3,33 €
Nach einer dreijährigen Ausbildung zur Meisterköchin in Italien ist Sofia zurück in ihre Heimat nach Dänemark gekehrt und möchte sich hier nun eine ganz neue Zukunft mit einer eigenen kleinen Café-Bar aufbauen. Doch das Leben scheint nicht damit einverstanden zu sein, dass Sofia in ihre neue Zukunft geht, ohne sich noch einmal gründlich mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt zu haben. Eine Vergangenheit, in der es eine Liebe gab, vor der sie am Ende regelrecht geflohen ist. Auch Sofias Großmutter Francesca wird, ebenso wie ihre Enkelin auf schmerzliche Weise daran gehindert, ihr Leben weiterzuleben wie bisher, denn auch sie hat eine unerfüllte Liebesgeschichte, die noch einmal näher beleuchtet werden will. Und so ist es nur ein winzig kleiner Moment, der alles wie eine Lawine ins Rollen bringt und das Leben der beiden Frauen noch einmal gründlich durcheinander wirbelt. Während Francesca sich jedoch zunächst eher unmerklich ihrer Vergangenheit nähert, stößt Sofia auf immer mehr unfassbare Geheimnisse, die sowohl ihre eigene Historie betreffen, als auch die, ihrer Großmutter. So wird irgendwann immer deutlicher, dass die Liebesgeschichten beider Frauen auf magische Weise zusammengehören. Doch was hat all das, was sich hier offenbart, zu bedeuten? Wird Sofia ihre Café-Bar jemals eröffnen können und wird Francesca tatsächlich noch einmal eine neue Richtung in ihrem Leben einschlagen?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2018
www.tredition.de
Über die Autorin:
Nadine Bogner ist staatlich anerkannte Erzieherin und leitet eine Kindertagesstätte in ihrer Heimatstadt Bielefeld.
Darüber hinaus ist sie Autorin, Komponistin und Hobby-Sängerin. Schon als Kind hat sie phantasievolle Geschichten und Songs verfasst und ihr Talent im Laufe der Jahre ausgebaut.
Wer mehr erfahren möchte, kann die Autorin auf ihrer Homepage www.NadineBogner.de oder auf der Profilseite bei www.tredition.de besuchen.
Nadine Bogner
Schneekugel-Zauber
Die Magie des Lebens und der Liebe
© 2018 Nadine Bogner
Umschlag, Illustration: Nadine Bogner
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7469-1704-7
Hardcover
978-3-7469-1705-4
e-Book
978-3-7469-1706-1
Printed in Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Alle Orte, die in diesem Buch vorkommen, gibt es auch im wahren Leben. Auch das Restaurant „Jakobs“ und „Det lille Café Hus“ findet man wirklich im Herzen von Skagen. Die Geschichten und Personen dazu sind jedoch frei erfunden!
Vielen lieben Dank auch noch an dieser Stelle an meine Probeleserinnen Daniela, Kirsten und Melanie! ☺
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Epilog
Prolog
8. Dezember 2016
Lange stand ich wie betäubt vor dem kleinen Schaufenster und starrte ungläubig auf die wundervolle kleine Schneekugel, die zwischen allerlei weiterer hübscher Weihnachts-Deko stand. In meinem Magen breitete sich augenblicklich ein vehementes Ziehen aus, das mir durch Mark und Bein ging. Mein Mund fühlte sich so trocken an, als hätte ich bereits tagelang nichts zu trinken bekommen und mein Herz schlug so laut in meiner Brust, dass ich sicher war, jeder um mich herum hätte es hören müssen.
„Hallo Sofia, hast du ein Gespenst gesehen?“, riss mich eine Stimme direkt hinter mir aus meiner großen Schockstarre. Erschrocken fuhr ich herum und blickte geradewegs in Lenes Augen, die mich besorgt musterten.
„Ähm, nein, nein“, stammelte ich. „Ich habe nur gerade die hübschen Weihnachtssachen betrachtet, die sie hier haben.“ Dabei nickte ich automatisch in Richtung des Schaufensters. Ich merkte selber, wie belegt meine Stimme klang und zwang mich innerlich, wieder ruhiger zu werden.
„Ja, die sind wirklich zauberhaft“, entgegnete Lene und schien tatsächlich nicht bemerkt zu haben, wie aufgewühlt ich gerade war. „Ich muss leider weiter“, sagte sie. „Aber was hältst du davon, wenn wir morgen einen Kaffee zusammen trinken?“
„Gerne“, erwiderte ich wie mechanisch und war insgeheim froh, dass Lene es etwas eilig hatte. Wir verabschiedeten uns noch schnell mit einer Umarmung voneinander, ehe Lene in einem der benachbarten Läden verschwand und ich mich noch einmal dem Schaufenster zuwandte.
Eigentlich hatte ich nur schnell ein paar Besorgungen in der Stadt machen wollen, als mein Blick wie magnetisch von dieser Schneekugel angezogen wurde. Wahrscheinlich wäre sie mir im Normalfall niemals aufgefallen, aber diese Kugel hier war etwas ganz besonderes. Außen war sie, wie die meisten Schneekugeln, rund und aus Glas. Doch schon der rote Porzellansockel, auf dem sie stand, erinnerte mich sofort an die Schneekugel, die ich selber einmal besessen, und die mir so unendlich viel bedeutet hatte. Man hatte mir schon als Kind immer gesagt, dass sie ein Einzelstück sei und ich sie mit Sorgfalt behandeln müsse, damit sie nicht zu Bruch ginge. Und so hatte ich sie lange Zeit gehütet wie meinen Augapfel.
