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Drei Männerleichen am Ufer des Chiemsees – und die Ermittlungen laufen ins Leere. Hauptkommissar a.D. TJ Brühlsdorf, frisch promoviert aus den USA zurück, soll mit seinem Team Licht ins Dunkel bringen. An der Seite der klugen Ersten Kommissarin Rieke von Bechtelsberg und ihrer engagierten Ermittlungskommission stößt er auf ein Geflecht aus alten Beziehungen, familiären Konflikten und lebensgefährlichen Geheimnissen. Die Spuren führen zu Intrigen, Rache und einer mörderischen Abrechnung, bei der schließlich auch das Leben der Ermittler auf dem Spiel steht. Zugleich ergeben sich auch im Privatleben des Grafen überraschende Antworten auf verwirrende Gefühle. Dass ganz nebenbei noch ein gewaltiger Shitstorm über die Handelnden hinwegfegt, steigert die Spannung ins Unermessliche. Menschliche Abgründe allüberall – ganz wie im richtigen Leben. Ein Kriminalroman mit regionalem Flair, komplexen Charakteren und überraschenden Wendungen – spannend bis zur letzten Seite!
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Walther Stonet
Ein Graf-Brühlsdorf-Krimi
[dabbeljuti] Media
Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.
Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2025 [dabbeljuti] Media
Imprint der SystemConsult Theis & Partner GmbH
Gutenbersgstraße 47, 72555 Metzingen
https://waltherversum.com/
https://bruehlsdorf.com/
Alle Rechte vorbehalten.
Adelsemblem: Registriertes Warenzeichen der
SystemConsult Theis & Partner GmbH, Metzingen
Titelbild: Rudek Design, Balingen, unter Nutzung eines Fotos des Autors, das mit Hilfe von Midjourney bearbeitet wurde
Gestaltung: [dabbeljuti] Media, Metzingen
Lektorat: Karin & Werner Theis, Dr.Dr. Neubert
Korrektorat: textshine.com
Satz: [dabbeljuti] Media, Metzingen
Druck und Bindung: Tolino oder Amazon
ISBN: 978-3-911566-01-8 (E-Book)
ISBN: 978-3-911566-02-5 (Print Amazon)
Die ISBN auf dem Rücken kann bei Bezug über Tolino und angeschlossenen Partnern abweichen. Das lässt sich leider nicht vermeiden.
Eine Beziehung zu führen, ist dauerndes Verhandeln:
Frieden währt nicht ewig.
Interessen wollen ausgeglichen sein.
Glück hat zwei Seiten.
Ans Versöhnen kann man sich gewöhnen,
und man darf sich sogar darauf freuen.
Kriminalhauptkommissar a. D. Tankred Jürg Graf Brühlsdorf,
Ermittler, Forensiker, Psychotherapeut,
Philosoph und Weltverbesserer
„Boss, könntest du mir mal kurz dein gräflisches Ohr leihn?“
Friedrich J. Schmidt, liebend gerne Rico oder Frederico genannt, hatte den ersten Teil der Frage prononciert gesprochen und den zweiten in seinem weichen Sächsisch vernuschelt. Sein Freund und Chef, TJ Graf von und zu Brühlsdorf, blickte ihn leicht genervt an. Doppelt genervt, um präzise zu sein.
„Sachma, Rico, was ist denn jetzt schon wieder los. Ich muss endlich diesen verdammten Bericht für den Kunden fertig- machen. Und das mit dem ‚Chef‘ und dem ‚Boss‘ könntest du verdammt noch eins endlich endgültig mal lassen.“
Der so Gemaßregelte feixte breit grinsend.
„Im Herrenchiemsee haben sie drei Leichen rausgefischt, die nach und nach hochgeploppt sind. Ist das nicht da, wo die Rieke jetzt ist, nu?“
Brühlsdorf schaute unwirsch auf. Rico gautschte auf seinem Rollstuhl vor dem Schreibtisch seines Freundes hin und her.
„Warum erzählst du mir das?“
„Nu, isch dachte eenfach an die alten Zeiten. Ehrlisch, isch vermisse die All-Nighters mit Pizza, Dinnete, Butterbrezeln und dem schichtenweisen Pennen in Schlafsäcken. Du nisch, TJ?“
Und wie der das vermisste. Er hatte manchmal Tagträume, in denen nicht nur Rieke Bechtel, wie sie sich damals noch nannte, und Jana Eisele, die erst seine Dozentin war und später – wie Rieke ja auch – seine Geliebte, mitspielten. Und er sie nicht nur sehen, sondern fühlen und riechen konnte. Er stellte sich nicht nur das gemeinsame Arbeiten vor, sondern auch, fast zu greifen, das Zusammensein in ganz anderer Form. Danach hatte er das Gefühl, vor lauter Schmerzen heulen zu müssen wie ein alter Schlosshund.
„Rico, mein Lieber, das war gestern. Ich glaube nicht, dass Rieke von Bechtelsberg, die Erste Kommissarin bei der Polizei- inspektion Rosenheim, auch nur das geringste Interesse hat, irgendjemanden von uns zu sehen. Und am allerwenigsten mich.“
„Is ja gut, Chef, isch meen ja bloß. Isch geh dann mal wieder an meen Arbeitsplatz.“
„Tu das, mein Lieber. Bevor ich’s vergesse: Danke, dass du mir berichtet hast. Ich verstehe, dass du dir Sorgen um meinen Gemütszustand machst. Das ist lieb von dir. Du bist eben ein wahrer Freund.“
* * *
„Mama!“
Elias von Bechtelsberg, von Beruf Dreikäsehoch und Quälgeist der Damenwelt seines Haushalts, stand mit in die Hüften gestützten Armen am Schreibtisch seiner Mutter.
„Ich habe dich gesucht. Du warst nicht im Bett.“
Ihr kleiner Sohn protestierte zu Recht. Rieke Bechtel, die sich seit ihrem Stellenantritt vor bald vier Jahren als Erste Kommissarin in Rosenheim wieder von Bechtelsberg nennen ließ, rieb sich die Augen und strich ihrem Sohnemann über die dunkelblonden Locken. Sie war schon wieder vor ihrem Laptop eingeschlafen.
Sie streckte sich. Einige Gelenke knackten. Ich werde alt, wollte sie stöhnen, verbiss sich das aber. Ihr Hals tat in der Atlasgegend weh. Über ihr rechtes Schulterblatt zog sich ein schmerzendes Muskelband bis zur rechten Beckenschaufel.
Sie wuschelte ihrem Sohn durchs Haar und zog ihn an sich. Er ließ es gern geschehen. Das würde sich früh genug ändern.
Gott, schoss ihr zum wiederholten Mal durch den Kopf, er sieht immer mehr aus wie sein Vater. Und danach: Es wird Zeit, dass ich dem Herrn Graf endlich beichte, dass wir einen gemeinsamen Sohn haben.
Ein kleiner Stich in der Herzgegend sagte ihr, dass sie nicht grundlos ein schlechtes Gewissen hatte.
„Ach, Elias“, seufzte sie, „die Arbeit. Ich habe viel zu wenig Zeit für Oma und dich. Und ich schlafe viel zu wenig. Komm, lass uns frühstücken gehen!“
Das Klappern des Geschirrs in der großzügigen Wohnküche zeigte an, dass dort das Anrichten der ersten Tagesmahlzeit bereits in vollem Gange war. Die beiden liefen barfuß über die Diele, die Arbeitszimmer und Wohnküche trennte. Fußbodenheizung hat etwas für sich, murmelte Rieke in Gedanken.
Der Mai war sehr warm dieses Jahr. Wieder war es zu trocken. T-Shirt, kurze Schlafanzughose, ein leichter Hausmantel. Die langen blonden Haare, durch die sich bereits ein paar weiße Fäden zogen, waren als Ponytail gebändigt. Ihre schlanke, große, sportliche Gestalt hatte sich durch Schwan- gerschaft und Geburt kaum verändert.
Der kleine Sohn rannte ihr voraus. Sie ließ ihn gewähren. Er wollte furchtbar gern gewinnen. Deshalb musste sie so tun, als ob sie’s versuchte. Sie tat ihm den Gefallen.
Elias war das Wichtigste in ihrem Leben. Andere Männer gab es nicht, wie sie ihrer Mutter gegenüber immer wieder scherzte, wenn die sie fragte, ob sie denn niemanden Männliches in ihr Leben lassen wollte. Sie wollte nicht.
Denn eines hatte sie seit den drei Leichen im Chiemsee, die man per Zufall vor beinahe zwei Jahren entdeckte, nicht mehr: Zeit.
Ihre Mutter hatte auch keine männliche Begleitung. Seit dem überraschenden Tod ihres Mannes durch einen Herzinfarkt aus dem Nichts war sie allein. Den Vater hatte ihre Tochter Rieke bereits kurz nach dem vierten Lebensjahr verloren. Sie kannte ihn kaum. Dennoch vermisste sie ihn. Glorifizierte ihn zum Übervater. Wer, der einen solchen entbehrte, tat das nicht.
Ihre Mutter erzog sie und ihren Bruder allein. Als Lehrerin verdiente sie ordentlich. Der Vater hatte dafür gesorgt, dass die Immobilie, ein Mehrfamilienhaus, bezahlt war. Ihre Mutter war daneben nicht gerade unvermögend. Es gab Einiges an Grundbesitz, einen verpachteten Bauernhof im schwäbischen Oberland. Wirtschaftliche Not herrschte daher nicht.
Riekes Trennung von Brühlsdorf traf die beiden Frauen hammerhart. Sie selbst hatte das recht sichere Gefühl, dass es ihrer Mutter am Ende ganz gelegen kam, dass Elias ihr einen sehr guten Grund gab, aus der Pensionärinnen-Klause am Bodensee in den Haushalt einer alleinerziehenden Mutter mit Siebentagejob zu ziehen. Auch wenn das eben den Umzug vom Bodensee an den Chiemsee bedeutete.
