Checkliste Akupunktur - Peter Velling - E-Book

Checkliste Akupunktur E-Book

Peter Velling

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Beschreibung

Zuverlässiges Nachschlagewerk im Alltag. Die praxisorientierten Inhalte sind klar strukturiert und illustriert. Bewährte Behandlungskonzepte für die häufigsten Indikationen führen Therapeuten schnell zur erfolgreichen Therapie der Patienten. Optimale Prüfungsvorbereitung für die Prüfung zur Zusatzbezeichnung. Alle Inhalte orientieren sich am Kursbuch der Bundesärztekammer. Fazit: Die Checkliste Akupunktur bietet doppelte Sicherheit: erfolgreich durch die Prüfung und sicher in der Praxis.

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Checkliste Akupunktur

Peter Velling

Elmar T. Peuker

Angelika Steveling

Hans-Ulrich Hecker

2., überarbeitete und erweiterte Auflage

134 Abbildungen 30 Tabellen

Vorwort zur 2. Auflage

Im Jahr 2002 wurde die Akupunktur in die Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammern aufgenommen. Auf dem Deutschen Ärztetag 2003 wurde dann die Zusatzbezeichnung Akupunktur neu in die Weiterbildungsordnung eingeführt. Beide Entwicklungen waren der Grund für das Verfassen der 1. Auflage der Checkliste Akupunktur. Mittlerweile ist die Akupunktur in Praxen und Kliniken etabliert und kann zum Teil im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) abgerechnet werden.

Die Landesärztekammern haben ihre Curricula an die Weiterbildungsordnung angepasst und die Ausbildungsordnung für Akupunktur in Deutschland vereinheitlicht. Daraufhin ist es Auszubildenden nun möglich, zwischen Bundesländern und Kursanbietern zu wechseln.

Auch in der 2. Auflage wurde das Konzept beibehalten, die Akupunkturpunkte in ihrem funktionellen und räumlichen Zusammenhang an den Körperregionen darzustellen. Wir haben versucht, die dreidimensionale Darstellung eines Akupunkturmodells in ein Buch zu übertragen. So kann man beim Lernen und Vertiefen von schon bekannten Punkten ausgehen, sieht ebenso benachbarte, gemeinsam behandelte Punkte in einer Abbildung. Die Punkte sind durchgängig an gut nachvollziehbaren, anatomischen Leitstrukturen orientiert, die das Auffinden sicher, einfach und einprägsam machen.

Unser Buch legt den Schwerpunkt auf die Schmerztherapie mittels Akupunktur. Die Therapiekonzepte wollen wir nicht als „Kochrezepte“ verstanden wissen, sondern als ein mögliches therapeutisches Beispiel. Reduziert auf häufige Erkrankungsmuster (Disharmonien) stellen wir die differenzialtherapeutischen Überlegungen dar. So ergeben sich rational nachvollziehbare Behandlungsvorschläge, die individuell auf die Patienten angepasst werden können.

Der Therapieteil wurde gegenüber der 1. Auflage deutlich erweitert. Neben der Schmerzbehandlung werden auch Krankheitsbilder aus den Fachbereichen Augenheilkunde, Gynäkologie, HNO-Heilkunde, Immunologie, Innere Medizin, Neurologie und Urologie besprochen. Ergänzende Behandlungstechniken der Chinesischen Medizin werden vorgeschlagen.

Wir möchten mit diesem Buch Neueinsteigern die Chance geben, den kompletten Ausbildungsinhalt in einem Buch zu finden. Es soll aber auch als Nachschlagewerk dienen, in dem sich bei neuen Befundkonstellationen schnell adäquate Behandlungskonzepte und die Lokalisation der Punkte finden lassen.

Danken möchten wir allen, die geholfen haben, damit dieses Buch erscheinen konnte: Monika Grübener und Blanche Neuwirth vom Hippokrates Verlag, Stephan Lamerz für die redaktionelle Bearbeitung.