Auch diese hier war auf dem Sockel mit kleinen goldenen Sternchen verziert und im Inneren der Kugel stand direkt in der Mitte, unter einem herabhängenden Mistelzweig, ein eng umschlungenes, sich küssendes Liebespaar, das aus Porzellan geformt und mit Blattgold überzogen war.
Unweigerlich stiegen Tränen bei dem Anblick in mir auf und ich schluckte schwer, als die Erinnerungen, die ich so lange in mir weggesperrt hatte, plötzlich wie eine Lawine wieder in mir hochgespült wurden. Ich musste hier weg. Jetzt sofort, bevor mein Herz auf der Stelle in tausend Scherben zerbrechen würde.
Noch ehe ich das Schaufenster verlassen hatte, ertönte mein Handy und kündigte einen Anruf an. Die Nummer auf dem Display sagte mir nichts und kurz überlegte ich, ob ich vielleicht erst gar nicht ran gehen sollte. Schließlich war meine Verfassung gerade alles andere als gut. Aber irgendetwas in meinem Bauch sagte mir, ich solle das Gespräch annehmen. Also atmete ich einmal tief ein und meldete mich: „Ja, hallo, hier Sofia Belmonte.“
Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine gewisse Frau Trulle aus dem Krankenhaus in Frederikshavn. „Entschuldigen Sie“, hörte ich sie sagen und mein Herz, das ohnehin schon so laut schlug, begann nun auch noch, schneller zu rasen, denn ich ahnte, dass etwas passiert sein musste. Und noch bevor ich irgendwelche Spekulationen anstellen konnte, eröffnete Frau Trulle mir, dass man meine Großmutter mit einem Herzinfarkt eingeliefert hatte.
Wie betäubt legte ich auf, unfähig, mich zu rühren. Erst als eine Hand sich auf meine Schulter legte, wandelte sich meine Betäubung in eine Art innere Panik. Ich musste schnellstmöglich in die Klinik. Doch so aufgewühlt ich auch gerade war, mein gesamter Körper war noch immer wie gelähmt.
„Was ist denn los?“ Es war Lene, die erneut neben mir stand und mich jetzt so besorgt ansah, als hätte sie nun ein Gespenst vor sich. Nachdem ich nicht sofort antwortete, schüttelte sie mich ein wenig am Arm: „Sofia, du machst mir Angst. Sag jetzt endlich, was los ist.“
„Meine Nonna ist gerade in Frederikshavn in die Klinik eingeliefert worden. Sie hatte einen Herzinfarkt.“
1.
8. Dezember 2016
Natürlich hatte Lene mich sofort in die Klinik gefahren und nun saßen wir gemeinsam in dem kahlen Warteraum der Intensivstation. Schwester Helga Trulle, die mich nur wenige Minuten zuvor angerufen hatte, hatte bereits an der Rezeption auf unser Kommen gewartet und brachte uns direkt in den Wartebereich. Da sie lediglich eine Schwester und keine Ärztin war, durfte sie uns, zu ihrem und unserem Bedauern, keinerlei Auskünfte über den genauen Gesundheitszustand meiner Großmutter geben. Die einzige Information, die sie uns ohne Umschweife geben konnte war, dass Nonna gerade operiert wurde und dass diese OP noch eine Weile dauern könnte. Also nahmen Lene und ich auf den harten Stühlen Platz und starrten immer wieder auf die große Wanduhr, die sich scheinbar nur unendlich langsam vorwärts bewegte.
Wir waren die einzigen Wartenden in diesem Raum und um uns herum herrschte eine grauenvolle Stille. Zudem stieg mir der typische Klinikduft in die Nase, mit dem ich schon seit meiner Kindheit schreckliche Erinnerungen verband.
„Es wird schon alles gut gehen“, erklang Lenes Stimme in die Stille hinein und verscheuchte damit kurzzeitig meine aufkommenden Erinnerungen, wofür ich ihr sehr dankbar war. Beruhigend legte sie ihren Arm um meine Schultern und sah mich so zuversichtlich an, dass ich tatsächlich ein wenig ruhiger wurde. „Deine Nonna ist eine toughe Frau. Sie schafft das schon.“
„Das hoffe ich sehr.“
Ich wusste, dass Lene absolut Recht mit ihrer Aussage hatte. Nonna war in der Tat noch sehr rüstig, obwohl sie bereits sechsundachtzig Jahre alt war. Aber ich wusste auch, dass sie schon seit längerer Zeit immer mal wieder leichte Schmerzen in ihrer Brust hatte, die wohl mit ihrem Herzen zu tun hatten. Natürlich wollte sie nicht, dass ich mir Sorgen machte und spielte ihr Leiden immer wieder herunter. Einen Arzt, so meinte sie, bräuchte sie nicht. Schließlich gehörten kleine Zipperlein im Alter einfach dazu. Und da ich wusste, dass jeglicher Versuch, sie zu einem Arztbesuch zu überreden, scheitern würde, ließ ich es bleiben. Dafür hätte ich mich jetzt allerdings ohrfeigen können, denn hätte ein Arzt frühzeitig eine Untersuchung durchgeführt, wäre ihr dieser Herzinfarkt vielleicht erspart geblieben.
„Frau Belmonte?“ Der Arzt, der plötzlich wie aus dem Nichts vor uns stand, blickte zunächst Lene, dann mich an. Er konnte schließlich nicht wissen, wer von uns beiden seine Ansprechpartnerin bezüglich Nonna sein würde. Ich nickte ihm zu, erhob mich und reichte ihm die Hand.
