen Tag jedoch hat sie sich das Gegenteil gewünscht: Nur die Familie und engsten Freunde sollen dabei sein, wenn sie für immer der Erde übergeben wird.

Ich werfe meinen Eltern neben mir einen kurzen Seitenblick zu. Mein Vater starrt mit zusammengepressten Lippen auf das geöffnete Grab, während meine Mutter seine Hand drückt. Ihr dunkelrot gefärbtes Haar hebt sich auffallend von der dunklen Trauerkleidung ab.

Hinter den beiden stehen Jakob und Marina Claussen – Jakob lächelt mir aufmunternd zu.

Heute aber kann niemand mich trösten: Mit einem dumpfen Geräusch setzt der Sarg auf der harten Erde auf. Zurück bleibt nur noch ein klaffendes Loch. Ich wende den Blick ab und betrachte stattdessen wieder den marmornen Grabstein: Kronberg. Claussen.

Eine eisige Böe fegt über die Gräber hinweg und wirbelt den Kies unter unseren Füßen auf; beinahe so, als wolle meine Großmutter uns einen letzten Gruß hinterlassen.

Ich ziehe die Schultern hoch, um mich vor der Kälte zu schützen. »Ruhe in Frieden, Anna«, sage ich leise.

*

Die Stimmen der Trauergäste sind im Obergeschoss der Villa nur noch gedämpft zu vernehmen. Der vertraute Geruch nach Papier und einem Hauch von Parfüm steigt mir in die Nase, als ich leise die Tür zum Schlafzimmer meiner Großmutter hinter mir schließe und erschöpft in den samtenen Ohrensessel sinke.

Wie oft habe ich hier in den letzten achtundzwanzig Jahren wohl bereits gesessen und den Gärtnern durch das große Fenster bei der Pflege der Parkanlage zugesehen, während meine Großmutter an ihrem Sekretär am anderen Ende des Raumes über Bilanzen oder Geschäftsabschlüssen brütete? Jedes Mal habe ich mir beim Blick aus dem Fenster vorgestellt, wie es gewesen sein muss, damals, viele Jahre zuvor: Damen, die in prächtigen Kleidern und mit Sonnenschirmen über den perfekt getrimmten Rasen spazieren, während ihre Ehemänner, einflussreiche Geschäftsmänner mit Zigarre in der einen und einem Glas teuren Brandy in der anderen Hand, mit meinen Urvätern über Stoffpreise und neue Muster verhandeln.

So oder ähnlich muss es sich zugetragen haben zu der Zeit, als Claussen & Kronberg ohne nennenswerte Konkurrenz eines der führenden Textilunternehmen des Landes gewesen ist. Schon als Kind habe ich in dem Ohrensessel gekauert und den Erzählungen meiner Großmutter gelauscht, begierig jedes noch so winzige Detail über diese Jahre in mich aufgesaugt, das Anna preisgab. Während sie mir die Firmengeschichte erzählte, saß sie auf ihrem Bett, die Tagesdecke über ihren Schoß ausgebreitet, egal, ob Winter oder Sommer, und beantwortete geduldig meine zahlreichen Nachfragen. An anderen Tagen wiederum erfand ich beim Blick in den Park meine eigenen Geschichten über die Vergangenheit von Claussen & Kronberg. Meine Großmutter las dabei häufig in einem abgegriffenen Buch mit rotem Einband. Über all die Jahre war es immer dasselbe Buch.

In diesem Schlafzimmer habe ich die meiste Zeit mit ihr verbracht – welcher Ort wäre also besser dafür geeignet, sich von ihr zu verabschieden?

Draußen trommeln mittlerweile dicke Regentropfen gegen die Fensterscheiben und obwohl erst früher Nachmittag ist, ist es bereits so düster, dass ich die alte Leselampe auf dem Beistelltisch neben dem Ohrensessel anschalten muss. Unschlüssig drehe ich den hellen Umschlag in den Händen. Ist tatsächlich schon der richtige Zeitpunkt gekommen, um ihn zu öffnen? Oder sollte ich besser bis nach der Trauerfeier warten?

Das Kuvert trägt das Logo von Claussen & Kronberg in der oberen linken Ecke. Wenige Tage vor ihrem Tod überreichte Großmutter mir den Umschlag mit der eindringlichen Bitte, ihn erst nach ihrer Beisetzung zu öffnen. Wenn es etwas gibt, das sie mir nur in einem Brief sagen konnte, muss es von großer Bedeutung sein. Seitdem sich der Umschlag in meinem Besitz befindet, habe ich ihn unzählige Male geöffnet, meine Neugierde wegen Annas Wunsch aber immer wieder gezügelt. Jetzt brenne ich darauf, den Inhalt des Briefes zu erfahren.

Kurz entschlossen öffne ich den Umschlag und hole tief Luft. Gespannt entfalte ich zwei dicht beschriebene Briefbögen und beginne zu lesen.

Liebe Alexandra!

Es gibt Dinge, die lassen sich leichter niederschreiben, als sie von Angesicht zu Angesicht zu eröffnen. Daher bitte ich Dich, keinen Groll gegen mich hegen, wenn Du nun folgende Zeilen liest.

Von jeher haben die beiden Familien Claussen und Kronberg unser Unternehmen gemeinsam geführt. Von Generation zu Generation wurde dieses Erbe weitergetragen, bis es schlussendlich die Aufgabe von Benson Claussen und mir war, Claussen & Kronberg so erfolgreich weiterzuführen, wie unsere Väter und Großväter dies getan hatten. Ich kann wohl behaupten, dass wir stets unser Bestes für das Unternehmen gegeben haben, um es auch weiterhin für unsere Kinder und Kindeskinder zu erhalten, damit auch Ihr ein unbesorgtes Leben führen könnt.

Nun hat der Lauf der Zeit auch vor der Textilbranche nicht Halt gemacht und vieles hat sich in den vergangenen Jahren verändert, was auch Claussen & Kronberg vor große Herausforderungen gestellt hat.

Meine liebe Alexandra, ich weiß, dass Du von klein auf ein großes Interesse an unserem Unternehmen hattest und Dich sehr darauf freust, mehr Verantwortung zu übernehmen und zusammen mit Jakob die Geschäfte zu führen.

Jedoch sollst Du wissen, dass die letzten Jahre nicht spurlos an uns vorübergezogen sind und Claussen & Kronberg nicht mehr das Unternehmen ist, das uns über so viele Jahre hinweg ein unbeschwertes Leben ermöglicht hat. Die Dinge stehen nicht zum Besten und Jakob und Du werdet Euch mit Euren Vätern über das Fortbestehen des Unternehmens auseinandersetzen und vielleicht auch schwere Entscheidungen treffen müssen.

Ich weiß, dass all das für Dich sehr überraschend und schwer zu glauben sein muss – niemand von uns wollte Jakob oder Dich mit Zukunftsängsten und Problemen belasten. Da nun aber auch meine eigenen Tage gezählt sind, fühle ich mich dazu verpflichtet, Dir diese Umstände mitzuteilen, bevor Du Dich mit Freude an Deine Arbeit bei Claussen & Kronberg machst. Sämtliche Details wird Dein Vater Dir zu gegebener Zeit erläutern.

Alexandra, ich möchte, dass Du weißt, dass für Dich und auch für Jakob keinerlei Verpflichtung besteht, Claussen & Kronberg unter allen Umständen zu halten, weil sich das Unternehmen seit mehr als hundert Jahren im Familienbesitz befindet. Ihr beide werdet nach Euren Vätern das Unternehmen übernehmen und niemand wird Euch für Eure schlussendliche Entscheidung verurteilen, ganz egal, wie sie auch ausfallen mag.

Ich wünsche mir, dass Du tust, was Du für richtig hältst und was für Dich selbst die beste Entscheidung ist. Tu‘ nicht das, was andere von Dir erwarten, und treffe eine Entscheidung nicht nur, um andere nicht zu enttäuschen – es ist Dein Leben, Alexandra, und darum entscheidest nur Du, was richtig oder falsch für Dich ist.

Als du jünger warst, hast Du mich oft danach gefragt, was ich im linken Flügel meines Kleiderschrankes aufbewahre, weil er stets verschlossen war.

Nun, sein Inhalt hilft Dir vielleicht bei Deiner Entscheidung – in meinem Sekretär findest Du den notwendigen Schlüssel, um all das zu erfahren, was Du bisher nicht über Deine alte Großmutter wusstest.

Ich wünsche Dir ein Leben, in dem alles nach Deinen Vorstellungen und Wünschen geschieht, und alles Glück der Welt!

Deine Großmutter Anna

Einige Sekunden lang starre ich ungläubig auf die Buchstaben, ehe ich verstört den Kopf schüttele. Von Schwierigkeiten in unserem Familienunternehmen weiß ich nichts. Will meine Großmutter mit ihren Worten tatsächlich andeuten, dass sich Claussen & Kronberg in einer Krise befindet?

Ich lese die Zeilen ein zweites und ein drittes Mal, der Sinn der Worte jedoch bleibt derselbe. Resigniert lege ich das schwere Briefpapier neben der Leselampe auf dem Beistelltisch ab und sehe den Regentropfen dabei zu, wie sie dumpf gegen die Fensterscheibe prasseln, um dann in einem nicht abreißenden Strom an ihr hinunterzurinnen.