Bonn, Münster, Essen, Kiel, im April 2009

Die Autoren

Inhalt

Teil 1

1 Das Checklistenkonzept

2 Geschichte der Akupunktur und der Chinesischen Medizin

2.1 Anfänge und Entwicklung

2.1.1 Akupunktur und Moxibustion

2.1.2 Chinesische Medizin

2.1.3 Konfuzianismus

2.1.4 Daoismus

2.2 Traditionelle Chinesische Medizin und westliche Medizin

2.2.1 Westliche Medizin in China

2.2.2 Wege in den Westen

2.2.3 Wirtschaftliche Aspekte

3 Wissenschaftliche Grundlagen der Akupunktur

3.1 Einführung

3.2 Morphologie

3.2.1 Morphologische Grundlage der Leitbahnen

3.2.2 Morphologische Grundlage der Akupunkturpunkte

3.3 Einflüsse auf vegetatives Nerven- und Immunsystem

3.3.1 Anteile des vegetativen Nervensystems

3.3.2 Steuerung des vegetativen Nervensystems

3.3.3 Studien zu den Grundlagen

3.3.4 Klinische Studien

3.3.5 Zusammenfassung

4 Grundlagen der Akupunktur

4.1 Die Nomenklatur

4.1.1 Leitbahnen

4.1.2 Akupunkturpunkte

4.1.3 Die Bedeutung der Namen

4.2 Qi

4.2.1 Formen des Qi

4.2.2 Funktionen des Qi

4.3 Yin und Yang

4.3.1 Beziehung zwischen Yin und Yang

4.3.2 Yin und Yang in der Therapie

4.4 Wandlungsphasen

4.4.1 Wandlungsphase Holz (Yang-Phase)

4.4.2 Wandlungsphase Feuer (Yang-Phase)

4.4.3 Wandlungsphase Erde (Neutrale Phase)

4.4.4 Wandlungsphase Metall (Yin-Phase)

4.4.5 Wandlungsphase Wasser (Yin-Phase)

4.4.6 Das Entsprechungssystem der Wandlungsphasen

4.5 Umläufe und Leitbahnen

4.5.1 Aufbau der Leitbahnen und Netzgefäße

4.5.2 Die Umläufe der Leitbahnen

4.6 Funktionskreise

4.6.1 Funktion

4.7 Die Organuhr

4.7.1 Maximalzeit

4.8 Akupunkturpunkte

4.8.1 Anatomische Strukturen

4.8.2 Messbare Veränderungen an Akupunkturpunkten

4.8.3 Punktekategorien

4.8.4 Systematik und Topografie der Akupunkturpunkte

4.8.5 Punktlokalisation

4.8.6 Regeln der Punktauswahl

4.9 Indikationen, Kontraindikationen und Nebenwirkungen

4.9.1 Indikationen

4.9.2 Kontraindikation

4.9.3 Nebenwirkungen

4.10 Akupunkturtechnik – Stichtechniken

4.10.1 Halten der Akupunkturnadel

4.10.2 Der Einstich

4.10.3 Verweildauer der Nadel

4.10.4 Entfernen der Nadel

4.10.5 Nadelwahl

4.10.6 Zielstruktur

4.10.7 Genadelte Region

4.10.8 Empfindlichkeit/Ängstlichkeit des Patienten

4.10.9 Reizstärke

4.10.10 Fülle-Krankheitsbilder

4.10.11 Leere-Krankheitsbilder

4.11 Anamnese und Diagnostik

4.11.1 Biao und Ben

4.11.2 Diagnostische Kriterien (Ba Gang)

4.11.3 Untersuchungstechniken

4.12 Grundlagen der Schmerzakupunktur

4.12.1 Einführung

4.12.2 Definition Schmerz

4.12.3 Schmerzanatomische und -physiologische Grundlagen

4.12.4 Schmerzhemmende Mechanismen der Akupunktur

4.12.5 Zusammenfassung

Teil 2

5 Akupunkturpunkte nach Wandlungsphasen/Leitbahnen

5.1 Wandlungsphase Metall

5.1.1 Persönlichkeitstyp Metall

5.1.2 Akupunkturpunkte

5.2 Wandlungsphase Erde

5.2.1 Persönlichkeitstyp Erde

5.2.2 Akupunkturpunkte

5.3 Wandlungsphase Feuer

5.3.1 Persönlichkeitstyp Feuer

5.3.2 Akupunkturpunkte

5.4 Wandlungsphase Wasser

5.4.1 Persönlichkeitstyp Wasser

5.4.2 Akupunkturpunkte

5.5 Wandlungsphase Holz

5.5.1 Persönlichkeitstyp Holz

5.5.2 Akupunkturpunkte

5.6 Die acht außerordentlichen Leitbahnen (Qi Jing Ba Mai)

5.6.1 Funktion der außerordentlichen Leitbahnen

5.6.2 Lenkergefäß (Du Mai)

5.6.3 Konzeptionsgefäß (Ren Mai)

5.6.4 Durchdringungsgefäß (Chong Mai)

5.6.5 Gürtelgefäß (Dai Mai)

5.6.6 Akupunkturpunkte

5.7 Extrapunkte

5.7.1 Akupunkturpunkte

6 Mikrosysteme

6.1 Einführung

6.2 Gängige Mikrosysteme

6.3 Die Ohrakupunktur

6.3.1 Unterschiede Körperakupunktur und Ohrakupunktur

6.3.2 Geschichte

6.3.3 Grundlagen

6.3.4 Topografische Lage

6.3.5 Behandlungskonzepte

6.4 Schädelakupunktur nach Yamamoto (YNSA)

6.4.1 Basis- und Ypsilonpunkte

Teil 3

7 Behandlungskonzepte

7.1 Schmerzen

7.1.1 Erkrankungen des Bewegungsapparates

7.1.2 Erkrankungen des Kopfes

7.2 Erkrankungen des Immunsystems/Infektanfälligkeit

7.2.1 Akute Infekte der oberen Luftwege

7.2.2 Chronische Erkrankungen

7.3 Erkrankungen des Respirationstraktes

7.3.1 Akute Infekte der oberen Luftwege

7.3.2 Chronische Erkrankungen

7.4 Gynäkologische Erkrankungen

7.5 Geburtshilfe

7.6 Urologische Erkrankungen

7.7 Augenerkrankungen

7.8 Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen

7.9 Innere und psychovegetative Gesundheitsstörungen

7.9.1 Erkrankungen des Verdauungssystems

7.9.2 Herz-/Kreislauferkrankungen

7.9.3 Psychosomatische Beschwerden

7.10 Hauterkrankungen

7.10.1 Neurodermitis (gerötete trockene Ekzeme)

Teil 4

8 Weiterbildungsordnung, Fallseminare und Praxiskurse

8.1 Kursweiterbildung/theoretische Grundlagen

8.2 Praxiskurse

8.3 Fallseminare

9 Information der Patienten zur Akupunktur/Praxisorganisation

9.1 Umgang mit dem Patienten unter der Behandlung

9.2 Praxisorganisation zur Akupunktur

9.3 Gestaltung des Akupunkturraumes

9.4 Behandlungsablauf

9.5 Dokumentation

Anhang

10 Literatur

10.1 Geschichte der Akupunktur und Chinesischen Medizin

10.2 Wissenschaftliche Grundlagen der Akupunktur

11 Abbildungsnachweis

12 Sachverzeichnis

12.1 Allgemeines Sachverzeichnis

12.2 Körperakupunkturpunkte

12.3 Akupunkturpunkte (chinesische Nomenklatur)

Teil 1 Grundlagen

1 Das Checklistenkonzept

2 Geschichte der Akupunktur und der Chinesischen Medizin

2.1 Anfänge und Entwicklung

2.2 Traditionelle Chinesische Medizin und westliche Medizin

3 Wissenschaftliche Grundlagen der Akupunktur

3.1 Einführung

3.2 Morphologie

3.3 Einflüsse auf vegetatives Nerven- und Immunsystem

4 Grundlagen der Akupunktur

4.1 Die Nomenklatur

4.2 Qi

4.3 Yin und Yang

4.4 Wandlungsphasen

4.5 Umläufe und Leitbahnen

4.6 Funktionskreise

4.7 Die Organuhr

4.8 Akupunkturpunkte

4.9 Indikationen, Kontraindikationen und Nebenwirkungen

4.10 Akupunkturtechnik – Stichtechniken

4.11 Anamnese und Diagnostik

4.12 Grundlagen der Schmerzakupunktur

1 Das Checklistenkonzept

praxisorientierte Inhalte für sofortige Umsetzung aufbereitet

klare Struktur – ideal für den Einstieg, aber auch zum Nachschlagen und Wiederholen geeignet