„Ich bin Dr. Mattis. Ihre Großmutter hat den Eingriff gut überstanden.“
Gerade wollte ich schon erleichtert aufatmen, da fuhr er fort. „Aber sie wird noch eine Zeit lang schlafen, damit sich ihr Körper erstmal in Ruhe erholen kann. Es war schon recht knapp, ihr Leben zu erhalten. Gut nur, dass ihre Nachbarin sie rechtzeitig gefunden hat.“
Statt Erleichterung setzte sich nun ein Kloß in meinem Hals fest und mir wurde übel. Dr. Mattis bemerkte, wie nah mir seine Aussage ging und bat Lene, mir einen Becher Wasser aus dem Automaten zu holen.
„Wie gesagt, sie hat es erstmal gut überstanden.“ Nun huschte ein kleines, aufmunterndes Lächeln über seine Lippen. „Sagen Sie, könnten Sie vielleicht heute noch ein paar Sachen für Ihre Großmutter besorgen? So etwas wie Nachtzeug, Wäsche und Hygieneartikel?“
„Natürlich“, versicherte ich ihm. „Ich fahre schnell nach Hause und packe etwas zusammen.“
„Es eilt nicht. Lassen Sie sich Zeit. Ihre Großmutter wird frühestens morgen früh aufwachen. Aber was Sie dringend mitbringen müssten, wären ihre Personalien und ihre Versichertenkarte.“
Wir verabschiedeten uns von dem Arzt und verließen die Klinik. Mittlerweile war es bereits später Nachmittag und zu der beginnenden Abenddämmerung hatte sich noch dichter Schneefall gesellt.
Ich liebte den Schnee, aber auf den Straßen wurde er jedes Mal zu einer Herausforderung, denn die meisten Leute fuhren dann so dermaßen langsam, dass man zu Fuß ganz sicherlich schneller vorangekommen wäre. So war es auch jetzt. Allerdings musste ich diesmal nicht selbst am Lenkrad sitzen, da Lene mich von Skagen aus direkt nach Frederikshavn gefahren hatte und mein Auto jetzt im sicheren Parkhaus stand.
„Lene, du musst mich nicht nach Hause fahren. Ich kann durchaus den Bus nehmen. Es geht mir gut und du hast sicherlich noch andere Dinge zu erledigen, statt deine beste Freundin den ganzen Tag am Hals zu haben. Mein Auto hole ich morgen früh ab und fahre dann wieder zurück ins Krankenhaus.“
Sie sah mich etwas strafend an. „Hör mal. Ich kenne deine Nonna nun schon fast mein ganzes Leben lang und ich helfe gerne, wenn ich es kann. Außerdem hat man dafür auch schließlich eine beste Freundin. Wir fahren jetzt zu dir, du packst etwas für deine Nonna zusammen und dann bringen wir es ihr noch schnell. Dein Auto holen wir morgen früh gemeinsam. Keine Widerrede.“
Da wir uns nun schon über fünfzehn Jahre kannten, wusste ich, dass ich tatsächlich lieber keinen Widerspruch mehr einlegen sollte. Stattdessen sagte ich nur leise „Danke“ und lehnte mich ein wenig erschöpft von der ganzen Aufregung des Tages im Beifahrersitz zurück.
Die Fahrt von Frederikshavn nach Ålbæk dauerte tatsächlich über eine Stunde, obwohl die Strecke im Normalfall in zwanzig Minuten zu schaffen war.
„Weißt du was?“ wandte ich mich an Lene. „Wenn du schon Taxi spielst, sorge ich erstmal dafür, dass wir jetzt ein gutes Essen bekommen.“
„Oh, prima. Ich habe wirklich riesigen Hunger.“ Und passend zu ihrer Aussage, begann Lenes Magen fürchterlich laut zu knurren. Wir sahen uns an und fingen lauthals an zu lachen. Dabei wurde Lene ein wenig rot um ihre Nasenspitze. Entschuldigend sagte sie: „Ich habe heute Morgen das letzte Mal etwas gegessen.“
„Ja, ich ebenfalls. Was hältst du von frischen Linguine mit Lachs?“
„Klingt super!“
Eine halbe Stunde später saßen wir vor unseren dampfenden Nudeln und tranken einen leichten Pinot Grigio dazu. Lene nippte allerdings nur daran, da sie schließlich noch fahren musste.
„Es schmeckt köstlich“, lobte sie mein Essen. „Die weitere Koch-Ausbildung in Italien war eine sehr gute Idee.“
„Das war es in der Tat. Vom Backen verstehen die Dänen tatsächlich eine Menge. Da können wir Italiener kaum mithalten. Aber was das Kochen betrifft…“
„Du, sag mal“, begann Lene nun. „Wann genau soll denn dein Restaurant eröffnet werden?“
„Wenn alles klappt, wäre Mitte Januar prima. Allerdings muss ich jetzt erstmal schauen, wie es mit Nonna weitergeht.“
Im letzten Monat hatte ich mir ein wunderschönes Restaurant mitten im Kern von Skagen gekauft. Dort hatte ich noch fünf Jahre zuvor während meiner Kochausbildung gearbeitet und immer ein bisschen gehofft, dass ich auch nach meiner Zeit in Italien wieder dort arbeiten könnte. Allerdings hatte ich damals weniger darüber nachgedacht, dass es tatsächlich einmal mir gehören könnte. Greta, der das Restaurant gehörte, war eine wunderbare, liebenswerte Chefin, die mir immer versichert hatte, ich könne jederzeit zu ihr zurückkommen. Und nun, vor wenigen Monaten war sie so schwer erkrankt, dass sie das Lokal aufgeben musste. Da sie wusste, wie viel mir an ihrem Restaurant lag, rief sie mich in Italien an und fragte mich, ob ich Interesse hätte, es zu übernehmen.
Meine Ausbildung zur Meisterköchin hatte ich im Juli abgeschlossen und da kam mir das Angebot wie gerufen, auch, wenn der Anlass natürlich alles andere als schön war. Greta versicherte mir, dass sie mir einen äußerst guten Preis machen würde und bestand im Gegenzug nur darauf, kostenfrei bei mir zu speisen. So zog ich Mitte November aus dem Süden Italiens zurück in den hohen Norden Dänemarks und unterzeichnete kurz darauf den Vertrag.