Als die Tür geöffnet wird, schwillt das Stimmengewirr aus dem Erdgeschoss an.

»Hier bist du«, sagt Jakob und schließt die Tür wieder hinter sich, bevor er das Zimmer durchquert und direkt vor mir stehen bleibt. Sein braunes Haar ist noch zerzaust von den Böen, die während Annas Beerdigung über den Friedhof gefegt sind, und er mustert mich aufmerksam. »Ist alles in Ordnung?«

Ich schüttele den Kopf und deute auf die Briefbögen. »Ich habe gerade Annas Nachricht gelesen.«

Jakob blickt mich mit erhobenen Augenbrauen weiter an. »Und?«

»Lies‘ selbst«, fordere ich ihn auf. »Was sie schreibt, betrifft uns offensichtlich beide.«

Während Jakob die dicht beschriebenen Blätter vom Beistelltisch nimmt und sich auf Annas Bett niederlässt, richte ich meinen Blick wieder auf den Park vor dem Fenster. Selbst die herrlich gepflegte Anlage wirkt heute grau und trostlos, ein Abbild meiner gegenwärtigen Gefühle.

Was ist mit Claussen & Kronberg passiert, das weder Jakob noch ich mitbekommen haben? Warum hinterlässt meine Großmutter mir lediglich einen Brief, sodass ich ihr keine Fragen mehr stellen kann? Ich habe immer geglaubt, ein gutes und offenes Verhältnis zu Anna gehabt zu haben. Die Großmutter, mit der ich so viel Zeit verbracht habe, hätte mit wichtigen Mitteilungen nicht bis nach ihrem Tod gewartet – in den Familien Claussen und Kronberg kommt immer alles unverzüglich und ungeschönt auf den Tisch.

Annas Brief beunruhigt mich daher zutiefst.

Der Regen wird immer stärker, trommelt unerträglich laut gegen die Fensterscheibe. Ein stechender Schmerz fährt mir durch die Schläfen, sodass ich für einen Moment sogar die Augen schließen muss.

Mit besorgtem Blick gibt mir Jakob die Briefbögen zurück. »Das verstehe ich nicht.« Er fährt sich mit der linken Hand durchs Haar. Er zerzaust es dabei noch mehr. »Was soll das bedeuten?«

»Ich weiß es nicht. Es klingt, als würde Claussen & Kronberg in ernsten Schwierigkeiten stecken – aber das ist doch absurd, oder?«

Jakob sieht genauso ratlos aus, wie ich mich fühle. »Natürlich ist es das. Die Auftragsbücher sind voll, wir haben die Villa...« Er hebt die Schultern. »Aber warum sollte Anna so etwas schreiben, wenn es nicht stimmt?«

Ich massiere meine schmerzenden Schläfen. »Wir müssen mit unseren Vätern reden. Hoffentlich wissen die beiden, was hier vor sich geht.«

Als ich mich bereits erheben will, schüttelt Jakob entschieden den Kopf. »Nicht jetzt während der Trauerfeier, Alex.«

Resigniert lasse ich die Hände auf die Armlehnen des Sessels fallen. »Was schlägst du dann vor? Wir können doch nicht einfach hier sitzen und nichts tun!«

Ich fühle mich wie ein unwissendes Kind, dem niemand das Verkraften der Wahrheit zugetraut hat. Die Bedeutung der Worte will sich mir nicht erschließen, ich verstehe nicht, was sie mir sagen wollen, und ahne es gleichzeitig doch. Claussen & Kronberg ist Jakobs und mein Erbe – dass das Unternehmen in Gefahr sein könnte, ist so unvorstellbar wie angsteinflößend.

Jakob bleibt wie immer ruhig. »Was ist mit dem Schrank? Anna schreibt, du sollst dir den Inhalt ansehen.«

Der letzte Absatz von Annas Brief hallt in meinem Kopf nach. Ich kann mich vage daran erinnern, dass ich meine Großmutter als Kind öfter nach dem Inhalt der linken, stets verschlossenen Hälfte ihres Kleiderschranks gefragt, aber nie eine Antwort erhalten habe. Was hat ausgerechnet dieser Schrank mit Claussen & Kronberg oder Jakobs und meiner Zukunft zu tun?

Seufzend erhebe ich mich aus dem Sessel und gehe auf den alten, kostbaren Sekretär mit geschnörkelten Verzierungen zu, der die Westseite des Raums dominiert. Wahllos ziehe ich eine Schublade nach der anderen auf: Papierstapel, Füllfederhalter, Akten – und dann, in der untersten Schublade, versteckt unter einem längst vergessenen und zerfledderten Fotoalbum, ein kleiner Messingschlüssel.

»Was kann sie schon Interessantes in diesem Schrank weggesperrt haben?«, frage ich, ohne mich zu Jakob umzudrehen. Ich nehme den Schlüssel aus der Schublade und drehe ihn unschlüssig zwischen den Fingern. Der Schmerz in meinen Schläfen pocht nun heftiger. Was gab es im Leben meiner Großmutter, das ich erst nach ihrem Tod erfahren sollte?

»Ich weiß es nicht, Alex, schließen wir doch einfach auf.«

Jakob nimmt mir den Schlüssel und damit die Entscheidung ab. Er tritt an Annas imposanten Kleiderschrank und dreht den unscheinbaren Schlüssel kraftvoll im Schloss der linken Flügeltür. Mit einem leisen Knarzen gleitet sie auf.

Eine dunkle, abgenutzte Holzkiste ist alles, was ich sehe.

»Na, ein Schatz ist das jedenfalls nicht.« Jakob geht vor den Schrank in die Knie und zieht die Kiste heraus. »Die Aufregung war wohl umsonst.«

Es ist mittlerweile so schummrig im Raum, dass ich außer ihren Umrissen nicht viel von der Kiste erkennen kann. »Stell‘ sie auf den Tisch.« Ich deute auf die Leselampe neben dem Fenster. »Dort kann man besser sehen.«

Die Kiste ist aus billigem Holz gefertigt, das an allen Seiten splittert. Es ist dunkel und verwittert und das Schloss hängt lose in den Angeln. Die demolierte Holzkiste passt genauso wenig in Annas teuer eingerichtetes Schlafzimmer wie der Inhalt ihres verstörenden Briefes.

»Bereit?«, fragt Jakob und hebt vorsichtig den Deckel der Kiste an.

Als Erstes sehe ich die Kette. Es sind kleine, blaue Murmeln, aufgefädelt an einer einfachen schwarzen Schnur, Wolle vielleicht. Die Murmeln funkeln im Licht der Leselampe.

»So etwas hat Anna getragen?« Jakob holt die Kette vorsichtig aus der Kiste und dreht sie prüfend in den Händen. »Sieht aus, als hätte ein Kind sie gemacht.«

»Ich habe sie noch nie gesehen.«

Jakob hat recht: Die Kette ist so einfach gefertigt, als wären hier Kinderhände am Werk gewesen und sie wirkt wie ein Relikt aus einer fremden Welt. Ist es das? Ein vergessener Gegenstand aus Annas Kindheit?

Ich beuge mich wieder über die Kiste. Als Nächstes kommt ein Buch zum Vorschein. Der rote, abgegriffene Einband und die goldenen Lettern, mit denen der Titel aufgedruckt ist, sind mir ungemein vertraut. Schnell werfe ich einen Blick auf das kleine Nachtkästchen neben Annas Bett und da liegt es: Das gleiche Buch, ein identisches Exemplar, die Geschichte, die sie immerzu gelesen hat. »Weshalb bewahrt sie ein zweites Exemplar in dieser alten Holzkiste auf?«, frage ich verwundert.

Der süßliche Geruch von altem Papier und Druckerschwärze weht mir entgegen, als ich das Buch aufschlage. Auf der ersten Seite steht mit verblasster Tinte eine Widmung geschrieben: Für die wachen Nachtstunden, in denen die Bibliothek zu fern ist. Weihnachten 1941. Anna.

Jakob, der über meine Schulter hinweg mitgelesen hat, legt den Kopf schief. »Weihnachten 1941«, sagt er nachdenklich. »Wie alt ist Anna damals gewesen?«

Ich rechne kurz nach. »Sechzehn.« Gleich darauf schüttele ich ungläubig den Kopf. »Ihr Name steht unter der Widmung, also hat sie das Buch verschenkt. Warum bewahrt sie es dann auf und nicht die beschenkte Person?«

Jakob betrachtet die geschwungenen Buchstaben der Widmung. »Die interessantere Frage ist doch: Wem hat sie dieses Buch geschenkt?«

Darauf weiß ich keine Antwort. »Benson?«, rate ich.

Jakob schüttelt entschieden den Kopf. »Sie schreibt: Für die wachen Nachtstunden, in denen die Bibliothek zu fern ist. Das klingt, als wäre der Beschenkte ein begeisterter Leser gewesen. Ich habe meinen Großvater nie mit einem Buch in der Hand gesehen.«

Erneut weiß ich nichts zu erwidern. Obwohl wir die Kiste erst vor wenigen Augenblicken geöffnet haben, wirft ihr Inhalt bereits jetzt mehr Fragen auf, als er uns Antworten liefert. Was bezweckst du nur damit?, frage ich meine Großmutter im Stillen.