kompletter Überblick über alle wichtigen Themen

In der Checkliste Akupunktur finden Sie

im gelben Teil:

wissenschaftliche Grundlagen

Grundlagen der Chinesischen Medizin

im dunkelgrünen Teil:

Körperakupunkturpunkte

Darstellung der Wandlungsphasen

Beschreibung der den Wandlungsphasen zugeordneten Organe

Punktbeschreibungen nach Wandlungsphasen

im hellgrünen Teil:

Mikrosysteme

Lokalisation und Indikation der Ohrakupunktur

im blauen Teil:

Behandlungskonzepte

Gliederung nach Fachbereich und westlichen Indikationen

im roten Teil:

Behandlungspraxis

Fallseminare und Praxiskurse

Patienteninformation

Praxisorganisation

im grauen Teil:

Anhang

Literatur

2 Geschichte der Akupunktur und der Chinesischen Medizin

2.1 Anfänge und Entwicklung

2.1.1 Akupunktur und Moxibustion

Die Anfänge der Akupunktur sind nur schwer zu datieren. Eine erstmalige Erwähnung in der Literatur findet sich im Jahre 90 v. Chr. in der Doppelbiografie des Wanderarztes Bian Que und des Kornspeicher-Verwalters Chunyu Yi im Shi Ji (historische Berichte, durch Si Ma Jain [145 – 85 v. Chr.], einen Historiker der frühen Han-Dynastie).

Schon früher gab es allerdings Holzfiguren mit Leitungsbahnen, wie sie z. B. in einem Grab aus der frühen Han-Dynastie (200 v. Chr. – 9 n. Chr.) gefunden wurden. Man geht derzeit davon aus, dass die Einstichöffnungen (Akupunkturpunkte) erst später hinzukamen. Hierbei handelte es sich zunächst um sechs Öffnungen an Unterarmen und Unterschenkeln, die in Analogie zu einem Flussverlauf bezeichnet wurden:

Quelle

Bach

Fluss (wo er schiffbar wird)

Strom

Mündung

Ebene (zwischen Strom und dem Ort, an dem der Fluss schiffbar wird)

Die ältesten Funde, die im weitesten Sinne mit chinesischer Medizin zu tun haben, stammen aus der Zeit der Shang-Dynastie (16. – 11. Jh. v. Chr.), in der sich eine „Orakelmedizin“ entwickelte.

2.1.2 Chinesische Medizin

Schriftliche Aufzeichnungen über die Chinesische Medizin reichen mehr als drei Jahrtausende zurück.

475 – 221 v. Chr.:

Während der „Zeit der streitenden Reiche“ entstanden bereits die ersten Schriften, die Volksmedizin und den Einfluss verschiedener philosophischer Schulen miteinander verbanden.

3. Jh. v. Chr.:

Der Daoismus begann sich herauszubilden, der als eine der wichtigen Säulen der klassischen Chinesischen Medizin betrachtet werden kann.

500 – 300 v. Chr.:

Aus diesen Jahren datiert das bekannteste klassische Grundlagenwerk der Chinesischen Medizin, das „Huang Di Nei Jing Su Wen“ („Lehrbuch der Inneren Medizin des Gelben Kaisers“).

Es besteht aus einem theoretischen Abschnitt (Su Wen) und einem praktischen Teil (Ling Shu). Der theoretische Teil behandelt die überwiegend daoistischen Grundlagen der Chinesischen Medizin, die auf Lao Tse zurückgehen. Der praktische Teil beschreibt einige Therapiemodalitäten der Chinesischen Medizin: Akupunktur, Moxibustion, Kräutertherapie und die chirurgische Behandlung.

Dargestellt werden die Inhalte in einem fiktiven Zwiegespräch zwischen dem legendären Gelben Kaiser Huang Di und seinem Leibarzt und Premierminister Chi Po (ca. um 2600 v. Chr.), beides keine geschichtlich bewiesenen Personen. Nach Unschuld wird die Auseinandersetzung zwischen der bisherigen Geistermedizin (Kaiser) und einer begründeten Heilkunst (Chi Po) dargestellt.

Bis etwa 200 n. Chr.:

Es entstand u. a. das „Shen Nong Ben Cao“, in dem bereits 365 Arzneimittel beschrieben wurden, und das „Mai Jing“, in dem erstmals 24 Pulse differenziert wurden.

Darüber hinaus wurde das medizinische Wissen der Chinesen u. a. im Bereich der Arzneitherapie, der Pulsdiagnostik und der Diätetik um indische und iranische Einflüsse ergänzt.

265 – 420 n. Chr.:

Während der Jin-Dynastie kam es zu einer Spezialisierung der medizinischen Literatur. So entstanden z. B. Werke über Innere Medizin, Pädiatrie, Gynäkologie usw., außerdem über die verschiedenen Therapieformen wie Akupunktur und Moxibustion.

618 – 907 n. Chr.:

In der Tang-Dynastie wurde in China ein Medizinalamt mit staatlicher Ärzteausbildung gegründet.

960 – 1279 n. Chr.:

Song-Dynastie:

Daraus sind lebensgroße Bronzefiguren mit Akupunkturpunkten erhalten, die wohl mit einer Wachsschicht überzogen waren. Sie dienten dazu, das Aufsuchen der Akupunkturpunkte zu üben. Weil die Figuren mit Wasser gefüllt werden konnten, trat dieses beim Auffinden und richtigen Nadeln durch die Wachsschicht aus.