Da es einiges gab, was zu renovieren war, hatte ich mir das großzügige Ziel gesetzt, die Eröffnung erst Anfang des kommenden Jahres zu feiern. Geldlich war ich gut abgesichert und da Gretas Angebot weit mehr war als nur äußerst gut, hatte ich keinerlei Zeitdruck.
„Sie ist bestimmt bald wieder auf den Beinen“, sagte Lene. „Deine Neueröffnung lässt sie sich keinesfalls entgehen.“ Sie zwinkerte mir zu und schob sich eine letzte Gabel mit Linguine in den Mund. „Du solltest jetzt ein wenig packen. Ich kümmere mich derweil um das schmutzige Geschirr.“
Nachdem ich ein paar Kleidungsstücke und Waschutensilien zusammengesucht hatte, überlegte ich, wo Nonna wohl ihre Papiere und die Versichertenkarte haben könnte. Ich wollte nicht einfach so in ihren Sachen herum stöbern, aber fragen konnte ich sie schließlich nicht und so begann ich, eine Schublade nach der anderen in ihrem Kleiderschrank zu öffnen. Außer Wäsche, Schmuck und Handtüchern konnte ich zunächst nichts entdecken. Aber irgendwo musste ich doch fündig werden. Bevor ich weitere Türen ihres Kleiderschrankes öffnete, ging ich runter in den Flur und schaute dort in dem kleinen Sideboard nach. Leider war auch hier nichts, was im Entferntesten nach den gesuchten Unterlagen aussah. Also lief ich noch einmal rauf und widmete mich auch dem Rest des Schranks. Diesmal hatte ich wirklich Glück. Hinter einer der Schranktüren fand ich Nonnas Geldbörse, in der sämtliche Papiere, Bankkarten und die Versicherungskarte steckten.
Doch was war das? Die Geldbörse lag auf einem dicken Buch mit braunem Ledereinband. Es war so wunderschön verziert, dass ich nicht anders konnte, als es vorsichtig herauszunehmen und einen Blick darauf zu werfen. Auf dem Einband stand nichts geschrieben, was ich für ein Buch sehr ungewöhnlich fand. Also öffnete ich es, um zu sehen, um was für eine Art Buch es sich hier handelte.
Die erste Seite war komplett weiß. Naja, sagen wir mal, eher schon etwas vergilbt. Es musste also schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben. Auf der zweiten Seite stand etwas in Handschrift geschrieben: „Amore - per sempre“. Schnell blätterte ich weiter, denn ich wollte wissen, ob das gesamte Buch handschriftlich verfasst worden war und von wem es wohl stammte.
„Sofia, bist du soweit? Ich würde gerne fahren, wenn es dir recht ist.“ Lene stand unten im Flur und rief die Treppe hinauf.
„Ich komme sofort“, entgegnete ich zurück, nahm das wunderschöne Buch und legte es auf Nonnas Bett. Wenn ich später zurück war, so beschloss ich, würde ich es mir einmal genauer ansehen. Denn in der Tat war es komplett von Hand geschrieben und hatte etwas so Magisches und Besonderes an sich, dass ich es mir einfach noch einmal genauer ansehen musste. Aber dafür war jetzt keine Zeit.
„Bin soweit“, rief ich noch einmal, zog Nonnas Schafzimmertüre hinter mir zu und eilte die Treppe hinunter, wo Lene bereits in voller Wintermontur auf mich wartete.
2.
8. Dezember 2016
Die große alte Standuhr, die bei Nonna im Wohnzimmer stand, schlug bereits neun Mal, als ich mich nach diesem nervenaufreibenden Tag in den gemütlichen Sessel vor dem Kamin sinken ließ. Die Anspannung, die mich seit dem Zeitpunkt des Erblickens der Schneekugel in dem kleinen Schaufenster und der Nachricht, dass meine Nonna einen Herzinfarkt erlitten hatte, den kompletten Tag über begleitet hatte, begann sich langsam zu lösen. Hier in der Stille unseres behaglich eingerichteten Wohnzimmers, überfluteten mich auf einmal alle Gefühle, die ich vor Lene, dem Arzt, den Schwestern und auch vor mir selbst bisher zurückgehalten hatte. Ich weinte und weinte, bis alle Tränen versiegt waren und ich eine gewisse Erleichterung in mir spürte.
*******
Nachdem Lene mich noch einmal in die Klinik gefahren hatte, durfte ich für einen kurzen Moment zu Nonna auf die Intensivstation. Wie klein und zerbrechlich sie dort in ihrem Krankenbett wirkte. Für mich war das ein sehr ungewöhnliches und irgendwie auch schmerzliches Bild, denn meine Großmutter war immer eine starke Frau mit einem festen Willen gewesen. Ja, sie war klein, wie viele Italienerinnen es waren. Aber innerlich war sie groß. Sie trug eine Stärke in sich, die ich schon als heranwachsendes Mädchen bewundert hatte. Sie war mein großes Vorbild. So unerschütterlich, mutig und gleichzeitig so liebe- und verständnisvoll. Genauso wollte ich auch immer sein.
Und nun lag sie hier in diesem sterilen Bett, das Gesicht blass und von Falten durchzogen. Die grauen Haare, die sie sonst stets ordentlich hochgesteckt hatte, fielen ihr nun wirr um die Schultern.
Ich zog für einen Moment einen Stuhl heran, setzte mich direkt neben Nonna und nahm ihre Hand in meine.