„Oma!“
Der Kleine war zuerst in der Wohnküche.
„Ich habe gewonnen!“ Eigentlich.
Seine Oma nahm ihn in den Arm, wirbelte herum und drehte eine Pirouette. Der kleine Elias lachte glücklich.
Oma und Enkel, sie waren ein gutes Team, fand die Mutter, die, sich lässig im Türfutter anlehnend, die beiden ansah, wie sie durch den Raum tanzten. Was machte sie nur ohne ihre Mutter …
* * *
Der Sonntag war eigentlich der Tag, der der Familie vorbe- halten sein sollte.
Das war der Plan. Er blieb gute Absicht.
Seit den drei Toten, allesamt Männer mittleren Alters, die Kommissar Zufall nacheinander an die Wasseroberfläche aufsteigen ließ, war nichts mehr wie zuvor. Danach war alles vielmehr unverrückbar anders.
Ausgerechnet an die Gestade des Klosters Herrenchiemsee wurden die Leichen getrieben. Eine nach der anderen ploppte an die Seeoberfläche. Direkt vor der Klosterinsel, an der Mün- dung des künstlichen Kanals, der auf das Schloss wies. Auf- regung und Presse waren garantiert.
Eine nachherige Suche förderte zutage, wo sie deponiert worden waren, bevor die Fäulnis sie aufsteigen ließ. Und dass keine weiteren Körper mehr dort unten auf dem Grund lagen. Immerhin fand man das Boot, in dem sie versenkt worden waren.
Auch wenn dieses makaber-grausige Geschehen inzwischen fast achtzehn Monate her war und der Fall eigentlich nicht mehr heiß – an ein Wochenende war nicht mehr zu denken. Jedenfalls wenn man bzw. frau so pflichtbewusst war wie die Erste Kommissarin Rieke von Bechtelsberg.
Sie hatte wie immer Arbeit mit nach Hause gebracht. Teilweise waren Vorgänge immer noch nicht digitalisiert. Man konnte es kaum glauben.
Heute war ein besonderer Sonntag. Zu Mittag kam Jana Eisele.
„Tante Jana kommt“, sagte sie zum Blaubeer-Muffin futtern- den Sohnemann.
„Kommt Lina mit? Ich will Lina!“
Die beiden Kinder liebten sich heiß und innig. Sie waren nicht nur Freunde, sie waren auch Halbgeschwister. Sie wussten es nicht, aber sie waren unzertrennlich, wenn sich ihre Mütter gegenseitig besuchten. Als ob sie das besondere Band fühlten, das sie verband.
Sie trafen sich mindestens alle vier Wochen. Meist hielten die Kinder es nicht länger aus und quengelten. Das war nicht alles. Auch die beiden Frauen verband mehr als nur die gemeinsame Vergangenheit mit Brühlsdorf.
„Ja, mein kleiner Mann, Lina ist mit dabei.“
Elias lachte über alle Backen.
„Mutter, wo ist eigentlich Lassie?“
Die schaute auf und meinte: „Ich war kurz eine Runde mit ihr. Sie liegt bereits in ihrem Körbchen auf der Veranda und lässt sich’s gutgehen. Du könntest dir mal ein Vorbild an ihr nehmen, Tochter, Liebste.“
Sie konnte es einfach nicht lassen, diese kleine Spitze anzubringen.
„Lassie, Lassie“, rief der Kleine, krabbelte aus dem Kindersitz und rannte, bewaffnet mit einem weiteren Muffin und ausgestattet mit einem Kakaoschnauzbart auf der Oberlippe, hinaus in den Garten.
„Gottchen, Mutter, ich muss mich kommod machen, Jana und Lina kommen gleich.“
Sie sprang auf, gab ihrer Mutter einen Kuss und verschwand in der Dusche. Die saß nur da, lächelte und verdrückte den Rest ihres Müslis. Danach räumte sie ab und auf.
Bewaffnet mit einem Kaffee und der Samstagszeitung ging sie anschließend hinaus, um auf der Veranda nach dem Rechten zu sehen.
* * *
Rieke von Bechtelsberg war gerade dabei, das Bad zu verlassen, da klingelte es bereits. Elias war zum zweiten Mal schneller als seine Mama. Diesmal allerdings ohne ihr Zutun. Sie musste lächeln.
„Lina!“
Ihr Sohn war die Freude pur.
„Elias!“
Das kleine quirlige Mädchen sprang wie ein Flummi um ihn herum.
Die beiden waren in einer Weise zueinander hingezogen, dass es eine Freude war, dabei zuzusehen. Es war mehr als Geschwisterliebe. Dabei ahnten die beiden gar nicht, dass sie Geschwister waren. Halbgeschwister. Es würde keine leichte Aufgabe werden, ihnen das zu erklären.
„Hallo, Jana!“
Rieke eilte durch die Diele zu ihrer jetzigen Freundin und einstigen Rivalin.
„Rieke, Liebste, ich freue mich!“
Sie umarmten sich. Und blieben umschlungen stehen. Als sie sich lösten, hakte sich die eine bei der anderen ein. Ihr Weg hinaus in den Garten verging mit im Plauderton erzählten Geschichtchen aus dem täglichen Leben.
Frau bewegte die Grillzangen. Es gab Gemüse, Salate, Fisch und Geflügel. Die beiden Kleinen futterten wie wild gegrillten Mais. Mit einem speziellen Dip, den Jana im Internet auf einem der einschlägigen Foren entdeckt hatte.
Nach dem Nachtisch, es gab Eis, die Kinder bestanden darauf, nahm Jana die Hände ihrer Gastgeberin in die ihren.
„Rieke, Liebste, du bist bleich, deine Augenringe, dein mattes Haar: Ich mache mir ernsthafte Sorgen.“
Die so Angesprochene senkte den Blick.
„Ich gestehe, dass ich mich seit einiger Zeit dauernd müde und ausgelaugt fühle.“
„Das sind Signale, die auf einen Burnout hindeuten. Wenn du so weitermachst, wirst du ihn bekommen. Du musst also etwas ändern. Unbedingt.“
Im letzten Wort betonte sie jede einzelne der drei Silben.
Rieke seufzte.
„Ich weiß, ich weiß. Ich kann nicht loslassen, beklagt auch meine Mutter.“
„Es ist dieser Fall mit den drei Männerleichen, die der Chiemsee wieder ausgespuckt hat, nicht wahr?“
Rieke nickte, dass ihr Ponytail tanzte.
„Wir stecken fest. Im Moment haben wir nicht einmal einen oder eine Verdächtige. Meine Ermittler sagen, alles sei auser- mittelt. Unsere eigene Operative Fallanalyse hat nichts Neues zutage gefördert. Nichts ist klar. Wir kennen nicht einmal den eigentlichen Tatort. Sonst hätten wir jemanden festgenommen und den Fall gelöst. Eigentlich sind wir so weit wie damals, als wir die Leichen gefunden haben. Es ist zum Davonlaufen.“
Die Ärztin strich ihrer Freundin über das Haar.
„Du musst dir Hilfe suchen. Ein paar Augen, die das alles von einer anderen Warte aus sehen, die nicht betriebsblind sind. Einen Profiler, dem du vertrauen kannst. Frisches Blut eben.“
Rieke blickte auf, die Augen verschleiert.
„Träumst du auch von ihm?“
Es schien, als wechselte sie das Thema. Beide Frauen wussten nur zu genau, von wem Jana Eisele gesprochen hatte.
„Ja, ich träume von ihm. Und ich schäme mich gelegentlich, wie ich von ihm träume.“
„Du meinst, es ist nicht gerade jugendfrei.“
Rieke lächelte verständnisinnig.
„Ich auch, Jana, ich auch. In letzter Zeit wieder häufiger, aber jetzt auch von der gemeinsamen Arbeit im Weißen Ballsaal der Villa.“
Wieder das automatische Streichen über die Haare, als müsste Rieke sich ihrer selbst versichern. Ein paar Tränen rannen. Sie schluchzte nicht. Aber sie schüttelte den Kopf, als wollte sie etwas verneinen.
Obwohl sie eher nachdenklich war, gab Jana ihr einen Rat, der Sprengkraft hatte.
„Rieke, ich denke, du solltest Brühlsdorf anfordern. Er kann dir helfen. Es wird sowieso Zeit, dass er erfährt, dass er zwei Kinder hat. Wir müssen einen Schlussstrich ziehen. Die Kinder haben es nicht verdient, dass wir ihnen auf die Dauer den Vater vorenthalten.“
Sie hatte recht, Rieke wusste das. Sie hatten das Thema in der letzten Zeit immer öfter gewendet und gedreht. Sie war es gewesen, die sich sperrte. Jetzt zerbröselte ihr Widerstand regelrecht.
Auf einmal setzte sie sich auf und versuchte erneut erfolglos, eine vorwitzige Locke zu bändigen.
„Ja, du hast recht. Ich brauche Hilfe. Und er soll seinen Sohn kennenlernen. Es ist jetzt Zeit für beides.“
Die beiden Frauen umarmten sich.
„Lina soll er auch kennenlernen. Wir müssen die Vergangenheit hinter uns lassen. Die Kinder haben einen Anspruch darauf, dass wir das jetzt endlich tun.“
* * *
„Sag mal, Tankred, willsch du de eigentlich fier immer vrgraba?“
Tante Henriette, wie er sie neckend nannte, wenn sie ihm die Leviten las, fragte das zum soundsovielten Male in den letzten beiden Jahren, seit er aus Lincoln, Nebraska, mit einem PhD versehen, zurückgekehrt war. Brühlsdorf sah sie amüsiert an.
„Was willst du, Tante Henriette, die Bude ist doch voller Leben.“
Womit er Emiglia und den kleinen Giulio von Friedrich J. Schmidt und Isodora Clementelli meinte. Und den noch kleineren Yves von Manon Steinbrecher und Gérard Koberl, der gerade anfing zu laufen.