Jakob hat derweil nach dem nächsten Gegenstand gegriffen und hält ihn ins Licht.

»Was ist das?«, frage ich erstaunt.

»Das könnte ein alter Dachziegel sein.« Jakob begutachtet den seltsamen Gegenstand in seiner Hand ausführlich von allen Seiten. »Zumindest ein Teil davon.«

Das Ziegelstück ist alt und verwittert, dunkel und schmutzig und nur etwa doppelt so groß wie meine Handfläche. Es ist von unzähligen kleinen Rissen durchzogen. Ich lege das Buch mit dem roten Einband auf dem Tisch ab, um das neue Fundstück genauer betrachten zu können. Verständnislos starre ich es an. »Warum sollte meine Großmutter einen kaputten Dachziegel in dieser Kiste aufbewahren? Das ergibt überhaupt keinen Sinn!“

Jakob zuckt mit den Schultern. »Warum hat sie eine einfache Murmelkette und ein altes Buch aufbewahrt, das sie offenbar jemand anderem geschenkt hat?«

Ich begreife nicht, was all das zu bedeuten hat. Was sind das für eigenartige Gegenstände? Warum hat meine Großmutter sie in dieser alten Holzkiste versteckt und dafür gesorgt, dass sie erst jetzt, nach ihrem Tod, gefunden werden? Und warum wollte sie, dass Jakob und ich diejenigen sind, die den über Jahrzehnte hinweg verschlossenen Schrank öffnen?

»Da ist noch etwas«, sagt Jakob, als er erneut in die alte Holzkiste späht. Er greift hinein und zieht einen dicken, zerknitterten Stapel Papier hervor sowie unzählige, mit einer alten Paketschnur zusammengebundene Briefe, die er mir mit erhobenen Augenbrauen reicht.

Die Briefe sind allesamt an Fräulein Anna von Kronberg adressiert, wie ich nach kurzem Durchsehen feststelle. Sie sind vergilbt und knittrig.

Jakob hält den dicken Papierstapel vor mein Gesicht. Wo der Weizen blüht, steht auf dem obersten Blatt geschrieben. Es ist dieselbe dunkle Tinte, mit der die Widmung in dem Buch geschrieben ist, das Anna zu Weihnachten verschenkt hat.

»Wo der Weizen blüht?« Jakob kratzt sich am Kopf. »Wo soll das sein?«

Ich blättere vorsichtig durch die alten Seiten. Sie sind dicht beschrieben in Annas vertrauter, schwungvoller Handschrift, an vielen Stellen geknickt und mit Flecken übersät. Bestimmt sind es mehrere hundert Seiten. Ab und an springt mir Bensons Name ins Auge, aber da sind auch andere, unbekannte Namen. »Ob das wohl eine Art Tagebuch ist?«, murmle ich.

»Anna war nicht der Typ, der Tagebuch schreibt.« Jakob blickt die eigenartigen Gegenstände aus der alten Holzkiste der Reihe nach an, die nun allesamt ausgebreitet vor uns liegen.

Ich folge seinem Blick. Das Buch, der kaputte Dachziegel, die unscheinbare Kette aus Murmeln, unzählige Briefe und schließlich der dicke Papierstapel, Wo der Weizen blüht. »Jakob«, sage ich und die stechenden Kopfschmerzen, die mich bis gerade eben noch gequält haben, sind auf einmal verschwunden. Es ist nur ein flüchtiger Gedanke, eine feine Intuition, aber sie sagt mir, dass dies nicht nur wahllos zusammengewürfelte Erinnerungsstücke sind. Hinter den scheinbar unbedeutenden Gegenständen verbirgt sich eine Geschichte; eine, von der bisher niemand etwas geahnt hat und die etwas mit Claussen & Kronberg zu tun hat. Die etwas mit mir zu tun hat.

»Jakob, ich glaube, das ist sehr wohl ein Schatz.«

2. KAPITEL

1938

Es sind die ersten Schritte, die wir auf den Straßen des kleinen Städtchens gehen, aber bereits jetzt bin ich fest davon überzeugt, dass hier niemals mein Zuhause sein wird.

Nichts erinnert an den Glanz von Münchens Straßen oder an die herrlichen Abendveranstaltungen in den prunkvollen Räumen unserer Villa: Ein Häuschen lehnt sich schwerfällig gegen das andere, es sind kleine, zweistöckige Bauten mit schiefen Dächern; eine Backstube, eine Metzgerei, ein Schusterladen – mehr gibt es nicht. Sogar der Asphalt der Straßen ist anders als in München; grauer, schmutziger, löchriger.

Unsere Unterkunft ist laut Vati eine der schönsten im Ort, direkt am Marktplatz am Fuße einer kleinen Anhöhe gelegen, welche hinauf zur örtlichen Kirche führt, und dennoch ist das Haus an Einfachheit nicht zu übertreffen: Es ist dunkel und schmucklos, mit niedrigen Decken und kleinen Räumen. Mein Schlafzimmer ist beinahe so klein wie die Kammer der Haushälterin auf dem Dachboden und im größten Raum des Hauses, der sich Salon schimpft, drängen sich Tisch, Sofa und Mutters Flügel so eng aneinander, dass man kaum noch Luft bekommt. Es ist wahrlich eine beschämende Behausung.

Entnervt wische ich mir mit dem Handrücken die Schweißperlen von der Stirn. Es ist erst kurz nach neun Uhr am Morgen, aber bereits jetzt brennt die Sonne wie sonst nur zur Mittagszeit vom Himmel.

Meinen dreizehnten Geburtstag habe ich mir anders vorgestellt. Mit Benson oder Tante Charlotte im weitläufigen Park hinter unserer Villa bei einem Glas Limonade sitzend würde ich gespannt auf Vatis abendliche Rückkehr aus der Fabrik warten und mir ausmalen, aus welch edlem Stoff das neue Kleid wohl sein würde, das er wie jedes Jahr als Geschenk mitbringen würde. Es wäre ein glücklicher, gedankenloser Tag. Wie jeder Tag in München, wo ich hingehöre.

Stattdessen bin ich in diesem verschlafenen Örtchen mehr als zwei Stunden entfernt von München in einem viel zu kleinen Bett erwacht, in einem Haus, das diese Bezeichnung nicht verdient - und das nur, weil Mutter seit Wochen ihr Schlafzimmer nicht mehr verlassen hat und Vati glaubt, dieser schäbige Ort mit seiner Landluft würde ihre Genesung unterstützen.

Benson hingegen scheint sich an unserem niederschmetternden Schicksal überhaupt nicht zu stören. Sein fröhliches Pfeifen durchbricht die morgendliche Stille, während er, die eiserne Milchkanne schwingend, gut gelaunt neben mir die kleine Anhöhe hinaufläuft. Ich schnaube verächtlich. Mit den ersten Worten, die Mutter seit Wochen gesprochen hat, schickte sie uns doch tatsächlich zu dem direkt neben der Kirche gelegenen Bauernhof, um ihr frische Milch zu holen.

Ein Bauernhof!

Wir werden Vatis Freunden und Geschäftspartnern in München nicht mehr unter die Augen treten können, sollten sie jemals etwas davon erfahren. Mein Protest jedoch ist auf taube Ohren gestoßen, denn Benson, dem es überhaupt nichts auszumachen scheint, wohin Vati uns verfrachtet hat, hat mich kurzerhand mit sich aus dem Haus gezogen. Nur das Versprechen, das ich Vati geben musste, Mutter unter keinen Umständen aufzuregen, hat mich davon abgehalten, seine Hand wegzuschlagen und einfach wieder umzukehren. Ich kann nicht fassen, wie Mutter auf den Gedanken kommt, Benson und mich die Arbeit eines Hausmädchens verrichten zu lassen.

Wir sind am Bauernhof angelangt, nicht einmal hundert Meter von unserer eigenen Bleibe entfernt. Das Holztor steht offen und gibt den Blick auf den Hof frei: An der Stirnseite erstreckt sich ein hohes, weitläufiges Stallgebäude. Rechts davon befindet sich eine alte Scheune aus dunklem, verwittertem Holz. Zu unserer Linken ragt das Bauernhaus in den wolkenlosen Himmel – ein dreistöckiges, massives Gebäude mit Fensterrahmen aus hellem Holz und blassgelbem verblichenen Anstrich. Unter dem Fenster neben der ebenfalls hölzernen Eingangstür steht eine kleine Sitzbank und zwischen Haus und Stallgebäude ist ein kleiner Verschlag eingequetscht, aus dem aufgeregtes Gackern dringt.

Ich habe eine ärmliche Ansammlung von altertümlichen Stallungen erwartet, ein heruntergekommenes, schmuddeliges Bauernhäuschen aus dem letzten Jahrhundert – der Hof jedoch wirkt überraschend gepflegt. Der festgetrampelte Lehmboden ist sauber und aufgeräumt, nirgendwo liegt Unrat herum. Ein paar Hühner flattern aus dem Verschlag zwischen Haus und Stallgebäude, wohl von unserer Ankunft aufgescheucht, sonst ist alles still. Es ist niemand zu sehen.