Ebenfalls in dieser Epoche entstand das wichtige Werk „Sanyin Jiyibing Fanglun“ („Drei Gründe der Erkrankungen“), in dem äußere, innere sowie „nicht äußere und nicht innere“ Krankheitsursachen aufgelistet und erläutert werden.

1368 – 1644:

In der Zeit der Ming-Dynastie entstand die größte systematische Sammlung landesweit und lokal verwendeter Arzneien. Sie umfasst 52 Bände, in denen 1892 Arzneien und 11 096 Rezepturen enthalten sind.

Bis in das 12. Jh. n. Chr.

war die Akupunktur in China eines der – wenn nicht das – zentrale therapeutische Mittel. Bis zu dieser Zeit existierten getrennte Traditionen für die Arznei- und Rezeptliteratur und die Akupunktur/Moxibustion:

Akupunktur/Moxibustion basierte auf den konfuzianisch-legalistischen Korrespondenztheorien Yin/Yang und fünf Wandlungsphasen.

Die Arznei- und Rezeptliteratur der chinesischen Phytotherapie kam ohne diese aus und gehorchte eher daoistischen Prinzipien.

11. – 15. Jh.:

In der Song-Jin-Yuan-Zeit wurden die Korrespondenztheorien dann auch auf die Arzneidrogen ausgedehnt.

2.1.3 Konfuzianismus

Konfuzius wurde 551 v. Chr. in der Provinz Shandong geboren und starb 479 v. Chr. Er war als Verwalter u. a. für Lagerhäuser und Viehherden zuständig. Weit überwiegend war er allerdings als Privatlehrer tätig und soll mehr als 3000 Schüler gehabt haben. Er gilt heute als der chinesische Denker und Philosoph, dessen Lehre die chinesische Gesellschaft entscheidend geprägt hat.

Die Konfuzius zugeschriebenen sog. „ 9 klassischen Bücher“ – von denen man nicht weiß, ob sie von ihm oder von seinen Schülern verfasst oder zusammengetragen wurden – enthalten überwiegend Verhaltensgrundsätze und moralische Vorschriften, die immer die Gesellschaft und Politik als Primat darstellen. Das bekannteste dieser Bücher ist das „Buch der Wandlungen“, das „I Ging“.

Grundlegende Tugenden sind nach Konfuzius Menschlichkeit, Rechtschaffenheit, Schicklichkeit, Weisheit und Loyalität unter Betonung traditioneller Strukturen und Werte. Diese sollten zentrales Moment der Erziehung sein.

Extreme sollten vermieden und ein goldener Mittelweg gesucht werden.

Die Lehre des Konfuzius hat folglich insbesondere ordnenden Charakter.

Merke

Übertragen auf die Medizin ergibt sich aus den Lehren des Konfuzius eine Strukturierung von Symptomen und Therapien, die sich z. B. in der Kategorisierung entlang der fünf Wandlungsphasen und Yin und Yang wiederfindet.

2.1.4 Daoismus

Der Daoismus (auch Taoismus) geht auf Lao Tse zurück, der ca. im 6. Jh. v. Chr. – zur Zeit der streitenden Reiche – gelebt haben soll. Ihm wird u. a. das „Dao-te Jing“ zugeschrieben, welches die Grundlage des Daoismus darstellt.

Lao Tse bestreitet die Existenz eines Gottes oder eines Himmels. An deren Stelle setzt er das Dao.

Dao ist das Ordnungs- und Regulationsprinzip, das allen Zuständen und Handlungen zugrunde liegt.

Es meint somit den unfasslichen Urgrund der Welt, ein übergeordnetes, absolutes Gesetz, welches nicht erkannt, aber durch intensive Betrachtung der Natur erfühlt werden kann.

Das Dao existierte lange vor der Erschaffung des physischen Universums.

Ausgehend vom Dao wird alles durch die Vitalkraft Qi durchdrungen.

Qi beinhaltet das Yin und Yang. Alle Elemente des Universums sind aus zwei einander entgegengesetzten Elementen oder Prinzipien zusammengesetzt. Jedem Yin steht ein Yang gegenüber. Erst die Vereinigung aus Yin und Yang führt zur umfassenden Harmonie in einem sich ständig ändernden Ganzen.

Lao Tse betont die „Einheit von Gegensätzen“, die sich ineinander verwandeln könnten, z. B. Glück und Unglück, Stärke und Schwäche, Wahrheit und Unwahrheit usw. Diese Umwandlungen seien absolut und bedingungslos und würden in Form eines endlosen Kreises geschehen.

Lao Tse lehnt die Theorie der Menschlichkeit und der Förderung einer moralischen, tugendhaften Entwicklung ab, wie sie z. B. von Konfuzius und Mo Zi (ca. 468 – 376 v. Chr.), dem Begründer des Mohismus, gefordert wurden. Der Daoismus empfiehlt, der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten zu folgen.

In der Politik schlug sich der Daoismus in dem Konzept des „Handelns ohne Streben“ nieder.

Der Daoismus entwickelte sich später zur einzigen in China entstandenen Religion.

Merke

Medizinisch steht Dao für eine ganzheitliche Diagnose bzw. Therapie. Ein Krankheitsgeschehen wird als Störung des universalen Gleichgewichts innerer und äußerer Kräfte gesehen.

Tab. 2.1 Zeittafel der chinesischen Epochen und Dynastien.

Xia-Dynastie

21.– 16. Jh. v. Chr.

Shang-Dynastie

16.– 11. Jh. v. Chr.

Westliche Zhou-Dynastie

11. Jh.– 771 v. Chr.

Östliche Zhou-Dynastie

770 – 256 v. Chr.

Frühlings- und Herbstperiode

770 – 476 v. Chr.

Zeit der Streitenden Reiche

475 – 221 v. Chr.