„Tankred, du sollsch ed evil ablenka, du woisch gnau, wia’s gmoint isch!“
Natürlich wusste er das! Aber er liebte dieses Ritual mittler- weile. Er schnippte mit den Fingern, denn jetzt kam der Einsatz von Henrys Mann Schorsch.
„Schätzle, der Tankred håt gnua am Hut. Der håt koi Zeit ed grad. Lassn macha, der isch alt gnua dådefier!“
Brühlsdorf lächelte, aber wer genau hinsah, der sah, dass das Lächeln eher ein trauriges war denn ein triumphierendes. Es gab nichts an der Tatsache zu deuteln, dass er das Leben eines Einsiedlers lebte – wenn man von beruflich motivierten Außen- terminen absah.
Zum Glück hatte er als gefragter externer Fallanalytiker und Profiler genug zu tun. Er hatte es daher leicht, der Einsamkeit und der inneren Leere und Unausgefülltheit eines gewissen Organs zu entfliehen, das man als den Ort gewählt hatte, in dem das wohnen sollte, was man Seele nannte.
Seine Profiler- und OFA-Aufträge hatten in den letzten beiden Jahren stark zugenommen. Irgendwann war die Mär des Erfolgs in Nebraska erst nach Frankreich, dann in die Schweiz und schließlich in den deutschen Südwesten geschwappt.
Professor Minnie Ling, seine Doktormutter, hatte einen Fachartikel publiziert, der diesen damaligen Fall zum Gegenstand hatte. Den, den er selbst „Fake the Fakes“ genannt hatte. Nichts war, wie es schien. Seine Analyse- und KI-basierte Ermittlungsarbeit war als Vorlage dafür dargestellt worden, wie man heute gutes und erfolgreiches Profiling professionell machte. Als Blaupause für jeden Profiler und OFA-Profi wurde der Fall präsentiert.
Erst hatte er wutentbrannt anrufen wollen. Dann hatte er sich geschämt. Und schließlich war er zur Tagesordnung übergegangen. Doch die gab es nicht mehr. Denn bereits morgens um acht Uhr hatte er drei frische Anfragen im E-Mail-Postfach. Eine erste aus Lyon. Eine zweite aus Paris. Eine dritte aus Marseille.
Er musste sich setzen. Normal war gestern. Jetzt war er eine Berühmtheit. Er hasste es, schon wieder eine Berühmtheit zu sein. Aber zum Glück war er es nur in einer bestimmten Öffentlichkeit.
Das war zwar besser als beim letzten Mal. Aber es hatte wieder mit dem Tod zu tun. Warum spielte der Tod wieder eine derart dominierende Rolle? Warum musste sein Leben immer mit dem Tod zu tun haben? Warum hatte er diesen Beruf gewählt? Eigentlich war es doch PTBS gewesen, die ihn zur Psychologie gebracht hatte. Doch dieser Bereich seiner Arbeit wurde immer stärker zurückgedrängt.
* * *
Er entschied sich für Marseille. Organisierte Kriminalität hatte eine große Anziehungskraft auf ihn. Das Gute und Schlimme zugleich war, dass er die Aufgabe mit Bravour löste.
Ein komplexer Fall mit einem halben Dutzend grauenvoll zugerichteter Opfer. Fememorde in einer Bandenauseinandersetzung. Die Vernichtung einer ganzen Familie. Aber das war nicht das ganze Drama.
Bei der Entwicklung des Profils war er zum Ergebnis gekommen, dass der Mörder die Verstümmelung und Zurich- tung der Opfer bereits geübt haben musste. Und das mehrfach. Die Perfektion der Ritualmorde in Marseille sandte selbst ihm den kalten Schauer den Rücken hinunter. Wohl auch, weil dieser Täter mit Sicherheit nach diesen Taten keine Ruhe geben würde.
Und, wirklich, die Durchforstung der Vermissten-Daten- banken förderte zutage, dass es eine solche Serie tatsächlich längst gab. Sie zog sich durch ganz Frankreich. Bereits viele Jahre lang.
Es hatte dem Killer nicht ausgereicht, nur zu töten. Er musste auch noch quälen. Ja, er handelte unter Zwang. Aber warum die anderen Opfer, bei denen das Muster nicht so recht passte? Dieses Rätsel zu knacken, würde sein Ritterschlag werden.
Er hatte zwar schon einen Adelstitel, aber der zählte hier herzlich wenig. Und er löste das Rätsel. Kaum zu glauben: Manchmal hatten selbst die brutalsten, widerwärtigsten Mörder so etwas wie einen Rest an Gewissen.
Als dieser vor ihm saß, sagte er dem Verbrecher auf den Kopf zu, dass er den Wunsch gehabt hatte, gestoppt zu werden. Erst leugnete er es. Irgendwann, viel später, sagte er halblaut: „Ja, ich wollte gestoppt werden.“
„Je suis un monstre, qu’il faut emprisonner.“
Dann nickte der Serienmörder.
Als Brühlsdorf das, diesen einen, kaum hörbar gesprochen Satz – vor dem Verhörraum die polizeiliche Vernehmung beo- bachtend – vernahm, atmete er tief durch. Wieder einmal hatte er richtig gelegen.
Er empfand keine Genugtuung. Warum auch. Nur Müdigkeit. Nichts als emotionale Leere und das Erschrecken darüber, zu was der Mensch fähig war.
* * *
Und so ging es weiter. Am Ende musste Brühlsdorf Aufträge ablehnen. Oder den Kunden lange Wartezeiten vorschlagen. Im Moment hatte er fast ein Dutzend Profiling-Cases, die sich eingereiht hatten in die Liste derer, die ihn beauftragten, obgleich sie wussten, dass er erst in einigen Wochen oder Monaten würde helfen können.
Denn niemand wusste, wie lange eine Ermittlung dauerte, wenn er mit seiner Expertise neue Wege wies, um eine festge- fahrene Situation mit neuen Ansätzen aufzubrechen und neu zu beleben.
Eines – eher weniger – schönen Tages kam eine Anfrage beim LKA in Reutlingen und bei der Staatsanwaltschaft nach Refe- renzen. Auch das BKA und andere LKAs und Staatsanwalt- schaften wurden um Auskünfte ersucht. Es wurde gebeten, vorerst Vertraulichkeit zu wahren.
Als alle Referenzen und Empfehlungen eingesammelt und bewertet worden waren, kam die Anfrage per Fax. Ehrhardt von Thumb, der Onkel und tatsächlich immer noch der Vorgesetzte von Rieke von Bechtelsberg, hatte es unterschrieben. Man fragte an, wann man seine Dienste würde in Anspruch nehmen können.
Per Fax.
So war das in der Digitalisierungswüste Deutschland.
Brühlsdorf erkannte zuerst nicht den Zusammenhang. Doch als er Rosenheim, Traunstein, Chiemsee las, begann er – ganz langsam erst – zu verstehen.
Steckte da vielleicht sogar Rieke dahinter? Seine Rieke? Was hieß hier: seine Rieke. Das hatte vor nahezu vier Jahren geendet. Trotzdem wühlte es ihn auf. Nein, es warf ihn aus der Bahn. Er schlief eine Nacht gefühlt gar nicht. Es kam zu etwas Ähnlichem wie einen Flashback.
Als er am nächsten Morgen am Frühstückstisch saß, erschrak nicht nur Henriette Walcher. Auch Friedrich J. Schmidt, sein Freund Rico, hatte das Gefühl, er hätte einen Schlag in den Magen bekommen.
Sogar Hushpuppy, die Dalmatiner-Hündin, die nicht von seiner Seite wich, hatte Tränensäcke unter den Augen, wollte man fast glauben.
Keiner sagte etwas. Alle dachten das Gleiche: Was ist denn bloß mit ihm los, der Brühlsdorf sieht aus wie seine eigene Leiche. Man tat so, als wäre alles wie immer. Nichts war wie immer.
Brühlsdorfs eigener Geist verzog das Gesicht zu einem Guten-Morgen-Lächeln, das so aussah, als würde er dabei in eine Limone beißen. Er schaffte es sogar, sein Müsli irgendwie in sich hineinzubekommen.
Aber dann verließen ihn seine Selbstkasteiungskräfte, und er ging in das Gym, um sich auszupowern. Danach kam eine Lektion mit Xi Tsiao. Dann dreitausend Meter Schwimmen. Er brauchte das jetzt. Unbedingt.
* * *
Als er aus der Dusche kam, sah er auf seinem Smartphone eine Whatsapp-Nachricht. Sie war aus Riekes Broadcast. Seit sie damals weggegangen war, hatte es keine Nachricht mehr gegeben.
Er hatte keine geschickt. Sie auch nicht. Sie hatten Hide and Seek gespielt. Verstecken bis zur Unkenntlichkeit.
Wie die kleinen Kinder, die sich die Hände vor die Augen hielten und der festen Ansicht waren, man würde sie nicht sehen. Welch eine Idiotie. Welch ein Wahnsinn. Total irre.
Aber so waren Menschen. Und ebensolche waren auch die, die es besser wissen sollten. Oder wissen mussten.
„TJ“, stand dort, und er musste mehrfach ansetzen, um zu verstehen, um zu begreifen, was dort stand, „wir müssen uns unbedingt sehen. Es gibt viel zu besprechen. Wann kommst du?“
Und dann stand da die Adresse. Bisher hatte er nicht einmal genau gewusst, wo sie wohnte. Es gab keine Notwendigkeit dafür, hatte er sich ins Gewissen diktiert. Was man sich halt so alles einredete.
Er atmete tief durch. Seine Antwort war so knapp wie eh und je. Aber diesmal brauchte er dafür eine endlos lange Zeit. Seine Hände zitterten.
Er musste das Smartphone ablegen. Mehrfach.
„Wochenende?“, hatte er geschrieben. Mehr nicht.