„Was machst du nur für Sachen?!“ sagte ich leise. „Wer soll denn jetzt meine neuesten Kochkreationen probieren, wenn nicht du?“ Es sollte ein wenig witzig und aufmunternd klingen, auch wenn ich wusste, dass sie es eh nicht verstehen konnte. Vermutlich wollte ich mich damit nur selber ein wenig aufheitern, denn ihr Anblick machte mich hilflos.
Ihr Atem ging gleichmäßig und ich fühlte, wie warm ihre Hand sich in meiner anfühlte. Sie war mir so vertraut und ein überwältigend tief stechender Schmerz bohrte sich augenblicklich in meine Brust, denn plötzlich spürte ich eine unbändige Angst. Eine Angst, die ich nur allzu gut kannte und die ich niemals wieder in meinem Leben fühlen wollte. Es war die Angst, für immer verlassen zu werden. Verlassen von einem Menschen, der quasi mein Zuhause war. Und Nonna war definitiv mein Zuhause. Sie konnte jetzt nicht einfach so sterben, jetzt und hier, ohne, dass wir uns richtig voneinander verabschiedet hatten.
Niemals wieder sollte es so sein, wie ich es damals schon einmal erlebt hatte.
Damals, ich war gerade mal fünf Jahre alt, war ich mit meinen Eltern von Calenzano unterwegs nach Ålbæk gewesen, um Nonna in den Ferien zu besuchen. Sie lebte schon eine längere Zeit dort und zwei Mal im Jahr besuchten wir sie. Es war im Sommer 1993, als wir uns in Deutschland von einer Raststätte zurück auf die Autobahn eingliedern wollten. Mein Vater saß am Steuer unseres roten Toyotas und zwinkerte mir noch durch den Rückspiegel zu, als es einen furchtbaren Aufprall gab und alles um mich herum schwarz wurde.
Als ich wieder erwachte, fand ich mich in einem Krankenhausbett wieder, angeschlossen an zig Schläuchen, mein rechtes Bein in einem Gips. An meinem Bett saß Nonna und trotz meiner Schmerzen war die Freude, meine geliebte Großmutter nach langer Zeit wieder zu sehen, riesengroß. Allerdings bekam ich kein einziges Wort über meine Lippen, weil ich einfach keine Kraft hatte. Nonna strich mir liebevoll über das Gesicht und obwohl sie versuchte, mich mit einem Lächeln zu beschenken, gelang es ihr nicht. Stattdessen rannen Tränen über ihre Wangen und sie sagte immer wieder: „Mi dispiace così tanto.“ Aber was genau ihr so leid tat, das wusste ich nicht. Ich fühlte nur, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Und weil ich eine so furchtbare Angst in mir aufsteigen fühlte, nahm ich all meine Kraft zusammen und weinte: „Ich will zu Mamma und Papà.“
Tagelang vertröstete man mich, sagte, es müsse ihnen erst besser gehen. Ich verstand es nicht, verstand nicht, dass meine Eltern mich scheinbar einfach nicht mehr sehen wollten. Vielleicht, so dachte ich, wäre ich an unserem Unfall schuld gewesen und nun waren sie böse auf mich. Hätte ich nicht meinen Vater im Spiegel angelächelt, dann wäre der LKW nicht auf uns drauf gerast, dann wäre mein Vater schneller auf der Autobahn gewesen und wir wären jetzt nicht hier in diesem Krankenhaus. In einem Krankenhaus, in dem ich niemanden verstand, weil alle um mich herum deutsch sprachen und ich nichts von dem verstehen konnte, was sie sagten. Und Nonna verhielt sich merkwürdig, sprach kaum, herzte und küsste mich hingegen immerzu und weinte dabei fast pausenlos.
Doch irgendwann kam der Moment der grausamen Wahrheit. Nonna hatte mich zu sich auf den Schoß gezogen und mir fest in die Augen gesehen. Wieder spürte ich eine merkwürdige Angst in mir hochkriechen und wieder verlangte ich nach meinen Eltern. Doch Nonna schüttelte nur langsam ihren Kopf und sagte leise: „Sie können nicht zu dir kommen, mein Herz. Sie sind tot und wohnen jetzt oben im Himmel, wo wir sie nicht mehr sehen können.“
Dieses Gefühl von absoluter Verlassenheit, das sich in diesem Moment in mir festsetzte und das ich anschließend jahrelang versucht hatte, zu verdrängen und weg zu sperren, holte mich hier ganz plötzlich wieder ein. Nonna war die einzige nähere Verwandte, die mir nach dem Unfall geblieben war. Sie hatte mich ohne zu zögern sofort bei sich aufgenommen, mich großgezogen und mir all die Liebe gegeben, die sie in ihrem Herzen zu geben hatte. Und sie hatte eine Menge Liebe zu geben. Der Gedanke, sie jetzt zu diesem Zeitpunkt zu verlieren, ohne mich von ihr verabschiedet zu haben, ließ mich bald ohnmächtig werden.
„Komm, meine Liebe“, erklang Lenes Stimme in die Stille hinein. Ich hatte sie nicht herein kommen gehört, zu tief steckte ich in meinen Gedanken.
„Es ist Zeit zu gehen. Morgen wird es ihr schon besser gehen, davon bin ich fest überzeugt.“
Müde nickte ich, erhob mich von meinem Stuhl und folgte Lene hinaus zum Auto.
*******
Mit einem tiefen Atemzug versuchte ich, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Ich wischte mir mit meinen Handrücken über meine verheulten Augen und machte mich mit schweren Gliedern auf den Weg ins Bett, als mir plötzlich wieder das Buch einfiel, das ich auf Nonnas Bett gelegt hatte. Es war bereits nach elf Uhr und wirklich Zeit für mich, schlafen zu gehen. Aber einen kurzen Blick ins Innere des, in Leder gebundenen Werkes, wollte ich dennoch unbedingt werfen. Also öffnete ich Nonnas Schlafzimmertür, schaltete das kleine Nachtlicht neben ihrem Bett an und hob das Buch von der Tagesdecke. Das Leder verströmte einen typisch gegerbten Duft und ich nahm einen tiefen Atemzug davon, denn ich mochte diesen Geruch sehr.