Die Sonnenstrahlen lassen Bensons blondes Haar golden leuchten, als er den Hof betritt und dabei die Milchkanne so heftig schwingt, dass ihr Deckel laut klappernd auf und ab hüpft. »Hallo?«, ruft er. »Ist jemand zu Hause?«

Ich bleibe entschlossen am Tor stehen, die Arme vor der Brust verschränkt. Unter keinen Umständen werde ich diesen Bauernhof betreten, egal, was Mutter uns aufgetragen hat – soll Benson die Milch nur alleine holen.

Auf Bensons Rufen hin steckt ein Mädchen den Kopf aus dem großen Stallgebäude. Ihr dichtes, dunkles Haar ist zu zwei Zöpfen geflochten und sie hat ein rundes, kindliches Gesicht. Bestimmt ist sie jünger als Benson und ich, elf vielleicht, höchstens zwölf.

Sie mustert uns neugierig. »Ja, bitte?«

Benson hebt schmunzelnd die Milchkanne. »Wir haben gehört, bei euch gibt es Milch zu kaufen.«

Das Mädchen nickt eifrig und wischt sich die Hände an der schmutzigen Schürze ab, die um ihre Hüften gebunden ist. Dann drückt sie die Stalltür einen Spalt weiter auf und winkt uns einladend zu sich heran. »Ich melke gerade. Kommt nur herein!«

»In den Stall?«, frage ich entsetzt.

Das Mädchen wirft mir einen verunsicherten Blick zu und Benson dreht sich lachend zu mir um. »Natürlich in den Stall. Oder denkst du, die Kühe stehen im Salon?«

»In welchem Salon?«, fragt das Mädchen irritiert.

»Du glaubst doch nicht, dass ich einen Kuhstall betrete!« Ich schüttele heftig den Kopf. »Sieh dir nur einmal mein teures Kleid an! Und überhaupt, Benson, ein Kuhstall! Nein, nein, das schlag‘ dir schön aus dem Kopf, ich bleibe hier und rühre mich nicht vom Fleck.«

Benson, der bereits einige Schritte auf den Stall zugegangen ist, schlendert zu mir zurück und packt mit der freien Hand meinen rechten Arm. »Nun zier‘ dich nicht so! Es ist doch alles halb so schlimm.«

Ich versuche, mich aus seinem Griff zu winden, aber er ist stärker als ich. Mühelos zerrt er mich über den Hof bis zum Stall, wo das fremde Bauernmädchen uns mit offenem Mund anstarrt.

»Hast du vergessen, woher du kommst?«, zische ich entrüstet und schüttele meinen Arm, aber Benson denkt überhaupt nicht daran, loszulassen.

Auf seinem Gesicht erscheint ein boshaftes Grinsen. »Ein ländliches Abenteuer ist genau das, was ich schon immer einmal mit dir zusammen erleben wollte.« Und mit diesen Worten schiebt er mich an dem verdutzten Mädchen vorbei in den Stall.

Der Geruch nach frischem Heu, warmer Milch und unsäglichen Ausdünstungen schlägt mir entgegen. Knapp ein Dutzend Kühe stehen Seite an Seite in kleinen, abgetrennten Bereichen und verjagen mit zuckenden Kopfbewegungen lästige Fliegen, die zuhauf um sie herumschwirren. Ich presse mit Daumen und Zeigefinger meine Nasenlöcher zusammen, um den Gestank nicht einatmen zu müssen, und weiche angewidert zwei Schritte zurück, als das mir am nächsten stehende Tier neugierig den Kopf hebt, um an mir zu schnuppern. Wie kann Benson mich nur in diesen widerwärtigen Kuhstall zwingen!

Das Bauernmädchen ist uns gefolgt und bewundert mit glänzenden Augen unverhohlen mein Kleid aus dunkelblauer Seide.

Ich erwidere ihren Blick gehässig. »Etwas so Kostbares hast du sicher in deinem ganzen Leben noch nicht gesehen, was?«

»Wir sind gestern in das Haus am Ende der Straße eingezogen«, fährt Benson dazwischen. Er klaubt eine Handvoll Heu vom Boden und betrachtet es wie einen wertvollen Schatz. Dabei hat er sich so geschickt hinter mich gestellt, dass es mir unmöglich ist, ungehindert an ihm vorbei den Stall wieder zu verlassen.

»Ich rede nie wieder ein Wort mit dir!«, knurre ich erbost.

Die dunklen Augen des fremden Mädchens weiten sich und sie schlägt tatsächlich die Hand vor den Mund. »Das große Haus am Ende der Straße? Aber es gingen Gerüchte um, dass dort die Kronbergs einziehen sollen!«, klingt es gedämpft zwischen ihren Fingern hervor.

Sie spricht den Namen mit einer solchen Ehrfurcht aus, dass ich beinahe lachen muss. Man weiß also bereits Bescheid. Ich straffe die Schultern. Gut so, das ganze erbärmliche Städtchen soll wissen, dass wir nichts mit dem Leben und den Menschen hier gemein haben.

Benson lässt das Heu wieder zu Boden rieseln und grinst. »Nun, wenn die Gerüchte das sagen...«

»Aber das ist doch nicht möglich!«, stammelt das Mädchen und ihr Blick huscht dabei hektisch zwischen Benson und mir hin und her. Mit den weit aufgerissenen Augen macht sie beinahe ihren Kühen Konkurrenz.

Draußen auf dem Hof erklingt eine fremde Stimme. »Lisa? Lisa, wo bist du denn?«

»Ich bin hier!« Das Mädchen wendet ihren Blick keine Sekunde von Benson und mir ab und für einen Moment vergesse ich meinen Ekel und meine Wut und lächle. Sie ist völlig überrumpelt davon, wen sie hier vor sich stehen hat.

Ein Junge in Bensons und meinem Alter mit demselben braunen Haar wie Lisa erscheint in der Stalltür. Er trägt ein verblichenes, wohl ehemals weißes Hemd, dessen Ärmel bis zu den Ellbogen aufgekrempelt sind, und mustert Benson und mich flüchtig. »Wir haben Besuch?«, fragt er an das Mädchen gewandt.

Lisa nickt heftig. »Stell dir vor, sie sind die Kronbergs! Und sie wollen Milch bei uns kaufen!« Jetzt überschlägt sich ihre Stimme beinahe.

Ihre Begeisterung schwappt nicht zu dem Jungen über. Er lehnt sich gegen die Stallwand und sieht wieder zu Benson und mir, aber während er seinen Blick über mein Kleid gleiten lässt, steht in seinem Gesicht keineswegs dieselbe Bewunderung, die unser Erscheinen bei seiner offenbar jüngeren Schwester ausgelöst hat. Nein, tatsächlich zeigt er nicht die geringste Reaktion. Er sieht Benson und mich an wie ganz gewöhnliche Kinder aus seinem heruntergekommenen Städtchen.

Angriffslustig starre ich zurück, die Arme vor der Brust verschränkt. Den Jungen scheint es überhaupt nicht zu kümmern, wer wir sind.

»Nun, dann ist es wohl an der Zeit, dass wir uns vorstellen«, sagt Benson in die gespannte Stille hinein. Er verbeugt sich theatralisch. »Gestatten: Anna von Kronberg und Benson Claussen von Claussen & Kronberg.«

»Ihr seid es also tatsächlich!«, haucht Lisa ergriffen.

Benson lacht sein lautes Jungenlachen. »Leibhaftig und in Farbe!«

»Ein ungewöhnlicher Name«, sagt der Junge an der Stallwand leise. »Benson.«

Benson reckt stolz das Kinn. »Ein amerikanischer Name!«

Der Junge scheint zu überlegen, während er zwischen Benson und mir hin und her blickt, als würde er nach etwas suchen. Schließlich strafft er die Schultern und stößt sich von der Stallwand ab. »Johann. Ich heiße Johann.«

Johanns Gesicht hat noch keine Regung gezeigt, seit er den Stall betreten hat. Er ist nicht unfreundlich, jedoch auch nicht sonderlich zuvorkommend, eine Reaktion, die uns so noch niemand entgegengebracht hat, erst recht nicht ein einfacher Bauernjunge. Er mustert kurz meinen Versuch, mir mit gespreizten Fingern Luft zuzufächeln, um mir den Gestank des Kuhmists vom Leib zu halten, dann deutet er schließlich auf die Milchkanne in Bensons Hand. »Die Milch kostet dreißig Pfennige.«

»Ich muss sagen, die Bedienung hier lässt sehr zu wünschen übrig!«, sage ich mit einem bösen Seitenblick auf die immer noch starrende Lisa und muss von den feinen Staubkörnern, die aus dem Heu vom Boden aufsteigen und sich beim Sprechen ihren Weg in meinen Mund bahnen, husten.