Als er fertig war, wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Und ging gleich ein weiteres Mal duschen. Als er sich abgetrocknet hatte, war die Antwort da. „Freu mich.“
Nur ein Punkt. KeinEmoji. Nichts.
Dann ging er mit Hushpuppy eine Runde um den Block, Nicki Svenson als Personenschutz im Schlagschatten. Sein Gesichtsausdruck sorgte dafür, dass niemand es wagte, ihn auch nur anzusprechen.
* * *
Obwohl es sehr warm war, fror Rieke von Bechtelsberg, als sie die Whatsapp abgeschickt hatte. Sie hatte das iPhone nicht nur abgelegt, sondern auf die Bildschirmseite.
Stille. Die Verbindung zum Dauerrauschen des Weltweit- netzes gekappt. Sie hatte sich, dem Rat Janas folgend, ein paar Tage freigenommen.
Elias war im Waldkindergarten. Dort ging er mit großer Freude hin. Klettern, durch den Wald räubern. Mit den Kumpels, ob Männlein oder Weiblein, spielen.
„Kindi, Kindi!“, rief er morgens immer. Die Oma war so lieb und fuhr ihn mit ihrem wunderbaren alten Audi-Cabrio.
Rot war es, das Audi A4 Cabrio. Elias liebte es, wenn offen gefahren wurde. Am liebsten wäre er hinter dem Steuer gesessen und hätte den Wagen selbst gesteuert. Die Hupe betätigen zu dürfen, löste bei ihrem Sohn wahres Entzücken aus. Sie hatte einen kleinen Autonarren auf die Welt gebracht.
Rieke war kein Autonarr. Sie liebte das schwere Bike. Ihre große Enduro stand in der Garage und wartete darauf, endlich wieder von ihr bewegt zu werden.
Seit der Geburt von Elias war sie nicht mehr damit gefahren. Ob sie überhaupt noch ansprang? Sie würde es gleich heute versuchen, versprach sie sich.
* * *
Doch dann saß sie erst einmal da und tat … nichts. Sie bewegte sich nicht. Anfangs hielt sie immer wieder die Luft an. Um sie endlos auszuatmen, sodass es ihr fast schwarz vor Augen wurde. Irgendwann hörte das Zittern auf, verschwand die Kälte auf der Stirn.
Der Knoten im Unterbauch löste sich auf. Sie fand eine verlorengegangene innere Mitte wieder, die ihr in den letzten Monaten schleichend abhandengekommen war. Aber stimmte das denn? Hatte sie ihre Mitte vielleicht zurückgelassen, als sie damals nach Rosenheim ging? Sie hatte keine Antwort darauf. Aber das war gerade nicht wichtig.
Es wurde Zeit, sich die ganze Akte nochmals anzuschauen. Den ganzen Verlauf des Falls zu memorieren. Jedes Detail. Sie wollte sich nicht blamieren.
‚Blamieren, was soll das, Rieke, du bist gut, und du weißt es. Und du musst ihn nicht beeindrucken. TJ weiß das doch auch. Trotzdem muss ich alles noch mal aufrollen. Ich muss einfach. Ich kann nicht anders. Vielleicht hat Jana recht, und genau das ist mein wirkliches Problem.’
Rieke von Bechtelsberg fuhr sich durchs Haar. Ihr Ringfinger verhakte sich im Gummiband. Sie streifte es ab und schüttelte ihre Haare auf.
„Mein Schatz, wie schön du bist“, sagte ihre Mutter,als sie das Ergebnis dieser Befreiung sah. „So solltest du dein Haar immer tragen.“
Rieke lachte laut. Ihr Gesicht sah auf einmal um Jahre jünger aus.
„Ach, Mutter, du übertreibst. Ich bin zu alt dafür. Das macht man mit fünfundzwanzig. Was sollen denn die Kollegen denken.“
Die trockene Antwort lautete: „Na, vielleicht, dass sie die schönste Chefin Deutschlands haben?“
Ihre Mutter war unmöglich. Aber Rieke wusste und schätzte, wie sehr ihre Mutter sie liebte. Sie hätte das mit ihrer Position und Elias gar nicht durchziehen können ohne ihre Hilfe.
* * *
Ein Montag hatte den entscheidenden Vorteil, am Montag zu sein. Heute war Montag, und Brühlsdorf saß nach diesem Schock im E-SUV nach Freiburg. Dort hatte er seinen aktuellen Auftrag. Er schlief die ganze Fahrt.
Kurt-Georg Walcher hatte ihm klargemacht, dass er nicht starten würde, ohne dass er im hinteren Bereich die extra eingerichtete Schlafkoje bezog und wenigstens die Fahrt über ruhte. Er wusste, dass sein Schorsch, heute mal wieder Fahrer und Bodyguard, recht hatte.
Brühlsdorf unterließ es daher, zu protestieren. Er war schlicht zu ausgelaugt dafür. Und das LKA in Freiburg erwartete von ihm ein Wunder – wie immer, wenn man ihn anforderte.
Eigentlich fühlte er sich exakt dazu nicht in der Lage. Vielmehr bräuchte er selbst ein Wunder, war er überzeugt.
Aber vielleicht war das Wunder ja schon geschehen. Sie hatte sich gemeldet! Rieke hatte sich gemeldet! Warum sie und nicht Jana? Er hatte das Gefühl, dass es Rieke war, die ihm wichtiger geworden war über die Zeit. Täuschte dieses Gefühl?
Diesen Gedanken schaukelte der E-SUV bei Rottenburg auf die Autobahn in Richtung Donaueschingen. Dann ging es über die B 500 durch den Schwarzwald und übers Höllental hinüber ins Rheintal.
Sein Fahrer und Bodyguard ließ sich Zeit. Viel Zeit. Der Ter- min war gegen 13 Uhr beim LKA. Sie waren mit viel Reserve losgefahren.
Er nutzte jede Minute davon aus. Als sie auf dem Parkplatz einbogen, waren sie bereits avisiert. Es gab sogar einen reservier- ten Stellplatz. Das würde sicherlich Ärger geben.
Neid war kein guter Ratgeber. Zurücksetzung auch nicht. Stellplätze waren knapp. Sehr knapp. Zu knapp. Überall.
Als Brühlsdorf aus der Fahrzeugtür glitt, bemerkte er, wie steif er war. Er streckte sich, dass seine Gelenke knackten. Sein Schorsch bemerkte in seiner trockenen Art: „Bis grad hann i deekt, dass i dr alte Sack bee.“
Brühlsdorfs rechte Augenbraue schnellte hoch.
„Schorsch, ich darf doch bitten. Und zwar sehr.“
Das spitzbübische Grinsen, das die Replik begleitete, signalisierte, dass es den ‚alten‘ Brühlsdorf noch gab.
„Semmer uffgwacht!“
Schorsch Walcher packte den Trolley mit dem Arbeitskoffer.
„Gammr, Boss!“
Die Frage, wer hier wem im Moment die Befehle gab, ließ sich schwer beantworten. Jedenfalls machten sich die beiden Männer festen Schritts auf in Richtung Eingang.
Hushpuppy war in der Villa geblieben. Tante Henry und die Rasselbande in der Villa sorgten für die nötige Unterhaltung.
Dort, am Eingang, erwartete man sie bereits. Der leitende Ermittler, Kriminalhauptkommissar Dieter Förster, holte sie ab. Man hatte sie bereits angekündigt, als sie in den Parkplatz einfuhren. Und dann staunte Schorsch Bauklötze.
Sein Chef war in einer Weise präsent und brillant, dass es ihm den Atem verschlug. Man musste allerdings zugeben, dass dieser sich, auch mithilfe der Fähig- und Fertigkeiten von Frederico und seiner Kolleginnen und Kollegen von Ready2rumble, bestens vorbereitet hatte.
Er wusste Dinge über die Verdächtigen, die über das weit hinausgingen, was die Polizei erlaubte. Brühlsdorf musste dafür keine Gesetze brechen, die die Ermittler beschränkten. Er hatte Nerds und ihre KI-Tools. Das war der entscheidende Unterschied. Neben seiner geradezu unglaublichen, gigantisch empfindlichen Spürnase.
* * *
Apropos Ready2rumble. Brühlsdorfs Investition entwickelte sich zur Goldgrube. In den letzten dreieinhalb Jahren waren aus den vier Gründern vierzig Cybersicherheitsspezialistinnen und -spezialisten geworden. Sie gruppierten sich um das Zentrum, das Katha Meos, Charly Oldenburger und eben Friedrich J. Schmidt, genannt Frederico oder noch kürzer: Rico, bildeten.
Auch die Detektei für besondere Fälle, die Gérard Koberl leitete, war zu einer Erfolgsgeschichte geworden. Es schien, dass TJ Brühlsdorf Händchen und Näschen für gute Geschäftsideen von seinem verstorbenen Vater geerbt hatte.
Nicht, dass ihn das ernsthaft gestört hätte. Es schaffte neuen Spielraum, die Brühlsdorf-Stiftung mit weiteren Mitteln zu versehen, die diese in die Aufgabengebiete PTBS und Unfall- chirurgie fließen ließ. Das sah er nur zu gern.
Damit konnte er in Bereichen helfen, in denen es um Verletzte und Versehrte aus den Sicherheitsbehörden ging – die ja meist nicht nur körperlich, sondern auch an der Seele verwundet worden waren. Wer kümmerte sich um sie? Ihre Dienstherren? Im Ernst?
Sie würden in Freiburg übernachten. Bis Mittwochabend hatte er für Schorsch und sich gebucht. Schließlich war er gebeten worden, auch die Vernehmung des Verdächtigen zu überwachen, der dem erstellten Profil erstaunlich nahekam.
Eine weitere Recherche, die Geoprofile des Smartphones und seiner Smartwatch während der Tatzeiten, hatte ergeben, dass dessen Alibis wohl keine waren. Die Zeugenaussagen, die behauptet hatten, ihn andernorts gesehen zu haben, stellten sich nach und nach als wenig valide heraus und relativierten sich dadurch.