Für einen Moment überlegte ich, ob ich das Buch tatsächlich mit hinüber in mein Zimmer nehmen, oder es doch besser wieder zurück in den Schrank legen sollte. Schließlich gehörte es mir nicht und an fremde Sachen ging man nun mal nicht einfach so ran. Andererseits war Nonna keine Fremde, wie ich mir selber sagte und gab meiner Neugierde nach.
Schnell schlüpfte ich in mein Seidennachthemd, kroch unter meine warme Decke und schlug direkt die zweite Seite auf. Noch einmal las ich: „Amore - per sempre“. Ein sehr poetischer Titel, wie ich fand. Doch einen Hinweis auf einen Autor konnte ich nirgends finden. Die Schrift sah schon ein wenig so aus, wie Nonnas, aber ich konnte mir kaum vorstellen, dass Nonna ein Buch schreiben würde. Sie war eher eine Frau, die sich stundenlang im Garten mit allerlei Blumen, Bäumen und Gesträuch aufhielt, als sich an einen Tisch zu setzen und etwas stumpf aufs Papier zu bringen.
Und bevor ich weitere Spekulationen anstellte und so unnütze Zeit verschwendete, blätterte ich um und begann zu lesen.
3.
8. Dezember 1946
Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und Zimtbrötchen weckten Francesca an diesem Tag. Sie öffnete ihre Augen, reckte und streckte sich einige Male und sog die herrlichen Düfte, die ihr aus der Küche entgegenströmten, genussvoll ein. Es war erstaunlich, wie lebendig sie sich gerade fühlte, wenn sie bedachte, was für anstrengende zwei Tage hinter ihr lagen.
Spät abends war sie gestern mit ihren Eltern hier bei ihrem Onkel und ihrer Tante in Ålbæk angekommen. Nach der langen und doch irgendwann auch eher unbequemen Fahrt von Calenzano bis in den hohen Norden Dänemarks, war sie nur noch erschöpft ins Bett gefallen und hatte bis zum Morgen durchgeschlafen.
Wie spät es wohl war? Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es mittlerweile bereits neun Uhr morgens und somit Zeit zum Aufstehen war.
„Buongiorno, cara mia“, begrüßte sie ihre Mutter, als sie gerade schnell in das kleine Bad am Ende des Flures huschen wollte.
„Buongiorno, Mamma.“
„Wenn du dich beeilst, kannst du deinen Vater gleich nach Skagen zu der Familie Halström begleiten. Ich denke, er würde sich freuen, wenn er ein wenig Unterstützung beim Ausladen hat. Ich muss erstmal all unsere Sachen auspacken und Marta ein wenig beim Kochen zur Hand gehen.“
Natürlich hatte Francesca Lust mitzufahren, denn sie war gespannt auf die Familie, die von so weit entfernt einen Wein kaufte, den sich seit Ende des Krieges kaum jemand leisten konnte. Und dazu noch in so großen Mengen.
Zweifelsohne hatte das Weingut der Familie Rossa einen ausgezeichneten Ruf und trotz der eher mageren Zeiten, verkaufte sich der lange gereifte Cabernet Sauvignon ausgesprochen gut. Doch die große Abnahmezahl der Familie Halström bescherte Francescas Familie einen so hohen Einnahmegewinn, dass ihr Vater beschlossen hatte, die Lieferung, statt wie üblich über einen externen Fahrer, selbst zu übernehmen.
„Buongiorno, Papà.“ Francesca hauchte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und setzte sich zu allen anderen an den Frühstückstisch.
„Hast du gut geschlafen?“ wollte ihre Tante wissen.
„Wie ein Murmeltier.“
„Ja, ja, die Luft hier lässt einen schlafen wie einen Stein“, lachte nun ihr Onkel.
Wie sehr hatte sie es vermisst, Zeit mit ihren fünf kleinen Cousinen, ihren zwei Cousins und ihrem Onkel und ihrer Tante zu verbringen. Es kam meist nur einmal im Jahr vor, dass sie sich trafen, denn die Entfernung zwischen den beiden Familien war einfach zu groß, um sich öfter zu besuchen. Onkel Giuseppe, der Bruder ihrer Mutter, hatte Tante Marta vor fast dreizehn Jahren geheiratet und war zu ihr nach Dänemark gezogen, was Francescas Eltern auch nach all der Zeit immer noch nicht verstanden. Sie waren der Meinung, dass dieses Land einfach viel zu kalt und trist wäre, um dort glücklich leben zu können. Ihre Herzen schlugen ausnahmslos für ihr Heimatland Italien.
Francesca verstand zwar in gewisser Weise, was sie meinten, doch mochte sie Dänemark ebenso gern wie ihre Heimat. Hier oben an der See war der Wind rauer, die Natur wilder und das Lebensgefühl der Menschen schien unerschütterlich entspannt zu sein. Während in Italien das Leben pulsierte und stets ein reges Treiben überall herrschte.