Qin-Dynastie

221 – 207 v. Chr.

Westliche Han-Dynastie

206 v. Chr.– 24 n. Chr.

Östliche Han-Dynastie

25 – 220

Wei-Dynastie

220 – 265

Shu-Dynastie

221 – 263

Wu-Dynastie

222 – 280

Westliche Jin-Dynastie

265 – 316

Östliche Jin-Dynastie

317 – 420

Südliche Song-Dynastien

420 – 479

Südliche Qi-Dynastien

479 – 502

Südliche Liang-Dynastien

502 – 557

Südliche Chen-Dynastien

557 – 589

Nördliche Wei-Dynastien

386 – 354

Östliche Wei-Dynastien

534 – 550

Nördliche Qi-Dynastien

550 – 577

Westliche Wei-Dynastien

535 – 556

Nördliche Zhou-Dynastien

557 – 581

Sui-Dynastie

581 – 618

Tang-Dynastie

618 – 907

Späte Liang-Dynastie

907 – 923

Späte Tang-Dynastie

923 – 936

Späte Jin-Dynastie

936 – 946

Späte Han-Dynastie

947 – 950

Späte Zhou-Dynastie

951 – 960

Nördliche Song-Dynastie

960 – 1127

Südliche Song-Dynastie

1127 – 1279

Liao-Dynastie

916 – 1119

Jin-Dynastie

1115 – 1234

Yuan-Dynastie

1279 – 1368

Ming-Dynastie

1368 – 1644

Qing-Dynastie

1644 – 1911

Republik China

1912 – 1949

Volksrepublik China

Seit 1949

2.2 Traditionelle Chinesische Medizin und westliche Medizin

2.2.1 Westliche Medizin in China

19. Jh. n. Chr.:

systematische Einführung der westlichen Medizin in China, vorwiegend durch Missionare.

Sie fanden allerdings kein homogenes System einer Traditionellen Chinesischen Medizin vor, sondern ein Konglomerat verschiedenster Vorstellungen zu Pathogenese, Diagnostik und Therapie, geprägt durch Korrespondenztheorien, Spekulation und Aberglauben, religiöse Erfahrungen und wirtschaftliche Interessen.

Diese Vorstellungen wurden damals nur innerhalb von Familien an deren Mitglieder weitergegeben und die eigene Tradition möglichst nicht verändert.

Faktisch hat es wohl zu keiner Zeit ein Heilsystem gegeben, das der im Rückblick aus verschiedenen – auch wirtschaftlichen – Interessen dargestellten holistischen sog. Traditionellen Chinesischen Medizin entsprochen hätte. Vielmehr handelt es sich bei dieser Begrifflichkeit allenfalls um eine Fehlbezeichnung für eine Medizin der (zahlenmäßig nur einen Bruchteil der Bevölkerung ausmachenden) Oberschicht (nach Unschuld).

Insbesondere in der Bekämpfung grassierender Epidemien wie Cholera oder Pest waren die westlichen Missionare – schon durch Beachtung von Hygienemaßnahmen – der Chinesischen Medizin überlegen, was zu einer weiteren Hinwendung zur westlichen Medizin führte.

1822:

Die Akupunktur an Mitgliedern der Kaiserfamilie wurde verboten und unter Strafe gestellt.

1911:

Mit der Gründung der Republik China im Jahre 1911 erfolgte eine staatlich erwünschte Hinwendung zur westlichen Medizin und der Versuch eines Verbotes der traditionellen Medizin.

1914

erklärte der für die medizinische Versorgung zuständige Minister für Erziehungswesen: „Ich habe mich entschieden, die chinesische Medizin abzuschaffen und auch keine chinesischen Arzneimittel mehr anzuwenden.“

1929:

Unter dieser Ankündigung kam es zu einer Einigung der zuvor zerstrittenen Schulen (Familien) der Chinesischen Medizin, woraufhin das Verbot fallen gelassen wurden. Dennoch wurde in der darauf folgenden Zeit beinahe ausschließlich die westliche Medizin vom Staat gefördert.

1930 – 1940:

Mao Tse-Tung (1893 – 1976) vertrat während der Zeit des Kampfes gegen die Kuomintang (Nationale Volksarmee unter Chiang Kaishek) ebenfalls eine eher negative Einstellung gegenüber der Chinesischen Medizin.

Ende der 50er-Jahre

führte die schlechte medizinische Versorgung der chinesischen Bevölkerung dazu, dass die traditionelle Medizin wieder größeren Stellenwert erlangte und von Mao als „großartiges Schatzhaus“ bezeichnet wurde. Er forderte, dass sich die chinesische Medizin die Wissenschaftlichkeit der westlichen Medizin aneignen solle, damit das „Schatzhaus freigelegt werden könnte“ und der Standard erhöht würde.

1956:

Gründung von vier großen Instituten für chinesische Medizin in Peking, Kanton, Chengdu und Shanghai. Seither gibt es Versuche,

eine

Traditionelle Chinesiche Medizin darzustellen.

Ab 1966:

Die Kulturrevolution brachte wieder Rückschritte in der Erforschung der chinesischen Medizin.

Anfang der 80er-Jahre:

Es setzt wieder eine staatlich erwünschte Förderung der traditionellen Medizin ein, ebenso die Würdigung der Theorien und Verfahren als nationales Kulturerbe, was einer unbefangenen Erforschung nicht immer förderlich ist.

2.2.2 Wege in den Westen

Marco Polo (1254 – 1324) berichtete im Zusammenhang mit der Chinesischen Medizin von „berühmten Naturärzten, die die Geheimnisse der Natur kennen“.

Der niederländischen Arzt Willem Ten Rhijne (1647 – 1700) beschrieb als einer der ersten Europäer die Nadeltherapie und Moxibustion, die er als Arzt der Ost-Indien-Gesellschaft in Japan beobachten konnte, und prägte dabei 1683 den Begriff der Akupunktur.