Als man den mutmaßlichen Täter mit den neuen Indizien und den Umfeldinformationen konfrontierte, bekam seine Fassade Risse und seine Selbstsicherheit Löcher. Er begann, sich zu verhaspeln. Als er bemerkte, dass er in die Enge getrieben wurde, verweigerte er alle weiteren Aussagen und verlangte einen Anwalt. Daraufhin wurde er in U-Haft genommen.
* * *
Am zweiten Abend hatte Brühlsdorf, nachdem er wusste, dass er bereits morgen um die Mittagszeit vorzeitig zurückfahren würde, einen Call mit Gérard, Rico, Katha und Charly einbe- rufen.
„Guten Abend, Kolleginnen und Kollegen. Es geht um die drei Männerleichen, die an das Ufer des Klosters Herrenchiemsee getrieben worden waren. Das muss vor etwas über anderthalb Jahren passiert sein. Gérard, könntest du alles zusammentragen, was du finden kannst.“
Der grinste und meinte nur: „Mochma, Herr Graf. Endlich wieda wos Gscheides.“
Frederico nickte.
„Nu, un wir drei solln alles rausfinden, was es über die Opfer in den Tiefen des nicht offiziösen Netzes gibt, ne woar.“
Brühlsdorf grinste nun ebenfalls.
„Stimmt auffällig. Aber wirklich alles. Ihr drei stimmt euch ab, wer’s macht bzw. einen aus eurem Team benennt, dem man vertrauen und der das Wasser halten kann.“
Er sah in die Runde. Alle freuten sich darauf, mal wieder was Richtiges zu tun zu bekommen. Ein kleines Abenteuer war das, was allen schon eine Weile fehlte. Und sie hatten die sichere Erwartung, dass dieser Fall genau das zu werden versprach.
„Ach, bevor ich’s vergesse. Danke, dass ihr mich für Freiburg so gut vorbereitet habt. Ihr wart mal wieder Sonderklasse!“
* * *
„Jana-Schatz, er kommt am Wochenende. Und du kommst mit Lina auch.“
Rieke von Bechtelsberg war bisher sehr selten gegenüber ihrer Freundin Jana so bestimmend aufgetreten. Jana wollte aufbegehren, sah aber beim Luftholen ein, dass Rieke recht hatte. Es war Zeit dafür, reinen Tisch zu machen und mit der Geheimniskrämerei aufzuhören.
„Die Kinder ihren Vater verdient und der seine Kinder, das waren deine Worte“, sprach sie Janas Gedankenwirbel. Sie sah das Nicken auf dem iPad-Bildschirm. Sogar die Träne, die sich aus ihrem rechten Augenwinkel stahl.
„Ich weiß, ich weiß, liebste Rieke, ich kann mich gut erin- nern. Wir kommen. Und ich bringe für TJ Riechsalz mit. Er wird es brauchen.“
Ihre traurigen Augen sprachen ihrem Sarkasmus Lügen.
Rieke verstand beides gut. Die Trauer. Und den Sarkasmus.
„Ach, Jana, wir beide haben vielleicht einen großen Fehler gemacht. Wir sind dadurch moralisch genauso fragwürdig wie er. Das sollte uns klar sein.“
Sie hatte wahrscheinlich damit recht. Denn sie beide hatten sich in gegenseitigem Einvernehmen versprochen, ihm nichts von ihren Schwangerschaften zu erzählen. Damals war es noch so etwas wie Genugtuung gewesen. Jetzt war davon nichts mehr übrig, aber ein saumäßiges Gefühl und ein noch schlechteres Gewissen.
Danach wechselten sie das Thema. Es war kein besonders schönes. Da fiel es leichter, sich mit den Kindern zu beschäf- tigen. Sie waren der Sonnenschein, der dieses Dunkel vergessen ließ. Ablenkung war gern gesehen.
Lina und Elias sorgten für die Alltagsgeschichten, die die beide Frauen auf andere Gedanken brachten. Als sie die Verbindung trennten, saßen beide noch eine längere Zeit vor den Tablets. Ihre Gesichter spiegelten sich im Glas des Bildschirms. Der Schattenriss ihrer Gesichter verbarg ihre Gefühle.
Jana hatte ihre Kollegin und Freundin Caro Minh, die sie damals wie heute zurück ins Leben rief. Und Patientinnen, die ihrer beider Hilfe brauchten. Die kleine Lina war noch bei der Tagesmutter. Sie war so nett, ihre Betreuungszeit bis 18 Uhr auszudehnen, wenn es nötig war.
Emily McGrawth war ein Engel. Sie hatte einen Schotten geheiratet, den es in den deutschen Südwesten zum Daimler, so nannte man das im Schwobaländle, verschlagen hatte. Er war Maschinenbauingenieur und hatte eine sehr gute Stelle in der Produktion der S-Klasse. Sie hatten zwei Kinder und ein großes Haus.
Emily hatte Zeit und war ausgebildete Kindergärtnerin. Irgendwann waren es sieben Kinder und eine weitere Mutter. So eine professionelle Tagesmutter war eine wunderbare Ein- richtung für Familien.
Ohne Emily und ihren Service wären neun Mütter nicht in der Lage, ihrer Arbeit nachzugehen. Geschlechtergerechtigkeit war eine Illusion. Die Mütter hatten die Kinder und dann einen Beruf. Die Väter hatten ihren Beruf und dann ihre Kinder.
Sie, Jana, hatte Lina und ihre Praxis. Der Vater wusste nicht einmal, dass er Vater war. Er hatte gar keine Chance, alles anders zu machen, als man es normalerweise tat. Vielleicht sollte ihm diese Möglichkeit gegeben werden. Es wäre fair. Fairer, als er damals war, als sie sich entschied, ihn zum Vater ihres Kindes zu machen.
* * *
Nach einer Nacht, in der er auf wundersame Weise durch- geschlafen hatte, fühlte er sich endlich wieder auf der Höhe des Geschehens. Aus Freiburg kam vom LKA die E-Mail, dass der Anwalt des Verdächtigen nach der Durchsicht der Akten zwar einen Haftprüfungstermin beantragte, aber nicht den Eindruck vermittelte, dass er diesem Schritt Erfolg zumessen würde.
Der Verdächtige blieb bei seiner Aussageverweigerung außer der Einlassung, er wäre absolut unschuldig, und das alles wäre nur ein Komplott der Ermittler, die einen Schuldigen bräuchten.
Hauptkommissar Dieter Förster bedankte sich für die Hilfe bei der Aufklärung und bat darum, dass die Bemühungen zeit- nah abgerechnet würden. Brühlsdorf schrieb gern Rechnungen. Fast so gern, wie er Verbrecher überführte und PTBS- Betrof- fenen half.
Die gewonnene Zeit gab ihm die Möglichkeit, wieder einmal einen ganzen Tag an der Beratungshotline seines PTBS-Projekts zu sitzen und Ersthilfe zu leisten. Es war erschreckend, was er zu hören bekam.
Die Vorgesetzten und die Kameraden der betroffenen Sol- daten, Polizisten und Rettungskräfte waren immer noch nicht aufmerksam genug. Sie kannten die Symptome und die Anzei- chen nicht, anhand derer man diese Art Traumata feststellen konnte. Er bemerkte wieder einmal, wie weit der Weg noch war, zu einer guten Versorgung der Betroffenen zu kommen.
Er fand sogar noch die Zeit, sich das Angebot durch den Kopf gehen zu lassen, das Anfertigen einer Habilitationsschrift mit einer nebenberuflichen Dozentur an der University of Lincoln zu verbinden. Minnie Ling hatte offensichtlich einen Narren an ihm gefressen – warum auch immer. Vielleicht hatte sie es noch nicht aufgegeben, ihn doch noch für sich zu gewinnen.
Er erinnerte sich an ihre Versuche während der Promotion. Was hatte sie nicht alles angestellt. Er hatte gelernt, dass Frauen Jägerinnen sein können, und was für welche. Schließlich war er die Jagdbeute gewesen.
Ihr Vorschlag hatte den Reiz, dass die meisten Vorlesungen und Seminare remote gehalten werden durften. Präsenz war nur an zwei Wochenendseminaren je Semester erforderlich, die freitagnachmittags begannen und montagabends endeten.
Es gab ein wundervoll gelegenes Haus der Universität an einem idyllischen Bergsee. Er kannte es bereits – und hatte nicht nur angenehme Erinnerungen daran.
War bei diesen Gelegenheiten der nächste Angriff Minnies auf ihn geplant? Ihm schwante Fürchterliches. Obschon das eigentlich gar nichts Fürchterliches an sich hätte, geschähe es unter normalen Umständen. Denn Minnie Ling war eine ebenso schöne, wie charmante, witzige und sehr kluge Frau.
Eigentlich sollte sich jeder Mann glücklich schätzen, auf den sie mehr als nur ihre schwarzen Kohlenaugen geworfen hatte, in denen ein verzehrendes Feuer brennen konnte, wie er bereits erfahren durfte. Aber er war nicht der Richtige für sie.
Er beschloss, die Entscheidung zurückzustellen, bis er für die Abende und Nächte eine Lösung gefunden hatte, die eine solche Zwangslage verunmöglichten. Der einzige Weg, ihren wahrscheinlichen Plan zu durchkreuzen, war wohl, dass er eine Begleitung hatte, die sein Bett mit ihm teilte.
Vielleicht könnte das ihre Bemühungen abkühlen. Hoffent- lich würde darunter nicht ihre Zusammenarbeit leiden, die er sehr schätzte. Aber am Ende konnte man nicht immer beides haben, wie er gelernt hatte.
Apropos Minnie Ling: Wie ging es eigentlich Steffi? War Sergeant Estefania Hidalgo, mit der er den Serienmord in Nebraska aufgeklärt hatte, noch in Lincoln?