Ich will diesem furchtbaren und unwürdigen Ort endlich entfliehen, will zurück nach München, zurück in mein Zuhause. Mein Kleid wird sich mit dem Gestank der Kühe vollgesogen haben, ebenso mein Haar und meine Haut und ich werde ein langes Bad nehmen müssen, um all die scheußlichen Gerüche zu vertreiben. Und all das ausgerechnet an meinem Geburtstag! Ich fühle mich wie in einem furchtbaren Traum, aus dem mich niemand weckt. Nein, das hätte Vati mir nicht antun dürfen!

Johann sieht mich bei meinen Worten mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht an und Lisa nimmt Benson eifrig die Milchkanne ab. »Natürlich, die Milch!« Sie eilt zu einer der Kühe, neben der ein altersschwacher, hölzerner Schemel steht und beginnt zu melken.

Angewidert wende ich das Gesicht ab. Wenn dieses furchtbare Schauspiel nicht innerhalb der nächsten Minute beendet ist, werde ich all meine Kraft aufwenden und Benson aus dem Weg schubsen, um aus dem Stall zu fliehen.

Benson, der meine Gedanken wohl erraten hat, verschränkt die Arme vor der Brust und grinst mich spöttisch an, während das Schmatzen der wiederkäuenden Kühe in meinen Ohren klingelt. »Ein ländliches Abenteuer, Anna«, wiederholt er seine Worte von vorhin und ich möchte ihn am liebsten erwürgen.

»Wir verkaufen jeden Tag frische Milch«, vernehme ich dann wieder Lisas Stimme. Sie steht auf und reicht Benson die bis zum Rand gefüllte Milchkanne. »Ihr könnt jeden Morgen herkommen.«

»Bestimmt nicht!«, sage ich entschlossen.

»Mit dem größten Vergnügen!« Benson breitet die Arme aus und seine Stimme klingt viel zu begeistert. Der Deckel der Milchkanne klappert gefährlich. »Mir gefällt es bei euch!«

Ich ziehe mit der freien Hand ungeduldig an seinem Ärmel. »Komm jetzt, Benson!«, sage ich scharf. »Wir gehen.«

»Ihr habt Anna gehört.« Benson blickt die Bauernkinder entschuldigend an und schmunzelt. »Gegen sie verliert man früher oder später immer. Für heute müssen wir leider gehen.«

»Für heute und für den Rest unseres Lebens!«, zische ich, während wir endlich hinaus auf den Hof treten und ich es wieder wage, einen tiefen Atemzug zu nehmen. Erleichtert sauge ich die warme Sommerluft ein. Diesen unsäglichen Ort werde ich kein zweites Mal betreten.

Benson drückt Johann ein paar Münzen in die Hand und will noch etwas sagen, aber ich ziehe ihn energisch fort, als auch noch drei Hühner, die vor dem Stall mit ihren Schnäbeln in den Lehmboden picken, sich gackernd um uns scharen wollen. Von Lisa und Johann verabschiede ich mich nicht.

»Bist du verrückt?«, fahre ich Benson an, kurz bevor wir das Hoftor erreichen. »Du benimmst dich, als wärst du einer von ihnen!«

»Ich weiß überhaupt nicht, was du immer hast, Anna. Es ist doch schön hier!«

»Schön!« Ich spucke das Wort beinahe aus. Der Gestank im Stall hat Benson wohl das Gehirn vernebelt!

Am Hoftor drehe ich mich noch einmal um. Johann und Lisa stehen noch immer vor dem Stall. Lisa lächelt selig, Johanns Gesichtsausdruck ist weiterhin undurchsichtig. Er blickt uns nach, ohne dass zu erkennen wäre, was er denkt.

Ich schüttele entschieden den Kopf und beschleunige meine Schritte. Es ist völlig unbedeutend, was diese einfachen Bauernkinder von uns denken – wenn ich nur nie wieder diesen Bauernhof betreten muss.

Das Gackern der Hühner verfolgt Benson und mich bis zu unserem Haus, genau wie der Duft nach Sommer, der über dem Städtchen hängt.

*

Feine Staubkörnchen haben sich an die Fensterscheibe geheftet und lassen das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor meinen Augen unscharf werden. Es ist ein kleines, gedrungenes Häuschen mit dunklen Fensterläden und einem winzigen Vorgarten, der fast vollständig von einem imposanten Apfelbaum eingenommen wird. Seine langen, starken Äste reichen über den windschiefen Zaun auf den Gehweg hinaus.

Das Häuschen wirkt wie ein Puppenhaus; es ist winzig und unbedeutend, beinahe so, als existiere es überhaupt nicht. Eine Sinnestäuschung.

Seufzend trete ich vom Fenster zurück. Bis heute Morgen habe ich selbst noch auf eine Sinnestäuschung gehofft. Das Städtchen, der Bauernhof mit den unsäglichen Kühen, der euphorischen Lisa und ihrem schwer einzuschätzenden Bruder, mein trostloses Dasein fernab von München – all das kann nichts weiter als bloße Einbildung sein.

Seit ich vor einer Stunde erneut in dem viel zu kleinen Schlafzimmer erwacht bin, muss ich mir jedoch eingestehen, dass sich die letzten beiden Tage nicht nur in meinem Kopf abgespielt haben: An meinem Geburtstag gab es weder luxuriöse Geschenke oder ein teures Abendessen, stattdessen einen Ausflug in einem stinkenden Kuhstall. Ich bin tatsächlich hier.

Es klopft leise an der Tür und Erna, das neue Hausmädchen, erscheint im Türrahmen. »Fräulein Anna, Ihre Frau Mutter wartet bereits im Salon.«

Beim Gedanken an das gemeinsame Frühstück mit Mutter dreht sich mir der Magen um. Allein ihr habe ich dieses Exil schließlich zu verdanken: Hätte sie in den letzten Monaten öfter ihr Schlafzimmer verlassen, wäre ich überhaupt nicht hier.

Ich folge Erna widerwillig die Treppe hinunter und ärgere mich einmal mehr über den Zustand unserer vorübergehenden Bleibe: Die Wände sind kahl und farblos, die Treppen zu eng mit alten, knarzenden Dielen und einem wackeligen Handlauf, es ist düster.

So muss auch das Bauernhaus von Johanns und Lisas Familie aussehen. Möglicherweise träume ich doch.

Benson sitzt bereits an der Tafel im Salon, die diese Bezeichnung nicht verdient hat - es finden ja kaum zehn Menschen daran Platz. Ungeduldig klopft er mit einem Löffel auf die gestärkte Tischdecke. »Offenbar schläfst du in deinem neuen Bett hervorragend«, sagt er, anstelle mir einen guten Morgen zu wünschen. »Es wäre nett, müsste ich deswegen aber nicht mit knurrendem Magen hier sitzen.«

Ich ignoriere seine Stichelei und setze mich ihm gegenüber. Obwohl auch heute ein strahlender Sommertag bevorsteht, ist es düster im Salon; schwere, dunkle Vorhänge vor den Fenstern sperren alles Licht aus und trüben die Atmosphäre zusätzlich. In diesem Haus fühle ich mich wie in einem Gefängnis und zur Not würde ich mittlerweile auch zu Fuß zurück nach München laufen. Alles ist erträglicher, als kostbare Lebenszeit in diesem trostlosen Städtchen verschwenden.

Mutter sitzt an der Stirnseite des Tisches, wo sonst Vatis Platz ist. Wie immer ist sie tadellos gekleidet und frisiert und blickt Benson und mich schweigend an. Ich weiche ihrem Blick aus, kann ihren Anblick kaum ertragen. Mutter war noch nie eine besonders gesellige Person, aber in den letzten Monaten haben wir kaum mehr als zehn Sätze miteinander gewechselt. Ich weiß nicht, warum sie sich wochenlang in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen und mit kaum jemandem gesprochen hat, nicht einmal mit Vati. Aber ihr Verhalten ist der Grund dafür, warum Benson und ich zusammen mit ihr in dieses Städtchen geschickt wurden und uns München genommen wurde. Benson mag sich daran vielleicht nicht stören, ich jedoch nehme Mutter diesen Umstand mehr als übel.

Immerhin ist sie heute zum Frühstück erschienen.

Erna trägt das Essen auf und schenkt Kaffee ein. Benson macht sich gierig über Brot und Eier her und lässt sich mehrmals Speck auf den Teller häufen. Ich habe keinen Appetit und kaue missmutig auf einer Scheibe Brot. Mutter hüstelt leise, ansonsten ist alles still.

Wäre Vati nur hier! Er hat uns, seine Familie, von seinem Chauffeur Ferdinand in das Städtchen bringen lassen, ohne uns zu begleiten. In zwei Wochen, so hat er versprochen, wird er uns besuchen kommen, um zu sehen, wie es uns in der neuen Heimat ergeht. Er selbst kann als Leiter von Claussen & Kronberg freilich nicht fort aus München, aber ich kann das genauso wenig: Womit soll ich mir in diesem Städtchen die Zeit vertreiben? Es gibt hier weder ein Kaffeehaus, in dem man gemütlich mit Tante Charlotte sitzen, noch einen Englischen Garten, durch den man spazieren kann. Genau genommen gibt es überhaupt nichts.