„Francesca“, begann ihr Vater, „würdest Du mich gleich zu Familie Halström begleiten? Deine Mutter hat Dir ja schon gesagt, dass sie nicht mitkommen kann. Aber ich fände es wunderbar, wenn Du stattdessen mit nach Skagen fährst.“
„Sì, volentieri, papà. Gerne. Ich würde die Familie Halström sehr gerne kennenlernen.“
„Dann würde ich sagen, dass wir uns so in zwanzig Minuten am Wagen treffen.“
So saßen sie also wenig später wieder gemeinsam in dem großen LKW und fuhren hinauf nach Skagen. Francesca fühlte sich irgendwie aufgeregt. Doch weshalb das so war, konnte sie sich gar nicht erklären. Vielleicht, so dachte sie zunächst, läge es daran, dass sie die Leute nicht kannte, zu denen sie nun fuhren. Da könne schon mal ein kribbeliges Gefühl in einem aufsteigen. Aber insgeheim wusste sie, dass dies nicht der Grund dafür war.
Und bevor sie weitere Spekulationen darüber anstellen konnte, unterbrach ihr Vater ihre Gedanken. „Heute Abend werden wir diesen Geschäftsabschluss gebührend feiern.“ Dabei strahlte er über das ganze Gesicht und freute sich wie ein kleiner Junge, dem man gerade ein lange versprochenes Eis entgegenhielt. Unweigerlich freute sich Francesca aus tiefstem Herzen mit ihm. Sie wusste, wie hart ihr Vater tagtäglich auf dem Gut arbeitete. All sein Wissen, all sein Können und all seine Liebe zum Wein steckte er in dieses Familienunternehmen. Und all das tat er natürlich auch, um seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Francesca war seine einzige Tochter und er hätte ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen, das wusste sie. Und aus diesem Grund fiel es ihr vermutlich auch so schwer, ihrem Vater den größten Wunsch den er wohl hatte, nämlich dass sie das Weingut eines Tages weiterführen würde, nicht erfüllen zu können. Die Weinlese und alles, was dieser Job noch so mit sich brachte, lagen ihr einfach nicht. Immer wieder hatte sie mit sich gerungen, doch ihr Herz schlug für die Schriftstellerei. Sie liebte es, poetische Worte aufs Papier zu bringen, genoss es, stundenlang in ihre Phantasiewelten einzutauchen und ihre Geschichten niederzuschreiben.
Nie hatte ihr Vater ein Wort der Enttäuschung darüber verloren, dass sie andere Wege gehen wollte, doch innerlich fühlte sie seine Enttäuschung. Zumindest glaubte sie, dass er enttäuscht sein müsse von ihr, auch, wenn er es niemals zeigte.
Im Gegenteil, er bezahlte sogar die Schriftstellerkurse, die sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr regelmäßig besuchte. Dafür half sie ihm stets bei seiner Buchführung, denn der Umgang mit Zahlen fiel ihr immer schon leicht und so hatte sie das Gefühl, ihn wenigstens auf diesem Gebiet ein wenig unterstützen zu können.
Sie bogen in eine abgelegene Seitenstraße und kamen vor einem kleinen, äußerst gepflegten gelben Haus zum Stehen.
„Da wären wir“, sagte ihr Vater und öffnete die Fahrzeugtür. Francesca tat es ihm gleich und wurde im nächsten Moment von einer ordentlichen Windböe empfangen. Es war klirrend kalt und der Schnee, der in der Nacht gefallen war, hatte sich über die komplette Landschaft um sie herum wie eine weiße Decke ausgebreitet. Francesca nahm einen tiefen Atemzug und sah gebannt zu, wie die Luft, die sie wieder ausstieß, in dichten Nebelwölkchen davon schwebte.
„Wollen wir die Kisten schon herausnehmen?“ wollte Francesca wissen und begab sich automatisch zum hinteren Teil des LKWs. Doch ihr Vater schüttelte den Kopf.
„Lass uns zuerst einmal Guten Tag sagen.“ Und schon während er auf dem Weg zur Haustür war, öffnete sich diese auch schon und ein stattlicher, älterer Herr stand im Türrahmen.
„Guten Tag, Herr Rossa. Wie schön, dass Sie da sind.“ Mit einer einladenden Geste, bedeutete er den beiden Gästen, einzutreten.
„Guten Tag, Herr Halström. Darf ich Ihnen meine Tochter Francesca vorstellen?“
„Sehr erfreut, junge Dame.“ Mit freundlichen Augen blickte er sie aufmerksam an und reichte ihr die Hand. „Da haben Sie aber einen weiten Weg hinter sich.“
Francesca nickte ihm zu und fühlte sich ein wenig verlegen. Sie war gerade sechzehn Jahre alt und als junge Dame hatte sie noch nie jemand zuvor betitelt. Zumindest niemand, der ihr fremd und so äußerst stattlich war. Ein kleines stolzes Lächeln legte sich unweigerlich auf ihre Lippen.
„Ich darf Sie beide in unser Wohnzimmer bitten“, sagte Herr Halström und schritt ihnen voran. Francesca mochte das kleine Haus auf Anhieb. Es war liebevoll eingerichtet und wirkte durch die recht großen Fensterfronten sehr hell und freundlich. In dem Wohnzimmer, das sie nun betraten, saßen eine ältere Dame und drei junge Männer. Auf einem der Drei blieb ihr Blick wie magnetisch haften. Auch er schaute ihr wie vom Blitz getroffen in die Augen und für einen Bruchteil von Sekunden war es, als würde die Zeit still stehen. Etwas in Francescas Magen begann Karussell zu fahren. Da war plötzlich wieder diese Aufregung, die sie bereits kurz zuvor im LKW gespürt hatte. Sie schluckte, ihr Mund fühlte sich staubtrocken an und ein Hustenanfall überkam sie.
„Aber cara, was hast du denn?“ fragte ihr Vater sie besorgt.
„Ist schon wieder gut“, stammelte sie. „Ich habe mich wohl verschluckt.“
Die ältere Frau kam mit einem Glas Wasser, das sie Francesca reichte, herbeigeeilt. Diese leerte es in nur einem Zug und nahm in einem der Sessel Platz, den man ihr anbot.