Im Gegensatz zu Minnie Ling hatte er zu ihr vollkommen den Kontakt verloren. Einen Fall von sauschlechtem Gewissen diagnostizierte er bei sich. Zu Recht.
Es wurde Zeit, dass er auf andere Gedanken kam. Also ging er das nächste Thema an. Der Call war schnell organisiert.
„Rico, Gérard, haben wir etwas zu diesen drei Herren im Chiemsee?“
Sie hatten.
Alle drei Selfmade-Millionäre. Alles richtige oberbayerische Mannsbilder. Jäger. Auf Hirschen, Wildsauen und die Damenwelt. Aber bitte unter fünfundzwanzig. Blond. Mit Rundungen, wo sie hingehörten. Und nur da.
Saubuam eben. Alle drei ungefähr seit zwei Jahren vor ihrer Ermordung geschieden. Alle drei mit zwei oder drei Kindern. Alle Ex-Frauen hatten auf Unterhalt geklagt. Alle Prozesse waren in die zweite Instanz gegangen.
Die drei sauberen Herren waren Geschäftsfreunde, Jägerfreunde, Für-sonst-noch-was-Freunde. Er konnte es sich fast bildlich vorstellen. Kumpane. Vielleicht sogar Saubazis.
„Super, was ihr zusammengetragen habt. Ich schlage vor, ihr sucht weiter. Ihr solltet parallel dazu mal die Ex-Frauen unter die Lupe nehmen. Und die Kundenlisten ihrer Firmen und Betriebe abgleichen. Vielleicht finden wir da noch mehr.“
Rieke von Bechtelsberg hatte sogar – zum ersten Mal seit zwei Jahren – eine Friseurin bemüht. War am Freitagmorgen ein neues Outfit kaufen gegangen. Hatte neue Damenwäsche und ein geradezu unzüchtiges Nachthemd erworben. Was hat mich da nur geritten, schüttelte sie den Kopf, als sie es in den Kleider- schrank packte.
Aber es hatte ihr gefallen. Wunderbar hatte es sich auf ihrer Haut angefühlt. Und sie hatte sich in einer Weise als Frau und begehrenswert gespürt wie seit fast vier Jahren nicht mehr. Sie gestand sich ein, dass es die letzte Nacht mit ihm gewesen war. Seitdem war dieses Prickeln vollkommen in den Hintergrund getreten.
Riekes Mutter rieb sich die Augen, als ihre Tochter aus Rosenheim zurückkam. Sie hatte schon immer gewusst, dass ihre Kleine eine schöne Frau war.
„Jetzt, mein Schatz, kann es jeder sehen, wie großartig du bist“, rief sie aus, als ihre Tochter ihr die Erwerbungen vor- führte.
Diese lief in einer sehr sympathischen Weise rot an, und ihre grünblauen Augen strahlten regelrecht. Das war der inspirierende Teil der Übung „Wie bereite ich mich auf den Besuch von TJ vor“. Es gab noch einen weiteren, weniger schö- nen: Elias musste auf seinen Vater eingestimmt werden.
Die Frage, wie exakt das denn am besten zu bewerkstelligen wäre, hatte ihr erhebliches Kopfzerbrechen verschafft. Beson- ders in der vergangenen Nacht hatte sie sich damit abgequält. Statt endlich einmal richtig auszuschlafen, lag sie wach und schwankte hin und her.
Irgendwann, es war nach drei Uhr morgens, war sie dann doch eingenickt. Es war schon beinahe acht Uhr, als ihr der Gegen- stand ihrer Schlaflosigkeit, der kleine Elias, mitteilte, dass sie jetzt aufzustehen hätte, weil es Frühstück gäbe.
Das mit dem Lächeln, das sie normalerweise für ihren Sohne- mann übrighatte, fiel ihr verdammt schwer. Eigentlich fühlte sie sich wie gerädert. Aber andererseits konnte Elias ja nichts dafür, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte. Ihm gegenüber und seinem Vater gegenüber.
Aber wie ihm beibringen, dass sie ihm seinen Vater vorent- halten hatte.
„Mein kleiner Schatz, die Mama muss ganz schnell aufs Klo und ins Bad. Gehst du schon mal rüber zu Oma?“
Sie gab ihm einen Kuss, und der Kleine sauste zu seiner Oma.
Es gab nichts, was eine kalte Dusche nicht in Ordnung brachte. Wenigstens einstweilen. Quod erat demonstrandum. Nach einigen Minuten kalten Abduschens schmerzten die Brust- warzen, waren die Lippen leicht bläulich, klapperten die Zähne und zitterten die Knie.
Sie jedoch war jetzt endgültig hellwach. Und das war schließ- lich das Ziel der Übung gewesen. Der Rest ging sehr schnell von der Hand.
Das Wetter war nicht sehr warm, aber sehr schwül. Es würde heute noch heftig gewittern. Sagten die Wetterfrösche. Und ihre dumpfen Kopfschmerzen, die ein klares Zeichen genau dafür darstellten. Zum Glück war es keine Migräne. Aber nicht weit weg davon.
Nach dem Frühstück ging sie an ihren Schrank, in dem sie ihre persönlichen Dinge aufbewahrt hatte. Dort gab es einige sehr schöne Fotos von Brühlsdorf und ihr, gemeinsam und jeder bzw. jede für sich.
Da gab es doch irgendwo auch ein paar Videos, nicht wahr? Sie nahm ihr iPad und begann, sich durch die Clips zu scannen. Am Ende hatte sie eine kleine Bibliothek zusammengestellt. Mit dem Tablet und den Fotos ging sie hinüber in die Wohnküche.
„Es wird Zeit für eine kleine Beichte. Absolution wird es allerdings nicht geben.“
Ihr trockener Humor ließ ihrer Mutter das Lachen im Hals stecken bleiben.
„Tochter, irgendwann wird jemand so etwas in den falschen Hals bekommen, das sag ich dir.“
„Elias, mein Schatz, morgen kommt dein Papa.“
Der kleine Junge spielte erst mal weiter und schien nicht ver- standen zu haben, was seine Mutter gerade zu ihm gesagt hatte.
„Willst du sehen, wer dein Papa ist?“
Er baute weiter an seinem kleinen Turm. Wäre Rieke nicht ein Wunder an Geduld, würde sie jetzt aus der Haut fahren. Ihre Mutter erstarrte gerade in Bewunderung.
„Sag, mein Spatz, willst du etwas trinken?“
Jetzt sah er auf. Er war so fokussiert wie sie, wenn er etwas tat.
„Ja, trinken, Mama!“
Er sprang auf und rannte zu ihr hinüber.
Sie reichte ihm den Becher mit Mineralwasser. Er nahm einen großen Schluck und stellte den Becher sorgsam wieder ab.
„Komm auf Mamas Schoß.“
Diesmal kam er, ohne zu zögern. Die Bauklötze waren vorerst vergessen.
„Schau mal, Elias, das ist dein Papa.“
Sie zeigte ihm das Foto. Brühlsdorf lehnte lässig am Teehaus im Garten seiner Villa. Er sah verboten gut aus. Dieses verschmitzte Lausbubenlächeln – auch Elias hatte es schon manchmal. Das offene Gesicht, nicht zu männlich, aber dennoch glasklar Mann. Ihre Finger berührten es zärtlich.
„Schau, so sieht er aus.“
Der Sohn wies auf den lässigen Kerl, der da am Türrahmen angelehnt lümmelte.
„Papa!“, rief er und lachte.
„Willst du mehr sehen?“
Elias nickte mit dem ganzen Körper – wie nur Kinder das konnten. Seine Mutter nahm das iPad und spielte einige Videos ab.
„Papa!“
Er zeigte immer wieder auf diesen großen schönen Mann. Ja, dachte sie, ich habe ihn gleich auf eine besondere Art gesehen, nein, besser beschrieben, ich war vom ersten Moment schwer- stens in ihn verliebt. Ich sollte endlich einmal ehrlich sein. Noch ehrlicher wäre ich, wenn ich einräumte, dass ich ihn immer noch liebe.
„Willst du, dass Papa kommt?“
Der Sohn nickte wieder mit dem ganzen Körper.
„Ja, Papa soll kommen!“
* * *
Jana hatte das gleiche Problem. Sie löste es ein bisschen anders. Eines Abends, als die kleine Lina bereits eingeschlafen war, stellte sie einige Fotoabzüge mit Brühlsdorf auf, die sie von einigen Aufnahmen auf ihrem Smartphone hatte machen lassen. Das ging heute zum Glück schnell, und es war ja Eile angesagt.
Übermorgen hieß es, ganz früh nach Rosenheim aufzu- brechen. Die Strecke war einfach über zweieinhalb Stunden. Sie würden wie immer über Nacht bleiben. Sie hatte einen Deal mit Caro Minh. Sie wusste Bescheid und machte mit. Dafür nahm ihr Jana immer mal wieder abends und an einem Wochenende ihre Zwillinge ab.
Caro hatte einen wunderbaren Mann. Die beiden hatten sich angewöhnt, immer mal wieder etwas zu zweit zu unternehmen. Jana sprang immer dann ein, wenn die Eltern oder Schwiegereltern keine Zeit hatten.
Als Lina aufwachte, hing an der Wand das Bild eines Mannes.
„Mama, wer ist der Mann!“, verlangte das kleine Mädchen zu wissen.
„Das ist Papa“, ließ sich ihre Mutter entlocken.
„Ich will zu Papa“, erklärte die Kleine mit sehr ernsthafter Miene. Ihre Mutter musste lachen und weinen zugleich.
„Willst du noch mehr von ihm sehen?“
Während des Frühstücks saß die Kleine auf ihrem Schoß, und ihre Mutter zeigte ihr auf dem Tablet Bilder und Clips. Dazu erzählte sie meist lustige kleine Geschichten. Dabei kam ihr mehr und mehr in den Sinn, wie viel Spaß sie mit TJ gehabt hatte.