Maximal ein Jahr, so hat Vati gesagt, maximal ein Jahr werden Benson und ich mit Mutter an diesem fürchterlichen Ort leben müssen, dann wird Mutter soweit genesen sein, dass eine Rückkehr in unsere Münchner Villa möglich ist.

Ein Jahr!

Bei dem Gedanken, ein ganzes Jahr in diesem düsteren Haus mit der schweigenden Mutter gefangen zu sein und womöglich an jedem Tag den Kindern vom benachbarten Bauernhof zu begegnen, vergeht mir auch der letzte Rest an Appetit. Schlecht gelaunt werfe ich die erst halb aufgegessene Brotscheibe auf meinen Teller zurück und starre Mutter nun doch böse an.

Da sitzt sie, schweigend und abwesend wie an den meisten Tagen, rührt mit einem winzigen Löffel in ihrer Kaffeetasse und scheint durch Benson und mich hindurchzusehen. Ihre Haut hat eine ungesunde Blässe und die hellblauen Augen, die ich von ihr geerbt habe, scheinen etwas anderes wahrzunehmen als den Salon, denn sie reagiert weder auf Bensons lautstarkes Kauen noch auf die wütenden Blicke, mit denen ich sie taxiere. Sie, die die Schuld an dieser verfahrenen Situation trägt, tut so, als wäre sie überhaupt nicht hier.

»Nun, Anna«, sagt Benson mit vollem Mund und ein hinterhältiges Grinsen erscheint auf seinem Gesicht, »Erna braucht auch heute wieder frische Milch. Und da wir ja sowieso nichts mit unserer Zeit anzufangen wissen, habe ich ihr unseren Botendienst zugesagt.«

Wütend sehe ich zu ihm auf. »Tust du es nun Vati gleich und triffst ebenfalls für mich Entscheidungen? Wenn dir dieser Bauernhof so gut gefällt, dann verrichte meinetwegen Ernas Arbeit, aber ohne mich.«

Benson wirft die weiße Stoffserviette auf seinen Teller und lehnt sich zurück. »Komm schon, Anna, schreibe die arme Lisa und ihre Kühe doch nicht sofort ab. Das Mädchen scheint dich gern zu haben!«

»Das ist mir gleich«, erwidere ich säuerlich. »Ich verabscheue diesen Bauernhof und alle, die dort leben.«

»Und was willst du sonst tun?« Benson wippt mit dem Stuhl vor und zurück, wofür Vati ihn getadelt hätte, wäre er hier. »Ein Kaffeehaus gibt es hier schließlich nicht.«

Verärgert blicke ich in sein grinsendes Gesicht. Benson weiß genau, dass ich nichts mehr verabscheue als Langeweile. Untätig in diesem fürchterlich kleinen Haus herumzusitzen kommt für mich einer Bestrafung gleich und Benson setzt diesen Umstand gnadenlos gegen mich ein. »Warum muss ich unbedingt dabei sein?«, will ich wissen. »Du kommst doch auch gut alleine zurecht.«

Mit einem dumpfen Geräusch kommt Bensons Stuhl wieder auf allen vier Beinen zum Stehen. »Denkst du, ich lasse mir dein Gesicht beim Anblick der Kühe entgehen, wenn ich dich noch einmal in den Stall schleife?«

*

Ein paar aufgeregte Hühner flattern uns entgegen, als wir das geöffnete Hoftor passieren, und Benson verscheucht sie lachend mit der Milchkanne. Wie tags zuvor steckt auf Bensons Rufen hin Lisa den Kopf aus der Stalltür und winkt uns einladend zu sich. Hier scheint alles immer denselben Gang zu gehen.

»Das freut mich aber, dass ihr kommt!« Strahlend nimmt Lisa Benson die Milchkanne aus der Hand. »Gefällt es euch bei uns?«

Benson folgt Lisa nach einem auffordernden Blick in meine Richtung in den Stall, zerrt mich heute jedoch nicht einfach mit sich, also bleibe ich demonstrativ auf dem Hof stehen. Ich werde keinen Fuß mehr in die Nähe dieser stinkenden Kühe setzen.

»Ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt noch einmal mitgekommen bin«, murmle ich verdrossen und halte mein Gesicht in die Sonne. Die Sonnenstrahlen kribbeln auf meiner Haut und stünde ich nicht auf einem Bauernhof in einem kleinen, öden Städtchen, wäre es ein herrlicher Sommer.

Die Tür des Bauernhauses wird geöffnet und zwei Jungen treten in die Morgensonne heraus. Einer von ihnen ist Johann, der Junge vom Vortag, Lisas Bruder. Der andere ist groß und schlaksig und sein Haar so blond wie das von Benson. Ich schätze ihn auf mindestens fünfzehn.

Johann hat mich entdeckt und bleibt verwundert stehen. »Anna«, sagt er und mustert mich vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen. »Was stehst du denn hier herum?«

»Ich warte auf Benson«, erwidere ich und deute auf den Kuhstall. »Ich werde nie wieder dort hineingehen.«

»So, nie wieder.« Um Johanns Mundwinkel zuckt es und er steckt die Hände in die Taschen seiner Hosen.

Ich sehe ihn ärgerlich an. »Jawohl, nie wieder! Wir bleiben nicht lange hier – bald schon sind wir wieder zurück in München.«

Johann hebt die Schultern. »Ich halte euch nicht auf.«

Sein Gesicht bleibt ernst, aber in seinen Augen blitzt kurz etwas auf, Belustigung vielleicht.

Trotzig recke ich ihm mein Kinn entgegen. Dieser Johann soll nur nicht auf die Idee kommen, über mich zu lachen!

»Von dir würde ich mich auch nicht aufhalten lassen«, sage ich, um das letzte Wort zu haben.

Der zweite Junge wirkt abwesend und scheint gar nicht daran zu denken, sich mir vorzustellen. Er sieht geradewegs durch mich hindurch.

Ich schüttele verstimmt den Kopf und beschwöre in Gedanken ungeduldig Benson, endlich wieder aus dem Stall zu kommen. Keine Minute länger ertrage ich diesen Ort!

»Morgen musst du mir das Melken einmal ganz genau zeigen!« Bensons Stimme dringt fröhlich über den Hof, als er Lisa, die gefüllte Milchkanne in der Hand, aus dem Stall folgt. »Es ist bestimmt ganz leicht.«

Ich drehe mich um und sehe ihn finster an. »Melken? Du? Das meinst du ja wohl nicht ernst!«

»Oh, Anna, du hast unseren Bruder Max ja bereits kennengelernt!«, plappert Lisa sofort los. Sie strahlt, was ihr kindliches Gesicht noch runder wirken lässt, und deutet auf den Jungen neben Johann.

Max hebt bei den Worten seiner jüngeren Schwester lediglich kurz den rechten Mundwinkel, bleibt jedoch weiterhin stumm. Ein seltsamer Junge.

Die Glocken im benachbarten Kirchturm kündigen die volle Stunde an und ich bedeute Benson mit einer ungeduldigen Handbewegung, sich zu verabschieden. Er hat seine Milch bekommen, es gibt keinen Grund, noch länger auf dem Hof zu bleiben.

Lisa jedoch klatscht aufgeregt in die Hände. »Jetzt kennt ihr zwar Max, aber noch nicht den Rest unserer Familie. Kommt nur mit ins Haus, ich stelle euch allen vor!«

Ich hebe entsetzt die Hände. »Bestimmt nicht!«

Diese Lisa kommt auf die absurdesten Gedanken. Sie glaubt offenbar tatsächlich, Benson und ich interessieren uns für ihre Familie, für ihr Leben. Zwar gibt es in diesem Städtchen nichts Besseres, womit man sich die Zeit vertreiben kann, aber lieber sitze ich ohne Beschäftigung in unserem furchtbaren Haus am Marktplatz, als mehr Zeit als nötig auf diesem Bauernhof und mit Lisa und Johann zu verbringen.

Meine Haltung scheint Johann zu belustigen, denn er schüttelt lächelnd den Kopf.

»Warum lachst du denn?«, fahre ich ihn an. »Ich will eure Familie ja überhaupt nicht kennenlernen!«

Bensons Finger umschließen mein Handgelenk und er wirft mir das ihm eigene spöttische Grinsen zu. »Sei nicht unhöflich, Anna. Lass uns allen Hallo sagen.«

»Du kannst deine Zeit gerne in einem Bauernhaus und im Kuhstall verbringen«, fauche ich, »aber ich werde das bestimmt nicht tun. Lass mich los, Benson!«

Meine Lippen beben bei diesen Worten vor Zorn. Nicht genug, dass Vati uns aus unserem Leben gerissen und mit Mutter in dieses trostlose Städtchen geschickt hat, nein, Benson muss mich auch in einen Kuhstall und in ein Bauernhaus zwingen! Wir haben nichts zu schaffen mit diesen Leuten und Benson scheint das nach nur zwei Tagen völlig vergessen zu haben. Oh, wenn ich doch nur einfach fortlaufen könnte!

Unwillig lasse ich mich von Benson über die Türschwelle ins Bauernhaus ziehen.