Der Arzt und Botaniker Engelbert Kaempfer (1651 – 1716) gab basierend auf seinen Beobachtungen in Japan die erste eingehende Beschreibung der Akupunktur. Die Reaktion der Fachwelt war jedoch ablehnend und die chinesische Heilkunde blieb für den Westen weitestgehend im Dunkeln.

Der französische Diplomat und Sinologe Soulié de Morant ging um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts nach China und blieb dort zwei Jahrzehnte. Er ließ sich in Akupunktur ausbilden und verfasste nach seiner Rückkehr das erste westliche Standardwerk der Akupunktur, welches immer noch die Basis der meisten westlichen Akupunkturbücher bildet.

Einen entscheidenden Bekanntheitsschub im Westen erlebte die Akupunktur 1971. James Reston, Reporter der New York Times erfuhr Akupunkturtherapie bei postoperativen Schmerzen nach seiner Blinddarmoperation in Peking – er begleitete die US-Tischtennis-Nationalmannschaft auf der Chinareise. Reston machte aus seinen positiven Erfahrungen eine Titelstory der New York Times (26. 07. 1971): „Now, Let Me Tell You About My Appendectomy in Peking…“.

Präsident Nixon war 1972 auf Chinareise und beauftragte seinen Leibarzt, sich über die Möglichkeiten der Schmerzbehandlung und Narkose mittels Akupunktur in China zu informieren. Der Schwerpunkt des aufflammenden westlichen Interesses lag aufgrund dieser Fragestellung zumeist auf der analgetischen Wirkung der Akupunktur. Die Berichte nach Nixons Besuch waren wohl der Auslöser für die heutige große Verbreitung der Chinesischen Medizin in Europa und den USA und insbesondere auch der Beginn der systematischen Erforschung der Wirkungsweise der Akupunktur im Westen.

Beendet wurde die Diskussion über den Stellenwert in den USA 1996 – die Federal Drug Association (FDA) der USA ließ die Akupunkturnadel zur Behandlung zu. Im November 1997 empfahl das National Institute of Health (NIH) nach einer Konsensuskonferenz die Akupunkturtherapie zur Kostenübernahme durch die Versicherungen der USA und beauftragte umfangreiche Studien zur Klärung weiterer Indikationen und der Wirkweisen.

Inzwischen gibt es zahlreiche Fachgesellschaften für Akupunktur und Chinesische Medizin in der westlichen Welt. Nach jüngsten Umfragen unter Medizinern in Deutschland hat inzwischen jeder vierte Arzt zumindest eine Kurzausbildung in Akupunktur absolviert.

2003 beschloss der Deutsche Ärztetag in Köln, die Akupunktur in die Weiterbildungsordnung für Ärzte aufzunehmen.

Seit 2007 ist Akupunktur bei chronischen LWS-Schmerzen und Knieschmerzen im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) enthalten.

2.2.3 Wirtschaftliche Aspekte

Zurzeit stehen die traditionelle und die westliche Medizin in China mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander. Nicht vernachlässigen darf man dabei die wirtschaftlichen Aspekte.

Viele chinesische Kliniken bestreiten einen beträchtlichen Teil ihrer Kosten mit der Ausbildung westlicher Mediziner und Heilpraktiker in der Traditionellen Chinesischen Medizin.

Auf der anderen Seite wird die Traditionelle Chinesische Medizin in Europa und den USA zunehmend vermarktet. Chinesische Mediziner unterschiedlichster Qualifikationen praktizieren mittlerweile in allen Ländern des Westens und erzielen auf diese Weise Einkünfte, die sie in China selbst mit ihren Fähigkeiten nie erreichen könnten.

Hersteller traditioneller pharmazeutischer Produkte in China und Japan entwickeln Strategien, wie sie ihre Erzeugnisse auf den internationalen Märkten verkaufen können.

Chinesische Behörden tragen dazu bei, die Rezeption der Akupunktur im Westen in Bahnen zu lenken, die den chinesischen Interessen entsprechen.

In diesem Zusammenhang ist auch das einschlägige Interesse in- und ausländischer Anbieter von Produkten und Aus-, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen der sogenannten oder angeblichen „Traditionellen Chinesischen Medizin“ zu interpretieren, ein möglichst altes und holistisches System zu präsentieren. Eine wirkliche Einheit der Chinesischen Medizin als holistisches Diagnose- und Therapiesystem hat jedoch nie bestanden. Erst unter Mao wurde versucht, eine Zusammenführung und Vereinheitlichung herbeizuführen und nach außen darzustellen.

Ebenso kritisch hinterfragt werden müssen die Spekulationen einiger westlicher Akupunkteure, die einen Ursprung der Akupunktur in Europa mutmaßen, indem sie die Vermutung äußern, dass Tätowierungen des Ötzi (ca. 3300 v. Chr) „chinesischen Akupunkturpunkten“ entsprächen und wohl zur Schmerztherapie eingesetzt worden wären.

Die Erkenntnis, dass in vielen Kulturen schon vor Tausenden von Jahren Reizverfahren wie Skarifikationen, Kauterisationen und Tätowierungen ebenso wie z. B. das Schröpfen Anwendung fanden, ist dabei ebenso wenig neu wie die Nutzung ähnlicher Körperregionen in der Schmerztherapie.

3 Wissenschaftliche Grundlagen der Akupunktur

3.1 Einführung

Unabhängig von vermittelnden Theorien und empirisch gewachsenen sowie kulturell geprägten Vorstellungen über die Wirkmechanismen der Akupunktur darf angenommen werden, dass die invasive Nadelung entlang ihres Stichkanals v. a. nerval vermittelte, gewebespezifische und/oder zelluläre Reaktionen auslösen kann. Hierbei stehen Einflüsse auf die Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung im Vordergrund, spiegeln jedoch nicht das ganze Wirkspektrum der Akupunktur wider. Im Folgenden werden die gängigen wissenschaftlichen Theorien zu Wirksubstrat und Wirkungsweise der Körperakupunktur dargestellt und – so weit wie möglich – bewertet. Die Grundlagen der Schmerzakupunktur finden sich aus didaktischen Gründen im Kapitel Schmerzakupunktur (s. ▶Kap. 4.12), die wissenschaftlichen Grundlagen der Mikrosysteme – speziell der Ohrakupunktur – werden in dem entsprechenden Kapitel behandelt (s. ▶Kap. 6).