Er war nicht nur ein guter Unterhalter. Er war charmant, witzig, konnte wunderbar zuhören, immer die richtigen Fragen stellen und die angebrachten Sachen sagen.
Selbst wenn es ihr einmal nicht so gut ging, brachte er sie mit großer Sicherheit zum Lachen.
Ihr wurde bewusst, wie sehr sie ihn immer noch liebte. Es war schockierend, es sich einzugestehen: Ja, sie liebte ihn. Und wie! Sie wollte ihm böse sein. Zugleich war sie es und war es eben auch wieder nicht.
Linas Augen folgten ihren Lippenbewegungen und Gesten. Sie sogen ihres Vaters Spiegelbild in den Augen ihrer Mutter auf. Es schien der Mutter, als könnte sich die Tochter nicht an ihren Erzählungen satthören und -trinken.
Als sie abends mit Rieke telefonierte, da die beiden Kleinen endlich im Bett lagen und schliefen, erzählte diese vom gleichen Phänomen.
Weil die beiden Kinder aufgeregt waren, wurde es sehr spät, bis sie endlich einschliefen. Stundenlang telefonierten beide Mütter nach deren Ins-Bett-Gehen.
Es war nach Mitternacht, als beide Frauen endlich total übermüdet in ihre eigenen Betten schlüpften, um am anderen Morgen alle beide kräftig zu verschlafen.
Nach dem Aufstehen hatten beide dieses versonnene Lächeln im Gesicht, als wäre ihnen etwas widerfahren, das die Welt grundstürzend zum Besseren verändert hätte. Dem war sicherlich faktisch nicht so.
Aber wie man wusste, war der Mensch in einem besonders gut: Er konnte sich die Welt in einer Weise zurechtzimmern, dass am Ende das tiefste Schwarz einem wie hellstes Weiß vorkam.
Oder umgekehrt.
* * *
„Du solltest Riechsalz mitnehmen, wenn du nach Rosenheim fährst, Brühlsdorf“, konnte sich Isodora Clementelli nicht verbeißen. Kaum hatte sie das gesagt, bereute sie es auch schon.
Brühlsdorf fuhr auf und herum.
„Sieh an, du weißt etwas und außerdem entschieden mehr als ich. Darf ich von diesem Wissen profitieren?“
Die Oberstaatsanwältin, nein, leitende Oberstaatsanwältin, denn so viel Zeit musste schon sein, schluckte heftig – völlig überrascht durch die Schärfe in seiner Stimme.
„Sorry“, druckste sie, „ich habe mein Wort gegeben.“
Brühlsdorf lachte trocken.
„Loyalitätskonflikt, Isa?“
Die nickte und verzog das Gesicht.
„Hätt ich bloß meinen Mund gehalten.“
Brühlsdorf winkte unwirsch ab.
Was beide Protagonisten dieser für beide äußerst unersprießlichen Unterhaltung nicht mitbekamen, war das Faktum, dass Frederico alles mitgehört hatte. Er war gerade dabei gewesen, um die Ecke zu rauschen, als er die freche, spitze Bemerkung seiner liebsten Isodora hörte.
Er bremste lautlos. Das glich einem Kunstwerk. Normaler- weise quietschten die Reifen auf dem glatten Steinboden.
Er hatte eine Ewigkeit trainiert, bis er das geräuschlose Zum-Stillstand-Bringen des Rollstuhls meisterte.
Jetzt hatte selbst er einen echten Loyalitätskonflikt. Einerseits wollte er seinem Freund TJ helfen. Andererseits durfte er offiziell gar nichts wissen. Er hatte gelauscht, und das absicht- lich und aus Neugier. Beides keine besonders guten Motive. Aber jetzt könnte er helfen. Aber war das wirklich uneigen- nützig oder doch eher ein Versuch der Exkulpation?
Am Ende siegten die Neugier und das sichere Gespür, dass das Ergebnis manches rechtfertigen würde. Jedoch würde sicher ein mächtiger Anschiss trotzdem auf ihn warten. Mit den Begleiterscheinungen, die er am Ende eher erfreulich finden würde.
Was er nach einer dieser Eingebungen nach der Eingabe der Suchbegriffe gelesen hatte, hatte ihn damals vom Stuhl gehauen, wenn er nicht bereits gesessen hätte. Gelegentlich hatte eine Querschnittslähmung so ihre charmanten Nebeneffekte. Da saß man schließlich bereits, wenn anderenfalls einen etwas aus den Puschen gefegt hätte.
Rieke von Bechtelsberg, wie sie sich seit Neuestem wieder nannte, war Mutter eines kleinen Elias. Und Dr. med. Jana Eisele hatte eine süße Lina geboren, Foto anbei. Als er die Zeiträume nachrechnete, wurde er, um es milde zu formulieren, weiß im Gesicht und musste heftig schlucken. Zum Glück stand bei diesem Anlass ein Becher mit eiskaltem schwarzem Kaffee auf dem Tisch.
Den kalten Kaffee schüttete er in den Hals, und der nahm nur teilweise den natürlichen Weg. Er rann nicht die Kehle bzw. die Speiseröhre hinunter; nein, der Hustenreiz übernahm die Kontrolle. Tastatur und Bildschirme waren die Leidtragenden – neben ihm selbst.
Irgendwann hatte seine Isa, die im Homeoffice war – ein glücklicher Umstand –, Mitleid mit dem Hustenden und klopfte ihm kräftig auf den Rücken. Als er wieder durchatmete, hatte sie bereits das Schlimmste weggemacht. Der Bildschirm- schoner, der ein Passwort anforderte, verhinderte, dass seine liebe Frau bemerkte, was er recherchiert und herausgefunden hatte.
Frederico atmete doppelt durch. Der Hustenanfall ebbte ab, und die liebe Isa, die sich liebevoll um ihn kümmerte, blieb im Dunkeln darüber, was den Anfall ausgelöst hatte. Querschnittsgelähmte hatten die Tendenz zum Verschlucken. Er hatte das eher weniger erlebt bisher.
Eigentlich, seit er mit Isa diversen Sportaktivitäten nachging, davon auch durchaus vergnüglichen, war so etwas seit einigen Jahren nicht mehr aufgetreten. Daher machte sie sich Sorgen, sagte aber nichts. Er beschwichtigte. Sie gab sich offiziell damit zufrieden. Inoffiziell fühlte sie sich unwohl mit der Situation.
Sie setzte sich auf seinen Schoß und küsste ihn. Er erwiderte ihre Küsse. Die Kinder waren gerade unten bei Tante Henriette, wie sie sie nannten. Das musste ausgenutzt werden.
Brühlsdorf war ebenfalls froh, sich abzulenken. Er spielte gerade mit den zwei Kindern der beiden. Wie man sehen konnte, wäre er ein toller Vater.
Die beiden Liebenden, und das waren sie trotz alledem und vielleicht auch deswegen, gaben sich der Leibesübung hin, die nicht nur den Beteiligten großes Vergnügen bereitete, sondern zugleich ein Segen war. Denn sie baute Stress ab, und Spannungen verschwanden.
Isodora und Frederico hatten diesen Tanz trotz seiner Behinderung bis zur Perfektion entwickelt. Sie kannten ihre Körper und ihre Bedürfnisse bestens. Auch das sähe und hörte man, wäre man als Voyeur dabei gewesen.
* * *
Abends stahl sich Frederico aus dem Apartment. Er verschwand in seinem Turmzimmer, dem Cyberwarroom der Brühlsdorf- schen Unternehmungen. Seinen Freund hatte er zu sich geru- fen. Der hatte Hushpuppy dabei, die Dalmatinerdame, die nicht von seiner Seite wich, seit er aus Nebraska wieder zurück nach Tübingen gekommen war.
„Boss, ich habe dir dringend etwas zu berichten. … Nein, nicht am Telefon. … Bitte gleich. … Wir treffen uns da, wo wir uns immer treffen, wenn wir etwas Vertrauliches zu besprechen haben. … Nein, kein Tipp.“
Erst gegen zehn Uhr abends klopfte es, und Brühlsdorf glitt beinahe lautlos durch die Tür. Frederico bewunderte rückhaltlos, mit welcher Geschmeidigkeit dieser große Mann sich fortbewegte. Seine Verletzung war kaum mehr zu erkennen, wenn er federnd und leichtfüßig ging.
Seine Beweglichkeit hatte sich in der letzten Zeit stark verbessert. Brühlsdorf trainierte hart und hatte vor über vier Jahren begonnen, asiatische Kampf- und Verteidigungstechniken einzuüben. Er lernte schnell. Sein Trainer staunte. Er hatte seinen Körper unbekleidet gesehen. Kannte inzwischen die Krankengeschichte seines Schülers.
Er setzte um, was er sich nach dieser einen SMS von Chat Ho geschworen hatte: Er würde nicht unvorbereitet sein. Und er würde ihm einen säkularen Kampf liefern. Wenn es denn dazu kam, wovon er ahnungsvoll ausging.
Brühlsdorf hatte Chat Hos Worte und seinen Blick nach der Urteilsverkündung nie vergessen. Aus gutem Grund. Er hatte das Video extra transkribieren lassen. Chat Hos hasserfüllte Bemerkungen hatten es in sich gehabt.
Sie waren ein erheblicher Teil der Motivation, warum er sich diese Techniken aneignete. Er schien sie regelrecht aufzusaugen und hatte in wenigen Jahren Fähigkeiten erworben, die die meisten nicht einmal dann erreichten, wenn sie im Kindesalter mit den Übungen begannen. Auch in seinem Alter konnte man noch ein überdurchschnittlicher Kämpfer werden. Er war der Beweis.
Brühlsdorf tat alles, um nicht nur überdurchschnittlich zu werden, sondern in die weltweite Spitze aufzusteigen. Erste Kämpfe hatten bereits gezeigt, dass er seinem Ziel verdammt nahegekommen war.