Im Flur ist es düster. Das einzige kleine Fenster direkt neben der Eingangstür wird von einer großen dunklen Vase verdeckt, aus der halb verdorrte Zweige ragen. Rechts davon führt eine einzelne Stufe zu einer verschlossenen Tür und daneben ist eine Art hölzerne Falltür in den Boden eingelassen, die wohl der Zugang zum Keller des Hauses ist. Am Ende des Flurs kann ich im Dämmerlicht eine schmale Treppe ausmachen, die ins Obergeschoss führt.

Eine altersschwache Kommode aus grobem Holz lehnt an der Wand gegenüber der Falltür, auf ihr ein blinder Spiegel mit kitschiger Goldverzierung.

Lisa hüpft fröhlich an der Spitze unserer kleinen Gruppe voran und führt uns nach links in einen noch düsteren Durchgang, bevor sie schließlich vor einer weißen Tür stehenbleibt, von der der Lack abblättert.

Ein solches Haus habe ich noch nie gesehen. Es ist kleiner als jedes andere Haus, in dem ich bisher gewesen bin, kleiner noch als das unsägliche Haus am Markplatz, das für das kommende Jahr mein Zuhause sein soll, ohne Stil, ohne Geschmack, einfach und pragmatisch.

Hinter der Tür sind Stimmen zu vernehmen und ich erwäge kurz, auf dem Absatz kehrt zu machen und aus dem Haus zu laufen. Aber dann würde in Johanns Augen sicher wieder das belustigte Funkeln aufblitzen und diesen Triumph gönne ich dem Bauernjungen auf keinen Fall.

Ich will nichts wissen von dem Städtchen und dem Hof, nichts von Lisa und Johann und Max und deren Familie und trotzdem stehe ich nun hier in dem düsteren Bauernhaus und von meinem Leben ist kaum noch etwas übrig.

Hinter der weißen Tür verbirgt sich die Küche. Kräftige Sonnenstrahlen blenden mich, als Lisa uns hineinwinkt. Sie dringen durch ein großes Fenster an der Stirnseite des Raums, von wo aus man direkt auf die Mauer blickt, die den angrenzenden Kirchenvorplatz umgibt.

An einem großen Holztisch in der Mitte des Raumes sitzen neben einem hochgewachsenen Mann mit hellem Haar drei jüngere Kinder und blicken uns aus großen Augen an. Neben dem Fenster steht ein altes, zerschlissenes Sofa an der Wand und vor einem alten Holzofen mit Herd kniet eine dickliche, dunkelhaarige Frau vor einem Sack Kartoffeln. Als sie uns bemerkt, richtet sie sich auf und mustert Benson und mich mit einem zurückhaltenden, beinahe scheuen Blick. Sie trägt ein dunkles Kittelkleid, das um ihre ausladenden Hüften spannt und mit Flicken übersät ist, und ihr Haar ist im Nacken zu einem nachlässigen Knoten zusammengefasst. Sie muss in Mutters Alter sein, wirkt aber mindestens zehn Jahre älter: Um ihren Mund haben sich bereits erste Falten in die Haut gegraben und ihre Haltung ist leicht gebeugt.

»Das ist unsere liebe Mutter.« Lisa stellt sich neben die Frau. Sie haben dieselben dunklen Augen. »Mutter, das sind Anna und Benson. Sie kaufen Milch bei uns.«

Lisas Mutter lächelt schüchtern. »Hallo. Ich heiße Rosa.« Ihre Stimme ist dünn und leise, als habe sie Angst davor, zu sprechen.

»Hallo Rosa! Einen hübschen Hof habt ihr hier.« Benson begrüßt sie so überschwänglich, als wäre sie eine langjährige Bekannte.

»Oh, vielen Dank.« Rosas Lächeln wird eine Spur breiter und ihre Augen wandern von Benson zu mir. Es dauert einige Sekunden, bis sie das Wort auch an mich richtet.

»Hallo... Anna?«

Rosa ist ein verschüchtertes Frauchen, das den Hof sicher nicht oft in ihrem Leben verlassen hat, das erkenne ich sofort. Sie wirkt sogar uns Kindern gegenüber unsicher, aber irgendetwas in ihrem Gesicht, in ihrem Blick lässt mich meine bissige Erwiderung hinunterschlucken. Sie sieht freundlich aus, warmherzig. Wie eine Mutter. »Anna, ja«, sage ich deshalb nur.

»So, die Kronbergs also.«

Die Stimme des Mannes klingt gepresst und übellaunig. Er hat bisher stumm am Tisch neben den Kindern gesessen, nun hat er sich auf seinem Stuhl zurückgelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt mustert er Benson und mich abschätzend. Er trägt einen Schnauzer und blickt uns aus kalten grauen Augen an.

»Eure Anwesenheit hat sich bereits herumgesprochen«, sagt er trocken. »Was treibt so feine Pinkel wie euch hierher?«

»Bitte... « Rosas leises Stimmchen dringt nur schwach durch die Küche.

Was fällt diesem ungehobelten Bauer ein, sofort mit Beleidigungen um sich zu werfen? »Wissen Sie, man muss auch die andere Seite des Lebens kennenlernen«, erwidere ich und lasse meinen Blick durch die einfache Bauernküche schweifen. »Wie es sich anfühlt, nicht so privilegiert zu sein wie wir es sind.« Zufrieden beobachte ich, wie sich die Lippen des Mannes zu einem verärgerten Strich verziehen. »Respekt hat man euch wohl nicht beigebracht«, knurrt er. »Da hilft auch das viele Geld nichts.«

Er starrt mich an, als würde er mich am liebsten packen und aus dem Haus werfen. Aber ich habe keine Angst. Nicht vor ihm, nicht vor einem Bauern.

Ausgerechnet Lisa rettet die Situation, indem sie sich neben den verärgerten Mann stellt und reihum auf alle am Tisch Sitzenden deutet: »Das sind unser Vater und unsere jüngeren Geschwister Elsa, Georg und Karl.«

Die drei jüngeren Kinder tragen verschlissene Kleidung, vermutlich aufgetragen von ihren älteren Geschwistern, und keiner von ihnen rührt sich, während Max sich auf dem Sofa in der Ecke niederlässt und seine Mutter verlegen an ihrer Schürze nestelt.

»Da wir ja nun scheinbar alle Familienmitglieder kennen, ist es an der Zeit für uns, zu gehen.« Ich wende mich der Tür zu. Eine verängstigte Mutter und ein ungehobelter Vater, dazu nochmals drei Geschwister – diese Familie ist nun wirklich kein passender Umgang für Benson und mich. Ich werde Vati von den Zuständen hier berichten, dann hat dieser Spuk sicher bald ein Ende.

»Das ist eine hervorragende Idee.« Der Hausherr nickt bekräftigend und es ist ihm anzusehen, dass er uns nicht schnell genug loswerden kann. »Ihr passt nicht hierher.«

Mag er auch nur ein einfacher, verhärmter Bauer sein, in diesem Punkt stimme ich vollkommen mit ihm überein: Das Städtchen, dieser Hof, die Familie – mit nichts von alledem haben wir irgendetwas gemein.

Benson jedoch grinst. »Wir sind doch nun schließlich Nachbarn und Ihre Kühe geben herrliche Milch, wir kommen sicher öfter! Auf Wiedersehen!« Dann wendet er sich an die schüchterne Mutter, deren Blick unruhig durch den Raum wandert. »Auf Wiedersehen, Rosa!«

»Euer Vater kann Anna und mich nicht leiden«, sagt Benson an Lisa und Johann gewandt, die uns auf den Hof hinaus gefolgt sind. Er stellt die Milchkanne auf dem Boden ab und hält das Gesicht in die Sonne. »Mit ihm werden wir sicher noch so manchen Spaß haben!«

»Du redest, als würden wir den Rest unseres Lebens hier verbringen.« Ich verschränke die Arme vor der Brust. Benson geht mir auf die Nerven. Noch kein einziges Mal hat er sich gegen Vatis Entscheidung ausgesprochen. Er hat keinerlei Verständnis für mein Heimweh nach München, nach der Villa, nach unserem Leben. Es ist, als hätte er sein altes Ich über Nacht einfach abgestreift.

Niemand beachtet meinen Einwand. Auf Lisas rundem Gesicht ist ein glückliches Strahlen zu sehen. »Ach, unser Vater hat immerzu schlechte Laune. Ihr seid bei uns immer willkommen und wir freuen uns, wenn ihr kommt. Nicht wahr, Johann?«

Johann steckt die Hände in die Taschen seiner Hosen und sieht nicht uns alle, sondern nur mich an. Eine leichte Sommerbrise pustet ihm das braune Haar aus der Stirn, die leicht gekräuselt ist, als müsse er erst überlegen, ob er seiner Schwester zustimmen kann.

»Natürlich«, sagt er schließlich, aber seine Augen verraten nicht, ob er meint, was er sagt.

3. KAPITEL

1938

Am elften Tag nach unserer Ankunft in dem kleinen Städtchen betrete ich den Kuhstall des Bauernhofes ein zweites Mal.