3.2 Morphologie

Über Jahrzehnte wurde immer wieder versucht, eine spezifische Struktur für den Akupunkturpunkt und für die Leitbahnen zu finden. Entsprechende Untersuchungen stammen zu einem Großteil aus der westlichen Welt, möglicherweise auch dadurch bedingt, dass ein Dissektionswesen in China bis in das 19. Jh. hinein unbekannt war. Letzteres erklärt auch einige Unterschiede der Organbeschreibung und Funktionszuordnung.

3.2.1 Morphologische Grundlage der Leitbahnen

Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Vorschläge für morphologische Substrate der Leitbahnen gemacht:

So wurde mithilfe von Radiotracer-Studien versucht, den Verlauf der Leitbahnen nachzuweisen, indem in ihre Endpunkte radioaktive Substanzen eingespritzt und deren Verteilung röntgenologisch verfolgt wurde. Der beobachtete Verlauf entsprach demjenigen großer Lymphgefäße, die z. T. (gerade an der unteren Extremität) ähnlich den Leitbahnen ziehen.

Weit verbreitet ist auch die These, dass die Leitbahnen den Überlappungszonen von Dermatom, Myotom und Sklerotom entsprechen, was bei genauerer Analyse aber nicht haltbar ist.

Aktueller Kompromiss ist die Darstellung von Leitbahnen als biomechanische Ketten. Dieses Konzept ist tragfähig, allerdings dahingehend zu relativieren, dass sich zahllose entlang der Körper- und Extremitätenachsen denkbare Linien als biomechanische Ketten konstruieren ließen.

Merke

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ein einheitliches morphologisches Korrelat von Leitbahnen bisher nicht existiert.

3.2.2 Morphologische Grundlage der Akupunkturpunkte

Es gab in der Vergangenheit zahlreiche Versuche, ein anatomisches Korrelat der Akupunkturpunkte zu finden. In diesem Zusammenhang wurden verschiedene Vorschläge gemacht:

Anhäufung von Rezeptoren

Es wurde vermutet, dass es an Akupunkturpunkten zu einer Anreicherung bestimmter Rezeptoren käme. Benannt wurden hierbei sowohl Mechanorezeptoren (z. B. Ruffini- oder Pacini-Körperchen) als auch Schmerzrezeptoren im Sinne einer besonders hohen Dichte an freien Nervenendigungen.

Obwohl in Einzelfällen eine höhere Dichte der jeweils vermuteten Strukturen an Akupunkturpunkten nachweisbar war, fehlte doch immer ein Nachweis der Spezifität, d. h., entsprechende Anhäufungen lassen sich als zufällig erklären.

Perforation der Körperfaszie

In Deutschland weit verbreitet ist die Auffassung, dass Akupunkturpunkte einer Perforation der oberflächlichen Körperfaszie durch spezifische Gefäß-Nerven-Bündel entsprächen. Entsprechende Vermutungen wurden nach zahlreichen Untersuchungen erstmals in den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts geäußert (z. B. Dung, Bossy, Plummer, Rabischong) und in Deutschland von Heine aufgegriffen und weiter ausgeführt, bis hin zur These des „Akupunkturpunktes als Meridianorgan“.

Umfängliche Untersuchungen verschiedener Arbeitsgruppen zeigen in der Tat, dass derartige Faszienperforationen häufig in der Nähe von Akupunkturpunkten liegen, andererseits aber mehrtausendfach über den ganzen Körper verteilt zu finden sind. Auch hier lässt sich folglich eine Spezifität für die klassischen Akupunkturpunkte nicht ableiten.

In diesem Zusammenhang geäußerte Vermutungen, dass hierdurch eine Reduktion des Hautwiderstandes an Akupunkturpunkten bedingt sei, ließen sich ebenso wenig verifizieren wie Hautwiderstands- bzw. -leitfähigkeitsänderungen an Akupunkturpunkten überhaupt.

Zielstrukturen

Wesentlich ist, dass nicht nur die Struktur, die von der Nadelspitze erreicht wird, verantwortliches morphologisches Korrelat der Wirkungsauslösung sein kann. Bei einer (innervierten) Gefäßadventitia ist das plausibel. Bei der Passage von Haut und bindegewebigen Strukturen mit Ziel einer intramuskulären Lage der Nadelspitze kommen jedoch vielleicht auch mehrere andere und sogar kombinierte Effekte zum Tragen.

Man kann davon ausgehen, dass entsprechend den unterschiedlichen Akupunkturwirkungen auch das morphologische Substrat vielschichtig ist (z. B. Dung, Peuker et al., Ma et al.). Diese These ist im englischsprachigen Raum mittlerweile weitestgehend akzeptiert, im deutschsprachigen Kontext dominiert noch sehr die Theorie der Körperfaszienperforation.

Dennoch lassen sich den Akupunkturpunkten jeweils eine oder mehrere postulierte Zielstrukturen zuordnen. Die Definition von Zielstrukturen soll dem besseren Verständnis und damit der Optimierung der Akupunkturwirkung dienen und mehr Sicherheit für Patienten und Therapeuten bedingen. Die wesentlichen Zielstrukturen (korrekte Nadelung und typische anatomische Verhältnisse vorausgesetzt) sind:

Septen, Bindegewebsplatten und Faszien

Gelenkkapseln

Periost

epineurale Scheiden

bindegewebige Hüllen von Gefäßbündeln

Jede dieser anatomischen Entitäten hat ihre Besonderheit hinsichtlich der Funktion, nervösen und vaskulären Versorgung, die sich in der jeweiligen Morphologie widerspiegelt:

Gefäßinnervation

Die (vegetative) Innervation der Gefäße bis in die Peripherie z. B. ist eine Besonderheit des Menschen im Sinne der Anpassung an den aufrechten Gang, der eine durch die Schwerkraft bedingte besondere Regulationsnotwendigkeit nach sich zog, die beim Tier kaum zu finden ist.