Francesca wusste selber nicht, was hier gerade passiert war. Es war, als hätte sie ein Gespenst gesehen. Nein, eigentlich war es eher, als hätte sie jemanden wiedergetroffen, den sie schon seit ewigen Zeiten kannte und den sie wie wahnsinnig vermisst hatte. Doch diesen jungen Mann, der eine solche Reaktion in ihr ausgelöst hatte, kannte sie definitiv nicht. Woher auch?! Niemals zuvor waren sie sich begegnet und doch war er ihr vom ersten Augenblick an so vertraut, wie niemand sonst.
„Darf ich Ihnen meine Familie vorstellen?“ begann Herr Halström einen Moment später, nachdem der erste Schreck, der Francescas Hustenanfall ausgelöst hatte, vorüber war.
„Dies ist meine bezaubernde Frau Annette. Und das sind unsere Söhne Linus, Torben und Lasse.“
„Lasse“, flüsterte Francesca in sich hinein und ein warmes, glückliches Gefühl, dass sie von diesem Moment an nie mehr verlassen würde, durchströmte ihren zarten Körper.
4.
9. Dezember 2016
Die Nacht war kurz und unruhig gewesen. Immer wieder war ich aus wirren Träumen erwacht und hatte Mühe, wieder in den Schlaf zu finden. Ein Blick auf meinen Wecker verriet mir, dass es erst kurz nach Fünf war. Ich hatte also nur wenige Stunden, mehr schlecht als recht, geschlafen und fühlte mich wie gerädert. Aber noch einmal die Augen zu schließen in der Hoffnung, diesmal erholsamen Schlaf zu finden, wollte ich nicht. Es hätte ohnehin nicht geklappt. Also hievte ich meinen müden Körper aus dem Bett, nahm eine heiße Dusche und versorgte mich anschließend mit einer großen Tasse Kaffee mit einem Schuss Milch darin. Draußen herrschte noch eine tiefe Dunkelheit und eine Stille lag im ganzen Haus, die mich irgendwie frösteln ließ. Daher entfachte ich ein kleines Feuer im Kamin, setzte mich davor und starrte wie abwesend in die auflodernden Flammen.
Die Gedanken in meinem Kopf schweiften unweigerlich wieder zu dem Buch, dessen erstes Kapitel ich am gestrigen Abend noch zu Ende gelesen hatte. Mittlerweile war ich mir ganz sicher, dass Nonna selbst die Autorin war, denn die Figuren und die Andeutung des Weingutes, waren für mich klare Indizien dafür. Ich wusste, dass mein Urgroßvater ein solches Weingut besessen hatte, welches Nonna nach seinem Tod nicht weitergeführt, sondern verpachtet hatte. Die Gründe dafür hatte sie mir gegenüber niemals erwähnt. Allerdings hatte ich sie auch nie danach gefragt.
Ich fand es recht spannend, ein Buch zu lesen, das irgendwie auch etwas mit mir zu tun hatte. Vorausgesetzt natürlich, es war eine Art Biografie meiner Großmutter. Dann wäre es schließlich ein Teil meiner Familiengeschichte. Vielleicht aber hatte Nonna auch einfach eine Geschichte erfunden, in der sie lediglich ein paar Elemente und Charaktere aus ihrem realen Leben eingebaut hatte. Das würde ich vermutlich erfahren, sobald ich auch die nächsten Kapitel las.
Daher überlegte ich auch für einen kleinen Moment, das Buch zu holen und die Zeit bis um halb acht, wenn Lene mich abholen würde, zum Lesen zu nutzen. Doch ich fühlte mich zu unkonzentriert. Es gab da zwei Dinge, die mich seit der gestrigen Nacht einfach nicht mehr losließen.
Zum einen hatte ich immer wieder das Datum des ersten Kapitels im Kopf. Die Geschichte begann am Tag des 8. Dezembers 1946. Das alleine war nun nichts Außergewöhnliches. Außerordentlich Außergewöhnlich fand ich allerdings, dass wir am gestrigen Tag den 8. Dezember 2016 schrieben. Zwischen der Geschichte und dem Hier und Jetzt lagen also auf den Tag genau siebzig Jahre. Ich war nicht abergläubisch, aber an Zufälle glaubte ich auch nicht.
Mir schossen zig Fragen durch den Kopf. Wieso hatte Nonna ausgerechnet an diesem achten Dezember einen Herzinfarkt bekommen? Warum fand ich zufälligerweise genau am gestrigen Tag dieses Buch und wieso las ich etwas, was mich im Grunde genommen gar nichts anging? Das war doch sonst nicht meine Art. Hätte Nonna gewollt, dass ich es lese, hätte sie es mir sicherlich schon selbst einmal gegeben. Und wieso erinnerte es mich so vehement an meine eigene Geschichte?
Mir war ein wenig übel, denn irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu. Und auch, wenn ich all diese Fragen gerade nicht beantworten konnte, stand für mich fest, dass hinter alldem eine Bedeutung stecken musste.
Zumal es da noch eine zweite Sache gab, die mich einfach nicht mehr losließ. Nonna beschrieb in ihrer Geschichte ein Gefühl, das auch ich wahrlich gut kannte. Sie schilderte das Zusammentreffen von Francesca und Lasse so, wie auch ich es vor ein paar Jahren selbst mit einem Mann erlebt hatte. Eine so übermächtige und lebensverändernde Begegnung, dass es kaum die passenden Worte dafür gab. Doch Nonna hatte diesem Gefühl, einer unendlichen Sehnsucht und ihrer gleichzeitigen Erfüllung, ein Bild gegeben, ein Bild, in dem ich mich vollkommen wieder fand.
5.
07. August 2012
„O