Das hatte auch die Art verändert, wie er sich bewegte. Dem federnden Gang war etwas katzenhaft Geschmeidiges zuge- wachsen. Wenn er es wollte, hörte und sah man ihn erst, wenn er in Armlänge oder auch weniger neben oder hinter einem stand.
„Rico, mein Freund. Du wolltest mir etwas Wichtiges sagen, das niemand hören darf.“
Der Angesprochene erschrak.
„Sag mal, TJ, kannst du diese Schleicherei lassen? Weder will ich deinen Kopf abschneiden noch du den meinen, oder?“
Sein Besucher lachte.
„Und wenn doch?“
Der Rollstuhl schwang herum.
„Dann wäre ich längst hinüber.“
Brühlsdorf berührte ihn sanft an der Hand.
„Du weißt, dass ich dir nie etwas täte, oder?“
Frederico grinste.
„Wer weiß schon was über wen, TJ.“
„Apropos Wissen. Du wolltest doch das Deine teilen, nicht wahr?“
Frederico brummte nur.
„Du lenkst ab, Alter. Bevor ich damit anfange, setzt du dich aber, TJ.“
Das musste also hammerhart sein, was er nun erfahren würde, dachte Brühlsdorf und setzte sich ohne weiteren Widerstand. Frederico wartete, bis er sicher saß.
„Du wirst am Sonntag mindestens eines deiner beiden leiblichen Kinder kennenlernen. Der Kleine heißt Elias und ist beinahe vier Jahre alt.“
Brühlsdorf war vom Donner gerührt.
„Auch wenn du jetzt denkst, ich wäre ein gefühlloses Arschloch. Du hast noch ein weiteres Kind. Es ist ein Mädchen, und die Mutter ist Jana Eisele. Es ist fast auf den Tag genau so alt wie Elias. Ich habe nachgerechnet. Von deinem Abflug nach Nebraska bis zur Geburt liegen in beiden Fällen zwischen sieben und acht Monaten. Ich vermute mal, dass die beiden Damen in dieser Zeit keinen weiteren Mann hatten, mit dem se in de Kiste gehopst sind, um es eenmal flapsisch auszudrücken, nu?“
Brühlsdorf war absolut sprachlos. Er schaffte es nicht einmal, böse auf seinen Freund zu sein. Er war fertig mit den Nerven, um es drastisch zu formulieren.
Zuerst weigerte sich seine Ratio, das Gehörte zu akzeptieren. Die Emotio, sein Parasympathikus, wusste im Augenblick des Berichtes, dass es genauso war, wie sein Freund Frederico vermutete. Er schüttelte den Kopf.
Es passte zu gut dazu, dass beide Frauen, Rieke und Jana, damals plötzlich keinen Alkohol mehr tranken. Er erinnerte sich mit einer merkwürdigen Hellsichtigkeit auf einmal ganz genau daran. Ihm fielen sogar ihre Formulierungen ein, und er memo- rierte ihren jeweiligen Gesichtsausdruck bis ins kleinste Detail.
Das hätte ihn warnen müssen, dass damals etwas im Gange war. Er hätte wissen können und müssen, was zu der Zeit geschehen war.
Vor allem die Koinzidenz hätte ihn wachrütteln müssen. Sie hatte es nicht. Denn er wollte nicht sehen. Er wollte nicht hören. Er wollte nicht verstehen. Sein Selbstmitleid war übermächtig. Auch jetzt wieder.
Es wäre an der Zeit, erwachsen zu werden und endlich die zerstörerische Ich-Fixierung aufzulösen. Jetzt war das Wir gefragt. Das Ich musste zurückstehen lernen.
* * *
Als Schorsch seinen Grafen in den E-SUV verfrachtete, war der wieder einmal, wie Schwaben es formulierten, ‚übernächtigt‘. Auf Deutsch: Er war völlig übermüdet. Schlaf war in der vergangenen Nacht so gut wie ausgeblieben. Niemand konnte schlafen, wenn einem quasi der Boden unter den Füßen weg- gezogen worden war.
Brühlsdorf fragte sich immer wieder, womit er das verdient hatte. Er kam zum Ergebnis, dass er ganz tief unten nachvollziehen konnte, was die beiden Herzensdamen angetrieben hatte. Trotzdem war er zutiefst verletzt und verunsichert.
Die zweite Überraschung, die ihm bevorstand, traf Brühlsdorf unvorbereitet. Frederico hatte herausgefunden, dass Jana Eisele und Rieke von Bechtelsberg inzwischen mindestens gut bekannt waren. Es lag nahe, dass das eine oder andere abgestimmt stattgefunden hatte.
Frederico hatte damals entschieden, dass er diese Information vertraulich behandeln würde. So sehr er sich Brühlsdorf verpflichtet fühlte – das hätte er vor seinem Gewissen nicht vertreten können.
Als er – wenigstens die Fahrt über hatte er traumlos geschlafen – ziemlich zerknittert vor Rieke von Bechtelsbergs Tür stand, öffnete nicht nur eine Grazie. Es waren deren zwei. Außerdem drängelten sich zwei dunkelblonde Wuschelköpfe zwischen sie.
„Hallo, TJ“, klang es wie aus einem Mund.
„Papa, Papa!“, krähten Elias und Lina.
„Arm, Arm!“
Der war total verdattert und nahm die beiden auf, als wögen sie nichts.
Auf einmal schoss Lassie durch die Tür und tanzte um Brühlsdorf herum. Sie wedelte mit dem Schwanz. Plötzlich sprang aus dem E-SUV auch noch Hushpuppy. Sie hatte wie ihr Herrchen die ganze Fahrt verschlafen. Die beiden Hündinnen schlossen sofort Freundschaft, nachdem sie sich intensiv beschnuppert hatten.
Brühlsdorf ging auf die Knie und setzte die Kinder kurz ab. Lassie schleckte sein Gesicht ab und fiepte. Sie bellte nicht. Das tat sie so gut wie nie. Auch heute nicht. Er küsste sie auf den Kopf. Die Kinder knuddelten die Dalmatiner-Hündin und marschierten zusammen mit ihr ins Haus. Jana und Brühlsdorf mit Lassie folgten ihnen wortlos.
„TJ, wo ist Schorsch?“, verlangte die Gastgeberin zu wissen.
Begrüßung war gestern, hatte Brühlsdorf den Eindruck.
Er drehte sich herum und rief über die Schulter: „Er ist beim Wagen!“
Rieke ging schwungvoll und entschieden genau dorthin und winkte Schorsch zu sich. Er folgte ihr ins Haus. Ihre Mutter wusste, was zu tun war. Sie passten vom Alter her zusammen. Die beiden würden sich verstehen, das wusste sie im Voraus – und würde Recht behalten.
Als sie durch das Haus hindurch auf die großzügige Veranda gegangen waren und am eingedeckten Tisch Platz genommen hatten, meinte Brühlsdorf sarkastisch: „Wann wolltet ihr mir sagen, dass ich der Vater eurer Kinder bin?“
Ungerührt kam die Antwort: „Genau heute.“
Das klang wie eingeübt und war es auch.
„Ihr seid schon lange ein Herz und eine Seele, korrekt?“
Das saß.
Rieke von Bechtelsberg befand, dass sie diese Feststellung verdient hatten. Ihr Gegenüber, und er saß ihnen genau gegenüber, auf der Bank, Lassie neben sich mit ihrer Schnauze auf dem linken Oberschenkel. Sie hatte schon drei ihrer magischen Seufzer ausgestoßen, und das in nur zehn Minuten. Ihre Herrin war ein wenig eifersüchtig.
Rechts, und das schlug dem Fass die Krone ins Gesicht, saß Hushpuppy. Dieser Mann, dachte Rieke, musste etwas haben, das selbst Hundedamen schockverliebt machte. Unglaublich.
„Du wusstest von Elias und Lina?“
Der Konter kam aus dem Nichts und erschütterte ihn nicht.
Sein müdes Gesicht verzog sich zu einem amüsierten Lächeln. Es war seine gefährlichste Waffe gegenüber der Damenwelt. Weil es zwar amüsiert war, aber eben gerade noch nicht überheblich.
„Was hast du erwartet, Rieke? Dass ich es nicht irgendwann herausfinde?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich will ehrlich sein. Seit gestern Nacht weiß ich es. Nein, ich sehe es an deiner enttäuschten Miene, Isodora hat dich nicht verraten, Rieke. Aber du kennst meine Möglichkeiten.“
Die kannte sie. Sie wusste, was Brühlsdorf mit seinem Team herausfinden konnte, wenn er wollte. Und natürlich war ihr klar, dass Frederico, der Datenzauberer, mit seinen Tools auf einen Hinweis hin recherchiert hatte. Es war unwichtig, woher der Tipp kam.
Sie hatten sowieso beschlossen, ihn zu informieren. Jetzt war es heraus, und es war viel einfacher gewesen, als sie es befürchtet hatte. Dass er bereits Bescheid gewusst hatte, hatte es leichter gemacht, viel leichter. Sie sah ihn an.
„Es war nicht richtig, dass wir dir die Kinder so lang vorenthalten haben.“
Er trank einen Kaffee, statt das Gehörte zu kommentieren.
„Lassie, Hushpuppy“, sagte er, „ich muss mal aufstehen und auf die Toilette.“
Als er aufstehen wollte, protestierten beide mit einem leisen Fiepsen. Lassie ließ ihn gehen, Hushpuppy erhob sich und tickerte ihm hinterher.
Er zog sich seine Jacke aus. Beim Weg ins Haus kam er an Janas Platz vorbei. Sie sah, dass er sich verändert hatte. Er war schlanker, drahtiger. Seine Bewegungen waren fließender, geschmeidiger. Das leichte Hinken war fast völlig verschwun- den. Seine Augen lagen in schwarzen Augenhöhlen. Sein Gesicht war hagerer, härter, kantiger.