Daher relativieren sich etwa darauf bezogene Tierversuche, die darauf zielen, den Wirkmechanismus der Humanakupunktur bezüglich der Zielstruktur Gefäßscheide zu ergründen.

In der Konsequenz kann man unterschiedliche Wirksamkeit z. B. abhängig vom Alter oder vorliegenden Pathologien mutmaßen.

Bindegewebe

Auffällig ist, dass in den Versuchen besonders häufig bindegewebige Strukturen im Gebiet der Nadelspitze lagen.

Bindegewebe wird üblicherweise auf seine mechanische Bedeutung reduziert.

Tatsächlich ist es jedoch auch typischerweise stark innerviert.

Das gilt für die Registrierung von Spannungen zur Regulation von muskulären Rückkopplungen etwa bei Haltearbeiten oder zur Stabilisierung von Gelenkstellungen ebenso wie z. B. für das Feedback zur Muskelkontraktion.

An vielen Stellen ist allerdings die konkrete Bedeutung nachgewiesener Rezeptoren nicht bekannt.

Da der Mensch die Kontrolle seiner Motorik und seines Gleichgewichtes über unterschiedliche, teils redundante Systeme vornehmen kann und diese im Laufe seines Lebens unterschiedlich trainiert, ist das Augenmerk der Untersuchungen einerseits bisher auf die großen Sinnesorgane konzentriert gewesen, andererseits hinsichtlich der Bedeutung der Bindegewebsinnervation längst nicht abgeschlossen. Neuere Arbeiten zeigen einen direkten Einfluss der Nadelung (mit leichter Nadeldrehung) auf die Bindegewebsfasern (Langevin). Berücksichtigt man die Kopplung zwischen Kollagenfasern und produzierenden Bindegewebszellen über Integrine und die Beeinflussbarkeit der Produktion und Zusammensetzung der Extrazellularmatrix, lässt sich eine tragfähige Brücke zum System der Grundregulation (Pischinger und Heine) schlagen und somit Akupunktur mit klassischen Naturheilverfahren verbinden.

Eine eingestochene und leicht im Gewebe gedrehte Nadel wickelt die Bindegewebsfasern um sich.

Ausmaß und zeitliches Eintreten dieser Wicklung sind u. a. abhängig von der Oberflächenbeschaffenheit der Akupunkturnadeln:

Je rauer die Oberfläche ist, desto mehr Angriffsfläche bietet sich für den vorgenannten Effekt.

Je glatter die Oberfläche (z. B. bei einer Silikonbeschichtung der Nadeln) ist, desto weniger stark ist die Adhäsion der Fasern an die Nadeln und der Effekt auf das Bindegewebe.

Eine faser- und integrinvermittelte Zugwirkung auf die Bindegewebszellen führt zu einer Steigerung der Produktion von Extrazellulärmatrix sowie zu einer Verminderung der Kollagenasesynthese (Chiquet).

3.3 Einflüsse auf vegetatives Nerven- und Immunsystem

3.3.1 Anteile des vegetativen Nervensystems

Das vegetative Nervensystem besteht aus drei Anteilen:

Sympathikus

Parasympathikus

autonomes Darmnervensystem

Parasympathikus

Die parasympathischen Kerngebiete sind kranial und sakral lokalisiert.

Der Parasympathikus ist im Bereich der Extremitäten und des Körperstammes nicht vertreten.

Sympathikus

Die Ursprungsgebiete finden sich thorakolumbal in der Pars intermediolateralis der Segmente C 8 –L 2/3 des Rückenmarkes.

Von dort aus erfolgt die vegetative Versorgung des ganzen Körpers.

Merke

Das Stufengesetz der sympathischen Innervation (nach Ricker) besagt, dass schwache Reize zu einer Gefäßdilatation, stärkere zu einer Gefäßkonstriktion führen.

Präganglionäre Fasern des Sympathikus treten über den R. communicans albus zum Grenzstrang, von wo aus sich die Efferenzen als R. communicans griseus dem Spinalnerven anlagern.

Die synaptischen Verschaltungen müssen hierbei nicht ipsisegmental erfolgen, sondern können auch in benachbarten oder entfernten Segmenten lokalisiert sein.

Die Relation prä- zu postganglionären Fasern beträgt 1: 4 bis 1: 176.

Weitere Fasern ziehen ohne Umschaltung zu prävertebralen Ganglien im Abdominalbereich.

Die sympathische Versorgung des Kopfes, der oberen Extremitäten und des Brustraumes erfolgt durch drei zervikale Grenzstrangganglien und die ersten sechs thorakalen Grenzstrangganglien.

3.3.2 Steuerung des vegetativen Nervensystems

HPA-System

Ein Entzündungsreiz in der Peripherie führt zu zentraler TNF-α und IL-1β-Ausschüttung.

Dadurch wird die HPA-Achse zirkumventrikulärer Kerngebiete aktiviert.

Diese Aktivierung führt zur Ausschüttung von Glukokortikoiden sowie zur Acetylcholin-Ausschüttung aus parasympathischen Nerven, welche antiinflammatorisch wirkt (Tracey, 2002) und zu einer Synthesehemmung für TNF-α und IL-1β.

Aktivierung des HPA-Systems

Ein Input für das stressinduzierte HPA-System kann unterschiedlicher Genese sein:

Sensorische Reize aus der Peripherie, sowohl somatoafferent als auch vegetativ-afferent. Dieses ist ein Ansatzpunkt der Akupunktur.

Kognitive/emotionale Reize (aus den präfrontalen Kortexarealen und dem limbischen System). Hier könnten die unspezifischen Effekte bei Plazebogabe geortet werden.

Chemosensoren, die z. B. auf Medikamente reagieren.