In der vergangenen Woche habe ich mich geweigert, morgens mit Benson zu gehen. Die ewig gackernd über den Hof stolzierenden Hühner, die euphorische Lisa, die in Benson und mir bereits ihre neuen besten Freunde sieht und ihr unflätiger Vater – die Besuche auf dem Bauernhof waren kaum zu ertragen. Dazu Benson, der sich aufführte wie eines dieser Bauernkinder. Nein, das musste auf der Stelle ein Ende finden!

Benson jedoch brach weiterhin jeden Morgen auf, um frische Milch für Mutter zu holen. Schlimmer noch: Nachdem er die Milch bei Erna abgeliefert hatte, kehrte er auf den Bauernhof zurück. Er verbrachte mehrere Stunden am Tag mit Lisa und Johann und war immer bester Laune, wenn er am Nachmittag oder sogar erst kurz vor dem Abendessen – nach Tieren und Kuhmist stinkend - zurückkehrte. Ich fragte ihn nie, was in der vielen Zeit, in der er mit seinen neuen Freunden zusammen war, geschehen ist. Wir gehören nicht in dieses Städtchen und schon gar auf einen Bauernhof, und im Gegensatz zu Benson bin ich nicht bereit, das einfach zu vergessen.

Bald aber wurde es einsam ohne Benson. Sein Lachen füllt sonst den Raum und er weiß immer etwas, womit man sich die Zeit vertreiben kann. Nun jedoch saß ich Stunde um Stunde allein am Fenster meines Schlafzimmers und starrte auf den winzigen Vorgarten des gegenüberliegenden kleinen Hauses, sah den Früchten des üppigen Apfelbaums beim Wachsen zu und wusste nichts mit mir anzufangen. Mutter war keine große Hilfe, sie verließ ihr Schlafzimmer nur zu den Mahlzeiten und war auch dann wortkarg und in sich gekehrt wie immer.

Ich langweilte mich entsetzlich.

Heute, nach über einer Woche, rang ich mich dazu durch, Benson wieder zu begleiten. Mittlerweile erscheint mir alles erträglicher als das stumpfe Herumsitzen in dem stillen Haus – sogar der Bauernhof und Lisa und Johann. Bensons triumphierendes Grinsen begleitete mich den Hügel hinauf.

Aus sicherer Entfernung beobachte ich nun angewidert Lisa dabei, wie sie mit flinken Fingern die Kühe melkt und mehrere große Blecheimer mit der frischen Milch füllt. Benson sitzt auf einem zweiten Holzschemel neben ihr und verfolgt jeden ihrer Handgriffe. Er hat sich so weit nach vorne gebeugt, dass er beinahe gänzlich unter der Kuh verschwindet.

»Du wolltest den Stall doch nie wieder betreten«, sagt Johann. Er lehnt neben mir an der Stallwand und blickt bei seinen Worten nicht mich, sondern Bensons Rücken an.

Ich verscheuche entnervt eine Fliege, die sich auf meiner Schulter niederlassen will. »Glaub‘ nur ja nicht, dass es mir bei euch gefällt.«

Ich bin lediglich wegen der furchtbaren Langeweile hier, nicht um mit Johann oder seiner Schwester Freundschaft zu schließen.

»Nein?« Johann betrachtet noch immer Bensons Rücken, aber seine Lippen kräuseln sich zu einem milden Lächeln.

Im Stall stinkt es nach Exkrementen und überall schwirren Fliegen umher sowie Staubkörner, die auf der Kleidung und im Haar landen. Und Johann will sich offenbar über mich lustig machen. Ich bereue bereits, mich Benson am Morgen angeschlossen zu haben.

»Nein«, erwidere ich trotzig und schüttele heftig den Kopf. »Sieh‘ dich doch nur einmal um! Ich weiß, du kennst nichts anderes, aber wem gefällt schon ein stinkender Kuhstall? Mein Kleid wird schmutzig!«

»Vielleicht trägst du nächstes Mal besser ein älteres Kleid«, klingt Bensons Stimme dumpf unter der Kuh hervor, die von Lisa gerade gemolken wird.

Wenn er doch nur ein einziges Mal auf meiner Seite stehen würde! Ich verstehe nicht, wie er allem Gewohnten so schnell den Rücken kehren kann. Ist der Benson, mit dem ich aufgewachsen bin, bereits gänzlich verschwunden? Oder begreift er einfach nur nicht, dass es sich bei unserer Zeit in diesem abgeschiedenen Ort keineswegs nur um ein ländliches Abenteuer handelt, sondern dass es auf unbestimmte Zeit unser Dasein bestimmen wird? Dass es hier kein gesellschaftliches Leben gibt, keine Annehmlichkeiten, nur Kühe und stupide Eintönigkeit? Ich frage mich, ob Benson überhaupt bereits eine Sekunde daran gedacht hat, was dieser Umstand für uns, für mich bedeutet.

»Träumst du?«

Johanns Stimme reißt mich aus meinen düsteren Gedanken. Er hat seinen Blick von Benson abgewandt und sieht mich mit erhobenen Augenbrauen an.

»Ich wünsche mich nur endlich fort von hier«, murmle ich.

»Du bist nicht freiwillig hier.« Auf Johanns Gesicht erscheint ein wissendes Lächeln. »Wenn man gezwungen wird, an einem Ort zu sein, erscheint er einem viel schrecklicher, als er in Wirklichkeit ist.«

Ich starre ihn an. Was redet er da? Will er, ein einfacher Bauernjunge, mir etwa sagen, dass er versteht, wie ich mich fühle?

»Was weißt du schon!«, schnaube ich.

Johann hebt die Schultern. »Ich meine ja nur, dass es leichter wird, wenn du akzeptierst, dass du nun hier bist.«

»Ich soll... «, beginne ich, überlege es mir dann aber anders. Es hat keinen Sinn, mit ihm zu diskutieren. Wenn Benson schon nicht begreift, was in mir vorgeht, wie soll er es dann verstehen? Dieser Johann mit seinen altklugen Bauernweisheiten will sich nur wichtigmachen.

Er lächelt noch immer und ich bemerke erstmals die eigenartige Farbe seiner Augen. Es ist nicht dasselbe dunkle Braun wie bei Lisa oder ihrer Mutter Rosa, der Ton ist heller und wenn ich mich anstrenge, kann ich goldene Sprenkel im hellen Braun erkennen. Die Farbe erinnert mich an Mandeln.

Dann aber wende ich mich kopfschüttelnd ab. Warum verschwende ich überhaupt einen Gedanken an Johann? Es war eine dumme Idee, Benson erneut zu begleiten. Zweifellos muss ich für mich eine Beschäftigung finden, bei der ich nicht flach atmen oder laufend Fliegen verscheuchen muss.

»Fertig!«, hallt endlich Lisas Stimme durch den Stall. Sie wischt sich mit dem Handrücken ein paar Schweißperlen von der Stirn und steht auf. »Wir können die Milch nach draußen bringen.«

Johann und Benson tragen mit Lisa die vollen Blecheimer hinaus und ich stapfe erleichtert hinter ihnen her. In Gedanken schelte ich mich selbst eine dumme Gans: Wie konnte ich auch nur eine Sekunde lang glauben, Hof und Stall wären heute erträglicher als noch in der vergangenen Woche?

»Mutter füllt die Milch später in die Flaschen der Leute ab, die zu uns kommen und die Milch kaufen«, erklärt Lisa.

»Wo ist eure Mutter überhaupt?«, will ich wissen und blicke mich nach allen Seiten um. Bis auf die vor ihrem Holzverschlag durcheinanderstaksenden Hühner sind wir allein auf dem Hof. Die Bauernfamilie ist die größte Familie, die ich je gekannt habe, und doch trifft man immer zuerst auf Lisa und Johann.

»Sie sind alle schon früh zu den Feldern aufgebrochen.«

»Ihr habt Felder?«, fragt Benson. »Richtige Felder?«

Johann nickt. »Draußen vor der Stadt. Wir bauen Weizen an. Und Gerste.«

Ich seufze. Hühner, Kühe und eine Bauernfamilie, Felder, Weizen und Gerste. Mit nichts von alledem habe ich mich jemals beschäftigt und nun scheinen tatsächlich dies die Dinge zu sein, die meine Tage in dem Städtchen ausfüllen.

Wie an beinahe jedem Tag in diesem Sommer prickelt auch heute die Sonne auf meiner Haut und wärmt mein Gesicht. Eine kaum wahrnehmbare Brise lässt die Blätter in den Bäumen leise rascheln und ein süßlicher Geruch hängt in der Luft. Amseln pfeifen auf den Dächern und in den Bäumen fröhlich vor sich hin und befänden wir uns nicht auf einem Bauernhof, könnte es sogar schön hier sein, denke ich verdrossen.

Benson deutet auf das hölzerne Gebäude neben dem Stall. »Was bewahrt ihr in der Scheune auf?«

»Dort wird Stroh gelagert. Wollt ihr es euch ansehen?«

»Wir wissen, wie Stroh aussieht, in eurem Kuhstall liegt genug davon«, erwidere ich, aber Benson hat bereits begeistert zugestimmt und läuft voraus zur Scheunentür.

Kurz erwäge ich, erneut alleine auf dem Hof zurückzubleiben, schließe mich den dreien dann aber doch an. Wenigstens stehen in der Scheune keine Kühe.